Norwegisches Fernsehen im Selbstversuch oder Wer ist Albus Humlesnurr?

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Der Weltrekord im Dauerfernsehen liegt bei 86 Stunden und 37 Minuten und wurde 2012 von zwei Amerikanern aufgestellt, die sich über vier Tage lang Folge um Folge der Kult-Serie „The Simpsons“ ansahen.

Mein TV-Marathon dauerte nur 11 Stunden, aber es war norwegisches Fernsehen.

Das zählt dreifach.

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Gestern war also Fernsehtag. Mein Ziel: Euch das norwegische Fernsehen nahe zu bringen. Was passiert in Norwegen den Tag über? Welche spannenden Ereignisse werden live übertragen? Worüber spricht, lacht und wundert sich die Nation? Kein Medium ist besser geeignet ein Land zu verstehen als Fernsehen.

Wir verfügen über die ungeheure Anzahl von 18 Sendern. Davon scheiden einige aus: National Geographic, Discovery Channel, CNN, eurosport, MTV und travel channel sind als internationale Sender raus aus dem Rennen. Bleiben noch 12. Davon fallen einige weg, weil sie von morgens bis abends US-amerikanische Serien zeigen.  Am Ende blieben mir: NRK 1, TV 2, NRK 2 und NRK Super, der Kinderkanal. NRK 3 sendet erst ab 19.30.

Eine überschaubare Auswahl.

Kaffee und Brötchen, Fernbedienung, TV-Zeitung und ich machen es uns gemütlich.

Seid Ihr bereit?

Uuuuund losgezappt:

Es ist 9.13 Uhr und auf NRK 1 laufen die „Morgennytt“, die Frühnachrichten. Eine englisch-sprechende, knallhart wirkende Dame im roten Oberteil erklärt vor einer Versammlung von Presseleuten: „We will catch you!“

Wie, was, wen denn bloß?

Schnitt auf Jacques Rogge, NOC-Präsident und Wladimir Putin, Russen-Präsident, die gemeinsam die Olympiastadt Sotchi besichtigen. „Schakal im Strickpullover“-Putin geht davon aus, dass alles pünktlich fertig wird.

Schnitt auf Frau in Rot. „We WILL catch you!“

Ok, es scheint um Sport und irgendwen zu gehen, der mal wieder böse war.

AHA! Licht am Ende des Tunnels: In Australien soll der Drogengebrauch im Sport mittlerweile normal sein. Und die Rot-Toppige will alle Sünder finden.

Viel Spaß.

Weiter geht es sportlich! Das jährliche Rennen auf das Dach der Empire State Buildings in New York fand statt. Irre. Habe ich mal drüber geschrieben.

Die AP und Høyre, also SPD und CDU Norwegens, liegen bei den Umfragen gleichauf mit jeweils 30,2 %.

Ich schalt mal um. Zapp.

Oh süß, auf NRK Super reden gerade zwei gezeichnete Nilpferde miteinander. Das ist doch viel netter als öde Nachrichten. UND lehrhaft, denn alle NRK-Sender bieten ihren Zuschauern Untertitel. Das nenne ich mal Bildungsfernsehen.

Zapp.

Ohhhhh, Jackpot auf TV 2: Norwegian Idol! Nicht, dass ich das jemals geguckt hätte, aber diese auf der ganzen Welt vorkommenden Talentshows üben einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Kaum habe ich es mir gemütlich gemacht, kommt die Enttäuschung: Ist gar keine Wiederholung von Norwegian Idol. Ist Frühstücksfernsehen, und die beiden ausgeschiedenen Kandidaten sind zu Besuch.

Kein Wunder, dass die ausgeschieden sind. Haben die etwa so gesungen, wie sie gerade reden?? Der Norwegerpullover des Moderators ist außerdem beängstigend.

Zapp.

OHJE!

„The Real Housewives von New Jersey“ auf TV Norge.

Fünf gebotoxte Frauen und ihre muskelgestärkten Ehemänner grillen am Strand. Ich brauche fünf Minuten um herauszufinden, ob das eine Parodie ist oder eine Art Reality-TV. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen: Es ist Reality-TV.

Zapp.

NRK 2 sendet Radioprogramm.

Zapp.

