Happy 450th Birthday, Will ODER Der unerwartete Auftritt der roten Papierschere

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Das Publikum wippt begeistert mit, die Darsteller geben alles, Ragtime flutet durch den Gemeindesaal und ich habe nur einen Gedanken: GESCHAFFT!!!

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Nach knapp acht Monaten Probenzeit ist unser Shakespeare-Projekt letztes Wochenende erfolgreich über die Bühne gegangen und ich bin megastolz darauf. Über 100 Zuschauer hatten wir in den zwei Tagen und ich nehme Euch einfach mal mit in meine Stunden vor, während und nach der Premiere.

Das Wetter lässt morgens zu wünschen übrig. Es regnet. Na, super…die ersten 15 Minuten unseres Stückes sollen vor der Tür stattfinden. Ein kurzer Check auf der Wetterseite yr.no sagt aber: Um 18h hört es auf zu regnen. Prima, passt.  Ist das Wetter auch grau, die Laune ist bombig. Ich freue mich auf die Premiere, auf die Nervosität, das hektische Gewusel von 12 Leuten und die gespannte Erwartung des Publikums. Eine lange Liste von Dingen, die erledigt oder kontrolliert werden müssen, liegt vor mir. Es ist 8 Uhr morgens, vor 10 Uhr kann ich nichts davon erledigen. Schlafen geht aber auch nicht mehr. Mist. Die nächste Premiere setze ich für 9 Uhr morgens an. Jawoll. Hm…nächste Premiere…vielleicht sollte ich die zwei Stunden nutzen und überlegen, welches Stück wir nächstes Jahr…nee….geht nicht…immer erst ein Projekt beenden. 8 Uhr 10. Die Zeit schleicht.

Der Vormittag vergeht dann in Einkaufen und Kaffee trinken und um kurz vor drei hält mich nichts mehr – ab in den Gemeindesaal. Dort zu sein ist schon mal besser als zuhause zu sitzen. Und immerhin kann die Aufregung dort besser geteilt werden, denn ich bin nicht die Einzige, die schon früher auftaucht. Prima. Gute Laune macht sich breit, als wir Luftballons aufblasen, Girlanden verteilen und den Saal so bereit machen für unsere William-Shakespeare-Geburtstagsfeier.  Um kurz vor fünf: Maskentermin. Jetzt wird es ernst. Katharina, Maskenbildnerin an der Osloer Oper, hat angeboten, uns während der beiden Vorstellungen zu schminken – eine tolle Sache! Das Gemeindebüro wird kurzerhand zum Maskenraum umfunktioniert und wo eigentlich Aktenordner, Locher und Stifte ihren Platz haben, liegen nun Schminkschwämme, Farbtöpfe und Bürsten.

Die Zeit in der Maske war für mich schon immer eine perfekte Vorbereitung auf den zu folgenden Abend. Hinsetzen, Augen zu, manchmal Augen auf, hochgucken, runtergucken..mehr wird dort nicht von mir verlangt. Falls nicht gerade die Lippen geschminkt werden, kann man sich prima unterhalten in diesem kleinen Refugium, die Stimmung ist locker. Während Rouge verteilt, Kajalstriche gezogen und Haare gewickelt werden, hat man Zeit den Ablauf noch einmal im Kopf zu wiederholen und kommt nach einer gewissen Zeit (in den meisten Fällen) verschönert und erholt zurück in die Realität. So auch diesmal. Es ist 17.15h und langsam trudelt der Rest der Truppe ein. Um 18.45 beginnen wir das Stück vor der Tür und wollen so die Zuschauer begrüßen.

Es regnet immer noch. Minuten später tanzen kleine Schneeflocken am Fenster vorbei. Die drei Hexen beschließen, in Winterstiefeln und dicken Jacken unter den grauen Umhängen draußen zu spielen, während Romeo sich in ihr Thermounterhemd wirft und Puck nach einem Regenschirm sucht. Niemand will den Einlass ausfallen lassen. BRAVO!!!

