Geschichten aus Majorstuen Teil 1 oder Immer schön nach unten gucken!

Das Leben ist eine Baustelle. Da ist was Wahres dran. Irgendwo im Leben gibt es immer was zu verbessern, zu verändern, manchmal wird angebaut oder irgendwo stürzen Mauern ein. Auch in Oslo ist das Leben eine Baustelle.

Im wahrsten Sinn des Wortes.

Hier wird gebaggert, geteert, aufgerissen und zugeschmissen, verlegt, gebohrt, gemixt.

Und das noch bis 2014. Mindestens.

Hallo, meine lieben Bauarbeiter, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Kalt ist es geworden und glatt ist es geworden. In den höher gelegenen Wohngebieten Oslos stapfen die Anwohner durch knöchelhohen Schnee, während wir hier im Zentrum sehnsüchtig jeder Schneeflocke hinterher blicken. Zu lange darf der Blick allerdings nicht dauern, denn in Majorstuen oder in Oslo Zentrum muss der Blick vor allem in eine Richtung gehen: Nach unten. Wer will schon gern in ein Bauloch fallen?

Irgendjemand in der Oslo Kommune muss Langeweile haben. Oder die Bauarbeiter haben Arbeitsdrang. Oder der Oil Fund, den die norwegische Regierung für schlechte Zeiten angelegt hat, läuft über und wird teilweise in die Straßenwirtschaft gesteckt. Auch die 200-Jahrfeier Norwegens 2014 wirft ihre königlichen Schatten voraus. Ihr verdanken wir die Megabaustelle neben der Oper, auf der ein gläsernes Designhochhaus nach dem anderen entsteht.

Woran es auch immer liegt, es wird gebaut in Oslo. Und zwar immens.

Die uns am stärksten betreffende Baustelle zieht sich langsam aber stetig den Bogstadtveien hinauf. Das Shoppen an dieser beliebten und exklusiven Einkaufsmeile erinnert momentan mehr an ein Hindernisrennen und verlangt vom tütenbeladenen Fussgänger ein Hochmass an Konzentration, Sportlichkeit und Orientierungsvermögen. Nicht selten passiert ist, dass neongrün-rote Absperrungen den Weg vorgeben, dann aber mitten auf der Baustelle enden. In einer Sackgasse. Anscheinend komplette Fußwege brechen unerwartet auf und zwingen zum Vollkörperstopp. Mannshohe Bürgersteige versperren hüftgeschädigten Senioren den Weg zum Supermarkt und Mütter mit Kinderkarren wurden schon seit Monaten nicht mehr gesichtet.

Blog

Noch bis November 2013 soll der Spaß dauern und dann, ja dann, soll alles besser sein: Breitere Straßen, neue Bäume und weniger Vibrationen durch vorbeiratternde Straßenbahnen. Aber das Tollste wisst Ihr noch nicht: Der Bogstadveien bekommt Fußbodenheizung!

Doch, doch sowas gibt’s in Oslo!

EHRLICH!

Ich wollte es auch erst nicht glauben, aber nachdem ich vom vereisten Majorstuveien in die Innenstadt fuhr und auf der völlig eisfreien Karl Johans Gate ankam, bin ich ein absoluter Fan von  Bürgersteigheizungen. (Es gibt unter Garantie einen Fachbegriff dafür, aber was bin: Das interaktive Baulexikon?) Und so sehen die Bürgersteige unter dem Asphalt dann aus:

IMAG0672

Toll, oder? Und so soll es aussehen, wenn alles fertig ist:

http://www.bogstadveien.no/

Sehr schön.

Und so ökologisch.

Besonders die beheizten Bürgersteige. Ganz prima.

Man spart das menschliche Kraftpotential, das zum Sand streuen oder Eis hacken nötig gewesen wäre, und nutzt dafür den ja so überwältigend zur Verfügung stehenden Strom. In Reykjavik wird dafür kochendes Wasser benutzt, das die Natur dank Erdwärme den Isländern gratis zur Verfügung stellt. In Oslo bestimmt nicht. Wer sich im Bauleben auskennt und weiß, wie die Fernwärme erzeugt wird, wird gebeten, einen Kommentar zu hinterlassen!

Billig ist es bestimmt nicht.

