Willkommen in Oslo, Herr Bundespräsident ODER Entschuldigung, wieso dürfen wir hier nicht rein??

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Im Ausland wird der Mensch patriotisch. So komisch es klingt, so wahr ist es doch. Jedenfalls für mich. Ob die deutsche Nationalmannschaft im Curling in Kanada, ein deutscher Weihnachtsmarkt in Edinburgh oder deutsche Würstchen auf dem Markt in Oslo – ich bin gleich über alle Maßen begeistert.

Hallo, meine lieben patriotischen (?) Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. In dieser Woche erlebte ich eine Deutsche, die mit Kopfschütteln und Leidensmiene verkündete, sie wäre „nicht gerade glücklich, Deutsche zu sein.“ Ja, das ist natürlich schlecht. Reisende soll man aber bekanntlich nicht aufhalten und so schlage ich statt unterwürfiger Reue im Ausland einen Wechsel der Staatsbürgerschaft vor. Fertig! Aber das nur nebenbei. Weiter zu Joachim Gauck: Während der Bundespräsident und die First Lady heute nach Trondheim reisen, berichte ich Euch von der offiziellen Begrüßung am Mittwochmorgen vor dem königlichen Schloss.

Die begann sportlich. Wie das bei Menschen so üblich ist, siegte am Mittwochmorgen der Gruppentrieb: Auf der nördlichen Seite des Schlosses hatten sich um 9.20 Uhr die ersten Deutschen mit deutschen Flaggen und guter Stimmung versammelt. Das reichte als Zeichen für weitere Gruppenansammlung. Neben den ca. 100 Schülern der Deutschen Schule warteten also noch weitere Deutsche auf Einlass zu den Publikumsplätzen. Jeder, der eine solche Einladung vorweisen konnte…

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… durfte extra nah ran an den Mann.

Oder das Schloss.

Auf jeden Fall weg vom gewöhnlichen Gafferpöbel.

(Ja, blaue Einladungskarten vom Königlichen Hof machen arrogant. Was soll ich tun?)

Um 9.30 sollte der Einlass beginnen. Froh gelaunt knipsten wir die ankommende Königliche Garde, die berittene Polizei und uns gegenseitig. Die Sonne strahlte, die halbe Stadt war mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Blumenkästen dekoriert und unsere Laune war prächtig.

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Bis zu dem Moment, als um 9.30 Uhr die beiden Polizistinnen das verschlossene Absperrgitter öffneten und nur die Schüler und Lehrer der Deutschen Schule einlassen wollten.

„Wie? – Was??? – UND WIR????“ jaulten wir anderen los. Ja, das wüsste sie jetzt auch nicht, zuckte die blonde Polizistin die Schultern und schloss das Gitter wieder. Stände denn nichts auf der Einladung? Pff, tolle Idee, auf der Einladung!  Das hätten wir wohl gesehen, wenn da was stände, wir können ja schließlich lesen, oder was wolle sie damit andeuten und….

Oh…

Guckt mal, auf der Rückseite ist eine Karte. Also, die Schulkinder stehen rechts vor dem Schloss und wir anderen sollen…ach guck…nach links…zum südlichen Eingang…also genau auf die andere Seite.

Ratlos blickten wir auf die Absperrgitter vor uns, die sich hübsch glänzend vom Schloss aus die gesamte Karl Johan Gate hinunterzogen. Ich kalkulierte meine Fähigkeit mit dem dicken Bauch über das Gitter zu klettern: Gering, sehr gering. Außerdem wohl auch nicht gern gesehen bei den streng blickenden Sicherheitsleuten.

Ein entschlossener Mitarbeiter der Deutschen Botschaft hatte einen Plan: „Auf der Hälfte der Auffahrt stehen Polizisten, wir fragen, ob sie uns auf die andere Seite lassen.“ Ein Plan, endlich! Es folgte der stramme Marsch einer Gruppe Deutscher, die in geballter Entschlossenheit kurze Zeit später vor drei norwegischen und ahnungslosen Polizisten stoppte. Unsere Entschlossenheit auf die andere Seite zu kommen (und zwar schnell), traf auf höfliches Desinteresse. Bei den Polizisten. Nicht bei den umher stehenden Touristen, die uns neugierig betrachteten. Nach energischem Wedeln mit blauen Einladungskarten, ein paar gewechselten Sätzen ins Walkie-Talkie und aufgrund der generellen Gutmütigkeit der Norweger geschah es: Zum zweiten Mal an diesem Tag öffnete sich ein Absperrgitter vor uns. Diesmal durften wir durch!

