Das Kinderkunstmuseum in Oslo ODER Kunst von Kindern für Kinder (und Erwachsene)

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Der Weg führt die Treppe hinunter in einen kleinen Garderobenraum, wo wir unsere Sandalen gegen gemütliche Hausschuhe in allen Farben des Regenbogens tauschen. Vom kleinen Kassenraum aus geht es dann die Treppe hinauf – und eine neue Welt offenbart sich: Die Wände sind bedeckt mit farbenprächtigen Zeichnungen und Malereien, überall stehen bunte, kleine Statuen, verrückte Spielzeuge und über uns hängen exotische Pflanzenstränge. Plötzlich sieht man sich selbst inmitten dieser fantastischen Welt im Spiegel an der Wand. Und ist sprachlos.

Hallo, meine lieben Leser. Schön, dass wir uns hier wieder treffen! Das Kinderkunstmuseum scheint ein gut gehütetes Geheimnis in Oslo zu sein, denn hätte ich gewusst, was mich erwartet, wäre ich schon vor langer Zeit dort gewesen. Aber bis auf ein kleines Schild an der Straße hält sich das Museum bedeckt.

Von afrikanischen Trommelklängen werden wir in die zweite Etage gelockt. Eine Gruppe Kindergartenkinder lauscht einem grauhaarigen Mann und seinem Trommelspiel. Später unterhalten sie sich über Kunst. „Was ist das überhaupt: Kunst?“, will der Pädagoge wissen. „Bilder, die man anguckt und schön findet!“, antwortet ein Junge. Da hat er hier im Museum viel zu tun. Ich bin beeindruckt von den Kunstwerken, die Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren geschaffen haben. Schulen, Familien, Kunstakademien aus 185 Ländern haben zu der gewaltigen Sammlung des Museums beigetragen – nur ein Bruchteil ist ausgestellt.

@kidsinjazz.com

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Das Kinderkunstmuseum ist ein Pionier der Kunstwelt. Gegründet 1986 von der Stiftung für Kindergeschichte, Kinderkunst und Kinderkultur war es die Idee des russischen Filmmachers Rafael Goldin und seiner Frau, der Ärztin Alla Goldin. Heute leitet Tochter Angela das weltweit erste Museum von Kindern für Kinder (und Erwachsene).

Rafael Goldin formulierte es so: „Kinder sind ein eigenes Volk, sagt man. Aber ein Volk kann nicht ohne Kultur existieren. Kinder sind das Volk, denen die Zukunft gehört. Und dieses Volk muss ein Recht haben auf seine eigene Sprache, seine eigene Kultur, seine Kunst und seine Geschichte.“ Aus diesem Anspruch entwickelt das Museum seine Aufgaben: Es will die Kunst der Kinder der ganzen Welt bewahren, durch Projekte und Kunstangebote neue Kunst schaffen und die Kunst der Kinder vermitteln.

Ein großes, asiatisches Kindergesicht blickt den Betrachter an. Dicke, blaue Tränen kullern über die rosa Wangen. Mama, jeg vil hjem! (Mama, ich will nach Hause) heißt das Bild einer neunjährigen Chinesin. Ich muss schlucken und Miriam scheint es ähnlich zu gehen. Viele der ausgestellten Bilder sind so eindrucksvoll, dass es berührt. Hier sieht man die Welt wirklich aus den Augen der Kinder. Ihre Lebensumstände, ihre Ängste, ihre Freuden. Wie in der Ausstellung Daddy World Wide: Kinder auf der ganzen Welt wurden eingeladen in Bildern auszudrücken, was ein Vater ist oder sein sollte. Eine Kohlezeichnung zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, der ein Baby auf dem Arm hält. Eine riesenhafte Männerfigur steht zwischen einem Kind und einer Gruppe älterer Kinder. Ein Vater steht hinter seinem Sohn und hilft, die gewaltige Angelbeute ins Boot zu ziehen. Ein Mann mit knallrotem Kopf brüllt Richtung Betrachter.  Kinder haben hier das Recht, sich auszudrücken. In allen Aspekten ihres Lebens.

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Die Qualität der Bilder ist erstaunlich: Alle Kunstrichtungen sind vertreten und auch wenn die jungen Künstler nicht an das britische Wunderkind Keiron Williamson heranreichen – sie haben ihre eigene Bildersprache gefunden. Hier haben Kinder bestimmt, was ihnen am Herzen liegt und wie sie es ausdrücken wollen. Die Stilmittel sind in den Kulturen unterschiedlich, die Themen sind es nicht. Kinder von Alaska bis Australien nehmen Kunst als Mittel der Kommunikation. Ein verbindender, beruhigender Gedanke, der Hoffnung auf die Zukunft macht.

