Eine Seefahrt, die ist lustig ODER In Kiel kann man toll shoppen!

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Meine letzte Butterfahrt ist ziemlich lange her. 1975, schätze ich mal. Der Einzige, der mich heute noch daran erinnert, ist Kuddel, mein fast kaputt geliebter Plüschhund, ein Geschenk meines Opas auf just dieser Fahrt. Für Deutsche gibt es diese klassischen Butterfahrten dank EU ja kaum noch. Für Norweger schon!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute geht es also auf’s Schiff. Vitamin B hat uns eine Gratis-Fährfahrt mit der Color Line von Oslo nach Kiel (und zurück) beschafft – nach der „Harry Tur“ Richtung Schweden die zweite Möglichkeit für Norweger, billig im Ausland einzukaufen. Es dauert allerdings. Drei Tage müssen für den transostseealen Trip eingeplant werden. Aber es lohnt sich. Einfach mal 20 Stunden auf einem Schiff gemütlich über die Ostsee zu schippern ist erholsam.

Finde ich.

Martin kommt also eines Tages mit der überraschenden Nachricht nach Hause, wir könnten quasi für umsonst nach Kiel übersetzen. Umsonst ist immer gut und Einkaufen in Kiel sowieso, gut, wir hatten nur vier Stunden Aufenthalt, aber das Shoppingcenter liegt fast direkt am Kai, da reicht die Zeit.

„Warum umsonst?“, will ich wissen.

„Die Fähre ist wohl nicht gut gebucht an dem Wochenende“, vermutet Martin.

Dementsprechend überrascht sind wir am Tag der Abreise, als sich die Menschenmassen am Fährterminal drängeln. So viele Reisende hatte ich hier jedenfalls noch nie gesehen. Aber schnurz, wir haben ja ein Ticket, eine Kabine, mir doch egal, wer da noch alles mitfährt.

Wir holen an einem der kontaktarmen, aber wenig frequentierten Automaten unsere Bordkarte. Plötzlich taucht neben uns mit einem großen Hallo Pastor Friedbert Baur auf, und erst nach einem kurzen Geplauder blicken wir auf unsere Karten.

Kabine 5816.

5 Betten.

FÜNF???

Ich gerate in leichte Panik. Wenn es, neben Clowns, etwas gibt, das ich so richtig hasse, dann ist es mein Zimmer mit fremden Menschen zu teilen. Auch mit bekannten Menschen mag ich es nicht wirklich, mal abgesehen vom innersten Familienkreis.

Fünf Betten.

„Die werden doch nicht fremde Leute in eine Kabine stecken, oder?“

„Nein!“

„Nein, genau…absurde Vermutung.“

„Ja, total.“

Kopfnicken. Schweigen. Mehr Schweigen. Gedanken schwirren durch die Köpfe.

„Ich frag mal nach.“ – „Gute Idee!“

Nein, lächelt die blonde Informationsgeberin, den Grund dafür wisse sie leider auch nicht. Vielleicht seien wir ja einfach als Paar in eine 5er-Kabine gebucht, weil die Fähre ausgebucht ist.

Genau, gute Idee.

Ich blicke mich um im vollbesetzten Wartebereich. Niemand von denen will ich als Mitbewohner haben. Ich hasse fremde Leute in meinem Zimmer fast genauso sehr wie …

„Tröööööööööt!“

….Clowns.

Eine rote Plastiknase schiebt sich in mein Gesichtsfeld, direkt gefolgt von einem kleinen, stämmigen Mann in buntgestreiften Hosen.

Ich beginne zu schwitzen.

Martin beginnt zu grinsen.

Mein Verhältnis zu Clowns und Pantomimen ist, sagen wir, schwierig. Kurz gesagt: Ich will sie verprügeln. Keine Ahnung warum. Ist einfach so. Nonverbale Darstellungskünstler leben gefährlich in meiner Nähe. Die Wut steigt mir also langsam in den Kopf, während die rote Nase mit gestreiftem Anhang immer tiefer in meine Privatsphäre dringt. Ich höre Martin zischen: „Reiß dich zusammen!“, hoffe, dass er den Clown meint, aber nein, er guckt mich warnend an, also lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück und ergebe mich.

Ich bin Christin, Leiden ist mein Los.

