König Harald wird 80! ODER Wer wird sich denn da vordrängeln?

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Brauner Mantel mit unechtem Pelzbesatz, schwarze Lederpumps, ein schiefsitzender, kleiner brauner Filzhut. Am rechten Handgelenk schwingt eine Michael Kors-Handtasche. Eine Brille mit starken Gläsern und Hornrand. Und dann kommt ein Lächeln. Ich weiche einen Schritt zurück. Es ist ein Lächeln wie bei Joey, der Gruselpuppe. Ok, ich lasse sie vor. Dann komme ich eben einen Moment später dazu, König Harald zu gratulieren.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen! Das norwegische Königspaar Harald und Sonja feiert 80. Geburtstag dieses Jahr. Er am 21. Februar, sie am 4. Juli. Der Gerechtigkeit wegen gibt es ein großes Fest am 10. Mai, quasi in der Mitte. Und während der König, fit wie ein Turnschuh, seinen runden Geburtstag in Südafrika verbringt, ist das Volk geladen, seinem royalen Staatsoberhaupt zu gratulieren. Aber nicht nur per Post oder email von der heimatlichen Couch – neihein, direkt im Schloss!

Na, da muss ich hin!

Ab 14 Uhr, lese ich auf der königlichen Internetseite, könne man sich im Schloss in ein Gratulationsbuch eintragen.  Prima, das passt mir gut, kurz hin, Glückwünsche eintragen, Selfie für den Blog und rechtzeitig wieder Zuhause sein, um mit Gesa die Mumins zu gucken.

Guter Plan.

Und ich bin auch noch ganz optimistisch, als ich am Schloss ankomme, denn da stehen nur ein paar verstreute Menschen vor dem Haupteingang. Kjell Arne Totland, der TV-Experte in Sachen Königshaus, der norwegische Rolf Seelmann-Eggebert sozusagen (der übrigens dieses Jahr auch 80 wird), Kjell Arne Totland steht also auch vor dem Schloss und lässt sich für seinen Heimatsender TV2 interviewen. Sehr lustig finde ich das, habe ich ihn doch eine Stunde vorher noch im Fernsehen gesehen. VIP-begeistert stelle ich mich also in die kleine Schlange vor dem Schloss.

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Hm.

Bei genauerem Hinsehen fällt mir auf, dass sich die Schlange durch den gesamten unteren Eingangsbereich zieht.

Naja, das wird schon schnell gehen, rein, ein paar Zeilen schreiben und wieder raus in die Sonne. Wie lange kann das dauern?

In den nächsten 15 Minuten bewege ich mich nicht einen Schritt.

Und werde unruhig.

Ich hasse es zu warten. Nicht ein “Oh man, Warten ist doof”-Ding, sondern ein komplett physischer Allkörperhass. Endlich, ein paar Schritte vorwärts. Ich kann zum ersten Mal ins Schloss gucken. Vor mir: Menschen, Menschen, Menschen. Alte und Junge, Männer und Frauen, Familien und Einzelgratulanten aus allen Schichten und Ländern. Rechts eine Treppe, die zur königlichen Bibliothek führt, in der die Gratulationsbücher ausliegen. Die Türen stehen weit auf und dort oben auch Menschen, Menschen, Menschen. Zwei livrierte Schlossangestellte regeln den Verkehr und scherzen mit Besuchern. Ein Fernsehteam vom NRK wartet auf willige Interview-Opfer.

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Ich zähle ca. 50 Leute vor mir. Alle zehn Minuten werden ca. 10 Leute nach oben auf die Treppe und in den nächsten Raum gewunken.

Das wird heute nichts mit den Mumins.

Schade. Mir ist öde. Ich merke, wie ich kindernörgelig werden.

Nörgel, nörgel, ich hab Hunger, ich muss Pipi, ich will Eis.

Und dann kommt sie.

Ich spüre  eine Berührung an meinem linken Ellenbogen und wie aus dem Nichts steht diese alte Dame vor mir. Wo kam die denn so plötzlich her, denke ich? Ganz selbstverständlich stellt sie sich zu der Familie vor mir. Na gut, gebe ich nach, da musste die Dame vielleicht mal die Füße vertreten und kommt eben jetzt zurück zu ihrer Familie. Das ist ja ok.

Aber plötzlich schwenkt sie nach rechts und macht sich auf den Weg zur Treppe. Der livrierte Schlossangestellte stoppt die Dränglerin auf der ersten Stufe. Sie wolle dem König gratulieren, erklärt sie lächelnd. (Mit diesem Lächeln!) Das sei sehr schön, erklärt der livrierte Held, das werde den König freuen, aber da müsse sie sich wie alle anderen auch anstellen. Die Vordränglerin guckt ihn lächelnd und verständnislos an. Er lächelt zurück. Alle halten den Atem an. Schließlich dreht sie um und kommt zurück in die Reihe. Lächelnd. Ihre angebliche Familie hat mittlerweile die Schlange verlassen, die Kinder hatten keinen Bock mehr zu warten.

Sie gehörte also gar nicht dazu!!!

