10 Dinge, die Auswanderer erleben ODER Es ändern sich nicht nur die Orte….

In-der-Fremde

heise.de

Letzte Woche hatten wir gerade wieder eines dieser Gespräche: „Meinst du, wir bleiben in Norwegen?“ – „Naja, es gefällt uns doch ganz gut.“ –„Ja, stimmt.“ – „Obwohl….“ – „Ja?“ – „England ist ja auch toll…“ – „Hm. Oder Irland.“ – „Australien!“ – „USA!“. Es ist nämlich so: Fängt man einmal an, in der Weltgeschichte herumzureisen, kann man nicht mehr damit aufhören. Und das ist nur eines der Dinge, die passieren, wenn man im Ausland lebt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Seit 11 Jahren bin ich mittlerweile im Ausland und vieles im Denken und Tun hat sich in dieser Zeit verändert. Manches davon hatte ich erwartet, anderes hat mich überrascht. Heute also ein Versuch: Ich will die Dinge auflisten, die sich nach dem Umzug ins Ausland verändert haben. Für mich. Aber manche erkennen sich vielleicht wieder. Und da ich ein ehrlicher Mensch bin, bleibt auch nichts unerwähnt. „Brav!“, lobt mich mein Gewissen. Og nun, without further ado, voilà:

  1. Über den eigenen Schatten springen…

Es erfordert ein gewisses Selbstbewusstsein, immer neue Leute kennenzulernen. Oder das erste Mal die neue Sprache zu sprechen. In eine bestehende Gruppe „einzubrechen“. Sich mittags mit Kollegen an den Tisch zu setzen, obwohl sie dann automatisch die Sprache wechseln und man sich anfangs so doof vorkommt. Auch mal nachzufragen, wenn man sich unsicher ist. Das ist nicht immer einfach und auch wenn es Leute gibt, denen das nichts ausmacht – ich fand es sehr schwierig zu Beginn. Hatte ich mich aber überwunden und war über meinen Schatten gesprungen, fühlte ich mich stolz wie Bolle.

  1. Das Bekannte suchen…

In meiner Heimatstadt haben wir gerne die (falsch benannten) „Ausländerghettos“ kritisiert. „So integrieren die sich NIE!“ – „Immer für sich bleiben, was wollen sie dann überhaupt im Ausland?“ – Blablabla. Und da ist auch was dran. Ich wetze hier also nicht das Schwert zur Verteidigung von Ausländerzusammenrottungen. Aber ich verstehe sie jetzt besser. Ich kann noch so viele norwegische, kanadische oder franzözische Freunde haben, niemand ist mir in der Seele näher als eine andere Deutsche/ein anderer Deutscher. Sage ich „Herr Müller-Lüdenscheid!“ antwortet mir die Landsfrau: „Herr Dr. Klöbner!“ und wir enden im Chor: „Wenn Sie die Ente hereinlassen, lasse ich das Wasser heraus!“ Kollektive Kulturerinnerungen verbinden.

  1. Sich neu erfinden…

An einem fremden Ort kann man von vorne anfangen. Vielleicht nicht im Beruf, denn viele kommen ja aufgrund einer neuen Arbeitsstelle ins Ausland. Aber den Rest kann man eigentlich neu erfinden. Gerade für mich als „Mitreisende“ war und ist das immer eine Herausforderung. Aber auch eine wunderbare Chance.  Neue Länder bieten neue Möglichkeiten und geben neue Ideen. Dieser Blog entstand erst hier in Norwegen, dabei hätte ich ihn auch schon in Frankreich schreiben können. Aber da kam mir die Idee irgendwie nicht.

  1. Nostalgie

Distanz schafft manchmal verzerrte Bilder und Heimweh kann dazu führen, dass „in der Heimat doch alles besser war.“ Plötzlich vermisst man die Dinge, die früher selbstverständlich waren. Da wird ein „Hanuta“ im Café Liebling in Oslo wie ein lang verlorener Freund begrüßt, so groß ist die Freude, ein Stück Heimat zu sehen. Kehrt man aber zurück an den Heimatort, rückt sich das Bild zurecht.

  1. Überheblichkeit

„Toll, wo du schon überall gelebt hast!“ – „Wow, wie du das schaffst!“ – manchmal zollt man diesen Worten zu viel Aufmerksamkeit, zieht sie sich an wie ein paillettengeschmücktes Abendkleid und fühlt sich wie die Königin von Saba.  Mit kopfschüttelndem Bedauern blickt man auf die, die in der Heimat geblieben sind. Das ist eine ganz, ganz, ganz böse Seite der Weltbummlerei (und meines Charakters) und wird daher wie ein gefährliches Tier an der kurzen Kette gehalten. Raus darf die Bestie nur in Extremfällen. Denn seien wir mal ehrlich: Weggehen kann jeder, der Mut liegt im Bleiben.

  1. Nicht hier, nicht dort….

Egal, wie lange ich noch in Norwegen bleiben werde, ich werde immer die Ausländerin mit dem Akzent sein. Das kann anstrengend sein und weh tun. Komme ich dann zu Besuch nach Deutschland, wird es nicht besser: Hier gehöre ich auch nicht mehr hin. Auch wenn wir vermisst werden, geht das Leben in Deutschland seit 11 Jahren doch prima ohne uns weiter. Man hängt in der Luft. Ich gebe meinen Status gern als Europäerin an, andere sagen sie sind Weltbürger. Das hilft :).

  1. Sprachenwirrwarr

Ich, I, jeg, moi…vier Sprachen kämpfen um Aufmerksamkeit in meinem Kopf und führen zu Verwirrung. Deutsch und Englisch sind stark, Französisch und Norwegisch kämpfen um Platz 3. Für jedes neue norwegische Wort scheint ein französisches zu verschwinden. Ich bin schon zum Flohmarkt der französischen Schule gegangen, um mal wieder die Sprache der Grande Nation reden zu können und zu hören. Jede Sprache trägt mit sich so viele Erinnerungen und Bilder von verschiedenen Orten – ein bunter, mehrsprachiger Zirkus, der manchmal ausbricht. Ich mag die kurze Witzigkeit des Englischen, den Charme des Französischen, die geordnete Gedankenwelt und Sicherheit im Deutschen und die abenteuerliche Neuheit des Norwegischen.

  1. Überall Konten, Renten, Freunde

Mittlerweile besitzen wir Konten in Kanada, Schottland, Frankreich, Deutschland und Norwegen. (Nein, keines in der Schweiz.) Wir haben in allen diesen Ländern Rentenansprüche und –gelder gesammelt und das Beantragen von Rente wird wahrscheinlich einen Jahresurlaub in Anspruch nehmen. Außerdem haben wir aber auch Freunde und Bekannte in den vier Ländern, sogar noch in mehr als vier, denn manche unserer Freunde haben auch wieder das Land gewechselt. Das ist spannend. Leider sind sie (genauso wie unsere Familien) aber dadurch auch so weit weg und man sieht sich nicht (oder nicht oft). Das ist weniger spannend. Um den Kontakt nicht zu verlieren, sind unter anderem soziale Medien ideal und ich stimme ein erneutes „Hurra!“ auf Facebook an: „HURRAH!“

  1. Heute hier, morgen dort…

Immer neue Orte kennenzulernen, nicht nur im Urlaub, sondern dort richtig zu leben, finde ich klasse. So sehr ich meine Freunde, meine Aktivitäten und viele Plätze hier in Oslo gerade schätze, so sehr reizt es mich eben auch, wieder irgendwo neu anzufangen. Ein neues Land zu erforschen mit allen seinen Vor- und Nachteilen ist ein großer Luxus und Spaß. Und man wird besser, je häufiger man es tut. Allerdings freue ich mich auch auf den Moment, wo ich plötzlich an einem Ort stehe (gern auch sitze) und weiß: „Hier will ich bleiben.“

  1. Zuhause

„Aber willst du nicht seßhaft werden? Ein Zuhause aufbauen?“ Im Ausland zu leben, bedeutet auch häufig, in der Luft zu schweben. Nicht ganz da zu sein, nicht ganz dazugehören. Ein Zuhause habe ich aber nie vermisst, denn das ist dort, wo Martin ist. Und seit August: Wo Martin und Gesa sind.  Egal, wo uns der Weg noch hinführt, mein Zuhause ist immer dabei. *** So, meine lieben Leser, das war es schon für heute. Eine kleine, ganz persönliche Analyse, die in vielen Punkten bestimmt von der Geschichte anderer Auswanderer abweicht. In manchen aber auch zutreffen kann. Schildert doch Eure Erfahrungen – und für alle, die nicht auswandern wollen: Was würde Euch abhalten? Ich bin gespannt und freue mich auf Eure Kommentare. Uns allen wünsche ich eine tolle, lustige, leckere und sonnige Woche. Habt Spaß, wo immer auf der Welt Ihr auch seid. Ha det bra, 20150213_125213 Ulrike

Das (fast) glücklichste Land der Welt ODER Willst du glücklich sein im Leben….

