Darf ich vorstellen? Die Steckrübe. ODER Heute wird gekocht!

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@http://www.hvordan.no/26959/hvordan-bruke-kalrot-i-matlaging

In Deutschland hat sie einen schlechten Ruf: Viehfutter, Kriegsessen, Arme-Leute-Schnitzel wird die Steckrübe genannt. In Kriegszeiten wurde aus dem eigentlichen Viehfutter eine Nahrungsalternative – manchmal die einzige, die es gab. „Früh Rübensuppe, mittags Rübenkoteletts, abends Rübenkuchen“, hieß es bereits im ersten Weltkrieg. Manche haben genug Steckrüben für drei Leben gegessen. Dabei ist die arme Rübe ganz unschuldig in schlechten Ruf geraten. Ich kann mich, in manchem Sinne glücklicherweise, nicht erinnern, jemals Steckrüben gegessen zu haben. Dann kam ich nach Norwegen.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen! Ich habe Euch heute mal mit in die Küche genommen. Warum? Heute wird gekocht! Eine einfache, schmackhafte und günstige Steckrübensuppe brodelt auf dem Herd und es riecht schon gut.

Bevor ich also nach Norwegen kam, kannte ich die Steckrübe nur vom Hören-Sagen. Ich wusste, dass meine Mutter Steckrübensuppe liebt, mein Vater nicht. Das war es. Nun stand ich im norwegischen Supermarkt in der Gemüseabteilung einer Art gelbem Kohlrabi gegenüber und fragte mich, was das wohl sei. Mehr nicht. Kurze Frage, keine Antwort außer „Kålrot“ auf dem Schild, weitergehen. Auf meiner Suche nach typischen norwegischen Gerichten stieß ich in der folgenden Zeit immer wieder auf die lila-gelbe Rübe. Doch erst ein Besuch bei Freund Erik verschaffte mir den ersten Genuss des unbekannten Gemüses. Erik ist ein Gourmet und Kochliebhaber und zauberte aus einer Rübe, Butter und Knoblauch etwas – Kööööstliches. Ich starrte fasziniert auf die kleinen, gelben Würfel auf meinem Teller. DAS musste ich auch ausprobieren!

Gesagt, getan! Und wo lässt sich ein Kochexperiment besser aufzeichnen als hier im Blog?

Eben.

Darum also: Heute wird gekocht! Steckrübensuppe!

Zuerst gilt es, ein Rezept zu finden. Erstaunlicherweise sehe ich viele deutsche Rezepte, anscheinend sind Steckrüben in deutschen Küchen doch beliebter, als ich dachte. Keine Ahnung, wie es Euch geht, aber Rezepte ohne Fotos scheiden aus – am liebsten habe ich richtig professionelle Bilder. Aha, hier…das sieht köstlich aus, ein rustikaler Teller mit einer köstlich aussehenden Suppe, getoppt mit Croutons und Petersilie. DAS will ich auch!

Fix die Einkaufsliste geschrieben (Rezept folgt später für Euch) und ab in den KIWI gegenüber. Ich entreiße zwei Rüben ihrem Familienverband,…

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…mache sie mit ihren neuen Freunden Kartoffel und Lauch bekannt und eile zurück nach Hause. Ab in die Küche. – Für mich ist die Küche der schönste Raum der Wohnung. Der Raum, in dem ich mich am wohlsten fühle. Ort von Erfolgen und Katastrophen. Je größer die Küche, umso besser, idealerweise mit Esstisch oder gar Sofa. Aber genug philosophiert, ran an die Rübe.

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Mein Rezept schlägt vor, das Gemüse von unnötiger Schale zu befreien. Gute Idee! Das heißt in Norwegen zu allererst: Weg mit der Plastikhülle. Erledigt. Dann gilt es, zwei Steckrüben, eine Kartoffel, Lauch, zwei Zwiebeln und eine Knoblauchzehe zu putzen/schälen. Gemüse schälen ist mein persönliches Yoga. Ehrlich! Nichts beruhigt mich mehr, als einen Eimer Kartoffeln zu schälen. Die stupide, aber nützliche Arbeit mit ihren sich wiederholenden Bewegungen macht meinen Kopf frei, Gedanken laufen durcheinander, Probleme lösen sich irgendwie und ich werde ganz ruhig. Ommmmmm. Meditatives Gemüseschälen sollte ich es nennen. Klappt natürlich nur, wenn man sich Zeit lässt. Hektisches Geraspel bringt rein gar nichts und killt den Spaß am Kochen ab der allerersten Minute.

