Eine Fjordfahrt, die ist lustig ODER Kaffeeklatsch mit Möwe

Chaos@http://info.jmu.edu/dux/files/2013/01/chaos.jpg

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In meinem Kopf ist diese Woche ein großes Durcheinander und wahrscheinlich zitiere ich morgen bei Jettes Geburtstagsfeier Macbeth, erzähle der Theatergruppe über Volvo und schreibe den Artikel für das Autolexikon in der Geheimsprache, die bei der Kindergeburtstagsschatzsuche gesprochen wird.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Irgendwie laufe ich zur Zeit noch auf Sommer-Tempo oder bin bereits im Winterschlaf; auf jeden Fall sitze ich derzeit ständig verwirrt an meinem Schreibtisch. Nach der fast zweimonatigen Sommerpause fällt der Einstieg in den Alltag irgendwie schwer. Aber jetzt lege ich Konzentration an den Tag, Macbeth in die Ecke, und schreibe den Blog (…kurz checken…Ja, stimmt!).

Wir gehen heute ins Wasser.

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Na gut, AUFS Wasser. (Aber Ihr müsst zugeben, dass die falsche Formulierung Euer Interesse stärker geweckt hat.)

Wir gehen weit, weit zurück in der Zeit. Es ist letzte Woche Dienstag. Yr.no, die norwegische Wetterseite, hatte für diesen Tag einen bewölkten, aber regenfreien Himmel angekündigt – perfekt für die Seereise, die meine Mutter und ich geplant hatten. Die wichtigste Frage lautete:

Was ziehen wir an?

„Wir sind auf dem Wasser, da wird der Wind ordentlich pfeifen.“

Diverse Kombinationen wurden erprobt und wieder verworfen, die eine schien zu sommerlich, die andere eignete sich eher für eine Expedition ins ewige Eis. Am nächsten Morgen trugen wir beide die perfekte, zwiebellagrige Seereisenkombination und machten uns auf den Weg. Direkt an Aker Brygge legen die Schiffe vom Oslo Båtservice ab, der mehrere Touren anbietet: Hop-on-hop-off zwischen Aker Brygge und Oper, eine zweistündige Fjordcruise, Abendcruises mit Musik und Krabbenbuffet und kombinierte Bus-/Schiffstouren.

Wir wollten für zwei Stunden auf den Fjord.

Der Himmel war, wie versprochen, bewölkt, aber regenfrei. Wie immer waren wir etwas früh und, auch wie immer, hatten wir Lust auf einen Kaffee. Die Wahl fiel auf Café Skansen, nur wenige Minuten entfernt von unserer Anlegestelle. Unter tiefhängenden Lindenästen fanden wir ein lauschiges Plätzchen. Während wir die Getränkekarte lasen, landete etwas Weiches mit hohem Tempo auf unserem Tisch.

Flatsch.

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Empört wandte ich meinen Blick nach oben und sah das schussbereite Hinterteil einer Möwe, die gemütlich – und um einige Gramm erleichtert – auf einem Ast saß. Wir entschieden uns für den Rückzug und wechselten an einen anderen Tisch. Das verwirrte nun den Kellner, der aber nach einem kurzen Blick das Problem erkannte und in schallendes Gelächter ausbrach. Nach einer energischen Reinigungsaktion erklärte er den Tisch zur Sperrzone und dankte uns. Wofür, war mir schleierhaft. Den Kaffee mussten wir trotzdem bezahlen.

Gestärkt wanderten wir zur gegebenen Zeit Richtung Schiffsanleger. Leider war das Segelboot für diese Tour nicht mehr im Einsatz (nur bis zum 25. August, lasen wir später), aber die kleine Fähre mit den bunten Flaggen gefiel uns auch. Typisch deutsch stellten wir uns mit als Erste in die Schlange – na, wir wollten schließlich einen guten Platz!!!! Bald wuchs die Gruppe auf 15 Personen. Deutsch war die Hauptsprache – in diesem Fall schwäbelte und sächselte man um uns herum.

Der Himmel hatte mittlerweile dem Wetterdienst, in bester Steinbrück-Manier, den Mittelfinger gezeigt und die triste Wolkensuppe in strahlendes Sonnenwetter verwandelt. Nicht ein Windhauch war zu spüren, als sich das Boot langsam in Bewegung setzte und hinaus auf den Fjord fuhr.

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Wir starteten Richtung Oper, passierten dann die größeren Fjordinseln Hovedøya und Gressholmen mit ihren bewaldeten Küsten und leeren Stränden. Das Wasser schwappte gutgelaunt an unser Boot und ich verrenkte mir den Hals, um gute Fotos zu machen. Häufig hinderte mich eine braungebrannte Hand am Erfolg. Direkt vor uns saß ein junges, turtelndes Paar und immer wenn Turtelpause eintrat, wies sie ihren Liebsten auf die Schönheiten der Umgebung hin. Der Arme muss an einer gewaltigen Sehschwäche leiden, denn es reichte nicht aus, dass sie sagte: „Oh, guck eine Insel.“ –  NEIN!!! Sie musste auch jedesmal mit dem ausgestreckten Arm und Finger drauf zeigen, und zwar genau in dem Moment, wenn ich die besagte Insel gerade im Fokus hatte und nun aber, statt einer hübschen Küstenlinie, eine Hand quer im Bild hängen hatte!!!! Und wenn sie nicht zeigte, fotografierte sie selber und rutschte in meinen Fokus.