Hätte ich mich mal nicht zurück gelehnt. In dem Moment, als sich meine Jacke über dem mittlerweile gut sichtbar gewölbten Babybauch öffnet, jauchzt die rote Nase entzückt auf. Sie imitiert den Begriff „schwanger“ und holt einen Ballon aus der Tasche. Hoffentlich führt verkrampftes Dauerlächeln nicht zu einer Frühgeburt, denke ich und wünsche mich weit weg. Nach einer gefühlten Ewigkeit präsentiert die Nase mir ihr Werk und ich muss grinsen. Mist, wollte ich gar nicht. Ich nehme den schwangeren Luftballonhund, die Nase verabschiedet sich und schickt mir einen leicht triumphierenden Blick zu, bevor sie sich auf die norwegischen Rentnerinnen vor mir stürzt. Martin sagt, er sei stolz auf mich. Ich bade in Gewaltfantasien.

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Aber nicht lange, denn kurz danach öffnen sich die Türen und die Massen drängen aufs Schiff. Gespannt erreichen wir die fünfte Etage und öffnen die Tür zu unserer Kabine. Oh, wow. Viel größer und….MEERBLICK!!!!!!!!!!!!!!!!!Ein Bullauge lässt Tageslicht in die Kabine und erlaubt einen wunderbaren Ausblick auf die Halbinsel Bygdøy und später das Meer. Wow!!! Ein kurzer Anruf an der Rezeption bestätigt , dass auch wirklich nur wir die 5 Betten benutzen werden und entspannt packen wir aus. Ich belege das Bett unterm Fenster. Perfekt!

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Vom Sonnendeck aus beobachten wir kurz nach 14 Uhr die Ausfahrt der Color Magic auf den Fjord und winken Oslo zum Abschied kurz zu. Die nächsten 20 Stunden verbringen wir auf dem Wasser. Womit? Bummeln, Kaffee trinken, Einkaufen, Essen, Show gucken. Ist die Fährfahrt auch umsonst, genug Geld kann man immer lassen auf dem Schiff. Da wir Fleisch und Fisch wieder auf den Speiseplan genommen haben für gewisse Zeit, lohnt sich das Grand Buffet für uns. Um 17 Uhr (richtig norwegisch) stürmen wir also hungrig den Speisesaal mit Meerblick und bleiben verblüfft vor dem Buffet stehen. Wahnsinn! Hufeisenförmig angeordnete Essensauslagen locken mit frischem Fisch, Salaten, warmen Gerichten, Brot und Käse. An der hinteren Wand zieht sich einmal durch den Raum das Dessert-Büffet. Bin ich im Himmel?????

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Wir essen und essen und essen und essen.

Und essen und essen und essen und essen.

39,90 Euro kostet das Schlaraffenland pro Person und das haben wir doppelt und dreifach weggegessen.

Wesentlicher schwerer und glücklicher verlassen wir nach knapp anderthalb Stunden das Restaurant in der sechsten Etage. Wir sind bereit für Entertainment! Die bordeigene Musicalcrew verspricht ab 19 Uhr einen Musicalabend. Wir bekommen in dem überfüllten Saal gerade noch zwei Plätze, bestellen Cocktails und warten ab.

Immerhin konnten sie singen, denke ich, als wir den Saal nach einer Stunde wieder verlassen. Mehr gibt es nicht zu sagen. Oh doch: Die Bühne war technisch echt super!

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Der Wellengang hat stark zugenommen und wir hangeln uns Richtung Kabine. Durchs Bullauge sind die weißen, wütenden Wellen gut zu erkennen. Ich schließe die Vorhänge und hoffe auf eine ruhige Nacht.

Am nächsten Morgen wecken uns unsere Handys mit der Mitteilung, wir wären in Deutschland. Super!!! Schnell die vier Stunden strategisch geplant im netten Cafe auf dem Promenadendeck: Jeder drei Läden, hinterher Mittag essen, um 13.30 zurück Richtung Schiff. Passt. Punkt 10 Uhr öffnen sich die Schranken und wir betreten deutschen Boden. Kiel begrüßt uns mit grauwolkiger Gleichgültigkeit. Schnell über die Brücke, am Bahnhof vorbei und ab in den Sophienhof, die norwegerfreundliche Einkaufspassage am Hafen. Wie immer in Deutschland jubele ich über die Preise. Ab in den Buchladen. Hallo Hugendubel, schön dich zu sehen! Ich stromere durch die Regale. Ganz entspannt. Ein bisschen blättern hier, neugierig sein da und schon ist – schwupps – eine Stunde herum. Weiter geht es. Ich will „nur mal so, ist ja noch viel zu lange hin“ nach Babykleidung gucken.  Eine Stunde später verlasse ich C&A mit einer kompletten Basiserstausstattung. Für das Geld hätte ich in Oslo vielleicht die Hälfte an süßen Stramplern, Jacken, Bodies etc. bekommen. Wenn überhaupt.

