Skandal am Königshaus wegen Schulwechsel ODER Wer will schon immer gleich sein?

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Kurz vor dem alle Jahre wiederkehrenden, umsatzschwachen Sommerloch fiel der norwegischen Presse noch eine Sensationsmeldung auf die Schreibtische: Kronprinz Haakon und Gattin Mette-Marit ließen verlauten, ihre beiden Kinder werden ab Herbst 2014 Privatschulen besuchen.

Privatschulen????

Skandal!!!

Hallo meine lieben adelstreuen Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. ENDLICH mal ein Blog über die Königsfamilie! Gleichzeitig aber auch ein Einblick in die norwegische Seele, das norwegische Schulsystem und die Macht der Presse. (Dies als Köder für alle, die beim Thema Königsfamilie gelangweilt wegklicken wollen.)

Fangen wir am Anfang an. Da ist bekanntlich das Wort, in diesem Fall: Folkelig. Das ist ein schwer zu übersetzender norwegischer Begriff und bedeutet, grob gesagt, volksnah. Wer folkelig ist, ist wie alle anderen. Und DAS ist gut so. Besonders von der Königsfamilie wird erwartet, dass sie folkelig ist. Immerhin ist die gesamte Monarchie vom Volk beschlossen worden und da darf man jawohl erwarten, dass die im gelben Schloss sich nicht soviel auf ihren Status einbilden.

Gleichheit mag vielleicht ein Recht sein, aber keine Macht vermag sie in die Tat umzusetzen.

Honoré de Balzac (1799 – 1850), französischer Philosoph und Romanautor

Nun gibt es aber ein Paradox: In §5 des norwegischen Grundgesetzes steht, dass der König heilig ist („Kongen er hellig.“). Und da kann ein Heiliger noch so volksnah sein, heilig bleibt er trotzdem und schwebt damit, metaphorisch ausgedrückt, ein paar Meter über dem Erdboden.  Ein anderes Paradox ist, dass die Königsfamilie selbstverständlich in einer Welt voller Privilegien lebt, Privilegien sowohl sozialer als auch ökonomischer Natur. Und damit sind sie nicht allein, denn so sehr die Norweger auch vom Janteloven – dem Gleichheitsgesetz – träumen, gibt in Realität natürlich immer Leute, die reicher sind, besser vernetzt, angesehener. Und damit weniger gleich. Die Königsfamilie versucht seit Jahrzehnten, die Balance zwischen sozialer Vormachtstellung und Volksnähe zu schaffen. Unvergessen die Straßenbahn-Fahrt von König Olav 1973 während der Ölkrise. Wie Ole Nordmann (der gewöhnliche Norweger) saß das Staatsoberhaupt neben seinen offensichtlich begeisterten Untertanen und zückte seine Geldbörse, um ein Ticket zu kaufen. (Dass er die übrigen Jahrzehnte seines Lebens in Luxuskarossen durch die Weltgeschichte oder Norwegen fuhr, blendete das Volk damals scheinbar aus.)

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Ähnliches gilt seit Jahrzehnten für den Schulbesuch der königlichen Sprößlinge.  Sowohl Kronprinz Haakon als auch seine Schwester Prinzessin Märtha Louise besuchten die öffentliche Schule in Smestad, in der bereits ihr Vater nach dem zweiten Weltkrieg die Schulbank drückte. Königin Sonja begann ihre Schulkarriere in einer Privatschule, wechselte aber dann ebenfalls zur Smestadt Schule und erreichte 1954 an der Realschule von Ris ihren Abschluss. Und bis zu diesem Sommer traf diese volksnahe Schulwahl auch auf die Kinder des Kronprinzenpaares, Thronfolgerin Ingrid Alexandra und ihren Bruder Sverre Magnus, zu. Beide besuchten – laut Königshaus ohne nennenswerte Probleme – die Jansløkka Schule in Asker bei Oslo.

Foto: Eivind Griffith Brænde

Ingrid Alexandras erster Schultag in Asker. Foto: Eivind Griffith Brænde

Der sie heute, am letzten Schultag, „Ha det“ gesagt haben.