Schäl, schäl, raspel, raspel. Ich liebe Gemüseschäler. Erinnert Ihr Euch an die Szene in Schlaflos in Seattle, als Meg Ryan in die Küche geht, um heimlich Radio zu hören? Sie schafft es, einen Apfel so zu schälen, dass die Schale ein langes, grünes Band wird, das wie eine Girlande auf den Teller fällt. Mein Versuch an der Steckrübe scheitert. Naja, ich bin ja auch nicht Meg Ryan. Auf jeden Fall liegt die Rübe jetzt nackt vor mir. Es riecht nach Kohlrabi und die Rübe fühlt sich auch ähnlich an. Nur die Farbe ist anders. Tatsächlich wird die Steckrübe auch Bodenkohlrabi genannt, klärt mich wikipedia auf. Weiter geht es mit Zwiebeln und der größten Art Knoblauch, die ich jemals gesehen habe.

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Zwiebeln schneiden mag nicht jeder, aber mit ein bisschen Wasser auf Messer und Gemüse geht es einfach und tränenfrei.

Toll, oder, was Ihr hier für Tipps mitbekommt?

Dabei hasse ich es, ungefragte Tipps zu erhalten. Kennt Ihr das? Ihr seid, beispielsweise, in der Küche beim Kochen und habt Zuschauer, die sich gemütlich an die Küchenfront lehnen. Und dann geht es los: „Ach, so machst du das? Ich schneide Zwiebeln ja immer anders.“ – „Hm, interessante Art, um Nudeln zu kochen.“ – „Komm, lass mich mal machen, SO geht das viel besser…“ Wie geht Ihr damit um? Ich ganz prima: Ich werde im Handumdrehen zur Furie. Meine Küche, meine Regeln, meine Art, Zwiebeln zu schneiden. Und wenn ich beschließen sollte, sie in die Höhe zu werfen und mit den Handkanten zu würfeln…meine Sache. Gutgemeinte Ratschläge sind willkommen, wenn ich danach frage. Und nur dann. Und dann bin ich sehr froh, Menschen zu haben, die ich fragen kann und die mir gerne helfen. Aber ungefragte Besserwisser brauche ich nicht. In keinem Aspekt meines Lebens, ergo auch nicht in der Küche…da wird ja die Suppe sauer!

So, alles fertig geschält und geschnippelt. Meditationsphase beendet.

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Raus mit dem mittelgroßen Kochtopf und der Butter. Schmelzen lassen und hinein mit Zwiebeln und Megaknoblauch. Hmmmmmm…gibt es einen besseren Geruch, als den von gedünsteten Zwiebeln und Knoblauch? Köstlich! Mein Chef Harry im kanadischen Restaurant hasste den Geruch – sehr ungewöhnlich für seinen Berufsstand und eine echte Herausforderung für die Küchencrew. Langsam wird der Topfinhalt glasig..hinein mit dem Rest des Gemüses. Kräftig mischen und 20 Minuten garen lassen. Ein sehr stressfreies Rezept bisher und damit sehr norwegisch, finde ich. Warum haben sich wohl gerade die Norweger der Steckrübe angenommen? Auch hier muss sie als Arme-Leute-Essen gestartet haben, aber heute gehört sie gleichberechtigt neben Broccoli, Rosenkohl oder Pilzen auf den Teller. Viele klassische Rezepte benötigen die lila-orange Rübe: Zu Weihnachten etwa Pinnekjøtt med kålrotstappe (Getrocknetes Lammfleisch mit Steckrübenpurree), Kålrotsuppe, Kålrotgrateng (Gratin). Die Steckrübe dient als Alternative zur Kartoffel. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das ungeliebte „Viehfutter“ in so unterschiedlichen Rezepten zu probieren. Angeblich gibt es keine norwegische Küche. Unsinn, finde ich. Vielleicht muss man nur ein bisschen besser suchen. In dem wunderbaren Buch Norges nasjonalretter (Norwegische Nationalrezepte) von Starkoch Arne Brimi finden sich wunderbare Gerichte, gepaart mit einer Beschreibung der Region, aus der sie stammen.