Ich bin happy.

Und hungrig.

Martin auch. Im asiatischen Schnellrestaurant gibt es Gemüsetofunudeln und nach knapp drei Stunden ist unser Einkaufstrip beendet und es geht zurück auf die Fähre. Die Rückreise ist entspannter als die Hinreise, da die Ostsee sich merklich beruhigt hat. Wir gammeln ein bisschen in der Kabine, freuen uns an deutschem Fernsehen und dem Blick aus dem Fenster. Später bummeln wir noch durch die Duty-free-Läden an Bord, auch das ein Muss! Ganz per Zufall beschließen wir gerade in dem Moment einen Spaziergang an Deck, als sich die Color Magic der gigantischen Storebeltbrücke nähert. Wir sehen sie zum ersten Mal und sind beeindruckt.

Oresundbrücke

Der Rest des Tages verläuft, bis auf eine kurze Begegnung mit dem Clown, stressfrei und wir fallen erschöpft in die Betten.

Da beginnt es zu hämmern.

Um 23.45 Uhr.

Direkt unter mir. Nein, neben mir. Da ich mir sicher bin, dass rechts neben mir nur noch die Ostsee wartet, bin ich irritiert.

Hämmer, hämmer.

„Irgendwelche Bauarbeiten…“, murmelt der Gatte müde.

„Um DIE Zeit?“ entgegne ich misstrauisch. Unter mir ist das Autodeck. Neben mir sind lauter Kabinen.

„Was, wenn sich wer eingesperrt hat und nicht raus kann?“

Ich sehe geschmuggelte Kinder, die verzweifelt an Rohre klopfen, um gerettet zu werden.

„Hier gibt es keine freiliegenden Rohre“, gähnt Martin, nun aber schon etwas wacher. Das Hämmern nimmt zu.

Wir gehen auf den Flur.

Hämmer, Hämmer.

Mittlerweile bin ich sicher, dass etwas passiert sein muss, die werden schließlich nicht mitten in der Nacht irgendwo umbauen, na also, sage ich doch, ist doch logisch, also ist es ein Notfall und wir müssen was tun, hinterher finden sie morgen nur noch die verdursteten Leichen verschleppter Jungfrauen und dann stehen wir da und was dann?

„Rezeption, was kann ich für Sie tun?“

„Guten Abend, Ulrike Niemann, Kabine 5816, hier ist so ein lautes Hämmern seit einiger Zeit und ich befürchte….“

„Ja, Frau Niemann, entschuldigen Sie das bitte, die Handwerker mussten dringend etwas reparieren im Restaurant auf Deck 6, die sollten aber gleich fertig sein.“

„Ah. – Dringende Bauarbeiten. Ja, natürlich, sowas hatte ich mir schon gedacht.“ (Ich höre Martin förmlich grinsen und ziehe eine Grimasse.) – „Gute Nacht.“

Na und? WÄREN es geschmuggelte, vietnamesische Zwangsarbeiter gewesen, hätten sie durch mich gerettet werden können. Jawohl. Bauarbeiten, pfff.

Viel zu schnell ist die Nacht vorbei und Norwegen begrüßt uns am nächsten Morgen mit strahlendem Sonnenschein. Vorbei an graubuckeligen Fjordinseln schippern wir durch den Oslofjord und begrüßen unsere momentane Heimat nach zwei Tagen Abwesenheit.

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Uns hat es Spaß gemacht und lieber früher als später würde ich wieder aufs Schiff springen.

Nur den Clown, den können sie in Kiel lassen.

Das war es für heute, meine lieben seefesten Leser, steigt doch auch auf die Fähre und besucht uns in Oslo. Es lohnt sich! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit viel Frühling, guter Laune und immer was zum Lachen! Bis nächsten Freitag,

ha det bra,

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Ulrike

Terminverschiebung wegen Frühlingsalarm!!!

