Eine Flusswanderung entlang der Akerselva ODER Mit der U-Bahn nach Grönland…

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Was verfolgt man nicht alles im Leben? Man verfolgt hehre Ziele, schnöde Fußballspiele und hin und wieder die große Liebe. Ich habe einen Fluss verfolgt.

Im Team mit meiner Mutter.

Familiäres Wasser-Stalking sozusagen.

Es war ein großer Spaß.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. FALLS wir uns denn hier wieder treffen…Oder habt Ihr mir nach fast zweiwöchiger Abstinenz den Rücken zugedreht und lest stattdessen „Karibu sana – Mein Leben in Tansania“? – Nein, bestimmt nicht, schließlich ist das hier Euer Lieblingsblog und ich Eure Lieblingsbloggerin. Richtig? Los geht es also!

Flusswandern in Oslo

Wie es sich für eine anständige Hauptstadt gehört, hat Oslo einen eigenen Fluss. Nun kann sich die Akerselva nicht mit der Themse oder Seine messen, aber in Norwegen ist eh alles anders und so hat die Stadt eben einen Fluss, dessen gesamte Länge nur 8,2 Kilometer beträgt. Das tut der Liebe der Osloer aber keinen Abbruch. Eine Wanderung entlang der sprudelnden Lebensader stand schon seit Monaten auf  meiner To-do-Liste. Wie praktisch also, dass meine Mutter mit derselben Idee kam, angeregt ihrerseits von einem Buch mit Geschichten aus Oslo. Nun mussten wir nur noch überlegen, ob wir flussauf – oder flussabwärts wandern wollten. Vom Oslofjord zum Maridalsee oder umgekehrt? Schnickschnackschnuck…die Entscheidung war gefallen: Start unserer Wanderung sollte der Vaterlandspark nahe des Radisson Blu Hotels im Zentrum sein. Geplant, getan, an einem Freitagmorgen war es soweit. Akerselva, vi kommer!!!

Mit der U-Bahn nach Grönland….

Die Rucksäcke sind gepackt, Matpakke verstaut, Kameras aufgeladen und Blasenpflaster griffbereit. Ob des penetranten Bohrgetöses vor dem Kiwi-Supermarkt gegenüber lechze ich nach Ruhe und Natur. Nur weg hier! Frohgemut besteigen wir in Majorstuen die U-Bahn und juckeln bis nach Grönland.  Das liegt in Oslo direkt hinter dem Hauptbahnhof und hat weniger mit Inuits und ewigem Eis als mit Dönerständen und Multikulti zu tun. Vorbei am Goethe-Institut Norwegen wandern wir Richtung Vaterlandspark. Ein leises Gluckern dringt an unsere Ohren und: Da ist sie – die Akerselva!

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Schön ist sie, wie sie sich da so windet, vorbei an Baggern und Bauarbeitern, Kieshaufen und Zäunen. (Ich lasse jetzt mal eine extralange Denkpause, damit Ihr selber auf das folgende Problem kommt ………….) ZÄUNE??? Jawoll, große, metallene, unüberwindbare Zäune schmücken alle vier Zugänge zum Flussufer und stellen uns vor eine Frage: Und nun?

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Na das fängt ja gut an. Bauen die einfach hier so rum. Was soll denn das? WIR WOLLEN AM FLUSS WANDERN!!! – Interessiert niemanden. Wir gucken uns entschlossen an und beschließen den Zugang an einer anderen Stelle zu versuchen.

Leider haben wir keine Karte.

Ich höre Euch schon:  „Wie denn, was denn, auf eine Wanderung ohne Karte, was ist, wenn man sich verläuft?“ – Wir wollen an einem FLUSS wandern, wie groß sind die Chancen, dass man den verliert? Größer als man denkt. Dafür weiß ich jetzt aber, wo das Hauptbüro des Deutschen Roten Kreuzes in Norwegen liegt. Jaha! Über Nebenstraßen mit mangelndem Charme arbeiten wir uns weiter Richtung nächster Brücke, um erneut enttäuscht zu werden. Wieder versperren Zäune unseren Weg zum Fluss! Ja, ist denn das zu glauben? Oslo ist im Moment eine einzige riesige Baustelle, nirgendwo hat man Ruhe und ein Gerüst wird an einem Haus abgebaut, um am nächsten Tag in ganzer Schönheit am Haus daneben zu stehen. Es wird gebuddelt und gebaggert, geschliffen und gebohrt, gehämmert und gesägt von 7 Uhr morgens bis in den späten Abend. Und nun wird mir auch noch der Zugang zur Idylle von Baggern und Zäunen verweigert!

