Von Ǻ, Ǿ, Ǽ, dem Schweigen der Vereinten Nationen und peinlichen Versprechern auf der Post

Ich habe Muskelkater.

Im Mund.

Ich frage mich, ob das anatomisch überhaupt möglich sein kann, aber dann beiße ich in meine Mittagsstulle und stelle fest: Japp, das geht.

Für vier Tage musste sich mein Gesprächsorgan mit ihm völlig fremden Tönen beschäftigen und dauernd wiederholen: „Ǻ, Ǿ, Ǽ… Ǻ, Ǿ, Ǽ… Ǻ, Ǿ, Ǽ“. Wichtig dabei: Beim Ǻ liegt die Zunge unten in der Mitte, und der Mund ist rund geöffnet beim Sprechen. Das Ǿ braucht die Zunge im mittleren, hinteren Bereich mit gerundetem Mund, und das Ǽ hat die Zunge vorne mittig und den Mund ungerundet.

Das liest sich wie ein norwegischer Porno. Vielleicht sollten die Kinder jetzt besser den Raum verlassen.

Velkommen, meine lieben, in 7er-Gruppen snakkenden Leser!

Ich lerne Norwegisch!!

„Na das wird ja langsam auch Zeit!“, mögt Ihr denken, und natürlich stimmt meine Aussage so nicht, denn seit drei Monaten lernen wir die Sprache so nebenbei im täglichen Leben. Seit Montag ist aber ein neuer Faktor dazugekommen: Ich lerne unter Anleitung. Jawohl!

Für drei Wochen liegt mein morgendliches Ziel in der Torggate im Osloer Stadtzentrum. Hier, neben einem lebensrettenden Kaffeeladen, befindet sich die Folkeuniversitet, die Volkshochschule, die mir neben sprachlichem Unterricht auch Frühsport bietet: Das Klassenzimmer liegt im 4. Stock und die Fahrt mit dem Fahrstuhl dauert derartig lang, dass ich immer zu Fuß gehe.

Der erste Morgen begann ungewöhnlich: Meine Lehrerin hat mir Montag beim ersten Eintreten einen derartigen Schreck versetzt, dass ich weder in der Lage war Deutsch, geschweige denn auch nur ein Wort Norwegisch zu sprechen. Sissel sieht haargenau aus wie meine Mathematiklehrerin in der 7. Klasse. Haargenau!!!! Nun habe ich traumatische Erinnerungen an Mathematik UND besagte Lehrerin und das mag meine Schockreaktion erklären. Nach einigen Minuten war aber klar: Zahlen werden hier unter Garantie nicht unterrichtet und selbst wenn, wäre es wie in der 7. Klasse: Ich verstände kein Wort.

Soweit sind wir nämlich noch nicht! Also in Norwegisch. Wir können erst die Grundrechenarten und die habe ich auch in der 7. Klasse  beherrscht.

Nach diesem ersten Schreck begann der Kurs mit einer lustigen Vorstellungsrunde und schnell war klar: Das hier ist kein Norwegischkurs –  wir sind die Außenstelle der Vereinten Nationen! Frankreich, Südafrika, Thailand, Polen, China, Kanada, Eritrea, Phillippinen, Chile und Deutschland sitzen seit Montag in einem Raum und sprechen gemeinsam: „Ǻ, Ǿ, Ǽ… Ǻ, Ǿ, Ǽ… Ǻ, Ǿ, Ǽ“. So interessant eine derartige Konstellation zweifelsfrei ist, birgt sie doch ein Problem: Wir sprechen kaum miteinander außerhalb des Kurses. Ein Sprachkurs, in dem die Teilnehmer sich anschweigen, hat eine gewisse Ironie, aber einen einfachen Grund: Wir haben keine gemeinsame Sprache. (Ok, wir können uns schon auf Norwegisch ganz prima übers Wetter unterhalten, aber mal ehrlich….) Einige Teilnehmer sprechen Englisch, aber eben nicht alle.