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„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“ So steht es wahrscheinlich nicht nur in meinem Poesiealbum. Willst du glücklich sein im Leben – na, wer will das nicht? Nun ist das mit dem Glück aber so eine Sache, es ist schrecklich subjektiv und was für den einen Glück bedeutet, das hält der nächste für nicht erstrebenswert.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wiedersehen. Seht Ihr mich?? Ich bin die hier oben – im Schneesturm. Ja, es schneit immer noch. – Ich gewöhne mich langsam dran.

Aber zurück zum Thema. Der (über-)menschliche Drang, mit allen Mitteln glücklich zu werden, hat sich mittlerweile in ein rentables Megamillionengeschäft entwickelt: Unzählige Selbsthilfebücher mit vielversprechenden Titeln wie „Die Glückskatzen-Philosophie: Wink dem Glück und es winkt dir zurück“ oder „Wir sind alle kleine Funktürme – Ein Inspirationsprogramm“ füllen die Regale der Bücherläden. Lachyoga-Seminare und kostenpflichtige Bestellungen beim Universum versprechen Unmögliches. Glückberater bieten in Frauenmagazinen oder auf Selbsthilfe-CDs ihre Hilfe an. Glücksweisheiten gepaart mit Sonnenuntergängen verstopfen soziale Netzwerke wie Facebook.

@PetraLaschewski

@PetraLaschewski

Das Glück, scheint es, ist heute überall Thema. Neu ist die Idee, das eigene Glück zu finden, nicht. Schon der griechische Philosoph Aristoteles beschrieb, dass der Mensch durch eigenes Handeln zu seinem Glück beitragen kann und regte damit eine über 2500 Jahre dauernde Diskussion an. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 erklärt „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ (Leben, Freiheit und das Streben nach Glück) zu den Naturrechten des Menschen. 1972 ersetzte der bhutanische König Jigme Singye Wangchuck das Bruttoinlandsprodukt durch das Bruttonationalglück seiner Untertanen und verpflichtete sich zur nachhaltigen Weiterentwicklung des Königreiches. Und im Jahr 2012 legte das Earth Institute, eine Fachabteilung der New Yorker Columbia University, der UN den ersten World Happiness Report vor. Ziel: Festzustellen, in welchem Land die glücklichsten Menschen leben.

Nun ratet, welches Land 2012 gewonnen hat….

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Dänemark!

Und ratet, welches Land 2013 gewonnen hat….

Dänemark!

Und nun ratet, wer auf Platz 2 im Jahr 2013 lag??? Na, na, na…..

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NORWEGEN!!!!!!!!!!! Hipphipphurrah!

Ich lebe also in dem zweitglücklichsten Land der Welt. Das ist doch mal eine Aussage, das hebt die Stimmung, da fühlt man sich gut!

Wie aber haben die schlauen Menschen von der UN und dem Earth Institut das festgestellt? Ganz einfach: Sie haben zwei Fragen gestellt, die die Befragten auf einer Skala von 0 bis 10 beantworten sollten:

1. Wie glücklich sind Sie?

2. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben insgesamt?

Denn Glück, so die Forscher, kann zwei Bedeutungen haben: Als Gefühl („Ich bin gerade so glücklich, ich könnte immerzu jubeln!“) und als rationale Beurteilung („Mein Leben ist glücklich.“) Da Menschen dazu tendieren, die Bedeutungen zu verwechseln, entschieden sich die Forscher zu den beiden oben genannten Fragen und erstellten aus den Antworten eine globale Glücksliste. Hier die Top Ten von 2012 und 2013:

2012

1. Dänemark

2. Finnland

3. Norwegen

4. Niederlande

5. Kanada

6. Schweiz

7. Schweden

8. Neuseeland

9. Australien

10. Irland

2013

1. Dänemark

2. Norwegen

3. Schweiz

4. Niederlande

5. Schweden

6. Kanada

7. Finnland

8. Österreich

9. Island

10. Australien

(Quelle: World Happiness Report 2013)

Was aber macht die Bewohner eines Landes glücklich? Warum könnte Norwegen das zweitglücklichste Land der Welt sein? (Und wer jetzt ruft: „Es gibt viel Schnee!!!“ hat verloren…) Ich habe mal ein bisschen nachgedacht und bin für mich zu folgenden Antworten gekommen:

1. Umwelt, Landschaft

Norwegen hat sauberes Wasser, klare Luft und eine grandiose Natur direkt vor der Haustür. Wasser wird hier sorgenfrei aus dem Hahn getrunken und jetzt, wo das Recycling seinen Einzug gehalten hat, wird auch der Umweltschutz eine größere Rolle spielen. In der Natur zu sein gehört zu den wichtigen, positiven Erlebnissen in Norwegen. Draußen sein macht glücklich.

2. Finanzielle Sicherheit

Durch Öl reich geworden, liegen die monatlichen Einkommen in Norwegen heute mit ca. 30% über dem weltweiten Standard, so die OECD-Statistik. Jobs, besonders in staatlichen Unternehmen, sind fast unkündbar, drohende Arbeitslosigkeit ist keine alltägliche Sorge. Das Wiegen in finanzieller Sicherheit führt allerdings auch zu einer grandiosen Verschuldung norwegischer Haushalte. Was passiert, wenn das Öl zur Neige geht, steht in den Sternen. Der milliardenschwere Norwegische Ölfonds, seit Anfang Januar bei 611 Milliarden Euro, sorgt hier schon mal vor.

3. Positive Ausstrahlung

Die beiden oben genannten Punkte bewirken, dass Menschen in Norwegen grundsätzlich besser gelaunt sind und die positiven Seiten des Lebens genießen können. Außerdem lehnen Norweger langwierige, ausufernde Diskussionen und Rechthabereien ab. Jammern liegt ihnen fern und eine derartige Gesellschaft wirkt angenehm. (Keine Angst, es gibt auch schlechte Angewohnheiten, aber die interessieren gerade nicht.)

4. Offen für Familien

Kinder sind willkommen in Norwegen, fast schon eine gesellschaftliche Verpflichtung. Drei Kinder plus Eltern bilden in Norwegen die klassische Rama-Familie. Ihr Schutz und Wohlergehen steht weit oben in der Gesellschaftsordnung. Ein Land, das glückliche Kinder heranzieht, muss ein guter Platz zum Leben sein.

5. Toleranz

Hier ist nicht alles Gold, was glänzt. So offen Norweger auch in Fragen der Gleichberechtigung oder Homosexualität zu sein scheinen – ich bin mir nicht sicher, wie ehrlich das alles ist. Xenophobie ist anscheinend weit verbreitet, Traditionen werden hochgehalten, Nostalgie wird gefeiert und manchmal glaube ich, dass Norwegen besser von sich denkt, als es tatsächlich im Alltag ist. Aber wie gesagt: Ich bin unsicher.

6. Selbstliebe

Und das bringt mich zu einem weiteren Punkt der Kritik: Bewohner Norwegens tendieren dazu, ihr Land einfach super zu finden. Und viel besser als jedes andere Land auf der Welt ist es schon mal überhaupt. VIEL besser. VIEL bessere Menschen. VIEL bessere Natur. NATÜRLICH ist man hier glücklich. Ja, vielleicht. Aber lebt man in Norwegen wirklich glücklicher? Oder haben die Menschen in Norwegen einfach beschlossen, glücklich zu sein, weil es sich so besser leben lässt, unabhängig von den Problemen, die das Land trotz allem hat? Kann man Glück überhaupt messen? Nun ja, man kann es immerhin versuchen. Und vielleicht sagt es wirklich etwas über die einzelnen Länder und deren Bewohner aus. Aber im Endeffekt ist doch jeder seines eigenen Glückes Schmied, ob nun in Norwegen, Deutschland oder Togo.

