Freie Fahrt für Kinderwagen ODER Oslo, was hast du gegen mich??

Seit einigen Wochen habe ich einen neuen, ständigen Begleiter: Simo, der Kinderwagen. Dank ihm muss ich unsere immer schwerer werdende Tochter nicht durch die Stadt tragen, sondern kann Gesa in sein komfortables Inneres legen und losschieben. Und dann wieder stoppen. Und wieder schieben. Ein bisschen fluchen. Wieder schieben. Stoppen. Fluchen. Schieben. Stoppen. Fluchen. Schieben. Das ist kein bisschen Simos Schuld. Oh nein. Die bittere Wahrheit ist: Oslo ist ein Alptraum für Kinderwagen.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute mal wieder mit einem Babythema und zwar mit einem, das mich jeden Tag an den Rand des Nervenzusammenbruchs führt: Kinderwagen und Oslos Bürgersteige.

Dabei habe ich einen super Gefährten: Simo, der Kinderwagen, ist laut Werbung Sjef på fortauet und Konge på veien, Boss auf dem Bürgersteig und König auf dem Weg! JAWOLL! Habt Ihr das gehört, Osloer Bürgersteige??? BOSS und KÖNIG!!!! Und was macht Ihr mit meinem so hochherrschaftlichen Kinderwagen?? Mit dem wunderbaren Simo, der Respekt verdient und freie Fahrt??

IHR BLOCKIERT IHN!

Und mich.

Ständig.

Um diesen Vorwurf zu verdeutlichen lade ich Euch, liebe Leser, ein, mich auf einem unserer typischen Wege zu begleiten. Von unserer Wohnung in der Sorgenfrigata zum Frogner Gesundheitszentrum am Solliplatz. Dort wird Gesa jeden Donnerstag gewogen. Laut Google Maps ist die Strecke 1,8 Kilometer lang und dauert zu Fuß 21 Minuten.

Klar.

Ohne Kinderwagen.

MIT dauert sie gefühlte fünf Stunden.

Und das liegt nicht daran, dass Simo mit seinen knapp 16 Kilo plus 5 Kilo Gesa, das also die insgesamt 21 Kilo für mich zu schwer zu schieben wären…oh nein! Kinder tragen und schieben stärkt die Muskeln und mittlerweile könnte ich wohl auch Sumo-ähnliche Drillinge locker lächelnd den Brocken hochschieben. Daran liegt die unendliche Wegzeit also nicht. Sie liegt an den unzähligen Hindernissen, die sich heimtückisch in Simos Weg stellen.

Oder sich werfen, im Falle der toten Elster.

Na, das war ein Morgen.

Aber weiter im Text.

Starten wir also in der Sorgenfrigata. Dass unsere Haustür so viel wiegt wie eine Herde Elefanten ist nicht die Schuld der Osloer Bürgersteige, zählt also nicht für die Strecke.

Aber gemein ist es trotzdem!

Wir befinden uns vor der Tür und biegen schwungvoll nach rechts ab auf den Bürgersteig. Nicht zuuuu weit nach rechts aber, ansonsten versinken Simos Reifen im ersten von vielen Schlaglöchern. Oslos Bürgersteige sind voll davon. Eigentlich gibt es in Oslo keine Bürgersteige, sondern nur eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern verbunden mit ein bisschen Asphalt.

Ich lenke Simo geschickt am Loch vorbei und genieße zehn Meter freie Fahrt. Dann: Ein Baum.

Nein. Falsch.

Ein BAUM.

Ich habe nichts gegen Bäume. Wirklich nicht. Ich bin zahlendes Mitglied bei NABU und Greenpeace, habe schon eine Kastanie umarmt und im Wald Urschreitherapie gemacht. Mein Freund, der Baum.

Aber…

Steht so ein Baum wie eine borkenumrandete Walküre mit Stoppschild mitten in meinem Weg, mit Wurzeln, die sich durch den Asphalt schieben und Ästen, die mir die Sicht nehmen…dann…dann…dann verspüre ich doch eine gewissen Sympathie für motorbetriebene Sägewerkzeuge. Fluchend hoppeln Simo, Gesa und ich über das Hindernis. Irgendwann werde ich hier den falschen Winkel fahren und Simo wird mit ungehemmter Kraft in den Vorgarten unserer Nachbarn kippen.