Denn ab Herbst wird Ingrid Alexandra nach dem Willen ihrer Eltern die Internationale Schule Oslo besuchen, Sverre Magnus die Montessori-Schule Oslo. Diese Meldung wirkte wie ein Stich ins Wespennest. „Fjerner seg fra folket!“ titelte das linksfreundliche Boulevardblatt Dagbladet. Das Kronprinzenpaar entferne sich vom Volk – sei also, kurz gesagt, nicht mehr folkelig. Dabei sei es eine lange Tradition in Norwegen, dass das Königshaus Bescheid wisse über das Alltagsleben der Norweger. Mit dieser Entscheidung zur Schulwahl entferne man sich von dieser Tradition, so Torgeir Knag Fylkesnes von den Linken. Martin Kolberg von der Arbeiterpartei sah in der Entscheidung gar einen Schritt Richtung Ende der Monarchie. 100.000 norwegische Kronen koste allein die Internationale Schule pro Jahr, jaulte die Zeitung weiter, und was denn so schlimm wäre am weiteren Schulbesuch in der öffentlichen Schule in Asker?? Das Königshaus reagierte gelassen und begründete die Wahl für Prinzessin Ingrid Alexandra damit, dass sie „grundlegende Fähigkeiten erlangen soll, in Englisch zu denken, zu sprechen und zu schreiben.“ Die ironische Antwort von Politiker Fylkenes ließ nicht lange auf sich warten: „Man sollte glauben, dass Ingrid Alexandras Aufgabe als Prinzessin und spätere Königin von Norwegen sei, auf NORWEGISCH zu denken und zu sprechen.“

Die Fronten sind also verhärtet, an der Situation ändert sich aber nichts. Die norwegischen Königskinder gehen auf die Privatschule. Dem Willen ihrer Eltern gemäß.

Ich finde diese ganze Diskussion sehr spannend. Nicht, weil sie das Königshaus betrifft, aber weil sie einen Einblick in die norwegische Seele ermöglicht: Man kann gerne reich oder mächtig sein, aber das hat man gefälligst für sich zu behalten. Wie aber lässt sich dieses Ideal vereinbaren mit dem Wunsch der Eltern, für die bestmögliche und am besten geeignete Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen? Mit diesem Wunsch stehen Haakon und Mette-Marit ja nicht allein da. 30% der Schüler der Internationalen Schule Oslo sind norwegische Kinder (neben Kindern von Botschaftsangestellten und anderen ausländischen Angestellten hier in Oslo) mit norwegischen Eltern. Sie alle wollen eine international geprägte Ausbildung für ihre Kinder. Eine Ausbildung, die es so an norwegischen Schulen nicht gibt.

Und ja, dafür muss man dann eben bezahlen.

Und nein, das können nicht alle Eltern in Norwegen, auch wenn sie es gerne würden.

Und doch, das widerspricht dem Ideal der Gleichheit.

Deshalb kann all die Kritik, die seit Mittwoch durch die Foren der Onlineausgaben von Dagbladet oder Aftenposten schwirrt, in denen Mette-Marit als „snobistischer Emporkömmling“ bezeichnet wird, die allein verantwortlich für die elitäre Schulwahl ist; in denen die Monarchie als „auf dem absteigenden Ast“ bezeichnet wird  und in denen die öffentlichen Schulen gepriesen werden obwohl (oder gerade weil) sie „anscheinend für privilegierte Königskinder nicht geeignet sind“ – all diese Kritik könnte genauso gut den anderen norwegischen Eltern gelten, die diese Wahl für ihre Kinder getroffen haben. Sie alle sind nicht mehr folkelig.