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…und zu Fuß weiter nach Kuba!

Auf der anderen Straßenseite endlich ein aussagekräftiges Schild: Die Stadt entschuldigt sich für alle Unannehmlichkeiten, aber der Wanderweg ist erst wieder in Kuba begehbar. Gut, wandern wir also nach Kuba. Ist ja nicht so weit. Ja, in Oslo kommt die Welt zusammen, eben waren wir noch in Grönland, nun sind auf dem Weg ins warme Kuba, an dem heute Studenten einen Papierflugzeugweitflugwettbewerb veranstalten und Kinder Enten füttern. Die idyllische Wiese im Stadtteil Grünerlokka hat ihren Namen übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach von einem kubusförmigen Gebäude, das hier einst stand.

Und wirklich – hier in Kuba ist die Akerselva plötzlich frei begehbar und fordert uns sofort auf, ihr nahe zu kommen:

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Industriegeschichte in Oslo live und in Farbe

Tiefhängende Äste,  durch die das Sonnenlicht tanzt, locken uns auf den Weg. Endlich! Wie eine Diva hat sie sich angestellt, doch nun dürfen wir an ihrer Seite bis zur Quelle wandern. Eine Wanderung durch Natur, Kultur und Industriegeschichte der Stadt. Denn hier, wo heute Theater und Galerien, Restaurants und Ateliers sind, begann in Oslo vor über 150 Jahren die industrielle Revolution. In der Mitte des 19. Jahrhunderts explodierte die Textil- und Papierproduktion in Oslo und große Fabriken ließen sich am Fluss nieder. Vilhelm Dybwads textete zu dieser Zeit:

Akerselva, du gamle og grå,
Akerselva, deg holder jeg på.
Selv om Donau er aldri så blå,
kan i skjønnhet den aldri deg nå.
Slike farger visst aldri man så,
som hvor du munner ut på skrå
i den yndige duftende vrå
mellom Nyland og H.A.H.

Dybwad beschreibt die „niemals gesehenen Farben“ und die „reizenden Gerüche“ des Flusses zwischen den Fabriken Nyland und H.A.H. Tonnen von Chemie müssen damals in die Akerselva geleitet worden sein. Nach 150 Jahren konstanter Verschmutzung setzte sich in den 1980er Jahren eine Gruppe erfolgreich für die Reinigung und Renaturierung des Flusses ein. Gerade hatte sich die Akerselva erholt, geschah in November 2011 eine Katastrophe: 6000 Liter Chlor vernichteten alles Leben im Fluss. Oset, eine Firma für Wasserbehandlung am Trinkwassersee Maridalsvannet, war schuld an diesem Umweltdesaster. Der Fluss ist heute auf dem Weg der Erholung.

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Ein Tosen erreicht unsere Ohren und bald stehen wir vor dem größten der insgesamt 20 Wasserfälle entlang des Flusses, dem Wasserfall bei Mølla. Das Wasser rauscht an uns vorbei und springende Tropfen sorgen für angenehme Abkühlung. Wir beschließen, eine Pause zu machen und entdecken gleich neben dem Fluss ein wunderbares Café: Das Hønse-Lovisas-Haus beherbergte früher einen Sägemeister samt Familie und ist heute ein Kulturcafé mit Ausstellungen, Vorträgen, Kinderprogramm und köstlichen Waffeln! Wir sitzen auf den weißen Metallstühlen unter einem Baum und fühlen uns wie auf dem Land. Ein wunderbarer Platz mitten in Oslo.

Rein in die und raus mit der Natur!

Weiter geht der Weg vorbei an Industriebauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die restauriert und umgebaut heute Künstlern, Architekten und dem NRK als Arbeitsstätte dienen. Wir sind begeistert und knipsen unsere Kameras müde.

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Und plötzlich liegt die Stadt hinter uns. Gerade waren wir noch im Neubaugebiet Nydalen, das den Fluss in moderne Form gepackt und ins Stadtbild integriert hat, wanderten über den Hof der Kunstschule, bogen rechts ab und da….Natur pur. Die Wege werden breiter, die Akerselva wird ruhiger und unserem Wanderführer zufolge könnten wir ab jetzt mit Wasserfledermäusen rechnen. Stattdessen bietet sich uns ein anderes Naturschauspiel: Zwei Männer im Rentenalter, erschöpft vom Lauftraining, entledigen sich ihrer Kleidung und steigen in den Fluss. Meine Mutter vermutet langsam ein System, ist es doch ihre zweite Begegnung mit freihängender norwegischer Männlichkeit. Die erste war direkt nach der Ankunft kurz vor unserem Haus. Ich betone erneut, dass ich mit dem nackten jungen Mann in Lederstiefeln nichts zu tun hatte! Gerüchten zufolge war es eine Wahlwerbung der rechten Partei und kein Begrüßungskomitee der anderen Art für meine Mutter.

