Von revolutionären Westfjorddialekten, multivisuellen Sporterlebnissen und brillanten Überleitungen

Multitasking ist das Wort des Tages: Auf Eurosport vor mir schwingt sich gerade Jennifer Oeser über die Hochsprungstange, auf Internet-Channel 2 des norwegischen Fernsehens schlägt Roger Federer auf und dazwischen sitze ich mit Büchern über norwegische Grammatik!! VERWIRRUNG!! Ähnlich verwirrt müssen sich die Norweger gefühlt haben, als sie 1814, ganz unabhängig von Dänemark plötzlich, vor einem Problem standen: Welche Sprache sprechen wir denn jetzt?

(Also, wenn das jetzt keine elegante Überleitung war, dann weiß ich es nicht!)

Hallo meine lieben, eventuell auch Olympiasüchtigen, Leser! Schön, dass wir uns hier wieder treffen! Wie versprochen dreht sich heute alles um den ungewöhnlichen Zustand, dass es in Norwegen zwei offizielle Schriftsprachen gibt. Bokmål und Nynorsk. Das gibt’s natürlich in anderen Ländern auch: Kanada begrüßt und begleitet uns in Englisch und Französisch, die Schweiz besitzt vier Amtssprachen, was noch nichts ist gegen Bolivien, wo es tatsächlich 36 zugelassene Amtssprachen gibt.

Nun gibt es zu diesen, von mir clever ausgesuchten, Beispielen und Norwegen einen ganz wesentlichen Unterschied: In Kanada oder der Schweiz sind VÖLLIG verschiedene Sprachen Amtssprachen. In Norwegen sind es zwei einander sehr, sehr, sehr ähnliche Dialekte. Das ist, als würden in Deutschland plötzlich Hochdeutsch und Plattdeutsch zu gleichwertigen Amtssprachen erklärt. Hier mal ein paar Beispiele aus den beiden Sprachen, entnommen dem „Practical Guide to the Mastery of Norwegian“ von Louis Janus.

(Da stocke ich gerade und stelle erstaunt fest, dass ich Louis Janus kenne: Er betreut eine Norwegisch-Gruppe bei facebook und ich habe ihm schon manche Frage gestellt. Ist ja ein Ding jetzt. Die Welt ist ein Dorf. Weiter im Text!)

Beispiel also.

Louis bietet uns die folgenden, essentiellen, Vokabeln:

Norwegen, ich, sie, nicht, Unterschied.

Im Bokmål heißt es dann so:          Norge, jeg, hun, ikke, forskjell.

Im Nynorsk sieht so aus:                Noreg, eg, ho, ikkje, skilnad.

Die Unterschiede halten sich im Rahmen, finde ich…..Anscheinend hat jemand das j von „jeg“ geklaut und es in das „ikkje“ gesteckt. Aber wer?

(Schon wieder so eine brillante Überleitung. Ich sollte allerdings damit aufhören, die Überleitung zu bewerten, dass nimmt ihr die Brillanz irgendwie….Mist….zu spät…nächstes Mal…)

Nynorsk, das „neue Norwegisch“, wurde im 19. Jahrhundert vom Sprachforscher und Westnorweger Ivar Aasen entwickelt. Nach Jahrhunderten der dänischen Abhängigkeit stellte sich Aasen die Frage: Was für ein Norwegisch würden wir sprechen, wenn wir die Dänen niemals getroffen hätten? Diese, im Unabhängigkeitsrausch gestellte, Frage war berechtigt, denn bis 1814 galt Dänisch als offizielle Landessprache von Christiana bis Tromsø. Aasen zog also durch Westnorwegen auf der Suche nach dem neuen Norwegisch, das ironischerweise aus den alten Dialekten entstehen sollte. Aus Alt mach Neu, sozusagen.

Nun gibt es in Westnorwegen „ebenso viele Dialekte wie westnorwegische Fjordarme“ (Edda D. Drolshagen) und nach einer langen Suche blieb Aasen nichts anderen übrig, als seine Aufzeichnungen in einen Shaker zu tun und kräftig durchzuschütteln. Ein bisschen Logik und Regeln dazu und…zack…NYNORSK. Aasen war ein Sprachrevoluzzer.

