Slow TV im norwegischen Fernsehen Teil 2 ODER …und sie singen und singen und singen

Jon Olav Ørsal

Jon Olav Ørsal

Das letzte Wochenende im November war ungewöhnlich. Statt wie üblich länger zu schlafen, dann ein bisschen durch die Stadt/Natur/Welt zu bummeln und abends einen netten Film zu gucken, saß ich fast 36 Stunden lang vor dem Fernseher. Slow-TV hatte mich im Hypnosegriff!

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Am Donnerstag vor besagtem Wochenende erreichte mich eine SMS von Freundin Claudia, in der es ungefähr hieß: „NRK zeigt 36 Stunden Chorgesang. Das wär doch was für dich!“

Nun möchte ich an dieser Stelle mal allen Freunden des Blogs danken, die mich mit neuen Themen versorgen. Mal per email, mal per SMS, manches ergibt sich im Gespräch. Das finde ich super, macht weiter so!

Nun saß ich also mit Claudias SMS auf dem Sofa und dachte: NRK macht WAS???? Aber warum war ich erstaunt? Ein Fernsehsender, der bereits die 5-tägige Schiffsreise der Hurtigruten live verfolgt hatte, verantwortlich war für „Die norwegische Stricknacht“ und acht Stunden nichts weiter gezeigt hat als knisterndes Kaminfeuer – für den sind 36 Stunden Chorgesang ja fast eine Actionshow. Aber was soll denn 36 Stunden lang gesungen werden, fragte ich mich? Ich öffnete die Webseite des NRK und suchte nach den Programmankündigungen des Wochenendes. Ganz oben: Minutt for minuttSalmeboka. Minutt for Minutt, also Minute für Minute, ist der Konzepttitel des norwegischen Slow-TVs und Salmeboka anscheinend das neueste Projekt. Salmeboka? Boka, also Buch. Aber was sind Salme? Etwa…Psalme? Heißt das etwa, dass….?

Jawoll.

NRK2 lässt in 36 Stunden das komplette Gesangbuch der norwegischen Kirche singen.

Alle 899 Lieder.

Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

In der Deutschen Gemeinde haben wir im Februar ein ähnlich ambitioniertes Projekt gestartet: Bibel24. Wir lesen 24 Stunden lang die Bibel, stoppen und lesen ein paar Monate später an der Stelle weiter  – so lange, bis wir die Bibel durch haben. Nach drei Marathonlesungen haben wir letzten Monat das Alte Testament beendet. Immer, wenn wir eine neue Bibel24-Lesung ankündigen, werden wir gefragt: Warum macht Ihr das? Ich wette, unsere Antwort und die des NRK Minutt for minutt Salmeboka – Teams sind identisch: Warum nicht?

Das nur als Anekdote am Rande. Zurück zum Chorgesang.

Am Freitag, 28.11. um 11.45 öffnete Kulturministerin (!!!) Thorhild Widvey die Pforten der Vår Frue Kirche im Zentrum von Trondheim – dem Hauptaustragungsort des Gesangsmarathons. Zwei schlichte Chorbühnen, Schienen für die fahrbare Kamera und ein paar Scheinwerfer waren im Inneren aufgebaut. Mehr brauchte es nicht. Die Technik hinter den Kulissen lernten wir Zuschauer erst später kennen.

Ich war der ganzen Show mehr als kritisch gegenüber eingestellt. Mal ehrlich….36 Stunden Singen? 36 Stunden Kirchenlieder? 899 Stück?

Aber dann begann der Organist die erste Note zu spielen, oben am Bildschirm erschien ein dreiteiliges Zahlenfeld, das langsam von „000“ auf „001“ drehte und es passierte etwas Unerwartetes: Ich fühlte mich als Teil des Projekts.

