Mein erstes Mal…ODER Kommunalwahl in Oslo 2015

Na, toll. Im Supermarkt finden sich gerade mal drei Sorten Nudeln, aber hier gibt es plötzlich die große Auswahl. Das Prinzip „Ich nehme eine davon, eine davon und drei Scheiben davon“ klappt leider nicht. Ist aber auch unnötig: Ich bin informiert und greife entschieden zu. Links einen der roten Zetteln und rechts einen der grünen Zetteln. Fertig. So, nun habe ich zum ersten Mal in Norwegen gewählt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich habe mich unverhältnismäßig stark gefreut, als vor einigen Wochen unsere Wahlkarten im Briefkasten lagen. Warum eigentlich? Soo spannend ist wählen ja nun auch nicht. Aber es war nicht nur eine Wahlkarte für mich: Norwegen hatte anerkannt, dass ich lange genug im Land war, um ein bisschen Verantwortung anvertraut zu bekommen. Ich bekam also die Erlaubnis, mich in der norwegischen Politik aktiv zu beteiligen. An der norwegischen? Nicht ganz. Nach drei Jahren Aufenthalt bekommen Ausländer das Recht, sich an Kommunalwahlen zu beteiligen. Ich durfte also den Stadtrat von Oslo mitwählen. Immerhin.

Nun ist das mit der Beteiligung ja immer so eine Sache: Politische Entscheidungen dürfen wir erst nach drei Jahren treffen. Steuern hingegen nahm uns Norwegen gern ab Tag 1 ab. Ob nun drei Jahre Steuern zahlen und das Wahlrecht nach drei Jahren zusammenhängen, weiß ich nicht. Bei der Höhe der in Norwegen zu zahlenden Steuern kommt allerdings der Gedanke auf, dass man nach drei Jahren locker den Wahlkampf wenigstens einer der großen Parteien finanziert hat. Und im Gegenzug bekommt man dann Wahlrecht und, in meinem Fall, vier rote Rosen. Trotz alldem war meine Freude groß.

Meine Unsicherheit allerdings war noch viel größer. Was tun jetzt mit der Verantwortung, die mir der norwegische Staat übertragen hat? Das Dilemma ist nämlich: Ich bin so ganz und gar nicht politisch. In Deutschland habe ich immer Grün gewählt, mit 18 angefangen und dann bin ich irgendwie dabei geblieben. Aber damit hier in Norwegen einfach weiter zu machen – das erschien selbst mir absurd. Ein bisschen wusste ich über die norwegischen Parteien aus der Zeitung, kannte Namen und die ungefähre Ausrichtung (Arbeiderpartiet = SPD/ Høyre = CDU…). Für eine Wahlentscheidung reichte es nicht.

Allerdings wollte ich auch nicht wertvolle Urlaubswochen mit dem Lesen verschiedenster sog. „Parteiprogramme“ verbringen. Mein Ziel war das der erfolgreichen Geschäftsleute: Minimaler Einsatz für maximalen Gewinn.

Auftritt: Der Valgomat!

Hört sich an wie ein Feinde-umwalzender-Superheld, ist aber ein mathematisch höchst kompliziert ausgeklügeltes Frage-Antwort-Programm, eine Art politischer Psychotest, an dessen Ende ich nicht erfuhr, wie aufgeschlossen ich beim Sex bin, sondern welche Partei ich wählen sollte.

Nun gibt es aber nicht nur DEN Valgomat. Oh, nein. Jede der großen Tageszeitungen, die TV-Stationen und auch lokale Zeitungen überboten sich. Ich landete schließlich beim Valgomat von Aftenposten. Na, da kamen vielleicht Fragen. (Die Fragen beim Sex-Test wären bestimmt spannender gewesen.) Es begann harmlos: Mein Geschlecht sollte ich angeben, dann meine Altersgruppe. Das schaffte ich problemlos. Dann kamen die ersten „inhaltlichen“ Fragen und ich dachte: Häh? Nicht, dass ich sie sprachlich nicht verstand. Oh nein, alles prima. Nur über die Themen hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel:

– Soll die Waldgrenze der Oslo umgebenden Wälder verändert werden, um mehr Bauplatz zu schaffen?…Tja…

– Sollen Schankstätten (Pubs etc) früher schließen als heutzutage?….Hm….

– Soll der Bau von mehr Hochhäusern in Oslo erlaubt werden?….Also…

– Sollen mehr Areale für Schrebergärten geschaffen werden?

– Sollen 16jährige wählen dürfen?

