Are you serious, Damien Hirst? ODER Mein Besuch im Astrup Feanley Museum in Oslo

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Manchmal wünsche ich mir, meinen Charakter wie einen alten Mantel ausziehen zu können. Oder unnütze Teile kurz deaktivieren zu können. Aber trotz aller technischen Fortschritte ist das leider (noch?) nicht möglich.  Also stand ich gestern, charaktertreu, im Astrup Fearnley Museum in Oslo vor einer Kuh in Formaldehyd und war geschockt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Diesmal meine ich das mit noch mehr Enthusiasmus als gewöhnlich: Ich habe die ganze Woche Texte über Provinzen in Kanada geschrieben und heute zum ersten Mal das Gefühl, ein bisschen loslassen zu können. Einfach mal drauflos zu rabbeln und nicht auf jede Formulierung achten zu müssen. Schön ist das! Da kann ich einfach mal so kuckiduckiloresdoressabbelbrabbeltitt schreiben und niemanden stört es!

Ach doch, wirklich?

Dann lies die Kolumne im STERN, da passiert sowas nicht!

Ehrlich mal…manche Leute…*grins*

Ich war also im Museum, meine lieben in 7er-Gruppen-Wochenend-bereiten-Leser. Im Neubau des Astrup Fearnley Museum in Tjuvholmen in Oslo, einem architektonisch wunderschönen Gebäude mit riesigen Glasfronten direkt am Oslofjord.

Af1

@UlrikeNiemann

Innen ist alles hell und hoch und das Verhältnis zwischen Raum und Ausstellungsstücken ist in wunderbarer Balance.

Af2

@UlrikeNiemann

Da stand ich also inmitten einer Gruppe lustiger Norwegerinnen und nahm die ersten Eindrücke auf. Ich bin ein Fan moderner Kunst, aber auch völlig ahnungslos. Ich lasse mich gern von verrückten Ideen unterhalten, von ungewöhnlichen Techniken überraschen und je witziger ein Kunstwerk ist, umso angetaner bin ich. Mein Blick fiel auf eine riesige Leinwand, die mit pastellfarbenen Streifen und Klecksen überzogen war.

@UlrikeNiemann

@UlrikeNiemann

Tolle Farben, dachte ich und trat näher ran. „Don’t judge a book by its cover“ lautete der Titel (grob übersetzt: Lass dich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken) und gerade als ich das frühlingshafte Kunstwerk betrachtete und mich fragte, was wohl mit diesem Titel gemeint ist, ertönte neben mir: „Tyggegummi!“ Ich blickte zum Boden, um nicht auch aus Versehen in das Kaugummi zu treten, von dem meine Nachbarin angewidert berichtete. Sie blickte allerdings nicht nach unten. Sie starrte das frühlingsfarbene Kunstwerk vor mir an. „Don’t judge a book….“ Das fröhliche Frühlingskunstwerk verwandelte sich in eine bakterienüberladene Gesundheitsgefährdung als mir klar wurde, dass die rosa, gelb und lindgrünen Farbspritzer in Wahrheit durchgekautes Kaugummi waren. Wie lange, um Himmels Willen, hat hier jemand Kaugummi gekaut? Hatte der Künstler, Dan Colen, dafür Assistenten? Ich war sprachlos und trat erst mal einen Schritt zurück.

Und musste grinsen.

So mag ich das.

Das nächste Bild von Dan Colen, „Miracle on 34th street“, betrachtete ich also schon mit einem gewissen spaßigen Misstrauen. Eine große Leinwand mit braun-oliv-schwarz-weißen Farbspritzern.

Miracle on 34th Street by Dan Colen

Ehrlich gesagt: Es wirkte wie eine riesige Ladung Vogelmist.

Ich überprüfte die Materialangaben, aber zu meiner Erleichterung bestand das Gemälde wirklich nur aus Farbe. Trotzallem beschloss ich, dass meine Verbindung von Vogelmist als Wunder der 34. Straße richtig war. Überprüfen konnte ich meine Vermutung nicht, denn das technik-verliebte Norwegen gestattete nur Besitzern von Smartphones das Nutzen der Audio-Führungen.

Dann eben nicht.

Ich könnte es mal schnell googlen. Also jetzt hier, in Livezeit am Schreibtisch.

Moment.

Jawoll. Bingo.

“While his large paintings may resemble abstract expressionistic paintings, representing the hey-day of American modernism, they are, in reality, portrayals of bird shit, “action paintings” made from chewing gum with all its connotations of artificiality, carelessness and purposelessness.” (http://afmuseet.no/en/samlingen/kunstnere/c/dan-colen/miracle-on-34th-street)

Besonders die Worte “portrayals of” beruhigen mich jetzt irgendwie. Nur porträtiert ist der Vogeldünger. Irgendwo hat ja auch jeder seiner Grenzen.

