Von Frühstücksbuffets, sitzenden Königen und warnendem Gewissen ODER Es ist Nationalfeiertag!

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Ich esse nie wieder etwas. NIE WIEDER. Mein Hosenbund ächzt, mein Magen schließt wegen Überfüllung und mein Gewissen nervt: „Und ich sage noch, dass du das Stück Kuchen nicht essen sollst – nach all den Würstchen!“ – Alle Jahre wieder. Willkommen zum 17. Mai!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Mai hat es feiertagstechnisch in sich, aber da wir am 1. Mai nicht demonstrieren und am 14.5. nicht betrunken unterm Bollerwagen lagen, konnten wir am norwegischen Nationalfeiertag alle Kräfte nutzen. Der „syttende Mai“, wie er hier heißt, ist ein riesiges Volksfest mit Parade und wir haben ihn dieses Jahr ganz traditionell gefeiert. Oder sagen wir, wir haben uns bemüht, ihn ganz traditionell zu feiern. Langjährigen Norwegenbewohner oder riktige nordmenn erlaube ich hiermit die offizielle Kritik im Kommentarfeld!

Es begann mit einem köstlichen Frühstück um 10 Uhr – pünktlich zum Start der Parade live auf NRK 1, dem größten norwegischen Fernsehsender. Während auf der Karl Johans gate die Königliche Garde exerzierte und Waffen schwang, schwangen wir Besteck und Weingläser. Auf einer – selbstverständlich mit den norwegischen Farben – geschmückten Tafel warteten Rührei, Lachs, Roastbeef, Kartoffelsalat, Brötchen, Käse, Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeermarmelade und ein gut gekühlter Weißwein. Ich liiiiebe Brunch/Frühstück/17. Mai-Buffet, vor allem, wenn am Ende der Kransekake aufgetischt wird.

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Glücklich mummelnd verfolgten wir den Auftritt der Königsfamilie auf dem königlichen Balkon. Der Osloer Himmel war grau, die Temperaturen kühl und statt in bunad, der norwegischen Tracht, präsentierten sich Königin Sonja und Kronprinzessin Mette-Marit in Trenchcoat und Hut. Erstmalig standen den königlichen Vielwinkern dieses Jahr Stühle zur Vefügung – naja, ok, das Königspaar ist nicht mehr jung und das Kronprinzenpaar anscheinend schon vom frühmorgendlichen Kinderumzug in der Heimatgemeinde geschwächt. (Unter uns: Elizabeth II. hätte gestanden. Da ist die knallhart. Aber gut. Schwamm drüber.)

Die Kinder jubelten immer noch der, mittlerweile sitzenden, royalen Gruppe zu, als wir unser Frühstücksgelage beendeten und beschlossen, ebenfalls zum Schloss zu wandern. Von uns aus geht man nur eine Viertelstunde, die Parade hatte gerade mal 31 von 106 Schulen hinter sich, da hatten wir noch genug Zeit. Zur Feier des Tages trug Martin Krawatte, ich Jackett und Gesa ihr rotweißgepunktetes Taufkleid – außerdem schmückte die norwegische Flagge den Kinderwagen und zwei rot-weiß-blaue Rosetten unsere Jacken. Am 17. Mai durch die Stadt zu gehen ist auch ein Sehen und Gesehen werden. Hübsche Norwegerinnen in wunderschönen Trachten spazierten an uns vorbei und auch mancher Mann hatte sich in die Tracht seiner Heimatregion geworfen. Obwohl, laut norwegischem Freund Magnus, sollte man das mit den Trachten nicht so ernst nehmen.