Ab Ende November gilt in Majorstuen erstmal: Das Leben ist eine Baustelle ….to be continued. Natürlich. Im Weihnachtsrausch soll die Konsumlust der Bürger nicht durch störende Bauarbeiten behindert werden. Außerdem wird es kalt. Und zwar ordentlich! Wer will da noch baggern? Im April 2013 soll es dann weitergehen. Ich freue mich jetzt schon. Die bauarbeitsfreien Monate werde ich nutzen, um meine Kletterstrategie zu verbessern und mir ein profundes Wissen über geeignete Ausweichstraßen anzueignen. Doch wer weiß: Vielleicht wird da dann auch gebaut.

Das war es von mir für heute, meine lieben Leser. Der Dezember steht vor der Tür und mit ihm die für mich schönste Zeit im Jahr. Ich wünsche uns allen eine friedliche, stressfreie, tannenduftende, kerzenleuchtende und fröhliche Weihnachtszeit. Bleibt ruhig und besinnt Euch. Ihr könnt das, wenn Ihr wollt!! Doch, doch!

Habt eine schöne Woche, arbeitet auf Euren Baustellen und haltet die Füße warm!

Ha det bra,

2012-11-30 10.24.45

Ulrike

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Norwegisch für Anfänger ODER Danke für den Sex!

Gerd Altmann/pixelio.de

Eine neue Sprache an der Volkshochschule zu lernen ist schön und gut. Effektiver aber lernt man im alltäglichen Leben, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Supermarkt. Gerne auch: Beim Blog lesen!

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass Ihr da seid. Seid Ihr da? Es ist ja noch relativ früh und Ihr mental weder auf mich noch den neuen Blog vorbereitet. Ja, große Ereignisse werfen ihre weihnachtlichen Lebkuchenschatten voraus: In der deutschen Gemeinde ist am Wochenende Christkindelsmarkt. Es gibt viel zu tun.  Packen wir’s an. (Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen. Vorhersehbare Formulierungen oder stereotype Ausdrücke sollen in literarischen Werken ja unter allen Umständen vermieden werden. Einzigartig soll der Text sein. Überraschend. Atemberaubend. Tut mir also leid. Es war stärker als ich. Mist, schon wieder eine Floskel.)

In Eurem Lieblingsblog geht es heute um die norwegische Sprache.

Schooon wieder?

(An dieser Stelle können sich alle Leser, die meinen englischen Blog gelesen haben, verabschieden. Ihr kennt den kommenden Text in weiten Teilen schon. Ja, SICHER benutze ich dieselbe Idee zweimal. Was bin ich? Eine kreative Ideenweitwurfmaschine???)

Keine Angst, dieser Blog verwandelt sich nicht plötzlich in das norwegische Zentralorgan des Langenscheidt-Verlags. Aber ich möchte Euch einige Ausdrücke, Sprachwendungen und Formulierungen vorstellen, die mich im alltäglichen Leben hier in Oslo begleiten.

1. „Vil du ha pose?“

Jedes Mal wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, kommt dieser Satz daher. Als er und ich uns das erste Mal begegneten, befand ich mich im Sprachverweigerungsmodus. Bedeutet: Ich verstand nicht ein einziges norwegisches Wort, wollte das aber nicht zugeben und antwortete daher auf alle an mich gerichteten Fragen mit einem entschiedenen „No.“ Sicher ist sicher.

Die freundliche Kassiererin im Centra Supermarkt fragte also: „Vil du ha pose?“, ich antwortete, meiner Sprachtheorie folgend, mit: „No“ und wollte meinen Einkauf einpacken. Wo waren denn die Einkaufstüten? Mist. Als ich die freundliche Verkäuferin auf Englisch nach einer Tüte bat, verrutschte ihr Lächeln etwas. Es dauerte noch zwei weitere Einkäufe bis ich gelernt hatte, dass „Vil du ha pose?“ bedeutet: „Möchtest du eine Tüte?“.

Immer noch irritiert mich diese Frage. Weniger mich persönlich. Ich, als ökologisch einwandfreie Deutsche, bringe ja meistens einen eigenen Einkaufsbeutel mit. Die Frage, ob ich eine Tüte brauche, ist also berechtigt. Norweger haben allerdings das Selberbringprinzip von Einkaufsbeuteln noch nicht entdeckt. Sie wollen IMMER eine Tüte. Zwischen einem Norweger, der mit einem vollbeladenen Einkaufswagen an der Kasse steht und der hilfreichen landsmännischen Verkäuferin, könnte sich der Dialog also so anhören: Verkäuferin: „Möchtest du eine Tüte?“ – Norweger (mit Blick auf den überquellenden Einkaufswagen): „TÜTE???? NEIN!!!! Ich dachte, ich klau den Einkaufswagen und rolle die Sachen nach Hause.“ Sagt niemand. Würden sie aber gern.