Und das bringt mich zu meiner letzten Frage, diesmal an Euch: Auf welchem Platz, glaubt Ihr, liegt Deutschland? (Nicht nachgucken! Schätzen!) Und warum wohl?

„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“ Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Ich wünsche Euch eine glückliche Woche, beantwortet die Fragen vom Earth Institute und guckt, wie glücklich Ihr seid. Und wenn da etwas nicht stimmt: Dann geht los und macht jemanden anderen glücklich, denn das, so mein Poesiealbum, ist der einzig wahre Weg zum Glück!

Ha det bra,

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Ulrike

2013 – das Blog-Quiz ODER Wer hätte gern Post von mir?

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Noch knapp 36 Stunden, dann haben wir 2013 geschafft. Und? Wie bewertet Ihr das, nun schon fast alte, Jahr? Gut, schlecht, so lala? Hier im Blog war einiges los! Habt Ihr Lust Euch zu erinnern?

Die richtige Antwort lautet hier: „JAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“

Hallo, meine lieben Silvesterfeierbereiten Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Nicht nur ARD und Stern, auch mein Blog und ich schwingen uns also auf zum Jahresrückblick. Was haben wir nicht alles erlebt dieses Jahr! Manches allerdings auch nicht…Ja, ich WEISS, dass ich auf den Berg klettern sollte, aber der Sommer war so kurz und die Beine so schwer und der Weg so weit und überhaupt….2014 wird es aber passieren! Ganz sicher!!!!

Nun habe ich noch nie einen Jahresrückblick geschrieben und weiß irgendwie auch gar nicht, wie das gehen soll? Soll ich einfach die einzelnen Monate aufzählen? Hm…irgendwie öde…

UHHHHH, ich habs!

Wie wäre es, wenn wir ein Quiz machen?

SUPER, ich liebe Quizze.

Quizzes.

Quiz.

Also Ratespiele.

Ich stelle also einfach 12 Fragen und Ihr müsst die Antworten im Blog suchen. Also, Ihr MÜSST natürlich gar nichts, und falls Ihr Euch jetzt schon entscheidet, das Spiel fürchterlich blöd zu finden, dann wünsche ich Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr! Wir lesen uns am Freitag 🙂 Ha det bra!

Noch wer da?

AH, hallo, wie schön, für alle, die noch da sind, kommt jetzt also das Rätsel, ich nenne es auch zärtlich: der handlungsorientierte Jahresrückblick. Natürlich gibt es auch einen Preis: Die ersten drei Leser, die mir per email…PER EMAIL!!!! (Adresse siehe unten)….die 12 richtigen Antworten zuschicken, bekommen jeweils Post von mir! Ist das toll, oder wie??? Eine ganze Karte voller guter Wünsche für 2014 direkt per Post zu Euch nach Hause :).

(„Pff, beim letzten Wettbewerb gab‘s Schokolade….“ – aber Euer guter Vorsatz für 2014 ist bestimmt, weniger Süßes zu essen, also!)

Hier nun also das Neues-aus-Norwegen-Jahresrückblicks-Quiz 2013!!

TUUUUUUSCH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

1. Mit welcher Buslinie sind wir im Januar nach Røa zum Skilaufen gefahren?

2. In welcher Gegend liegt der Neubau des Astrup Fearnley Museums?

3. Was ist Japp?

4. In welcher Stadt wurden wir morgens von einem Bahnarbeiter und einer Schüssel Süßigkeiten begrüßt?

5. Womit überraschte mich mein Vermieter im Mai?

6. Welcher radikale Selbstversuch fand im Juni statt?

7. In welchem Osloer Pub lebt ein Don Juan – Geist?

8. Wo befindet sich das Fundbüro in Oslo?

9. Welchen Fluss sind meine Mutter und ich entlang gewandert?

10. Wie heißt die kleine Statue am Sandkasten im Ekebergpark?

11. Bei welcher Familie wäre ich seit einem Besuch im Friedensnobelpreiszentrum gerne zum Essen eingeladen?

12. Womit empörte Therese Johaug die Nation…naja, Teile davon :)?

Zwölf Monate, zwölf Fragen, da sind sie also und warten auf Eure Antworten. Wer ratlos davor sitzt und die Antworten aus unerfindlichen Gründen NICHT aus dem Kopf weiß, der oder die kann einfach rechts auf der Seite durch die einzelnen Monate klicken. Bis zum 9.1. könnt Ihr Eure Antworten per email an mich schicken (per Kommentar wäre unpraktisch, da könnte, wer wollte, die Antworten abschreiben :)….). Meine email-Adresse lautet ulrike_niemann@yahoo.no und ich freue mich auf Post von Euch!

Das war es also, das Jahr 2013. Beim Lesen der Artikel wird mir mal wieder bewusst, in was für einem schönen Flecken wir hier leben und wie viel es zu entdecken gibt. Für 2014 wünsche ich mir, dass das so weiter geht: Spannende Menschen und Orte treffen, kreative Ideen haben, tolerant bleiben (…werden?), endlich auf den Berg steigen und nach Tromsø fahren…und und und.

Vor allem aber: Weiter so zu schreiben, dass Ihr, meine wunderbaren Leser, Spaß an diesem Blog habt. Ich danke Euch von ganz tief drinnen fürs Lesen und Kommentieren, Lachen und Stirnrunzeln, fürs Neu-dazu-kommen und Bleiben. Ohne Euch würde mir der Blog keinen Spaß machen. Ihr seid toll, ach was, Ihr seid die allerbesten Blogleser weltweit. So.

Ich wünsche Euch allen einen guten und sicheren Rutsch in 2014 und ein glückliches, zufriedenes und wunderbares neues Jahr. Bleibt neugierig, mutig und immer voller Hoffnung.

Ha det bra,

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Ulrike

Gratulerer med dagen, Blog ODER Ein Jahr Neues aus Norwegen!

Hurra for deg som fyller ditt år

http://www.youtube.com/watch?v=nOW45XodiuE

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Meine lieben Leser, der Blog hat seinen ersten Geburtstag!

Es war am 13. 4. 2012, als in der Deichmanske Bibliothek, Filiale Majorstuen, runder Tisch neben der Reiseliteratur, der erste Artikel geschrieben wurde. Ich versprach in diesem Artikel:

«…ich will ihn (den Blog) ja füllen über die nächsten Monate, Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte! Erlebnisse, Gedanken, amüsante Anekdoten, überwältigende Einsichten, nobelpreisverdächtige Beobachtungen werden diese Seite füllen. Jawohl, das ist der Plan.»

Was habe ich Euch seitdem nicht alles erzählt: Fødselnummern, Grillen im Regen, Heimweh, 17. Mai.,  die norwegische Königsfamilie, erste Versuche im Skilanglauf, Wandern über Bygdøy, Grand Prix d’Eurovision, Erlebnisse im Heimatmuseum, Tücken von Baustellen, norwegischer Sprache oder Winter, und und und. Ich habe mich zur Wahl gestellt und Ihr habt mich auf den Berg geschickt, Ihr habt gedichtet und wir haben alle viel über Norwegen gelernt.  Die am meisten geteilte und angeklickte Geschichte und auch eines meiner Lieblingserlebnisse war übrigens das „Grünerlokka-Disaster“ mit dem teuflischen Käseproduzenten.