Ich dachte immer, es wäre ungeschriebenes, aber nicht weniger harsches, Gesetz, dass man nur die Tracht seiner „Heimat“ tragen dürfte. Was aber, so die berechtigte Frage, wenn die Tracht aus der Heimatregion eher nicht so attraktiv ist? Nun kann man ja niemandem eine hässliche Tracht aufzwingen. Die Lösung sieht so aus: Entweder man hat dann eben keine Tracht oder man schafft sich eine mehr oder weniger schwammige Verbindung zu einer Region mit akzeptabler Bekleidung: „Die Mutter des Onkel meines Schwippschwagers kommt vom Nordfjordklar, dass ich auch diese Tracht trage!“

Auch meine wohlüberlegte Vorsicht, ob und welche Tracht Ausländer am 17. Mai tragen dürften, wurde als zu ernsthaft bewertet. Auf jeden Fall, da bin ich sicher, darf Gesa mit gutem Gewissen die Tracht der norwegischen Hauptstadt tragen – schließlich ist sie hier geboren.

Am Schloss angekommen, warfen wir einen ersten Live-Blick auf den königlichen Balkon, Gesa schäkerte in der Zeit mit der NRK-Moderatorin, die in einem abgesperrten TV-Bereich nahe der Parade saß. Mit lautem Getöse und einem sehr motivierten Musikzug wanderten die Schüler der…äh….was soll das hier heißen?….ich kann meine Notizen nicht lesen. Mal wieder! Also Schüler einer norwegischen Schule zogen winkend und „Hipp hipp hurra“-rufend im Paradezug an uns vorbei. Der jährliche Umzug ist schön und bunt und fröhlich – aber nach ca. 15 Minuten etwas langweilig. Es sind dann eben doch immer nur Kinder in diversen Outfits und die sie begleitenden Erwachsenen. Aber für diese 15 Minuten finde ich es immer wieder toll und jubele begeistert mit!

Um uns herum knipsten Touristen unzählige Bilder (einfach zu erkennen an der so gar nicht festlichen Kleidung), in Trachten gehüllte 20jährige Norwegerinnen schwenkten Bierdosen und Kinder schleckten glücklich am obligatorischen Festtags-Eis. Die Stimmung war am Kochen! Trotz der Menschenmenge trafen wir gleich zweimal auf bekannte Gesichter – das ist dann wieder typisch Oslo, dachten wir, und einer der Gründe, warum uns die Stadt gefällt.

Der Weg zurück nach Hause war bereits mit einigen Bierleichen gepflastert. Ich kann ja so richtig fies gucken – und mein Mörderblick galt vor allem den jungen, besoffenen Mädchen, die mir entgegengetorkelt kamen.

Nicht, dass die das in irgendeiner Weise interessiert oder gestört hätte.

Macht nichts, mir hat es gut getan.

Genauso gut, wie das Krone-Is, Schokoeiswaffel mit Vanilleeis, das wir uns natürlich holen mussten, um den Feiertag stilgerecht zu begehen.

Da wir ja so lange nichts gegessen hatten, wurden zurück am heimatlichen Tisch erstmal pølser og lompe serviert. Was wäre ein 17. Mai ohne das norwegische Nationalgericht? Mittlerweile war unsere Tischrunde gewachsen, von unseren Bäuchen ganz zu schweigen und bis auf Gesa zeigten alle langsam Ermüdungserscheinungen. Also wieder raus – diesmal eine Runde in den Frognerpark.

Wie herrlich ruhig war es hier! Was für eine nette Abwechslung zum Getöse am Schloss!

Zurück am Tisch im heimatlichen Wohnzimmer taten wir was?

Essen – na, sicher! Diesmal Claudias 17. Mai – Pavlova, superschön anzusehen und noch besser zu essen.

Foto: Magnus Andersen

Foto: Magnus Andersen

Nach dem zweiten Stück schaltete mein Körper den Alarm an. Aber es ist doch so lecker, argumentierte ich! Genug für heute, rief mein Körper. Widerwillig gab ich mich geschlagen, verabschiedete müde den lieben Besuch, die letzten Kräfte reichten gerade noch zum Aufräumen, dann fielen wir aufs Sofa und ich dachte nur noch:

Ich esse nie wieder etwas. NIE WIEDER!

Same procedure as every year!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Für alle in der Ferne: Kommt doch auch mal zum Nationalfeiertag nach Norwegen! Oder habt Ihr in der Ferne gefeiert? Und für alle im Lande: Wie sah Euer syttende mai aus? Erzählt doch mal!