2. „Enkel eller dobbel?“

Eine alltägliche Frage, die mir in jedem Coffee Shop gestellt wird. Oslo ist die Kaffeehauptstadt und an fast jeder Ecke der Stadt findet sich eine Koffeinauffüllstation. Obwohl die Norweger hauptsächlich schwarzen, regulären Bohnenkaffee trinken, haben sich in vielen Städten auch solche exotischen Getränke wie Café Latte oder Cappuchino etabliert. Bei Bestellung derselben fragt die Bedienung jedes Mal: „Enkel eller dobbel?“

Beim ersten Mal war mein Hirn eindeutig im Sprachverweigerungs – und Deutschmodus, denn ich konnte nur denken: Enkel? Enkel??? Was will die blonde Kuh bei „Wayne’s Coffee“ denn damit andeuten? Meint sie etwa, dass das brüllende Balg hinter mir mein Enkel ist? Hallo? Ich bin 40 geworden dieses Jahr, zugegeben, aber wir wollen es ja mal nicht übertreiben!!!

„Dobbel“, schleuderte ich ihr also entgegen.

Junge, Junge, war ich wach für den Rest des Tages.

Für eine Frau, die eigentlich nur koffeinfreien Kaffee trinkt, ist ein doppelter Schuss Espresso lebensverändernd.

Seitdem bestelle ich meinen Café Latte „enkel“, mit nur einem Schuss, vielen Dank.

3. „Hei hei!“

Einfach zu verstehen und keine Formulierung im eigentlichen Sinn. Aber es handelt sich dabei um eine absolute norwegische Spezialität. Sie begegnet harmlosen Kunden in allen Geschäften, Restaurants, Supermärkten der Stadt. „Hei Hei!“ Mir begegnet sie meistens im lokalen Coffee Shop.

Doch Obacht: Wir sprechen hier nicht von einem regulären „Hi!“ oder „Hallo!“. Oh nein. Die Stimme springt mehrere Oktaven nach oben und fünf unsichtbare Ausrufezeichen werden wie Pfeile mit der Begrüßung verschossen. Du bist kein ordinärer Kunde! NEIN! Du bist der verlorene Sohn, der endlich nach Hause kommt! Der Stolz der Familie! Die Heldin der Arbeiterklasse! Du bist die personifizierte Lösung für Weltfrieden! Du bist John Lennon und Yoko Ono in einer Person! Der Gandhi des Coffee Shops! „Hei Hei!“

Beim ersten Mal war ich derartig irritiert, dass ich mich umdrehen musste, um zu gucken, ob Angelina Jolie oder die norwegische Lottofee hinter mir standen. Doch da war niemand.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es toll, derartig überschwänglich begrüßt zu werden. Ich habe aber immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann nur einen Kaffee bestelle. Ich würde diese überschwängliche Begrüßung so gern mit einer ebenso überschwänglichen Bestellung beantworten, aber habt Ihr eine Ahnung, was ein einzelner Kaffee in Oslo kostet?

Irgendwann, wenn ich reich und berühmt bin, bestelle ich die gesamte Kaffeekarte rauf und runter und bitte alle Angestellten mit mir zu feiern. Einfach nur, weil sie sich jedes Mal so freuen,  mich zu sehen.

4. „Dørene lukkes!“

Hierbei handelt es sich um eine automatisierte Ansage in der T-Bane, der U-Bahn in Oslo. Sie hört sich etwa so an: „Döörenne lükes!“. Ich kann mich bei dieser Ansage nicht beherrschen. Ähnlich wie bei den Sicherheitsvorführungen auf einem KLM-Flug (die für mich jede Hollywood-Komödie in den Schatten stellen), liege ich bei „Döörenne lukkes“ vor Lachen unterm Sitz. Anfangs lachte ich nur aufgrund der witzigen Vokalabfolge. Dann kam mir eine andere Idee, die von einigen Jahren im Berliner Wedding zeugen: „Döörenne lukkes“ – Döner für Lukas?

