Fotosafari Oslo Teil 4: Vålerenga ODER Fußball, Dialekt und Anti-Frogner-Zone

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Irgendwie bin ich fast nie im Osten der Stadt. Das hat gar keinen besonderen Grund, das ergibt sich einfach nicht. Wir kaufen hier im Westteil der Stadt ein, die meisten unserer Freunde leben hier, die deutsche Gemeinde ist hier, und und und. Der Osten ließ mich bisher immer eher kalt. Bis heute! Für diesen Blog habe ich die unsichtbare Grenze der Stadt überschritten und bin nach Vålerenga, oder, wie die Kenner sagen,  Vål’enga,  gefahren. Und Auslöser dafür war ein Theaterbesuch….

Hallo, meine lieben Leser aus Ost und West, Norden und Süden, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute nehme ich Euch mal wieder mit auf eine Reise durch Oslo – auch wenn das Wetter im Gegensatz zu den letzten Tagen novemberschmuddelig ist. Gut, dass der Stadtteil, den ich Euch vorstellen will, so viele bunte Häuser hat.

Alles begann Ende Oktober: Martin rief an und erklärte begeistert, er hätte über seine Firma Theaterkarten gewonnen. „Prima!“, rief ich. „Für welches Stück denn??“ Ja, und da lag der Hase im Pfeffer oder der Elch im Zimt. Die Karten waren für eine musikalische Revue mit dem rebellischen Titel „Neste Kamp“ (Nächster Kampf), produziert zum 100jährigen Jubiläum des Fußballclubs Vålerenga.

Oh.

Genau.

Aber wir sind ja neugierige Menschen und da wir weder das Oslo Nye Theater noch das Stück kannten oder besonders viel über den Fußballverein wussten, machten wir uns also auf den Weg – und erlebten einen Theaterabend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Zum näheren Verständnis einige Punkte vorweg:

  • Vålerenga ist nicht nur ein Fußballverein, sondern eben auch ein Stadtteil von Oslo. Früher selbständig, heute Teil von Gamle Oslo. Der Stadtteil gehörte früher zu den ärmsten der Stadt und vielleicht trug die geteilte Armut dazu bei, dass der Zusammenhalt zwischen Hedmarksgata und Enebakkveien schon immer besonders groß war.
  • Der 1913 gegründete Fußballverein des VIF (Vålerenga Idrettsforening) ist ein Heiligtum und auch wenn die Karriere des Vereins eine Berg- und Talbahn war (und ist), verbindet er die Herzen der Menschen. „Stell dir vor, du sitzt in einem Theaterstück über Schalke“, hatte Martin mir erklärt, bevor die Show begann. Ok. ??
  • Der Osten von Oslo war früher, und ist teilweise auch heute noch, das Arbeiterviertel. Der lokale Patriotismus ist hoch und man ist stolz auf seine Herkunft. Größte Abneigung: Fuzzies aus dem Westen der Stadt, speziell aus Frogner. Ups.
  • Der Dialekt in Vålerenga ist ganz und gar anders als im Westen und beide Stadtteile ziehen gern die Aussprache des jeweils anderen ins Lächerliche. „Vindretningen skapte språkskillene i byen“, heißt es: Die Windrichtung hätte den Sprachstil der Stadt geschaffen. Seit dem 19. Jahrhundert standen die qualmenden Fabriken im Osten, dort lebten die Arbeiter und ihre Familien. Die Wohlhabenden verzogen sich in den Westen der Stadt – weit weg vom stinkenden Wind und Qualm des Arbeitermilieus. Die Sprache ist Osten ist deftiger und führt im Westen angeblich zu gerümpften Nasen. Beispiel gefällig? Wie wäre es mit einem der Schlachtrufe von Vålerenga? „Enga er tilbake, jævla bondesvin.“ Grob übersetzt: Vålerenga ist zurück, du verdammter Schweinehalter!
  • Fußball und Dialekt sind die beiden verbindenden Elemente in Vålerenga.