Hallo meine lieben Leser,

SONNE!!!!!!!!! FRÜHLING!!!!!!!!!! Ich muss raus!!!! Und zwar nicht nur wegen Frühlingssonne sondern dringender wegen der unerträglichen Bauarbeiten im Haus. Da Ihr bestimmt auch das tolle Wetter genießt, anstatt drinnen zu sitzen und Blogs aus Norwegen zu lesen, verschieben wir unser wöchentliches Treffen auf nächste Woche!

Ich wünsche Euch tolle Tage, nehmt soviel Sonne mit wie Ihr könnt, ich habe ein volles Wochenende mit Kinderbibeltag, Proben, Frühlings-Mitmachbrunch und zwei klassischen Konzerten. Ab Montag wird es dann ruhiger 🙂

Ha det bra,

Ulrike

Sehnsucht nach Frankreich… ODER Ein Abend in der Brasserie Blanche in Oslo

Frankreich

Es gibt Tage, da habe ich Sehnsucht nach Frankreich. Eigentlich komisch, denn hätte ich in den vier Jahren, die wir dort gelebt haben, einen Blog geschrieben, wäre der höchstwahrscheinlich von der französischen Regierung als „Frankreich-feindlich“ abgestempelt und ich des Landes verwiesen worden. Trotzdem: Manchmal vermisse ich das verrückte, konservative, lebensbejahende, weinliebende, sich aufregende, positive und häufig streikende Land. Statt aber in den nächsten Flieger nach Paris zu springen, habe ich mich hier in Oslo auf frankophone Spurensuche begeben. Et voilá: Das ist gar nicht so schwierig!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier treffen! Sollten sich in diesen Text merkwürdige Schreibfehler oder abrupte Themenwechsel einschleichen, bitte ich dies zu entschuldigen: Ich kreische nebenbei und das lenkt ab. Warum? Och, nicht nur, dass die Hauptstraße vor unserer Tür seit Monaten mit Schlagbohrern und Baggern bearbeitet wird, nein, nun ist auch noch die fünfte Etage in unserem Haus zur Großbaustelle geworden und es hämmert und bohrt lustig seit einigen Tagen von 8 bis 17h. Abends beginnt dann der Nachbar von nebenan mit seinen privaten Renovierungsarbeiten. Noch schlappe 2 Monate soll der fünfte Stock bearbeitet werden und um zu verhindern, dass unser Baby als Bobby-die-Baumeisterin zur Welt kommt, werde ich wohl ab Montag einen neuen Arbeitsplatz finden müssen.

Oh, himmlische Ruhe! Ist etwa schon Wochenende? Mittagspause? Stromausfall? Moment, das muss ich kurz genießen….

Aber ich schweife ab.

Zurück nach Frankreich!

Oslo hat verschiedene Angebote für Frankreichfreunde: Das Institut Français de Norvège (das französische Goetheinstitut sozusagen), in dem neben Sprachkursen auch ein interessantes Kulturprogramm angeboten wird, die französische Buchhandlung Zazie, die französische Schule René Cassin oder die Alliance Française d’Oslo, eine private Organisation zur Verbreitung der französischen Kultur.

Und dann..dann gibt es noch französische Restaurants in Oslo.

Mais oui!!!!

Es folgt also: Ulrike auf französischer Spurensuche in der Brasserie Blanche am Bogstadveien.

Ich bin schon unzählige Male an dem weißen, etwas zurückgesetzten Gebäude kurz vor der Josefines gate vorbeigegangen. Es fällt nicht weiter auf und wer nicht weiß, dass…

Ahhh, es wird weiter gebohrt…….

Ommmmmm……

…wer also nicht weiß, dass sich hinter den weißgetünchten Hauswänden ein Restaurant verbirgt, kommt auch nicht darauf. Wir hatten es auf unserer Onlinesuche per Zufall entdeckt. Das Menü liest sich köstlich, ein Tisch ist schnell gebucht und gespannt machen wir uns einige Tage später auf den Weg. Bereits im Eingangsbereich fühlen wir uns am richtigen Platz: Die niedrigen Decken mit den weißen Holzbalken und die auch innen weiß getünchten Wände wirken gemütlich. Weinflaschen in langen Regalen säumen die Wände, die Bar ist mit den Deckeln französischer Weinkisten dekoriert und die Bedienung begrüßt uns mit einem strahlenden „Bonsoir!“