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@listen.no

Die letzte Treppe führt uns in eine Schatzkammer. In einem abgedunkelten Raum  mit hoher Decke finden sich Puppen, Spielzeuge, Masken aus der ganzen Welt. Jede Ecke, jede Fläche ist bedeckt mit den bunten Weltreisenden. Dicke Teppiche und bunte Sitzkissen laden zum Bleiben ein. Ein Glasprisma am geöffneten Fenster spiegelt das Sonnenlicht und schickt glitzernde Lichtflecke in den dunkleren Raum. Vogelzwitschern füllt die Luft. Ein Raum wie aus 1001 Nacht. Ich könnte ewig bleiben. Unten, im kleinen Museumsshop, entscheide ich mich für drei Postkarten, bevor wir die bunten Pantoffeln ausziehen und zurückkehren in unsere Welt.

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***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Kommt in das Kinderkunstmuseum in Froen (Lille Froens vei 4, T-bane Linie 1: Froen Station), wenn Ihr in Oslo seid – für mich ist es das spannendste und schönste Museum, das die Stadt zu bieten hat. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit Sonne, Lachen und dem kleinen bisschen Extra. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an die tapferen Camper am Heidesee in Soltau – ich wünsche Euch ganz viel Sonne für die letzten Tage! Abschließend noch ein Satz des Malers Henri Matisse:

„Du musst ein Kind bleiben, solange du lebst…“

Ha det bra,

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Ulrike

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Ich – eine Yogini??? ODER Lustig machen über Mamayoga – geht nicht!

@Klaus Puth "Yoga für Kühe"

@Klaus Puth „Yoga für Kühe“

Leise Musik tanzt durch den Raum. Am Boden, eingewickelt in Decken, liegen 15 Frauen mit geschlossenen Augen. Außer tiefen, regelmäßigen Atemzügen ist nichts von ihnen zu hören.

Entspannung pur.

Wie lange geht das wohl noch?

Meine Blase drückt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Entschuldigt bitte den fehlenden Blog vom letzten Freitag. Wir hatten Besuch, das Wetter war so schön und ich hatte den Blog zwar angefangen, aber dann…äh…JA!…also dann kamen norwegische Trolle auf Skiern aus Brunost angefahren, schwangen sich mit Seilen aus Lakritze vom Bürgersteig auf unseren Balkon und…ENTFÜHRTEN MICH!

Ja, so war das.

Ich bin also völlig unschuldig, entschuldige mich aber trotzdem. Ich hätte auch aus trolliger Gefangenschaft irgendwie einen Blog schreiben können. Oder morsen. Oder singen.

Mea culpa.

Um mal wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Meine Blase drückte. Das tut sie seit ein paar Monaten und ich verbringe einen Teil meiner Zeit in gekacheltem Ambiente. Einen großen Teil meiner Zeit, um genau zu sein: Viele meiner Bücher sind mittlerweile ins Badezimmer umgezogen und zurzeit plane ich den idealen Standort des neuen Fernsehers. Nun ist eine drückende Blase in den eigenen vier Wänden eine relativ problemlose Angelegenheit, außer Haus kann sie zu Komplikationen führen.

Beispielsweise im Yogakurs.

Um es vorweg zu sagen: Ich hatte große Pläne, mich über Yoga für Schwangere lustig zu machen. Ehrlich! Eigentlich hatte ich mich nur beim Kurs angemeldet, um einen urkomischen Blog darüber zu schreiben. Und dann? Was passiert dann? Als ich voller Vorurteile und mit dem festen Willen zur Häme das erste Mal im Gemeinschaftshaus Sagene auf meiner Schurwollenmatte liege und der Stimme meiner Lehrerin lausche?

Ich fühle mich einfach nur sauwohl.

Und muss dann ein bisschen heulen, als mir bewusst wird, dass hier nicht nur fünfzehn erwachsene Frauen im Raum sind. Sondern auch fünfzehn noch ungeborene, funkelnagelneue Menschen, die in dicken Kugelbäuchen auf ihren großen Auftritt warten.

Hormone sind eine merkwürdige Sache, jaja.