Der Witz hat mich von Majorstuen bis zum Holmenkollen amüsiert. Und zurück. Und tut es immer noch. Jetzt gerade.

Meine Mutter träumt davon, die Formulierung als Schimpfwort zu benutzen. Sie möchte einem Umwissenden ein „Döörenne lukkes“ ins Gesicht schleudern. Und dann gucken was passiert. Ich hoffe, ich erlebe es mit.

Wir sind eine seltsame Familie.

Wir hatten viel Spaß in der U-Bahn.

Was der Satz bedeutet? Was kann der Satz bedeuten, der so viel Lachen ins Leben bringt?

Er bedeutet……Trommelwirbel…..

„Die Türen schließen sich.“

Manchmal sind es die einfachen Dinge im Leben.

5. Takk for sist!

Eine weitere norwegische Besonderheit. Wörtlich übersetzt bedeutet es soviel wie „Danke für das letzte Mal, als wir uns trafen.“ Oder „Danke für das letzte gemeinsame Essen.“ Oder „Danke für den letzten Sex.“

NEIN! ICH MACHE SPASS!

Dafür gibt es eine eigene Formulierung.

„Takk for sist“ ist eine absolut normale und erwartete Begrüßung, trifft man auf eine Person,  mit der man irgendwann Zeit verbracht hat. Die Betonung liegt auf „irgendwann“. Selbst wenn das Treffen bereits vor drei Jahren stattfand und man sich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, was man mit der Bekannten,  dem fast Fremden, der Nachbarin von gegenüber oder dem Kerl mit der komischen Frisur eigentlich unternommen hat: es wird sich bedankt. Jawohl. Höflichkeit siegt. Ich lebe erst acht Monate hier und meine Erinnerung schafft es gerade noch, sich an die vergangenen Monate zu erinnern, aber ich empfinde diesen Brauch als völlig irritierend. Aber ich werde ihn weiterhin benutzen. Auch wenn ich mich irgendwann nicht mehr genau erinnern kann. Egal. Wird schon keiner merken.

„Vil du ha pose?“ – „Enkel eller dobbel?“ – „Hei hei !!!!!“ – „Dørene lukkes!“ – „Takk for sist!“: Kommt nach Norwegen, hört und sprecht und fühlt Euch ein bisschen einheimisch!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Ich werde mich nun zum Supermarkt begeben („ Vil du……“) und dann eine köstliche Karottensuppe kochen. Auf dem Weg dorthin werde ich an unserem neuen Haus vorbei gehen, denn für alle, die es noch nicht wissen: Wir haben eine Wohnung gefunden. JA! Nicht in einem alten Stadthaus, aber dafür in der „Sorgenfrigata“ in Majorstuen. Der Sorgenfrei-Straße. Ich freu mich darauf. Martin kommt heute erst aus Aberdeen zurück, hat quasi über Handy einer ihm fremden Wohnung zugestimmt und ich hoffe, sie wird ihm gefallen.

Meine Grüße gehen diese Woche an meine wunderbare Freundin Barbro, die gestern ihre Prüfung im Verwaltungslehrgang II bestanden hat! (Ich hoffe, das ist die richtige Bezeichnung.) Ganz herzlichen Glückwunsch, ich bin stolz auf dich!! BRAVO! Hoch die Tassen!

Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lacht dem tristen November ins hässliche Gesicht, wärmt Euch auf mit guter Suppe und freut Euch auf die Adventszeit!

Ha det bra,

Ulrike

Fotosafari Oslo Teil 1: Majorstuen – Wo man seinen Hund nicht lüften darf

Hastverk er lastverk, sagen die Norweger. Gut Ding will Weile haben. Dem weisen Sprichwort folgend, suchen wir schon seit längerem eine Wohnung oder ein Haus hier in Oslo und sind hin- und hergerissen zwischen Stadt und Vorstadt. Eines wird aber immer deutlicher: Wir fühlen uns wohl in unserem Viertel. Und das stelle ich Euch heute mal vor. Majorstuen.

Hallo, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, schön, dass Ihr wieder hier seid! Heute begeben wir uns gemeinsam auf Fotosafari und ich zeige Euch „our ʹhood“, unser Wohnviertel hier in Oslo. Ein grauer Novembertag ist nicht die ideale Ausgangssituation für eine Fototour, und beim Herumstreunern habe ich auch viele hässliche Ecken gefunden, aber glaubt mir: Es ist toll, hier zu wohnen. Seid Ihr bereit? Auf geht’s.