Wer noch ein Geburtstagsgeschenk für mich braucht……….

Ab mit der Brühe ins Gemüse und auf kleiner Hitze für 60 Minuten köcheln lassen. Moment, wieso steht der Lauch hier noch, unangetastet in seiner Schale? Der soll wohl kaum roh…..Ein Blick ins Rezept und ich fühle mich auf französische Umleitungsstraßen versetzt: Erst sind die Hinweise ganz klar und mitten in der Buttnik lassen sie dich allein. Nun also allein mit dem Lauch. Ich sollte ihn waschen und schneiden und dann….dann wird er nicht mehr erwähnt. Ratlos blicken wir uns an. Hm. Ach, was soll’s? In die Suppe muss er ja eh, also rein damit. Ich fühle mich so kücheneloquent wie Mrs. Patmore.

Boah, war das jetzt ein geschickter Übergang??? Die ganze Zeit habe ich überlegt, wie ich meine neue Lieblingsserie in diesen Blog einbinden kann und nun das.

Brilliant.

„Wer ist Mrs. Patmore?“, höre ich Euch fragen und noch vor wenigen Wochen hätte ich auch so reagiert. Nun aber habe ich drei Staffeln und zwei Weihnachtsfolgen von Downton Abbey verschlungen und bin schlauer. In dieser wunderbaren Mischung aus Gosford Park und das Haus am Eton Place schlägt das Leben derartig erbarmungslos zu, dass die nächste Steigerung nur noch die Entführung des kompletten Hausstandes durch Aliens sein kann. Die Crawley-Familie und ihre Angestellten erwischt es seit 1914 schlimmer als die Kennedys, und das will was heißen. Die bisher teuerste TV-Produktion des BBC ist ein Straßenfeger und ich ihr neuester Fan. Und Mrs. Patmore? Sie ist die resolute Köchin von Downton Abbey, rund und rothaarig, mit harschem Ton und weichem Kern. Mit ihr würde ich gerne mal kochen.

Oho, noch 5 Minuten, dann ist das Gemüse fertig. Die Zeit rast und die Küche riecht himmlisch! Uhhhhh, mein Reh klingelt!

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Zeit für den nächsten Schritt! Kurzer Test, jawohl, alles gar. Nun die Lorberblätter suchen.

Hm.

Wie viele hatte ich eigentlich hineingetan?

2?

Wahrscheinlich, auf jeden Fall finde ich nicht mehr.

Passt schon.

Uih, wie das duftet!

Nun wird püriert!

Und nun…..PROBIERT!

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*********

Sehr, sehr lecker! Mit vollem Bauch und wohligem Gefühl kehre ich an den Computer zurück. Ein Hoch auf die Steckrübe. Nehmt sie doch auch auf Euren Speiseplan, schließlich kann die Rübe nichts für ihre Vergangenheit. Mal sehen, was Ihr so zaubert!

Hier das Suppenrezept:

1kg Steckrüben, 2 Zwiebeln, ½ Knoblauchzehe, 150g Kartoffeln, ½ Stange Lauch, Salz, Lorbeerblätter (2?), 100g Butter, 1,5l Gemüsebrühe (ich musste hinterher noch mehr dazugeben, aber probiert selber aus), Pfeffer, Salz, Roggenbrot, saure Sahne, Petersilie.

Gemüse waschen. Rüben schälen und in Würfel schneiden. Zwiebeln schälen, fein würfeln. Knoblauch zerdrücken, Kartoffeln schälen und würfeln. Lauch in Scheiben schneiden.

100g Butter schmelzen, Zwiebeln und Knoblauch andünsten. Gemüse und Lorbeerblätter dazu und 20 Minuten auf kleiner Hitze garen.

Gemüsebrühe dazugeben, mit Salz und Pfeffer würzen, 1 Stunde köcheln lassen bei geringer Hitze. Nach 1 Stunde Topf vom Herd ziehen, Lorbeerblätter suchen und rausfischen, und Suppe sämig pürieren. Mit Gewürzen nach Geschmack abwürzen (bei mir: Curry und Pfeffer).