Aber stimmt das? Sind sie nicht gerade dadurch volksnah, dass ihnen, wie allen norwegischen Eltern, das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt? Dass sie eine Entscheidung treffen, ohne auf die Kritik der Umgebung zu achten, weil sie das Beste für ihre Kinder wollen? Und geht es bei der Schulwahl wirklich um Prestige oder vielleicht doch eher um Qualität? Und wenn das so ist, warum verlieren die öffentlichen Schulen dann? Fehlt es diesen Schulen eventuell an individueller Betreuung und ausreichendem Personal? Vielleicht wird das Gleichheitsprinzip auch in den öffentlichen Schulen zu sehr in den Mittelpunkt gestellt. Aber es gibt nun einmal intellektuelle Unterschiede zwischen Schülern, so ist eben das Leben, und diese Unterschiede nicht zu beachten zugunsten eines abstrakten Gleichheitsprinzips – das ist doch hirnrissig. Ich muss mich damit näher befassen: Ein Blog zum norwegischen Schulsystem wird also folgen.

Die Diskussion wird hier in Norwegen weitergehen und ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Für den Moment sind die Fronten etwas verhärtet, an der Situation ändert es aber nichts. Und das ist auch gut so, denn wer will schon ein Königshaus, das sich zu sehr nach den Wünschen und Beschwerden seines Volkes richtet? Denn schließlich, um Ebba D . Drolshagens Buch Gebrauchsanweisung für Norwegen zu zitieren: „Ist sie (die Königsfamilie) zu normal, macht sie sich schnell entbehrlich…“ – und das wollen wir ja auch nicht!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser, mit unserem Ausflug in die norwegische Seele. Euch allen wünsche ich eine tolle Woche und meine wöchentlichen Grüße gehen mal wieder an Euch, meine Leser. Toll, dass Ihr da seid! Und besonders toll, wenn Ihr mich im Supermarkt ansprecht und mir erzählt, dass Ihr den Blog lest. Darüber freue ich mich den ganzen restlichen Tag! Macht es also gut, viel Spaß in den Ferien, bei der WM, im Garten, mit Freunden oder wo auch immer Ihr die Zeit verbringt.

Ha det bra,

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Ulrike

 

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Willkommen in Oslo, Herr Bundespräsident ODER Entschuldigung, wieso dürfen wir hier nicht rein??

publik.verdi.de

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Im Ausland wird der Mensch patriotisch. So komisch es klingt, so wahr ist es doch. Jedenfalls für mich. Ob die deutsche Nationalmannschaft im Curling in Kanada, ein deutscher Weihnachtsmarkt in Edinburgh oder deutsche Würstchen auf dem Markt in Oslo – ich bin gleich über alle Maßen begeistert.

Hallo, meine lieben patriotischen (?) Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. In dieser Woche erlebte ich eine Deutsche, die mit Kopfschütteln und Leidensmiene verkündete, sie wäre „nicht gerade glücklich, Deutsche zu sein.“ Ja, das ist natürlich schlecht. Reisende soll man aber bekanntlich nicht aufhalten und so schlage ich statt unterwürfiger Reue im Ausland einen Wechsel der Staatsbürgerschaft vor. Fertig! Aber das nur nebenbei. Weiter zu Joachim Gauck: Während der Bundespräsident und die First Lady heute nach Trondheim reisen, berichte ich Euch von der offiziellen Begrüßung am Mittwochmorgen vor dem königlichen Schloss.

Die begann sportlich. Wie das bei Menschen so üblich ist, siegte am Mittwochmorgen der Gruppentrieb: Auf der nördlichen Seite des Schlosses hatten sich um 9.20 Uhr die ersten Deutschen mit deutschen Flaggen und guter Stimmung versammelt. Das reichte als Zeichen für weitere Gruppenansammlung. Neben den ca. 100 Schülern der Deutschen Schule warteten also noch weitere Deutsche auf Einlass zu den Publikumsplätzen. Jeder, der eine solche Einladung vorweisen konnte…

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… durfte extra nah ran an den Mann.

Oder das Schloss.

Auf jeden Fall weg vom gewöhnlichen Gafferpöbel.

(Ja, blaue Einladungskarten vom Königlichen Hof machen arrogant. Was soll ich tun?)

Um 9.30 sollte der Einlass beginnen. Froh gelaunt knipsten wir die ankommende Königliche Garde, die berittene Polizei und uns gegenseitig. Die Sonne strahlte, die halbe Stadt war mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Blumenkästen dekoriert und unsere Laune war prächtig.