Mein Sitznachbar Dawid aus Polen und ich verstehen uns glänzend, wenn wir gemeinsam Norwegisch reden. Aber sobald unser beschränkter Wortschatz aufgebraucht ist, herrscht Konfusion. Dawids Englisch ist rudimentär und mein Polnisch ist…nicht vorhanden. Mein linker Nachbar Pablo kommt aus Chile und wir radebrechen in Norwegisch, Englisch, Spanisch miteinander.  Es hat nur zwei Tage gedauert, bis ich verstanden habe, dass er nicht haareschmeißender Rockmusiker, sondern lithiumsuchender Öko- Ingenieur ist. Musik sei doch nur sein Hobby! Ach so. Klar.

Für Spaß ist also gesorgt.

Der Kurs ist ein Intensivkurs mit 4 Stunden pro Tag von Montag bis Donnerstag. Freitag ist offiziell frei, aber die Hausaufgaben sind enorm und nehmen viel Zeit in Anspruch.

MITLEID!!!!

Das ist nämlich ganz schön anstrengend!!!!

90 Minuten konzentriert auf dem Hosenboden sitzen und mit Grammatik zugeschmissen zu werden ist bei mir schon etwas her, und damals war es wenigstens in meiner Muttersprache. Allerdings spricht Sissel sehr klar und ich verstehe vieles. Es ist schon von Vorteil Deutsch zu sprechen, denn, so drückte es ein Bekannter hier in Oslo aus: „Norwegisch ist nicht mehr als ein plattdeutscher Dialekt.“ Das stimmt zwar nicht ganz, aber es ist hilfreich.

Ich gebe Euch gern Beispiele aus der klimatischen Lektion, die uns in dieser Woche hauptsächlich beschäftigt hat. Also aufgepasst jetzt!

I sommeren det er varmt.

I vinteren det er kaldt.

Vinden blåser.

Na? Na? Na???

Ja, genau: Im Sommer ist es warm. Im Winter ist es kalt. Der Wind bläst/weht.

So einfach das Lesen der Sprache auch ist, die Betonung ist eine ganz andere Sache. Besser so:

Eine GANZ andere Sache.

Ein paar Beispiele: Mal sprechen Norweger das –t am Ende des Wortes, mal nicht. Die meisten „o“ werden wie „u“ ausgesprochen, aber eben nicht alle. „u“ ist manchmal „ü“ und manchmal – nicht. Liest man „er“, spricht man „ar“ und „og“ heißt „o“.

Es ist verwirrend. Ein kleiner, harmloser Satz liest sich beispielsweise so:

Det er mars, og det regner. (Es ist März, und es regnet.)

Klingen würde er so:

„Dej ahr mahsch, o dej rjeiner.“

KREISCH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Das lern ich nie, das werde ich immer verwechseln, das ist fies und ungerecht und ich habe gestern vor lauter Verwirrung bei der Post gefragt, ob der freundliche Angestellte als Identifikation zur Paketabholung meinen „Pissport“ sehen will. „Vil du se min pissport?“ – Nein, wollte er nicht. Verständlich.

Ihr seht also, meine lieben sieben Leser, es gibt viel zu tun. Bei allem Grammatikhorror und Betonungsproblemen schafft der Kurs aber etwas ganz Entscheidendes: Er macht Mut, die neue Sprache zu benutzen. Ja, okay, wir radebrechen uns noch durch die Gegend, aber wir machen immerhin den Mund auf und das ist doch klasse. Zwei Wochen liegen noch vor mir und die Anmeldung für den darauffolgenden Kurs schicke ich nächste Woche los. Norwegische Bücher stapeln sich im Wohnzimmer und gestern habe ich das erste Kapitel von „Folk og røvere i Kardemomme by“ gelesen.

Toll, ne?