Weiter geht die Reise vorbei an Richard Prince, einer unangenehm realistisch wirkenden Statue von Frank Benson hin zu der Frage von Gilbert and George: „War Jesus heterosexuell?“ und der heiteren Aufforderung: „God loves fucking. Enjoy!“

Auf der oberen Etage erwartet mich nicht nur ein Blick auf den Fjord und ein unglaublich kompliziert wirkendes Kunstwerk von Tom Sachs mit dem Titel „London Calling“ sondern ein weiterer Blick in die Prioritäten der ausgestellten Kunst, die mit so fröhlichen Begriffen wie „violated, tortured, mutilated, sodomized…“ die ganze Bandbreite körperlicher Misshandlungen abdecken. Liegt das nur an mir oder gibt es hier keine Schönheit? Schönheit im klassischen, konservativen, gute-Stimmung-verbreitenden Sinne? Natürlich gibt es Schönheit im Hässlichen und viele der Kunstwerke imponieren durch genau diesen Gegensatz, aber gibt es denn niemanden..niemanden…der schön als schön darstellt? Das frage ich mich und betrachte die dreckigen Waschbecken vor mir, deren Titel „Venezianische Brunnen“ mir rätselhaft bleibt.

Trotz aller Kritik: Ich habe Spaß. Aber wo ist denn nun dieses Kunstwerk mit der Kuh, von dem alle erzählen? Das, das ich Euch letzte Woche angekündigt hatte, erinnert Ihr Euch?

Aha, im zweiten Gebäude. Kurzer Weg über eine kleine Brücke und ein schneller Blick zum Fjord, auf dem Eisstücke schwimmen und Möwen sich faul treiben lassen und hinein in die Welt von Damien Hirst.

Manchmal wünsche ich mir, nicht nur meinen Charakter ablegen zu können, sondern auch meine Faulheit in den Griff zu bekommen, die mich davon abgehalten hatte, mich vor dem Museumsbesuch genauer zu informieren. Über Damien Hirst beispielsweise. Den britischen Multimillionär, dessen Kunstwerke seit den 1990er Jahren die Kunstszene im Königreich schocken und den Begriff „BritArt“ etabliert haben.

Und der es für Kunst hält, eine Kuh und ihr Kalb der Länge nach aufzuschneiden, in Formaldehyd zu packen und das Ganze „Mutter und Kind, getrennt“ zu nennen.

(Davon möchtet Ihr ein Foto? Dann müsst Ihr googlen. Ich setze es hier nicht rein. PROTEST!)

Ich war angewidert und entsetzt und, meinem Charakter entsprechend, nicht gerade schweigsam über meine Empfindungen. Schade eigentlich. Manchmal wäre ich wirklich gern so cool und abgebrüht wie die Besucher um mich herum, die sich nicht im Geringsten von den Tierleichen stören ließen. Die sich volllullen ließen von den Ausführungen über die bildgewaltige Kunst des Briten, der neben den beiden Kühen auch Schafe gekreuzigt und Haie eingelegt hat.

Im Gegensatz zu meiner Ankündigung war es also NICHT spaßig, durch die aufgeschnittenen Hälften einer ehemals lebendigen Kuh zu gehen.

Was natürlich nicht die Schuld von Damien Hirst ist.

Sondern meine.

Ich kann halt nicht gegen meinen Charakter.

*räusper*

Adrenalingeladen ging ich durch den Rest der Ausstellung, ließ mich aufheitern von Jeff Koons „Michael Jackson with Bubbles“,

Jeff Koons

Photo © Douglas M. Parker Studio, Los Angeles

betrachtete Fotos deutscher Künstler wie Thomas Struth und Andreas Gunsky, ignorierte ein weiteres Kunstwerk von Damien Hirst und beendete meinen Museumstag, ohne den Souvenir-Shop betreten zu haben.

Das will etwas heißen.

Das ist nämlich ganz uncharakteristisch für mich.

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Besucht das Astrup Fearnley Museum und schafft Euch einen eigenen Eindruck. Oder besucht einfach mal wieder ein anderes Museum in Eurer Nähe und lasst Euch von Schönheit oder Hässlichkeit, von Mut oder Dummheit, von Ideen oder Stereotypen unterhalten.

Oder aufregen.

Kommt auf Euren Charakter an.