Aber was wären diese ganzen Geschichten, Erlebnisse, chaotischen Gedanken ohne Euch, meine wunderbaren Leser! Im allerersten Text habe ich Euch noch meine „Glorreichen Sieben“ genannt, da angeblich nicht mehr als sieben Leser einen Blog über längere Zeit begleiten. Aber Ihr seid viel mehr geworden und ich danke Euch allen von ganzem Herzen, ganz ohne Quatsch und Wortwitz, fürs Lesen, Kommentieren und Spaß haben! Ihr seid super! Danke an das Goethe-Institut in Oslo, das meinen Blog auf seiner Internetseite verlinkt hat und an alle fellow bloggers, die den Blog erwähnen! Danke auch für die „heimlichen“ Emails oder Nachrichten bei Facebook, wenn der Fehlerteufel sich mal wieder eingeschlichen hatte und an dieser Stelle ein superdickes DANKE an meine Mutter, die dem Blog über so manche Rechtschreibklippe geholfen hat (und immer noch hilft).

Es gab und gibt viel zu lernen. Aber wir sind ja auch erst ein Jahr alt.

Nur mal zum Vergleich: Ein Baby lernt beispielsweise im ersten Jahr Bewegungen mit den Augen zu folgen, mit den Händen zielgerichtet nach Gegenständen zu greifen, zu schreien, sich auf den Bauch zu rollen und – ein paar Wochen später – sich auch wieder zurückzurollen, auf allen Vieren zu kriechen. Und dann bekommt es die ersten Zähne, lernt, aufrecht zu sitzen, zu stehen, zu laufen, indem es sich zunächst z.B. am Tisch festhält; und schließlich lernt es auch, frei zu laufen. Das Baby ist mit all dem schwer beschäftigt. Und selbst beim Schlafen entwickelt es sich weiter: Die wichtigsten Wachstumshormone werden nachts im Schlaf freigesetzt. (Quelle: http://www.alles-ueber-kinder.net/baby.htm)

Ha! Das ist doch ein Ding! Das gilt für Blogschreiber auch!!! Passt auf:

Bewegungen mit den Augen folgen: Ich kann mittlerweile Blog schreiben und nebenbei beobachten, was so auf Facebook passiert oder parallel Fernsehen schauen. Dem Cursor folge ich mit den Augen über den Bildschirm, ohne noch groß beim Tippen azf dke Tadzen zu acjten. – Naja, ich übe noch!

Mit den Händen zielgerichtet nach Gegenständen greifen: Ohja! Tippen, Griff nach rechts zum Kaffee, tippen, Griff nach links zum Wörterbuch, tippen…Internet spinnt und alles stürzt ab…Griff nach vorne zum Hammer, um dem Computer zu drohen.

Schreien: Ja. Laut. Siehe Hammer im letzten Absatz.

Auf den Bauch rollen: Ja, manchmal vor Lachen, wenn mir meine Texte gut gefallen.

Auf allen Vieren kriechen: Nach stundenlangem Starren auf einen leeren Bildschirm manchmal der einzige Weg, sich fortzubewegen. Ansonsten vielleicht beim Versuch, sturzbetrunken einen Blog zu verfassen. Was wohl nie klappen würde. Ich finde dann den Computer bestimmt erst gar nicht. Oder das Büro.

Erste Zähne: Musste ich zeigen, als manche Kommentare ausuferten.

Aufrecht sitzen, laufen, stehen: Genau in dieser Reihenfolge. Erst sitze ich, nach 30 Minuten muss ich dann mal rumlaufen und im schlimmsten Fall den Text im Stehen zu Ende tippen. Ich muss mich allerdings nur selten am Tisch festhalten. Ab 40 kommen die ersten Macken. Was soll ich machen?

Frei laufen: Das macht der Blog manchmal. Ich setze mich mit einer ganz bestimmten Idee an den Schreibtisch und während ich schreibe, entsteht etwas völlig anderes. Dann übernimmt der Blog das Kommando und ich tippe einfach. Manchmal, wenn mir so gar nichts einfällt, nutze ich eine alte Übung aus dem Schreibworkshop: Für fünf Minuten schreibe ich ohne großes Nachdenken einfach alles, was mir in den Kopf kommt. Lasse meine Gedanken frei laufen. Ihr findet meine Artikel chaotisch? Dann solltet Ihr diese Ergüsse mal sehen!

Die wichtigsten Wachstumshormone werden nachts im Schlaf freigesetzt: Ohja! Seit ich diesen Blog schreibe, habe ich schon manche Nacht mit dem Schreibblock auf dem Sofa verbracht. Denn nachts kommen immer die besten Ideen. Ob ich nun über Kinderbibeltage nachdenke, das nächste Treffen der Theatergruppe plane oder Ideen für den Blog suche: mitten in der Nacht klappt das am besten. Da wächst eine Idee heran, da wächst manchmal ein ganzer Blog. Genau aus diesem Grund brauchen wir jetzt endlich ein bequemeres Sofa!

Der Blog und ich sind also erfolgreich im zweiten Lebensjahr angekommen und schon sehr gespannt, was nun auf uns zu kommt. Da wir heute Geburtstag haben, dürfen wir uns auch etwas wünschen: Immer gute (oder auch mal doofe, aber dann wenigstens lustige) Ideen für die nächsten 52 Freitage und immer viele gutgelaunte Leser , die sich darüber, im Idealfall, amüsieren! Weiter wünschen wir uns nichts und wollen auch keine Geschenke. Besonders auf das Senden von Geitost oder Brunost oder jeder anderen Art von Karamellkäse könnt Ihr gerne verzichten!!!!

Für die kommenden Monate kann ich Euch jetzt schon einen Artikel über die Bergbezwingung versprechen, denn bald geht die Wandersaison hier wieder los. Ich bin gespannt! Und ich werde mir noch weitere interaktive Dinge ausdenken, seid also bereit. Kommentiert weiterhin und falls Euch ein bestimmtes Thema interessiert, dann immer her damit, ich sehe, was ich tun kann.

Für heute war es das schon, meine lieben Leser, ich wünsche Euch eine tolle neue Woche, lasst es Euch gut gehen! Meine Grüße gehen an Catharina und Steffen, die morgen einen ganz wichtigen Termin im Rathaus haben und wir uns sehr freuen, dabei sein zu dürfen!

Ha det bra,

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Ulrike

Mein Reisetagebuch aus Trondheim oder Ich glaube, ich hab mich verliebt…

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Dreierbeziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Jaja, angeblich hatten Psychoanalyst Carl Jung und seine junge Patientin den halbherzigen Segen von Jungs Ehefrau Emma und angeblich lebte Autor Aldous Huxley fröhlich mit Ehefrau und Mätresse, aber diese rebellischen Ausnahmen von der bürgerlichen Norm bestätigen mich nur darin: Drei sind einer zu viel – und das stellt mich vor die entscheidende Frage: Oslo oder Trondheim?

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen und entschuldigt, dass ich mich Freitag,  an unserem Tag, nicht gemeldet habe. Ich saß laptoplos in Trondheim und habe meinen Tag mit Kaffee trinken, Museumsbesuch und Kino in meiner neuen Liebe verbracht.

Ja, denn ich muss gestehen: Ich habe mich verliebt.

In Trondheim.

Das ist besonders unangenehm, da ich ja Oslo im letzten Blog eine Liebeserklärung gemacht habe. Bin ich nun einfach eine verdammt untreue Seele? NEIN! Vielleicht lässt es sich so erklären: Oslo kenne ich viel besser und die Stadt ist mir natürlich viel näher als die Neueroberung, der Two-Nights-Stand, Trondheim. Ich muss mich auch nicht entscheiden zwischen den beiden, denn es sieht nicht danach aus, als würden wir nach Trondheim ziehen. Alles also gar nicht so schlimm. Nun habe ich meine moralischen Urban-Sünden gebeichtet, mir Luft gemacht und nun kann es losgehen mit meiner Beschreibung der letzten drei Tage!

Dienstag, 2. 4. 2013, 22 Uhr, Oslo

Es gibt schönere Orte als den Osloer Hauptbahnhof um 22 Uhr, aber mit Cheesebites und Kaffee lässt sich das Treiben entspannt beobachten. Der Nachtzug Richtung Trondheim steht schon eine Stunde vor Abfahrt bereit, Hallelujah, und hinein da. Mir steht eine schlaflose Nacht bevor, aber nur halb so schlimm, es hat einen besonderen Reiz in frisch gestärkter Bettwäsche auf einem gemütlichen Etagenbett durch die Nacht zu ruckeln.  Und die Gedanken ruckeln gleich mit…

Ich reise gern. Nur  für ein paar Tage an einem Ort zu sein und ihn dann auf meine Art und Weise zu entdecken. Niemanden zu kennen, aber sich Orte zu schaffen, die langsam bekannt werden. Überall etwas Besonderes zu suchen und zu finden. Ganz viel will ich in die kommenden Tage stecken und bin jetzt schon hibbelig mir einen Stadtplan mit den Highlights bei der Touristeninformation zu holen. Abends werden dann die besichtigten Höhepunkte der Stadt abgehakt. Doch, wirklich, ich mache das. Da gibt es nicht zu rütteln. Es ist stärker als ich.