(Ich realisiere gerade, dass dieser Blog eventuell manche Leser  abschreckt. Vielleicht vor allem Männer? Hm. Ok, Deal: Ich verspreche am Ende etwas über das CL-Finale von morgen zu schreiben, ok? – So, damit habe ich auch gleich ein paar  genderspezifische Vorurteile bedient. I am on a roll today!)

Zurück zum Yogakurs:

Ich hoffe, dass der weitere Verlauf mehr Komik-Ernte bringen wird. Der sandfarbengestrichene Raum bietet schon mal nichts: Drei nackte Wände, nur an der vierten ein großes, rechteckiges Wandbild mit in sich geschwungenen blauen und weißen Linien. Darunter am Boden ein niedriger, quadratischer Teaktisch mit einer weißen Orchidee und einer weißen Kerze. Heller Holzboden. Zwei Fenster mit weißen Vorhängen. Hm. Okay. Ich schließe einfach die Augen und entspanne weiter. Nach zehn Minuten Ruhephase beginnen wir mit Dehnübungen. Vermute ich. Die schwedische Lehrerin spricht einen Mix aus Norwegisch und Schwedisch, bei dem ich manchmal an meine Verständnisgrenzen stoße. Um nicht jedes Mal nachfragen zu müssen, halte ich mich an meine beiden Nachbarinnen und was die gerade machen, sieht eindeutig nach Dehnen aus. Und fühlt sich auch so an. Hilfe. Bei der Fragestunde am Anfang hatte sich gezeigt, dass ich die einzige Neu-Yoganerin bin. Das hätte ich aber gar nicht erwähnen müssen, das sieht man jetzt deutlich. Selbst unser Baby scheint zu lachen: Der Kugelbauch wackelt, als ich auf allen Vieren versuche, meinen linken Fuß möglichst elegant neben meine linke Schulter zu stellen.

„Und jetzt lang ausatmen und entspannen.“

Ja, klar. Ich schwanke wie ein Schiff auf hoher See. Ganz entspannt natürlich. Ha! Mein Gegenüber verliert auch ein bisschen das Gleichgewicht, was bei ihrem Bauch aber kein Wunder ist. Der Kurs richtet sich an Schwangere im dritten Trimester, also ab (laut Yoga-Broschüre) Woche 29 bis zum Geburtstermin. Nun ist ein Bauch in der 29. Woche schon nicht von schlechten Eltern, aber sooooo gewaltig dann wohl doch nicht. Mein Megabauch-Gegenüber trägt entweder Zwillinge in sich oder hat WIRKLICH spät mit dem Kurs angefangen. Nicht, dass wir hier noch Geburtshilfe leisten müssen!

Ich habe noch nie so viele Bäuche auf einmal gesehen. Manche Frauen, so unsere Lehrerin, fänden es entsetzlich, mit anderen Schwangeren in einem Raum zu sein. Manche fänden es herrlich. Ich gehöre eindeutig zur zweiten Kategorie. Sisterhood of babybellies! Die Schule macht einen ganz guten Umsatz, überlege ich weiter, während sich mein rechtes Knie verbiegt. Fünfzehn Frauen hier im Kurs, jede hat 1700,- NOK bezahlt, das rechnet sich schon. In Norwegen gibt es, anders als in Deutschland,  keine kostenlosen Schwangerschaftskurse. Selbst die Krankenhäuser verlangen für die angebotenen Geburtsklassen Geld. Woran das liegt, habe ich noch nicht herausgefunden, denn eigentlich sind alle Leistungen während der Schwangerschaft kostenlos (und das heißt was in Norwegen!). Aber so ist es nun einmal und ich bin, trotz verbogenem Knie, froh, hier zu sein. Aua.

Fertig, nächste Übung. Erleichtert begebe ich mich in die „barnestilling“, die Kindstellung. Auf den Knien, den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Arme auf der Matte vor mir liegend, die Stirn am Boden. Angenehm. Die Stimme unserer Lehrerin schwingt durch den Raum, ruhig und melodisch. Ob Yogalehrer Sprechtraining erhalten? Gibt es lispelnde Yogalehrer? Oder eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit quiekigen Stimmen, die nie Yoga unterrichten dürfen? Und wo kommen diese irrwitzigen Gedanken her? Ruhe jetzt! Konzentration!

Ich lasse mich von der melodischen Stimme tragen und atme in den Bauch. Das Baby ist ganz ruhig.