Velkommen til Majorstuen!

Oslo ist durchzogen von einer unsichtbaren Grenze entlang einer sehr sichtbaren Grenze. Die Akerselva oder Akerselven fließt von Norden zum Oslofjord und teilt die Stadt in einen östlichen und einen westlichen Teil. Das ist die rein geografische Trennung. Ähnlich wie in Paris das Rive Gauche und Rive Droite trennt den Osten und den Westen der Stadt aber mehr: Traditionen, Kultur und nicht zuletzt Geld. In Oslo spricht man von Ǿstkanten und Vestkanten, der Ost- und Westseite.

Der Westen hat traditionell etwas mehr Geld, der Osten dafür mehr Stimmung. Im östlichen Bezirk Grünerløkka tobt die Künstlerszene, in Grønland das Multikultileben. Zu den westlichen Stadtteilen gehören Frogner oder Briskeby mit herrschaftlichen Stadthäusern, exklusiven Designerboutiquen, Künstlergalerien, Frognerpark und Gourmetrestaurants.  Ein anderer westlicher Stadtteil ist seit Jahren bekannt für Nachtleben und Shopping. Majorstuen.

Ja, aber man kann hier trotzdem gut leben! *lach*

Die Lebensader des Viertels ist der Bogstadveien, die längste Einkaufsstraße Norwegens. Hier findet jeder was er sucht. Oder sie. Mehr sie, als er. Obwohl Männer auch furchtbar gern shoppen. Schauen wir uns hier also mal um.

(ich entschuldige mich schon mal bei allen Fotokennern….Manche Fotos sind wirklich gruselig)

Hier also der quasi der Beginn des Bogstadveien, gleich kommt….

…unsere Lieblingsbäckerei samt Café. Kein Wunder, dass Starbucks bisher nur eine Filiale in Oslo hat. Die norwegische Hauptstadt boomt mit anderen Kaffeeläden, von großen Ketten wie Wayne’s Coffee oder Kaffeebrenneriet über Bäckereien wie Baker Hansen oder United Bakeries. Die Kaffeerösterei von Tim Wendelboe in Grünerløkka schaffte es gerade unter die Top Ten Kaffeeplätze weltweit auf der Liste der NY Times. (Auch wenn das Ambiente etwas zu wünschen übrig lässt. Katrin und ich waren diese Woche auf Recherchetour.) Starbucks, eh? Duh. Wir mögen Baker Hansen, unser ständiger Kaffeezulieferer ist aber…

…Deli de Luca, dort gibt es auch fantastischen Orange-Rooisbos-Tee!  „Minibank“ heißen hier übrigens die Geldautomaten, die großzügig verteilt sind. Kein Wunder. Gibt ja auch schöne Geschäfte hier. Für mich gaaaanz gefährlich ist…

…Norli, mein Lieblingsbuchladen. Auf dem Foto seht Ihr auch eines der ersten Wörter, die ich im Norwegischen gelernt habe. „Tilbud“ – Angebot. Gleich gegenüber mein Lieblingsladen auf Bogstadveien. Zara? H&M? Nein, nein, die….

…Eisenwarenhandlung Hegdehaugens. Ein wunderbarer Laden, in dem man von Schulheften über Mausefallen bis zu Porzellantassen alles kaufen kann. An alle Moritzberger Freunde: Ich fühl mich immer irgendwie an „Schubi“ erinnert. Toller Laden!

Das gelbe bzw. rote Ding ist übrigens ein Auto, nur falls da irgendeine Unsicherheit bestand. Hinter dem gelben Auto ist, bei ganz genauem Hinsehen, ein blauer Punkt auf einer silberner Stange zu erkennen. Das ist eine Elektrotankstelle, die hier sehr verbreitet sind. So wie die Elektroautos. So umstritten wie ihr wirklicher Nutzen ist für mich auch das Design. Nicht mal George Clooney würde in einer derartigen Blechkiste sexy aussehen. Auf der Cool-Wall bei „Top Gear“ würde das Elektroauto noch nicht mal bei „extremely uncool“ landen. Aber weiter im Text.

