Eine „Butterfahrt“ nach Schweden ODER Harry, wir gehen auf Tur!

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Heaven is a place on earth, sang Belinda Carlisle 1987. Wo genau sich dieser himmlische Platz befand sang sie allerdings nicht, was irgendwie unfair ist: Erst rumposaunen, dass es den Platz gibt, aber keine Anfahrtsbeschreibung geben. Fast dreißig Jahre später, an einem Märzmorgen im Jahr 2014, habe ich ihn dann gefunden: Im Nordby Shoppingcenter in Schweden.

Ein Himmel voller Schokolade.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. Geht’s Euch gut? Ich war letztes Wochenende mit Catharina, Steffen und Martin auf Harry tur. Die Deutschen fahren nach Polen, um günstig einzukaufen, die Dänen nach Deutschland, die Schweden nach Dänemark und die Norweger…die fahren nach Schweden. (Ob, um den Kreis zu schließen, die Polen nach Norwegen zum Einkaufen kommen, weiß ich nicht, bezweifle es aber stark.) Auf alle Fälle fahren DIE Norweger nach Schweden, die in Tagestourentfernung zur Grenze leben. Wir aus Oslo zum Beispiel. Knapp anderthalb Stunden dauert die Fahrt. Ein lohnendes Geschäft: 13 Milliarden Norwegische Kronen (1,3 Milliarden Euro) gaben die Norweger letztes Jahr im Grenzhandel aus, fast 15% mehr als in 2012. 95% davon flossen nach Schweden, die verschwindenden Prozent landeten bei den finnischen Nachbarn oder in Putinland.

Gleichzeitig fehlen diese Milliarden natürlich der norwegischen Wirtschaft. Dementsprechend unbeliebt ist der Grenzhandel in offiziellen Kreisen und Pläne zur weiteren Einfuhrbegrenzung werden diskutiert. Auch der Spitzname „Harry tur“ stammt aus dieser ablehnenden Haltung: Als „harry“ beschrieb der damalige Landwirtschaftsminister Lars Sponheim die Einkaufstouren seiner Landsleute in einem Interview von 2002. Und das bedeutet im norwegischen Umgangston nichts Gutes: „Harry“ steht für vulgär, ungebildet und geschmacklos. Statt sich aber beschämt in eine Ecke zu trollen, nahmen viele Norweger den Begriff begeistert auf – und nun geht man eben auf „Harry tur“. Sowas nenne ich Eigentor.

Oft hatten uns Freunde schon von ihren Grenztouren erzählt, aber bisher hatten wir immer brav die norwegische Wirtschaft unterstützt. Dies sollte sich am 1. März 2014 ändern. Dass ich allerdings, ganz blasphemisch, den Himmel auf Erden finden würde, das hatte ich nicht erwartet. Überspringen wir die Anfahrt und starten wir gleich in dem Moment, als mich die Rolltreppe im Nordby Shoppingcenter in die erste Etage brachte.

Und da war es.

„Gottebiten“ – ein gigantischer Laden voller Süßigkeiten!

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Zögernd trete ich näher und komme mir vor wie Charlie, als er zum ersten Mal die Schokoladenfabrik von Willy Wonka betritt. Wände voller Schokoladentafeln, Regale mit Pralinenkästen, Plastikzylinder mit Jelly Beans und offene Marktstände mit Bonbons in buntem Knisterpapier strahlen mir entgegen. Ich bekomme einen Zuckerschock allein vom Gucken. Und dann…die Preise. Ich vermute, dass Ihr Leser im Ausland das nur schwer nachvollziehen könnt, aber ich lebe seit fast zwei Jahren in einem Land, wo Schokolade ein Luxusgut sein kann und ein Kitkat fast 2,- Euro kostet. Mit Tränen in den Augen stehe ich vor einem Tisch mit Twix im 10er-Pack. 39,90 schwedische Kronen kosten die Packung (Umrechnungskurs zu Norwegen 1:1). 39,90 Kronen!! Für ZEHN Twix!!!! Der schwedischen Regierung für das Nichteinführen der Zucker- und Fettsteuer dankend, packe ich den Einkaufskorb voll.  Norwegen hat die Steuer 1981 eingeführt, Grund waren zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, aber auch der Willen der Regierung, das Volk solle sich gesünder ernähren.

Das haben wir nun davon.

Gut, dass es Schweden gibt!

