Rückkehrgedanken ODER In die unbekannte Heimat?

uni.de

Vor kurzem wollte ich zurück nach Deutschland. Nach Berlin oder Hannover oder ganz egal, auf jeden Fall zurück in die Heimat. Nur, weil ich eine Norwegerin mit breitem Westdialekt nicht verstanden hatte. Es genügte: Ich wollte nach Hause. Aber dann habe ich mich gefragt: Ist Deutschland denn noch das bekannte Land?

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen! Statt über den norwegischen Nationalfeiertag zu berichten, schreibe ich heute mal wieder über eine Frage, die bestimmt viele Auswanderer beschäftigt: Gehen wir irgendwann zurück in die Heimat?

Ich stelle mir die Frage gerne immer mal wieder. Manchmal, um einfach meine Gemütslage zu checken: „So, wie sieht es aus? Wie geht es dir? Willst du zurück nach Deutschland?“ Meistens lautet die Antwort: „Nein.“ Klar und überzeugt. Aber dann…dann stehe ich mal wieder vor einem sprachlichen, kulturellen oder intellektuellen Verständigungsproblem. Beispielsweise wusste ich nicht, was „Hotel Caesar“ war – und das ist anscheinend, als würde jemand in Deutschland die „Lindenstraße“ nicht kennen. Ich outete mich also erneut als entweder namentanzende TV-Verweigerin oder Ausländerin.

Sowas würde mir in Deutschland nicht passieren. Da sagt einer „Sendung mit der Maus“ und ich sage: „Blauer Elefant!“, einer sagt „ZDF Werbung“ – ich entgegne: „Mainzelmännchen!“, da ruft einer „Wum“ und ich rufe „Wendelin“ und schon während ich das hier schreibe fällt mir auf, dass mein deutsches TV-Wissen ungefähr von 2003 ist.

Oder noch älter.

Mein Wissen über Deutschland überhaupt. Bin ich mal ehrlich, weiß ich das meiste über meine Heimat seit 2003 nur über das Internet und jährliche Besuche, Erzählungen von Familie und Freunden, Nachrichten. Seit über 10 Jahren lebe ich nicht mehr in Deutschland, ich wähle nicht mehr, ich verliere immer mehr Verbindungspunkte in die Heimat. Und zwischen meinem Deutschland von 2003 und dem von 2016 liegen mehr als nur 13 Jahre.

Warum also trotzdem der Gedanke: „Ich will zurück.“??

Keine Ahnung!

Ehrlich, was weiß ich???

Ich kann nur Spekulationen bieten – seid Ihr bereit? Ok, here it goes:

Manchmal betrachte ich eine schlappe norwegische Wurst auf dem Grill und träume von deutschen Riesenknackern. Kulinarische Heimat.

Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, wie schwierig es sein wird, hier in Norwegen Arbeit zu bekommen, leuchtet…sagen wir mal ganz bodenständig…aus der Ferne das Licht. „Hach, in Deutschland, mit all seinen Theatern und Kultureinrichtungen wäre es soooviel einfacher für mich Arbeit zu finden.“ Heimat als Hoffnungsträger.

Manchmal, wenn ich mich mal wieder zu sehr als Ausländer fühle, ist der Gedanke an die Heimat beruhigend. Da, wo mich alle verstehen, dort, wo ich herkomme, wo ich hingehöre, wo meine Wurzeln sind. Heimat als Trostgedanke.

Aber seien wir mal ehrlich: So ein Quatsch. Wo lebe ich denn? In einem nostalgischen Deutschlandbild von 2003 – das nicht mehr der Wahrheit entspricht. Wahrscheinlich würde ich in Deutschland auch nicht mehr richtig hineinpassen, weil ich so lange im Ausland gelebt habe. Aber es passiert eben, wenn man auswandert – man verliert diese Alternative nicht aus dem Kopf – dieses „Ich könnte ja auch wieder zurück.“ Dieses „Ich habe einen Ort, zu dem ich zurückkehren könnte.“ Und das tröstet manchmal.

Was, wenn dieser Trost unmöglich ist?  Wenn es den Ort nicht mehr gibt, zu dem man zurückkehren könnte?  Wie fürchterlich herzzerreißend muss das sein.

***

So, meine lieben Leser, das war es für heute aus „Einsichten in das Auswandererleben“. Nicht gerade ein schenkelklopfender Wochenendspaß, was fällt mir eigentlich ein, so geht das nicht, nächste Woche wird an dieser Stelle wieder gelacht, das wäre ja gelacht, wenn es hier nichts zu lachen gäbe!

Ich wünsche uns allen eine schöne Woche, egal ob Ihr in Deutschland, Norwegen oder einem ganz anderen Fleck der Erde seid! Wir haben gerade gestern unseren Deutschland-Urlaub gebucht und ich entschuldige mich jetzt schon bei allen, die wir, mal wieder, nicht sehen werden. Kommt und besucht uns in Oslo!

Hilsen,

WP_20160519_017 (1)

Ulrike

 

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10 Kommentare zu “Rückkehrgedanken ODER In die unbekannte Heimat?

    • Kann ich sehr gut nachvollziehen, bis auf die Tatsache, dass ich definitiv nicht zurück will, aber es wahrscheinlich irgendwann darauf hinausläuft. Fragt sich, wie man sich wieder einfindet… Ein schöner Blogeintrag, danke!
      Gruß aus Kapstadt, ab Dienstag auf dem Weg nach Brasilien. Vagabundenleben.