Beim Bummeln fällt mir erstmals auf, wie wieviele Friseursalons hier am Bogstadveien um ihre Kunden kämpfen. Manche haben da, vermute ich, weniger gute Chancen. Ich grüße an dieser Stelle Daria, die mich auf diese wunderbaren Namen aufmerksam gemacht hat! Man hätte also am Bogstadveien die Wahl beispielsweise zwischen…


oder…

Nun ja. Es soll ja mutige Menschen geben.

In den Seitenstraßen liegt der wahre Reiz Majorstuens für mich. Für eine Wohnung in einem dieser wunderschönen, alten Häuser würde ich morden…

Naja, ihr versteht schon.

Natürlich nicht wirklich.

Macht man doch nicht.

Wegen einer so profanen Sache wie einer Wohnung.

Ehrlich.

Albern.

Obwohl…..

Guckt doch selbst, ist Majorstuen schön oder schön oder schön???? (Huch, ich stelle gerade fest, dass ich die schönen Häuser nicht fotografiert habe. Naja. Doof jetzt. Müsst Ihr Euch den Rest vorstellen!)

Majorstuen oder Majorstua, hier scheiden sich immer noch die Geister. –stuen zeugt mehr vom dänischen Erbe, -stua beinhaltet die rein norwegische Endung auf –a. Ich habe tolle dänische Freunde und bleibe bei Majorstuen. Zentral liegt der Bezirk auf jeden Fall und das ist ein unschätzbarer Vorteil. Bis auf die kleinen Fähren sind alle Verkehrsmittel Oslos vorhanden. Wir haben die Trikk, die Oslo-Variante der Straßenbahn, und…

….die T-Bane, kurz für Tunnelbane. Alle U-Bahnlinien bedienen das Verkehrskreuz Majorstuen. Super!

Das blaue T im weißen Kreis steht für T-Bane. Vorne links eine Werbung für Norwegens größte Tageszeitung „Aftenposten“, hinten rechts ein „Narvesen“, die große Kioskkette des Landes.

Das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs wird ergänzt durch zahlreiche Busse…

…und wer sportlich sein will, nimmt das Oslo Sykkel:

Abgesehen vom Fahrrad ist man mit allen anderen Verkehrsmitteln in wenigen Minuten ostwärts im Stadtzentrum und in nur 15 Minuten mit Skien bepackt mitten im schönsten Waldgebiet. Daran kann man sich gewöhnen.

Auch für das literarische Wohl ist in Majorstuen gesorgt: Direkt hinter der T-Bane-Station liegt die Filiale der Deichmanske Bibliothek.

Wer nach Erlösung sucht, ist auch in Majorstuen an der richtigen Stelle. Das Hauptquartier der Heilsarmee-Korps Majorstua liegt am Kirkeveien.

Von der T-Bane-Station Richtung Heilsarmee und dann noch ein paar Schritt weiter und der Frognerpark und damit die Grenze von Majorstuen ist erreicht. Frogner beginnt. Die Häuser werden zu Villen, Botschaften tauchen auf und die Kaffeeketten weichen exklusiveren Designermöbelläden. Ich biege in den Frognerpark ab und mache mich auf den Weg nach Hause. Wo es heute abend laut werden wird, denn „Twilight“ hat Premiere im Colosseum-Kino.

(Wie funktioniert Product Placement eigentlich genau? Ich müsste mit diesem Bericht einiges verdient haben….)

Das war also eine ganz oberflächliche Führung durch einen Teil von Majorstuen. Seid Ihr noch da???? Ich hoffe, unsere kleine Tour hat Euch so gut gefallen wie mir. Es gibt immer etwas zu entdecken, wenn man genau hinschaut und damit bleibt alles immer neu. Und das ist gut so.

Ich bin gespannt, wann unsere Suche nach einer neuen Bleibe erfolgreich sein wird, wie oft ich zwischenzeitlich noch meine Meinung zwischen Stadt und Vorstadt ändere und wo wir schließlich ankommen werden. Spannend bleibt es auf jeden Fall. Falls jemand jemanden kennt, der eine 3-Zimmer-Wohnung in einem schönen alten Stadthaus in Majorstuen vermietet, MELDET EUCH!!!! Ganz zum Schluss noch ein Foto, das mich seit unserem Einzug hier zum Lachen bringt. Wo wir Deutschsprachler mit unserem Hund Gassi gehen, machen die Norweger etwas anderes:

Ich wünsche Euch eine schöne Woche, lüftet mal wieder Euren Hund, guckt Euch genau um und überlegt, was Eure Nachbarschaft so besonders macht! Besondere Grüße gehen diese Woche an Katrin und Maik, die nächste Woche ans Ende der Welt reisen, statt mit uns Feuerzangenbowle zu trinken! Kommt heile an und, Dudes, viel Spaß!

