Verrücktes aus der norwegischen Fernsehwelt ODER Was bitte ist Slow TV???

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Wehe, es meldet sich morgen jemand zwischen 10.15 und 15.00 bei mir. Da kann ich nicht, da gucke ich Fernsehen. Das Highlight des Jahres bei NRK 1: Die Schach-WM. Live.

Hallo, meine lieben verwirrten Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute geht es einmal mehr um mein Lieblingsmedium und dessen Auswüchse hier im Norden. Begleitet mich also auf eine kurzweilige Reise in die Höhen (oder Tiefen?) der norwegischen Alltagskultur.

Bergensbanen, Hurtigrute und Nationale Stricknacht – Das Slow TV begeistert Norwegen

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass der norwegische Sender NRK 1, vergleichbar mit ARD, beschlossen hat, die Schach-WM live zu übertragen. „Es ist vielleicht ein bisschen verrückt“, bewertete Programmchef Rune Haug die Idee. Ein BISSCHEN verrückt? Nein, Herr Haug, ein bisschen verrückt ist es, sich die Haare lila zu färben, Trolle zu jonglieren oder in der U-Bahn zu jodeln. Die Schach-WM zu übertragen ist VÖLLIG verrückt. – So verrückt, dass es schon fast wieder kultig ist. NRK hat Erfahrung mit ungewöhnlichen Sendeformaten: In 2009 lief auf NRK 2 die erste Folge der „minutt for minutt“ – Serie, bei der Zuschauer die populäre Bergensbanen auf ihrer Fahrt von Bergen nach Oslo begleiten konnten. Anlass für diese „verrückte Idee“ (NRK) war das 100jährige Jubiläum der beliebten Bahnstrecke. Das wirklich Verrückte war aber das Interesse der Zuschauer: Insgesamt 1,2 Millionen im In- und Ausland verfolgten die Übertragung, die von Samstag 19:55 bis Sonntag morgen 3:15 dauerte. Während dieser Zeit wurden Interviews mit dem Zugführer und mit Passagieren geführt, Bahnexperten kamen zu Wort und Zuschauer hingen fasziniert vor ihren Fernsehern, um ja keinen Moment der Reise zu verpassen.

(Erinnert Euch das an irgendwas? Genau, in Deutschland läuft so ein Programm nachts – es heißt „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ und wird als Füllmaterial genutzt. Ich stelle mir gerade vor, der NDR würde Samstagabends statt eines Krimis mit der Übertragung einer siebenstündigen Zugfahrt beginnen – was würde wohl passieren?)

Die Norweger liebten das Programm so sehr, dass im kommenden Jahr ein anderes Transportmittel verfolgt wurde: Die Hurtigrute. Diese traditionsreiche und bei Einheimischen wie Touristen beliebte Fährlinie wurde auf ihrer 134-stündigen Reise von Bergen nach Kirkenes LIVE begleitet. NRK 2 war erneut der ausführende Sender, und die Übertragung konnte am TV-Bildschirm oder per Livestream im Internet verfolgt werden – komplett mit englischen und norwegischen Kommentaren. Über 2,5 Millionen Zuschauer begaben sich per NRK mit auf die Reise und an den Häfen, entlang der Küste und auf Brücken sammelten sich Norweger und Urlauber mit Bannern und Blumen, Grüßen an die Familie und der Hoffnung, für einen kurzen Moment im Fernsehen zu erscheinen. Und selbst die königliche Familie konnte sich der Begeisterung nicht entziehen: Als die Nord-Norge nach 134 Stunden den Hafen von Kirkenes erreichte, winkte Königin Sonja zur Begrüßung von der königlichen Yacht.

Warum Slow TV?