Ich wünsche Euch allen ein schönes Pfingstfest, eine tolle Woche und immer einen Grund zum Feiern.

Ha det godt,

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Ulrike

Slow TV im norwegischen Fernsehen Teil 2 ODER …und sie singen und singen und singen

Jon Olav Ørsal

Jon Olav Ørsal

Das letzte Wochenende im November war ungewöhnlich. Statt wie üblich länger zu schlafen, dann ein bisschen durch die Stadt/Natur/Welt zu bummeln und abends einen netten Film zu gucken, saß ich fast 36 Stunden lang vor dem Fernseher. Slow-TV hatte mich im Hypnosegriff!

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Am Donnerstag vor besagtem Wochenende erreichte mich eine SMS von Freundin Claudia, in der es ungefähr hieß: „NRK zeigt 36 Stunden Chorgesang. Das wär doch was für dich!“

Nun möchte ich an dieser Stelle mal allen Freunden des Blogs danken, die mich mit neuen Themen versorgen. Mal per email, mal per SMS, manches ergibt sich im Gespräch. Das finde ich super, macht weiter so!

Nun saß ich also mit Claudias SMS auf dem Sofa und dachte: NRK macht WAS???? Aber warum war ich erstaunt? Ein Fernsehsender, der bereits die 5-tägige Schiffsreise der Hurtigruten live verfolgt hatte, verantwortlich war für „Die norwegische Stricknacht“ und acht Stunden nichts weiter gezeigt hat als knisterndes Kaminfeuer – für den sind 36 Stunden Chorgesang ja fast eine Actionshow. Aber was soll denn 36 Stunden lang gesungen werden, fragte ich mich? Ich öffnete die Webseite des NRK und suchte nach den Programmankündigungen des Wochenendes. Ganz oben: Minutt for minuttSalmeboka. Minutt for Minutt, also Minute für Minute, ist der Konzepttitel des norwegischen Slow-TVs und Salmeboka anscheinend das neueste Projekt. Salmeboka? Boka, also Buch. Aber was sind Salme? Etwa…Psalme? Heißt das etwa, dass….?

Jawoll.

NRK2 lässt in 36 Stunden das komplette Gesangbuch der norwegischen Kirche singen.

Alle 899 Lieder.

Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

In der Deutschen Gemeinde haben wir im Februar ein ähnlich ambitioniertes Projekt gestartet: Bibel24. Wir lesen 24 Stunden lang die Bibel, stoppen und lesen ein paar Monate später an der Stelle weiter  – so lange, bis wir die Bibel durch haben. Nach drei Marathonlesungen haben wir letzten Monat das Alte Testament beendet. Immer, wenn wir eine neue Bibel24-Lesung ankündigen, werden wir gefragt: Warum macht Ihr das? Ich wette, unsere Antwort und die des NRK Minutt for minutt Salmeboka – Teams sind identisch: Warum nicht?

Das nur als Anekdote am Rande. Zurück zum Chorgesang.

Am Freitag, 28.11. um 11.45 öffnete Kulturministerin (!!!) Thorhild Widvey die Pforten der Vår Frue Kirche im Zentrum von Trondheim – dem Hauptaustragungsort des Gesangsmarathons. Zwei schlichte Chorbühnen, Schienen für die fahrbare Kamera und ein paar Scheinwerfer waren im Inneren aufgebaut. Mehr brauchte es nicht. Die Technik hinter den Kulissen lernten wir Zuschauer erst später kennen.

Ich war der ganzen Show mehr als kritisch gegenüber eingestellt. Mal ehrlich….36 Stunden Singen? 36 Stunden Kirchenlieder? 899 Stück?

Aber dann begann der Organist die erste Note zu spielen, oben am Bildschirm erschien ein dreiteiliges Zahlenfeld, das langsam von „000“ auf „001“ drehte und es passierte etwas Unerwartetes: Ich fühlte mich als Teil des Projekts.

