Frohes, glattes Jahr aus Oslo oder Bin ich ein Youtube-Eisrutsch-Star?

osloseis

Godt nytt år!!!

Hallo, meine lieben Leser, was für eine Freude, dass wir uns hier wieder treffen! Fast schon unverzeihlich lange war es still in diesem Blog, aber ab heute kehren wir zur Normalität zurück!

Seit wir uns das letzte Mal gelesen haben, waren Martin und ich in Deutschland und sind hier in Oslo umgezogen, weshalb ich Euch heute, erstmalig, ein Hallo aus der Sorgenfrigata zuwerfe. Oder der Sorgenfrigaten.  Jaha, hier in Norwegen, da hat man nämlich manchmal die Auswahl.

WARNUNG:

Es folgt eine kleine Grammatik-Episode!

ACHTUNG!

Im Norwegischen gibt es, wie im Deutschen, verschiedene Artikel. Aus unerfindlichen Gründen hat sich die weibliche Form oder hunkjønn nicht wirklich durchgesetzt. Im Norwegischkurs hieß es dazu: „Ja, die gibt’s, aber die kann fast immer durch die männliche Form ersetzt werden.“ So wird das Buch von boka zu boken, aus dem Fluss wird elven statt elva und aus der Sorgenfrigata eben die Sorgenfrigaten.

Aber nicht bei mir! (Obwohl ich die Einladung für die Einweihungsparty noch vermännlicht habe. Aber ab JETZT: Nie wieder! Gata it is!)

Statt der männlichen Endung SorgenfrigatEN, benutze ich also, weiblich solidarisch, ab sofort SorgenfrigatA!

GRAMMATIK ENDE!

Hat doch gar nicht weh getan, oder?

Wir fühlen uns auf jeden Fall wohl im neuen Zuhause, haben den Kamin angefeuert, die Aussicht auf die Zahnarztpraxis genossen und Martin ist bereits sehr effektiv im Fahrstuhl steckengeblieben.

Wir leben uns ein.

Der Frognerpark ist nun ein Stück weiter entfernt und bei den momentan vereisten Bürgersteigen steht er nicht mehr so häufig auf dem Programm. Dass Oslo derartig lax mit dem Winter umgeht, erstaunt mich zutiefst: Die Sorgenfrigata ist vereist, jeder Schritt gefährlich, aber bis auf ein paar gestreute Kiesel passiert nichts, um die Unfallgefahr zu verbannen. Mittlerweile laufe ich immer auf der Straße, denn die ist frei. Ein harmloser Winter sei es dieses Jahr, höre ich von allen Seiten, aber mir reicht es schon: Wie ein Huhn auf Stöckelschuhen wackele ich durch die Straßen und meine, bisher, geglückten Sturzabfangmanöver sind eine eigene Fotoserie wert. Mit offenem Mund beobachte ich Jogger, die in gemächlichem Tempo über das Eis laufen, entspannt mit sich und der Natur.

HALLOO????

Bestimmt sehen mir alle an, dass ich ein Oslo-Winter-Anfänger bin. Wer weiß, wie oft ich heimlich gefilmt und nun unter „Hahaha…guck dir das an!“ bei Youtube zu finden bin. Hoffentlich hat mich niemand gesehen, als ich mich auf dem Weg zur Kirche am Zaun bergab gehangelt habe.

Entwürdigend ist das! Ich erwarte freie Bürgersteige! PROTEST!

Vielleicht sollte ich doch Spikes kaufen. Das Ding ist nur….Ich sehe hier Spikes im Laden aber nie an Füßen. Meine nächsten Tage werde ich damit verbringen, die Geh-Technik der Osloaner zu beobachten. Und zu lernen! Huhn ade!

Dabei wollte ich wieder mit dem Joggen anfangen, denn der nächste Wettbewerb steht auf dem Programm: Die 10km beim Hannover Marathon im Mai. Davor vielleicht noch der Centrumslauf hier in Oslo. Außerdem will ich endlich Langlaufski fahren!

So viele Pläne!

Habt Ihr Vorsätze gefasst für 2013?

Und wenn ja, welche?