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Bis zu dem Moment, als um 9.30 Uhr die beiden Polizistinnen das verschlossene Absperrgitter öffneten und nur die Schüler und Lehrer der Deutschen Schule einlassen wollten.

„Wie? – Was??? – UND WIR????“ jaulten wir anderen los. Ja, das wüsste sie jetzt auch nicht, zuckte die blonde Polizistin die Schultern und schloss das Gitter wieder. Stände denn nichts auf der Einladung? Pff, tolle Idee, auf der Einladung!  Das hätten wir wohl gesehen, wenn da was stände, wir können ja schließlich lesen, oder was wolle sie damit andeuten und….

Oh…

Guckt mal, auf der Rückseite ist eine Karte. Also, die Schulkinder stehen rechts vor dem Schloss und wir anderen sollen…ach guck…nach links…zum südlichen Eingang…also genau auf die andere Seite.

Ratlos blickten wir auf die Absperrgitter vor uns, die sich hübsch glänzend vom Schloss aus die gesamte Karl Johan Gate hinunterzogen. Ich kalkulierte meine Fähigkeit mit dem dicken Bauch über das Gitter zu klettern: Gering, sehr gering. Außerdem wohl auch nicht gern gesehen bei den streng blickenden Sicherheitsleuten.

Ein entschlossener Mitarbeiter der Deutschen Botschaft hatte einen Plan: „Auf der Hälfte der Auffahrt stehen Polizisten, wir fragen, ob sie uns auf die andere Seite lassen.“ Ein Plan, endlich! Es folgte der stramme Marsch einer Gruppe Deutscher, die in geballter Entschlossenheit kurze Zeit später vor drei norwegischen und ahnungslosen Polizisten stoppte. Unsere Entschlossenheit auf die andere Seite zu kommen (und zwar schnell), traf auf höfliches Desinteresse. Bei den Polizisten. Nicht bei den umher stehenden Touristen, die uns neugierig betrachteten. Nach energischem Wedeln mit blauen Einladungskarten, ein paar gewechselten Sätzen ins Walkie-Talkie und aufgrund der generellen Gutmütigkeit der Norweger geschah es: Zum zweiten Mal an diesem Tag öffnete sich ein Absperrgitter vor uns. Diesmal durften wir durch!

Hätte das Königspaar in diesem Moment aus einem Schlossfenster geguckt, was hätten sie wohl von der Gruppe Deutscher gehalten, die gerade quer über die abgesperrte Auffahrt joggte? Wir werden es nie wissen und wir hatten auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn nun mussten wir die Auffahrt wieder hinauf, um dann endlich, endlich, am richtigen Platz zu landen. Keuch, keuch. Warum wir nicht einfach hinter den Schulkindern her auf die linke Seite gehen durften, ist ein Rätsel, das wir nicht lösen konnten. Stattdessen zuckten wir unsere Pässe und wappneten uns für eine gründliche Kontrolle. Zu der nur so viel: Dass kein Attentat auf König oder Bundespräsident verübt wurde, kann man nicht den beiden Sicherheitskräften verdanken, die uns hineinließen. Ins Parlamentsgebäude durfte ich nicht einmal ein Taschenmesser mitnehmen, aber ich hätte problemlos zwei Staatsoberhäupter samt Gattinen beim Staatsempfang auslöschen können. Weder mein Pass noch meine Tasche hat irgendwen interessiert. Nun gut, ich bin harmlos, da haben sie nochmal Glück gehabt.

Die Sonne brannte vom Himmel, als wir vor dem Schloss unsere Stehplätze einnahmen. Uih, so nah dran am Geschehen!

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Mitleidig fiel mein Blick auf die Garde, deren Mitglieder seit über 25 Minuten bewegungslos in der Hitze standen. Natürlich in voller Uniform und mit Hut. Von links erschien nun eine norwegische Delegation, von denen ich nur den Osloer Bürgermeister Fabian Stang erkannte. Brav nahmen die VIPs Aufstellung am roten Teppich. Wenige Minuten später erschien das Königspaar, er in voller Uniform, sie im cremefarbenen Ensemble mit passendem Hut. Die Glücklichen stellten sich im schattenspendenden Pavillon auf Position, den einige der schwitzenden Gardemitglieder wohl nur zu gern gestürmt hätten. Während Königin Sonja im Schatten bleiben durfte, nahm der König die Parade ab, dann begrüßten beide die VIP-Delegation und nahmen schließlich am anderen Ende des roten Teppichs Aufstellung.