(Ich lasse jetzt einen Moment verstreichen, in dem Ihr beeindruckt sein könnt….bevor ich zugebe….“Die Räuber von Kardamomme“ ist ein bekanntes, norwegisches Kinderbuch für Erstleser *grins*)

Es snakkert also um mich rum und in mir drin. Spaß macht es und gibt mir das Gefühl, jeden Tag ein bisschen mehr anzukommen in diesem Land. Pissport hin oder her. Auch das Wissen, dass es in jeder Ecke Norwegens einen anderen Dialekt gibt, dass manche Nynorsk sprechen und andere Bokmål und ich mich in Nordnorwegen wahrscheinlich nie verständigen werden kann, schreckt mich nicht ab. Bleibe ich halt in Oslo.

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Toll, dass Ihr wieder da wart! Nächste Woche erzähle ich mehr über die schon erwähnten norwegischen Sprachen Nynorsk und Bokmål und deren Entstehung und berichte von weiteren spannenden Erlebnissen im Sprachkurs. Vielleicht finde ich ja auch bis Freitag heraus, welchen Beruf Dawid hat. Bis jetzt habe ich verstanden, dass er in einem Laden arbeitet, in dem aber nichts verkauft wird. Spannend!

Ich wünsche Euch eine tolle Woche, macht immer den Mund auf, habt Mut und traut Euch etwas Neues auszuprobieren!

Ha det bra,

Ulrike

Von Weihnachten im Juli, Erlebnissen am Oslofjord und ganz allgemein von: Hohoho!

Jingle bells, jingle bells, jingle all the way…oh what fun, it is to ride, in a one-horse open sleigh…

HEJ!

Vorweihnachtliche Grüße, meine lieben Leser!

Ho-Ho-Ho!

Wen kümmert es, dass Juli ist? Den Sommer anscheinend nicht und mich darum auch nicht. Mir ist weihnachtlich! Das kann einerseits mit den frostigen Temperaturen draußen zu tun haben, andererseits mit unserem letzten Wochenendausflug. Wir waren nämlich in Drøbak. Das sagt den Nicht-in-Oslo-lebenden unter Euch jetzt wahrscheinlich nichts.

Neben seiner fantastischen Lage direkt am Oslofjord und dem Untergang des deutschen Kriegskreuzers Blücher ist der Ort dafür bekannt, Wohnsitz des Weihnachtsmannes zu sein.

Das ist natürlich kindischer Unsinn.

Der Weihnachtsmann wohnt am Nordpol.

Das weiß doch jeder.

Das Christkind hingegen wohnt in Himmelsthür.

Das weiß jeder Hildesheimer.

Highlight in Drøbak ist das „Julehuset“, das Weihnachtshaus. Ein etwas in die Jahre gekommenes gelbes Holzhaus, das, von einem lustigen Wichtel bewacht, am Marktplatz steht.

(Der Wichtel steht rechts. – Doch doch.)

Beim ersten Schritt über die Schwelle begann mein Weihnachtsherz zu klopfen, meine sich in Sommerschlaf befindende Weihnachtsseele aufzuwachen und gemeinsam jubelten wir drei: „Frö-hö-liche Weihnacht überall!“

Ein Schlaraffenland für Weihnachtsfreunde lag vor meinen leuchtenden Augen; alles wichtelte, sternte und glitzerte in rot-weiß-grün; Tannenschmuck aus Jute und Holz, Adventskalender voll alter Spielsachen, Weihnachtsmäuse mit roten Hüten…

Die Hölle für Weihnachtshasser.

Der Himmel für mich.

Lass doch draußen Juli sein, hier in der Stube ist Dezember und ich will Kekse backen.

Das haben sie leider nicht angeboten. Also habe ich eine Weihnachtsmaus gekauft. Die heißt Lotta und steht jetzt in der Küche vor dem Weihnachtselch.

Möchte irgendwer irgendwas sagen?

Gut.