1 Scheibe Roggenbrot würfeln und in Butter anbraten. Suppe auf Teller, mit saurer Sahne, Brotwürfeln und Petersilie toppen.

Guten Appetit! Vel bekomme!

So, das war es für heute meine lieben, nun bestimmt hungrigen, Leser! Schön, dass wir einen Freitagnachmittag gemeinsam in unserer Küche verbracht haben. Vielleicht passiert das jetzt häufiger, denn außer der Steckrübe gibt es noch mehr Dinge im norwegischen Supermarkt zu entdecken. Es bleibt spannend!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, esst lecker und gesund, probiert Neues aus und bleibt dabei, wie Ihr seid!

Ha det bra,

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Ulrike

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6 Kommentare zu “Darf ich vorstellen? Die Steckrübe. ODER Heute wird gekocht!

  1. Liebe Ulrike,

    die Steckrübe ist bei uns schon ein paar Jahre wieder da. Man kann sie bei uns nahezu in jedem Supermarkt bekommen. So viel habe ich allerdings noch nicht mit ihr angestellt. Einmal ist mir die Suppe in meiner Tasche ausgelaufen. Danach gingen wir getrennte Wege. Meinst du, ich sollte noch mal dran gehen?

    Kulinarische Grüße, Emily

  2. ha, das ist ganz ähnlich wie die Steckrübensuppe, die ich kenne. Nur nehme ich mehr als nur 1 Kartoffel. 1 Rübe würfeln, 3-4 Kartoffeln würfeln, alles in Brühe (ich nehm Fleisch, geht aber sicher auch vegan), ein paar Kümmel mit rein und 20 min. kochen, Dann mit dem Kartoffelstampfer alles zerdrücken und mit Pfeffer abschmecken.
    Sehr lecker und ich liebe dies Gericht. Sonst hat es immer meine Ma für mich gekocht, diesen Winter habe ich mich selbst dran getraut und sie war fast so köstlich, wie von daheim. 🙂
    Weiterhin viel Spaß in deiner Küche, ich bin auf die nächsten Kochkünste gespannt…

    Mich macht Kartoffeln schälen übrigens waaaaaaaaaaahnsinnig. Okay, mittlerweile kauft man die Kartoffeln ja porentief rein gewaschen, da ist nix mehr mit erdigen stärkeverkrusteten Fingern, aber die Abneigung zum Kartoffelschälen ist geblieben…

  3. Hallöchen,
    wir lieben im Winter Steckrübeneintopf, allerdings werden bei uns erst zwiebeln angeschmort, danach Kassler Würfel(ich habe hier auch schon Sommerkottelet genommen)
    gemeinsam schön anbraten, zwei drei Möhrchen würfeln und hinein, wer mag Sellerie, ein wenig Brühe und dann ab mit den Steckrübenwürfeln und restliche Brühe, ca zwanzig bis dreißig Minuten köcheln lassen und dann Kartoffelwürfel dazu, abschmecken nach Bedarf,
    Salz, Pfeffer, ein wenig Piment,ein Bischen Knobi, oder frisch. Wir lieben diese Suppe, die
    auch einen Tag später noch lecker ist.

  4. Liebe Ulrike,
    momentan durchsuche ich das Internet nach Steckrüben-Geschichten, die ich für die Homepage des Vereins zur Erhaltung dr Nutzpflanzenvielfalt sammele. Ja, sie haben Recht, wir erleben derzeit eine große Steckrüben-Renaissance. Ich bin selber ganz erstaunt. Ihr Rezept unterscheidet sich nicht so sehr von einigen, die bereits in unserer Rezept-Sammlung vertreten sind. Ich würde aber gerne ein paar Auszüge aus diesem Blogbeitrag in die Geschichtensammlung aufnehmen und bitte Sie um Erlaubnis dafür. Damit Sie sehen, mti wem Sie es zu tun haben, schauen Sie mal unter http://www.nutzpflanzenvielfalt.de; Sie können auch meinen Namen googeln, da gibt es ebenfalls Ergebnisse.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Eveline Renell

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