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Mir war warm und einen Stuhl hätte ich auch gern gehabt. Jammer, jammer. Aber ich riss mich zusammen: Neben mir stand die hochschwangere Christina und wenn die nicht jammerte, dann musste ich Bauchküken mich auch zusammennehmen. Mal ehrlich!

Uh, Achtung, eine Wagenkarawane näherte sich!! Nach zwei weißen Polizeiwagen folgte die schwarze Staatskarosse und hielt genau vor den Füßen des norwegischen Königspaares. Die Türen öffneten sich und unter lautem Jubel entstiegen Joachim Gauck und Daniela Schadt. Kronprinz Haakon, der die beiden offensichtlich abgeholt hatte, schloss sich der gutgelaunten Gruppe an, die sich gleich viel zu erzählen hatte.

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Im schützenden Schatten angekommen, erklangen die beiden Nationalhymnen. Warum singen wir Deutschen eigentlich nicht mit? Oder machen wir es nur, wenn wir in großen Gruppen sind? Oder nur beim Fußball? Oder wie oder was? An diesem Morgen hörte ich um mich herum auf jeden Fall nur Stille. Komisch. Ob die beiden Ehrengäste sangen, konnte ich leider nicht erkennen. Nach dem letzten Ton wiederholte sich die Prozedur, die vorher der König allein unternommen hatte: Abnahme der Garde, Begrüßung der VIPs. Dann lenkte der König seine Gäste zu den wartenden Schulkindern, die in begeistertes „Hipphipphurra“ ausbrachen. Der Bundespräsident zeigte sich ebenfalls begeistert, ließ sich auf Selfies mit den Schülern ablichten, fragte und erzählte und nahm sich Zeit.

Dann ging er mit dem König gemeinsam ins Schloss.

Äh…

Hallo??…

Herr Gauck? Joachim?? Jojo?? Wir sind auch noch da, hier links auf der anderen Seite.

Hatte er etwa gehört, dass wir die Hymne nicht mitgesungen hatten? War er einfach müde und wollte raus aus der Sonne? Was immer es war, der Bundespräsident ging ohne weitere Wort hinein und ließ uns stehen.

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Aber wozu hat man eine First Lady? Und eine Königin? Daniela Schadt und Königin Sonja erwiderten unsere Grüße mit guter Laune und netten Worten, bevor sie sich ihren Männern anschlossen und endlich, endlich wieder in den Schatten durften.

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Immerhin!

Nur wenige Minuten später rollten Mitarbeiter den roten Teppich wieder ein und zwei Gardemitglieder sanken in eine gnädige Ohnmacht. Der ganze Zauber war vorbei. Aber – es hatte sich gelohnt.

***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich finde es immer wieder toll, was man hier in Oslo so erlebt. Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und viel Spaß bei der WM. Schon wieder eine Chance, patriotisch zu sein und so werden wir am Montag vor der Akershus Festung beim public viewing die Jungs von Joachim Löw lautstark anfeuern. Nach dem fast skandalösen Start gestern hoffe ich auf einen guten Schiedsrichter und natürlich ganz viele deutsche Tore. Allen Nicht-Fußballfans wünsche ich für die kommenden vier Wochen starke Nerven – immerhin gibt es dieses Mal keine Vuvuzelas.

Ha det bra,

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(keine Ahnung, warum ich so schmerzverzerrt grinse…..)

Ulrike

Norwegische Nationalgerichte aus Ulrikes Küche ODER Heute gibt es Rømmegrøt!

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Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann folgt ein bestimmtes: „Gut, dann esse ich Brot heute oder hol‘ mir eine Pizza.“ Martin, mein unerschrockener Partner in allen kulinarischen Lebenslagen, lässt mich im Stich. Und das nur, weil ich angekündigt hatte, ein neues Rezept auszuprobieren.