Auf Zebra 2 spielt Ashton Kutcher „Versteckte Kamera“, nennt es „Punk’d“ und bringt Schaupieler Zac Braff beinahe dazu, einen 10jährigen zu verprügeln, der Braffs Porsche angesprüht hat. Das waren noch Zeiten, als Paola und Kurt Felix ihre Späße trieben.

Zapp.

So geht es nicht weiter, ich brauche ein System. Dieses Rumgezappe bringt doch nichts. Ein Blick in die Fernsehzeitung und ich bin irritiert. Hier scheint ein Druckfehler vorzuliegen. Bei NRK 1 lese ich: 11.45 Ut i naturen. 12.00 NRK nyheter. 12.15 Nesten voksen 12.55 Ut i naturen. 13.00 NRK nyhter. 13.05 Planeten vår 13.55 Ut i naturen. 14.00 NRK nyheter.  Das ist ja mal eine Abwechslung.

TV 2 will mich mit der World Snowboard Tour erfreuen. TV Norge mit Will and Grace, Cougan Town oder Friends. TV 3 punktet mit Oprah und Dr. Phil. Ich entscheide mich für NRK 1, TV 2 und NRK super, den Kinderkanal. Damit fange ich mal an.

Und lerne gleich ein neues Wort:  „promper“.

Pupsen.

Das ist doch mal hilfreich und wird meine norwegischen Gespräche bereichern. „Hvordan har du det?“ – „Ja, takk, jeg promper.“ Wunderbar. Außerdem lerne ich von der witzigen, brünetten Moderatorin, dass nachts NICHT alle Katzen grau sind. I mørket er alle katter grå, sagen dazu die Norweger. Schon wieder was gelernt. Hier bleibe ich.

Nächstes Thema: SCHLANGEN!

Zapp.

NRK 1 kündigt „Ei stund i naturen“ an. Ich erwarte Bilder von Norwegen und bekomme: Yellowstone Nationalpark. Auch hübsch. Es geht um Wapitihirsche, die die Wälder verlassen und sich auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum des Parks aufhalten. Na logisch, ist ja auch viel sicherer da. Keine Jäger, keine Bären. Würde ich auch machen. Sieht komisch aus, wie die Hirsche so über den Zebrastreifen wandern. Nach 10 Minuten ist die Sendung zuende. Hallo?? Ich dachte „ei stund“! Typischer Fehler eines deutschen Hirns: „Stund“ ist Augenblick, Moment….

Zapp.

Ein blondgefärbter Mann im pinken Pulli steht vor einem roten Holzhaus und redet komisch. Die Sendung heißt „Strömsö“ und die beiden Umlaute verraten es sofort:

Wir sind in Schweden.

Es folgen 15 Minuten zwischen selbstgemachtem, schwedischem Ketchup und einer Trommelgruppe aus Ghana. Außerdem lerne ich, wie man aus Maschendraht einen hängenden Blumenkorb basteln kann. Toll.

Zapp.

Awwww, auf NRK Super springen gerade die gepunkteten Küken einer Ente aus einer Höhle im Stamm gen Boden und watscheln hinter der Mutter her ins Wasser. Süüß!

Und auf NRK 1 jagt ein Seeteufel Beute. Auf Norwegisch heißt der Breiflabben. Tolles Wort.

Es ist mittlerweile 13.00 und ich habe Mittagshunger.  Ich tue es dem Breiflabbe gleich und gehe auf Beutejagd. Im Kühlschrank werde ich fündig und genieße schon meinen Salat, während mein Unterwasser-Mittagspartner immer noch hungrig wartet. Vom Dach tropft es auf den Balkon und die Bäume verlieren ihre weiße Zuckerschicht. Kommt etwa der Frühling?

In Japan spielen sie menschliches Domino. Über 200 an Matratzen gepresste Menschen lassen sich umwerfen und liegen sich hinterher lachend in den Armen.  Es kann so einfach sein. Der Rekord in „human dominoes“ wurde 2012 in China aufgestellt. Mit 1001 Teilnehmern.

Zapp.

Mir ist langweilig. Ich gönne mir eine Pause von der Dauerberieselung und plane das Abendprogramm. Ich habe die Auswahl zwischen einer Live-Debatte über die geplanten Ölbohrungen vor den Lofoten, der norwegischen Spielshow „Oppgrader“, der Geschichte des Skispringens, Dr. House oder der norwegischen Realityserie „Hjelp, han pusser opp!“.