Das hört sich jetzt völlig gaga an und ich sehe direkt, wie Ihr vor dem Bildschirm mit den Augen rollt. Aber rollt nur, liebe Leser, es war, wie es war: Ich stand mit den 200 Chören, sechs Organisten, mehreren Solisten und Musikern, dem NRK-Team und allen anderen Beteiligten am Startblock und war bereit 36 Stunden lang durchzuhalten. Ich wollte sehen, wie aus der „000“ eine „899“ wurde. Das sollte so ungefähr am Sonntagabend um kurz vor Mitternacht passieren.

Her mit Popcorn, norwegischem Wörterbuch, Kerze und Decke und los geht es! Projekt Salmeboka lief.

Gleich zu Anfang hatten wir hier im Wohnzimmer gewisse Schwierigkeiten zu überwinden. Gesa, eigentlich ein großer Musikfan, begann bei den ersten Tönen von Herre Gud ditt dyre navn og ære herzzerreißend zu weinen. Ich war verwirrt: Hatte sie Hunger? Nein. Windel voll? Nein. Kuscheln wollte sie auch nicht. Nur weiter weinen. Ratlos drückte ich den Ton vom Fernseher weg – das Weinen stoppte. Probeweise stellte ich den Ton wieder an – Gesa weinte. Ich konnte mir die Abneigung gegen Herre Gud ditt dyre navn og ære zwar nicht erklären, ließ es aber stumm ausklingen. Auch das zweite Lied führte zu dicken Kullertränen. Nun tue ich ja viel für unser wunderbares Kind, aber ich wollte auch das Projekt Salmeboka miterleben, und zwar idealerweise mit Ton. Während der Mädchenchor des Nidarosdoms also Folkefrelsar til oss kom sang (ohne Ton), sang ich für Gesa Bæ, bæ lille lam (mit Ton). Das bringt sie immer zum Lachen und kurze Zeit später verfolgten wir beide den Gesangsmarathon tränenfrei und mit Ton. Ob sie nun das geringere Übel gewählt hat oder nicht, wer weiß das schon. Auf jeden Fall liefen keine Tränen mehr. (Und wer von Euch Lesern jetzt schon empört in die Tastatur tippen will: Gesa hat nicht VOR dem Fernseher gesessen. Sie war einfach im selben Raum und hat zugehört.)

Während Lied 009 rief Martin an und fragte nach ein paar Augenblicken Gespräch verwirrt, was ich denn da für Musik hören würde. Meine Antwort, ich hätte unsere Wochenendpläne etwas verändert und wir würden 36 Stunden lang Kirchenlieder hören, löste fast dieselbe Reaktion wie bei Gesa aus. Nach einer Schrecksekunde versprach Martin aber tapfer, dem Projekt eine Chance zu geben. Was er dann auch tat. Am frühen Abend war die ganze Familie im Boot. Und da blieben wir, ausgenommen von Schlafpausen, einem Kaffeebesuch und einem Spaziergang, auch. Als am Sonntagabend/Montagmorgen um 00.15 die letzten Töne von Lied 899 verklungen waren, fühlten wir uns wie Sieger. „Geschafft!“ jubelten wir mit den Beteiligten.

Viel haben wir während der 36 Stunden und auch hinterher darüber diskutiert, was den Reiz dieser Sendung ausgemacht hat, dem übrigens nicht nur wir erlegen sind: NRK meldete 2,2 Millionen Zuschauer. Bei 5 Millionen Einwohnern im Land schon eine beachtliche Zahl. Und die Begeisterung blieb nicht nur innerhalb der norwegischen Grenzen. Das ARD-Studio Stockholm drehte einen Beitrag für den Weltspiegel, aus Südkorea kam ein Fernsehteam angereist und neben Chören u.a. aus Trondheim, Bergen, Oslo und Tromsø gab es auch eine Direktschaltung nach Iowa/USA, wo sich der Chor der First Lutheran Church am Gesangsmarathon beteiligte.