Wir wollen dieses Jahr endlich in Norwegen herumreisen und planen eine große Tour im Sommer.  Im Frühling steht endlich die versprochene Bergbesteigung auf dem Programm und bis dahin wollen wir den, wenn auch harmlosen, Winter genießen. Alle Welt verbringt die Wochenenden mit Skifahren, Rodeln, Eislaufen…an uns ist das bisher noch vorbeigegangen, aber wir sind auf dem Weg!

Freut Euch also auf amüsante Bilder von mir auf, neben und untern den Langlaufskiern.

Ich wünsche uns allen ein glückliches, entspanntes und krisenarmes 2013 mit vielen neuen Geschichten und Erlebnissen. Vergesst nicht zu lachen und neugierig zu sein, dient nicht immer nur, sondern lebt auch mal und rutscht gut und sicher durch die kommenden Monate!

Ha det bra,

Osloeis2

Ulrike

Ode an die Freude oder Entschuldigung, wo ist die Streumaschine?

Es ist 1:54 Uhr, vor dem Fenster zwitschert ein schlafgestörter Vogel, während hier drinnen Nacht zum Tag wird und ich mir eine Pause vom Wäsche falten gönne.

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Letzten Freitag habe ich Euch im Stich gelassen, was unverzeihlich, aber auch unvermeidbar war. Familienbesuch war da und wir hatten viel zu tun. Wir mussten zum Beispiel Farmarbeit verrichten…

traktor1

…und den Schnee genießen…

schnee1

Es schneite nämlich ganz gewaltig am Samstag. Während Ihr in Deutschland bereits tagelang in Schneemassen versunken seid, konnte Oslo nicht eine einzige Flocke bieten. Doch Donnerstag kam die Wende, Freitag kam der Schnee und Samstag wurden wir mit dem wunderschönsten Weihnachtswunderwetter belohnt.

Sonntag taute es dann.

Montag war fast alles weg.

Geblieben ist Eis. Und zwar überall.

Erinnert Ihr Euch an das Video „Radiatoren für Norwegen“? Vergesst es. Ich starte eine neue Aktion: Streumaschinen für Oslo!

DAS hätte mal Sinn.

Ich weiß, ich weiß, in Deutschland wird auch nicht immer überall gestreut und der Nachbar X vergisst mal Schnee zu schippen und Eis zu kratzen. Ja, ja, ja.

Ihr habt ja keine Ahnung!

Hier ist alles vereist. Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nötig ist, das Haus zu verlassen und ob mir meine Knochen nicht wertvoller sind, als jede noch so wichtige Verabredung. Es ist mörderisch da draußen gewesen. Unvorstellbar, wieviel sich die Norweger bieten lassen. Ich war kurz davor einen Protestmarsch gegen vereiste Straßen und Wege ins Leben zu rufen.

Aber wer wäre schon gekommen? Ist ja viel zu glatt.

Glücklicherweise war die Stadt am 10. Dezember noch eisfrei. An diesem Montag erhielt die EU den Friendensnobelpreis. Ab 10h morgens berichtete NRK live, interviewte Politiker und Künstler (Jostein Gaarder war sehr sympathisch!), Rathausangestellte und Hofpersonal. Die Ankunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und der deutschen Delegation am Flughafen Gardermoen konnten wir live mit verfolgen und einen der drei offiziellen Preisträger, Martin Schulz, bei einer Veranstaltung der Kinderschutzorganisation „Redd Barna“ begeistert zu „We are the world“ mit den Armen schwenken sehen.

Überhaupt entwickelte sich der Präsident des Europäischen Parlaments zur Partykanone des Tages und es hat mich betrübt, dass er, im Gegensatz zu Barroso und van Rompuy, während der offiziellen Verleihung des Nobelpreises keine Rede halten durfte. (Wäre es nach mir gegangen, hätten sie Herrn Jagland nach zwei Minuten mithilfe eines Überfallkommandos vom Rednerpult entführen können und stattdessen den lustigen Martin rangelassen. Ich weiß nicht, wem die englische Aussprache von Komiteevorsitzendem Jagland peinlicher war: Königin Sonja oder mir. Gelitten haben wir beide.)

Die offizielle Feierstunde verlief davon abgesehen in schönster Harmonie.

Gut, ich musste umschalten, als François Hollande und Angela Merkel sich siegesbewusst dem applaudierenden Publikum zuwandten und damit die Lobhudelei auf Deutschland und Frankreich ihren Höhepunkt erreichte.

Sehr unangenehm.