Hätte das Königspaar in diesem Moment aus einem Schlossfenster geguckt, was hätten sie wohl von der Gruppe Deutscher gehalten, die gerade quer über die abgesperrte Auffahrt joggte? Wir werden es nie wissen und wir hatten auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn nun mussten wir die Auffahrt wieder hinauf, um dann endlich, endlich, am richtigen Platz zu landen. Keuch, keuch. Warum wir nicht einfach hinter den Schulkindern her auf die linke Seite gehen durften, ist ein Rätsel, das wir nicht lösen konnten. Stattdessen zuckten wir unsere Pässe und wappneten uns für eine gründliche Kontrolle. Zu der nur so viel: Dass kein Attentat auf König oder Bundespräsident verübt wurde, kann man nicht den beiden Sicherheitskräften verdanken, die uns hineinließen. Ins Parlamentsgebäude durfte ich nicht einmal ein Taschenmesser mitnehmen, aber ich hätte problemlos zwei Staatsoberhäupter samt Gattinen beim Staatsempfang auslöschen können. Weder mein Pass noch meine Tasche hat irgendwen interessiert. Nun gut, ich bin harmlos, da haben sie nochmal Glück gehabt.

Die Sonne brannte vom Himmel, als wir vor dem Schloss unsere Stehplätze einnahmen. Uih, so nah dran am Geschehen!

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Mitleidig fiel mein Blick auf die Garde, deren Mitglieder seit über 25 Minuten bewegungslos in der Hitze standen. Natürlich in voller Uniform und mit Hut. Von links erschien nun eine norwegische Delegation, von denen ich nur den Osloer Bürgermeister Fabian Stang erkannte. Brav nahmen die VIPs Aufstellung am roten Teppich. Wenige Minuten später erschien das Königspaar, er in voller Uniform, sie im cremefarbenen Ensemble mit passendem Hut. Die Glücklichen stellten sich im schattenspendenden Pavillon auf Position, den einige der schwitzenden Gardemitglieder wohl nur zu gern gestürmt hätten. Während Königin Sonja im Schatten bleiben durfte, nahm der König die Parade ab, dann begrüßten beide die VIP-Delegation und nahmen schließlich am anderen Ende des roten Teppichs Aufstellung.

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Mir war warm und einen Stuhl hätte ich auch gern gehabt. Jammer, jammer. Aber ich riss mich zusammen: Neben mir stand die hochschwangere Christina und wenn die nicht jammerte, dann musste ich Bauchküken mich auch zusammennehmen. Mal ehrlich!

Uh, Achtung, eine Wagenkarawane näherte sich!! Nach zwei weißen Polizeiwagen folgte die schwarze Staatskarosse und hielt genau vor den Füßen des norwegischen Königspaares. Die Türen öffneten sich und unter lautem Jubel entstiegen Joachim Gauck und Daniela Schadt. Kronprinz Haakon, der die beiden offensichtlich abgeholt hatte, schloss sich der gutgelaunten Gruppe an, die sich gleich viel zu erzählen hatte.

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Im schützenden Schatten angekommen, erklangen die beiden Nationalhymnen. Warum singen wir Deutschen eigentlich nicht mit? Oder machen wir es nur, wenn wir in großen Gruppen sind? Oder nur beim Fußball? Oder wie oder was? An diesem Morgen hörte ich um mich herum auf jeden Fall nur Stille. Komisch. Ob die beiden Ehrengäste sangen, konnte ich leider nicht erkennen. Nach dem letzten Ton wiederholte sich die Prozedur, die vorher der König allein unternommen hatte: Abnahme der Garde, Begrüßung der VIPs. Dann lenkte der König seine Gäste zu den wartenden Schulkindern, die in begeistertes „Hipphipphurra“ ausbrachen. Der Bundespräsident zeigte sich ebenfalls begeistert, ließ sich auf Selfies mit den Schülern ablichten, fragte und erzählte und nahm sich Zeit.

Dann ging er mit dem König gemeinsam ins Schloss.

Äh…

Hallo??…

Herr Gauck? Joachim?? Jojo?? Wir sind auch noch da, hier links auf der anderen Seite.

Hatte er etwa gehört, dass wir die Hymne nicht mitgesungen hatten? War er einfach müde und wollte raus aus der Sonne? Was immer es war, der Bundespräsident ging ohne weitere Wort hinein und ließ uns stehen.

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Aber wozu hat man eine First Lady? Und eine Königin? Daniela Schadt und Königin Sonja erwiderten unsere Grüße mit guter Laune und netten Worten, bevor sie sich ihren Männern anschlossen und endlich, endlich wieder in den Schatten durften.

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Immerhin!

Nur wenige Minuten später rollten Mitarbeiter den roten Teppich wieder ein und zwei Gardemitglieder sanken in eine gnädige Ohnmacht. Der ganze Zauber war vorbei. Aber – es hatte sich gelohnt.

***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich finde es immer wieder toll, was man hier in Oslo so erlebt. Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und viel Spaß bei der WM. Schon wieder eine Chance, patriotisch zu sein und so werden wir am Montag vor der Akershus Festung beim public viewing die Jungs von Joachim Löw lautstark anfeuern. Nach dem fast skandalösen Start gestern hoffe ich auf einen guten Schiedsrichter und natürlich ganz viele deutsche Tore. Allen Nicht-Fußballfans wünsche ich für die kommenden vier Wochen starke Nerven – immerhin gibt es dieses Mal keine Vuvuzelas.

Ha det bra,

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(keine Ahnung, warum ich so schmerzverzerrt grinse…..)

Ulrike

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