Woher kam die Faszination? Eine berechtigte Frage, denn eigentlich sprach alles für Langeweile: Ein kaum wechselnder Raum, unterschiedliche, aber doch ähnliche Musik, ein paar Moderationen und Interviews – fertig. Aber so einfach war es eben doch nicht. Zuerst die „sportliche“ Perspektive: Da nehmen sich ein paar Fernsehleute vor, das komplette Gesangbuch singen zu lassen – tolle Idee – das schaffen wir. Kollektiver Ehrgeiz sozusagen. Dann die kulturelle Perspektive: Ich habe wirklich viel über Norwegen gelernt an diesem Wochenende. Es waren nicht nur die 899 Lieder, viele von ihnen norwegisches Traditionsgut, andere aus dem Ausland importiert und integriert. Es waren nicht nur die unzähligen Sänger und Dirigenten der insgesamt 200 Chöre, die mit Leidenschaft und Spaß sangen. Es waren nicht nur die Bilder aus verschiedenen Ecken Norwegens oder die Begeisterung, als ich Samstagmorgen plötzlich ein bekanntes Gesicht in einem der Chöre entdeckte.

Es war, als sei man Teil einer Aktion gewesen, die für ein Wochenende einen großen Teil der Bevölkerung in ihren Bann gezogen hatte. Wenn auch völlig unerwartet. Außerdem hatte ich das Gefühl, als sei die Beteiligung VOR dem Fernseher genauso wichtig zum Gelingen wie das Singen der Chöre im Fernsehen. Und wie die Menschen sich beteiligten: Über Twitter und per Email konnten sich Zuschauer mit Fotos oder Nachrichten melden. Da saßen dann Freitagabend Studenten mit Taco und Kerze vor dem Fernseher, ein älteres Ehepaar sang immer im Wechsel vorm Fernseher mit, Samstagmorgen schickten Familien Fotos vom Frühstückstisch während Amazing Grace im Hintergrund erklang, Oystein schickte per Twitter Grüße an seinen Onkel Asbjørn, der gerade seinen großen Auftritt mit dem Chor hatte. Simon lernte für Matheexamen und fand, dass Kirchenlieder dazu prima passten. Andere waren kurz davor Amok zu laufen, sollten sie noch ein einziges Chorlied hören.

Ein landesweites Phänomen.

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Klar ging es vor allem auch darum, zu sehen und gesehen zu werden. Deswegen zeigten die Kameras alle Sänger, Musiker und Dirigenten in Großaufnahme, deswegen saßen Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen vor dem Fernseher, deswegen war die Trondheimer Kirche so gut besucht, deswegen schickten Zuschauer Fotos und Kommentare. 15 minutes of fame. Ja, vielleicht. Vielleicht aber wirklich nur der Wunsch, an etwas Besonderem beteiligt zu sein. Und darum zu singen. Und zu singen und zu singen. Musik verbindet.

Was wird sich nun ändern? WIRD sich etwas ändern? An Tag 1 nach dem Marathon hörte ich zwei Frauen im Buchladen nach Gesangbüchern fragen. Bei Twitter suchten Zuschauer nach den Kontaktadressen bestimmter Chöre und auf Facebook wurde überlegt, mal wieder häufiger in die Kirche zu gehen. Alles wegen NRK Minutt for Minutt Salmeboka. Ob die Verantwortlichen überhaupt etwas verändern wollen, weiß ich natürlich nicht. Und ob das norwegische Fernsehen Interesse daran hat, die norwegischen Kirchen oder Chöre zu füllen, weiß ich auch nicht. (Obwohl mich gerade die Zusammenarbeit zwischen NRK und Kirche ein bisschen irritiert hat.)

Ich hatte auf jeden Fall ein ungewöhnliches, musikalisches, kulturelles und irgendwie patriotisches Wochenende. So verrückt es auch klingt, aber 36 Stunden Chorgesang waren ein echtes Erlebnis!