Der Schnee in Majorstuen ist langsam auf dem Rückmarsch und ich bilde mir ein, mehr und mehr Vogelstimmen zu hören. Vor meinem Fenster hängt ein Meisenknödel, der tatsächlich eine benachbarte Meise angelockt hat, die mir regelmäßig den Vormittag verschönt. Dieses Wochenende wird ruhig und das ist auch gut so, noch ist die Grippe/Erkältung nicht ganz aus meinen Knochen, während es bei Martin gerade erst loszugehen scheint. Warten wir mal ab.

Ich wünsche Euch allen eine schöne und gesunde Woche, überprüft mal wieder Euren Charakter, lasst Euch in fremde (Kunst-)Welten treiben und seid albern. Einfach mal so. Meine Grüße gehen diese Woche an Freund Chris in Hildesheim mitsamt einem dicken TOI TOI TOI für den neuen Job!

Ha det bra,

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Ulrike

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Janteloven, das moralische Gesetz in Norwegen ODER Willkommen bei den Borgs?

„Petter Nordhug: Ich scheiße auf Janteloven!“ titelte das Online-Magazin abc nyheter Ende Januar.  Zwar hat die Kreativität der Journalisten viel zu diesem angeblichen Zitat des norwegischen Skiläufers beigetragen. Aber vielleicht ist doch etwas Wahres dran? Vielleicht? Das wäre ja unerhört! Ein Norweger, der das moralische Grundgesetz der Nation verachtet! Skandal!

Willkommen meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich bin nicht so ganz auf dem Damm (danke an die- oder denjenigen, dessen Viren sich in gerade munter in meinem System tummeln) und werde mich etwas kürzer fassen. Aber wie sagt man hier in Norwegen so schön: Kortfattethet er sjelen av vidd.

In der Kürze liegt die Würze.

Zurück also zu Petter und seiner fäkalen Aussage zu Janteloven, den Zehn Geboten Skandinaviens, die aber meist als Einheit betrachtet werden und im Grunde nichts anderes sagen als:

Denk bloß nicht, du bist was Besonderes.

Na, das sitzt erstmal.

In unserer ruhm-geilen Welt voller DSDS, Youtube und facebook scheint eine derartige Aussage völlig fehl am Platz. Gerade das Gegenteil ist uns wichtig: Wir SIND was Besonderes. Wir überbieten uns mit abenteuerlichen Geschichten, erlebten oder erfundenen Krankheiten, Lobtiraden vom Chef/Kollegen/Kunden, neu gekauften Autos oder smartphones, ja sogar mit Hilfeleistungen oder verteilten Freundlichkeiten versuchen wir zu konkurrieren.

Denk bloß nicht, du bist was Besonderes.

Wer gerade zustimmend nickt, sollte nochmal kurz und scharf nachdenken.

Nur vorsichtshalber.

ICH kann von MIR nur sagen:

Natürlich halte ich mich für etwas Besonderes. Hallo???? Was denn sonst?

Anscheinend bin ich dafür im falschen Land.

Vielleicht sollte ich in die USA auswandern?

Nun mal halt, ganz langsam. Bevor ich anfange, die Koffer zu packen, sollten wir uns Janteloven genauer angucken.

Das vom dänischen Schriftsteller Aksel Sandemose 1933 beschriebene Moralkonzept besteht aus zehn Geboten. Here they are:

  1. Du skal ikke troe at du er noe. – Glaube nicht, dass du etwas bist.
  2. Du skal ikke tro at du er like så meget som oss.- Glaube nicht, dass du so bist wie wir.
  3. Du skal ikke tro du er klokere enn oss.- Glaube nicht, dass du klüger bist als wir.
  4. Du skal ikke innbille deg du er bedre enn oss. – Bilde dir nicht ein, dass du besser bist als wir.
  5. Du skal ikke tro du vet mere enn oss.- Glaube nicht, dass du mehr weißt als wir.
  6. Du skal ikke tro du er mere enn oss.- Glaube nicht, dass du wichtiger bist als wir.
  7. Du skal ikke tro at du duger til noe.- Glaube nicht, dass du irgendetwas gut kannst.
  8. Du skal ikke le av oss. – Lach nicht über uns.
  9. Du skal ikke tro at noen bryr seg om deg.- Glaube nicht, dass sich irgendwer um dich sorgt.
  10. Du skal ikke tro at du kan lære oss noe. – Glaube nicht, dass du uns etwas lehren kannst.

So, das lassen wir erst mal sacken. Hurra auf das WIR! Es lebe das WIR! Ich fühle mich an die Borgs aus Star Trek erinnert. An die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking.  Mal ehrlich: Im ersten Moment hört sich das alles sehr entmutigend an. Das Janteloven fordert eine permanente Selbstkritik von mir; es unterbindet Originalität und Aus-der-Reihe-tanzen.  Es zerhackt meine Selbstachtung wie ein norwegischer Bauer sein Holz im Winter.

