Von olympischen Neuheiten, norwegischen Straßenverhältnissen und der Macht des Slaloms

Eine neue Sportart wird bei den kommenden Olympischen Spielen im russischen Sotchi alle Rekorde brechen: FGS. Fußgängerslalom. Im Schatten von Skilanglauf und Eisskaten entwickelte sich diese urbane Hate-Sportart im Herzen von Oslo. Auf der Karl Johans Gate. Ich bin Anwärterin auf die Goldmedaille.

Hallo Ihr lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute sollte es eigentlich um die Inhalte der norwegischen Tageszeitung „Aftenposten“ gehen, doch aktuelle Ereignisse fordern ihren Tribut.

Ich habe eine neue Sportart erfunden. JAWOHL! Eine derartig bahnbrechende Neuigkeit muss natürlich gewürdigt werden und die Aftenposten läuft uns ja nicht weg. Nächsten Freitag gibt es bestimmt auch Nachrichten und dann kümmern wir uns darum. Nun aber zu meiner Erfindung oder vielleicht „Verbesserung“. Irgendwo hat irgendwer bestimmt die gleiche Idee gehabt. Seid Ihr bereit? Los geht’s!

FGS: Fußgängerslalom!!

Fußgängerslalom erfordert mentale Fitness, Reaktionsschnelle und die Schauspielkunst einer Meryl Streep. (Das allerdings nur im Anfangsstadium). Sie ist aus einem alltäglichen Bedürfnis heraus entstanden:

ICH MÖCHTE IN DER STADT BUMMELN UND ZWAR IN RUHE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Aber der Reihe nach:

Wie viele von Euch wissen, zieht sich die Prachtstraße der norwegischen Hauptstadt, die Karl Johans Gate, auf gut zwei Kilometern vom königlichen Schloss bis zum Hauptbahnhof Oslo S. Vom Schloss herab führt sie vorbei am Nationaltheater, Grand Hotel, Stortinget, H&M, Cubus, Domkirche, Subway bis sie an der Tigerfigur kurz vor der Bahnhofshalle endet. Im oberen Teil ist sie mit Bäumen gesäumt, im unteren mit…..

LAUTER LEUTEN, DIE WERBUNG MACHEN ODER BETTELN ODER SINGEN ODER SCHLIMMERES!!!!!

Entschuldigung.

Contenance.

ARRRRRRRRRRRRRGHHHHHHHHHHHHHHHH!

Es nimmt mich ein bisschen mit.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Ausatmen.

Ich bin ein Baum.

Besser.

Es ist nun seit einiger Zeit so, dass es unmöglich geworden ist, die Prachtstraße ungehindert entlang zu flanieren. Artgenossen in verschiedenen Alters- und Geschlechtsklassen haben es sich zum Ziel gemacht, mich über ihre Weltanschauung, ihre Fähigkeiten, ihre Zeitschrift zu informieren. Ein ehrenvoller Gedanke, der nur ein winziges Problem mit sich bringt:

ES KÜMMERT MICH NICHT! NICHT DIE BOHNE!! NADA! NIX! NOTHING!

Ich will weder Greenpeace beitreten, noch UNICEF-Unterstützer werden. Eine Mitgliedschaft bei Elixia-Sport ist genauso uninteressant für mich wie nepalesisches Yoga. Die Zeitschrift Folk er folk der folkloristischen Nomaden aus Rumänien kümmert mich nicht und, NEIN DANKE, ich will auch keine Aftenposten abonnieren. Operations Dagværk ist eine tolle Sache, aber ich spende NICHT 10 MAL!!!! Schön, dass der Bokhandel 50% Ermäßigung bietet und endlich, endlich, ENDLICH ein neuer Kaffeeladen in Oslo eröffnet. Alles toll, wirklich. LASST MICH IN RUHE!

Ich musste eine Lösung finden.

Erst habe ich versucht, die Karl Johans Gate zu umgehen. Dann dachte ich mir: PAH! Warum soll ich Platz machen?