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, genießt den dritten Advent und macht es Euch gemütlich. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an alle Omas und Opas da draußen: Was wären wir alle ohne Euch!!! Ich kann zum Beispiel heute mal wieder vormittags meinen Blog schreiben, weil meine Mutter mit Gesa durch den Park schiebt. Und das ist klasse 🙂 Macht es gut, liebe Leser, bis nächsten Freitag…

Ha det bra,

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Ulrike

Norwegisches Fernsehen im Selbstversuch oder Wer ist Albus Humlesnurr?

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Der Weltrekord im Dauerfernsehen liegt bei 86 Stunden und 37 Minuten und wurde 2012 von zwei Amerikanern aufgestellt, die sich über vier Tage lang Folge um Folge der Kult-Serie „The Simpsons“ ansahen.

Mein TV-Marathon dauerte nur 11 Stunden, aber es war norwegisches Fernsehen.

Das zählt dreifach.

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Gestern war also Fernsehtag. Mein Ziel: Euch das norwegische Fernsehen nahe zu bringen. Was passiert in Norwegen den Tag über? Welche spannenden Ereignisse werden live übertragen? Worüber spricht, lacht und wundert sich die Nation? Kein Medium ist besser geeignet ein Land zu verstehen als Fernsehen.

Wir verfügen über die ungeheure Anzahl von 18 Sendern. Davon scheiden einige aus: National Geographic, Discovery Channel, CNN, eurosport, MTV und travel channel sind als internationale Sender raus aus dem Rennen. Bleiben noch 12. Davon fallen einige weg, weil sie von morgens bis abends US-amerikanische Serien zeigen.  Am Ende blieben mir: NRK 1, TV 2, NRK 2 und NRK Super, der Kinderkanal. NRK 3 sendet erst ab 19.30.

Eine überschaubare Auswahl.

Kaffee und Brötchen, Fernbedienung, TV-Zeitung und ich machen es uns gemütlich.

Seid Ihr bereit?

Uuuuund losgezappt:

Es ist 9.13 Uhr und auf NRK 1 laufen die „Morgennytt“, die Frühnachrichten. Eine englisch-sprechende, knallhart wirkende Dame im roten Oberteil erklärt vor einer Versammlung von Presseleuten: „We will catch you!“

Wie, was, wen denn bloß?

Schnitt auf Jacques Rogge, NOC-Präsident und Wladimir Putin, Russen-Präsident, die gemeinsam die Olympiastadt Sotchi besichtigen. „Schakal im Strickpullover“-Putin geht davon aus, dass alles pünktlich fertig wird.

Schnitt auf Frau in Rot. „We WILL catch you!“

Ok, es scheint um Sport und irgendwen zu gehen, der mal wieder böse war.

AHA! Licht am Ende des Tunnels: In Australien soll der Drogengebrauch im Sport mittlerweile normal sein. Und die Rot-Toppige will alle Sünder finden.

Viel Spaß.

Weiter geht es sportlich! Das jährliche Rennen auf das Dach der Empire State Buildings in New York fand statt. Irre. Habe ich mal drüber geschrieben.

Die AP und Høyre, also SPD und CDU Norwegens, liegen bei den Umfragen gleichauf mit jeweils 30,2 %.

Ich schalt mal um. Zapp.

Oh süß, auf NRK Super reden gerade zwei gezeichnete Nilpferde miteinander. Das ist doch viel netter als öde Nachrichten. UND lehrhaft, denn alle NRK-Sender bieten ihren Zuschauern Untertitel. Das nenne ich mal Bildungsfernsehen.

Zapp.

Ohhhhh, Jackpot auf TV 2: Norwegian Idol! Nicht, dass ich das jemals geguckt hätte, aber diese auf der ganzen Welt vorkommenden Talentshows üben einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Kaum habe ich es mir gemütlich gemacht, kommt die Enttäuschung: Ist gar keine Wiederholung von Norwegian Idol. Ist Frühstücksfernsehen, und die beiden ausgeschiedenen Kandidaten sind zu Besuch.