Auf der anderen Seite des Landes machte sich Knud Knudsen seine Gedanken. Auch ihm war bewusst, dass das nun unabhängige Norwegen eine eigene Sprache brauchte. Die revolutionäre Fjordsprachenattacke war ihm aber fremd. Knudsen war traditioneller und machte sich daran, die dänische Sprache zu „norwegenisieren“. Das daraus entstandene Bokmål ist sprachlich gesehen keine eigene Sprache, sondern ein….naja….abgewandeltes Dänisch.

(Was dazu führt, dass sich Dänen hier in Oslo beispielsweise ohne große Schwierigkeiten verständigen können.)

Plötzlich waren also zwei Sprachen im Umlauf. Was sollten die Norweger tun? Sie taten, was sie gut können: Sie fanden eine diplomatische Lösung. 1885 erhob das norwegische Storting (Parlament) Nynorsk und Bokmål zu gleichwertigen Schriftsprachen und alle offiziellen Publikationen müssen seitdem in beiden Sprachen erhältlich sein.

(Ich bin dafür, dass in Deutschland auch zu tun. Ich will Plattdeutsch als zweite offizielle Schriftsprache!!!!)

Heute sieht die Situation in Norwegen so aus: Der Großteil der Bevölkerung benutzt Bokmål, es ist auch die erste offizielle Sprache die Schulkinder lernen. Abiturienten werden in beiden Sprachen geprüft. Ein Großteil der TV- oder Radiosendungen des staatlichen Sender sind in Bokmål, rund ein Viertel in Nynorsk, der Rest sind US-Krimis im Original. Im Osten und Norden des Landes regiert die dänische Tochtersprache, während Bergen beispielsweise eher Nynorsk-Gebiet ist.

Alle diese wichtigen Fakten beziehen sich wohlgemerkt auf die SCHRIFTsprache. Die gesprochenen Dialekte sind ein völlig anderes Thema und eines, dem ich noch nicht gewachsen bin. Soviel sei gesagt: Niemand in Norwegen käme auf die Idee, seinen Heimatdialekt jemals abzulegen. Ein Dialekt ist wie eine Tracht: Er zeigt, woher man stammt. Seinen Dialekt aufzugeben hieße, seine Herkunft zu verleugnen. Und Herkunft ist wichtig in Norwegen.

So.

Fertig.

Seid Ihr noch da????

Ich gebe uns allen jetzt mal einen Moment, uns von diesem trockenen Thema zu erholen…….

*erhol*

*erhol*

Alles gut wieder?

Auf Eurosport wird übrigens gerade ein Läufer aus Ghana vom Feld gerollt, del Potro fegt Federer vom Platz und inmitten der sportlichen Aufregung sitze ich. Nun mit einem fertigen Artikel! Toll! Wo ist meine Goldmedaille? Ich lache übrigens jedes Mal Tränen, wenn norwegische Kommentatoren von Goldmedaillen reden. Die heißen hier Gullmedalje und werden wie „güll“ ausgesprochen. Gestern abend klang es also über Michael Phelps so aus unserem TV: „Hann sfömmer for gülle.“

Wunderbar.

So, meine lieben in 7er Teams versammelten Goldleser, das war es schon wieder für heute! Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an diesem ungewöhnlich trockenen Artikel. Man kann ja nicht IMMER lustig sein!! Ich wünsche Euch eine tolle Woche, erforscht mal Eure Herkunft, sammelt lustige Dialektausdrücke, postet sie hier und jubelt auch mal einem Verlierer zu!!

Ha det bra

Ulrike

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10 Kommentare zu “Von revolutionären Westfjorddialekten, multivisuellen Sporterlebnissen und brillanten Überleitungen

  1. Ist das eine Decius-Tüte? ;o)

    Ulli, vielen Dank für die Einblicke in die norwegische Schriftsprache! Ich find das echt interessant und wieder einmal bin ich ein bisschen traurig, dass wir hier so gar keinen Dialekt haben… Und Plattdeutsch schreiben stelle ich mir doch arg schwer vor, dann lieber sprechen lernen, oder?