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Wir wandern nonchalant an den nackten Wahrheiten gen Norden. Kein Stadtgeräusch ist zu hören, hier und da begegnen uns Spaziergänger auf dem steinigen Weg. Wir halten die Hand in den Fluss und genießen die Ruhe. Idyllisch ist es hier und noch während wir das denken, biegen wir um eine Kurve und da liegt er: Maridalsvannet, der größte See Oslos. Ein gewaltiger Anblick. Und unter einer Brücke liegt die Geburtsstätte der Akerselva, dem Fluss, den wir nun nicht auf 8,2 Kilometer, aber auf einer langen Strecke gefolgt sind.

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Nach mehreren Fotos kehren wir um, werfen noch einen Blick auf das naheliegende Norsk Teknisk Museum und steigen in den Bus 25, der uns direkt bis nach Majorstuen bringt. Mit der U-Bahn nach Grönland, zu Fuß weiter nach Kuba und am Ende mit dem Bus nach Hause. Schön war es.

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Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserer Wanderung, wir hatten es auf jeden Fall und ich schicke gleich mal meine wöchentlichen Grüße an meine Mutter. Schön hatten wir es! Hier in Norwegen wird es am Montag spannend: Es wird gewählt und anders als in Deutschland scheint sich ein Regierungswechsel anzukündigen. AP-Chef und Ministerpräsident Jens Stoltenberg wird also vielleicht demnächst sein Amt an Høyre-Chefin Erna Solberg übergeben. Wer mit wem regieren will und wird scheint noch völlig offen, nur eine große Koalition scheint fraglich. Warten wir es ab. Ich werde weder hier wählen (weil ich nicht darf), noch in Deutschland (weil ich nicht will) und gehe somit völlig wahllos in den Herbst.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, genießt den kommenden Herbst oder den späten Sommer und lasst es Euch gut gehen!

Ha det bra,

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(Idylle am Honse-Lovisas Hus)

Ulrike

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13 Kommentare zu “Eine Flusswanderung entlang der Akerselva ODER Mit der U-Bahn nach Grönland…

  1. Also Ulli… so gar nicht wählen geht aber nicht… dann nutze wenigstens das große Kreuz!

    Eine tolle Wanderung habt ihr gehabt, und wieder so schön geschrieben, dass ich am liebsten auch gleich loslaufen möchte, allerdings eher nur den Naturpfad und die alten Industrieanlangen 😉 Das moderne Stadtbild brauch ich nicht. (meine Autokorrektur schlägt mir übrigens „modernde“ vor 😉 )

      • Der Groschen ist gefallen, das GROSSE Kreuz 🙂 Ich denke so: Ich wohne nicht in Deutschland, werde auch nicht in absehbarer Zukunft zurückkommen und würde sozusagen für Euch abstimmen. Das stimmt für mich irgendwie nicht. 🙂

  2. Such beautiful scenery along the river and that’s a fantastic photo of you at the end! I do have to ask one question (which may actually be a translation issue) – what are „water bats“??? (from the paragraph about half way down, just before the naked men; specifically, the sentence „The paths are wide, the Akerselva is quiet and our hiking guide suggests we might now expect water bats“) I’m intrigued!

    • Hi Sharon, thanks for reading, sooo sorry, I had not enough time to translate it – but you seem to be fine without it also :). Water bats are exactly that: Bats, who hunt over standing or streaming waters. I alos never heard of it before. Maybe a true norwegian thing?? I will explore it further 🙂 Hugs to Victoria!

  3. Schön, dass ihr nach den anfänglichen Schwierigkeiten doch noch am Fluss angekommen seid und eine so schöne Wanderung machen konntet. Wie immer witzig geschrieben. Ein Vergnügen, Deine Berichte zu lesen.

  4. Hallo 🙂
    Genau das gleiche problem hatten wir auch letztes jahr 🙂 sind auch zum roten kreuzes gelandet und wussten dann nicht mehr weiter.

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