Das hört sich jetzt völlig gaga an und ich sehe direkt, wie Ihr vor dem Bildschirm mit den Augen rollt. Aber rollt nur, liebe Leser, es war, wie es war: Ich stand mit den 200 Chören, sechs Organisten, mehreren Solisten und Musikern, dem NRK-Team und allen anderen Beteiligten am Startblock und war bereit 36 Stunden lang durchzuhalten. Ich wollte sehen, wie aus der „000“ eine „899“ wurde. Das sollte so ungefähr am Sonntagabend um kurz vor Mitternacht passieren.

Her mit Popcorn, norwegischem Wörterbuch, Kerze und Decke und los geht es! Projekt Salmeboka lief.

Gleich zu Anfang hatten wir hier im Wohnzimmer gewisse Schwierigkeiten zu überwinden. Gesa, eigentlich ein großer Musikfan, begann bei den ersten Tönen von Herre Gud ditt dyre navn og ære herzzerreißend zu weinen. Ich war verwirrt: Hatte sie Hunger? Nein. Windel voll? Nein. Kuscheln wollte sie auch nicht. Nur weiter weinen. Ratlos drückte ich den Ton vom Fernseher weg – das Weinen stoppte. Probeweise stellte ich den Ton wieder an – Gesa weinte. Ich konnte mir die Abneigung gegen Herre Gud ditt dyre navn og ære zwar nicht erklären, ließ es aber stumm ausklingen. Auch das zweite Lied führte zu dicken Kullertränen. Nun tue ich ja viel für unser wunderbares Kind, aber ich wollte auch das Projekt Salmeboka miterleben, und zwar idealerweise mit Ton. Während der Mädchenchor des Nidarosdoms also Folkefrelsar til oss kom sang (ohne Ton), sang ich für Gesa Bæ, bæ lille lam (mit Ton). Das bringt sie immer zum Lachen und kurze Zeit später verfolgten wir beide den Gesangsmarathon tränenfrei und mit Ton. Ob sie nun das geringere Übel gewählt hat oder nicht, wer weiß das schon. Auf jeden Fall liefen keine Tränen mehr. (Und wer von Euch Lesern jetzt schon empört in die Tastatur tippen will: Gesa hat nicht VOR dem Fernseher gesessen. Sie war einfach im selben Raum und hat zugehört.)

Während Lied 009 rief Martin an und fragte nach ein paar Augenblicken Gespräch verwirrt, was ich denn da für Musik hören würde. Meine Antwort, ich hätte unsere Wochenendpläne etwas verändert und wir würden 36 Stunden lang Kirchenlieder hören, löste fast dieselbe Reaktion wie bei Gesa aus. Nach einer Schrecksekunde versprach Martin aber tapfer, dem Projekt eine Chance zu geben. Was er dann auch tat. Am frühen Abend war die ganze Familie im Boot. Und da blieben wir, ausgenommen von Schlafpausen, einem Kaffeebesuch und einem Spaziergang, auch. Als am Sonntagabend/Montagmorgen um 00.15 die letzten Töne von Lied 899 verklungen waren, fühlten wir uns wie Sieger. „Geschafft!“ jubelten wir mit den Beteiligten.

Viel haben wir während der 36 Stunden und auch hinterher darüber diskutiert, was den Reiz dieser Sendung ausgemacht hat, dem übrigens nicht nur wir erlegen sind: NRK meldete 2,2 Millionen Zuschauer. Bei 5 Millionen Einwohnern im Land schon eine beachtliche Zahl. Und die Begeisterung blieb nicht nur innerhalb der norwegischen Grenzen. Das ARD-Studio Stockholm drehte einen Beitrag für den Weltspiegel, aus Südkorea kam ein Fernsehteam angereist und neben Chören u.a. aus Trondheim, Bergen, Oslo und Tromsø gab es auch eine Direktschaltung nach Iowa/USA, wo sich der Chor der First Lutheran Church am Gesangsmarathon beteiligte.

