Von anhaltenden Sprachverwirrungen, Lehrern mit dringenden Bedürfnissen und dem Auftrag, Fernsehen zu gucken!

Hei hei all sammen!

Wie Ihr sehen könnt, trägt mein Norwegischkurs gewaltige Früchte! In naher Zukunft werde ich mich unerkannt unter eine Gruppe Norweger mischen können. Ich werde snakken und snakken und wie lustig wird es sein, wenn wir feststellen, dass sie über die Bierpreise in Schweden rede und ich über die Ölkatastrophen im Atlantik. Bier heißt nämlich „Ǿl“ im Norwegischen, das kann man schon mal verwechseln in der Aufregung.

Montag begann also die zweite Runde in dem noch etwas unausgeglichenen Kampf „Norwegisch-Ulrike“. Der Gegner hat für dieses Level einen Verbündeten aufgestellt, an dem ich mir die Zähne ausbeiße. Sein Name: Tut nichts zur Sache. Seine Position: Norwegischlehrer. „Tut nichts zur Sache“ hat einen entscheidenen Vorteil in diesem Kampflevel: Nicht nur, dass er Norwegisch spricht…oh nein….er spricht ein Norwegisch, das ich nicht verstehe.

Null.

Nada.

Nix davon.

„Tut nichts zur Sache“ guckt mich an, öffnet den Mund und ich….bin ratlos. Es ist Norwegisch, soviel ist sicher. Bewiesen unter anderem dadurch, dass meine Kampfgenossen ihm in dieser Sprache antworten. Sie scheinen ihn zu verstehen. Erstaunlich.

Über die vergangenen vier Tage haben „Tut nicht zur Sache“ und ich ein interessantes Verhältnis aufgebaut, das auf non-verbaler Kommunikation beruht. Beispiel: „Tut nicht zur Sache“ erklärt allgemein etwas in der Klasse, blickt dann mich an. Nicke ich strahlend, heißt das: Jau, ich habe was verstanden. Schlage ich mit dem Kopf auf der Tischplatte auf, bedeutet es: NEIN, verdammt nochmal, what the f***?

Woraufhin „Tut nicht zur Sache“ alles nochmal erklärt. Langsam, gaaanz langsam. (Ich bin beliebt in der Klasse, ehrlich!!)

Manchmal erheitert unser Verhältnis auch den Rest der Klasse. (Wieso eigentlich „auch“?) Gestern erklärte TNSZ etwas – ich versuchte verzweifelt den Inhalt zu ergründen. Er war agitiert und ein dringendes Bedürfnis schien ihn anzutreiben, es uns zu erklären. Ich tat mein Bestes. Alle anderen lachten. Ich wollte auch mitlachen! Also sprach ich:

„Kan du jenta? Hva betyr „tisse“? Er det en veldig viktik ord?“ (Kannst du es nochmal sagen? Was bedeutet „tisse“? Ist das ein sehr wichtiges Wort?)

Während die Klasse wieherte (Streber!!), blickte mich „Tut nicht zur Sache“ ernst an und antwortete auf Deutsch: „Ich hab gesagt: Ich muss dringend pinkeln.“

Worauf ich mit der größtmöglichen Würde den Begriff „tisse (Verb) – pinkeln“ notierte und meinem Gesicht damit Zeit gab, sich zu entröten.

Wir haben also gewaltig viel Spaß im Kurs und abgesehen von „Tut nicht zur Sache“ kann ich mit allen anderen gut kommunizieren. Englisch ist strikt verboten im Klassenzimmer, von Deutsch wurde aber nichts gesagt und da diesmal noch zwei andere Deutsche teilnehmen, können auftretende Probleme flink gelöst werden. „Tut nicht zur Sache“ spricht allerdings auch Deutsch, was wir bei unseren Gesprächen NIE ausser Acht lassen dürfen – der Gegner hört immer mit!

Montag treten wir in die zweite Woche und nach einer ersten Evaluation gestern bin ich auf den Fortgang des Kurses gespannt. Wir konnten unsere Begeisterung oder unseren Unmut äußern, ein gutes Konzept, wie ich fand und „Tut nicht zur Sache“ hat sich unsere Punkte geduldig angehört und einige auf gleich umgesetzt.

