Geburtstagsparty für alle! ODER Herzlichen Glückwunsch, ich mag dich nicht…

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Es ist 1983. Ich bin 11 Jahre alt. Während der Stern, etwas voreilig, mit dem Fund der Hitlertagebücher prahlt und die Uferschwalbe der Vogel des Jahres ist, bin ich am Boden zerstört. Nelly (Name von der Autorin geändert), das coolste Mädchen der Klasse, feiert nämlich ihren Geburtstag ohne mich. So etwas kann eine Kinderseele ganz schön treffen. – Hier in Norwegen wäre mir das wohl nicht passiert.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Gestern hatte ich auf der Rückfahrt vom Kinderkirchenteamtreffen (Hallo, Galgenraten!) ein interessantes Gespräch. Während Gesa selig schlief, erzählte mir Annette vom norwegischen Schulsystem. Ihre beiden Kinder gehen auf norwegische Schulen. “Gleich beim ersten Elternabend, zum Beispiel,” sagt Annette, als es um Unterschiede zu deutschen Schulen geht,”…gleich beim ersten Elternabend wurde uns erklärt, dass bei Geburtstagen entweder alle Mitschüler eingeladen werden oder alle Jungen oder alle Mädchen.”

“Finde ich unmöglich”, rege ich mich auf. “Da müssen die Kinder also Mitschüler einladen, die sie nicht mögen! Wie blöd!! Geburtstagskommunismus!”

“Naja”, meinte Annette. „Dafür lernen sie, dass selbst die, die sie nicht mögen, mit Respekt zu behandeln sind.”

Und darüber denke ich seitdem nach. Ich hatte von diesem “Einladungszwang” in norwegischen Schulen schon gehört und mich immer (siehe oben) darüber aufgeregt: Die armen Kinder, die nicht bestimmen dürfen, wen sie einladen. Die armen Eltern, die plötzlich ganze Schulklassen unterhalten müssen – das geht ins Geld! – das geht an die Nerven! – was ist, wenn man nicht genug Platz hat? Und bis zu welcher Klasse geht das denn so???

Aber dann fielen mir Nelly und 1983 ein. Wie hatte ich mich geschämt, dass ich nicht eingeladen war.

War also etwas dran am norwegischen System? Den finanziellen Aufwand umgeht man beispielsweise, in dem Kinder zusammen feiern und die Eltern die Kosten teilen. Das Platzproblem umgeht man mit einer Tour und Grillparty.

Dafür wird aber kein Kind ausgeschlossen.

Stellen wir uns das einfach mal vor: Jeder erinnert sich bestimmt an das eine Außenseiterkind, mit dem niemand spielen und das erst recht niemand zum Geburtstag einladen wollte.

Habt Ihr das?

Nun stellt Euch vor, er oder sie wäre zu Eurer Geburtstagsfeier gekommen .

OH HILFE!

Ja, aber vielleicht hätte man auch plötzlich etwas Nettes entdeckt, eine Gemeinsamkeit, den Grund für das unerträgliche Verhalten.

Hm.

Ich finde das ganz schwer zu entscheiden. Auf der einen Seite ist es doch wichtig, entscheiden zu dürfen, wen oder was man mag – ein Schritt auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit. Dazu gehört für mich auch entscheiden zu dürfen, wer meinen Geburtstagskuchen isst und wer nicht.

Aber andererseits….tja, andererseits…..

Was meint Ihr?

***

So, das war es für heute, meine lieben Leser. Der Sommer ist da und während Unwetter in Deutschland und Frankreich herrschen, schwitzen wir hier bei 27˚ Grad. Ich hoffe, Ihr seid alle sicher und im Trockenen, wo immer Ihr auch seid. Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an Stephan – danke, dass du mich morgen zu deiner Geburtstagsparty auf Hovedøya eingeladen hast. Oder…musstest du????  :))))) Meine lieben Leser: Habt ein gutes Wochenende, genießt den Sommer und schreibt mir Eure Meinung zum Thema von heute. Gern auch eigene Erlebnisse, mehr Infos oder oder oder…

Hilsen,

Bergen1

Ulrike

(mein Wochenende in Bergen war übrigens toll, darüber mehr nächste Woche!)

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6 Kommentare zu “Geburtstagsparty für alle! ODER Herzlichen Glückwunsch, ich mag dich nicht…

  1. Für Sommer bist du aber ziemlich warm angezogen 😉

    Ansonsten finde ich es auch befremdlich, dass man entweder alle oder keinen einladen soll. Aber das liegt vermutlich einfach da ran, dass man es eben anders kennt. Die norwegische Variante finde ich aber auch ganz okay.
    Bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit, oder beginnt es schon mit der Kindergartengruppe?

  2. Als etwas älterer Rheinländer war dies im Katholischen Millieu bekannter Weise nicht üblich.
    Später hat McDonalds dies importiert, genau in Ihrer Jugend der 80er , in den USA gibt es wohl eine Birthday Industrie.
    Auf jeden Fall gab es in der Schulklasse mehrere Kleingruppen.
    Große teure Abiturfeier sind auch so was importiertes.
    Das waren früher alles Familiensachen wo Freunde hinzukamen.
    Vielleicht liegt es daran, das Heute die Verwandschaft Tagesreisen entfernt wohnen und man in Ein-Kind Familien über mehrere Generationen hinweg und Scheidungen (Streit) Blutsverwandte für interne Familienfeiern nicht mehr hat und wie in den USA Nachbarn und Bekannte deswegen loyal und zuverlässig sind.
    Also ich würde dieses Phänomen auch auf einzelene Kindergärten in Deutschland vermuten.
    Alle oder keiner ist auch in Deutschland typisch.
    Pflichtanwesenheit, obwohl man nur dumm herumsteht, ist auch normal geworden.

  3. Ich habe mich (in den 50er (!!) Jahren mal gezwungen, zu einer Geburtstagsfete einer Mitschülerin zu gehen, da ich ihre ständige Fragerei „Kommst du …?“ nicht mehr hören wollte/konnte. Es wurde die beste Fete in diesem Schuljahr!!! und wir verstehen uns heute noch bestens (hallo Marlene :)!!

  4. Ich muss sagen, dass ich das eine tolle Sache finde, wenn man mal auf der unbeliebten Seite stand, weiß man wie viel es bedeutet, dass Kinder Respekt voreinander lernen, auch wenn sie sich nicht mögen…

  5. „Geburtstagskommunismus“ – finde ich gut getroffen 😉 –
    Kann man nicht hierbei die „norwegische Seele“ erkennen? Keiner darf/soll ein Außenseiter sein, in welche Richtung auch immer. Z.B. freiwillig oder unfreiwillig.

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