Ruckel, ruckel…Ich liebe es, unterwegs zu sein. Diese Stimmung auf der Fahrt, weg vom Alltag und seinen alltäglichen Problemen und Gedanken, aber noch nicht ganz da am neuen Ort. Irgendwie dazwischen. Und nirgends. Ruckel ruckel ruckel….Norwegen zieht an mir vorbei. Noch vier Stunden Fahrt. An Schlaf ist leider wirklich nicht zu denken, also lese ich, passend im Titel, Hape Kerkelings  „Ich bin dann mal weg“.

Mittwoch, 3. 4. 2013, 6.50 Uhr, Trondheim

Ich muss mir endlich wieder eine Brille anschaffen! Meine Augen taten heute Morgen, als wären ihnen Kontaktlinsen völlig unbekannt und so stehe ich mit knallroten Heulaugen auf dem Bahnsteig. Mein Elend wird von gutgelaunten Bauarbeitern gelindert, die, mit Körben voller Süßigkeiten bewaffnet, uns Neuankömmlinge begrüßen. Das ist ein Empfangskomitee nach meinem Geschmack.

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Noch habe ich keinen Blick für die Stadt, das Meer oder die schneebedeckten Hügel. Ich will ins Hotel und schlafen. Das Clariton Bakeriet ist unser temporäres Zuhause. In der umgebauten Bäckerei werden wir freundlich begrüßt und zu meinem großen Jubel ist tatsächlich schon ein Zimmer bereit. Ich sah mich schon bis um 12h heimatlos in Trondheim sitzen, aber nein, Zimmer 500…here we come! Nach einem erholsamen Schlaf bin ich bereit, die Stadt zu entdecken. Noch planlos ziehe ich in den sonnigen Vormittag, vorbei an flachdachigen, bunten Holzhäusern auf der Suche nach einem Café, denn ohne Kaffee läuft nichts. Meine Füße schon gar nicht. An einer Straßenkreuzung finde ich, was ich suche: Das Café Dromedar. Das über die nächsten Tage mein zweites Zuhause wird. Mein Fensterplatz erlaubt freie Sicht auf das Treiben der Stadt und ich frage mich, warum ich das hier jetzt schon so nett finde. Ich meine, mal ehrlich:  Ich gucke auf ein Rema 1000, den norwegischen Aldimarkt, eine Bushaltestelle und das imposante Gebäude der Danske Bank. Gaaanz toll, Ulrike, wirklich! Manchmal habe ich sie irgendwie nicht alle. Ich bestelle lieber noch einen Kaffee bei der Angestellten mit dem Dromedar-Tattoo am rechten Handgelenk. Ob die Angestellten hier gebrandmarkt werden nach Unterzeichnung des Arbeitsvertrages? Ich gebe mal vorsichtshalber ein großzügiges Trinkgeld und hoffe, die Ausbeutung der Arbeitskräfte zu stoppen. Obwohl sie eigentlich ganz fröhlich wirken.

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Jetzt aber, los! Wo ist die Touristeninformation? Ein Schild führt mich Richtung Torget, zum Markt. Hört sich vielversprechend an. Wie ein Trüffelschwein auf heißer Spur wandere ich los. Der Marktplatz ist unspektakulär, eingerahmt von Einkaufszentren, gelben Holzhäusern und….AHA, dort an der Ecke in einem orangen Haus…die Touristeninformation. 1:0 fürs Trüffelschwein! Beim Fotografieren der imposanten Statue auf dem Platz werfe ich einen ersten Blick auf die Kathedrale. Wie die genau heißt und wer das auf der Statue ist, weiß ich noch nicht, aber gleich bin ich schlauer. Voller Wissensdurst stürme ich die Touristeninformation.

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Das auf der Statue ist Olav Tryggvason, Wikingerkönig und Gründer Trondheims 997 n. Chr.  Lese ich kurze Zeit später und hake Nummer 18 in meiner neuen Broschüre ab.  Die Nidaros-Kathedrale verschiebe ich wegen der kurzen Winteröffnungszeiten auf den nächsten Tag. Bei einem zweiten Kaffee in einer charmanten Außenstelle des Dromedars in der Nordre Gate plane ich den heutigen Tag. Trondheim ist die ehemalige norwegische Hauptstadt, lese ich im Stadtführer, und bietet mehr als 1000 Jahre Geschichte. Sie ist die drittgrößte Stadt Norwegens mit knapp 180.000 Einwohnern und liegt im Bezirk Sør-Trøndelag an der Mündung des Nidelven, des Nid-Flusses. Trondheim ist Universitätsstadt und der Großteil der 30000 Studenten ist an der Technischen Universität Trondheim, der NTNU, eingeschrieben. Die umgebenden Wälder, der Trondheimfjord und der Nidelven, der die Stadt umfließt, geben der Stadt „a unique flavour of metropolitan life and undisturbed nature.“

Metropole und Wildernis  vereint? Ich bin gespannt.

Auf meinen Plan für heute kommt die Altstadt oder Bakklandet und Svartlamon, eine Ökostadt im Aufbau. Keine Ahnung was das bedeutet, hört sich aber irgendwie spannend an. Los geht es! Zu Fuß, das Wetter ist gut und ich laufe gern. Ein Blick auf meinen noch jungfräulichen Stadtplan weist mich nach Osten und ich wandere los. Nun bin ich nicht gerade für meinen Orientierungssinn berühmt. Nach 30 Minuten bemerke ich also erst, dass ich seit etwa 20 davon in die falsche Richtung wandere. Unter einer ökologischen Teststadt konnte ich mir zwar nichts vorstellen, aber ich bezweifele, dass Dönerbuden und Expressreinigungen, Videoshops und Sonnenstudios dazugehören.

AHA! Fehler gefunden, ich hätte an dieser Kreuzung hier…nee hier… nee Quatsch hier…also irgendwie bin ich falsch. Egal, wenigstens habe ich so den Stadtteil Buran auch kennengelernt, weiß, wo der Bus zum Flughafen abfährt, mache ein Foto von der Lademoen Kirche und gehe zurück. Bald stehe ich vor einer gigantischen Baustelle. Auf der anderen Seite soll die ökologische Siedlung auf mich warten, die mir langsam auf die Nerven geht.  Ökologisch hin oder her, ich habe jetzt keinen Bock mehr und überhaupt, wie doof ist das, meinen ersten Tag auf Baustellen und in unspektukalären Vororten zu verbringen. Ökostadt ade! Altstadt, ich komme.

Weise Entscheidung, denke ich wenige Kilometer weiter, als ich von gemütlichen Holzhäusern umrahmt einen ersten Blick auf die Kathedrale werfe.Im dritten „Dromedar“-Kaffee in Nedre Bakklandet  spendiere ich mir zur Belohnung wenigstens die Altstadt gefunden zu haben, einen weiteren Kaffee.

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Dann begebe ich mich auf die Suche nach einem DER Highlights der Stadt: Sykkelheis.

Nun lasse ich Euch einen Moment rätseln.

Allen Hildesheimern sage ich: Den sollten sie am Krehlaberg bauen!!

Hier noch ein Tipp:

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Ein Fahrradfahrstuhl, ja!