Schön wäre es gewesen, aber wie viele norwegische Lokale ist auch dieses in schwedischer Kellnerhand und, wie uns die sympathische Schwedin erklärt, sie spräche leider auch gar kein Französisch. Dem Ambiente tut es keinen Abbruch. Wir werden an einen der quadratischen, braunen Tische des Restaurants geführt. Im Ofen flackert ein Feuer, auf den Tischen verbreiten dicke, weiße Kerzen Gemütlichkeit. Es sind noch drei weitere Tische besetzt, der Rest füllt sich im Laufe des Abends. Mein Wasser wird samt Eiskühler serviert, der sich hübsch neben dem Tisch macht. Gut hydriert wenden wir uns der Karte zu: Escargots gratinés servi avec des champignons, Huitres naturelles, Salade de Chèvre chaud, Langoustines grillés, Soupe à l’onion lesen sich köstlich – obwohl ich weder Schnecken noch Ziegenkäse oder Austern essen möchte. Hm, was nehmen? Mein knurrender Magen fühlt sich nach einigen Minuten Lesens ausreichend provoziert und bittet um schnellstmögliche Entscheidung der Speisenfolge. Als wäre das so einfach:  Auch die Hauptgerichte lesen sich so köstlich. Schaffe ich Vorspeise UND Hauptgericht? „Aber OUI!“ gibt sich mein Magen siegessicher, „und Nachtisch auch!!!!“ Nach mehreren, rein vegetarischen Jahren esse ich seit ein paar Wochen gelegentlich wieder Fleisch und das erleichtert nun die Auswahl erheblich. Vegetarier oder Veganer haben in Oslo weiterhin einen schweren Stand. Ich entscheide mich also für eine Zwiebelsuppe als Vorspeise, gefolgt von Choucroute – Sauerkraut mit Pellkartoffeln und selbstgemachten Würsten. Mein Lieblingsgericht aus Frankreich, daher eine schwere Prüfung für die Küche, denn es muss so schmecken wie in Frankreich, sonst werde ich knatschig. Unbeeindruckt ob des schweren Drucks, der aufgrund meiner Bestellung auf ihnen lasten sollte, dringt just in diesem Moment entspanntes Gelächter aus der Küche.

Und nicht nur in der Küche geht es gutgelaunt daher: Es herrscht eine freundliche, warme Atmosphäre im ganzen Restaurant. Die kleinen Fenster des Restaurants, dessen Gebäude ursprünglich ein Pferdestall der Josefines gate 23 war, lassen die Außenwelt dort wo sie hingehört – nämlich außen. Drinnen herrscht gemütliche Vorfreude.

Bald schon kann das Fest beginnen: Meine Vorspeise ist da!

Eine grandiose Zwiebelsuppe. Der Käse ist perfekt überbacken, nicht zu stark, aber doch stark genug, dass eine braunknusprige Käseblase mitten auf der Haube entstanden ist, die sich mit leisem Knistern meinem Löffel ergibt. Unter der Haube finde ich eine dicke Scheibe Weißbrot, vollgesogen mit der süßlich-scharfen Suppe, die ich jetzt dampfend ins Licht hole. Glänzende Zwiebelringe schwimmen in der weißen Schüssel und ich versuche den perfekten Mundvoll – Zwiebelring, Brühe, Brot, Käse – auf meinem Löffel zu kreieren, was mir auch gelingt. Köstlich! Mein Magen und ich ergeben uns wohlig dem Rest der Suppe, die, das vermute ich stark, manchen als Hauptspeise reichen würde. Auf der anderen Seite des Tisches genießt Martin, ähnlich begeistert, seine gratinierten Muscheln. Wunderbar, einen Partner zu haben, der auch gerne isst. Viel und gerne und gut. Eigentlich hätten wir uns irgendwo beim Essen kennenlernen müssen….

Wir stoßen strahlend an und versichern unserer schwedischen Kellnerin, alles wäre „superb!“ Sie freut sich gleich mit. Ich finde, die besten Kellner (sagt man das überhaupt noch? Bedienung klingt komisch…) sind die, bei denen ich das Gefühl habe, als freuen sie sich über meinen guten Appetit. Die begeistert oder noch besser, anerkennend, nicken, wenn ich zwei Vorspeisen bestelle und nicht so reagieren wie etwa eine Bedienung in Frankreich vor einigen Jahren, die im Sushi-Restaurant entsetzt nachfragte, ob das etwa alles für mich sei, was ich da gerade bestellt hätte.

