Alle an die Besen! ODER Heute ist dugnad und ich kann nicht hin.

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Stell dir vor, es ist dugnad – und du kannst nicht hin.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen.  Es gibt in jeder Sprache und Kultur Begriffe, die nicht übersetzbar sind. Jedenfalls nicht hundertprozentig. “Heimat” bedeutet sehr viel mehr als nur der Platz, aus dem jemand stammt. “Torschlusspanik” ist ebenso unmöglich zu übersetzen wie “Schadenfreude” und was genau eigentlich “hyggelig” ist, wissen wohl nur die Skandinavier selbst.

Nun also dugnad. Ein typischer norwegischer Begriff. Ein Wort, das einem als Ausländer hier schon nach kurzer Zeit im Land über den Weg läuft, etwas, das alle tun und kennen. Dugnad? Laut Lexikon kommt der Begriff aus der isländisch-norwegischen Mittelaltersprache norrønt und bedeutet: Hilfe. Aha. Kurz gesagt ist ein dugnad eine Art Zusammenkunft, wo Menschen gemeinsam etwas reparieren, sauber machen oder aufräumen. Dugnads finden in Wohnblocks statt, bei Sportvereinen, Kindergärten, in Schulen oder Kirchengemeinden. Meinen ersten dugnad  hatte ich in der Deutschen Gemeinde Oslo und da das Wort dugnad in meinem Kopf das Wort bunad (Tracht) traf, dachte ich zuerst, es ist ein Fest in Tracht. Bis mir dann von einer Frau in Gummistiefeln ein Besen in die Hand gedrückt wurde.

Ein dugnad beinhaltet körperliche Arbeit drinnen oder draußen und wird geleistet von Menschen, die einer bestimmten Gemeinschaft angehören. Dabei handelt es sich um Arbeit, die man schwierig alleine durchführen kann. Und so kann es passieren, dass die Chefin der Osloer Börse mit dem serbischen Busfahrer die Kindergartenfassade neu streicht, denn beim dugnad sind alle gleich.

Naja, jetzt schieße ich vielleicht etwas über das Ziel hinaus. Verzeihung. Aber THEORETISCH wäre das obengenannte möglich.

Im Jahr 2004 veranstaltete der norwegische TV-Sender NRK eine Sendereihe mit dem Titel “Typisk norsk” und die Zuschauer sollten ur-norwegische Begriffe vorschlagen und am Ende einen Gewinner wählen. Es gewann – Ihr ahnt es schon – der Begriff dugnad. (Weitere Kandidaten waren übrigens laut Wikipedia: koselig, matpakke und – das ist jetzt nur zu verstehen, wer schon mal mit einem Norweger gesprochen hat – jah (beim Einatmen). Nicht nur wir Ausländer finden also, dass dugnad etwas typisch norwegisches ist.)

Letzte Woche war in Gesas Kindergarten dugnad. Zwei Wochen vorher erreichte mich eine Email des Elternvorstands, doch bitte den 21.9. von 16-19 Uhr freizuhalten. Ein paar Tage vorher klebten Listen am Ausgang des Kindergartens mit zu verteilenden Aufgaben: Regale sollten geputzt und verrückt werden, der Hof gereinigt, die Fenster geputzt und die große Frage am Tag vorher erreichte mich per SMS: Wer kann einen Hochdruckreiniger mitbringen?

Nun hatten wir aber folgendes Problem: Martin war in Stavanger. Gesa ist in totaler MammaPappa-Phase und gerade nicht babysitterfähig. Wie sollte ich da also beim dugnad mitmachen?  “Na, die Kinder sind dabei!” lautete die selbstverständliche Antwort der Elternvorsitzenden auf meine Frage. “Ab 16.30 haben wir auch Kinderprogramm mit Schminken und Würstchen grillen!”

Ach guck. Wieder was gelernt. Gesa könnte also mitkommen – aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es wäre zuviel für die kleine Motte den eh schon langen Kindergartentag noch um einige Stunden zu verlängern. Ich überlegte lange hin und her, entschied mich dann – mit schlechtem Gewissen – gegen den dugnad. Für Norweger vielleicht unverständlich, für Ausländer hier in Norwegen vielleicht nachvollziehbar: ich habe mir wirklich Gedanken gemacht! Wir sind die einzigen ausländischen Eltern in der Gruppe, wir sprechen Deutsch mit Gesa, ich arbeite (noch) nicht – irgendwie hatte ich das Gefühl, es wäre wichtig ein Zeichen zu setzen. Pro-Norwegen usw. Mit schlechtem Gewissen sagte ich also bei einer der Erzieherinnen ab.