Auf der anderen Seite fördert es Gleichheit und Fairness. Es macht die Gesellschaft zum Zentrum, zur wichtigsten Einheit. Es behauptet, dass jeder seinen Teil tun muss, damit das Ganze funktioniert. Aber sich darauf dann nichts einbilden soll. Nicht ohne Grund sind die skandinavischen Länder Vorreiter in der Gleichberechtigung der Geschlechter. Und mancher leistungs- und profilorientierten Gesellschaft könnte ein Schuss Janteloven gut tun.

Konformität gegen Originalität. Vielleicht war das Jantelov in seiner Entstehungszeit ein Mittel zum Überleben. Wie anders sollte eine kleine Gemeinschaft funktionieren, als dass jedes Mitglied den gleichen Regeln folgte? Früher war die Familie oder das Dorf die Garantie um zu überleben.

Ich bin verwirrt.

Und irgendwie passt es auch nicht zu dem, was ich hier tagtäglich um mich herum erlebe. Hier wird geprotzt mit neuen Autos, Rädern, smartphones, dem allgemeinen Reichtum des Landes. Das nervt mittlerweile selbst die skandinavischen Nachbarn. Es wird gewetteifert im Sport und im alltäglichen Leben. Im Fernsehen laufen US-Serien, die dem Jantelov höhnisch ins Gesicht lachen. Aber vielleicht sitzt es trotzallem ganz tief drin in den Norwegern und allen, die hier länger leben.

Wer weiß, vielleicht ist es ja auch schon in mir drin??

Obwohl, nein, ich scheine mit dem Anti-Jantelov übereinzustimmen, das da lautet:

  1. Du er enestående. – Du bist einzigartig.
  2. Du er mere verdt enn noen kan måle. – Du bist mehr wert, als andere messen können.
  3. Du kan noe som er spesielt for deg. – Du kannst etwas Besonderes.
  4. Du har noe å gi andre.- Du hast anderen etwas zu geben.
  5. Du har gjort noe du kan være stolt av.- Du hast etwas gemacht, auf das du stolz sein kannst.
  6. Du har store ubrukte ressurser. – Du hast große, ungenutzte Reserven in dir.
  7. Du duger til noe. – Du bist zu etwas nutze.
  8. Du kan godta andre. – Du kannst andere akzeptieren.
  9. Du har evner til å forstå og lære av andre. – Du hast die Fähigkeit, andere zu verstehen und von ihnen zu lernen.
  10. Det er noen som er glad i deg. – Es gibt jemanden, der dich liebt.

Vielleicht ist eine Mischung beider „Gesetze“ die Lösung!

Was denkt Ihr?

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Gruppen erstaunt guckenden Leser. Ja, irgendwie haben die Viren den Blog heute etwas seriöser gemacht.

Tut mir ja jetzt leid.

Nächste Woche geht’s hier wieder lustiger zur Sache!! Jawoll. Dann war ich nämlich im Astrup Fearnley Museum für Moderne Kunst und bin durch eine aufgesägte Kuh gegangen. Das hört sich doch nach Spaß an.

Nun gehen die Viren und ich aber erst mal wieder aufs Sofa.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, überprüft mal Eure Moral, lasst Euch nicht unterkriegen aber fliegt auch nicht zu hoch und vergesst nicht: Ich finde Euch alle toll!

Ha det bra,

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Ulrike

Norwegisches Fernsehen im Selbstversuch oder Wer ist Albus Humlesnurr?

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Der Weltrekord im Dauerfernsehen liegt bei 86 Stunden und 37 Minuten und wurde 2012 von zwei Amerikanern aufgestellt, die sich über vier Tage lang Folge um Folge der Kult-Serie „The Simpsons“ ansahen.

Mein TV-Marathon dauerte nur 11 Stunden, aber es war norwegisches Fernsehen.

Das zählt dreifach.

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Gestern war also Fernsehtag. Mein Ziel: Euch das norwegische Fernsehen nahe zu bringen. Was passiert in Norwegen den Tag über? Welche spannenden Ereignisse werden live übertragen? Worüber spricht, lacht und wundert sich die Nation? Kein Medium ist besser geeignet ein Land zu verstehen als Fernsehen.

Wir verfügen über die ungeheure Anzahl von 18 Sendern. Davon scheiden einige aus: National Geographic, Discovery Channel, CNN, eurosport, MTV und travel channel sind als internationale Sender raus aus dem Rennen. Bleiben noch 12. Davon fallen einige weg, weil sie von morgens bis abends US-amerikanische Serien zeigen.  Am Ende blieben mir: NRK 1, TV 2, NRK 2 und NRK Super, der Kinderkanal. NRK 3 sendet erst ab 19.30.