Aber der Rest war schön. Feierlich. Bewegend. Würdevoll. Die Rede von Ratspräsident Herman van Rompuy ohne Konkurrenz.

Und abends waren wir dran! Der traditionelle Fackelzug zu Ehren der Preisträger war von den EU-kritischen Organisatoren gestrichen worden. Organisiert vom Oslo International Club, mehreren EU-freundlichen Parteien und Clubs fand er dann trotzdem statt. Ab 18.15 Uhr wanderte ein Lichterzug aus 2000 Europäern und Nicht-Europäern vom Hauptbahnhof Richtung Grand Hotel, wo die Ehrengäste und Preisträger traditionell übernachten.

66063_4069197450151_2104920401_n

@MartinNiemann

Vor dem Hotel erwarteten wir, trotz eisiger Kälte, geduldig das Öffnen der Balkontüren und den Auftritt der Preisträger. Fast wären wir dabei ins deutsche Fernsehen gekommen: Eine Troika des NDR schritt auf uns zu, vorneweg ein kleiner, frierender Reporter, der uns auf Norwegisch um Auskunft bat. Wir seien Deutsche, erklärten wir begeistert, fipselig auf unsere 15 Minuten Ruhm. „Och nee, schon wieder Deutsche, nee, das haben wir schon.“ Sprach der Reporter und zog von dannen.

Ruhm…pah…eh völlig überbewertet.

Da öffneten sich die Balkontüren in der ersten Etage des Grand Hotels. Zum Jubel der Massen traten die drei offiziellen Preisträger auf den Balkon. So nah und so glücklich werden sich die EU-Spitzen und Teile des EU-Volkes nie wieder treffen. Vergessen waren unübersichtliche Verwaltungsapparate, unermessliche Finanzpakete und unverständliche Auslandseinsätze. Heute war ein Feiertag! Wir feierten den Frieden in Teilen Europas, wir feierten uns als Europäer, wir feierten Europa als unser Zuhause.

Pathetisch?

Ja, sicher.

Ehrlich?

Ja. Sicher.

Plötzlich erklangen die ersten Töne der „Ode an die Freude“ und bald schallte  ein textunsicherer, aber begeisterter „La-la“-Chor aus 2000 Kehlen, vom Balkon aus enthusiastisch dirigiert. Martin Schulz gab das Tempo vor, Herman van Rompuy postete ein Livebild via twitter und José Barroso strahlte wie ein Kind unter dem Christbaum. Was für ein Augenblick. Die paar norwegischen Gegendemonstranten gaben sich geschlagen und trollten sich von dannen.

rompuy-nobel-2-e1355187167974

@https://twitter.com/euHvR

Nach knapp 10 Minuten war alles vorüber. Die EU-Spitze zog sich vom eisigen Abendwind zurück in die Wärme des Luxushotels und die 2000 Fackelträger wärmten sich mit einem Glühwein am nahen Weihnachtsmarkt oder machten sich auf den Weg nach Hause.

Es war ein tolles Erlebnis, meine lieben Leser, und ich habe bemerkt: Ich bin Europäerin. Ich bin stolz auf unseren Kontinent, der sich „von einem Kontinent des Kriegs zu einem Kontinent des Friedens“ entwickelt. Nicht ohne Probleme, Beschiss und Betrug, aber mit der richtigen Einstellung im Herzen. Neben all der Meckerei und Unzufriedenheit, gilt es doch wirklich einmal festzuhalten: Ein Krieg zwischen den alten Feinden Deutschland und Frankreich beispielsweise ist ein unvorstellbarer Akt. Die Freiheit in großen Teilen Europas erlaubt es mir, mich im Ausland niederzulassen, Arbeit und Wohnsitz zu finden. Unsere Kulturen und Traditionen vermischen sich immer mehr und bilden ein großes, gemeinsames europäisches Kulturgut. Das ist toll. Und die Miesepeter an ihren Stammtischen und an ihren Esstischen, die immer was zu meckern haben, sollen von mir aus weiter meckern. Das darf man in Europa nämlich auch: Meckern. Verdirbt mir trotzdem nicht die Freude.

Ich bin ein Fan von Europa. Jawoll.

Das war es schon wieder, meine lieben Leser. Mittlerweile ist es 2.47, der schlafgestörte Vogel scheint ein gemütliches Nest gefunden zu haben und das werde ich auch mal tun.