Weiter geht es durch die himmlischen Hallen, vorbei an allen großen Schokoladenmarken, von denen ich einige seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe, wie alte Freunde begrüße und in meinen Korb einlade. Wieviel Kilo darf ich zurück nach Norwegen mitnehmen? Waren im Wert von insgesamt 3000,- NOK, aber gab es nicht auch eine Beschränkung bei Süßwaren? Egal, ich packe mal weiter. Martin ist währenddessen bei den Getränken angekommen und steht ungläubig vor Paletten voller Dr. Pepper. Das flüssige Zuckermonster kostet uns in Oslo pro Dose knapp 25,- NOK – hier im Himmel, werden 24 Dosen für 99,- SEK/NOK angeboten.

Ich mache ein Foto.

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(Ich höre Euch förmlich kichern beim Lesen, aber wenn Ihr mein Verhalten im schwedischen Süßigkeitenmarkt schon lustig findet, solltet Ihr mich sehen, wenn ich in Deutschland das erste Mal in den Supermarkt gehe.)

Schweren Herzens und mit vollen Tüten verlassen wir den himmlischen Platz – allein für diesen Laden hat sich die ganze Fahrt schon gelohnt.

Das restliche Einkaufszentrum erweist sich als riesiger Konsumtempel mit Geschäften aller Art, einige davon interessant, weil wir sie in Oslo nicht haben. Die Preise von Kleidung, Schnickschnack, Sportartikeln oder CDs sind aber größtenteils wie in Norwegen und würden die Fahrt nicht lohnen. Allerdings ist es toll, mal wieder so viel AUSWAHL zu haben. Man bekommt alles in Oslo, klar, aber das Angebot ist begrenzt. Letzter Stop auf unserer ersten Harry tur ist der riesige Supermarkt im Nordby Shoppingcenter. Riesig! Wir wandern durch die Gänge und bleiben wie angewurzelt in der Käseabteilung stehen – wow, solche Auswahl!! Und erschwinglich. Martin findet ein paar Gänge weiter seine Lieblingsmarmelade, die in Oslo aus dem Sortiment genommen wurde, doch bald konzentrieren wir uns weniger auf das Warenangebot als auf die anderen Kunden.

Norweger müssen unglaublich große Gefrierschränke haben. Ach, was sage ich Schränke…RÄUME!! Ganze Schweine oder Kühe, so scheint es, werden in gefrorenem Zustand zur Kasse transportiert. Gewaltige Kotelettpakete, Rippenstücke, Keulen werden über Schultern geworfen und triumphierend ins eigene Heim gebracht. Norweger, lerne ich später, fahren zum Einkauf von drei Warengruppen nach Schweden: Alkohol, Tabak, Fleisch. Wir stehen mit unserem kleinen Körbchen hinter einer Familie, die eine tote Schweineherde in gefrorenem Zustand aufs Band legt und kommen uns komisch vor. Statt 3500,- NOK zahlen wir dafür aber auch nur 300,-.

Ich bin kaputt. Shoppen ist anstrengend und wir vier schaffen es gerade noch in ein asiatisches Lokal. Nach einem leckeren Essen geht es zurück nach Norwegen. Ob wir wohl in eine Grenzkontrolle kommen? Ein Schild an der Straße bietet mir an, mich per sms zu informieren, ob die Grenzkontrollen geöffnet seien oder wir einfach durchfahren können, aber ich widerstehe der Verlockung. Unser Plan, etwas zu schmuggeln, uns dann erwischen zu lassen, um damit diesen Blog für Euch noch interessanter zu machen, ist fehlgeschlagen und so fahren wir entspannt der Grenze entgegen.

Nichts passiert.

Ungehindert landen wir auf der norwegischen Seite und beißen voller Hingabe ins schwedische Twix. Zurück in Oslo kann ich nun in den folgenden Wochen schulterzuckend an den Luxusschokoladenpreisen vorbeigehen – die schwedische Schokolade wird bis zum Trip nach Kiel reichen.

Das war es für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß auf unserer Harry tur. Wer von Oslo aus gern mal zum Nordby Shoppingcenter fahren möchte, aber kein Auto hat: Verschiedene Busanbieter führen teilweise sehr günstige Touren durch. Täglich fährt die Linie 3 der TIMEekspressen, die Fahrt dauert knapp 2 Stunden und kostet hin- und zurück 440,- NOK.

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, genießt die Sonne in Deutschland (und schickt ein paar Strahlen nach Oslo) und freut Euch auf den Frühling. Meine Grüße gehen heute an meine Berliner Lieblingsstudentennichte mit einem großen Hipphipphurrah zum Geburtstag!

Ha det bra,

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(den Gesichtsausdruck bitte ich zu verzeihen…ich war einfach überwältigt.)

Ulrike

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