Nach angemessener Zeit kommt unser Hauptgang: Choucroute für mich und Truite de montaigne – Bergforelle – für Martin. Die Essen sehen so köstlich aus, dass wir für einen Moment davor sitzen und nur gucken. Das Auge isst eben mit. Meine Portion ist gewaltig und mehr als genug, Martins ist ausreichend, aber nur knapp. Das passt sich gut – ich gebe gerne ab. Dampfendes Sauerkraut mit Wacholderbeeren und Lorbeerblättern, daneben Pellkartoffeln und auf dem ganzen die selbstgemachten Würste, die ein wahres Gedicht sind. Milde gewürzt und wunderbar knackig. Ich fühle mich nach dem ersten Bissen zurück in Frankreich und nicke, das nagende Gewissen ob der Würste ignorierend, zu Edith Piafs Non, je regrette rien, das gerade leise im Raum ertönt. Außer der Musik hört man nicht viel an unserem Tisch, wir genießen in Ruhe. Ich darf ein Foto machen:

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Bald schweigt mein vorher ungeduldiger Magen stille und wir stellen uns die immer wiederkehrende Frage im Restaurant: Nachtisch – ja oder nein? In manchen Restaurants fällt die Entscheidung leicht: Dort gibt es nur Eis oder Pudding, beides esse ich nicht so gern, also, nein danke. HIER aber….ohjeohje…: Tarte tatin, Pain perdu, Fondant au chocolat, Creme brulée, Sorbet au citron – allein die Namen lassen mir (entschuldigt das Klischee) das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auf Französisch hören sich Apfelkuchen, Armer Ritter oder Schokoladenkuchen gleich noch viel köstlicher an.

Ich möchte sooo gerne.

Aber es geht nicht.

Nicht mal das klassische Pfefferminzplätzchen würde noch in mich hineinpassen.

„Hej“, protestiert mein Magen, „was ist denn mit dir los? Weichei!“

Ok, ok.

Bestellen wir also die petit four au chocolat, drei Schokoladenpralinen, die wir bei ihrer Ankunft an unserem Tisch gar nicht für den Nachtisch, sondern für die Schokolade, die den Espresso begleiten, halten. Ein bisschen Deko hätte hier Wunder gewirkt. Kaum im Mund angekommen, wächst die Begeisterung für die kleinen Kalorienbomber: Dunkle, aber trotzdem noch süße Schokolade umhüllte einen Kern aus Birnengelee – eine tolle Kombination, vor allem zum Espresso.

Ich bin selig.

Die aufmerksame, aber den ganzen Abend hindurch wunderbar unauffällige Kellnerin, bringt uns die Rechnung und wir schicken ein Kompliment in die Küche. Ich finde das eigentlich immer etwas peinlich, aber diesmal musste es sein.

Wir kommen wieder, soviel ist sicher!

Wer in Oslo auf einen gemütlichen oder romantischen Abend in französischer Atmosphäre Lust hat, sollte die Brasserie Blanche wirklich ausprobieren. Meine Sehnsucht nach Frankreich ist auf jeden Fall aufs Beste bedient worden.

Das war es schon wieder für heute meine lieben Leser! Die Handwerker haben das Feld geräumt, dafür hat nun mein Nachbar die Anlage auf volle Pulle gedreht. Langweilig wird es hier nie! Ich wünsche Euch ein störungsfreies und erholsames Wochenende, schwelgt mal wieder in Urlaubserinnerungen und holt Euch ein Stück Spanien, Italien, Frankreich oder auch Norwegen nach Hause – viel Spaß dabei. Martin und ich fahren am Sonntag mit der Fähre nach Kiel und freuen uns schon, am Montag ein paar Stücke Deutschland mit zurück zu nehmen.

Lasst es Euch gut gehen,

ha det bra,

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(nicht in der Brasserie Blanche, aber immerhin im Fransk Cafe der Nationalgalerie Oslo)

Ulrike

Eine „Butterfahrt“ nach Schweden ODER Harry, wir gehen auf Tur!

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Heaven is a place on earth, sang Belinda Carlisle 1987. Wo genau sich dieser himmlische Platz befand sang sie allerdings nicht, was irgendwie unfair ist: Erst rumposaunen, dass es den Platz gibt, aber keine Anfahrtsbeschreibung geben. Fast dreißig Jahre später, an einem Märzmorgen im Jahr 2014, habe ich ihn dann gefunden: Im Nordby Shoppingcenter in Schweden.