Vielleicht gibt es in Deutschland ja ähnliche Sendungen, von denen ich einfach nichts weiß? Wie hier in Norwegen, wo ich vor einer Woche ein erneutes Highlight des sogenannten „Slow-TVs“ verpasst habe: Nasjonale Strikkenatt. Ja, Ihr übersetzt das schon richtig. Die Nationale Stricknacht. 10 Stunden lang konnten interessierte Wollfanatiker alles über Strickmuster, Schafscheren, Spinngeräte und die Geschichte des gestrickten Sockens im Allgemeinen erfahren. Ihr glaubt mir nicht? Hier ist der Beweis: Nasjonale Strikkenatt. (Internationale Leser haben wahrscheinlich keinen Zugang. Sorry. Nicht meine Schuld!) Ich danke an dieser Stelle Jeanette dafür, dass sie mich auf dieses Schmankerl hingewiesen hat. – Fernsehen der Langsamkeit ist also das Wort der Woche. Nach Slow Cinema, Slow Food und Slow Sex nun Slow TV. Die Idee ist nicht neu: Schon 1966 filmte Andy Warhol den Dichter John Giorno sieben Stunden lang beim Schlafen und in den 1980er Jahren startete im britischen Fernseher Video125, bei der Züge auf ihrer Fahrt durch England begleitet wurden (eine Idee, die dann von der Deutschen Bahn übernommen wurde). Das Konzept der Norweger ist aber so erfolgreich, dass es bereits in die USA verkauft wurde und da stellt sich doch die Frage: Warum?

Ich meine, mal ehrlich, wie spannend ist es, einen Zug oder ein Schiff zu beobachten?

Überhaupt nicht, und das scheint der Punkt zu sein. Keine Angst, ich verfalle nicht in abgenutztes Gejammer über unsere schnelllebige Zeit, blablabla. Denn würden wir nicht so schnell leben, wie groß wäre dann die Chance das Slow Food oder Slow TV Erfolg hätten? Na, eben. Auf die Kontraste kommt es an. Auf einmal hat unser Hirn nichts anderes zu tun, als aufs Wasser zu starren, oder auf die vorbeifahrende Natur. Eine Erholung! Und wir gucken sieben Stunden lang einem Zug zu, oder 134 Stunden einem Schiff und werden gaaaaanz ruhig. Ommmmmmmm. Oder beschäftigen uns 10 Stunden lang nur mit Stricken und Wolle. Oder 5 Stunden lang mit Schach.

Abschließende Gedanken zur Schach-WM und virtuelle Diskussion

Nun werden alle Schachfans wahrscheinlich seit Beginn dieses Textes ärgerlich mit den Füßen zucken, denn für sie ist Schach bestimmt eine unglaublich spannende Sportart, die ihren Platz im nationalen Fernsehen mehr als verdient hat. Mal ehrlich, schließlich wird ja auch Fußball übertragen oder…TENNIS!! Und das ist jawohl mindestens so langweilig wie….

Bitte?

…unglaublich öde und…

BITTE?

…pock pock….gäähn….

HALLO??? Das ist mein Blog und bisher habe ich hier keine fremden Stimmen erlaubt und wenn ich das eines Tages zulassen würde, wären es UNTER GARANTIE keine Anti-Tennis-Stimmen. IST DAS KLAR?

…pock…

RAAAAUS!!!!!

*schnauf*

Wo war ich? Nun also kommt die Schach-WM und ich bin gespannt. Der Grund, warum NRK sich zu dieser radikalen Programmgestaltung entschloss, hat den selben Grund, wie die plötzliche Übertragung der Frauen-Fußball-WM im französischen Fernsehen: Nationalstolz. So, wie die französischen Damen unerwartet erfolgreich am Ball waren, schiebt seit einiger Zeit Magnus Carlsen mit Geschick Figuren übers Brett. Der 22jährige Norweger ist die momentane Nr. 1 der Schachweltrangliste FIDE und seine Wertungszahl überstieg im Februar 2013 die von Schachlegende Garri Kasparow. Sein Jahreseinkommen liegt bei geschätzten 1,2 Millionen US-Dollar und dank ihm wächst das Interesse in Schach hier im Land. Mein Interesse an Schach ist gering, was auch daran liegen könnte, dass ich die Regeln nie vollständig begriffen habe. Um mal ehrlich zu sein: Ich spiele derartig schlecht Schach, dass es Partien gab, in denen sich mein König aus purer Verlegenheit ergeben hat.