    • Haha, richtig geguckt..die habe ich vom letzten Deutschland-Trip mitgebracht :)) Du hast so recht: Ich hätte auch gern einen tollen Dialekt, aber irgendwie hat mir niemand HIldesheimer Platt beigebracht :))

  2. Hallo Ulrike,
    wenn Du zum Posten von Dialektbegriffen aufrufst, fallen mir leider nur ein paar „offizielle“ norwegische Wörter ein, aber die sind soooo lustig, dass ich sie hier unbedingt teilen muss: Wie wäre es also mit einem „Kaffeslabberas“? Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber ich mag Kuchen und habe auch einen „kakespade“.
    So, auch diese Überleitung war subtil und hoffentlich einigermaßen gelungen… nicht so elegant wie Deine, aber ich schreibe ja auch keinen Blog. 😉
    Schönen Sonntag noch!
    Eva

    • Hi Eva, hahahaha, die kannte ich beide noch nicht, wunderbar. Dann hoffe ich, dass wir nun bald mal einen Kakespade benutzen und uns gegenseitig Kuchen auf den Teller schaufeln werden :). Am 26.8. beim Sommerfest der deutschen Gemeinde am Songsvann beispielsweise???
      Dir noch einen schönen Sonntag abend!

  3. Hallo Ulli wo ist die Seite vom 30.07.2012 ?
    der bis jetzt wichtigste und schönste Tag für dich in Oslo !!!!!!
    Bitte die Seite nachtragen
    Dein Lieblings Schwager

    • Ein unentschuldbare Unterlassung! Ich verspreche, über Euren Besuch im Dezember einen ganzen Artikel zu schreiben!
      Und für alle Neugierigen: Am 30.7. traf ich auf Schwager und Schwägerin samt angehängter Motorradtruppe und wir hatten hier in Oslo einen wunderbar verrückten, kulturell wertvollen und sehr leckeren Tag. Es war ein Erlebnis!!! Ich darf zwar seitdem keine U-Bahn mehr fahren, aber trotzdem war es superlustig :)))

  4. Ha ha ha ha ha haaaaaaaaaa … Ivar Aasen … ist ja veldig interessant! Hab‘ ich doch eben gerade im Kommentar geschrieben … hi hi …
    aber jetzt hat Bäuchlein Hunger, sonst würde ich den ganzen Post lesen.
    Komme später mal wieder …

    LG nochmal
    Üllrikke

  5. So, nun lese ich den ganzen Artikel also erst heute … nach unseren 4 Norwegenwochen. Ivar Aasen … in Volda gibt es ein Museum zu seiner Person.
    Und ich habe mir dort zum ersten Mal ein Kinderbuch auf Nynorsk zugelegt. Mit ein bisschen innerlichem Zurücktreten kann man’s aber auch verstehen.
    Lese ja sonst stur und klar Bokmål – am liebsten alles von Jostein Gaarder, aber auch Krimis von Karin Fossum oder von Gunnar Staalesen. Auch Roald Dahl und Paulo Coelho lassen sich gut auf Norwegisch lesen.

    Lustige Wörter … na, da könnte ich Dir Sachen erzählen … zum Schieflachen, was uns mit norwegischen Wörtern schon passiert ist.
    Erzähl mal einem Norweger mit folgenden Worten, dass ein Mädchen, das sich mit Autos nicht auskennt, halt nur mit Puppen spielt (beim Verladen auf die Fähre passiert und Männe beherrschte das Vokabular noch nicht so gut):
    Hun spiller bare med hennes pupper!

    Uaaaaah ha ha haaaaaaaa! Der Norweger, dem er das erzählte, wurde gleich rot und ich, die ich das Wort kannte, kniff meiner lieben zweiten Hälfte verstört in den Arm … Puppen heißt dukker!!! Und dann haben wir alle geschrien vor Lachen. Was pupper sind, mag sich jeder selbst überlegen … das schreib‘ ich hier jetzt nicht.

    Was ich besonders liebe, ist „rumpeballe“, „fikk“ (was nicht das bedeutet, was wir hören) und ebenso die Blödkacke – sorry, der bløtkake“, wobei ich allerdings persönlich fyrstekake wegen des Marzipans und der festeren Substanz wesentlich lieber mag.

    So, das war’s in Kürze zum Thema Sprache.

    Erneut LG, Ulrike

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