Diesmal haben wir es sicher geschafft.

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Nächster Stopp: Ein Zebrastreifen. Ähnlich wie Ampeln dienen diese Verkehrselemente dem reibungslosen Ablauf des städtischen Verkehrs. Leider sehen das nicht alle Verkehrsteilnehmer so. Manche halten sowohl rote Ampeln als auch Zebrastreifen für Elemente des eigenen Ermessens – und brettern mit voller Geschwindigkeit drüber. Erwarte ich das bei Zebrastreifen, schockt es mich doch immer wieder bei roten Ampeln. Nach dem Motto „Ich lasse mir nichts vorschreiben – von niemandem und nirgendwo!“  geben manche Auto- oder Radfahrer vor einer roten Ampel gerne noch einmal richtig Gas. Dem Fahrer des dunkelblauen Teslas, vor dessen Kotflügel uns letzte Woche nur ein gewaltiger Rückwärtssprung rettete, möchte ich an dieser Stelle sagen, was ich damals vor Schreck nicht konnte:

„Arschloch.“

Zurück am Zebrastreifen lassen wir geduldig lächelnd zwei Autos vorbei. Weiter geht es. Für die kommenden Meter haben wir freie Fahrt, überqueren die Industriegata und schieben weiter den Majorstuveien hinauf. Erklimmen den Gipfel…und treffen die ersten Regenabläufe.
Aus mir unerklärlichen Gründen enden die Regenrinnen in Oslo nicht IN der Erde, wie man das von Regenrinnen so kennt. Nein! Sie stoppen kurz vorher und hängen mit offenen Enden am Haus runter. Damit sich nun die darunterliegenden Bürgersteige nicht regelmäßig in Kneippbäder verwandeln, muss das Regenwasser in die Gosse abgeleitet werden. Und das geschieht mit Regenabläufen, ca. zehn Zentimeter breiten Vertiefungen im Bürgersteig. Unglaublich praktische Sache für Kinderwagen. Vor allem, wenn alle drei bis vier Meter so ein Ablauf auftaucht.

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Zuerst dachte ich, Simo könnte sie mit ein bisschen Schwung problemlos nehmen.

Also Vollgas und rüber!

Gesa hat noch zwei Straßen weiter gebrüllt.

Jetzt bremse ich vor jedem Regenablauf also etwas ab und setze mit viel Gefühl auf die andere Seite über. Das ist unglaublich umständlich und deshalb mein Aufruf an alle Straßeningenieure: Bitte, bitte bewerbt Euch in Oslo und TUT ETWAS!!!!!

Wir hoppeln weiter bergab. Ich erinnere mich, dass auf der linken Bürgersteigseite nach der nächsten Kurve gebaut wird. „Du Fuchs!“, lobt mich Simo, als ich auf die rechte Seite wechsle.

Dort versperrt uns ein LKW den Weg.

Ich vermute schon seit längerem, dass ich in Oslo videoüberwacht und absichtlich blockiert werde. Es kann nicht anders sein, denn eigentlich immer, wenn ich aus bestimmten Gründen auf die andere Bürgersteigseite wechsle, ist dort ein Hindernis: Ein LKW beim Ausladen, der Postbote mit seinem riesigen Brieftransportwagen, eine neue Baustelle oder eine Gruppe Jugendlicher mit pubertären Hör- UND Sehproblemen. Unzählige „Unnskyld!?“ – „Hallo?!“ – „Hei!?!“ – „HAAAAALLLLOOOOOO!!!!????“ später war ich mir damals sicher, dass Kinderwagen unsichtbar machen, bin auf die Fahrbahn geschoben und fluchend an den Jungnorwegern vorbei gehechtet. Diesmal umrunde ich also den LKW einer Brauerei. Weiter geht es bergab, vorbei an der Uranienborgkirche Richtung Oscars gate.

