Norwegische Nationalgerichte aus Ulrikes Küche ODER Warum ist der Kuchen blöd?

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Falsche Freunde sind verstörend. Das gilt für zwischenmenschliche Beziehungen ebenso wie für interlinguale, wo sie neudeutsch false friends genannt werden. Ein schönes Beispiel: Gift. Englisch sprechende Empfänger reagieren auf ein gift mit Freude, Deutschsprechende hingegen mit ihrem letzten Atemzug.

In Norwegen ist mir ein besonders schöner „falscher Freund“ begegnet.

Der bløtkake.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Erneut in meiner Küche, wo ich heute DEN norwegischen Feiertagskuchen zaubern werde. Letztes Mal haben wir gemeinsam das Lied Hurrah for deg gelernt und zusammen mit dem heutigen Blog seid Ihr in der Lage, einen echten norwegischen Geburtstag zu feiern. Toll, oder??

Bløtkake also.

„Blööööödkuchen????“ war meine erste Reaktion, begleitet von hysterischem Gelächter.

Ja, ich bin leicht zu unterhalten.

Aber wer leicht zu unterhalten ist, der hat immer was zu lachen!

Wollt Ihr meinen Lieblingswitz lesen???

Ja???

Wie, nee???

Klar!

Also los:

Treffen sich ein Rührei und ein Spiegelei. Sagt das Rührei: „Ich bin heute ganz durcheinander…“

Pruuuuuust!!!

Aber zurück zum bløt

*kicher*

…zurück zum…

*kicher*

…zum bløtka

*pruuuust*

Nun reiß dich zusammen, Niemann!

Also zurück zum…bløtkake.

Der darf bei keiner norwegischen Feier fehlen, versüßt Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachten und natürlich den Nationalfeiertag. Und das allerbeste an ihm ist die einfache Zubereitung. Ein unschätzbarer Vorteil für Backdilettanten wie mich. Nun gibt es unzählige Rezepte für bløtkake, der natürlich nicht blöd sondern bløt (weich) ist. Die Zutaten sind simpel: Kuchenboden, Sahne, Früchte.

„Das kann ich auch!“, dachte ich mir und beschließe, für Martins Geburtstag aktiv zu werden. Mein Rezept muss diesmal aus dem Internet kommen – keine Angst, ich werde meinem Lieblingskochbuch Norsk mat og kultur nicht untreu. Ich habe einfach keine Zeit, in die Bibliothek zu gehen. Also ab ins Netz…..

Meine Güte, gibt es viele Rezepte! Wonach soll ich mich entscheiden, ich will einfach, schnell und möglichst unkompliziert einen tollen Kuchen herstellen. Vielleicht dieses hier mit dem hübschen Bild??? Und das hier von dem lustigen Blog der Amerikanerin, die in Nordnorwegen wohnt? Oder das hier von den Sons of Norway in den USA?

Oho, ich bemerke Unterschiede. Backt die Kuchenenthusiastin den dreiteiligen Biskuitboden selber, schlägt mir der anscheinend ähnlich backgehemmte Blog einer Australierin vor, den Boden im Supermarkt zu kaufen.

DAS ist mein Rezept!!!

Die Bilder sind auch ganz hübsch, damit ist der Fall klar, ich kopiere sofort die Einkaufsliste und stürme mit Gesa in den Supermarkt gegenüber und kaufe:

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1 (bereits vorgeschnittenen, Super!) dreiteiligen Biskuitboden

300ml laktosefreie Sahne (die bleibt länger stabil)

1 Beutel gefrorene Himbeeren

Puddingcreme

etwas Orangensaft oder Milch

Früchte nach Wahl (hier: Mango und frische Himbeeren)

***

Ich liebe norwegische Rezepte. Ganz oft sind sie simpel, ohne viel Firlefanz und was hinterher dabei rauskommt, ist lecker.

Hoffentlich auch diesmal.