Anscheinend bin ich einen Moment eingedöst (dass das in dieser Haltung möglich ist!), denn ich werde leicht an der Schulter berührt und die angenehme Stimme fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich blicke mich überrascht um – alle anderen Frauen befinden sich bereits in der Hundeposition und schwingen das Becken. Huch. Ab jetzt bin ich konzentrierter und folge den Übungen mit wachsender Begeisterung. Mein ganzer Körper fühlte sich warm an und wie durchgeknetet. Nach 45 Minuten Übungen wechseln wir in die abschließende Entspannungsphase, die uns auch gedanklich auf die Geburt vorbereiten soll:

„Ich vertraue meinem Körper. Mein Körper ist perfekt für eine Geburt gebaut. Ich stelle mich meiner Angst und wandele sie um in Kraft. Mein Körper ist schön. Ich werde eine gute Mutter sein.“

Ich weiß, ich weiß, es ist klingt zum Brüllen. Mario Barth könnte damit sein humorverirrtes Publikum begeistern und jede selbstironische (und nicht schwangere) Autorin darüber Witze reißen. Die Sache ist nur die: Die Sätze beruhigen mich. Tun mir gut. Und zwar ganz extrem. Mein Mantra ist „Ich vertraue meinem Körper.“ Der Satz wird mich durch die nächsten Monate und die Geburt bringen. IHR seid überrascht davon? Na, fragt mich mal. Ich, die ich über fast jedes Thema Witze machen kann. Beim Mamayoga? Nix – Schweigen. Aber später!! Dann, wenn die ganze Hormonbasis hoffentlich wieder auf „Normal“ läuft, dann werde ich darüber Witze reißen, die zum Schenkelklopfen sind. Ehrlich! Bereitet Euch schon mal vor, holt Zweithosen und Taschentücher. Es wird urkomisch!

Das Mantra ist vorbei, und wir liegen entspannt am Boden und atmen. Eine wunderbare Ruhe breitet sich aus.

Da meldet sich meine Blase.

Oh nein. Oh oh. Wahrscheinlich ist das Baby beim Beckenkreiseln verrutscht, denn ich befinde mich nicht in einer „Hm, ich glaube, ich sollte bald mal auf die Toilette gehen“-Stimmung, sondern in akutem Blasenalarm. „KLO! SOFORT!“ lautet mein einziger Gedanke.

Nee, Ulrike, komm, wenn du jetzt aufstehst, dann erschreckst du alle in ihrer Tiefenentspannung, wer weiß, der Megabauch von gegenüber bekommt vielleicht Wehen vor Schreck und dann …

Es hilft nichts. Wie ein angestochener Elefant wälze ich von meiner Matte, werfe der Lehrerin einen erklärenden Blick zu und jogge ins befreiende Kachelambiente.

Ich sage es ja, ich bin die einzige blutige Yoga-Anfängerin. Die anderen Frauen halten ihre Blase bestimmt mit einer Beckenboden-Übung unter Kontrolle!

Namaste.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, lacht viel, entspannt auch mal und lasst Euch immer wieder überraschen! Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an Martins Oma Anneliese, die morgen ihren 100. Geburtstag feiert (und hoffentlich nicht aus dem Fenster klettert und verschwindet…)! Hipp hipp hurra!! Und wie versprochen nun noch zum Schluss der Satz zum morgigen Finale der Champions League: Madrid wird Meister, soviel steht fest!

Ha det bra,

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(Auf der heimatlichen Yoga-Matte, aus ungewöhnlicher Perspektive…wo sind meine Füße????)

Ulrike

 

 

 

Ein erstes Treffen mit Edvard Munch ODER Ich hasse Alpträume!

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Irgendwie schlafe ich in den letzten Nächten schlecht. Entweder greifen mich schwarze Riesenhunde an, ich verlaufe mich auf schier endlosen Hotelfluren oder ich stehe mit knurrendem Magen vor einem leeren Kühlschrank. (Das ist gruuuselig!!!!) Nun könnte man das analysieren.

Ja, könnte man.

Man könnte sich aber auch so richtig darin suhlen…

..und das Munch-Museum und die alptraumhafte Welt von Norwegens berühmtestem Maler besuchen. Frei nach dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es sich um meinen ersten Besuch handelt. So sehr ich Kunst schätze – Edvard Munch reißt mich nicht vom Hocker. Na gut, aber heute Morgen war eh schon alles egal. (Ich bin mir nicht sicher, ob das der passende Ansporn war, aber ich hatte keinen anderen.)