Zurück im strahlenden Julisonnenschein in Drøbak konnte ich mich nur schwer aus meiner Weihnachtsstimmung lösen. Aber Drøbak ließ mich nicht im Stich und in unmittelbarer Nähe vom Julehuset traf ich auf das Postkontor der Weihnachtsstadt. Tausende von Weihnachtsbriefen aus der ganzen Welt erreichen die kleine Poststation, Julenissens Postkontor, Jahr für Jahr.  (Ich hoffe, die Wunschlisten werden von dieser Zweigstelle an den Nordpol weitergeleitet. Wäre ja sonst eine Schweinerei irgendwie. Fehlte Euch in den letzten Jahr was unter dem Weihnachtsbaum? Tja, da würde ich mal nachdenken, wo der Brief hingeschickt wurde!!!) Gelernt habe ich im Postkontor in Drøbak auch etwas sehr Wichtiges:  Glücklich kann ich berichten, dass der wichtigste Teil des norwegischen Weihnachtsfestes…(Trommelwirbel)

HEILIG ABEND IST!!!!

HEILIG ABEND!!

IST DAS NICHT TOLL????

Ich sehe Euch müde mit den Achseln zucken, meine lieben Leser, deshalb hier die Erklärung meiner Euphorie:

Seit mittlerweile 8 Jahren ziehen wir von einem Heilig-Abend-verpönenden-Land zum nächsten. Kanada, Schottland, Frankreich – alle feiern den ersten Weihnachtstag mit Pomp und Getöse, Geschenken und Gestreite. Am Heilig Abend wird sich höchstens betrunken. Jahr für Jahr für Jahr feierten wir unsere deutsche Tradition entweder allein oder mit am 24. Dezember irritiert auf Geschenke blickenden Mitbewohnern.

Damit ist Schluss!!! In Norwegen bekommt der Heilig Abend wieder seine Bedeutung zurück!!

Überhaupt scheint Norwegen ein Weihnachtsfest ganz in unserem Sinn zu feiern: Es gibt in der Vorweihnachtszeit Adventskränze und Adventskalender, am Heilig Abend wird der Baum geschmückt, der Kirchbesuch gehört ebenso dazu wie das gemeinschaftliche Singen am Weihnachtsbaum. Ich habe bereits Ausstechformen en masse im Weihnachtsladen gesehen und muss sie nicht verzweifelt suchen wie in Frankreich. Die deutsche Gemeinde veranstaltet einen Christkindlmarkt (Stollenpflicht!) und ich werde schon ganz hibbelig, wenn ich an die beleuchtete Karl-Johans-Gate oder das Norske Folkemuseum im Winterzauber denke!

Hip hip hurra Norge!!!

Bisher ist das natürlich alle graue Theorie und ich bin gespannt auf Kommentare erfahrener Einheimischer/Expats, die meine Recherche hoffentlich bestätigen!

Um meinen Bericht aus Drøbak zu beenden:  Nach einem extensiven Bummel im Postkontor und einem ausgiebigen Schwätzchen mit dem Postmeister, ging es zurück in die sonnige Realität und wir erfreuten uns im nahe gelegenen Café am sommerlichen Sonnenschein.Ein anschließendes Picknick am Fjord brachte mich schließlich vollständig in die Juli-Realität zurück. Aber trotz allem:

Drøbak war ein weihnachtlicher Spaß, eine verwirrende Zeitreise und eine schöne Überraschung. Eine historische Verbindung zwischen Weihnachten in Norwegen und dem Ort am Oslofjord scheint nicht zu bestehen, die wahren Verbindungen liegen wohl eher im Werbebereich, aber ich will Euch nicht mit marketingstrategischen Ideen gewitzter Norweger langweilen. Schließlich sind wir in Festtagsstimmung!

Ho-ho-ho.

Das war es schon wieder für heute meine lieben Leser. Ich wünsche Euch eine tolle Woche, springt mal aus dem Rahmen, seid kindisch und vergesst das Freuen nicht.

Ha det bra,

Ulrike

Von idyllischem Landleben, norwegischer Folklore und windenden Pferden

Ich will norwegische Bäuerin werden.