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Ansonsten waren unsere Mitfahrer aber zivilisiert. Auch wenn sie permanent über die interessanten Kommentare unseres Guides hinwegplapperten… aber damit habe ich die perfekte Entschuldigung dafür, dass ich nicht viel mehr Interessantes zu berichten habe: Ich konnte es einfach nicht hören. – Weiter nach vorne setzen??? Bin ich narrisch, wir hatten die perfekten Plätze!!

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Wir schaukelten über das Wasser und erreicht bald Nesodden, eine Halbinsel südlich von Aker Brygge. Mit dem Auto dauert die Fahrt in die Stadt von Nesodden aus eine Stunde, weshalb die meisten Bewohner morgens und abends die Fähre benutzen, die ihre Halbinsel mit Aker Brygge verbindet. An der Westseite von Nesodden bevölkern bunte Badehäuser das Bild. Zu ihnen gibt es eine interessante Geschichte: Es war einmal eine Zeit, in der das öffentliche Baden unter Strafe verboten war. Was natürlich den Drang, öffentlich zu baden, verstärkte. Da man aber nicht die Gefahr eingehen wollte, mitten im Brustzug von der Wasserpolizei aus dem Fjord gefischt zu werden, musste eine Lösung her: Das Badehaus mit Loch im Boden. Wer es sich leisten konnte, kletterte bei schönem Wetter in sein Badehaus, entkleidete sich und ließ sich durch das Loch im Boden ungesehen in die kühlen Wellen des Fjordes gleiten. – In den 1920ern dienten die bunten Hütten dann ganz anderen Flüssigkeiten: Durch die versteckte Lage konnte während der Prohibition hier ungesehen Alkohol an Land geschmuggelt werden.

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Mittlerweile steuerte unsere Fähre die Bucht vor Sandvika an, wo ich im Winter mit Christine und Adelheid über das Eis gewandert war. Nun amüsierten sich hier Segler, und Besitzer der wunderschönen Villen am Ufer saßen entspannt in der Sonne. Im Winter lade der zugefrorene Fjord hier zum Wandern ein, erklärte unsere Führerin. (Stimmt!) Das läge zum einen daran, dass der Fjord hier von drei Inseln von Wind geschützt wird und dass der Süßwasseranteil hier sehr hoch sei. Wir winkten einer Seglertruppe zu und verließen das kleine Paradies.

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Starke Wellen begrüßten uns, als wir auf den freieren Teil des Fjordes zurückkehrten. Es war kurz nach 14 Uhr und die Color Line-Fähre auf dem Weg Richtung Kiel, das sie am nächsten Morgen um 10 Uhr erreichen wird. Kaum hatten wir uns vom Schaukeln erholt, klatschten die nächsten Wellen an den Bug: Auch die Aida hatte den Hafen verlassen und war bereit, ihre Kreuzfahrtgäste an einen anderen Ort zu bringen. Meine Güte, wie riesig die Schiffe doch sind. Wir schaukelten vorbei und winkten fröhlich. Am linken Ufer tauchte das Statoil-Gebäude auf und wir nahmen kurz Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung, aka Martin, auf, der sofort nach uns Ausschau hielt.

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Bald erschien die bekannte Silhouette von Aker Brygge. Vorbei am Astrup Fearnley Museum kehrten wir zurück in den heimatlichen Hafen, wo wir beim Aussteigen von einer dicken Möwe beobachtet wurden. Als sie sich in die Lüfte hob, suchten wir Schutz und wagten uns erst wieder heraus, als das penetrante Tier Richtung Café Skansen davon geflogen war.

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Puuh, entkommen!

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserer Schiffsreise. Kommt nach Oslo (oder für alle Osloraner: Kommt zur Aker Brygge) und probiert es selbst aus!

Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an Ylva Linnea und Mattis Jakob – Willkommen, Ihr neuen Erdenbürger!  Meinen seetüchtigen Lesern wünsche ich eine tolle Woche, lasst Euch mal wieder Wind um die Nase wehen, schaltet in einen anderen Gang wenn nötig und erfreut Euch am Herbst. Eine ganz besondere Sache noch zum Schluss: Meine Freundin Silvi, Fotografin aus Leidenschaft, und ich haben einen Kalender entworfen. Vielleicht gefällt er Euch! Meldet Euch, wenn Ihr mehr wissen wollt: ulrike_niemann@yahoo.no.

Bis nächsten Freitag!

Ha det bra,

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Ulrike

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4 Kommentare zu “Eine Fjordfahrt, die ist lustig ODER Kaffeeklatsch mit Möwe

  1. Oh, wie schön mal wieder von dir zu hören!
    Seit ganz langem der erste Beitrag, der mich wieder erreicht.
    Habe immer mal wieder an dich gedacht…unglaublich, dass ihr noch so viel Sonne hattet!
    Hier (in Soest/D) ist jetzt richtig Herbst…wir haben heute zum ersten Mal unseren neuen Kamin angemacht.
    Hast du sehr beschwingt geschrieben von der Fjordfahrt. Da wäre ich gerne dabei gewesen…da sind die Erinnerungen gleich wieder ganz da und nah.
    Wie wir damals zusammen bei der Regatta waren…
    Freue mich, wenn mich deine Beiträge jetzt erreichen!
    Ganz herzliche Grüße nach Oslo von Julia und Familie!!!

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