Eine überschaubare Auswahl.

Kaffee und Brötchen, Fernbedienung, TV-Zeitung und ich machen es uns gemütlich.

Seid Ihr bereit?

Uuuuund losgezappt:

Es ist 9.13 Uhr und auf NRK 1 laufen die „Morgennytt“, die Frühnachrichten. Eine englisch-sprechende, knallhart wirkende Dame im roten Oberteil erklärt vor einer Versammlung von Presseleuten: „We will catch you!“

Wie, was, wen denn bloß?

Schnitt auf Jacques Rogge, NOC-Präsident und Wladimir Putin, Russen-Präsident, die gemeinsam die Olympiastadt Sotchi besichtigen. „Schakal im Strickpullover“-Putin geht davon aus, dass alles pünktlich fertig wird.

Schnitt auf Frau in Rot. „We WILL catch you!“

Ok, es scheint um Sport und irgendwen zu gehen, der mal wieder böse war.

AHA! Licht am Ende des Tunnels: In Australien soll der Drogengebrauch im Sport mittlerweile normal sein. Und die Rot-Toppige will alle Sünder finden.

Viel Spaß.

Weiter geht es sportlich! Das jährliche Rennen auf das Dach der Empire State Buildings in New York fand statt. Irre. Habe ich mal drüber geschrieben.

Die AP und Høyre, also SPD und CDU Norwegens, liegen bei den Umfragen gleichauf mit jeweils 30,2 %.

Ich schalt mal um. Zapp.

Oh süß, auf NRK Super reden gerade zwei gezeichnete Nilpferde miteinander. Das ist doch viel netter als öde Nachrichten. UND lehrhaft, denn alle NRK-Sender bieten ihren Zuschauern Untertitel. Das nenne ich mal Bildungsfernsehen.

Zapp.

Ohhhhh, Jackpot auf TV 2: Norwegian Idol! Nicht, dass ich das jemals geguckt hätte, aber diese auf der ganzen Welt vorkommenden Talentshows üben einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Kaum habe ich es mir gemütlich gemacht, kommt die Enttäuschung: Ist gar keine Wiederholung von Norwegian Idol. Ist Frühstücksfernsehen, und die beiden ausgeschiedenen Kandidaten sind zu Besuch.

Kein Wunder, dass die ausgeschieden sind. Haben die etwa so gesungen, wie sie gerade reden?? Der Norwegerpullover des Moderators ist außerdem beängstigend.

Zapp.

OHJE!

„The Real Housewives von New Jersey“ auf TV Norge.

Fünf gebotoxte Frauen und ihre muskelgestärkten Ehemänner grillen am Strand. Ich brauche fünf Minuten um herauszufinden, ob das eine Parodie ist oder eine Art Reality-TV. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen: Es ist Reality-TV.

Zapp.

NRK 2 sendet Radioprogramm.

Zapp.

Auf Zebra 2 spielt Ashton Kutcher „Versteckte Kamera“, nennt es „Punk’d“ und bringt Schaupieler Zac Braff beinahe dazu, einen 10jährigen zu verprügeln, der Braffs Porsche angesprüht hat. Das waren noch Zeiten, als Paola und Kurt Felix ihre Späße trieben.

Zapp.

So geht es nicht weiter, ich brauche ein System. Dieses Rumgezappe bringt doch nichts. Ein Blick in die Fernsehzeitung und ich bin irritiert. Hier scheint ein Druckfehler vorzuliegen. Bei NRK 1 lese ich: 11.45 Ut i naturen. 12.00 NRK nyheter. 12.15 Nesten voksen 12.55 Ut i naturen. 13.00 NRK nyhter. 13.05 Planeten vår 13.55 Ut i naturen. 14.00 NRK nyheter.  Das ist ja mal eine Abwechslung.

TV 2 will mich mit der World Snowboard Tour erfreuen. TV Norge mit Will and Grace, Cougan Town oder Friends. TV 3 punktet mit Oprah und Dr. Phil. Ich entscheide mich für NRK 1, TV 2 und NRK super, den Kinderkanal. Damit fange ich mal an.

Und lerne gleich ein neues Wort:  „promper“.

Pupsen.

Das ist doch mal hilfreich und wird meine norwegischen Gespräche bereichern. „Hvordan har du det?“ – „Ja, takk, jeg promper.“ Wunderbar. Außerdem lerne ich von der witzigen, brünetten Moderatorin, dass nachts NICHT alle Katzen grau sind. I mørket er alle katter grå, sagen dazu die Norweger. Schon wieder was gelernt. Hier bleibe ich.

Nächstes Thema: SCHLANGEN!

Zapp.