“Ja, det er helt greit!” bekam ich als Antwort. Kein Problem! Ob ich vielleicht einen Kuchen backen soll oder ähnliches, fragte ich nach. “Ach, nein, das brauchst du nicht. Ehrlich, kein Problem.”

Hm.

Nun frage ich mich: Ist der dugnad doch nicht mehr so wichtig in der norwegischen Gesellschaft? Sehen wir Ausländer ihn wichtiger, als er tatsächlich ist? Kommt es darauf an, WO und von WEM er organisiert wird – wäre es also “schändlicher” nicht zum dugnad meines Wohnblocks zu gehen als im Kindergarten abzusagen? Was ist mit den Geschichten von Nachbarn, die stummer Ignoranz ausgesetzt waren, weil sie nicht zum freiwilligen…“freiwilligen“(?)… Arbeitseinsatz erschienen sind? Alles übertrieben?

Fragen über Fragen. Eigentlich schade, dass es diesmal nicht geklappt hat. Wann hat man ansonsten die Gelegenheit, die anderen Eltern und Mitarbeiter besser kennenzulernen? Und gemeinsam an etwas zu arbeiten stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl (Hallo, Galgenraten!), ikke sant? Nächstes Mal werde ich bestimmt dabei sein.

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser. Der  Herbst ist da und hat das letztlich noch sonnige Oslo in graue Regenwolken gehüllt. Ganz viel Sonne schicke ich heute nach Norddeutschland zu Ines und Jan – habt eine ganz wunderbare Hochzeit, wir denken an Euch!!!

Uns allen wünsche ich eine tolle Woche, was tut Ihr für die Gemeinschaft, habt Ihr Erfahrungen mit dugnads, oder was haltet Ihr davon? Mein norwegischer Sprachbuddy und ich gehen jetzt mal lunsj essen.

Ha det bra,

max

Ulrike og Max Kattepus

 

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8 Kommentare zu “Alle an die Besen! ODER Heute ist dugnad und ich kann nicht hin.

  1. Liebe Ulrike,
    ich will dich nur „vorwarnen“: Bei uns im Kindergarten kann man die dugnad auch absagen bzw. sich gar nciht erst dafür melden – da man aber pro Halbjahr 10 Stunden „freiwillige Arbeit“ leisten muss, schafft man das manchmal ohne dugnad-Teilnahme nicht (ansonsten im Angebot: Mitarbeit beim Basar oder bei ähnlichen Festivitäten). Wenn man also ein Halbjahr nix macht, muss man stattdessen 1.000 NOK an den KiGa zahlen. Irgendwie schien das bei uns im KiGa jeder zu wissen, außer uns natürlich. Es wurde zumindest nirgendwo kommuniziert. Das ist natürlich keine generelle Regelung, sondern nur bei uns so – aber vielleicht gibt es bei euch auch so was. Vielleicht halten dich aber auch alle für verrückt, wenn du deswegen nachfragst – oder du bringst sie auf Gedanken 😉
    Liebe Grüße mal wieder aus Bergen von Andrea
    PS: Ich habe das Projektmanagement für die Erstellung der neuen Website unseres KiGas übernommen und bin jetzt lebenslang von der dugnad dort befreit, auch wenn noch Geschwisterkinder kommen sollten. Aus dem 5-Stunden-Projekt wurde nämlich eine 60-Stunden-Mammutaufgabe 🙂

  2. Hallo Ulrike,
    irgendwie stehe ich gerade auf dem Schlauch oder du meintest was anderes, als das, was ich aus deinem Beitrag lese – das ist nämlich folgendes: du hattest das Gefühl, mitmachen zu sollen, hättest es wegen der „sozialen Komponente“ auch gerne, und Gesa hätte mit dabei sein können…. Mir wird dein Grund für deine Absage nicht so recht klar…?
    Das soll jetzt bitte nicht als Kritik daran verstanden werden, dass du abgesagt hast – ich versteh‘ es nur nicht so recht – um mal mit Hape Kerkeling („Hurz!“) zu sprechen: „ich glaube, mir fehlt der intellektuelle Zugang…“ 😜