Aber das wird sich ab morgen alles ändern: 10.15 NRK1. Was nehme ich denn am besten mit vor den Fernseher? Popcorn? Zu gewöhnlich. Chips? Irgendwie die falsche Uhrzeit für Junkfood. Vielleicht brunchen wir einfach gemütlich vorm Fernseher und nicken bedächtig, wenn Magnus eine Figur bewegt. Wie lange dauern denn eigentlich Schachspiele? Die Live-Übertragung endet nach 4 Stunden, was, wenn das Spiel dann gerade so spannend ist und einer kurz davor ist „Uno“ zu rufen?

Nee, Moment.

„Hochzeit“ zu rufen und die Füchse fängt!!

Nee, wartet mal, Schach, das ist das mit den Figuren und den unterdrückten Bauern und da sagt man….

„Remis!“

Jawoll.

Oder so.

Ich habe ja noch ein bisschen Zeit zum Lernen.

Die wöchentlichen Grüße an….

Das war es für heute, meine lieben Leser, für mich war dieser Ausflug ein großer Spaß und ich werde Euch auf dem Laufenden halten über die Ereignisse der Schach-WM, die Ihr in Deutschland ja leider nicht live verfolgen könnt. Tut mir leid! Ansonsten ist hier alles prima, wir erwarten gespannt den ersten Haushaltsplan der neuen norwegischen Regierung und noch gespannter die ersten Schneeflocken. Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an alle, die, wie ich, keine große Lust auf Schnee haben. Seid Ihr da irgendwo???

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, haltet die Augen offen für Neuigkeiten, wechselt immer mal wieder das Tempo und vergesst nicht zu lachen.

Ha det bra,

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Ulrike

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9 Kommentare zu “Verrücktes aus der norwegischen Fernsehwelt ODER Was bitte ist Slow TV???

  1. Hallo Ulrike,

    deinen Blog verfolge ich jede Woche mit Spannung. Danke für das Schreiben.

    In der Folge „Minutt for minutt“ gab es auch mal eine Dampfschifffahrt durch den
    Telemarkkanal, welche im nrk wiederholt wurde und auch hier per Livestream zu empfangen war. Ich habe stundenlang zugesehen.
    Hier ist auch ein Link für Interessierte:
    http://www.nrk.no/telemarkskanalen/

    Viele Grüße und mach weiter so.

    Ha det bra,

    Wolfram

    • Hallo Wolfram, danke fürs Lesen und Kommentieren, das freut mich sehr! Und auch danke für den Link, da gucke ich gleich mal rein,

      Herzliche Grüße und dir ein schönes Wochenende

      Ulrike

  2. Stundenlanges TV-Gucken irgendwelcher Fahrten wäre ja nichts für mich. Aber auf der VICTORIA im obigen Link wäre ich doch seeehr gern persönlich dabei gewesen. Ging ja durch herrliche Landschaften. Hallo Ulrike, wie immer ist es eine große Freude Deinen Blog zu lesen. Mutta-Kuss

  3. Die Hurtigruten-Fahrt wurde ordentlich zusammengeschnitten auch im schwedischen Fernsehen übertragen. Da hat das Zuschauen Spaß gemacht.
    In diesem Sommer waren sie mit nrk wieder auf einem Schiff unterwegs. Da wurden tagsüber -wenn das Schiff im Hafen lag – sogar Wiederholungen von der Nacht gesendet.

  4. Minutt for Minutt mit Hurtigruta ist aber immerhin ein kleiner Trost wenn man sich die Reise selbst nicht leisten kann. So kann ich wenigstens ab und zu mal am Bildschirm für ein paar Minütchen wieder „mitschippern“…….und weiter träumen…..

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  7. Pingback: Slow TV im norwegischen Fernsehen Teil 2 ODER …und sie singen und singen und singen | Neues aus Norwegen!

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