Natürlich betreffen mich diese Themen irgendwie mehr oder weniger. Aber ich hatte mir weder über das Stimm- noch über das Schankrecht hier in Oslo jemals Gedanken gemacht. Aber da hatte der Valgomat mitgedacht. Vet ikke durfte ich dann antworten („Weiss nicht.“) und bei der Zusatzfrage: „Wie wichtig ist dieses Thema für dich?“ durfte ich mein Desinteresse bekunden. Übrig blieben also die für mich relevanten Themen und Fragen und nach knapp fünfzehn Minuten stand fest:

Aha.

Ach?

DIE sollte ich also wählen.

Von dieser Partei hatte ich noch nicht viel gelesen, der Valgomat und der Rest des Internets informierten mich aber gerne weiter und auch gut genug, dass ich am Ende sagen konnte: Nee, nee, Valgomat, da hast du dich aber vertan. Naja, aber die treue Maschine hatte mir eine gewisse Richtung vorgegeben und irgendwann traf ich eine Entscheidung und zog los, um zu wählen. Hier in Norwegen kann man forhåndsstemme, seine Stimme also bereits vor den beiden offiziellen Wahltagen Mitte September abgeben. Dafür steht zum Beispiel hier in Majorstuen ein orange-weißer Container. Seit einigen Wochen können Wahlberechtigte hier von 10-19/10-17 Uhr ihre Stimme abgeben.

Immer, wenn ich daran vorbeilief, stand davor eine lange Schlange Wahlwilliger. Meine Wahlkarte und meinen Pass hatte ich, für den Fall der Fälle, täglich dabei, aber der trat nie ein. Letzten Donnerstag musste ich dann mit Gesa zur Impfung am Solliplatz und was finde ich im Foyer der helsestasjon?

Ein Wahllokal.

OHNE Schlange.

Und nicht nur das, es fand sich dort auch eine sehr nette Deutsche, die, von der Stadt Oslo damit beauftragt, erklärte, was genau ich in der Wahlkabine zu tun hatte.

Für alle norwegischen Neuwähler also: Aufgepasst.

Für alle anderen: Ich halte mich kurz.

Ich fand mich also in der Wahlkabine vor einer Art Ablagesystem mit roten Zetteln auf der linken Seite und grünen auf der rechten Seite. Die linke Seite (also alle……ROTEN Zettel, genau!) betraf den Stadtrat Oslo, die rechte Seite den Stadtteilrat Frogner. (Stadtteilwahl darf man aber nur in DEM Stadtteil machen, in dem man gemeldet ist. Ich also hier, weil ich…genau, in Frogner gemeldet bin. – Ich merke schon, Ihr passt gut auf!). Als erstes war ich überrascht ob der Auswahl. Da hatte mir der Valgomat einige Parteien unterschlagen. Aber ich war ja entschieden. Beherzt griff ich zu und öffnete den roten Stadtrat-Zettel. Ich durfte, so hatte mir die nette Deutsche erklärt, entweder NUR den Zettel nehmen, falten und zur Box bringen, oder einen oder mehrere Namen der gewählten Partei auf dem Zettel ankreuzen. Eine von beiden Möglichkeiten tat ich, sowohl für Stadt- als auch für Stadtteilrat, dann öffnete ich den Vorhang und ging zur Registrierung.

Der Ablauf verwirrte mich. Anstatt, dass ich mich ZUERST registrierte und die Wahlhelfer kontrollieren konnten, ob ich überhaupt wahlberechtigt bin, kam dieser Arbeitsgang am Schluss. Nun ja, alles lief gut, meine beiden Stimmzettel wurden mit dem Stadtteilstempel versehen und ich steckte sie gemeinsam in die Wahlurne.

Erledigt.

Nun warten wir bis zum 15. September auf die Ergebnisse (offizieller Wahltag sind der 13. und 14. September). Die in weiterführenden Schulen hier in Oslo durchgeführte Probewahl (skolevalg) sah die AP (Arbeiderpartiet) vorne in Koalition mit den Grünen. Allerdings wurde Oslo in den letzten 18 Jahren von Høyre und Koalitionsparteien regiert – wird sich das für die nächsten vier Jahre fortsetzen?

***

So, das war es für heute, meine lieben Leser. Eigentlich wollte ich heute erzählen, wie ich vor dem Urlaub in norwegischen Wälder mit Freundin Christine auf Orientierungslauf war – aber kommt einfach am nächsten Freitag. Bis dahin wünsche ich Euch ein tolles Wochenende, eine noch bessere Woche voller richtiger Entscheidungen (ob es sich nun um Nudeln oder Parteien handelt) und viel Spaß.

Ha det,

WP_20150912_002

(Ich beim Wählen. Erklärung für diese abstrakte Kunst: Fotoverbot im Wahllokal.)

Ulrike

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Ein Kommentar zu “Mein erstes Mal…ODER Kommunalwahl in Oslo 2015

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