Kein Wunder, dass die ausgeschieden sind. Haben die etwa so gesungen, wie sie gerade reden?? Der Norwegerpullover des Moderators ist außerdem beängstigend.

Zapp.

OHJE!

„The Real Housewives von New Jersey“ auf TV Norge.

Fünf gebotoxte Frauen und ihre muskelgestärkten Ehemänner grillen am Strand. Ich brauche fünf Minuten um herauszufinden, ob das eine Parodie ist oder eine Art Reality-TV. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen: Es ist Reality-TV.

Zapp.

NRK 2 sendet Radioprogramm.

Zapp.

Auf Zebra 2 spielt Ashton Kutcher „Versteckte Kamera“, nennt es „Punk’d“ und bringt Schaupieler Zac Braff beinahe dazu, einen 10jährigen zu verprügeln, der Braffs Porsche angesprüht hat. Das waren noch Zeiten, als Paola und Kurt Felix ihre Späße trieben.

Zapp.

So geht es nicht weiter, ich brauche ein System. Dieses Rumgezappe bringt doch nichts. Ein Blick in die Fernsehzeitung und ich bin irritiert. Hier scheint ein Druckfehler vorzuliegen. Bei NRK 1 lese ich: 11.45 Ut i naturen. 12.00 NRK nyheter. 12.15 Nesten voksen 12.55 Ut i naturen. 13.00 NRK nyhter. 13.05 Planeten vår 13.55 Ut i naturen. 14.00 NRK nyheter.  Das ist ja mal eine Abwechslung.

TV 2 will mich mit der World Snowboard Tour erfreuen. TV Norge mit Will and Grace, Cougan Town oder Friends. TV 3 punktet mit Oprah und Dr. Phil. Ich entscheide mich für NRK 1, TV 2 und NRK super, den Kinderkanal. Damit fange ich mal an.

Und lerne gleich ein neues Wort:  „promper“.

Pupsen.

Das ist doch mal hilfreich und wird meine norwegischen Gespräche bereichern. „Hvordan har du det?“ – „Ja, takk, jeg promper.“ Wunderbar. Außerdem lerne ich von der witzigen, brünetten Moderatorin, dass nachts NICHT alle Katzen grau sind. I mørket er alle katter grå, sagen dazu die Norweger. Schon wieder was gelernt. Hier bleibe ich.

Nächstes Thema: SCHLANGEN!

Zapp.

NRK 1 kündigt „Ei stund i naturen“ an. Ich erwarte Bilder von Norwegen und bekomme: Yellowstone Nationalpark. Auch hübsch. Es geht um Wapitihirsche, die die Wälder verlassen und sich auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum des Parks aufhalten. Na logisch, ist ja auch viel sicherer da. Keine Jäger, keine Bären. Würde ich auch machen. Sieht komisch aus, wie die Hirsche so über den Zebrastreifen wandern. Nach 10 Minuten ist die Sendung zuende. Hallo?? Ich dachte „ei stund“! Typischer Fehler eines deutschen Hirns: „Stund“ ist Augenblick, Moment….

Zapp.

Ein blondgefärbter Mann im pinken Pulli steht vor einem roten Holzhaus und redet komisch. Die Sendung heißt „Strömsö“ und die beiden Umlaute verraten es sofort:

Wir sind in Schweden.

Es folgen 15 Minuten zwischen selbstgemachtem, schwedischem Ketchup und einer Trommelgruppe aus Ghana. Außerdem lerne ich, wie man aus Maschendraht einen hängenden Blumenkorb basteln kann. Toll.

Zapp.

Awwww, auf NRK Super springen gerade die gepunkteten Küken einer Ente aus einer Höhle im Stamm gen Boden und watscheln hinter der Mutter her ins Wasser. Süüß!

Und auf NRK 1 jagt ein Seeteufel Beute. Auf Norwegisch heißt der Breiflabben. Tolles Wort.