NRK 1 kündigt „Ei stund i naturen“ an. Ich erwarte Bilder von Norwegen und bekomme: Yellowstone Nationalpark. Auch hübsch. Es geht um Wapitihirsche, die die Wälder verlassen und sich auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum des Parks aufhalten. Na logisch, ist ja auch viel sicherer da. Keine Jäger, keine Bären. Würde ich auch machen. Sieht komisch aus, wie die Hirsche so über den Zebrastreifen wandern. Nach 10 Minuten ist die Sendung zuende. Hallo?? Ich dachte „ei stund“! Typischer Fehler eines deutschen Hirns: „Stund“ ist Augenblick, Moment….

Zapp.

Ein blondgefärbter Mann im pinken Pulli steht vor einem roten Holzhaus und redet komisch. Die Sendung heißt „Strömsö“ und die beiden Umlaute verraten es sofort:

Wir sind in Schweden.

Es folgen 15 Minuten zwischen selbstgemachtem, schwedischem Ketchup und einer Trommelgruppe aus Ghana. Außerdem lerne ich, wie man aus Maschendraht einen hängenden Blumenkorb basteln kann. Toll.

Zapp.

Awwww, auf NRK Super springen gerade die gepunkteten Küken einer Ente aus einer Höhle im Stamm gen Boden und watscheln hinter der Mutter her ins Wasser. Süüß!

Und auf NRK 1 jagt ein Seeteufel Beute. Auf Norwegisch heißt der Breiflabben. Tolles Wort.

Es ist mittlerweile 13.00 und ich habe Mittagshunger.  Ich tue es dem Breiflabbe gleich und gehe auf Beutejagd. Im Kühlschrank werde ich fündig und genieße schon meinen Salat, während mein Unterwasser-Mittagspartner immer noch hungrig wartet. Vom Dach tropft es auf den Balkon und die Bäume verlieren ihre weiße Zuckerschicht. Kommt etwa der Frühling?

In Japan spielen sie menschliches Domino. Über 200 an Matratzen gepresste Menschen lassen sich umwerfen und liegen sich hinterher lachend in den Armen.  Es kann so einfach sein. Der Rekord in „human dominoes“ wurde 2012 in China aufgestellt. Mit 1001 Teilnehmern.

Zapp.

Mir ist langweilig. Ich gönne mir eine Pause von der Dauerberieselung und plane das Abendprogramm. Ich habe die Auswahl zwischen einer Live-Debatte über die geplanten Ölbohrungen vor den Lofoten, der norwegischen Spielshow „Oppgrader“, der Geschichte des Skispringens, Dr. House oder der norwegischen Realityserie „Hjelp, han pusser opp!“.

Dr. House kenne ich schon, und US-Serien wollte ich auch vermeiden. Geschichte vom Skispringen oder Skifahren ist nicht so spannend und die Lofoten-Debatte lasse ich mir auch entgehen. Ich bin ein Entertainment-Junkie. Bring the games on!!! „Oppgrader“ und danach „Hjelp han pusser opp!“, in dem ein Ehemann mit zwei linken Händen selbstständig eine komplette Wohnung renovieren will. Na, das muss ich gucken!

Zufrieden zappe ich noch ein bisschen weiter im TV rum und lasse meine Gedanken schweifen. Fernsehen ist eine wirklich gute Art und Weise etwas über ein Land zu erfahren. Vorausgesetzt, man erwischt landeseigene Sendungen. Was beschäftigt die Leute? Wie sieht es in anderen Teilen des Landes aus? Worüber reden die Leute? Wer ist gerade populär und warum? Günther Jauch, „Danke Anke“, „Ich bin der Meinung, das war….“, Wum und Wendelin, „Licht aus, Spot an“, Biene Maja sind nur ein Bruchteil von TV-Erinnerungen, die in Deutschland zum Gemeingut gehören. Eine gemeinsame TV-Kultur.

Abends beschließe ich von jetzt an einen Tag der Woche dem norwegischen TV widmen. Schaden tut es nicht, im Gegenteil. Ich habe zahlreiche neue Wörter gelernt, weiß mehr über die Ölbohrungen vor den Lofoten als bisher und konnte fast alle Fragen beim „Oppgrader“-Quiz beantworten. (Wann wurde das norwegische Grundgesetz unterschrieben? Wie hieß der „Rektor“ im ersten Harry Potter? Wer war englische Königin von 1558 bis 1603? Welche norwegischen Fußballfans nennen sich „Tornekratter“? – Der „Rektor“ heißt natürlich Dumbledore. Dachte ich. Aber nicht in Norwegen. Hier heißt er: Albus Humlesnurr. Meine Antwort zählte trotzdem. Fand ich. Oder?)