    Da ich während meiner Zeit in Oslo noch kinderlos war, kenne ich „Dugnad“ nur aus der Wohnanlage – damals (Ende der 90er) war die Einsatzbereitschaft der Bewohner sehr durchwachsen, aber eine „Strafzahlung“ gab es meines Wissens noch nicht – wenn aber der erwartete Arbeitseinsatz klar kommuniziert wird, finde ich so eine Zahlung durchaus in Ordnung. Wäre hier in Deutschland auch nicht schlecht – es sind doch immer die gleichen (wenigen), die bei solchen oder ähnlichen Einsätzen dabei sind, aber den Nutzen der Arbeit haben dann ja auch die, die nicht mitgemacht haben…
    Ich fand Dugnad immer ganz nett, man hat was Nützliches getan und Leute kennengelernt, die man sonst (wenn überhaupt) nur vom Sehen kannte.

    Vielleicht klappt es ja beim nächsten Dugnad – man kann ja nicht in Norwegen leben, ohne mal dabeigewesen zu sein… 😉

  3. Das erinnert mich arg an die Gemeinschaftsarbeit, wenn man in einem Verein ist. Hier kann man sich, glaube ich, auch frei kaufen.

  4. Ich verstehe den Grund für die Absage leider auch nicht. Gerade weil es auch ein sozialer Tag ist, man alle kennenlernt, für die Kinder was getan wird und sogar noch gegrillt wird, so hast du am Ende vielleicht auch dir keinen Gefallen getan. Ich møchte dich auf keinen Fall mit schlechtem Gewissen belasten, aber ich kann mir schon vorstellen, dass der ein oder andere sich sagen wird „die Deutsche, die nicht gekommen ist“. Gerade weil ihr die einzigen ausländischen Eltern seid. Das erste dugnad finde ich daher auch das wichtigste. Danach kann man auch mal absagen, wenn es nicht anders geht. Bei dir kann ich keinen Grund erkennen. Vielleicht war es dir auch nur nicht so notwendig vorgekommen oder du hattest angst? Ich kann dir auf jeden Fall sagen, das es mehr um das soziale geht, als ums arbeiten. Denn im Normalfall gibt es viel mehr Teilnehmer als Arbeit. Ausser es steht was wirklich Großes an. Dir wird sicher niemand den Kopf abreißen, also nicht verzagen. Norweger kommen manchmal auch nicht, trotzdem viel Spaß beim nächsten Mal! 🙂

    • Hei Mel, ja, das hatte ich bei einem anderen Kommentar auch schon geschrieben, da habe ich einen wesentlichen Gedanken für mich behalten. Gesa ist im Moment total „mammaig“ und jeden Tag froh, aus dem Kiga nach Hause zu kommen. Sie dort länger zu lassen, weil ich sozialen Pflichten nachgehen will, fand ich nicht richtig. Da galt es abzuwägen und ich habe mich für Gesas gute Laune und Zeit mit Mama entschieden. Sehe deine Punkte alle, aber Angst war nicht auf der Liste meiner Gedanken. Eher: Nicht so wichtig wie Gesa :). Wo in Norwegen wohnst du? Dir auch Spaß beim nächsten dudnad und Danke fürs Kommentieren und Lesen :).

  5. Was ist das Zeichen? Als nicht-Norwegerin und NichtInNorwegenWohnendeDeutsche fehlt mir offenbar ein entscheidendes Puzzle-Teil … Ebba

  6. Ich bin mal so jung und ignorant und sage: Ich kann total verstehen, dass du lieber bei Gesa geblieben bist!
    Ich lass meinen Sohn gern bei meinem Mann bei solchen Sachen aber wenn der nicht da ist, hätte ich auch abgesagt. Seien wir doch mal ehrlich selbst wenn es mot Kinderbetreuung oder ähnlichem ist…welches Kind bleibt denn beim Erzieher oder fremden Eltern wenn Mutti um die Ecke Fenster putzt?! Meiner jedenfalls nicht… Und mit ihm schaffe ich kaum was…also kann man auch lieber Ansagen, statt im Weg zu sein…

    Meine Meinung dazu.
    Liebe Grüße von der windigen Ostsee

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