Edvard Munch gehört neben Ibsen und Grieg zu den Fundamenten norwegischen Kulturstolzes. Anscheinend lässt sich gute Laune und ernstzunehmende Kultur schlecht vereinen, denn weder bei Munch noch bei Ibsen gibt es viel zu lachen. Das scheint aber niemanden groß zu stören und meine Meinung zählt irgendwie nicht. Das ist nicht richtig! Kunst darf unterhalten, jawohl, das muss sie sogar! Finde ich. Aber zurück zum Thema: Munch lebte von 1863 bis 1944, sein Leben und seine Kunst geprägt vom frühen Tod seiner Mutter und Schwester, psychischen Problemen und Alkoholmissbrauch. Nach abgebrochenem Ingenieurstudium widmete er sich mit aller Ernsthaftigkeit der Malerei. Seine Bilder wurden stark kritisiert, aufkommende gesundheitliche Probleme vereinfachten das Leben nicht. Doch Munch gibt nicht auf. Sein Ansehen stieg und heute wird er als Vorbereiter des Expressionismus angesehen und gefeiert.

Einen der wichtigsten Maler aller Zeiten zwei Jahre lang zu ignorieren ist frevelhaft und so steige ich um halb elf in die T-Bane Richtung Tøyen, im Osten der Stadt. Vor dem betongrauen Museum blühen die Kirschbäume. Wie schön.

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Eine kunstbegierige Gruppe sammelt sich an den noch verschlossenen Eingangstüren und eine besonders eifrige Besucherin tritt sogar probeweise mit dem Stiefel gegen die Glastür. Was an deren geschlossenem Zustand nichts ändert. Ich betrachte die rosafarbenen Kirschbäume und habe jetzt schon keine Lust auf depressive Malereien.

Ich bin aber auch schlecht drauf heute!

Nicht nur das Baby sondern auch ich gebe mir einen innerlichen Ruck. In solchen Fällen hilft nur ein Deal: Hinein mit offenem Geist und hinterher ein Stück Kuchen zur Belohnung.

Sofort geht’s mir besser.

Die norwegischen Sicherheitsbeamten haben ein Einsehen mit der kulturbegeisterten Menschenansammlung – und mir. Die Türen öffnen sich. Doch anstatt dass wir rein dürfen, tritt erst mal ein Sicherheitsbeamter heraus. Was folgt ist eine fünfminütige Einweisung in „Wie man sich in einem Museum verhält“, mit dem ausdrücklichen Verbot, den Schrei zu fotografieren und dem Hinweis, dass wir alle durch einen Sicherheitscheck müssten. Und das hat seine Vorgeschichte: Am 22. August 2004 stürmten nämlich drei bewaffnete Männer das Museum, bedrohten Wächter und Besucher, rissen die ungesicherten Gemälde Der Schrei und Madonna von der Wand und flohen. Das dieser Diebstahl etwas zu einfach ging, sahen dann auch die Verantwortlichen des Museums ein und installierten in den kommenden 12 Monaten ein Fort Knox –fähiges Sicherheitssystem.

Besser spät als nie.

Die gestohlenen Gemälde wurden übrigens zwei Jahre später von der norwegischen Polizei sichergestellt und drei Norweger im Alter von 34 bis 37 Jahren zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

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Dank dieser drei Ganoven entledige ich mich nun meines Gürtels und verstaue Jacke und Handtasche in hellen Plastikboxen, die in der Tiefe eines Röntgenapparats verschwinden. Ich werde als ungefährlich eingestuft und darf durch zwei schleusenartige Türen endlich ins Innere des Kulturtempels. Dort begebe ich mich auf die Suche nach einer Bank oder ähnlichen Sitzgelegenheit. Erstens will das mitgelieferte Programmheft studiert werden und außerdem sitze ich am Anfang gern in Museen und lasse den Raum auf mich wirken.

Nicht hier. Es gibt keine Sitzmöglichkeit.

Ich streife durch die Räume und entdecke ganz am Ende, kurz vor dem Ausgang, einen riesigen Schreibtisch mit Hockern und Büchern.

Ahhh, besser.