Sofort.

Ich will ein grasgedecktes, norwegisches Holzhaus mit wucherndem Gemüsegarten, glücklichen norwegischen Hühnern und kleefressenden Kühen. Jeden Morgen will ich mit Heugabel und strahlendem Lächeln bewaffnet mein Reich betreten, juchzend in meiner bunten Tracht eine Pirouette drehen, während Martin auf der norwegischen Geige ein schwungvolles Morgenlied anstimmt. Danach zieht Bauer Martin mit dem tuckernden Traktor hinauf aufs Feld (und singt ein fröhliches Abschiedslied dabei), während ich am bullernden Holzofen köstliche norwegische Teigfladen backe. (Achso, ich hatte die norwegische Heugabel vorher dabei…äh…die nehme ich mit in die Küche. Zum Teigfladen umschichten. Genau.) Abends genießen wir im sonnenblumenüberfluteten Garten ein bescheidenes Mahl und nachdem Martin ein melancholisches, norwegisches Nachtlied gespielt hat, sagen wir den Kühen auf Norwegisch Gute Nacht und fallen erschöpft auf unsere Strohsäcke.

Idyllisch, oder?

Ich war vier Stunden im Norwegischen Volksmuseum.

Das waren vielleicht zwei Stunden zuviel.

Niemand sprach eine Warnung aus, als meine Mutter und ich im strahlenden Sommerwetter Tickets kauften. Die Kartenverkäuferin hätte beim Einlass warnen sollen: „Übermäßiger Folkloregenuss gefährdet Ihre Gesundheit!“

Aber nein.

Ein freundliches Lächeln, zwei Tickets und ein Plan war alles, was wir bekamen. Wir waren auf uns gestellt. Schutzlos der norwegischen Idylle ausgeliefert. Allein gegen die Übermacht lebendig gewordener Farmville-Klischees. Es war aussichtslos.

Bereits kurz nach Betreten des bäuerlichen Disneylands boten uns drei Musiker Unterhaltung mit norwegischen Weisen und Tänzen. Von der Geige begleitet drehte sich das glücklich lächelnde Paar über den staubigen Hof und tanzte den Klapptanz. Gute Laune von Anfang an!

Schwungvoll setzten wir danach unsere Norwegen-Expedition fort. Alle südöstlichen Landesteile sind im Norske Folkemuseum vertreten: Nach den glücklichen Musikern der Telemark erreichten wir die gewaltigen Holzspeicher im Hallingdal, wo uns auf einer Kleewiese ein braune Kuh samt Kalb begrüßte. Auf einer Bank vor den schwarzen Holzlagern im Hordaland, umgeben von norwegischen Apfelbäumen, genossen wir eine kurze Rast.

In mir stieg unerwartet der Wunsch hoch, einen Apfelstrudel zu backen. In Tracht, mit Schürze. Mir wurde warm.

In Trøndelag erwartete uns neben quiekenden und quietschlebendigen Schweinen auch ein furzendes Pferd, das sich just in dem Moment, als meine Mutter sich näherte, seines Darmgases entledigen musste. Irgendwie unfreundlich.

...Ruhe vor dem Sturm...

Nach einer mehrminütigen Lachattacke fand ich mich wieder in der Lage, meine Umgebung zu erforschen und stieß auf einige nützliche Geräte, die bestimmt brauchbar auf meinem Hof wären. Irgendwie bestimmt. Sobald ich herausgefunden habe, wozu dieses Ding beispielsweise nützlich ist.

Meine Transformation war in vollem Gang und auch an meiner Mutter spürte ich erste Veränderungen. Sie schien mehr die technische Seite des Landlebens zu interessieren und fotografierte unentwegt einen 1950er Traktor im Trøndelag. Während ich grübelte, wie viele Hühner meinen idyllischen Bauernhof bevölkern sollen, öffnete sich die Eingangstür des Wohnhauses im  Trøndelag und die 1950er Bäuerin trat heraus. Nun erkennen sich Bäuerinnen natürlich untereinander, und sie lud uns sofort auf eine Tasse Kaffee ein. Wir saßen gemütlich plaudernd in ihrer Küche und bewunderten die alten Requisiten und Dekorationen. Ein wahres Highlight des Besuchs.