Woher kam die Faszination? Eine berechtigte Frage, denn eigentlich sprach alles für Langeweile: Ein kaum wechselnder Raum, unterschiedliche, aber doch ähnliche Musik, ein paar Moderationen und Interviews – fertig. Aber so einfach war es eben doch nicht. Zuerst die „sportliche“ Perspektive: Da nehmen sich ein paar Fernsehleute vor, das komplette Gesangbuch singen zu lassen – tolle Idee – das schaffen wir. Kollektiver Ehrgeiz sozusagen. Dann die kulturelle Perspektive: Ich habe wirklich viel über Norwegen gelernt an diesem Wochenende. Es waren nicht nur die 899 Lieder, viele von ihnen norwegisches Traditionsgut, andere aus dem Ausland importiert und integriert. Es waren nicht nur die unzähligen Sänger und Dirigenten der insgesamt 200 Chöre, die mit Leidenschaft und Spaß sangen. Es waren nicht nur die Bilder aus verschiedenen Ecken Norwegens oder die Begeisterung, als ich Samstagmorgen plötzlich ein bekanntes Gesicht in einem der Chöre entdeckte.

Es war, als sei man Teil einer Aktion gewesen, die für ein Wochenende einen großen Teil der Bevölkerung in ihren Bann gezogen hatte. Wenn auch völlig unerwartet. Außerdem hatte ich das Gefühl, als sei die Beteiligung VOR dem Fernseher genauso wichtig zum Gelingen wie das Singen der Chöre im Fernsehen. Und wie die Menschen sich beteiligten: Über Twitter und per Email konnten sich Zuschauer mit Fotos oder Nachrichten melden. Da saßen dann Freitagabend Studenten mit Taco und Kerze vor dem Fernseher, ein älteres Ehepaar sang immer im Wechsel vorm Fernseher mit, Samstagmorgen schickten Familien Fotos vom Frühstückstisch während Amazing Grace im Hintergrund erklang, Oystein schickte per Twitter Grüße an seinen Onkel Asbjørn, der gerade seinen großen Auftritt mit dem Chor hatte. Simon lernte für Matheexamen und fand, dass Kirchenlieder dazu prima passten. Andere waren kurz davor Amok zu laufen, sollten sie noch ein einziges Chorlied hören.

Ein landesweites Phänomen.

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Klar ging es vor allem auch darum, zu sehen und gesehen zu werden. Deswegen zeigten die Kameras alle Sänger, Musiker und Dirigenten in Großaufnahme, deswegen saßen Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen vor dem Fernseher, deswegen war die Trondheimer Kirche so gut besucht, deswegen schickten Zuschauer Fotos und Kommentare. 15 minutes of fame. Ja, vielleicht. Vielleicht aber wirklich nur der Wunsch, an etwas Besonderem beteiligt zu sein. Und darum zu singen. Und zu singen und zu singen. Musik verbindet.

Was wird sich nun ändern? WIRD sich etwas ändern? An Tag 1 nach dem Marathon hörte ich zwei Frauen im Buchladen nach Gesangbüchern fragen. Bei Twitter suchten Zuschauer nach den Kontaktadressen bestimmter Chöre und auf Facebook wurde überlegt, mal wieder häufiger in die Kirche zu gehen. Alles wegen NRK Minutt for Minutt Salmeboka. Ob die Verantwortlichen überhaupt etwas verändern wollen, weiß ich natürlich nicht. Und ob das norwegische Fernsehen Interesse daran hat, die norwegischen Kirchen oder Chöre zu füllen, weiß ich auch nicht. (Obwohl mich gerade die Zusammenarbeit zwischen NRK und Kirche ein bisschen irritiert hat.)

Ich hatte auf jeden Fall ein ungewöhnliches, musikalisches, kulturelles und irgendwie patriotisches Wochenende. So verrückt es auch klingt, aber 36 Stunden Chorgesang waren ein echtes Erlebnis!

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, genießt den dritten Advent und macht es Euch gemütlich. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an alle Omas und Opas da draußen: Was wären wir alle ohne Euch!!! Ich kann zum Beispiel heute mal wieder vormittags meinen Blog schreiben, weil meine Mutter mit Gesa durch den Park schiebt. Und das ist klasse 🙂 Macht es gut, liebe Leser, bis nächsten Freitag…

Ha det bra,

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Ulrike

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