Ein Himmel voller Schokolade.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. Geht’s Euch gut? Ich war letztes Wochenende mit Catharina, Steffen und Martin auf Harry tur. Die Deutschen fahren nach Polen, um günstig einzukaufen, die Dänen nach Deutschland, die Schweden nach Dänemark und die Norweger…die fahren nach Schweden. (Ob, um den Kreis zu schließen, die Polen nach Norwegen zum Einkaufen kommen, weiß ich nicht, bezweifle es aber stark.) Auf alle Fälle fahren DIE Norweger nach Schweden, die in Tagestourentfernung zur Grenze leben. Wir aus Oslo zum Beispiel. Knapp anderthalb Stunden dauert die Fahrt. Ein lohnendes Geschäft: 13 Milliarden Norwegische Kronen (1,3 Milliarden Euro) gaben die Norweger letztes Jahr im Grenzhandel aus, fast 15% mehr als in 2012. 95% davon flossen nach Schweden, die verschwindenden Prozent landeten bei den finnischen Nachbarn oder in Putinland.

Gleichzeitig fehlen diese Milliarden natürlich der norwegischen Wirtschaft. Dementsprechend unbeliebt ist der Grenzhandel in offiziellen Kreisen und Pläne zur weiteren Einfuhrbegrenzung werden diskutiert. Auch der Spitzname „Harry tur“ stammt aus dieser ablehnenden Haltung: Als „harry“ beschrieb der damalige Landwirtschaftsminister Lars Sponheim die Einkaufstouren seiner Landsleute in einem Interview von 2002. Und das bedeutet im norwegischen Umgangston nichts Gutes: „Harry“ steht für vulgär, ungebildet und geschmacklos. Statt sich aber beschämt in eine Ecke zu trollen, nahmen viele Norweger den Begriff begeistert auf – und nun geht man eben auf „Harry tur“. Sowas nenne ich Eigentor.

Oft hatten uns Freunde schon von ihren Grenztouren erzählt, aber bisher hatten wir immer brav die norwegische Wirtschaft unterstützt. Dies sollte sich am 1. März 2014 ändern. Dass ich allerdings, ganz blasphemisch, den Himmel auf Erden finden würde, das hatte ich nicht erwartet. Überspringen wir die Anfahrt und starten wir gleich in dem Moment, als mich die Rolltreppe im Nordby Shoppingcenter in die erste Etage brachte.

Und da war es.

„Gottebiten“ – ein gigantischer Laden voller Süßigkeiten!

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Zögernd trete ich näher und komme mir vor wie Charlie, als er zum ersten Mal die Schokoladenfabrik von Willy Wonka betritt. Wände voller Schokoladentafeln, Regale mit Pralinenkästen, Plastikzylinder mit Jelly Beans und offene Marktstände mit Bonbons in buntem Knisterpapier strahlen mir entgegen. Ich bekomme einen Zuckerschock allein vom Gucken. Und dann…die Preise. Ich vermute, dass Ihr Leser im Ausland das nur schwer nachvollziehen könnt, aber ich lebe seit fast zwei Jahren in einem Land, wo Schokolade ein Luxusgut sein kann und ein Kitkat fast 2,- Euro kostet. Mit Tränen in den Augen stehe ich vor einem Tisch mit Twix im 10er-Pack. 39,90 schwedische Kronen kosten die Packung (Umrechnungskurs zu Norwegen 1:1). 39,90 Kronen!! Für ZEHN Twix!!!! Der schwedischen Regierung für das Nichteinführen der Zucker- und Fettsteuer dankend, packe ich den Einkaufskorb voll.  Norwegen hat die Steuer 1981 eingeführt, Grund waren zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, aber auch der Willen der Regierung, das Volk solle sich gesünder ernähren.

Das haben wir nun davon.

Gut, dass es Schweden gibt!

Weiter geht es durch die himmlischen Hallen, vorbei an allen großen Schokoladenmarken, von denen ich einige seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe, wie alte Freunde begrüße und in meinen Korb einlade. Wieviel Kilo darf ich zurück nach Norwegen mitnehmen? Waren im Wert von insgesamt 3000,- NOK, aber gab es nicht auch eine Beschränkung bei Süßwaren? Egal, ich packe mal weiter. Martin ist währenddessen bei den Getränken angekommen und steht ungläubig vor Paletten voller Dr. Pepper. Das flüssige Zuckermonster kostet uns in Oslo pro Dose knapp 25,- NOK – hier im Himmel, werden 24 Dosen für 99,- SEK/NOK angeboten.