Der Blog und ich gehen jetzt in Weihnachtspause, aber nicht, ohne uns vorher bedankt zu haben: Bei Euch.  Toll, dass Ihr da seid! Für 2013 versprechen wir weitere Geschichten aus dem Norden, die Besteigung des Galdhøpiggen, eine Rundtour mit dem Wohnmobil im Sommer, weitere Eskapaden aus dem norwegischen Alltag und und und…

Ich wünsche Euch von ganzem Herzen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Lasst es Euch gut gehen, besinnt Euch auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben und lacht mal wieder richtig laut.

Ha det bra,

727_4069218090667_1014948984_n

Ulrike

Von ersten Schneeflocken, wollenen Unterhosen und der wichtigen Frage: Was zieh ich bloß an?

Oslo in Aufregung: Die ersten Flocken sind gefallen! „SCHNEE!“ schrie es gestern auf Norwegisch, Englisch, Deutsch, Polnisch und Litauisch auf facebook und meine internationale Freundesschar übertraf sich beim Posten von Live-Videos, Parkbildern und frühzeitlichen Winterliedern. Da wurde jede Flocke begrüßt wie ein langvermisster Freund und auch wenn das Spektakel nach wenigen Minuten endete, war allen klar: Der Winter kommt.

Hallo meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Winterfreunde, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Wir gehen heute gemeinsam auf Schaufensterbummel und ich kann nur sagen: Zieht Euch warm an!

Lachend saß ich also gestern vor dem Computer, summte „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, als mir plötzlich ein Gedanke kam: Winter in Norwegen  – und was zieh ich an? Natürlich bin ich auf den mitteleuropäischen Winter eingestellt, aber Norwegen? Wo es bis zu gefühlten – 500 Grad werden soll, mit kniehohen Schneebergen und Frostbrandgefahr? Wie schützt man sich? Was zieht man an?

Es blieb nichts anderes übrig:  Ich musste mich informieren.

Das hieß ab in die Geschäfte.

Mist.

Ja, da könnt Ihr jetzt lachen, aber ich gehe wirklich nicht soooo gerne shoppen. Meistens wandere ich ratlos durch die Geschäfte und denke: Wow, wer zieht DAS denn an? Wo sind denn die Sachen für mich? Mittlerweile gibt es in vielen Ländern den „personal shopper“, eine dem einzelnen Kunden persönlich zugeteilte Verkäuferin namens Larissa oder so, die mit einem Blick die Situation erfasst und mit drei Griffen eine komplett neue Garderobe zusammengestellt hat.

Was für ein Horror.

Ich stelle mir vor, wie ich taxiert werde und Larissa dann mit Grabesstimme erklärt: „Wir haben viel zu tun.“

Doch desperate times call for desperate measures. Ich machte mich also auf den Weg in die Stadt, entschlossen, am Ende des Tages eine komplette Winterausrüstung zusammengestellt zu haben. (Martin, falls du jetzt panisch wirst: Ich wollte noch nichts KAUFEN – nur informieren!) Die Sonne strahlte vom Himmel und führte mich gutgelaunt in die Innenstadt, wo mehrere Einkaufszentren und die Karl-Johans-Gate vielversprechende Anlaufstellen boten. Wir hatten bereits von Freunden und Kollegen gute Ratschläge für unsere erste Winterausrüstung bekommen, wobei die Norweger nur ein Wort  sagten: „Wolle!“, während die Nicht-Norweger Tipps gaben, die von „Zara, H&M haben warme Sachen!“ bis „North Face Thermomantel“ reichten.

Ich versprach, offen für alle Vorschläge zu sein und betrat das erste Geschäft auf dem Weg. „Gina Tricot“ heißt die, nehme ich mal an, in ganz Europa bekannte Kette (Larissa rollt verzweifelt mit den Augen und nickt dann). Hinein da! Bewundernd sah ich mich um. Gina Tricot vermittelte ihren Kundinnen eine klare Botschaft zum Thema Winter: Wir lachen ihm höhnisch ins Gesicht! Eisglatte Bürgersteige? – HA! Frostige Minusgrade? – HA! HA! – Hautzerfetzender Eiswind? HA! HA! und nochmals HA!