Hallo, meine lieben hungrigen Leser und willkommen in meiner Küche! Schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Blog geriet ein bisschen sehr persönlich in den letzten Wochen und da ich vermute, dass sich viele nicht unbedingt für Neues vom Mammayoga sondern für Neues aus Norwegen interessieren, musste mal wieder ein typisch norwegisches Thema her. Dachte ich so. Nur was? Die Auswahl ist so groß! Wie immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann, esse ich eine Kleinigkeit, das hilft ungemein beim Denken und so komme ich nach nur drei Erdbeeren auf die Idee, mal wieder ein norwegisches Nationalgericht zu kochen.

Gesagt, getan. Mein erster Weg führt mich also in die Majorstuen-Filiale der Deichmanske Bibliothek auf der Suche nach meinem Lieblingsbuch…

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…das ich mir aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht gekauft habe. Ich blättere also durch die bekannten Seiten auf der Suche nach einem unbekannten Gericht. Auf Seite 90 werde ich fündig:

Rømmegrøt!!!

Ich habe immer nur davon gehört, es aber weder selbst gegessen noch gekocht, aber es scheint das zu sein, was ich suche, denn mein Buch schreibt: „Rømmegrøt hører til blant de norske nasjonalretter.“ Die weiße Masse gehört also zu den Nationalgerichten des Landes. Zwei Rezepte werden angeboten: Eines aus dem südlichen Trøndelag, wo meine Lieblingsstadt Trondheim liegt…

und eines aus dem südlicher gelegenen Sogn und Fjordane…

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…an der Westküste mit dem Namen Rømmegrøt aus Sogn und Fjordane.

Der Unterschied zwischen den beiden Rezepten besteht darin, dass im Trøndelag nur Rømme, Milch und Mehl verwendet werden, an der Westküste werden noch gryn (Hartweizengrieß) und Ei zugegeben. Hm. Hört sich vielversprechender an, finde ich und entscheide mich für das zweite Rezept. Guter Dinge verabschiede ich mich aus der Bibliothek und mache mich auf den Weg zum Supermarkt. Meine Einkaufsliste ist kurz, aber ungewöhnlich:

Hartweizengrieß

Eier

Milch

Rosinen

Schinken

Zimt

und natürlich Rømme.

(An dieser Stelle ein dickes Danke an meine Freundin Eva, die mir gestern dern Trick verraten hat, wie ich auf einer deutschen Tastatur das norwegische „ø“ tippe. Alt plus 155. Genial. Gerade heute, wo ich gefühlte 1000 Mal Rømmegrøt schreibe. DANKE!!!)

Rømme also.

„Himmel, was ist denn dieses Zeug, von dem sie die ganze Zeit schreibt??????“, höre ich Euch Nicht-Norweger genervt rufen.

‚Tschuldigung.

Da muss man ja nicht gleich so laut werden.

Ich bin sensibel.

*schmollt*

HätteschonnocherklärtwasRømmeististjawohlklaraberesgehtjnichtimmeralles-

sofortsoeinArtikelfolgtjaaucheinemrotenFadendenmussmanbeachtenmenno.

*schmollt*

Ok, fertig geschmollt!

Rømme gibt es nur in Norwegen und kann am ehesten mit Creme fraîche verglichen werden, aber das trifft es genauso wenig wie das norwegische Kesam und deutscher Quark dasselbe sind. Die weiße Masse wird aus Sahne oder einer Mischung aus Vollmilch und Sahne hergestellt, die dann mithilfe von Baktierenkulturen angesäuert wird. Normale Rømme hat einen Fettgehalt von 18-20%, die sogenannte Seterrømme liegt bei hüftfreundlichen 35%.

Ratet, welche ich verwenden werde?

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Was sonst?