Denke ich.

Dass ich ihn nicht verstehe, könne er momentan nicht ändern.

Blöd jetzt irgendwie.

Dafür soll ich aber ganz viel TV mit Untertiteln gucke und Radio hören, um mich so an verschiedene Stimmen und Arten von Norwegisch zu gewöhnen.

Brillanter Plan: Statt einer Person, die ich nicht verstehe, sind es dann 20. Wie aufbauend!!

Meine lieben, hoffentlich nicht ratlosen, Leser, immerhin hat die ganze Sache einen Vorteil: Ich habe etwas zu erzählen! Diesmal mal wieder sehr viel von mir persönlich und weniger über das Leben in Norwegen, aber das passt schon, oder? *Lach*

Was ich in dieser Woche über Norwegen gelernt habe, war aber auch ganz interessant und ich will es euch nicht vorenthalten:

  1. Großvater und Großmutter werden im Norwegischen genauer beschrieben als im Deutschen.  „Bestemor“ und „Bestefar“ sind die allgemeinen Begriffe. Dann gibt es aber auch „Mormor“/“Farmor“ und „Morfar“/ „Farfar“. NAA? Was denkt Ihr bedeutet es? (Es gib keine Preise für die richtige Antwort..sorry!)
  2. Kinder gehen von Klasse 1 bis 7 in die „grunnskole“ und haben Englisch ab der ersten Klasse.
  3. Im Nordnorwegen können Schüler ab der 8. Klasse auch Sami oder Russisch als Zusatzsprach wählen, im Rest des Landes sind Französisch, Deutsch oder Spanisch üblich.
  4. Das Namensrecht in Norwegen ist offen wie die Löcher im Schweizer Käse. Alles ist möglich nach der Heirat: Hätte ich Martin hier im Land geheiratet, hätte ich Ulrike Kirschbaum, Ulrike Niemann Kirschbaum oder Ulrike Niemann heißen können. Martin hätte also alle Möglichkeiten offen gehabt, aber die Mehrheit der Männer in Norwegen (rund 98%) behalten ihren eigenen Namen.
  5. Alkohol über 17% wird im Norwegischen „Sprit“ genannt.

Gewaltig, oder??? Mit diesen wichtigen Informationen zum Alltag in Norwegen verabschiede ich mich für diese Woche, meine lieben Leser! Nächste Woche steht das norwegische Essen auf dem Speiseplan, nein, Blog-Plan und ich freue mich auf eine Woche voller Recherchen!

Lasst es Euch bis dahin gut gehen, lacht über die Momente im Leben, wo man nichts versteht, freut Euch über alle Probleme, die Ihr nicht habt und hört mal wieder Radio!

Ha det bra,

(Opera Oslo)

Ulrike

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11 Kommentare zu “Von anhaltenden Sprachverwirrungen, Lehrern mit dringenden Bedürfnissen und dem Auftrag, Fernsehen zu gucken!

  1. Hallo Ulli!

    Das Namensrecht ist hier in Deutschland auch nicht anders ;o) Hier dürftest du auch jegliche Namensvariante nehmen können :o) Hab ich „grad“ in Familien- und Erbrecht“ gelernt.

    Ansonsten freue ich mich, wieder regelmäßig von Dir und deinem Leben zu hören!

    • Ach ehrlich? Ich dache, Deutschland wäre nach den ganzen Namensmöglichkeitsverwirrungen wieder einen Schritt zurück gesprungen. Immer gut, eine Verwaltungsexpertin als Freundin zu haben 🙂
      Ich drücke dich,

      Ulli

  2. Also: Eigentlich rate ich ja nur wenn ein Preis winkt. Aber heute mache ich eine Ausnahme und rate: Jeweils Omma und Oppa von Mutter oder Vater?? Sozusagen „differenzierte“ Ommas und Oppas??? Im übrigen habe ich „tisse“ in meinen deutschen Sprachschatz aufgenommen. Gefällt mir besser als das „Pinkeln“ und kommt also ab jetzt zum Einsatz/Ausspruch. Dicker Mutta-Kuss (immer wieder angetan von Deiner launig-unterhaltenden Schreibweise!!!)