Ich mache ein Foto.

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(Ich höre Euch förmlich kichern beim Lesen, aber wenn Ihr mein Verhalten im schwedischen Süßigkeitenmarkt schon lustig findet, solltet Ihr mich sehen, wenn ich in Deutschland das erste Mal in den Supermarkt gehe.)

Schweren Herzens und mit vollen Tüten verlassen wir den himmlischen Platz – allein für diesen Laden hat sich die ganze Fahrt schon gelohnt.

Das restliche Einkaufszentrum erweist sich als riesiger Konsumtempel mit Geschäften aller Art, einige davon interessant, weil wir sie in Oslo nicht haben. Die Preise von Kleidung, Schnickschnack, Sportartikeln oder CDs sind aber größtenteils wie in Norwegen und würden die Fahrt nicht lohnen. Allerdings ist es toll, mal wieder so viel AUSWAHL zu haben. Man bekommt alles in Oslo, klar, aber das Angebot ist begrenzt. Letzter Stop auf unserer ersten Harry tur ist der riesige Supermarkt im Nordby Shoppingcenter. Riesig! Wir wandern durch die Gänge und bleiben wie angewurzelt in der Käseabteilung stehen – wow, solche Auswahl!! Und erschwinglich. Martin findet ein paar Gänge weiter seine Lieblingsmarmelade, die in Oslo aus dem Sortiment genommen wurde, doch bald konzentrieren wir uns weniger auf das Warenangebot als auf die anderen Kunden.

Norweger müssen unglaublich große Gefrierschränke haben. Ach, was sage ich Schränke…RÄUME!! Ganze Schweine oder Kühe, so scheint es, werden in gefrorenem Zustand zur Kasse transportiert. Gewaltige Kotelettpakete, Rippenstücke, Keulen werden über Schultern geworfen und triumphierend ins eigene Heim gebracht. Norweger, lerne ich später, fahren zum Einkauf von drei Warengruppen nach Schweden: Alkohol, Tabak, Fleisch. Wir stehen mit unserem kleinen Körbchen hinter einer Familie, die eine tote Schweineherde in gefrorenem Zustand aufs Band legt und kommen uns komisch vor. Statt 3500,- NOK zahlen wir dafür aber auch nur 300,-.

Ich bin kaputt. Shoppen ist anstrengend und wir vier schaffen es gerade noch in ein asiatisches Lokal. Nach einem leckeren Essen geht es zurück nach Norwegen. Ob wir wohl in eine Grenzkontrolle kommen? Ein Schild an der Straße bietet mir an, mich per sms zu informieren, ob die Grenzkontrollen geöffnet seien oder wir einfach durchfahren können, aber ich widerstehe der Verlockung. Unser Plan, etwas zu schmuggeln, uns dann erwischen zu lassen, um damit diesen Blog für Euch noch interessanter zu machen, ist fehlgeschlagen und so fahren wir entspannt der Grenze entgegen.

Nichts passiert.

Ungehindert landen wir auf der norwegischen Seite und beißen voller Hingabe ins schwedische Twix. Zurück in Oslo kann ich nun in den folgenden Wochen schulterzuckend an den Luxusschokoladenpreisen vorbeigehen – die schwedische Schokolade wird bis zum Trip nach Kiel reichen.

Das war es für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß auf unserer Harry tur. Wer von Oslo aus gern mal zum Nordby Shoppingcenter fahren möchte, aber kein Auto hat: Verschiedene Busanbieter führen teilweise sehr günstige Touren durch. Täglich fährt die Linie 3 der TIMEekspressen, die Fahrt dauert knapp 2 Stunden und kostet hin- und zurück 440,- NOK.

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, genießt die Sonne in Deutschland (und schickt ein paar Strahlen nach Oslo) und freut Euch auf den Frühling. Meine Grüße gehen heute an meine Berliner Lieblingsstudentennichte mit einem großen Hipphipphurrah zum Geburtstag!

Ha det bra,

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(den Gesichtsausdruck bitte ich zu verzeihen…ich war einfach überwältigt.)

Ulrike