Nun saßen also wir beiden zugezogenen West-Städter im Oslo Nye Theater und die Show begann. Der Plot ist einfach zu erzählen: Becky, eine Journalistin aus Bestum (West-Oslo) wird nach Vålerenga geschickt, um den 100jährigen Henry Abelsen (geboren am Gründungstag des Sportvereins) zu interviewen. Von Anfang an ist der Klassenkampf deutlich: Becky redet „falsch“, ist komisch angezogen, trinkt Mineralwasser aus der Flasche und hat, das wohl das allerschlimmste, keine Ahnung von Fußball. Nach jedem Klischeewitz dröhnt der Saal vor Lachen – ich hätte so gerne mitgelacht, aber vieles ging absolut an mir vorbei. Das Happy End bekam ich aber mit: Am Ende sind die beiden Stadtteile, aka Henry und Becky, Freunde und man feiert gemeinsam 100jährigen Geburtstag! Auch das Publikum ist in Feierlaune. Und was für ein Publikum das ist! Vergesst das Bildungsbürgerpublikum oder die Bohemiens mit zerrissenen Boss-Jeans – hier sitzen Vålerenga-Fans, hier sitzen die Klanen ! Vereinsfahnen in der Hand, Vereinsschals um den Hals, viele im Trikot ihrer Lieblingsspieler und alle stolz auf ihren Verein. Es wird laut gejubelt und noch lauter mitgesungen, als von der Bühne das Lied ihres Vereins ertönt.  Am Ende der Vorstellung stehen wir alle, schwenken mit den Armen (ich völlig ahnungslos, warum eigentlich) und jubeln im Chor. Zuschauer, Darsteller und Musiker sind voneinander begeistert. Nach knapp zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Im Hinausgehen erklärt Martin mir die Erfolge und Misserfolge des Vereins genauer, während hinter uns ein älterer Herr zu seiner Frau sagt: „Ja, das war das Vereinslied, das singen sie dann auch im Fußballstadion.“

Muss ich erwähnen, dass wir vier später gemeinsam in der U-Bahn Richtung Westen saßen?

Es war ein toller Abend und ich wollte nur noch eines: Ab in den Osten, ab nach Vålerenga.

Zwei Wochen später geht es endlich los: In der Stadtteilbibliothek Majorstuen versorge ich mich mit Lesematerial und finde ein hervorragendes Buch: Vålerenga – en bydel med sjel. In einen Stadtteil mit Seele fahre ich also. Hinein in die U-Bahn Richtung Mortensrud. Nur sechs Stationen trennen den Westen vom Osten, ich verlasse die U-Bahn in Ensjø und stehe kurz Zeit später an der Etterstadgata. Velkommen in Vålerenga, ruft mir niemand entgegen – wer denn auch? Die Straßen sind menschenleer. Nun würde ich das an einem Samstagnachmittag verstehen, wenn die gesamte Nachbarschaft im Ullevålstadion Schweinehalter verflucht, aber heute ist Donnerstag. Trotzdem keiner da. Vielleicht sitzen alle beim Mittagessen, es ist 11.30, da gibt es lunsj in Norwegen.

Egal, dann mache ich mich allein auf den Weg. Es ist schwer zu beschreiben, aber das Viertel strahlt ein Gefühl aus, das ich in anderen Teilen der Stadt vermisse. Vielleicht liegt es an den Geschichten, die ich bisher schon gehört und gelesen habe oder an den gemütlichen bunten Holzhäusern, die die Straßen säumen – irgendetwas ist hier anders. Ich wandere die Vålerengagata herunter, biege in die Ingeborgsgata ab und vor mir, erhöht auf einem Hügel, liegt die Kirche des Viertels. Es gibt kaum Geschäfte hier, und meine Suche nach einem Wayne’s Coffee gebe ich bald auf. Anscheinend bin ich schon völlig verwestlicht und erwarte Kaffeeläden an jeder Ecke. Bin ich etwa schon Becky aus Bestum? Ich laufe hier rum mit meiner Kamera und fotografiere Holzhäuser, während die Bewohner mich durch die kleinen Fensterscheiben beobachten und sich über mich lustig machen? Gerade als ich eine Runde verlegen sein will,  fällt mein Blick auf einen BMW, hinter dem ein Mercedes geparkt ist und bei genauerer Untersuchung finde ich weitere Premiumwagen in den Gassen. Aha! Der erste Waynes Coffee-Shop ist nicht mehr weit, ich ahne es! 😉

Die bunten Häuser heben meine Laune und ich mache mich auf die Suche nach Vålerenga-Fahnen. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir die ganze Nachbarschaft mit Fahnen dekoriert vorgestellt. Aber nichts. Das ist ja nun schade. Vorbei an der Kirche und einem einsamen Mann auf einer Bank wandere ich gen Opplandsgata, als mir plötzlich eine Frau in einem Vålerenga-Sweatshirt samt Hund entgegen kommt! Cool, das wird ein passendes Foto, denke ich und frage freundlich (und auf Norwegisch), ob ich ein Foto machen dürfte, ich würde einen Blog schreiben über Oslo und in dieser Woche über Vålerenga. – Nun weiß ich nicht, was sie mehr verwirrt hat: Mein Norwegisch, meine Frage, mein Plan über Vålerenga zu schreiben oder meine rote Kamera, die ich schussbereit hielt. Nach einem irritierten Blick ließ sie mich auf jeden Fall stehen. Na, dann eben nicht!