  3. Hallo Ulrike, wie gut und amusant du schreibst ! Mach bloss weiter so, bitte ! Weil ich schon seit über 40 Jahren in Norwegen lebe, möchte ich gerne ein paar Bemerkungen zu deinen Betrachtungen machen :
    1. Ich bin Mormor(= Muttermutter oder Mutter von der Mutter) von Emilia, der Tochter meiner Tochter. Ich könnte auch Farmor (= Vatermutter oder Mutter des Vaters) sein, wenn mein Sohn schon Kinder hätte. Mein Mann möchte aber lieber Bestefar genannt werden und nicht Morfar (=Muttervater oder der Vater der Mutter). Schwierig ? Nur anfänglich.

    2. Ich habe damals tatsächlich viel Norwegisch durch das Fernsehen gelernt, habe klein angefangen mit Kinder- und Kochprogrammen und desgleichen. Unpersönlich, ja, aber die meisten Norweger reden sowieso lieber Englisch mit dir.

    3. Ich habe Jahre gebraucht, um mich an den braunen Geitost zu gewöhnen. ( Dieser so genannte Käse ist übrigens meistens kein Ziegenkäse, sondern wird aus der Molke von Kühen gemacht.) Um in Norwegen als „Eine von uns“ anerkannt zu werden (was ich gerne wollte), muss man versuchen den Brunost zu mögen, genau wie auch den Lutefisk.
    Meine Methode :
    Beim Verzehren eines Smörbröd med Brunost die Augen zumachen und an Karamellen denken. Und siehe da – war gar nicht so schlecht.

    Wenn man nur einige Jahre in Norwegen lebt, fallen einem vor Allem die Unterschiede von deutscher und norwegischer Lebensart auf. Vieles ist ja auch komisch, seltsam und befremdend. So nach und nach sieht man aber, wie doch sehr ähnlich sich Deutsche und Norweger sind. Aber, wie in anderen Ländern auch, es gibt ja immer Solche und Solche …

    Ich hoffe noch viel von deinen Erfahrungen lesen zu können. Bringt mich zum Schmunzeln und erinnert mich an meine frühe Zeit in diesem Lande.
    Liebe Grüsse, Thea

    • Liebe Thea, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, meinen Blog zu lesen und deine Erfahrung mit uns zu teilen! Über brunost müssen wir noch diskutieren, ich bekomme ihn einfach nicht herunter. Hast du wirklich lutefisk gegessen? Du brave Kriegerin!! Das hebe ich noch auf für später 🙂
      Willkommen im Blog,
      Ulrike

  4. Ja, das war mal wieder sehr amüsant zu lesen. Nur verstehe ich nicht, wieso du den brunost nicht magst. Ich liebe ihn! Vielleicht als kleiner Tipp: Probier mal eine Waffel mit brunost und Himbeer- oder Erdbeer-Marmelade. Meiner Meinung nach gibt es kaum was Besseres. Oder probier mal den Brotaufstrich „Prim“, das ist so zu sagen die streichbare Version des brunost. Solltest du allerdings Karamell-Geschmack nicht mögen, dann wirst du dich auch nicht an brunost gewöhnen können. Du wärst allerdings nicht die Einzige, die diesen speziellen Käse nicht mag. Ich kenne ne ganze Menge Leute, die ihn auch nicht mögen.

    Diesen lutefisk hab ich übrigens auch noch nie probiert. Weiß auch nicht, ob ich das jemals tun werde. 😀

  5. Die Sache mit den Großeltern finde ich sehr interessant und nützlich. Damit spart man sich umständliche Genitive. In Italien hingegen wird vereinheitlicht. Nicht bei Omas und Opas; aber sowohl Enkel/ Enkelinnen als auch Neffen/ Nichten sind nipoti/ nipote. Das ist irgendwie verwirrender als Großelternspezifikationen. … aber dann auch wieder nicht. Ist halt Familie. Da sind alle gleich.

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