Nach fast drei Minuten ohne Hindernis werde ich zunehmend nervöser und blicke mich misstrauisch um. Gerade als ich die Oscars gate überquere, schießt aus dem Nichts ein Rollstuhlfahrer in meinen Weg. Nun bin ich ja ein höflicher und respektvoller Mensch. Ich biete Schwangeren meinen Platz im Bus an, halte meinem Nachbarn die Tür auf und lasse älteren Mitbürgern Vortritt an der Supermarktkasse. Für einen Rollstuhlfahrer mitten auf der Straße zu stoppen, wäre also eine meiner leichtesten Übungen. Aber ER will MIR den Weg abschneiden. Ehrlich! Nach allen verkehrsrechtlichen Erkenntnissen müsste ICH hier Vorfahrt haben und außerdem habe ich einen Kinderwagen und Simo ist schließlich der König der Wege und der Boss der Bürgersteige und ich werde schon seit mindestens einem Kilometer und zahlreichen Wochen von Zebrastreifen, Regenabläufen, Baustellen und pubertätsblinden Jugendlichen gemobbt und irgendwann reicht es mal, ich bin ja schließlich auch nur ein Mensch!!!!!!!!!!!!!!!!!

Noch als ich den Rollstuhlfahrer rasant überhole und zum Bremsen zwinge, fühle ich mich schrecklich schuldig. Ich stoppe, entschuldige mich und während er fluchend an mir vorbeifährt, lasse ich mich auf die Bank an der Ecke fallen. Gesa nutzt die Gelegenheit und ruft nach der Flasche. Ich krame in meiner Tasche nach einem glücksspendenden Schokoriegel und die nächsten Minuten verbringen wir beide mit einem Picknick. Ich überlege für einen kurzen Moment, Gesa in den Tragesack zu packen, Simo anzuketten und den Rest des Weges ohne Kinderwagen fortzusetzen.

Dann regt sich mein Kampfgeist: Ich lasse den König der Wege nicht vor den heimtückischen Bürgersteigen Oslos kapitulieren! OH NEIN! SOO NICHT! Ab mit Gesa in den Wagen, die Bremse gelockert und mit neuem Schwung ab in die Inkognitogata.

Als erstes fällt mir da eine Kastanie auf den Kopf.

Ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen und ignoriere auch den Baukran vor der Botschaft von Südkorea. Immerhin gibt es hier keine Regenabläufe, versuche ich die Situation positiv zu sehen und schiebe grimmig durch die enge Lücke zwischen dem Zaun der italienischen Botschaft und einem schief parkenden Geländewagen. An der Ecke Inkognitogata und Colbjørnsens gate leiste ich mir ein kleines Duell mit einer Jogger-Twist-Mutter, das ich dank Masse von Simo und ungebremster Schubkraft haushoch gewinne. „Diese dreiräderigen Stadtkinderwagen sind eben nicht kampffähig“, höhnt Simo und rollt siegestrunken bergab. Wir sind auf den letzten Metern, schlängeln uns noch einmal an einer blind-tauben Pubertierenden und ihrem riesigen Koffer vorbei und biegen gegenüber des Ibsen-Museums auf die wohl schlimmste Baustelle in ganz Oslo. Den aufgerissenen Solliplass. Für einen kurzen Moment bezweifele ich, dass Simo durch die von den Bauarbeitern gelassene Lücke auf dem Bürgersteig passt, aber wir versuchen es trotzdem und – Eureka – es passt! Nun nur noch die Rampe vor dem Gesundheitszentrum hoch – natüüüürlich kommt uns eine Frau ohne Kinderwagen, Gehhilfe oder Rollstuhl entgegen und wir müssen warten. Logisch.

Dann sind wir da. Nach nur 37 Minuten.