Dr. House kenne ich schon, und US-Serien wollte ich auch vermeiden. Geschichte vom Skispringen oder Skifahren ist nicht so spannend und die Lofoten-Debatte lasse ich mir auch entgehen. Ich bin ein Entertainment-Junkie. Bring the games on!!! „Oppgrader“ und danach „Hjelp han pusser opp!“, in dem ein Ehemann mit zwei linken Händen selbstständig eine komplette Wohnung renovieren will. Na, das muss ich gucken!

Zufrieden zappe ich noch ein bisschen weiter im TV rum und lasse meine Gedanken schweifen. Fernsehen ist eine wirklich gute Art und Weise etwas über ein Land zu erfahren. Vorausgesetzt, man erwischt landeseigene Sendungen. Was beschäftigt die Leute? Wie sieht es in anderen Teilen des Landes aus? Worüber reden die Leute? Wer ist gerade populär und warum? Günther Jauch, „Danke Anke“, „Ich bin der Meinung, das war….“, Wum und Wendelin, „Licht aus, Spot an“, Biene Maja sind nur ein Bruchteil von TV-Erinnerungen, die in Deutschland zum Gemeingut gehören. Eine gemeinsame TV-Kultur.

Abends beschließe ich von jetzt an einen Tag der Woche dem norwegischen TV widmen. Schaden tut es nicht, im Gegenteil. Ich habe zahlreiche neue Wörter gelernt, weiß mehr über die Ölbohrungen vor den Lofoten als bisher und konnte fast alle Fragen beim „Oppgrader“-Quiz beantworten. (Wann wurde das norwegische Grundgesetz unterschrieben? Wie hieß der „Rektor“ im ersten Harry Potter? Wer war englische Königin von 1558 bis 1603? Welche norwegischen Fußballfans nennen sich „Tornekratter“? – Der „Rektor“ heißt natürlich Dumbledore. Dachte ich. Aber nicht in Norwegen. Hier heißt er: Albus Humlesnurr. Meine Antwort zählte trotzdem. Fand ich. Oder?)

Morgen lege ich aber einen fernsehfreien Tag ein. Ich glaube, meine Augen sind zu kleinen Quadraten geworden. Fazit des Tages: Ohne die amerikanischen TV-Serien bestände das norwegische Fernsehen wahrscheinlich aus 3 Sendern, die über Natur, Sport oder Tagesneuigkeiten berichten würden.

Und vielleicht würde das sogar reichen.  Einer Statistik der Universität Bergen zufolge verfolgt der größte Teil der Fernsehzuschauer die Sender NRK 1 und TV 2. Mir reicht es für heute auf jeden Fall. Ich muss jetzt noch mein Faschingskostüm basteln. Euch allen schon mal ein kräftiges Helau! In der deutschen Gemeinde sind morgen die Narren los und ich mittendrin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche mit tollen Erlebnissen, ob nun im Fernsehen oder vor der Haustür sei Euch überlassen, genießt den restlichen Winter und haltet immer die Augen offen!

Ha det bra,

fernsehblog

Ulrike

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4 Kommentare zu “Norwegisches Fernsehen im Selbstversuch oder Wer ist Albus Humlesnurr?

  1. POTTHEIßA!

    Soviel Zeit muss sein! 😉

    Es ist sehr interessant, was du über das Fernsehn schreibst. Wie es es dort dort so mit Werbeunterbrechungen? Gibts die auch in den rauen Mengen, wie hier? Obwohl… wenn es die öffentlich-rechtlichen sind, wahrscheinlich nicht so.. ist hier ja auch nur wenig…

    Hab ganz viel Spaß beim Fasching!

    • Werbung gibt es natürlich, sie ist aber witziger und die einzelnen Spots sind teilweise sehr lang, 2 Minuten schätze ich so mindestens, das ist sehr ungewöhnlich.

  2. Das grenzt ja schon an Folter. So etwas würde ich mir nie antun. 🙂

    Aber, so komisch es klingt, ich habe bei Albus Humlesnurr sofort an Harry Potter gedacht (obwohl ich nur eines der Bücher gelesen und keinen der Filme gesehen habe). Ich finde es zwar komisch, wenn Namen übersetzt werden, aber lautmalerisch kommt es dem Original doch ziemlich nahe.

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