Ha det bra,

Ulrike

Von olympischen Neuheiten, norwegischen Straßenverhältnissen und der Macht des Slaloms

Eine neue Sportart wird bei den kommenden Olympischen Spielen im russischen Sotchi alle Rekorde brechen: FGS. Fußgängerslalom. Im Schatten von Skilanglauf und Eisskaten entwickelte sich diese urbane Hate-Sportart im Herzen von Oslo. Auf der Karl Johans Gate. Ich bin Anwärterin auf die Goldmedaille.

Hallo Ihr lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute sollte es eigentlich um die Inhalte der norwegischen Tageszeitung „Aftenposten“ gehen, doch aktuelle Ereignisse fordern ihren Tribut.

Ich habe eine neue Sportart erfunden. JAWOHL! Eine derartig bahnbrechende Neuigkeit muss natürlich gewürdigt werden und die Aftenposten läuft uns ja nicht weg. Nächsten Freitag gibt es bestimmt auch Nachrichten und dann kümmern wir uns darum. Nun aber zu meiner Erfindung oder vielleicht „Verbesserung“. Irgendwo hat irgendwer bestimmt die gleiche Idee gehabt. Seid Ihr bereit? Los geht’s!

FGS: Fußgängerslalom!!

Fußgängerslalom erfordert mentale Fitness, Reaktionsschnelle und die Schauspielkunst einer Meryl Streep. (Das allerdings nur im Anfangsstadium). Sie ist aus einem alltäglichen Bedürfnis heraus entstanden:

ICH MÖCHTE IN DER STADT BUMMELN UND ZWAR IN RUHE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Aber der Reihe nach:

Wie viele von Euch wissen, zieht sich die Prachtstraße der norwegischen Hauptstadt, die Karl Johans Gate, auf gut zwei Kilometern vom königlichen Schloss bis zum Hauptbahnhof Oslo S. Vom Schloss herab führt sie vorbei am Nationaltheater, Grand Hotel, Stortinget, H&M, Cubus, Domkirche, Subway bis sie an der Tigerfigur kurz vor der Bahnhofshalle endet. Im oberen Teil ist sie mit Bäumen gesäumt, im unteren mit…..

LAUTER LEUTEN, DIE WERBUNG MACHEN ODER BETTELN ODER SINGEN ODER SCHLIMMERES!!!!!

Entschuldigung.

Contenance.

ARRRRRRRRRRRRRGHHHHHHHHHHHHHHHH!

Es nimmt mich ein bisschen mit.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Ausatmen.

Ich bin ein Baum.

Besser.

Es ist nun seit einiger Zeit so, dass es unmöglich geworden ist, die Prachtstraße ungehindert entlang zu flanieren. Artgenossen in verschiedenen Alters- und Geschlechtsklassen haben es sich zum Ziel gemacht, mich über ihre Weltanschauung, ihre Fähigkeiten, ihre Zeitschrift zu informieren. Ein ehrenvoller Gedanke, der nur ein winziges Problem mit sich bringt:

ES KÜMMERT MICH NICHT! NICHT DIE BOHNE!! NADA! NIX! NOTHING!

Ich will weder Greenpeace beitreten, noch UNICEF-Unterstützer werden. Eine Mitgliedschaft bei Elixia-Sport ist genauso uninteressant für mich wie nepalesisches Yoga. Die Zeitschrift Folk er folk der folkloristischen Nomaden aus Rumänien kümmert mich nicht und, NEIN DANKE, ich will auch keine Aftenposten abonnieren. Operations Dagværk ist eine tolle Sache, aber ich spende NICHT 10 MAL!!!! Schön, dass der Bokhandel 50% Ermäßigung bietet und endlich, endlich, ENDLICH ein neuer Kaffeeladen in Oslo eröffnet. Alles toll, wirklich. LASST MICH IN RUHE!

Ich musste eine Lösung finden.

Erst habe ich versucht, die Karl Johans Gate zu umgehen. Dann dachte ich mir: PAH! Warum soll ich Platz machen?