Es ist mittlerweile 13.00 und ich habe Mittagshunger.  Ich tue es dem Breiflabbe gleich und gehe auf Beutejagd. Im Kühlschrank werde ich fündig und genieße schon meinen Salat, während mein Unterwasser-Mittagspartner immer noch hungrig wartet. Vom Dach tropft es auf den Balkon und die Bäume verlieren ihre weiße Zuckerschicht. Kommt etwa der Frühling?

In Japan spielen sie menschliches Domino. Über 200 an Matratzen gepresste Menschen lassen sich umwerfen und liegen sich hinterher lachend in den Armen.  Es kann so einfach sein. Der Rekord in „human dominoes“ wurde 2012 in China aufgestellt. Mit 1001 Teilnehmern.

Zapp.

Mir ist langweilig. Ich gönne mir eine Pause von der Dauerberieselung und plane das Abendprogramm. Ich habe die Auswahl zwischen einer Live-Debatte über die geplanten Ölbohrungen vor den Lofoten, der norwegischen Spielshow „Oppgrader“, der Geschichte des Skispringens, Dr. House oder der norwegischen Realityserie „Hjelp, han pusser opp!“.

Dr. House kenne ich schon, und US-Serien wollte ich auch vermeiden. Geschichte vom Skispringen oder Skifahren ist nicht so spannend und die Lofoten-Debatte lasse ich mir auch entgehen. Ich bin ein Entertainment-Junkie. Bring the games on!!! „Oppgrader“ und danach „Hjelp han pusser opp!“, in dem ein Ehemann mit zwei linken Händen selbstständig eine komplette Wohnung renovieren will. Na, das muss ich gucken!

Zufrieden zappe ich noch ein bisschen weiter im TV rum und lasse meine Gedanken schweifen. Fernsehen ist eine wirklich gute Art und Weise etwas über ein Land zu erfahren. Vorausgesetzt, man erwischt landeseigene Sendungen. Was beschäftigt die Leute? Wie sieht es in anderen Teilen des Landes aus? Worüber reden die Leute? Wer ist gerade populär und warum? Günther Jauch, „Danke Anke“, „Ich bin der Meinung, das war….“, Wum und Wendelin, „Licht aus, Spot an“, Biene Maja sind nur ein Bruchteil von TV-Erinnerungen, die in Deutschland zum Gemeingut gehören. Eine gemeinsame TV-Kultur.

Abends beschließe ich von jetzt an einen Tag der Woche dem norwegischen TV widmen. Schaden tut es nicht, im Gegenteil. Ich habe zahlreiche neue Wörter gelernt, weiß mehr über die Ölbohrungen vor den Lofoten als bisher und konnte fast alle Fragen beim „Oppgrader“-Quiz beantworten. (Wann wurde das norwegische Grundgesetz unterschrieben? Wie hieß der „Rektor“ im ersten Harry Potter? Wer war englische Königin von 1558 bis 1603? Welche norwegischen Fußballfans nennen sich „Tornekratter“? – Der „Rektor“ heißt natürlich Dumbledore. Dachte ich. Aber nicht in Norwegen. Hier heißt er: Albus Humlesnurr. Meine Antwort zählte trotzdem. Fand ich. Oder?)

Morgen lege ich aber einen fernsehfreien Tag ein. Ich glaube, meine Augen sind zu kleinen Quadraten geworden. Fazit des Tages: Ohne die amerikanischen TV-Serien bestände das norwegische Fernsehen wahrscheinlich aus 3 Sendern, die über Natur, Sport oder Tagesneuigkeiten berichten würden.

Und vielleicht würde das sogar reichen.  Einer Statistik der Universität Bergen zufolge verfolgt der größte Teil der Fernsehzuschauer die Sender NRK 1 und TV 2. Mir reicht es für heute auf jeden Fall. Ich muss jetzt noch mein Faschingskostüm basteln. Euch allen schon mal ein kräftiges Helau! In der deutschen Gemeinde sind morgen die Narren los und ich mittendrin. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche mit tollen Erlebnissen, ob nun im Fernsehen oder vor der Haustür sei Euch überlassen, genießt den restlichen Winter und haltet immer die Augen offen!

Ha det bra,

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Ulrike