Genau habe ich das System nicht verstanden und leider konnte ich auch keinen Radfahrer auftreiben, der unbedingt diesen Berg hochwollte. Eine Schiene scheint Reifen und Fahrer den Berg hochzuschieben, wie man dabei allerdings die Balance halten soll, ist mir schleierhaft.  Lustig ist es auf alle Fälle. Der guten Aussicht wegen wanderte ich den Berg hinauf und sah, völlig aus der Puste, die Festung von Trondheim zum Greifen nah. Die stand zwar für heute gar nicht auf meinem Programm, aber wenn sie sich so aufdrängt…

Kurze Zeit später stehe ich bis zu den Knöcheln im Schlamm. Authentizität ist wichtig, scheint das Motto der Festung zu sein und vor 1000 Jahren gab’s ja schließlich auch keine Asphaltwege, oder?? Also, durch da und nicht gemeckert. Meine linke Socke ist schon mal nass. Das winterliche Tauwetter tut dem steilen Weg nicht wirklich gut und ich wandere über faulendes Gras und Schlamm dem Eingang entgegen. Immerhin ist die Besichtigung kostenlos. Will ich auch hoffen, ich habe immerhin schon ein Paar Socken geopfert. Die Aussicht von hier oben ist wunderbar und ich beschließe auf jeden Fall im Sommer wieder zu kommen, die Menge von Bäumen und Parks muss aus Trondheim ein grünes Meer machen.

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In der Nähe bewundert eine Familie den weißen Festungsbau. Deutsche, das erkenne ich sofort, von Kopf bis Fuss in Jack Wolfskin gekleidet. Die Deutschen und ihre Liebe zur Wolfs-Tatze ist ein in Europa einmaliges Phänomen. (Update vom 3. 10. 2013: Und fällt auch in Schweden auf. Seht hier!) Gut, die Franzosen mögen Quechua und die Skandinavier Fjällräven. Aber wie sich selbst die wanderfaulsten Deutschen von Kopf bis Fuß in Outdoor-Kleidung stürzen, sobald sie einen Sonntagsspaziergang im Stadtpark unternehmen, das ist einmalig. Und wiedererkennbar. Als ich noch leise in mich hineinlache, höre ich auf plötzlich auf Deutsch: „Entschuldigung, wissen Sie, ob das Kaffee heute noch öffnet?“ Erstaunt blicke ich den Jack-Wolfskin-Vater an und sage: „Nein, das weiß ich leider nicht.“ Als er sich dankend verabschieden will, frage ich: „Wie kommen Sie darauf, dass ich Deutsch spreche?“ Lächelnd antwortet er: „Wegen Ihrer Handtasche. Jack Wolfskin tragen irgendwie nur Deutsche.“

Zack!

Zurück im Hotel versorge ich mich mit trockenen Socken. Den Abend habe ich für mich und beschließe ins Kino zu gehen. „Les Misèrables“ läuft im Nova-Kino, den wollte ich schon seit Ewigkeiten sehen. Ich liebe die Musik, habe das Musical in London gesehen und halte das Duo Boublil/Schönberg für so viel besser als Webber/Rice. Hugh Jackman und Anne Hathaway sehe ich beide gerne, wer sonst mitspielt, weiß ich gar nicht so genau, ich lasse mich überraschen. Das wird schön! Nach 10 Minuten Film muss ich sagen: Nein, das wird es nicht. Hugh Jackman spielt sich die Seele aus dem Leib, singt dabei aber noch ganz verständlich, auch wenn das Rotzen teilweise etwas stört. Mit dieser Darstellung erinnert er mich eher an Wolverine, dessen Adamantium langsam und schmerzhaft schmilzt, als an Jean Valjean. Anne Hatheway treibt mich zu Tränen und bekam ihren Oscar anscheinend auch für ihren Mut derartig roh in die Kamera zu singen. Mir standen die Haare zu Berge, wow. Und dann kam die Überraschung des Abends, der Schreck aus down under, der Gladiator der Nicht-Sänger: Russell Crowe als Javert. Ich muss das nochmal schreiben: Russell Crowe als Javert. Er tut mir fast leid.

Ich kämpfe mich durch den Film, heule am Ende dann doch und nur die urplötzlich reinknallende Saalbeleuchtung erlöst mich aus diesem Alptraum. Ich wackele zurück ins Hotel und Martin und ich lassen den Tag gemeinsam ausklingen. Gute Nacht, Trondheim!

Donnerstag, 4. April 2013, Trondheim

Das Frühstück ist köstlich. In der alten Backstube ist der Speisesaal des Hotels untergebracht, alles ist lichtdurchflutet und freundlich. Trondheim zeigt sich auch in bester Laune, die Sonne strahlt. Ich habe mich von Les Misèrables erholt und freue mich auf die Kathedrale. Martin ist begeistert von seinem Workshop und beschreibt den wunderbaren Ausblick vom Statoil-Büro direkt auf den Trondheim-Fjord. Er schlägt mir vor, das Rockheim-Museum zu besuchen, aber mir ist heute eher nach Geschichte. Wir verabreden uns für abends im Hotel. Gestern habe ich überlegt, ob ich immerzu unterwegs sein könnte. Ja, unter einer Bedingung: Martin wäre dabei.

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Speisesaal im Clariton Bakeriet /nordicchoicehotels.no

An der Wetterfront gab es eine Überraschung – aus dem strahlenden Sonnenschein ist dicker Schneefall geworden. Ich gehe zurück aufs Zimmer, um doch die Winterstiefel anzuziehen. Kurze Zeit später stehe ich im strahlenden Sonnenschein, ohne Schnee, auf der Straße. Es ist April, aber so richtig. Egal, lasse ich die dicken Botten eben an. Mein erster Weg führt mich direkt ins Dromedar und als ich an meinem Stammplatz am Fenster sitze, passiert etwas Merkwürdiges: Ich habe das Gefühl, ich wäre schon ewig hier in Trondheim. Alles wirkt vertraut und, ja , ein bisschen wie Zuhause. Verrückt, ich bin doch erst einen Tag hier. Die Stadt erinnert mich in ihrem Aufbau und ihrer Größe, der Lage am Wasser mit den schneebedeckten Hügeln dahinter ein bisschen an Victoria in Kanada. Vielleicht deshalb das heimelige Gefühl.  Trondheim hat definitiv etwas, das mich anspricht. Mehr als Oslo, mehr als Stavanger. Hier passe ich irgendwie hin.

Nun aber Kultur. Auf zur Kathedrale!

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Die Kathedrale und ihre Winteröffnungszeiten warten auf mich. Ambitioniert kaufe ich gleich ein Kombiticket, um die Kathedrale, den Erzbischofspalast und die Kronjuwelen in einem Rutsch abzuarbeiten. Die Kathedrale liegt auf dem Südteil der Midtbyen-Halbinsel, gegenüber der Altstadt. Im Mittelalter und von 1818 bis 1906 war sie die Krönungsstätte norwegischer Könige. Danach wurde die Krönung als veraltet abgetan und der entsprechende Paragraph aus dem norwegischen Grundgesetz gestrichen. König Olav V., Vater des jetzigen Königs Harald, nahm die Tradition der Segnung in der Kathedrale von Trondheim 1958 wieder auf. Auch König Harald und Königin Sonja ließen sich auf eigenen Wunsch 1993 in Trondheim segnen. Die Kathedrale ist beeindruckend, aber anscheinend bin ich heute nicht in Stimmung für dunkle Gebäude und graue Steinwände. Nach einer Runde bin ich wieder draußen. Es schneit dicke Flocken und ich rette mich in das Museum des Erzbischofspalastes. Hier sind Originalteile der Kathedrale zu bewundern und der Ausbau der Kathedrale wird anschaulich dargestellt. Nächster Stop: Kronjuwelen.

Ich weiß ja nicht, ob Ihr es schon wusstet, aber ich liiiiiiebe Königshäuser und den damit verbundenen Pomp und Klatsch. Nun also vor den norwegischen Regalien zu stehen, ist aufregend für mich.

Ja, ja, ich weiß, ich hake ja auch Sehenswürdigkeiten in Stadtführern ab.

Die Herrschaftszeichen Norwegens bestehen aus drei Kronen (für König, Königin und Kronprinz), zwei Zeptern und Reichsäpfeln, dem Reichsschwert und dem Salbungshorn. Fotos darf ich nicht machen, aber die wären in der schummerig beleuchteten Museumshöhle wohl eh nichts geworden. Die Kronen sind wunderschön, die Königskrone mit Amethysten, einem Topas und vielen Perlen verziert. Die Krone der Königin ist kleiner und mit 1578 Perlen verziert.