Rømme hat eine dicke Konsistenz und riecht säuerlich-frisch. Ähnlich wie Creme fraîche wird es in unterschiedlichen Rezepten verwendet, aber gern auch als Dip oder auf Waffeln. Anders als Creme fraîche dient es in Norwegen aber auch als Grundlage für eine komplette Mahlzeit. Als ich das erste Mal davon hörte, stellten sich meine Nackenhaare auf. Warme „Creme fraîche“ mit Mehl und Milch???

Nein, danke.

Aaaaber, Ansichten ändern sich ja und nun stehe ich also in meiner Küche und breite meine Schätze vor mir aus.

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Das Rezept ist mehr als einfach. Seterrømme in den Topf, drei Minuten kochen lassen, Hälfte des Mehls dazu, kräftig rühren. Fünf bis zehn Minuten weiter kochen lassen, bis sich eine Schicht flüssiges Fett absondert. Die abschöpfen und warm stellen. Ei und Milch verrühren. Zusammen mit dem Hartweißengrieß und dem restlichen Mehl in den Topf und auf schwacher Hitze für eine Stunde köcheln lassen. Mit Rosinen, Zucker, Zimt, gehacktem Ei, Schinken und flatbrød (superdünnes Knäckebrot) servieren.

Es schüttelt mich ein bisschen.

Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zaudern ist der Dieb der Zeit und überhaupt…los jetzt!

Nach einigen Minuten blubbert die Rømme fröhlich im Topf und ich füge „1 dl Mehl“ hinzu. Witzig, oder? Die Skandinavier messen Mehl in Deziliter und um das auch abmessen zu können, gibt es ein Set von kleinen Löffeln. Hatte ich mir vor Monaten gekauft, aber noch nie benutzt. Nun ist es dran. Ab mit dem Mehl in die Blubbermasse und aufs Fett warten.

Kennt Ihr das? Man wartet darauf, dass Wasser kocht oder Nudeln gar werden oder die Pizza schön golden braun und je länger man zuguckt, umso langsamer scheint es zu gehen. So auch diesmal. Die Masse blieb weiß. Deckel drauf, mein Reh auf 7 Minuten gestellt und stattdessen Ei gepellt. Nun ein guter Tipp von mir: Habt Ihr jemals Rømme und Mehl zusammen in einem Topf lasst es nicht – ich wiederhole: NICHT! – für mehrere Minuten unbeaufsichtigt.

Interessanter- und unerwarterterweise brennt das verfluchte Zeug nämlich an.

Fluchend wechsle ich Töpfe und lasse die Blubbermasse nicht mehr aus den Augen.

Aber dann ein Erfolg: Ein kleines Fettrinnsal zeigt sich am Blubbermassenrand. Eureka!!!! Ich warte noch einen Moment und schöpfe den Fettfluss dann mit einem Löffel ab. Das heben wir auf für später! Der Geruch aus dem Topf ist….sagen wir es höflich….ungewöhnlich. Aber ich mache weiter. Die restlichen Zutaten in den Topf und schwach köcheln lassen für eine Stunde.

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Eine Stunde? Pffffff….was mache ich denn eine Stunde lang?

Zuerst die Küche aufräumen. Ich hasse unordentliche Küchen oder Arbeitsflächen. Im Harbour House Restaurant in Kanada und in einem meiner Lieblingsanimationsfilme Ratatouille habe ich gelernt: „Always keep your work station clean!“ Es gibt Leute, die kochen und schaffen es hinterher zu essen, obwohl die Küche aussieht wie nach einem Wirbelsturm. Kann ich nicht. Putz, putz. Widerstrebend entsorge ich den Milchkarton in der Altpapiertasche. Daran werde ich mich hier in Norwegen nie gewöhnen: Getränkekartons sollen ins Altpapier! Aber der Deckel, der kommt in den gelben – hier in Norwegen blauen – Sack. Unsinnig.

Ich rühre um und etwas Erstaunliches passiert: Ich bekomme Appetit, die Blubbermasse zu probieren. Hilfe! Schnell wieder Deckel drauf. Noch 45 Minuten.