Begeistert und mit ungewohnter Backlust starte ich am nächsten Morgen. Ja, okay, okay, ich BACKE natürlich nicht wirklich, aber Kuchen backen hört sich besser an als Kuchen zusammenkleistern oder Kuchen bauen. Eigentlich hatte ich geplant, den Kuchen am Abend vorher zu bac….zu MACHEN…aber es war spät geworden und ich müde und Gesa wollte nicht schlafen und irgendwie…kam es dazu, dass ich nun um 7 Uhr morgens im Pyjama in der Küche stehe und Sahne schlage.

Habt Ihr schon mal Kuchen gebacken (jaja!) vor dem Frühstück? Sehr ungewöhnlich, aber auch lustig. Mein Geburtstagsmann schläft noch selig neben seiner ebenfalls schlummernden Tochter, während ich gut gelaunt Sahne durch die Küche spritzte. Was für ein Tagesanfang! Die Sahne ist geschlagen und ich widme mich erneut dem unerhört komplizierten Rezept.

Ja, ein Scherz. Seien wir ehrlich: Kauft man den Boden fertig im Supermarkt, macht sich der restliche Kuchen fast von selbst:

– 300ml Sahne schlagen

– 2/3 zur Seite stellen für später

– die Hälfte der aufgetauten Himbeeren in die restliche Sahne (das wären dann..naaa???? 1/3! Genau! BRAVO!!!) mixen

– Puddingcreme unter die Sahne heben (Menge hängt von Eurem Geschmack ab)

– einen Kuchenboden auf einen großen Kuchenteller legen und mit Orangensaft oder Milch beträufeln

– Himbeer-Puddingcreme-Sahne auf dem Boden verstreichen, aufgetaute Himbeeren darauf verteilen

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– zweiten Kuchenboden aufsetzen, mit Saft/Milch beträufeln

– Himbeer-Puddingcreme-Sahne auch auf diesem Boden verstreichen, aufgetaute Himbeeren darauf verteilen

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– dritten Kuchenboden aufsetzen, mit Saft/Milch beträufeln

(es lebe „Copy and Paste“)

– dann den kompletten Kuchen mit der restlichen Sahne bedecken.

Das ganze Gebilde in den Kühlschrank balancieren und für mindestens sechs Stunden kühlen. Kurz vor dem Servieren mit Obst dekorieren. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sehr beliebt ist hier in Norwegen natürlich eine Dekoration aus Erdbeeren und Blaubeeren, die zusammen mit der Sahne die Nationalfarben darstellt. Blaubeeren hatte ich nicht gekauft, und außerdem feiern wir ja nicht Norwegen sondern Martin und der mag besonders gern Mango und deswegen sah der Kuchen am Ende so aus:

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…und so von innen…und zu später Stunde…

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Der mit Saft getränkte und von Sahne und Himbeeren durchgeweichte Kuchenboden schmeckt köstlich und ich kann verstehen, warum Norweger den bløtkake so sehr lieben. Und ich schließe mich der Begeisterung an: Aus dem falschen Freund bløtkake und mir sind bereits nach dem ersten Bissen ECHTE Freunde geworden!

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, der Besuch in meiner Küche hat Euch gefallen und freue mich auf Fotos von Euren bløtkaker – das wäre super! Ich stelle die Fotos dann auch in den Blog! Vielleicht gibt es Leser, die eine deutsche Dekoration hinbekommen??

Euch allen wünsche ich auf jeden Fall ein schönes Herbstwochenende und eine erfolgreiche und schöne erste Novemberwoche. Und schon wieder ist es soweit, das Gutelaunebild gegen den tristen November herauszuholen. Sagt auch „Ja“ zum November, vergesst nicht zu lachen und genießt Kuchen und Sahne, so oft Ihr könnt!

Ha det bra,

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Ulrike

 

 

 

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Das Kongodorf im Frognerpark ODER In 100 Jahren ist alles vergessen?