Wie freue ich mich darauf, wenn Gesa laufen kann.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Bald kommt der Winter und die Osloer Bürgersteige verwandeln sich zu eisglatten Gefahrenquellen. Mal sehen, was Simo, Gesa und ich dann erleben werden! Euch allen wünsche ich eine Woche ohne Hindernisse, immer freie Fahrt und im Notfall gute Nerven. Die Temperaturen sinken und nicht mehr lange, bevor der Schnee kommt, vermute ich. Wir genießen die Sonne so oft wir können und freuen uns auf einen schönen Winter.

Noch. 🙂

Ha det bra,

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Ulrike

 

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8 Kommentare zu “Freie Fahrt für Kinderwagen ODER Oslo, was hast du gegen mich??

  1. Ich muss hinzufuegen, dass dieser Text keinerlei Uebertreibungen beinhaltet! Schlechte Wegverhaeltnisse gibt es nicht nur auf den Fusswegen, sondern auch auf der Karl Johans Gate, der Hauptfussgaengerzone der Stadt, wo meine Mutter mit ihrem Rollator fast einen Salto Mortale gedreht haette, da sich die vorderern Raeder innigst mit einem Schlagloch vereint haben.

  2. Genau! Und was ich daran besonders liebe: Die Regenrinnen quer über die Bürgersteige potenzieren ihre „Hinderlichkeit“. Sie bieten in kurzen Abständen charmante Herausforderungen in Form länglicher Buckeleis-Inseln! Am tollsten sind sie, wenn es ein bißchen drauf geschneit hat und man sie nicht sieht.

    Grmph. Knacks. Humpelhumpel.
    Ebba

  3. Ach, mein Kommentar ist verstümmelt angekommen: Er bezog sich auf den (fast) Schlußsatz:
    „Bald kommt der Winter und die Osloer Bürgersteige verwandeln sich zu eisglatten Gefahrenquellen.“

  4. Ich bin enttaeuscht!!! Es waere viiiiel cooler gewesen, wenn du eine Kamera am Wagen montiert und alles mitgefilmt haettest. Der Text waere dann das Sahnehaeubchen gewesen 🙂
    Aber ehrlich gestanden finde ich den „tiefen“ Wagen noch super. Bloed wird es dann im Buggy und den braucht man bis zum zweiten Lebensjahr. Ich verstehe gar nicht warum Muetter ihre Kinder freiwillig bis zum Grundschulalter im Buggy durch die Gegend kutschieren. Das Kind bildet nicht genug Muskeln aus und wird vor allem nicht muede.

    Liebe Gruesse

  5. Wegen des nahenden Winters: in Norwegen gibt es ja vielleicht auch“Piggdekk“ für Kinderwagen? 😉 Ich zerstöre ungern deine Hoffnung, aber: wenn Gesa laufen kann, wirst du noch viiieeel länger für die gleiche Strecke brauchen…
    Viele Grüße!

  6. Ulrike, ich liiiiiiiiiiebe deine Abenteuer! Was hab ich gelacht 😆 Wie gut, dass du alles artig für dein Kind aufschreibst. Dann weiß sie gleich mal, was die Mutti alles so erlebt hat!

    Ganz liebe Grüße, Emily

  7. Ich musste eben doch ganz schön lachen, obwohl das ja eigentlich nicht zum Lachen ist. Hier in Süditalien sieht es ganz ähnlich aus. Gehwege sind schon für Leute ohne Kinderwagen ein Alptraum. Ich glaube, Du solltest über die Anschaffung einer Hucke nachdenken. 😉

  8. Endlich verstehe ich warum ich oft das Gefühl habe, als unschuldiger Fussgänger, das potentielle Opfer für wild gewordene Kinderwagenfahrer zu sein (wäre am Samstag fast 2 mal von Hipstervätern in Grünerlokka überrollt worden) bei den Strassenkonditionen sind die meisten Eltern wahrscheinlich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ich hoffe das in Oslo der Winterdienst für Fusswege besser als in Helsinki ist, da wird der ganze Neuschnee am Morgen erstmal auf den Bürgersteig gepflügt damit die Strassen für den Verkehr frei sind, und selbst wenn der Gehweg schneefrei ist muss man sich öfters über eine Schneewehe an den Ampeln kämpfen.

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