Der Saal ist fertig, 72 Plätze, mal gucken, ob es reicht. Abendkasse ist eingerichtet, Kuchenbuffet steht, Kaffee brodelt durch die Maschine, Wechselgeld ist da.  Requisiten sind an ihren Plätzen, Scheinwerfer funktionsfähig und auf Position, Headset und Sound sind gecheckt, alle Darsteller und Helfer sind bereit und willig – auf geht’s!!!!

Die ersten Zuschauer kommen gegen 18.30 Uhr durch den Regen gelaufen. Yr.no scheint verbesserungswürdig zu sein, statt gegen 18 Uhr aufzuhören, hat der Regen zugelegt. Wir sammeln Regenschirme und beginnen um 18.45 Uhr draußen mit dem Stück. Hamlet begrüßt die Zuschauer mit „Sein oder nicht Sein“, Puck erzählt, seine Königin sei in ein Monster verliebt, die drei Hexen brauen gutgelaunt und gefährlich kichernd einen Sud aus Plastikratten, Weingummiaugen und Fichtenästen, während Romeo Julia gesteht, dass er über die hohe Mauer in ihren Garten geschlichen kam, um seine Liebe zu beweisen. Es ist ein wunderbares Spektakel, das auch nicht davon gemindert wird, dass die Shakespeare-Figuren unter Regenschirmen rezitieren. Sicher im Trockenen angekommen, begrüßt Macbeth seine Untertanen mit der philosophischen Betrachtung der Zukunft, während aus dem Saal Klavierklänge dringen. Die Zuschauer sind von Anfang an mittendrin – manche verwirrt das augenscheinlich, andere können gar nicht genug bekommen und lassen sich auf Unterhaltungen mit den Darstellern ein.

Ich werde langsam ruhiger, der Saal füllt sich, die Sache läuft, endlich fängt es an. Mit meiner Weihnachtsglocke bewaffnet läute ich den Beginn der Show ein, die durchgefrorenen Darsteller begeben sich ins Warme.

Der Vorhang geht auf.

Die Energie im Saal ist vielversprechend und wird, wie in einem Tennismatch, aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurückgeschossen. Das Verhältnis stimmt und manche Szenen habe ich noch nie so gut gesehen. Es macht Spaß zuzugucken – alles klappt!

Naja, fast.

In der Handwerkerszene aus „Ein Sommernachtstraum“ beginnt der Mond plötzlich mit seinem Kollegen zu tuscheln, während Pyramo sich lautstark über den vermeintlichen Tod seiner Thisbe beklagt.  „Was tuscheln die denn da?“ denke ich irritiert, als Kollege Astrid plötzlich von der Bühne verschwindet. Konzentriert scanne ich die Bühne und – ohja – wo ist der Dolch, den sich Pyramo gleich vom Mond geben lassen soll?

Nicht da.

Dumm irgendwie, denn mit diesem Dolch soll er sich gleich das Leben nehmen.

Die Sekunden vergehen, Pyramo kommt immer näher an die Textstelle, an der er sich den Dolch holen soll.

Kollege Astrid kehrt zurück auf die Bühne. In der Hand…

…eine rote Schere, die sie schweigend dem Mond gibt, der sie, ohne mit der Wimper zu zucken, entgegennimmt.

Ich habe das Gefühl, meine Augen fallen mir aus dem Kopf.

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…“mein Liebchen hat defloriert“, rezitiert Pyramo und greift zum Dolch, der nun eine Schere ist. Auch hier kein Zucken. Dafür zucke ich. Das ist eine scharfe Schere, mit der sich gleich zwei Darsteller das Leben nehmen werden. Alles läuft gut. Auch Thisbe nimmt mit großer Selbstverständlichkeit die rote Papierschere aus den Händen ihres verstorbenen Geliebten, hält sie anklagend in die Höhe und nimmt sich, bühnengerecht, damit das Leben. Für dieses abgebrühte Überspielen eines so eindeutigen Schnitzers hätten sie alle Szenenapplaus verdient.