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Es herrscht das Zeitalter der Selbstdarstellung: Dank Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram können wir uns und unser Leben heute vor einem weltweiten Publikum ausbreiten. Und tun das auch. Millionenfach. Mit möglichst originellen Fotos, emotionalen, provozierenden oder alltäglich langweiligen Aussagen wetteifern wir um die kostbarste Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit. Werden wir dazu gezwungen? Im Gegenteil: Der Einblick in unser Privatleben erfolgt ganz freiwillig. Bereits 1914 kam es in Oslo zu einem Akt der Selbstdarstellung. Nur freiwillig, freiwillig war der wohl kaum: Achtzig schwarze Menschen waren Insassen eines im Frognerpark aufgebauten „menschlichen Zoos“. Jetzt, 100 Jahre später, wurde das „Kongodorf“ rekonstruiert.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Als im März diesen Jahres mit dem Bau großer Strohhütten im Frognerpark begonnen wurde, dachte ich zu allererst an kommende Dreharbeiten, dann an lustige Unterhaltung für die Festlichkeiten zum 17. Mai und wurde am Ende eines Besseren belehrt: Kunst mit politischem Hintergrund entstand vor meinen Augen. Worum ging es?

Blicken wir hundert Jahre zurück.

Oslo, 1914: Die Stadt will mit großem Pomp und Trara das 100jährige Bestehen des norwegischen Grundgesetzes feiern. Benno Singer, erfahren mit Dingen dieser Art, wird beauftragt, im Frognerpark einen Jahrmarkt mit Attraktionen aller Art zu organisieren. Neben einer Achterbahn und einem Pantomimentheater plant der geschäftstüchtige Impresario auch ein „lebendiges Dorf“ im Park. Seit der Internationalen Ausstellung in Brüssel 1897 gehörten Nachbauten afrikanischer Dörfer zu den festen, und sehr populären, Bestandteilen einer derartigen Veranstaltung. Der Kolonialismus und die europäische Dominanz von Ländern wie Belgien, Frankreich oder England schürten ein voyeuristisches Interesse am afrikanischen Kontinent. Der Originalplan, in Oslo ein „lebendiges Dorf“ mit Sami (der norwegischen Urbevölkerung) aufzubauen, wurde vom Leitungskomitee abgelehnt und so griff Singer zurück auf das schon bekannte und bewährte Programm: Das „Kongodorf“ entstand.

Vom 15. Mai bis 11. Oktober 1914, während der Rest Europas kopfüber in den Terror des 1. Weltkriegs fiel, bestaunten fast 1,4 Millionen Besucher in Oslo den sogenannten menschlichen Zoo. Achtzig schwarze Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, präsentierten sich in einheimischen Trachten zwischen „typischen“ Haushaltsgegenständen, Schmuck, Waffen und religiösen Requisiten, um ein Bild vom „echten“ Leben in Afrika darzustellen. Es wird vermutet, dass die Senegalesen Mitglieder einer durch Europa tingelnden Schauspielertruppe waren, genau bekannt ist ihre Herkunft aber nicht. Die Norweger amüsierten sich auf jeden Fall größtenteils prächtig und die Zeitung Aftenposten titelte: „So lustig!“

Karikatur von 1914

@oslobilder.no

@oslobilder.no

Zurück in die Gegenwart….

Oslo, 2014: „In 100 Jahren ist alles vergessen!“, rief der norwegische Dichter Knut Hamsun legendär dem Gericht entgegen, das ihn wegen Landesverrats verurteilen wollte. Aber ist in 100 Jahren alles vergessen? Der aus Somalia geflüchtete und in Norwegen lebende Künstler Mohamed Ali Fadlabi und der schwedische Künstler Lars Cuzner sagen: Nein. Und bewerben sich mit einem Kunstprojekt für das 200jährige Jubiläum des norwegischen Grundgesetzes. Ihre Idee: Das „Kongodorf“ im Frognerpark zu rekonstruieren. Ihre Motivation: An den norwegischen Rassismus von 1914 zu erinnern und zu fragen, was sich verändert hat. Ob sich etwas verändert hat. Oder ob einige der Ansichten von damals noch heute aktuell sind.