Also habe ich begonnen, die aufdringlichen Artgenossen zu ignorieren. Das brachte Spannung ins Spiel. Ich ging hocherhobenen Kopfes in der Mitte der Fußgängerzone. Aus den Augenwinkeln nahm ich die feindlichen Stellungen wahr: Ein Zeitungsstand von Aftenposten. Ich legte ein mit Weltproblemen beschäftigtes Denkergesicht auf und setzte alle Zeichen auf Ignoranz. Niemand würde mich ansprechen. Ich kam den feindlichen Lagern immer näher. Würde die Maske halten? Der Wall brechen? Meryl Streep, steh mir bei……

„Hei hei, willst du eine Zeitung haben? Umsonst!“

NEIN!

Ich versuchte Ignoranz mit gesenktem Kopf, intensiv das Straßenpflaster studierend. Kurz danach kroch ich auf dem Boden herum und half der sichtlich geschockten UNICEF-Mitarbeiterin, in die ich frontal gerannt war, ihre Unterlagen vom Boden aufzusammeln.

UNNSKYLD!

Angriff ist die beste Verteidigung, beschloss ich. Mit offenem Lächeln flanierte ich die Straße entlang und wartete auf den ersten Artgenossen. AHA! GREENPEACE kam. Noch während der einführenden Worten nickte ich ihn begeistert an und erklärte, ich sei bereits Mitglied und dankbar für seine Arbeit. Das zog! Ich behauptete in den folgenenden Tagen auch Mitglied von AMNESTY, Abonnentin von K&K und Aftenposten und Unterstützerin der französischen Kultur in Norwegen zu sein.  Wirkte immer und brachte mir ein strahlendes Lächeln ein. Auf die Dauer ist diese Tour aber sehr zeitaufwändig. Von der sündigen Verlogenheit und meinem schlechten Gewissen mal ganz abgesehen.

ARGH!

Und dann entwickelte ich einen Weg, die störenden Artgenossen mit Spaß und Spannung zu umgehen: Der Fußgängerslalom war geboren!

Die Idee dahinter ist simpel, aber wie so oft: Die simplen Dinge im Leben machen am meisten Spaß!

Ich stellte mich also an den Beginn der Karl Johans Gate, auf Höhe des Nationaltheaters und scannte die Strecke: Operations Dagvaerk vorne rechts auf Höhe des Brunnens, Roma links vor Buchhandlung Tanum, Unicef-Leute zwischen dem Grand Hotel und Magazin Dressmann, Aftenposten-Stand links vor der BOK- Buchhandlung. Mein Ziel: Ungehindert von der Karl Johan links in die Akersgata einzubiegen. Ich ließ die Schultern und den Kopf kreisen, atmete tief ein und ging los. Meinen Blick immer auf die Hindernisse gerichtet. Gerade, gerade, gerade, links vorbei, gerade, gerade, gerade, scharf rechts vorbei, Schussabfahrt, knallhart rechts, leichter Streifzug („Hei, hei, vil du….“), gerade, gerade, Ziel vor Augen, links einordnen, gerade, scharf links und…..ZIIIIIIIEEEEELLLLL!!!!!!!!!!!!!

Ja und so mache ich das seitdem. Ich plane Jacques Rogge von meiner Erfindung zu informieren und bin sicher, dass Fußgängerslalom eine olympische Zukunft hat. Spaß macht es auf alle Fälle, ist sowohl im Sommer als auch im Winter spielbar und eignet sich für jede Fußgängerzone weltweit. Manchmal kann man eben Dinge nicht ändern, aber die eigene Einstellung dazu.

Probiert es aus!

Das war es schon wieder meine lieben Leser, ich hoffe, Euch angesteckt zu haben und bald im ständig wachsenden FGS-Club begrüßen zu können! Ein turbulenter Monat steht bevor mit Christkindlsmarkt, Wohnungssuche, Theatergruppe, Kinderkirche und vielem mehr. Ich freu mich darauf, wünsche uns allen eine schöne Woche, lasst Euch vom November nicht unterkriegen und trainiert FGS – es ist den Spaß wert!

Die wöchentlichen Grüße gehen heute an meine Freundin Sabine, die heute Geburtstag hat! Hipp Hipp Hurrah Bine!!!

Ha det bra,

(Tatsächliches Mitglied bei NOAH und SOS Kinderdorf)

Ulrike