Höflichkeit ist eine Frage des Anstands ODER Gedanken im ICE…

hoeflich

Ich sitze im ICE auf dem Weg von Hamburg nach Hannover, als mir auf der letzten Seite der Aftenposten ein Artikel ins Auge springt. Auf einer kompletten Zeitungsseite wird berichtet, dass Skilangläuferin Therese Johaug während eines TV-Interviews Wasser getrunken hat. Aus der Flasche.

SKANDAL!

Hallo meine lieben Leser, schön dass wir uns hier wieder treffen an diesem 13. Dezember, dem Tag von Santa Lucia. Heute strahlt alles, was strahlen kann, von Lichtern über Kerzen bis zu Kinderaugen.

Aber zurück zu Therese im ICE.

Da saß ich also auf Platz 31 in Wagen 4 und versuchte zu erraten, warum die Flüssigkeitsaufnahme einer norwegischen Athletin derartig hohe Wellen schlägt. Mitten in meine Überlegungen platzten zwei pädagogisch herausfordernde Kinder einer Mutter-Kind-Kur-Gruppe, die sich praktischerweise im Ruhebereich des ICEs acht Plätze reserviert hatten. Ich wurde Zeugin folgender Konversation:

„Emma, du bist total blöd!“

„Du bist selber blöd!“

„Du bist viel blöder!!!“

„Mama, Karl hat gesagt, dass ich blöd bin!!!!!!!“

„Hör nicht hin, Emma.“

„Meine Mama sagt, ich soll nicht auf dich hören.“

„Weil sie blöd ist.“

— „Karl, du gehst jetzt mal bitte zu deiner Mutter und sagst ihr, ich komm gleich.“

Karl geht und zwickt Emma in den Arm.

„Du Arsch!!!“

„Emma, solche Wörter will ich nicht hören.“

„Der Karl hat mich gezwickt!“

„Ich habe dir gesagt, du sollst ihn nicht beachten.“

„Der zwickt mich und ich soll NICHTS machen???“

„Genau.“

Ich bewundere die Höflichkeit, mit der sich die beiden Kinder behandeln und das pädagogisch wertvolle Verhalten der Mutter, die nun aufsteht, um wahrscheinlich Karls Mutter aufzuklären, die „völlig überfordert ist von ihrem Sohn, das habe ich sofort gesehen, als er am ersten Tag Emmas Schaufel am Strand geklaut hat.“ In Deutschland, da ist man wenigstens noch höflich zu einander, jawoll, wusste ich schon immer!!! In Norwegen ist das ganz anders. Die Mutter kehrt zurück, seufzt tief und murmelt etwas über verzogene Kinder, was ich leider akustisch nicht ganz verstehe, weil in diesem Moment „Emma ist blöööööd!“ durch den Waggon schallt.

Ein Hoch auf die Mutter-Kind-Kur und den daraus resultierenden Erholungseffekt der Mütter, denke ich und kehre zur norwegischen Sportwelt zurück. Ich gebe es auf zu raten, welchen Skandal Therese ausgelöst hat, sondern lese den Artikel. Einmal. Und dann nochmal. Nur zur Sicherheit, da ich befürchte, ich hätte ihn beim ersten Mal falsch verstanden. Erinnert Ihr Euch, liebe Leser, an meine regelmäßigen Tiraden über die teilweise herrschende Unhöflichkeit hier in Norwegen? Da wird einem die Tür vor der Nase zugeschlagen, älteren Leuten kein Sitzplatz angeboten, Entschuldigungen sind für Weichlinge und überhaupt ist Höflichkeit ein Eingriff in die Privatsphäre der anderen und damit verpönt. All das habe ich im Hinterkopf beim Lesen des Artikels. Und staune.

Was geschah?

Das NRK (norwegisches Fernsehen) interviewte Therese Johaug nach einem Wettbewerb vor laufenden Kameras. Die blonde Athletin mit Sponsorenverträgen war anscheinend kurz vor dem Austrocknen, hob sie doch, gut sichtbar, die Isklar-Trinkflasche regelmäßig an den Hals und nahm einen kräftigen Schluck. Und dann noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Verpatztes Product Placement, meinten die einen. Eine grobe Unhöflichkeit, motzten die anderen.

Nun war ich mal sprachlos. Das passiert nicht häufig. Aber auch erleichtert: Es gibt also das Prinzip der Höflichkeit in Norwegen. Das ist doch mal ein Anfang, darauf können wir doch aufbauen, da ist doch ein Licht am Ende des Tunnels! Wie jede gesellschaftliche Revolution hat auch diese mit Startschwierigkeiten zu kämpfen und statt eine wassertrinkende, sponsorenabhängige Sportlerin an den Pranger zu stellen, hätte Aftenposten unter Garantie im ganzen Land größere Höflichkeitsverbrecher gefunden, aber immerhin – ein Anfang ist gemacht. Ab jetzt geht es aufwärts und ich sehe, ganz weit entfernt, den Tag, an dem mein Nachbar mir NICHT die Tür vor der Nase zuschlagen wird, wenn ich mit zwei vollen Einkaufstüten kurz davor stehe! Wo Martin eine Entschuldigung bekommt, wenn ein Morgentrottel ihn an der Bushaltestelle anrempelt und seinen Kaffee verschüttet! Wo nicht nur „Takk for sist“, „Takk for maten“ oder Schuhe ausziehen zur allgemeinen Höflichkeit gehören.

Die Revolution beginnt, ich bin sicher! Und ich erfahre davon im ICE, mitten in Deutschland, wo Karl seine Liebe zu Emma für immer begraben muss. „Er hat mich GEZWICKT!“

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Weihnachten naht mit großen Schritten, es wird gewichtelt und gekrippenspielt, gesungen und gebacken und ab dem 21.12. kehrt dann Ruhe ein und die Vorfreude auf die Weihnachtstage beginnt. So ist es jedenfalls bei mir. Worauf freut Ihr Euch? Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche, seid höflich zueinander, oder, um anderes Gedankengut einzubringen: Behandelt jeden so, wie Ihr selber behandelt werden möchtet.

Ha det bra,

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Ulrike

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4 Kommentare zu “Höflichkeit ist eine Frage des Anstands ODER Gedanken im ICE…

  1. Hahaha, sehr schoen! Habe verzweifelt versucht zu verstehen was das Problem der wassertrinkenden Therese war, vor allem weil doch gerade sie sonst der Liebling (zumindest des maennlichen Teils) der Nation ist. Ich werde jetzt genau aufpassen ob ich vielleicht weniger oft hinter der zufallenden Tuer herhasten muss 🙂

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