Von norwegischem Bildungsprogramm, Sehen und Gesehenwerden und der Sorge um Madeleine!

Wann ist man wirklich in einem fremden Land angekommen? Sobald man die Sprache spricht, sagen einige. In dem Moment, wo man Freunde findet, behaupten andere. Wenn man Traditionen, Feiertage und landestypische Sitten miterlebt hat, meinen die nächsten. Ich sage: Man ist auch in einem Land angekommen, wenn man den Fernseher anmacht oder die Zeitung aufschlägt und weiß, wer wer ist.

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Letzte Woche waren wir gemütlich zusammen shoppen (Ich habe übrigens Samstag einen wunderbaren, frostgeprüften Wintermantel gekauft!) und diese Woche…

(An dieser Stelle bitte ich alle Klatsch-und-Tratsch-Gegner um Verzeihung und wünsche Euch noch eine schöne Woche, aber Ihr solltet jetzt besser gehen. Wirklich. Zu Eurer eigenen Sicherheit.)

…diese Woche also…

(Ich meine es ernst. Macht Euch vom Acker. Bevor es zu spät ist.)

…diese Woche also…

…lesen wir zusammen…

KLATSCHZEITUNG!!!!!!!!

JUBEL!!!!

Meiner Meinung ein sehr unterhaltsamer Weg, um zu lernen, wie ein Land tickt.

Solltet Ihr nun zu den Lesern gehören, die mehr über die politische Lage in Norwegen wissen wollen – schade. Das kommt erst nächste Woche. Vielleicht.

Für alle anderen gilt: Macht Euch einen Kaffee, holt die Schokolade aus dem Schrank, hockt Euch aufs Sofa und schaltet das Handy ab…

…wir lesen Se og Hør, DAS Klatschmagazin Norwegens (wahlweise auch in dänischer oder schwedischer Ausgabe erhältlich)!

Alles bereit? Auf geht’s!

Die Titelseite ist vielversprechend: Die schwedische Prinzessin Madeleine lächelt mich glücklich an. Ihr diamantberingter Finger ruht auf der Schulter eines milde lächelnden Mannes. Exklusive Bilder versprechen mehr Informationen. „So gewann Chris mein Herz“, sagt das Foto. Wir sind gespannt. Außerdem Bilder zur James-Bond-Premiere im Colosseum Kino in Oslo und das neue Leben von Jakten-Anders, der 28 Kilo verlor und ganz glücklich aussieht. Schließlich noch ein älterer Herr, der eine gewaltige Ähnlichkeit mit Alfred Biolek aufweist und ein offenherziges Interview gegeben haben soll. Nun denn.

Fangen wir an!

Auf der ersten Seite blickt mir Barbie entgegen und ich lerne: Dancing with the Stars gibt es auch in Norwegen, hier heißt es Skal vi danse? und Barbie war anscheinend Kandidatin. Wer nun aber an norwegischen Klapptanz in Sticktracht denkt, liegt völlig falsch. Dies beweist ein sehr akrobatisches Foto von Barbie, auf dem sie sich wie eine bayerische Brezel im hautengen Abendkleid verbiegt und ihrem Tanzpartner Calle Sterner (23) schwungvoll ihren Knöchel ans Kinn wirft. Nun ist Barbie, Entschuldigung, Linni (26), aber ausgeschieden und kümmert sich stattdessen wieder um ihr Kind Dennis Michael (3). Zuerst sei sie NATÜRLICH ein wenig enttäuscht gewesen ob des überraschenden Rauswurfs bei der Show, aber nun sei alles wieder gut. Schön. Ich frage mich, wie man mit 26 schon so gebotoxt aussehen kann. Und warum ist Standardtanzen auf einmal so fernsehwürdig? Fragen über Fragen.

Jennifer Aniston!!! Ich erkenne ein Gesicht! Und nicht nur eines: Nein, alle vier Personen auf der folgenden Seite sind mir bekannt. Das Foto an sich aber auch. Für jemanden, der People Magazine als Favoritenseite im Internet gekennzeichnet hat, kommt jetzt nichts Neues. Jennifer Aniston und Verlobter Justin bewundern Fotos von Drew Barrymores neugeborener Tochter Olive, die der stolze Vater auf seinem Handy präsentiert.