Kam aber nicht.

Das Publikum dachte, es muss so sein.

Natürlich ist die Schere in der folgenden Pause DAS Gesprächsthema. Die Laune ist hervorragend und ich weiß – alles wird heute gut. Die Zuschauer machen sich bestens gelaunt über das Kuchenbuffet her und nach 15 Minuten starten wir in den zweiten Teil. Macbeth geht ohne Probleme und mit vielen Lachern über die Bühne und ich muss daran denken, welche Sorgen uns diese Szene gemacht hat. Zu lang, zu kompliziert, Teilen wurden gestrichen, umgeworfen, eine Textversion wurde durch die nächste ersetzt – und doch, jetzt funktioniert es. Toll!

Unser Highlight kommt am Schluss. Ich vermute zwar, dass „Hamlet – Die 15 Minuten danach“ gut ankommen wird, aber wirklich sicher bin ich erst, als die ersten Lacher punktgenau kommen. Kommissar Schmitz mit rheinischem Dialekt, der auf Urlaub in Dänemark den Mord des kompletten Königshauses aufklären soll, ist ein Brüller. Die sich streitenden Leichen und der Vertraute Horatio, der versucht, die Situation in Griff zu bekommen, kommen genauso wunderbar schräg beim Publikum an, wie wir uns das beim Schreiben vorgestellt haben. Als dann noch ein Ragtime-Song die Szene beendet, sind die Zuschauer nicht mehr zu halten und ich jubele begeistert von der Seite aus mit.

Geschafft!!! Das Licht geht aus, der Applaus geht los und der Abend endet in Begeisterung.  Die Premierenfeier wird lang, lecker und lustig.

Und nun? Nun ist das Ganze schon eine Woche her und nicht mehr als Erinnerung. Eine der besten allerdings, die ich hier in Norwegen bisher gemacht habe. Auch wenn der Weg manchmal steinig war, am Ende hat sich alles gelohnt. Nächstes Jahr wieder, auf jeden Fall!

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Das war es für heute, meine lieben Leser, nächste Woche ist Ostern und der Blog kommt in der Woche darauf zurück. Dann mal wieder mit einem typisch norwegischen Thema: Kaffee. Barista Isabella nimmt mich nächste Woche mit auf Kaffeetour durch die Hauptstadt und ich bin gespannt, welche Überraschungen auf mich warten. Von Tim Wendelboe bis zur vietnamesischen Kaffeekultur stehen viele spannende Dinge auf unserem Kalender. Lasst Euch überraschen!

Ich wünsche Euch allen, wo auch immer Ihr seid, Frohe Ostern, Zeit für Euch selbst, Eure Familien und Freunde.

Ha det bra,

 

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Ulrike

 

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4 Kommentare zu “Happy 450th Birthday, Will ODER Der unerwartete Auftritt der roten Papierschere

  1. Es liest sich so wunderbar! Da wäre ich auch gern bei gewesen.

    Was ich bei solchen Projekten immer soooo schade finde, dass es nach der vielen Heidenarbeit nur 1 oder 2 Vorstellungen gibt und dann alles vorbei ist.

    Hauptsache ist aber, es hat Spaß gemacht! Und danach klingt es in jedem Fall 🙂

  2. Nun warst du glatt schneller als ich 😉 Aber da ich eh nicht so der Textschreiber bin, wird mein Blogartikel dafür mehr Fotos liefern 😉
    Es war ein sehr schönes Theaterstück!

  3. Herzlichen Glückwunsch zu eurem Erfolg! Das hätte ich gern gesehen. Schon Deine Beschreibungen machen total Lust darauf. … und kleine Pannen gehören immer dazu. Über die Schere werdet ihr noch nach Jahren lachen. 🙂

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