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Die momentane Ausstellung, durch die ich so ignorant gegangen bin, heißt Gjennom naturen (Durch die Natur) und ist eine Zusammenarbeit des Museums mit dem Naturgeschichtlichen Museum Oslo, das sich gleich gegenüber befindet. Munchs Gemälde, Zeichnungen und Lithografien werden in sechs Räumen verbunden mit Disziplinen wie Geologie, Paläontologie, Kosmologie, Zoologie und Botanik. Dafür hat das Naturwissenschaftliche Museum, das dieses Jahr 200jähriges Bestehen feiert, verschiedenste Exponate zur Verfügung gestellt. Ausgestopfte Hirsche und Bären, Fossilien und Zeichnungen treffen auf Munchs Kunst.

Ich sitze gemütlich an dem riesigen Schreibtisch und bin…

…gelangweilt.

ICH WEISS!!!!!

Shame on me!

Eine Kulturwissenschaftlerin mit Kunst als Nebenfach sitzt gelangweilt im Munch-Museum.

Es ist aber so: Ich kann Ausstellungen nicht leiden, die so kopf- und textlastig sind. So interessant ich das Konzept auch finde, es lockt mich nicht weg von meinem Hocker. Stattdessen male ich Blumen in mein Notizbuch und beobachte andere Besucher. Manche scheinen die Ausstellung auch nicht fesselnd zu finden und verlassen die Räume nach kurzer Zeit Richtung Ausgang. Ich blättere in einem der ausgelegten Bücher mit dem Titel The Art Instinct, in dem Kunst und Evolution in Verbindung gesetzt werden. Spannend. Doch plötzlich ertönt eine Stimme in meinem Kopf.

M.G. (mein Gewissen): „Halloooo!? Du bist hier wegen Edvard Munch!“

Ich: „Hmhj.“ (blätter, blätter)

M.G. schneidend freundlich: „Und – falls ich fragen darf – wie viele seiner Gemälde oder Zeichnungen hast du bereits gesehen?“

Ich (blicke mich im Raum um): „Das da. Blumenvase. Hübsch.“

M.G. gezwungen geduldig: „Meinst du nicht, dass du vielleicht noch ein paar mehr ansehen solltest?“

Ich (meinen Bauch vorschiebend): „Och, die sind ja alle so weit weg. Das ist ja anstrengend.“

M.G. kurz die Fassung verlierend: „Wirst du wohl dein Baby nicht als Ausrede nutzen??? – Jetzt reicht es mir aber. Hoch da vom Stuhl und hin zum Schrei. Und mit ein bisschen Begeisterung, wenn ich bitten darf! Zack, zack!“

Kurze Zeit später stehe ich in einem dunklen Raum und gucke auf Munchs berühmtestes Werk. Die Angst des modernen Menschen wollte der Norweger mit seinem Gemälde angeblich ausdrücken. Mich deprimiert das Motiv einfach nur, glücklicherweise habe ich neben mir einen vierjährigen Jungen, der auf seine ganze eigene Art mit dem Kunstgenuss umgeht: Nach kurzer Betrachtung lässt er sich, die gleiche Pose einnehmend, zu einem wändeerschütternden Schrei hinreißen, der mich entzückt und die Wächter in Alarm versetzt. Ich könnte das Kind knutschen. Beschwingt und gutgelaunt arbeite ich mich durch den Rest der Ausstellung und  lese beispielsweise über Munchs Verhältnis zum Leben:

„Up from my rotting corpse flowers will rise and blossom, and I will be in them – immortal.“

Ein kurzer Stop vor dem Gemälde Madonna, das Bildnis einer halbnackten Frau, das gerade einer Klasse von 13jährigen unter kunsthistorischem Aspekt erklärt wird.

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Die vernebelten Blicke der pubertierenden Jungen lassen mich am pädagogischen Effekt zweifeln. Schon wieder was zum Schmunzeln, prima. Ich umrunde die Herde ausgestopfter Tiere, betrachte die sommerlichen Bilder, die Munch in Ekely, seinem letzten Wohnort, gemalt hat …

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…– und bin am Ende der Ausstellung. Mein Gewissen gibt sich murrend geschlagen. 40 Minuten, immerhin.

Der Museumsshop bietet keine Verlockungen und um kurz nach 12 stehe ich wieder an den blühenden Kirschbäumen.