Hm, been there, done that. Blätter, blätter.

Oho, ein neues Paar hat sich gefunden. Nun sind mir die beiden glücklich lächelnden Menschen völlig unbekannt, aber dafür sind wir ja hier. Zum Lernen. Also. Aha. ER ist bekannt, SIE ist die Otto-Normalverbraucher-Freundin dazu. ER ist anscheinend Sänger und war früher Teil der unglaublich erfolgreichen Band A1. Waren das die Nachfolger von A-ha? Nicht sehr einfallsreich die Norweger. Ich google nach dem Popstar und werde bei youtube fündig. „Learn to fly“ läuft nur wenige Sekunden, als sich meine Ohren verbiegen und meine Zähne von einer schrecklichen Zuckerschicht überzogen werden. Bei 1:24 und einem ehrgeizigen Ton beende ich die Musikwiedergabe zur eigenen Sicherheit. Auf jeden Fall sind nun Christian Ingebrigtsen (35) und Martine (21) ein Paar. In ihrer Kindheit habe sie die Musik von A1 geliebt, schwärmt Martine. Aua. Viel Glück Euch beiden!

Viel Glück auch an Ellen Arnstadt, der neuen Chefredakteurin von Se og Hør. Ein Traumjobb sei es, verrät die glückliche Journalistin auf Seite …huch, keine Seitenzahlen….also Seite 7. Das von einer Frau, die in vollem Make-up und mit riesigen Plastikohrringen vor Mutter Teresa sitzt und einen Segeltrip mit dem damaligen Kronprinzen Harald zu ihren journalistischen Highlights zählt. Immerhin ist sie gut frisiert, was man von dem Mann auf der nächsten Seite nicht behaupten kann. Der ist dafür gerade zum dritten Mal Vater geworden. Ein Komiker.

Nein, ehrlich.

Der Mann ist hier in Norwegen Komiker und läutet die allseits beliebte Baby- und Hochzeitssparte der Zeitschrift ein. Und da endlich kommt sie: Madde! Unsere Madeleine, plötzlich braunhaarig und verlobt. Mit…ähh….wie hieß der Gute nochmal? Pedder? Nils? Jonas? Nee, das war ihr letzter Verlobter, der dann mit einer norwegischen Sportlerin eine heiße Nacht hatte, was Se og Hør aufgedeckt hat und sich seitdem damit brüstet, Madeleine vor einem großen Unglück bewahrt zu haben. Jawohl. Chris? Chris O’Neill heißt er. Geschäftsmann ist er und styrtrike – steinreich. Deshalb trägt Madde nun einen millionenteuren Ring am Finger und lächelt glücklich, während Chris, der wirkt wie ein republikanischer Oststaatensenator auf Valium, milde guckt. Ihr Seelenfreund sei er und sie wollen weiter in New York leben nach der Hochzeit, die höchstwahrscheinlich im Mai 2013 stattfinden werde. Falls Se og Hør nicht wieder dazwischen funkt. Alle drei schwedischen Königskinder haben somit unadelige Partner. Mein Favorit ist die Freundin von ehemals-Kronprinz Carl Philip: Sofia Hellqvist heißt sie, ist ein früheres Topmodel und war Miss Slitz 2004.

Ich wünschte, diese Angabe wäre meinem Komikerhirn entsprungen. Aber nein.

Ich blättere weiter durch die Eskapaden und Wiederversöhnungen von Kristen Stewart und Vampire Robbie, streife kurz (Wortwitz) die Brustvergrößerung von Miley Cyrus (mit 19??????) und lande bei einer Werbung für Möller Lebertran. 155 Jahre Erfahrung mit Omega-3. Woohoo.

Und dann: Die James-Bond-Premiere im Colosseum in Oslo. UNSEREM Kino gegenüber! Wir waren auch da!!! Aber von uns…nicht ein einziges Foto! Dickbäuchige Geschäftsleute mit Schreckschusspistolen, schon wieder die Barbie-Linni vom Anfang, noch eine Skal vi danse?- Teilnehmerin, eine TV-Köchin mit neuem Lover. Also ich finde, wir hätten uns auch ein Foto verdient. Blöde Zeitschrift, jetzt mal ehrlich.