Unter der Schirmherrschaft von KORO (Kunst i offentlige rom) entsteht das Projekt European Attraction Limited. Über 1 Million norwegische Kronen werden den Künstlern zur Realisierung zur Verfügung gestellt. Während die Bauarbeiten im Frognerpark beginnen, beginnt auch die Diskussion in den Medien. Kontrovers, versteht sich. Während die eine Seite ein unangenehmes Detail norwegischer Geschichte vergessen will, fordert die andere die Konfrontation damit.  Die äthiopische Schauspielerin und Aktivistin Hannah Wozene Kvam erklärt gegenüber Aftenposten: „Norwegen will es vielleicht nicht vergessen, der Kongo aber ganz bestimmt!“ Beim sozialen Netzwerk Twitter empören sich die Menschen unter #someonetellnorway darüber, dass in Norwegen ein menschlicher Zoo etabliert werden soll. Erst nach einigen Tagen kommt es zur Klarstellung, dass ein Dorf mit Strohhütten zwar aufgebaut werden wird, dort aber keine Menschen leben werden.

Obwohl, so ganz von der Hand zu weisen ist die Unterstellung nicht. Gerüchten zufolge war der Plan der beiden Künstler schon, die Hütten bewohnen zu lassen. Die Ablehnung dieser Idee durch das Jubiläumskomitee erfolgte wohl aber auf dem Fuß.

Wie präsentiert sich das Kunstwerk also?

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Auf einer Wiese im Frognerpark, genau gegenüber des Kanvas-Kindergartens: Ein gewaltiges, rotes Tor mit der Überschrift „Kongolandsbyen“ (Kongodorf),  vor dem die Flaggen Norwegens und Belgiens wehen, führt die Besucher zu zehn leer stehenden Strohhütten. Vorne am Tor eine Erklärung des Projekts und das Gedicht von Knut Hamsun In 100 Jahren ist alles vergessen. (Dass ausgerechnet ein norwegischer Dichter, der Hitler und den Bau von Konzentrationslagern verteidigte, hier auftaucht, lässt mich immer noch grübeln.) Während zwei Kinder in der langgezogenen Hütte Fangen spielen, wandere ich von Hütte zu Hütte und bin ratlos.

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Beklommen soll mich der Besuch werden lassen und mir den immer noch existierenden Rassismus in Norwegen deutlich machen, las ich in VG (nur Norwegisch). Aber ist und war Norwegen wirklich rassistischer als andere europäische Länder? Die Frage bedeutet ja nicht, dass das Thema nicht hochaktuell ist und behandelt werden sollte. Sich aber ein „Kongodorf“ als Sinnbild für norwegischen Rassismus zu nehmen, das so oder in abgewandelter Form in vielen europäischen Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden war, ist das nicht übertrieben? Dagbladet (nur Norwegisch) schlug vor, dass sich die Besucher gegenseitig betrachten sollen, da wir heutzutage alle Teilnehmer in einem „lebendigen Dorf“ sind.

Vielleicht gibt es Besucher, die das eine oder andere empfinden beim Gang durch das öffentliche Kunstwerk. Mir fehlt ein klares Konzept und die konsequente Durchführung: Warum nicht Freiwillige in die Hütten setzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart präsentieren? Die die Fragen um Rassismus und Voyeurismus von 1914 mit denen von 2014 verbinden? DAS würde mich nachdenklich machen. Leere Hütten? Nee, leere Hütten bringen es nicht.

***

So, meine lieben Leser, das war es schon für heute. Rassismus in jeder Art darf keinen Platz in unserer Welt haben. Angst zu haben vor dem, der fremd ist; sich überlegen zu fühlen und dabei in Wahrheit unterlegen zu sein; sich mit rassistischen Kommentaren in einem der Selbstdarstellungsmedien als besonders witzig zu präsentieren…das alles ist armselig und dumm. Wünschen wir uns also weniger dumme Menschen in der Welt und ein besseres Miteinander! Und nicht nur wünschen: Arbeiten wir daran!

Ha det bra,

...ein weiterer Akt der Selbstdarstellung...

…ein weiterer Akt der Selbstdarstellung…

Ulrike

P.S. Wer sich selber ein Bild machen will: Noch bis zum 31. August kann „Kongolandsbyen“ im Frognerpark besichtig werden.