Das ist wohl, ohne Übertreibung, einer der schlimmsten Museumsberichte, der jemals verfasst worden ist. Vielleicht waren meine Alpträume gepaart mit Vorurteilen nicht die beste Kombination für einen erfolgreichen Museumsbesuch. Lasst Euch aber nicht von mir abhalten: Ist man in Oslo MUSS man das Munch-Museum einmal besucht haben. Ist einfach so. Ich kann nun einen Haken auf meiner To-do-Liste machen und das ist ja auch irgendwie befriedigend.

Hoffentlich träume ich dann heute Nacht nicht von der schreienden Munch-Figur!

Das würde ja gerade noch fehlen.

Das war es für heute, meine lieben kunstvollen Leser. Nächste Woche beginnt mein Mama-Yoga-Kurs und ich verspreche unterhaltsame Berichterstattung. Euch allen wünsche ich nur schöne Träume, dass Ihr Euch manchmal selber in den Hintern treten könnt und eine schöne Woche. Das Kubb-Spiel der letzten Woche geht an meine Freundin Barbro, die mit dem Foto eines plüschigen Picknicks den Preis mehr als verdient hat! Viel Spaß!!!

Ha det bra,

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(Herr Munch und ich… er scheint von mir so begeistert wie ich von ihm…)

Ulrike

 

 

Ein typisches Picknick im Park ODER Wer hat die Lumpen mitgebracht?

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Die Sonne hat es bis nach Oslo geschafft – Hipphipphurrah! Kaum sind die ersten Sonnenstrahlen zu entdecken, passiert, was jedes Jahr passiert: Das Outdoor-Leben beginnt. Biergärten und Restaurantterrassen, Wiesen und Strände, Balkone und Veranden sind plötzlich so bevölkert, als gäbe es kein Morgen mehr (und bei dem norwegischen Wetter ist das auch gar nicht verkehrt). Das rasige Grün im Frognerpark verschwand letzten Sonntag unter sonnenhungrigen Körpern.

Doch was braucht ein echter Norweger für den perfekten Sonntag im Park?

Hallo, meine lieben sonnigen Leser, der schönste Monat des Jahres hat begonnen und sehr vielversprechend dazu. Bis auf 22°C ist das Thermometer schon geklettert – Hochsommer in Oslo. Packt also Eure Fahrradtaschen oder ähnliches und macht Euch auf in den Park. Unbedingt dabei sein müssen:

1. Engangsgrill

Ökologisch fragwürdig, gehört dieser plastikfolienverpackte Einmalgrill doch zur Standardausrüstung für einen Nachmittag im Park. Die schwarze, rechteckige Packung ist in verschiedenen Größen in jedem Supermarkt für wenig Geld zu erstehen. Folie ab, Drahtgestell ausklappen, die Kohlen in der Aluschale anfeuern und los geht der Grillspaß. Effizient gepackt, passen 10 bis 12 kleine Würstchen auf die Grillfläche, an den beißenden Geruch der vorbehandelten Kohlen gewöhnt man sich auch irgendwann. Am nächsten Morgen begrüßen gebrauchte, ordentlich gestapelte Aluschalen die Parkbesucher neben den riesigen Mülleimern. Auf den Rasenflächen zeugen braune Brandstellen von Grillunfällen. Aber trotz aller Kritik: Ohne Engangsgrill fehlt was beim Picknick im Park.

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2. Pølser und Lumpen

Bei meinem ersten Picknick im Park in 2012 antwortete mir meine Freundin Daria auf die Frage, wo denn Christian, ihr Mann, sei: „Der holt noch schnell Lumpen.“ Ich war unglaublich irritiert, traute mich aber nicht zu fragen, wofür er Altkleider zum Grillen brauchte, und schwieg stille. Kurze Zeit später lernte ich, dass „Lumpen“ kleine Teigfladen sind, in die die Pølser (Würstchen) gewickelt werden. Dieses Outdoor-Nationalgericht, garniert mit getrockneten Zwiebeln und Ketchup, darf auf keinem Picknick fehlen. (Natürlich gibt es vegetarische Würstchen zu kaufen. Macht aber kaum jemand.) Das Essen ist nicht nur entsetzlich nährstoffarm, sondern auch äußerst günstig. Und das ist in Norwegen wirklich selten.