Im Numedal war es dann soweit: Ein grasgedecktes Holzhaus mit Gemüsegarten und rauchendem Schornstein stand in seiner ganzen Perfektion vor uns. Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln trieben aus der Erde, in einem anderen Beet wuchsen Grünkohl, Rotkohl und Rote Beete. Kartoffelfelder zogen sich durch das ganze Gelände und Johannisbeerbüsche lockten mit vollen Ästen.

Ist es da ein Wunder, dass ich sofort einziehen wollte? Dass ich der Stadt entfliehen und ein auf Misthaufen und Brotbacken zentriertes Leben führen wollte? Strahlender Sonnenschein, ländliche Idylle, Geruch von Früchten, Erde und selbstgebackenem Fladen – es war einfach zuviel für mich. Der Himmel hatte ein Einsehen und öffnete die Schleusen. Direkt vor der wunderschönen Stabkirche erwischte uns der Guss. Doch wahre Norwegenurlauber und künftige Landbesitzer lassen sich nicht entmutigen und nassen Fußes erkundeten wir einen der architektonischen Höhepunkte des Freilichtmuseums.

155 Gebäude bilden auf einer Fläche von 140.000 qm dieses beeindruckende Erlebnismuseum, manche der Häuser können näher erkundet werden und perfekte Fotomotive bieten sich überall. Natüüüüürlich ist es verherrlicht, verkitscht und weit entfernt von jeglicher Realität aber…so what? Manchmal brauchen wir genau das.

..oder das…

Um uns langsam aus der bäuerlichen Idylle in die Großstadtwelt zurückzuführen, boten die cleveren Museumsführer am Schluss eine Besichtigung der „Gamle Byen“, der alten Stadt an, inklusive Kolonialwarenhandel, Apotheke samt Kräutergarten, Tankstelle und Bankhaus.

Doch die bäuerliche Idylle hat sich festgesetzt in mir. Die glücklichen Hühner suchen mich im Traum auf und entrückt betrachte ich Karotten im Supermarkt. Ich sehe mich bereits Röcke schwingend Gras mähen und höre dazu Martins schwungvolles Erntelied erklingen.

Vielleicht..eines Tages…..wer weiß??

Ich kaufe erst mal eine Jahreskarte fürs Museum.

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser. Ich wünsche Euch eine tolle Woche, habt verrückte Träume, lasst Euch begeistern und fahrt mal wieder aufs Land.

Nächste Woche reist meine Mutter schon wieder ab, was ich unerfreulich finde und an Gegenmaßnahmen arbeite. Davon erzähle ich Euch nächste Woche und beschreibe außerdem was passiert, wenn Weihnachten im Juli ist.

Ha det bra,

Ulrike

Von sommerlichem Schlafmangel, städtischen Hitzeattaken und einem tierischen Gardemitglied.

Guten Moooooooooooooooorgen, meine lieben in 7er Gruppen schlafenden Leser!!

Guten Moooooooooooorgen!!!!

http://www.youtube.com/watch?v=Mgx6b1Q3Ipc&feature=fvwrel

Ich bin hellwach!!

So richtig putzmunter, quietschfidel und ausgeschlafen! Ist ja auch schon 4.23 Uhr.

So ein verdammter Mist. Ich will noch schlafen. Ich will wieder in mein kuscheliges Bett und schlafen. Geht aber nicht. Bösartig und ungefiltert schießt das Tageslicht in unser Wohnzimmer und ich habe nur eine Frage: WARUM? Warum musste ich vor 10 Minuten auf den Tigerthron? Blase, wir hatten eine Vereinbarung: Im Sommer nicht vor 6 Uhr, weil ich sonst nicht mehr einschlafen kann! 6 UHR!!! Nicht 4 Uhr!!