Ab jetzt wird nur noch quergeblättert: Frau in lila Mini, Werbung für Makrelen aus der Dose, TV-Koch Wenche hat neuen Mann an ihrem Herd, Spülmittelwerbung, Roter Teppich mit noch mehr Skal vi danse? –Teilnehmern (ist Se og Hør Sponsor?), Adrien Brody mit Liam Neeson beim Nudel-Essen in Rom, zwei ältere Menschen und ein zottiger Hundedarsteller feiern Geburtstag, das Selbstmordgeständnis der Moderatorin von „Spaß im Land“. Ich verschlucke mich fast am Schokohörnchen.

Als wäre das noch nicht genug, folgen noch einige Seiten mit königlichem Klatsch, Fotos von einem Festdinner im königlichen Schloss, an dem Kronprinz Haakon mit Prinzessin Astrid, seiner Tante, teilnahm, da Mette-Marit verhindert war. Mit der gefühlten 10. Pizzawerbung schließt sich das Magazin.

WOW! Ich bin erschöpft.

Es ist 3 Tassen Kaffee und zwei Schokoladenhörnchen später und ich fühle mich unglaublich…gebildet. Jetzt weiß ich doch, was los ist im Land! Und Ihr auch!! War das nicht gemütlich?

Und so…aufschlussreich. Ganz unter uns: Ich wünsche Madeleine ja alles Glück der Welt, aber der Typ hat irgendwas an sich, das mich stört. Seine Ex war Unterwäsche-Modell. Und überhaupt…Was meint Ihr?

Seid Ihr überhaupt noch da?

Ich stelle es mir bildlich vor, wie Ihr da sitzt…entweder ganz begeistert und fachfrauisch nickend oder völlig fassungslos und überfordert.

Nächste Woche, ich verspreche es, machen wir dasselbe mit der Aftenposten, der seriösen Tageszeitung Norwegens.

Meine lieben in 7er-Gruppen klatschenden Leser, was haben wir denn nun über Norwegen gelernt? Es gibt dieselben TV-Shows hier mit denselben B-Stars wie im Rest der Welt. Es gibt Promis, die sich gern fotografieren lassen und andere, die es bestreiten. Es wird genauso gern im Norden geklatscht und gelästert wie überall sonst und die Fantasie der norwegischen Presse ist nicht weniger hochfliegend als die anderer Klatschjournalisten.

Neben diesem wahnsinnigen Lerneffekt hatten wir auch noch Spaß!  Herrlich!

Das war es schon wieder für heute!

Ich wünsche Euch eine erholsame Woche, lest mal was Anständiges, bekämpft den tristen November mit lautem Lachen und lasst es Euch gut gehen!

Ha det bra,

Ulrike (40)

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5 Kommentare zu “Von norwegischem Bildungsprogramm, Sehen und Gesehenwerden und der Sorge um Madeleine!

  1. Bin ich der erste Kommentator?

    Hallo Ulli,
    Das alles erinnert mich doch stark an einem Gemisch aus „die Bunte“, „Neue Post“ und „Bild“. Das ist Das, was meine Mutter und der weibliche Rest in meinem Umfeld lesen und darüber erzählen, obwohl jede von ihnen das selbe Thema gelesen hat….. Naja, so sind`se…..
    Was hast du eigendlich gegen dicke Bäuche? ? ?

    Viele Grüße aus Bad Kreuznach… Hochburg der Neuen Post Leser…. 😀

  2. Da ich ja eifrige Leserin der „Freizeit Revue“ bin, da dort auch die interessantesten Rätsel enthalten sind, war mir das „Madeleinen“-Thema ja bekannt. Aber es ist ja nett, Kommentare „aus dem Umfeld“ zu lesen/hören. Übrigens: WARUM können Männer nicht dazu stehen, dass AUCH SIE – teilweise – „Klatschgeschichten“ gerne lesen? Ich denke nur an die Vielzahl der Männer in Wartezímmern. STERN etc. werden liegen gelassen, dafür BUNTE etc. gelesen. Komisch – was?? Mutta-Kuss

    • Klatschzeitungen werden nur von Männern in Warteräumen gelesen, weil sie vor einer schwierigen – ärztlichen Behandlung nur leicht verständliche Artikel lesen wollen…. 😀

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