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3. Beste Freunde, Partner, Kommilitonen, Familie, Kindergartenbuddies, Schulfreunde…

Niemand geht allein zum Grillen in den Park. Logisch! Von der romantischen Zweierverbindung am Plastikgrill bis zum ausufernden Familienfest das zwei Wiesen einnimmt, ist im Park alles vertreten. Schnell lassen sich die Touristen (auf Bänken mit Fotoapparat) von den Einheimischen (auf Rasen mit Würstchen) unterscheiden. Was aber tun gerade oder auf längere Zeit sozial alleinstehende Menschen mit Wunsch nach Grillgut? Die „wedding crasher“-Methode könnte angewendet werden: Scheinbar selbstverständlich packt man die eigene Decke samt Engangsgrill an den äußeren Rand eines großen Familienpicknicks und robbt langsam näher. Strahlendes Winken über die Menge, familiäres Nicken nach allen Seiten und schon ist man mittendrin in der ahnunglosen Familiengruppe. Bei romantischen Zweiergrillgruppen ist von dieser Methode abzuraten.

4. Wikingerschach

Hier in Norwegen als „Kubb“ bekannt. An mir geht die Faszination für dieses Rasenspiel komplett vorbei, was vielleicht auch daran liegt, dass ich grottenschlecht im Stöckchenwerfen bin. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an und versuchen durch gezielte Würfe, stehende Holzstäbe in ca. fünf Meter Entfernung umzuwerfen. Sind alle Holzstäbe am Boden muss der große Holzblock in der Mitte erlegt werden. Die Mannschaft, die das als erster schafft, ist Sieger. Kein sonniger Sonntag ohne Wikingerschach im Park! Und besonders viel Spaß macht es, wenn man die vermaledeiten Stäbe auch trifft anstatt nach dem Wurf suchend im Gebüsch herumzukrabbeln.

5. Bikinioberteil, rote Latzhosen

Die Norweger sind, dessen bin ich mir mittlerweile sicher, von der Natur anders thermatisch ausgestattet als der Rest der Welt. Wo ich, bekanntermaßen kein Frösteköttel (für alle Nicht-Norddeutschen: Ein Mensch, der leicht friert), noch in Jacke und langer Hose rumlaufe, entblättern sich die Norweger bereits. Ein schüchterner Sonnenstrahl und weg mit Pullovern, langen Hosen, hin zur Freikörperkultur. Noch nie habe ich im April so viele freie Oberkörper gesehen wie im Frognerpark. Und: Nicht immer war das ein schöner Anblick! Norwegische Mädchen werfen sich in Bikinis und Shorts, während mir schon vom Hingucken Kälteschauer über den Rücken laufen. Von Mitte April bis zum 17. Mai heißt eine weitere Kleidungsalternative: Latzhose. Meistens rot, aber auch schwarz oder blau. Jawoll, die „Russ 2014“ sind da. Der diesjährige Abiturjahrgang zeigt sich noch harmlos, aber warten wir mal ab. Große Gruppe bevölkern den Park und erheben das Picknick zur neuen Lebensform.

6. Regensachen

Gut, das ist vielleicht meine pessimistische Ader, aber das Wetter in Oslo kann sich fix ändern und wer sitzt schon gern im Nassen? Andererseits habe ich im Wald auch schon Norweger beim Regenpicknick beobachtet, immer getreu dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Im Park habe ich bei Nieselwetter allerdings noch keine standhaften Picknicker zu Gesicht bekommen. Stadtschinken, Weicheier! Ich bin trotz allem lieber vorbereitet und trage eben Regenjacke und Regenhose mit zum Grillplatz. Auch Schirme tun hier ihren Dienst.

So ausgerüstet seid Ihr bestens gewappnet für ein typisches Frognerpark-Picknick an einem gewöhnlichen Tag. Für besondere Anlässe sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und von Picknickmöbeln, über Salate, Bowlen, Lichterketten, Kerzen, Silberbesteck, Champagnerkühlern bis hin zu Strandstühlen kann alles in den Park gebracht werden.

Nur typisch, das ist es dann eben nicht mehr!

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Das Schreiben über Picknicks hat mich hungrig gemacht, Euch auch? Okay, dann alles raus jetzt und losgepicknickt. Und macht Fotos und schickt sie mir! Das beste Picknickfoto gewinnt ein Wikingerschachspiel!! Jaha! Schickt also Eure Foto bis nächsten Freitag an ulrike_niemann@yahoo.no

Meine wöchentlichen Grüße gehen an meine Schwiegermutter Helga mit lieben Grüßen und weiterhin Gute Besserung!!!

Genießt den Mai in vollen Zügen,

Ha det,

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(Regenpicknick 2012 im Folkemuseum mit Catharina und Steffen)

 

Ulrike