Wie wir alle wissen, gehört Norwegen zu den merkwürdigen Ländern, in denen es im Sommer teilweise 24 Stunden hell ist. Das hört sich in der Theorie ja ganz schick an, aber die Wahrheit ist: Es kann nerven. Weil, ganz ehrlich, wie oft können ein Mitternachtspicknick oder ein nächtlicher Schwimmausflug spannend sein? Zwei Mal? Drei? Und danach? Danach muss man um 4 Uhr aufs Klo, kann nicht mehr einschlafen, weil es zu hell ist und denkt: So ein Schrott.

Ich bin alles andere als ein Morgenmensch und zitiere gern die Wise Guys: „Würde ich gern früh aufstehen, wäre ich Bäcker geworden.“ Manche sagen, dass Frühaufstehen vorbildlich ist. Quatsch, sage ich. Das ist nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, die eigene Unfähigkeit zum Ausschlafen zu vertuschen. Dysfunktionaler Biorhythmus. Tragisch eigentlich. „Morgens bekomme ich aber immer sooo viel erledigt“, zwitschern die Early Birds. „Bleib‘ abends einfach länger wach, dann schaffst du genauso viel“, sage ich.

Kann ein heller Tag noch heller werden? 5.16 Uhr mittlerweile. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels: Wir haben die Sommersonnenwende bereits hinter uns, die Tage werden also kürzer. Momentaner Stand der Dinge: Sonnenaufgang 4.04 Uhr, Sonnenuntergang 22.38 Uhr. In Oslo wohlgemerkt. In Longyearbyen, ganz weit oben in Norwegen, sieht es anders aus: Sonnenaufgang: 19. April. Sonnenuntergang: 25. August. Worüber beschwere ich mich eigentlich????

Himmel, ist das hell. Was mach ich denn jetzt? Lesen, TV gucken, joggen? Oh, ich könnte Martin wecken. Ha, das wär ein Spaß! „Rise and shine!!!! Guten Morgen! Es ist 5.30 Uhr und ich bin waa-hach!!!“

Soll ich?

Soll ich??

SOLL ICH???

Ich bin doch nicht lebensmüde.

Der Sommer war übrigens auch da. Gestern, ganz kurz, aber heftig. Wir haben ja bereits gelernt, jeden Sonnenstrahl hier in Oslo zu nutzen. Das setzt ein hohes Maß an Flexibilität bei uns selbst und anderen voraus: „Machen Sie den Mund bitte weit auf und sagen Sie „Ahh“, bitte!“ – „Oh, Sonne!!! Und tschüss!“ Gestern hat der Sommer alles gegeben. 28° Grad, behauptete das Thermometer. 50°, behaupte ich. Der Asphalt dampfte und wir mit ihm. Aber schließlich stand Sightseeing auf unserem Programm, davon sollte uns ein bisschen Höllenhitze nicht abhalten. Schließlich entschieden wir: Die beste Lösung, um abzukühlen, besteht darin, sich Menschen zu suchen, die viel mehr schwitzen müssen.

Wir sahen uns also die Wachablösung am Schloss an.

Das Markenzeichen dieses seit über 140 Jahren bestehen Garderegiments ist der gefiederte Bowlerhut, dessen Tragen bei 28° Grad Celsius eine wahre Freude sein muss. Vielleicht hat die königliche Garde aus diesem Grund einen schottischen Pinguin zum Ehrenmitglied ernannt. Als mentales Kühlmittel sozusagen.

http://nachrichten.t-online.de/norwegen-koenigliche-garde-schlaegt-pinguin-zum-ritter/id_15905850/index

Meine lieben Leser, das war es für heute. 5.28 Uhr und schon sooo viel geschafft!

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, freut Euch am Sommer, genießt die Nachtruhe  und schlagt mal jemanden zum Ritter!

Ha det bra,

Ulrike