Ich habe nachgezählt, na klar!

Mein Abschied vom Museum fällt schwer – draußen tobt ein mittlerer Schneesturm.

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Aber das Museum schließt in 30 Minuten, also raus in den Schnee. Nach wenigen Minuten kehrt die Sonne zurück und ich wandere beschwingt weiter durch die Stadt. Richtig erkunden kann man einen neuen Ort wirklich nur zu Fuß. Nur so ist man richtig spontan. Ich wandere am Rathaus vorbei, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schloss in Oslo hat und stoppe kurz bei der Go’dagen-Statue am Marktplatz. Meinem Stadtführer zufolge stand eine Frau Modell, die nach Trondheim kam, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nachdem sie in Ruhestand war, verbrachte sie ihre Tage gern am Marktplatz und begrüßte alle, die an ihr vorbei kamen, mit einem freundlichen „God dag!“ Den Namen der Frau konnte mir niemand sagen. Ich nenne sie also Fru Ella, weil mir das gut gefällt. Trondheim hat sich mittlerweile in einen schneebedeckten Traum verwandelt und ich beschließe ein bisschen wandern zu gehen. Es soll einen wunderschönen Spazierweg im Stadtteil Ila geben, also springe ich spontan in einen Bus und lasse mich überraschen.

In Ila schneit es so dicke Flocken, dass ich den Fluß, an dem der Wanderweg entlangläuft, gar nicht erkennen kann. Aber ich höre ihn neben mir gluckern und stapfe durch die Winterpracht. Die Leute müssen denken, ich habe einen an der Waffel. Aber ich hatte ein Bild mit einer Holzbrücke in einem Park gesehen und die will ich jetzt finden.

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Ein wirklich toller Weg, der im Sommer eine wahre Freude sein muss, ebenso wie der Park in Ila. Eine Gruppe von Vorschülern und ich haben auf jeden Fall viel Spaß am Schnee und beim Rutschen auf der eisglatten Treppe. Oben angekommen habe ich, vermutlich, einen tollen Ausblick auf den Fjord, leider sehe ich außer tanzenden Schneeflocken gar nichts. Ich rutsche vorsichtig die bergige Straße herunter und werde von einem Jogger überholt, der sich sicher auf dem rutschigen Untergrund bewegt.

Angeber!

Für heute ist es genug. Zurück geht es ins Hotel, wo erst selbstgemachte Waffeln und dann ein leckeres Abendbüffet warten. Alles im Preis inbegriffen. Tolles Hotel, ich sag es ja. Morgen plane ich das Trondheim Museum, die Hurtigruten und einen kleinen Shoppingtrip mit Martin ein. Abends gehen wir ins Kino und essen. Um 23 Uhr geht unser Zug nach Oslo. Für heute: Gute Nacht, Trondheim!

Freitag, 5.4. 2013, immer noch Trondheim

Happy Birthday Britta!! Ich schicke schon mal telepathische Geburtstagsgrüße an meine liebe Freundin nach Hildesheim. Geburtstagswetter herrscht auch: Sonne pur!! Fast verwerfe ich den Museumsplan, denn das Wetter lockt mehr zum Wandern. Nach einem obligatorischen Kaffee im Dromedar, führt mich der Weg aber zum Hafen. Die Hurtigrute, das kultige Postschiff, das die norwegische Küste entlangfährt, legt um 12 Uhr von Trondheim ab. Da muss ich doch ein Foto machen. Die Hafengegend um Brattøra ist eine große Baustelle, die Ausschilderungen kompliziert, aber irgendwann stehe ich vor dem rotweißen Postschiff mit dem Namen Kong Harald. Seit 1893 verbindet die traditionelle Postschifflinie auf über 2700 Kilometern die Orte an der norwegischen Westküste. Längst sind die alten Postschiffe zur Touristenattraktion geworden und befördern nun neben Post und Waren auch Passagiere. Ich sitze im strahlenden Sonnenschein auf dicken Felsen am Strand und genieße die Aussicht und winke der Kong Harald bei der Abfahrt zu.

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Ein älterer Herr steht samt Fahrrad am Kai und winkt ebenfalls dem Schiff nach, als es gemächlich den Hafen verlässt. Jeden Tag tue er das schon, erzählt er mir. Man brauche eben Rituale und das hier wäre seins. Einmal hätte er die Reise gemacht auf der Hurtigrute gen Norden und wüsste, wie viel Schönes die Passagiere sehen werden. Damit radelt er davon und lässt mich mit meinem Fernweh allein. Ich will auch sofort auf das Schiff!!!

Stattdessen wandere ich ins Trondheim Kunstmuseum. Der untere Teil des wird gerade für eine neue Ausstellung vorbereitet, für den halben Preis komme ich also in den Genuss der zweiten Etage, wo gerade Werke der deutschen Künstlerin Mariele Neudecker ausgestellt werden. Der Ausstellungsraum begrüßt mich mit einem Lichterspiel, das den ganzen Raum erstrahlen lässt. Die Kunstwerke sprechen mich an, sind teilweise amüsant, anrührend, verwirrend. Das Konzept der Ausstellung ist klar und verständlich,  besonders gefällt mir das Nebeneinander von Alter und Moderner Kunst. Um das Finden von Gemeinsamkeiten gehe es dem Museum, informieren mich die Schilder zu den Themen „Macht“, „Landschaft“ und „Auge“.

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Mariele Neudecker 400 Thousand Generations

Ich treffe den Kurator Pontus Kyander im Treppenhaus und er entschuldigt sich für die Umbauten. Ich erkenne ihn wieder aus meiner Touristen-Abhak‘-Broschüre, er ist wie ich ein großer Dromedar-Kaffeehaus- Fan. Das erwähne ich natürlich nicht, sondern bedanke mich für die interessante Ausstellung und verspreche wieder zu kommen.

Dass ich nach Trondheim zurückkomme, steht außer Frage. Ich will diese Stadt, die mir so ungewöhnlich vertraut ist, unbedingt im Sommer erleben.  Ich will die Mönchsinsel besuchen und das St.Olafs-Festival, will die Kathedrale inmitten blühender Bäume sehen und in der Altstadt einen Kaffee vor dem Dromedar trinken. Martin teilt meine Meinung glücklicherweise und wir planen abends beim Inder unseren Sommerbesuch. Vielleicht auch einen Frühlingsbesuch. Und einen Herbstbesuch natürlich. Für jetzt aber heißt es nach drei Tagen aber leider: Tschüß, Trondheim! Bis ganz bald!

Als ich einige Stunden später im Schlafwagen schlaflos durch die Nacht ruckele, mag ich mein Leben mal wieder so richtig: Viel unterwegs sein, immer neue Dinge entdecken, das Ganze mit Martin zu teilen und hinterher darüber schreiben und es mit Euch teilen zu können. Und Oslo erklären, dass sie nun eine Nebenbuhlerin hat, das schaffe ich auch noch. Vielleicht haben Dreierbeziehungen ja doch einen guten Ausgang.

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Das war es für heute, meine lieben Leser. Ein langer Blog ist es geworden, ich hoffe, Ihr habt es bis hierhin geschafft! Solltet Ihr nach Norwegen kommen, besucht Trondheim auf alle Fälle! Ich bleibe nun ein paar Wochen in Oslo, bevor wahrscheinlich im Mai die Fähre nach Deutschland für einen kurzen Trip ablegt. Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lass es Euch gut gehen und habt einfach mal Spaß!

Meine Grüße gehen in dieser Woche an Imke und Kai in Hannover, ich drücke Euch und hoffe, dass ich Euch ein wenig zum Lachen gebracht habe.

Ha det,

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Fru Ella und ich

Ulrike

Janteloven, das moralische Gesetz in Norwegen ODER Willkommen bei den Borgs?

„Petter Nordhug: Ich scheiße auf Janteloven!“ titelte das Online-Magazin abc nyheter Ende Januar.  Zwar hat die Kreativität der Journalisten viel zu diesem angeblichen Zitat des norwegischen Skiläufers beigetragen. Aber vielleicht ist doch etwas Wahres dran? Vielleicht? Das wäre ja unerhört! Ein Norweger, der das moralische Grundgesetz der Nation verachtet! Skandal!