Wir kontern mit blauen Satinstilettos, ärmellosen Seidentops und Miniröcken aus Tweed! Winterjacken? Nur für Schwächlinge!

Ich zog meine Fleecemütze tiefer ins Gesicht und begab mich aus dem Tropenparadies zurück auf die Osloer Geschäftsstraße. Das war wohl nichts. Mein Auge wanderte auf die andere Straßenseite und:

OHO!

Cubus lockte seine Kunden mit Ständern voller Winterjacken, die auf dem Bürgersteig standen. Frohgemut ließ ich mich locken, um nur wenig später mitleidig neben den offensichtlich frierenden Jacken zu stehen. „Hallo!“, wollte ich rufen. „Holt doch mal Eure Jacken rein, denen ist kalt.“ Ob ich sie alle kaufen und zu Hause aufwärmen sollte? Merke: Es ist nicht alles warm, was dick und kuschelig aussieht. Ich rubbelte jeder Jacke noch einmal aufmunternd über die Ärmel und ging weiter. Was hätte ich tun sollen? Schon tauchte der nächste Laden auf und diesmal hatte ich ein gutes Gefühl! Die Outdoormarke Norrønna ist in Norwegen sehr beliebt und wenn es in Outdoorgeschäften keine warme Winterkleidung gibt, wo denn bitte sonst?

Norrønna schien allerdings neben der Wärme auch noch eine andere Sorge zu haben: Lawinen. Nebel. Dunkelheit. Anders konnte ich mir die grellschreiende Farbenpracht nicht erklären, die mir im Geschäft entgegenschlug. Pinke Hosen, neongelbe Shirts, leuchtend blaue Jacken lieferten sich einen erbitterten Wettstreit und schrien mir entgegen: Wo immer du bist, mit uns gehst du nie verloren! Mir wässerten die Augen, als eine Mitkundin sich in gelber Skijacke schwungvoll vor dem Spiegel drehte und mutig nach einer pinkgrünen Hose griff. Nein, es gibt Farbe und es gibt Farbe und das hier war einfach zuviel.

Auf der Straße beruhigte ich meine Augen im Schaufenster eines Herrenausstatters, der mit Tweedsakkos und dunkelgrünen Kaschmirpullovern warb. Eine Wohltat. Leider ohne Frauenabteilung. Überhaupt schien es für die Männer einfacher zu sein, sich der Temperatur entsprechend zu kleiden. Wo Frauen den frostigen Temperaturen anscheinend mit innerem Feuer trotzen sollen, hüllen Männer sich in Wolle, Tweed und Kaschmir. Red‘ mir einer von Gleichberechtigung, dachte ich grummelnd und betrachtete die gemütliche Winterdekoration im Schaufenster: In einen Lehnstuhl platziert, die Beine lässig überschlagen, frönte eine warm angezogene Schaufensterpuppe einer guten Pfeife. Auf dem Beistelltisch neben ihr lag ein Paar wollene Unterhosen. Hm. Und dann: Das ist die Lösung!

HA!

Sollte ich auch in der Oberbekleidungswelt als Frau diskriminiert sein, die wollene Unterwäsche wird es jawohl für beide Geschlechter geben!

Warum war ich darauf nicht früher gekommen? Natürlich, wollene Unterhosen, Hemden und Socken sollten meine Rettung im nahenden Winter werden.

Ich betrat H&M. Warum gerade H&M? Och, mir war nach ein bisschen Spaß. Denn nun habe ich einen Tipp für Euch: Falls Ihr an einem trüben Novembernachmittag ein wenig Unterhaltung braucht, geht zu H&M in die Unterwäsche-Abteilung und fragt die Verkäuferin dort: „Haben Sie Wollunterwäsche?“

Meine wurde blaß und schwankte gefährlich. Um den Spaß auf die Spitze zu treiben, beschrieb ich die gerade im anderen Schaufenster gesehenen, langen wollenen Unterhosen. „In Kanada“, fügte ich harmlos hinzu, „werden die, glaube ich, Long Johns genannt. – Nein? –Schade.“

Im Weggehen sah ich wie das arme Mädchen behutsam von einer Kollegin weggeführt wurde. (Larissa schüttelte ob meiner Unverschämtheit den Kopf und nannte mich „dumme Pute“. Falls eine fiktive personal shopperin das überhaupt darf.)