Morgen lege ich aber einen fernsehfreien Tag ein. Ich glaube, meine Augen sind zu kleinen Quadraten geworden. Fazit des Tages: Ohne die amerikanischen TV-Serien bestände das norwegische Fernsehen wahrscheinlich aus 3 Sendern, die über Natur, Sport oder Tagesneuigkeiten berichten würden.

Und vielleicht würde das sogar reichen.  Einer Statistik der Universität Bergen zufolge verfolgt der größte Teil der Fernsehzuschauer die Sender NRK 1 und TV 2. Mir reicht es für heute auf jeden Fall. Ich muss jetzt noch mein Faschingskostüm basteln. Euch allen schon mal ein kräftiges Helau! In der deutschen Gemeinde sind morgen die Narren los und ich mittendrin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche mit tollen Erlebnissen, ob nun im Fernsehen oder vor der Haustür sei Euch überlassen, genießt den restlichen Winter und haltet immer die Augen offen!

Ha det bra,

fernsehblog

Ulrike

EILMELDUNG+++EILMELDUNG+++

Meine lieben Leser, es gibt tolle Neuigkeiten!

Das Goethe-Institut Norwegen hat Euren Lieblings-Norwegen-Blog (also DIESEN hier, falls jetzt irgendwie Unsicherheit aufkam) entdeckt und will „Neues aus Norwegen“ mit der offiziellen Internetseite des Instituts verlinken!

TUSCH!

Danke an das Institut und Frau Danzer!

So, nun habt noch eine schöne Restwoche,

bis Freitag,

klem

Ulrike

Norweger…..verzweifelt gesucht! Teil 1 oder Hei, vil du være vennen min?

Eigentlich finde ich Vorsätze fürs neue Jahr unsinnig. Meistens man macht ja gute Vorsätze, bei denen klar ist: Das wird nichts. Oder man entscheidet sich für harmlose Vorsätze, deren Erfüllung jedem Pfadfinder nur ein schwaches Gähnen entlockt.

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Dabei ist die Auswahl der Vorsätze vielfältig: Nett sein zu Mitmenschen, mehr oder überhaupt Sport treiben; das Rauchen/Trinken/Spielen/Schokoladeessen/ etc. aufgeben; einen Baum pflanzen, ein Haus bauen UND ein Kind zeugen; angefangene Projekte beenden; glücklich sein.

Dieser repräsentativen Auswahl füge ich meinen guten Vorsatz für 2013 hinzu:

Ich will Norweger kennenlernen.

Ich sehe Eure Blicke, meine lieben Leser!  Ich höre Eure Stimmen! „Da lebt sie in Norwegen und will Norweger kennenlernen. Geht’s noch?“

Nein, es geht eben nicht. Norweger kennenzulernen ist nicht so einfach wie Ihr denkt. Ehrlich gesagt, habe ich mir hier in Oslo ein fast vollständig Norweger-freies Umfeld geschaffen. Am Samstag bei unserer Einweihungsparty fiel es mir auf: Außer den zehn deutschen Freunden saßen dort zwar zwei wunderbar nette Dänen….von Norwegern aber keine Spur. In den letzten Tagen verbrachte ich meine Zeit abwechselnd in der deutschen Gemeinde, dem deutschen Goetheinstitut und der deutschen Schule, kurz unterbrochen von einer Verabredung mit einer deutschen Freundin, die mich, dem Thema verhaftet, zu deutschen Käsespätzle einlud.

Das letzte Mal, dass ich so viel Deutsch gesprochen habe war in…Deutschland.

Ich übertreibe. NATÜRLICH habe ich auch Kontakt zu Norwegern. Gerade eben sprach ich mit Jens am Telefon.

Er ist Kundenberater beim Stromversorger NorgesEnergi und sehr nett.  Und dass, obwohl ich kein Abo wollte. Außerdem habe ich täglich Kontakt mit Stine, meiner freundlichen Kassiererin im Kiwi-Supermarkt und Kira, die Bibliothekarin in der Deichmanske Bibliothek plaudert immer wieder nett mit mir.

Aber niemand von denen würde ich zu meiner Einweihungsparty einladen! (Und selbst wenn, würden sie kommen?)