Ab jetzt habe ich die Frau im Blick.

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Ihre Taktik ist professionell: Sie nähert sich der Person vor ihr und rückt ihr unangenehm nah auf den Pelz. Dazu tippeln die kleinen Füße in den schwarzen Lederpumps ungeduldig. So bleibt sie eine Weile stehen. Dann: Attacke! Ein kleiner Huster, ein Schwenk mit der Handtasche und schwupps, steht sie neben der Person und beginnt ein Gespräch. Das Touristenpaar, das sie eben überholt hat, verlässt ebenfalls die Schlange. Nächstes Opfer: Eine Frau in den 60ern, die nett und sympathisch aussieht. Plötzlich steht die Vordränglerin neben ihr. Die sympathische Dame, Line heißt sie, lerne ich später, Line also dreht sich mit hochgezogenen Augenbrauen um zu mir. “Unglaublich!”, flüstert sie. Ich schüttele lachend den Kopf. “Soll ich etwas sagen?” fragt mich Line. “Wir sagen etwas zusammen!” bestimme ich. Also sagen wir der Vordränglerin unsere Meinung und fordern sie auf, in ihrem Platz in der Reihe zu bleiben. Und der ist hinter mir! Das Lächeln wird breiter, aber bevor Worte kommen, stehen Line und ich wie die Chinesische Mauer vor ihr.

So, jetzt ist Ruhe.

Die nächsten 30 Minuten verbringen Line und ich im netten Gespräch. Sie ist Opernsängerin, erfahre ich, das ist natürlich super spannend und wir erzählen uns Anekdoten aus der Theaterwelt, bis wir endlich, endlich, die Treppe hinauf zur Bibliothek dürfen. Oben angekommen werden wir gebeten uns kurz zu halten bei unseren Glückwünschen, der Hof habe bereits zwei Gratulationsbücher ausgelegt, aber nicht mit so viel Andrang gerechnet. Es sei zwar wunderbar, dass so viele Menschen kommen, korrigiert sich die livrierte Angestellte schnell, sprenge aber etwas den Zeitrahmen.

Wir werden in die Bibliothek gebeten. Ich bin neugierig, was der König so liest. Eine riesige Sammlung mit norwegischen Gesetzen sehe ich, dazu die Geschichte der Ski-Nation Norwegen. Die massiven,  deckenhohen Regale sind offen, aber natürlich lassen wir die Bücher am Platz. (Obwohl es mir schon in den Fingern juckt!) Line freut sich über ein Buch aus ihrer Heimatregion, ich entdecke eine Märchensammlung, die so ähnlich bei uns im Regal steht.

Und dann ist es soweit! Wir sind dran!

In beiden Zimmern der Bibliothek steht ein Schreibtisch. Darauf liegt das schlichte Gratulationsbuch direkt neben einem gerahmten Portrait des Königspaares und einer norwegischen Flagge. Leider dürfen im Schloss keine Fotos gemacht werden, ich hätte sooooo gerne eins von mir am Schreibtisch gehabt.

Da sitze ich nun also. Mit Blick auf den Schlossplatz, mit Harald und Sonja rechts neben mir und mit einem Stift in der Hand. Ich schreibe…nein, das sage ich nicht…ich schreibe meinen Gruß, nicke dem König im Rahmen zu und gehe die Treppe hinunter. Auch Line hat ihren Gruß geschrieben und verabschiedet sich von mir. Das war eine nette Bekanntschaft. Ich trete hinaus in die Sonne und betrachte die lange Schlange, die sich mittlerweile auf dem Schlossplatz gebildet hat.

Vor mir geht plötzlich die Drängelerin. Ich frage mich, wie sie nun plötzlich schon wieder vor mir sein kann, aber dann gebe ich es auf und genieße die Sonne.

Gratulerer med dagen, Kong Harald!

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***

So, das war es für heute, meine lieben Leser. Falls Ihr am norwegischen Königshaus interessiert seid, die Internetseite ist sehr informativ und auch bei Facebook gibt es eine eigene Seite. Das Königspaar ist beliebt in Norwegen: 80 Prozent unterstützen, nach einer aktuellen Umfrage von TV2, das Königshaus. Was für ein schönes Geschenk zum 80. Geburtstag. Ich habe zu meinem Geburtstag (NICHT 80!!!) letzte Woche ein tolles Buch über das Königspaar bekommen – herausgegeben zu ihrem 25jährigen Thronjubiläum im letzten Jahr. “Alt for Norge” ist der Titel. Das Buch erzählt von den Reisen und Begegnungen in Norwegen und lässt Norweger mit ihren ganz persönlichen Geschichten zu Wort kommen. Von Kirkenes bis nach Kragerø. Danke, Kerstin!

Uns allen wünsche ich eine tolle Woche. Hier in Oslo strahlt die Sonne vom Himmel, passend zum Holmenkollen Skifestival. Genießt die Sonne, gönnt Euch etwas Königliches und seid nett zueinander!

Hilsen,

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Ulrike

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„Norge er dere. Norge er vi. Norge er ett.“ ODER Eine Rede zur Lage der Nation.