Ich sehe natürlich das Problem: Kundinnen von H&M sind offensichtlich weniger mit ihrer drohenden Unterkühlung beschäftigt, als damit, die bestehende oder neuaufzugabelnde Männerwelt zu beeindrucken. Was mit wollenen Long Johns schwierig wird. Nicht unmöglich, wohlbemerkt, aber schwierig. Aber meine Mission war die Komplettierung meiner Wintergarderobe und ich konnte dem drohenden Frost nicht mit paillettenbenähten Tangas begegnen. Also ab in den nächsten Laden.

Das grüne Zeichen von XXL, eine der großen Sportgeschäftketten, leuchtete mir entgegen. Hier führte meine Frage nach Merinowäsche zu keinen größeren Problemen: Nonchalant führte mich der junge Verkäufer zu einem Regal mit wollenen Hosen, Shirts und Hemden. Erschwinglich, nicht zu häßlich und ein „Muss im norwegischen Winter!“ wie mein Verkäufer betonte. (HA!, rief ich Larissa zu, die die Augen verdrehte.) Im Weitergehen las ich noch eine wichtige Botschaft von XXL: Schichten seien das A und O, um im Winter warm zu bleiben. Schicht 1, das sei wichtig, sei dabei die Unterwäsche.

Gut, dass sie das geschrieben haben.

Ich hätte die Merinounterhose ansonsten außen getragen. Wer weiß!

Die Frage nach der wärmenden Unterschicht befriedigend gelöst, begab ich mich auf die Suche nach einer möglichen Oberschicht. Ich betrat eines der großen Shoppingcenter am Hauptbahnhof und wurde von einem Bodyshop –Schild mit der frohen Botschaft: Happy Halloween! begrüßt. Irgendwie irritierte mich das. Soll ich das auf dem Schild beworbene Gesichtspeeling benutzen, damit ich NICHT nach Halloween aussehe oder gerade doch? Und warum sah der Wollpullover im Laden nebenan aus, als hätte ein verfilzter Langhaardackel dafür sein Leben lassen müssen? Und wieso kann ich jetzt gerade meine Notizen hier am Schreibtisch nicht mehr erkennen und bringe mich damit um einen weiteren, genialen Witz? „..krikelkrikel…empfehlen es an die Wena“, was soll das bedeuten? Wer ist Wena?

Hoffnungslos.

Ich war erschöpft. Etwas halbherzig streifte ich durch die Läden, ließ mein Auge wandern und fand shoppen einmal mehr sehr anstrengend.

Immerhin hatte ich die Unterschichtfrage gelöst, nicht wahr? Ach, und die Schuhfrage auch: Es werden Sorel-Stiefel für Martin und mich, das hatten wir nach einem Geheimtip am Abend vorher entschieden. Und genau die Sorel-Stiefel, die wir uns im Internet ausgesucht hatten, sprangen mir in einem Schuhgeschäft im Shoppingcenter entgegen. WOOHOO!

Ich beschloss, dass ich für einen Vormittag genug Recherchen betrieben hatte, entließ die fiktive und unnütze Larissa und begab mich nach Hause. Die Frage nach dem richtigen Wintermantel/-parka muss auf später verschoben werden. Immerhin hatte ich für einen warmen Po und warme Füße gesorgt.

Wenn das nichts ist! Der Winter kann kommen.

Das war es schon, meine lieben Leser! Ich hoffe, Ihr hattet Spaß auf unserem gemeinsamen Bummel und fürchtet Euch jetzt nicht mehr vor dem Winter. Für mich wird es jetzt Zeit, den Smoking aus dem Schrank zu holen und das Martiniglas zu polieren, denn heute hat der neue James-Bond-Film Premiere und wir sind dabei. Ich wünsche Euch eine tolle Woche, zieht Euch warm an, schockt mal wieder eine Verkäuferin und freut Euch am Leben.

Ich schicke an dieser Stelle ganz liebe Grüße an meinen Lieblingswikinger Volker, der gerade seine Zeit in Bad Kreuznach absitzt. Lass es dir gut gehen!

Falls bei Euch etwas Wichtiges ansteht und Ihr Grüße braucht, dann schreibt mir einfach unter ulrisco@yahoo.co.uk und schon beim nächsten Blog werdet Ihr erwähnt!

Lass es Euch gut gehen,

ha det bra,

Ulrike