Weiter ging es durch die leeren Straßen, vorbei an geschlossenen Restaurants und geöffneten Kiwi-Supermärkten, an Kindergärten in kleinen, bunten Holzhäusern und weiter zur Hauptstraße. Man merkt sofort, wenn das Viertel vorbei ist. Die Straße wird breiter, die Aussicht offener und die Holzhäuser weichen hässlichen Betonklötzen. Ich wandere den Akebergveien hinauf, stelle fest, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin und kehre zurück nach Vålerenga und mache mich auf den Weg nach Hause.

Viel könnte ich bestimmt noch schreiben über diesen spannenden Stadtteil, der mich an meinen Moritzberg zuhause erinnert, auch voll von Geschichte, Geschichten und stolzen Bewohnern, die sich nur „aufm Berge“ wohl fühlen. Ich werde das Buch des Geschichtsvereins Vålerenga weiter lesen und bestimmt noch mehr als einmal in den Osten zurückkehren und Euch mehr berichten. Als nächstes steht ein Eishockeyspiel auf meinem Kalender, vielleicht Vålerenga gegen Stavanger Oilers…..Ihr lest dann davon!

Zum Abschluss ein Gedicht von Kyter’n alias Wilhelm Holteberg Hansen, dem Hausdichter von Vålerenga, der sein Leben lang in der Islandsgata lebte.

Islandsgata – av Kyter‘n

Den gata jeg bor i er stille og rolig

I hele mitt liv har jeg her hatt min bolig.

(Die Straße, in der ich lebe, ist still und ruhig

Mein ganzes Leben lang hatte ich hier mein Domizil.)

Her vokste jeg opp blant et mylder av unger

Og utslitte mødre med angrepne lunger.

(Hier wuchs ich auf unter vielen Kindern

Und erschöpften Müttern mit angegriffenen Lungen.)

Og fedrene drakk for å prøve å glemme

Den bunnløse armod som rådde i hjemmet.

(Und Vätern, die tranken, um zu vergessen

Die bodenlose Armut, die zuhause herrschte.)

Ja, tidlig jeg stiftet bekjentskap med nøden

Som hjerteløs dømte så mange til døden.

(Ja, früh schon machte ich Bekanntschaft mit der Not

Die herzlos so viele in den Tod trieb.)

For mange var de som i kampen gikk under

Heroiske sjeler som levde som hunder.

(Für viele waren die, die im Kampf untergingen,

heroische Seelen, die wie Hunde lebten.)

I tankene ser jeg dem slite og streve

De ofret seg selv for at vi skulle leve!

(In Gedanken sehe ich sie kämpfen und ackern,

sie opferten sich selbst, damit wir leben können.)

Og ungene fødes og oldinger dør.

Og gata? Den ligger der stille som før.

(Und Junge werden geboren und Alte sterben.

Und die Straße? Die liegt dort so still wie zuvor.)

Meine lieben Leser aus Ost und West, aus Norden und Süden, ich höre Euch mit den Füßen scharren und sehe fast die Frage, die über Eurem Kopf steht: Fotosafari?? WO SIND DIE FOTOS????

Hier!

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Sotahjörnet (rechts Emblem vom Sportverein)

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Endlich eine Fahne!!! Ganz am Schluss entdeckt!

So, das war meine erste Tour nach Vålerenga….

Gratulation, Ihr habt das Ende der Fotosafari erreicht! Ich hoffe, sie hat Euch Spaß gemacht und Ihr begleitet mich nächste Woche wieder. Meine wöchentlichen Grüße gehen diese Woche an alle Moritzberger in meiner Heimatstadt Hildesheim: In der Bergstraße und am Krehlaberg, der Zierenbergstraße und der Elzer Straße, an der Gelben Schule und dem Entenbrunnen, der Christuskirche und Räder Emmel und und und – man ist nie wirklich weg von Zuhause, richtig?

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, seid mal wieder patriotisch, viel Glück bei neuen Jobs und alltäglichen Aufgaben, vergesst nicht zu lachen und ta det med ro!

Ha det bra,

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Ulrike

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6 Kommentare zu “Fotosafari Oslo Teil 4: Vålerenga ODER Fußball, Dialekt und Anti-Frogner-Zone

  1. „Ingeborgsgata“ klingt sehr schön! 😉 Freu mich schon auf den Bericht nach dem Eishockeyspiel! 😀

    Habt weiterhin viel Spass!
    Liebe Grüsse!
    Meli

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