  1. Tja, auf der anderen Wiese ist das Gras grüner. Die Schlange an der anderen Kasse im Supermarkt ist schneller und das Leben in einem anderen Land verheißungsvoller… 😉
    Aber zum Glück gibt’s ja Urlaube und bis dahin kann man sich hinträumen und wegträumen und das Leben so viel wie möglich da genießen wo man grad zu Hause ist.
    Beste Wünsche aus Bayern

  2. Dieser Small Talk ist doch in Deutschland unter den Begriff „nationales Lagerfeuer“ bekannt
    Muß man TV 2 Schibstedt oder RTL Bertelsmann schauen wie in Deutschland ?
    Ist das nicht so wie GZSZ RTL Soapklassiker, ich kenne keine Folge
    Wer hat denn die Sportrechte in Norwegen ?
    In vielen Länder ist es SKY (Rupert Murdoch) das mit Pay-TV die „ÖR“ und Privat-TV
    aus dem Sport vertrieben hat und kostet sehr viel extra.
    Hartz 4 Empfänger, ein großteil der Bevölkerung seit deiner Auswanderung, müssen in
    türkischen Wettstuben gehen.
    PS: In Deutschland gibt es das nur noch selten, aber Dialektprobleme sind eigene Sendungen oder Serien in NRK und SVT gewidmet.

  3. Ach, so schlimm ist der Gedanke doch gar nicht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich nach 10 Jahren Ausland ENDLICH wieder in Deutschland leben darf und das als Niederländerin. 😉 Ganz ehrlich. Hier verstehen mich die Ärzte und probieren nicht dumm herum. Endlich wurde mir von ärztlicher Seite bestätigt, dass ich KEINE Schuppenflechte an den Händen wie 3(!) Ärzte in Norwegen vermuteten, habe. Und das nach einer Biopsie, denn die deutsche Hautärztin wollte ganz sicher gehen, in Norwegen hielt man das ja nicht für nötig, die haben sich auf ihren Instinkt oder was auch immer verlassen. Endlich kann ich hier in meinem Beruf als Grund- und Hauptschullehrerin arbeiten und ich verdiene richtiges Geld und nicht nur so einen Almosen als SFO-Assi und meine Arbeit wird wertgeschätzt und man guckt nicht auf mich herunter nach dem Motto: das ist eh nur die SFO-Tante. Endlich hat man auch mal Kontakt zu anderen Muttis und wird auch mal zum Kaffee herein gebeten, statt frierend vor der Haustüre warten zu müssen, als ob man ein Eindringling wäre (sorry, das mein Kind mit ihrem Kind befreundet ist). Endlich kann man den 17. Mai ganz entspannt durch die Gegend reisen ohne dass man sich im Film „Zurück in die Vergangenheit“ befindet …und Deutschland 2016 unterscheidet sich nicht wesentlich von Deutschland 2005, man hat halt jetzt Smartphones statt Handys und diese Entwicklung hat man ja auch im Ausland mitbekommen, oder? Jedenfalls sind die Menschen so herzlich wie je zuvor und das habe ich am allermeisten in Norwegen vermisst. Man wird nicht ignoriert, sondern nett begrüßt und man wünscht sich beim Abschied einen wunderschönen Tag. Undenkbar in Norwegen 2016. 😉 Und die Türe wird einem auch nicht mehr vor die Nase zugeknallt, denn in Deutschland herrschen noch Anstand und Sitte.

    • Ach Maja, wie recht du hast! Genau diese Unfreundlichkeit, der Egoismus,diese nicht vorhandene Kinderstube ist es, die mich auch dazu bringen würde sofort zurück zu gehen- wenn es denn möglich wäre.
      Freue mich für dich, dass du jetzt zufriedener bist.
      Liebe Grüsse von „cucaraca“ 😉

  4. Ich hatte kurz Angst, verfolge ich deinen Blog seit neustem doch so brennend interessiert!! Ich hoffe es bald auch nach Norwegen zu schaffen!
    Noch ist bei mir alles andersrum: Norwegen der Hoffnungsträger!

  5. PS: Zu den Kommentaren
    Just ist gerade deswegen die NRW Ministerpräsidentin nach Norwegen gereist.
    Die ARGE Jobcenter würden gerne die „Erziehungsmethoden“ der NAV übernehmen.
    Ich frage mich aber ob das nicht angelsächsiche Boot-Camps sind.
    In NRW beklagen sich alle im öffentlichen Dienst (Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr etc) über permanente Bedrohungen durch normale Bürger.
    Da sucht sich Frau Kraft guter Rat in Oslo, bei den Genossen von Willy Brandt.

  6. Ich bin zwar gerade erst im zweiten Jahr in Norwegen, und kann doch den Frust über die Verschlossenheit und die kulturellen Unterschiede (sprich Unfreundlichkeit bis Teilnahmslosigkeit), aber auch die Sehnsucht nach Heimat gut nachvollziehen. Ich fühle mich weder hier noch dort daheim, und doch bestätigt jeder Kontakt mit meinen alten Kollegen, die in einem korrupten System ausgenutzt (oder selbst korrumpiert) werden und von Klinikleitungen oder Kassenärztlichen Vereinigungen an einer sinnerfüllten Berufsausübung gehindert werden, dass der Entschluss richtig war. Und wer will denn wirklich in ein AfD-verseuchtes Land zurück? Mir macht dieser Gedanke jedenfalls richtig Angst. Naja, als Österreicher wäre es vielleicht noch schlimmer… Da soll mein Sohn doch besser mit Sammfunnsfag und Janteloven groß werden!
    Liebe heimatverlorene Grüße aus Lillehammer
    Albrecht

    • Hei Albrecht, wir müssen die Heimat irgendwie in uns finden – und in unseren Familien. Liebe Grüße nach Lillehammer (und an Anne ;)…)

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