Also habe ich begonnen, die aufdringlichen Artgenossen zu ignorieren. Das brachte Spannung ins Spiel. Ich ging hocherhobenen Kopfes in der Mitte der Fußgängerzone. Aus den Augenwinkeln nahm ich die feindlichen Stellungen wahr: Ein Zeitungsstand von Aftenposten. Ich legte ein mit Weltproblemen beschäftigtes Denkergesicht auf und setzte alle Zeichen auf Ignoranz. Niemand würde mich ansprechen. Ich kam den feindlichen Lagern immer näher. Würde die Maske halten? Der Wall brechen? Meryl Streep, steh mir bei……

„Hei hei, willst du eine Zeitung haben? Umsonst!“

NEIN!

Ich versuchte Ignoranz mit gesenktem Kopf, intensiv das Straßenpflaster studierend. Kurz danach kroch ich auf dem Boden herum und half der sichtlich geschockten UNICEF-Mitarbeiterin, in die ich frontal gerannt war, ihre Unterlagen vom Boden aufzusammeln.

UNNSKYLD!

Angriff ist die beste Verteidigung, beschloss ich. Mit offenem Lächeln flanierte ich die Straße entlang und wartete auf den ersten Artgenossen. AHA! GREENPEACE kam. Noch während der einführenden Worten nickte ich ihn begeistert an und erklärte, ich sei bereits Mitglied und dankbar für seine Arbeit. Das zog! Ich behauptete in den folgenenden Tagen auch Mitglied von AMNESTY, Abonnentin von K&K und Aftenposten und Unterstützerin der französischen Kultur in Norwegen zu sein.  Wirkte immer und brachte mir ein strahlendes Lächeln ein. Auf die Dauer ist diese Tour aber sehr zeitaufwändig. Von der sündigen Verlogenheit und meinem schlechten Gewissen mal ganz abgesehen.

ARGH!

Und dann entwickelte ich einen Weg, die störenden Artgenossen mit Spaß und Spannung zu umgehen: Der Fußgängerslalom war geboren!

Die Idee dahinter ist simpel, aber wie so oft: Die simplen Dinge im Leben machen am meisten Spaß!

Ich stellte mich also an den Beginn der Karl Johans Gate, auf Höhe des Nationaltheaters und scannte die Strecke: Operations Dagvaerk vorne rechts auf Höhe des Brunnens, Roma links vor Buchhandlung Tanum, Unicef-Leute zwischen dem Grand Hotel und Magazin Dressmann, Aftenposten-Stand links vor der BOK- Buchhandlung. Mein Ziel: Ungehindert von der Karl Johan links in die Akersgata einzubiegen. Ich ließ die Schultern und den Kopf kreisen, atmete tief ein und ging los. Meinen Blick immer auf die Hindernisse gerichtet. Gerade, gerade, gerade, links vorbei, gerade, gerade, gerade, scharf rechts vorbei, Schussabfahrt, knallhart rechts, leichter Streifzug („Hei, hei, vil du….“), gerade, gerade, Ziel vor Augen, links einordnen, gerade, scharf links und…..ZIIIIIIIEEEEELLLLL!!!!!!!!!!!!!

Ja und so mache ich das seitdem. Ich plane Jacques Rogge von meiner Erfindung zu informieren und bin sicher, dass Fußgängerslalom eine olympische Zukunft hat. Spaß macht es auf alle Fälle, ist sowohl im Sommer als auch im Winter spielbar und eignet sich für jede Fußgängerzone weltweit. Manchmal kann man eben Dinge nicht ändern, aber die eigene Einstellung dazu.

Probiert es aus!

Das war es schon wieder meine lieben Leser, ich hoffe, Euch angesteckt zu haben und bald im ständig wachsenden FGS-Club begrüßen zu können! Ein turbulenter Monat steht bevor mit Christkindlsmarkt, Wohnungssuche, Theatergruppe, Kinderkirche und vielem mehr. Ich freu mich darauf, wünsche uns allen eine schöne Woche, lasst Euch vom November nicht unterkriegen und trainiert FGS – es ist den Spaß wert!

Die wöchentlichen Grüße gehen heute an meine Freundin Sabine, die heute Geburtstag hat! Hipp Hipp Hurrah Bine!!!

Ha det bra,

(Tatsächliches Mitglied bei NOAH und SOS Kinderdorf)

Ulrike

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