Mein Magen gluckert. Um mich abzulenken, greife ich zum Strickzeug – auch hier bin ich gerade ganz norwegisch und stricke aus dem Buch meiner Lieblingsstricknorweger Arne und Carlos Strikk fra Setesdal. Himmel, bin ich heute häuslich – das scheint die Nestphase zu sein! Ran an die Nadeln und weiter am Bein gestrickt:

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Plötzlich klingelt mein Reh.

Ich gucke verwirrt.

Meine Reh-Küchenuhr scheint ins Wochenende zu wollen, denn es können unmöglich schon 60 Minuten vergangen sein. Doch, laut Reh schon. Ich werde misstrauisch und stelle das Reh auf 15 Minuten.

5 Minuten später klingelt es mir freundlich entgegen.

Hilfe, mein Reh ist kaputt!!! Das war eine Tchibo-Sonderedition, das bekomme ich nie mehr, das geht doch nicht!!! Ich stelle es in eine dunkle Ecke zum Beruhigen und hoffe auf ein Wunder. Die Blubbermasse sieht nicht viel anders aus als zu Beginn. Ok, noch 30 Minuten, entscheide ich. Whatever. Rühr, rühr, Magen knurr.

30 Minuten später hat der Strickbär ein zweites Bein und ich habe richtig Hunger. Das Rømmegrøt-Zubehör steht bereit…

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und ich werfe einen letzten Blick auf das Foto im Rezeptbuch.

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Blubbermasse auf den Teller, warmgestelltes Fett an den Rand, gehacktes Ei darüber, Rosinen verteilen und abschließen mit Zucker und Zimt. Auf einem extra Teller: Schinken und flatbrød.

Mein Magen schweigt plötzlich stille und skeptisch sitzen wir gemeinsam vor unserer Kreation. Immerhin sieht es aus wie auf dem Foto. Schluck.

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Here goes nothing, denke ich. Und: Geronimo!

Ich greife entschlossen nach dem Löffel und beginne zu essen. Meine Geschmacksnerven reagieren verwirrt auf die ungewohnte Mischung, trauen sich aber weiter raus, werden mutiger, beginnen zu entdecken und dann:

LECKER!!!!!!

Der säuerliche Geschmack der Rømme zusammen mit dem Ei und den Rosinen ist köstlich! Mit einem Stück Schinken wird es sogar noch besser. Und das flatbrød nimmt den Fettgeschmack ein bisschen weg! Das gibt es doch nicht, das ist richtig, richtig, richtig lecker!!

Für ungefähr 6 bis 8 Löffel voll. Dann schlägt das Fett zu und mein Magen sendet Bitte um Nothalt. Ich bin schon satt. Aber ganz glücklich. Was für eine Entdeckung. Nächstes Mal koche ich eben die nur die Hälfte. Ich stelle den Rest vom Rømmegrøt später in den Kühlschrank – neben die Fischbuletten, die Martin heute Abend bekommt.

Ich bin ja kein Unmensch 🙂

Vielleicht habt Ihr Lust bekommen, das norwegische Nationalgericht nachzukochen. Hier das Rezept:

1 l seterrømme

2 dl Mehl

5 Esslöffel Hartweizengrieß (gryn)

1 Ei

½ l Milch

Beilage: Rosinen, gehacktes Ei, geräucherter Schinken, Zimt und Zucker, flatbrød.

Zubereitung: Seterrømme in den Topf, Deckel schließen, drei Minuten bei kochen lassen, Hälfte des Mehls dazu, kräftig rühren. Fünf bis zehn Minuten weiter kochen lassen (Deckel drauf!), bis sich eine Schicht flüssiges Fett absondert. Die abschöpfen und warm stellen. Ei und Milch verrühren. Zusammen mit dem Hartweißengrieß und dem restlichen Mehl in den Topf und auf schwacher Hitze für eine Stunde köcheln lassen. Mit Rosinen, Zucker, Zimt, gehacktem Ei, Schinken und flatbrød (superdünnes Knäckebrot) servieren. Vel bekomme!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit viel Sonne, neuen Eindrücken und ganz viel Lachen. Und immer daran denken: Nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht“ zu leben, verhindert vielleicht die leckersten Überraschungen.

Ha det bra,

Rommegrot

Ulrike