 

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aftenposten.no

Als ich gerade im KIWI einkaufen war, unterhielt ich mich mit der asiatischen Kassiererin, das tun wir meistens, sie fragt, wie es Gesa geht und ich erzähle die letzten Dramen aus dem morgendlichen Abschiedsstück, das wir seit einer Woche im Kindergarten spielen. Tja und dann redeten wir so über Kinder und Kindergärten, meine polnische Nachbarin gesellte sich dazu und berichtete, dass es alles noch schlimmer wird, sobald die Schule beginnt. Na, danke, dachte ich.

Und dann, auf dem Weg nach Hause, fiel mir auf: Das war eben ein echter Augenblick aus  Norwegen 2016.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Es gibt ja so Reden, die kennt jeder. Nur sehr ambitionierte Geschichtsliebhaber können den gesamten Text rezitieren, der Rest von uns kennt aber immerhin die bekanntesten Zitate daraus. “Ich bin ein Berliner!” oder “I have a dream!” oder “Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

Gestern hielt König Harald eine Rede auf dem Jubiläumsfest im Osloer Schlosspark. (Ich erwähne nur kurz und auch ganz wertfrei, dass ich nicht eingeladen dass meine Einladung bei der Post verloren gegangen sein muss. Kein Problem, ich konnte gestern sowieso nicht. Ich musste Brot backen putzen die Welt retten.) 1500 geladene Gäste wurden vom 79-jährigen Monarchen bei strahlendem Sonnenschein begrüßt.

Man erwartete, denke ich, eine stinknormale Rede, etwas launig, etwas nachdenklich, eben passend zum Anlass.

Was dann aber kam, wird heute in den verschiedenen Medien regelrecht gefeiert, über Facebook und Twitter zehntausendfach geteilt und hat dem König bisher soviel Beifall eingebracht, dass er jetzt bis Weihnachten Pause machen kann.

In dieser Rede sprach der König, klar, von Norwegen. Nach einigen geografischen Beschreibungen, bei denen ich schon nahenden Kitsch befürchtete, kam Harald V. dann zu den Menschen, die Norwegen „bilden“. Und das seien nicht nur Menschen aus dem Norden oder dem Süden des Landes – nein, es seien auch die Einwanderer aus Polen und Pakistan, Schweden und Syrien. Norweger seien Junge und Alte, Reiche und Arme, Sofasitzer und Bergsteiger. Norweger glauben an Allah, Gott, Alles und Nichts. Norweger liebten Grieg und Kygo, Hellbillies und Kari Bremnes. Norweger seien Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben und Mädchen und Jungen, die einander lieben.

Und dann kommt der Teil, der bestimmt in die Zitatensammlung eingeht, da bin ich mir sicher, da verwette ich meine Jane-Austen-Kollektion:

“Norge er dere. Norge er vi. Norge er ett.”

“Norwegen seid Ihr. Norwegen sind wir. Norwegen ist eins.”

Und als wäre das noch nicht gut genug, endete der König mit den Worten: “Meine größte Hoffnung für Norwegen ist, dass wir es schaffen, füreinander da zu sein.”

Wow, oder?

Der Beifall war groß und wie immer in solchen Momenten wünsche ich mir den oder die auf die Bühne, von dem/der diese Worte tatsächlich stammen. Ich bin mir (fast) sicher, dass der König diese Rede nicht selber verfasst hat. Irgendwo im Schatten der Schlossbäume stand bestimmt die Verfasserin und sprach lautlos ihre Lieblingszeilen mit, freute sich über die Lacher an den richtigen Stellen und wischte sich gemeinsam mit den 1500 geladenen Gästen (meine Einladung…naja, Ihr wisst ja) eine Träne aus dem Augenwinkel. In der Zeitung Aftenposten begeisterte sich der Rhetoriker Kjell Terje Ringdal und lobte die Rede über alle Maßen als melodisch und modern. So, wie Bruce Springsteen über die USA sänge, so hätte der König über Norwegen geredet.

Aha, ob Bruce Springsteen also…….? Na, ist ja auch egal, von wem die Rede ist. Sie hatte Wirkung. Und wo der König recht hat, da hat er recht: Wenn sich eine Deutsche, eine Chinesin und eine Polin im Supermarkt über ihre Kinder im norwegischen Kindergarten unterhalten, dann ist das im Jahr 2016 ein ganz normaler, norwegischer Moment.

Oder? Was denkt Ihr?

***

So, das war es für heute, meine lieben Leser. Der Spätsommer lebt sich aus in Oslo und langsam spürt man den Herbst kommen. Schön! Wir haben die erste Woche Kindergarten überstanden, etwas zerzaust zwar, aber die Familie befindet sich auf dem Weg der Besserung. Die morgendlichen Dramen werden auch bald aufhören, da bin ich sicher. War ja bei der polnischen Mutter auch so. – Uns allen wünsche ich eine tolle Woche mit viel Lachen, Sonne und Spaß. Passt aufeinander auf und seid füreinander da.

Hilsen,

Kongtale#

(Der König und ich – ganz ohne Yul Brynner)

Ulrike