„Norge er dere. Norge er oss. Norge er ett.“ ODER Eine Rede zur Lage der Nation.

 

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aftenposten.no

Als ich gerade im KIWI einkaufen war, unterhielt ich mich mit der asiatischen Kassiererin, das tun wir meistens, sie fragt, wie es Gesa geht und ich erzähle die letzten Dramen aus dem morgendlichen Abschiedsstück, das wir seit einer Woche im Kindergarten spielen. Tja und dann redeten wir so über Kinder und Kindergärten, meine polnische Nachbarin gesellte sich dazu und berichtete, dass es alles noch schlimmer wird, sobald die Schule beginnt. Na, danke, dachte ich.

Und dann, auf dem Weg nach Hause, fiel mir auf: Das war eben ein echter Augenblick aus  Norwegen 2016.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Es gibt ja so Reden, die kennt jeder. Nur sehr ambitionierte Geschichtsliebhaber können den gesamten Text rezitieren, der Rest von uns kennt aber immerhin die bekanntesten Zitate daraus. “Ich bin ein Berliner!” oder “I have a dream!” oder “Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

Gestern hielt König Harald eine Rede auf dem Jubiläumsfest im Osloer Schlosspark. (Ich erwähne nur kurz und auch ganz wertfrei, dass ich nicht eingeladen dass meine Einladung bei der Post verloren gegangen sein muss. Kein Problem, ich konnte gestern sowieso nicht. Ich musste Brot backen putzen die Welt retten.) 1500 geladene Gäste wurden vom 79-jährigen Monarchen bei strahlendem Sonnenschein begrüßt.

Man erwartete, denke ich, eine stinknormale Rede, etwas launig, etwas nachdenklich, eben passend zum Anlass.

Was dann aber kam, wird heute in den verschiedenen Medien regelrecht gefeiert, über Facebook und Twitter zehntausendfach geteilt und hat dem König bisher soviel Beifall eingebracht, dass er jetzt bis Weihnachten Pause machen kann.

In dieser Rede sprach der König, klar, von Norwegen. Nach einigen geografischen Beschreibungen, bei denen ich schon nahenden Kitsch befürchtete, kam Harald V. dann zu den Menschen, die Norwegen „bilden“. Und das seien nicht nur Menschen aus dem Norden oder dem Süden des Landes – nein, es seien auch die Einwanderer aus Polen und Pakistan, Schweden und Syrien. Norweger seien Junge und Alte, Reiche und Arme, Sofasitzer und Bergsteiger. Norweger glauben an Allah, Gott, Alles und Nichts. Norweger liebten Grieg und Kygo, Hellbillies und Kari Bremnes. Norweger seien Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben und Mädchen und Jungen, die einander lieben.

Und dann kommt der Teil, der bestimmt in die Zitatensammlung eingeht, da bin ich mir sicher, da verwette ich meine Jane-Austen-Kollektion:

“Norge er dere. Norge er vi. Norge er ett.”

“Norwegen seid Ihr. Norwegen sind wir. Norwegen ist eins.”

Und als wäre das noch nicht gut genug, endete der König mit den Worten: “Meine größte Hoffnung für Norwegen ist, dass wir es schaffen, füreinander da zu sein.”

Wow, oder?

Der Beifall war groß und wie immer in solchen Momenten wünsche ich mir den oder die auf die Bühne, von dem/der diese Worte tatsächlich stammen. Ich bin mir (fast) sicher, dass der König diese Rede nicht selber verfasst hat. Irgendwo im Schatten der Schlossbäume stand bestimmt die Verfasserin und sprach lautlos ihre Lieblingszeilen mit, freute sich über die Lacher an den richtigen Stellen und wischte sich gemeinsam mit den 1500 geladenen Gästen (meine Einladung…naja, Ihr wisst ja) eine Träne aus dem Augenwinkel. In der Zeitung Aftenposten begeisterte sich der Rhetoriker Kjell Terje Ringdal und lobte die Rede über alle Maßen als melodisch und modern. So, wie Bruce Springsteen über die USA sänge, so hätte der König über Norwegen geredet.

Aha, ob Bruce Springsteen also…….? Na, ist ja auch egal, von wem die Rede ist. Sie hatte Wirkung. Und wo der König recht hat, da hat er recht: Wenn sich eine Deutsche, eine Chinesin und eine Polin im Supermarkt über ihre Kinder im norwegischen Kindergarten unterhalten, dann ist das im Jahr 2016 ein ganz normaler, norwegischer Moment.

Oder? Was denkt Ihr?

***

So, das war es für heute, meine lieben Leser. Der Spätsommer lebt sich aus in Oslo und langsam spürt man den Herbst kommen. Schön! Wir haben die erste Woche Kindergarten überstanden, etwas zerzaust zwar, aber die Familie befindet sich auf dem Weg der Besserung. Die morgendlichen Dramen werden auch bald aufhören, da bin ich sicher. War ja bei der polnischen Mutter auch so. – Uns allen wünsche ich eine tolle Woche mit viel Lachen, Sonne und Spaß. Passt aufeinander auf und seid füreinander da.

Hilsen,

Kongtale#

(Der König und ich – ganz ohne Yul Brynner)

Ulrike

 

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5 Kommentare zu “„Norge er dere. Norge er oss. Norge er ett.“ ODER Eine Rede zur Lage der Nation.

  1. Wunderbarer Text! Super. Klasse.

    Und ja, Dank an den Koenig fuer diese klaren Worte, die in der heutigen Zeit hoffentlich auf fruchtbaren Boden fallen werden. Es waere schoen, wenn die Rede Realitaet wird, oder gar schon ist.

  2. Komisch, warum können das die Norweger und wir nicht?

    Vielen Dank, dass Du des Königs Worte mit uns geteilt hast.

    Muss das 25-jährige Thronjubiläum sein. 1991, da war ich damals in Oslo, als ich erlebte, wie ein Volk um seinen König trauerte.

    Hilsen fra Tyskland

    Ulrike (ja, richtig)

  3. Selbst wenn die Rede nicht vom König verfasst wurde – wovon ich auch ausgehe – hat sie doch einen beeindruckenden und zu Herzen gehenden Inhalt, den ich in dieser Art auch hier in Deutschland gern hören würde. Danke auch für Deinen so gut formulierten Text!!! 🙂

  4. Naja. Da war wollte sehr viel „political correctness“ im Spiel bei des Königs Rede. Im am Altag sieht es ganz anders aus. Da ich in Grønland lebe sehe ich es eventuell stärker. Der Norweger der verlangt das jeder Ausländer praktisch schon vor der Einwanderung fließend norwegisch sprechen sollte und der Ausländer der trotz fließendem norwegisch doch nur gut genug zum Toilette putzen und öffentliche Verkehrsmittel fahren ist. Meine Mitbewohnerin musste bei der Uni ihre Feststelle einklagen und ihre Chefin war schockiert das sie als Ausländer überhaupt schon mal von Unionen gehört hat und sogar Mitglied ist. Ich habe schon in vielen Ländern gelebt und habe noch nie so viel Unterschwelligen Nationalismus erlebt. Naja auf der anderen Seite zwingt es die Neuankömmlinge doch sich schneller die Sprache beizubringen und sich teilweise zu integrieren. Allerdings ist es mit Integration doch nicht so weit her im Friedensnobelpreisland wenn vor der Synagogue Polizei stehen muss (ich war ziemlich schockiert denn in New York City steht keine Polizei). Da nützt auch des Königs Gelaber nicht.

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