Nun stellt sich die Frage, woher dieses Norwegerfreie soziale Umwelt kommt. Ich habe so meine Vermutungen:

  1. Ich arbeite von Zuhause aus oder in der deutschen Gemeinde. Beide Orte sind überwiegend frei von Norwegern (vor allem unsere Wohnung, außer Hausmeister Björn muss etwas reparieren).
  2. Das Goetheinstitut, die deutsche Schule oder die deutsche Gemeinde sind ein Zuhause in der Ferne: Alle, die sich dort treffen sprechen die gleiche Sprache, haben dieselbe oder eine ähnliche Kultur, viele Anknüpfungspunkte und gemeinsame Geschichten. Dort zu sein fühlt sich so schön sicher an. (Dieser Absatz ist allen gewidmet, die sich über die Ghettobildung von Immigranten in, z.B., Deutschland beschweren. Wer das noch nie erlebt hat, kann es nicht im Geringsten verstehen und noch weniger verurteilen.)
  3. Huch, ich bin heute so ernst.
  4. Entschuldigung.
  5. Schnell ein Witz.
  6. Treffen sich zwei Rühreier, sagt das eine: „Hach, ich bin heute ganz durcheinander.“
  7. (Über den lache ich seit 5 Tagen.)
  8. (Ja, ich hab einen einfachen Humor. Lucky me.)
  9. Also zurück zu den Gründen, warum ich keine Norweger kenne.
  10. In Oslo bieten sich unzählige Angebote auf andere Ausländer zu treffen, die sich in Oslo niedergelassen haben und verstehen , wie es sich anfühlt, im Ausland zu leben. Gerade hier in Frogner und Majorstuen wimmelt es von Europäern und Amerikanern, hier findet man englische Pubs und amerikanische Cafés, hier kann man mexikanischen Totentag feiern und Halloween.
  11. Und nun zum entscheidenden Grund: Ich versuche nicht stark genug, Kontakt mit Norwegern zu bekommen. Dabei bin ich so neugierig auf ihre Kultur, ihre Sprache und Geschichte, ihre Ansichten zu Gott und der Welt. Aber eine ernsthafte Suche hat noch nicht stattgefunden.

Doch das werde ich ändern. Ich werde mir neue, norwegische Freunde suchen. Oder Bekannte. Wenigstens das. Auf geht es!

Es geht dabei natürlich auch um Integration. Gelungene Integration besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung und Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten und Akzeptanz von Unterschieden (behauptet wikipedia). Früher wurde gesagt, Integration bestehe aus Erwerbstätigkeit, sozialem Kontakt und Beherrschen der Landessprache. Das alles ohne die eigene kulturelle Identität aufzugeben. Da stellt sich bei uns Nomaden natürlich die Frage: Wie sehr wollen wir uns integrieren? Läuft es nicht alles prima so wie es ist?

Nee, nicht so 100%. Mein guter Vorsatz steht also fest: Ich will Norweger kennenlernen! Ich werde Euch über meine Erfolge oder Misserfolge auf dem Laufenden halten. Ist doch selbstverständlich! Mal sehen, was so passiert.

Enden möchte ich heute mit der angekündigten Geitost/Brunost-Vernichtungsaktion, die Mitte Januar im nördlichen Norwegen stattfand:  27 Tonnen des karamellisierten Höllenprodukts gingen im Brattli Tunnel am Tysfjord in Flammen auf. Fünf Tage loderte das Feuer im schwer beschädigten Tunnel. Die Kombination von Fett und Zucker führte dazu, dass der Käse „wenn er heiß genug wird fast wie Benzin brennt“, erklärte der verantwortliche Polizeibeamte Viggo Berg. Kjell Bjoern Vinje vom Norwegischen Straßenbauamt fasste seine Überraschung so zusammen: „Ich wusste nicht, dass Brunost so gut brennt.“

So.

Na, das ist ja was.

Räusper.

Hihi.

Pscht.

Hehe.

PSCHT!

Hahahahahahahaha!!!!

27 TONNEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Gut gemacht!

Der unverletzte LKW-Fahrer ist sich keiner Schuld bewusst und auch ich muss hier alle Schuld von mir weisen, aber wer immer es war:

DANKE! Mein Bruder oder meine Schwester im Geiste, ich vernehme deine Botschaft!

WEG MIT DEM BRUNOST!

Hm.

Tja.

Ob das nun ein erfolgsversprechender Ansatz ist, um Norweger kennenzulernen, wage ich zu bezweifeln…..

OH! ICH WEISS!

Ich werde nach Norwegern suchen, die KEINEN Brunost oder Geitost mögen!

Problem gelöst.

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Freundschaftsgruppen zusammensitzenden Leser. Morgen steht ein Kreativtag mit meiner tollen Theatergruppe auf dem Programm und am Sonntag wollen wir wieder hinaus in den Schnee. Martin hat sich Schneeschuhe angeschafft und die wollen ausprobiert werden.

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, trefft auch mal schwierige Entscheidungen, vor allem, wenn ihr wisst dass sie richtig sind ; guckt Euch um und schätzt die tollen Menschen, die in Eurem Leben sind und lacht jeden Tag aus vollem Herzen!

Ha det bra,

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Ulrike