Willkommen meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich bin nicht so ganz auf dem Damm (danke an die- oder denjenigen, dessen Viren sich in gerade munter in meinem System tummeln) und werde mich etwas kürzer fassen. Aber wie sagt man hier in Norwegen so schön: Kortfattethet er sjelen av vidd.

In der Kürze liegt die Würze.

Zurück also zu Petter und seiner fäkalen Aussage zu Janteloven, den Zehn Geboten Skandinaviens, die aber meist als Einheit betrachtet werden und im Grunde nichts anderes sagen als:

Denk bloß nicht, du bist was Besonderes.

Na, das sitzt erstmal.

In unserer ruhm-geilen Welt voller DSDS, Youtube und facebook scheint eine derartige Aussage völlig fehl am Platz. Gerade das Gegenteil ist uns wichtig: Wir SIND was Besonderes. Wir überbieten uns mit abenteuerlichen Geschichten, erlebten oder erfundenen Krankheiten, Lobtiraden vom Chef/Kollegen/Kunden, neu gekauften Autos oder smartphones, ja sogar mit Hilfeleistungen oder verteilten Freundlichkeiten versuchen wir zu konkurrieren.

Denk bloß nicht, du bist was Besonderes.

Wer gerade zustimmend nickt, sollte nochmal kurz und scharf nachdenken.

Nur vorsichtshalber.

ICH kann von MIR nur sagen:

Natürlich halte ich mich für etwas Besonderes. Hallo???? Was denn sonst?

Anscheinend bin ich dafür im falschen Land.

Vielleicht sollte ich in die USA auswandern?

Nun mal halt, ganz langsam. Bevor ich anfange, die Koffer zu packen, sollten wir uns Janteloven genauer angucken.

Das vom dänischen Schriftsteller Aksel Sandemose 1933 beschriebene Moralkonzept besteht aus zehn Geboten. Here they are:

  1. Du skal ikke troe at du er noe. – Glaube nicht, dass du etwas bist.
  2. Du skal ikke tro at du er like så meget som oss.- Glaube nicht, dass du so bist wie wir.
  3. Du skal ikke tro du er klokere enn oss.- Glaube nicht, dass du klüger bist als wir.
  4. Du skal ikke innbille deg du er bedre enn oss. – Bilde dir nicht ein, dass du besser bist als wir.
  5. Du skal ikke tro du vet mere enn oss.- Glaube nicht, dass du mehr weißt als wir.
  6. Du skal ikke tro du er mere enn oss.- Glaube nicht, dass du wichtiger bist als wir.
  7. Du skal ikke tro at du duger til noe.- Glaube nicht, dass du irgendetwas gut kannst.
  8. Du skal ikke le av oss. – Lach nicht über uns.
  9. Du skal ikke tro at noen bryr seg om deg.- Glaube nicht, dass sich irgendwer um dich sorgt.
  10. Du skal ikke tro at du kan lære oss noe. – Glaube nicht, dass du uns etwas lehren kannst.

So, das lassen wir erst mal sacken. Hurra auf das WIR! Es lebe das WIR! Ich fühle mich an die Borgs aus Star Trek erinnert. An die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking.  Mal ehrlich: Im ersten Moment hört sich das alles sehr entmutigend an. Das Janteloven fordert eine permanente Selbstkritik von mir; es unterbindet Originalität und Aus-der-Reihe-tanzen.  Es zerhackt meine Selbstachtung wie ein norwegischer Bauer sein Holz im Winter.

Auf der anderen Seite fördert es Gleichheit und Fairness. Es macht die Gesellschaft zum Zentrum, zur wichtigsten Einheit. Es behauptet, dass jeder seinen Teil tun muss, damit das Ganze funktioniert. Aber sich darauf dann nichts einbilden soll. Nicht ohne Grund sind die skandinavischen Länder Vorreiter in der Gleichberechtigung der Geschlechter. Und mancher leistungs- und profilorientierten Gesellschaft könnte ein Schuss Janteloven gut tun.

Konformität gegen Originalität. Vielleicht war das Jantelov in seiner Entstehungszeit ein Mittel zum Überleben. Wie anders sollte eine kleine Gemeinschaft funktionieren, als dass jedes Mitglied den gleichen Regeln folgte? Früher war die Familie oder das Dorf die Garantie um zu überleben.

Ich bin verwirrt.

Und irgendwie passt es auch nicht zu dem, was ich hier tagtäglich um mich herum erlebe. Hier wird geprotzt mit neuen Autos, Rädern, smartphones, dem allgemeinen Reichtum des Landes. Das nervt mittlerweile selbst die skandinavischen Nachbarn. Es wird gewetteifert im Sport und im alltäglichen Leben. Im Fernsehen laufen US-Serien, die dem Jantelov höhnisch ins Gesicht lachen. Aber vielleicht sitzt es trotzallem ganz tief drin in den Norwegern und allen, die hier länger leben.

Wer weiß, vielleicht ist es ja auch schon in mir drin??

Obwohl, nein, ich scheine mit dem Anti-Jantelov übereinzustimmen, das da lautet:

  1. Du er enestående. – Du bist einzigartig.
  2. Du er mere verdt enn noen kan måle. – Du bist mehr wert, als andere messen können.
  3. Du kan noe som er spesielt for deg. – Du kannst etwas Besonderes.
  4. Du har noe å gi andre.- Du hast anderen etwas zu geben.
  5. Du har gjort noe du kan være stolt av.- Du hast etwas gemacht, auf das du stolz sein kannst.
  6. Du har store ubrukte ressurser. – Du hast große, ungenutzte Reserven in dir.
  7. Du duger til noe. – Du bist zu etwas nutze.
  8. Du kan godta andre. – Du kannst andere akzeptieren.
  9. Du har evner til å forstå og lære av andre. – Du hast die Fähigkeit, andere zu verstehen und von ihnen zu lernen.
  10. Det er noen som er glad i deg. – Es gibt jemanden, der dich liebt.

Vielleicht ist eine Mischung beider „Gesetze“ die Lösung!

Was denkt Ihr?

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Gruppen erstaunt guckenden Leser. Ja, irgendwie haben die Viren den Blog heute etwas seriöser gemacht.

Tut mir ja jetzt leid.

Nächste Woche geht’s hier wieder lustiger zur Sache!! Jawoll. Dann war ich nämlich im Astrup Fearnley Museum für Moderne Kunst und bin durch eine aufgesägte Kuh gegangen. Das hört sich doch nach Spaß an.

Nun gehen die Viren und ich aber erst mal wieder aufs Sofa.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, überprüft mal Eure Moral, lasst Euch nicht unterkriegen aber fliegt auch nicht zu hoch und vergesst nicht: Ich finde Euch alle toll!

Ha det bra,

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Ulrike

Von Speedhikern in der Nordmarka, Wanderungen mit 5km/h und geheimnisvollen Erdlöchern

Welch wunderschöner Herbsttag! Ich wandere im Wald unter goldgefärbten Blättern,  bleibe hie und da stehen, um mein Auge über die sonnengetränkte Landschaft wandern zu lassen, lausche dem Klang der noch nicht nach Süden gezogenen Vögel und….

RAWUUSCH!!!!!!!!! Wild stoben die Blätter auseinander, der Sog reißt mich einmal um die eigene Achse und ich frage mich: Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein!!!

Es ist ein norwegisches Rentnerpaar beim Wandern!

Hallo meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen!

Heute beschäftigen wir uns mit der Frage: Warum wandern Norweger, als wären drei ausgehungerte Bergtrolle hinter ihnen her?  Ich will nicht alle Norweger über einen Bergkamm ziehen: Natürlich gibt es auch ein paar, die entweder überhaupt nicht wandern oder es gemütlicher angehen lassen. Ich habe aber bereits drei Speed-Wandererlebnisse hinter mir, genug um stutzig zu werden und der Sache auf den Grund zu gehen.

Mein erstes Erlebnis liegt bereits einige Jahre zurück. Wir verbrachten unseren Urlaub in Südnorwegen und beschlossen einen Tagesausflug zum Preikestolen, der gewaltigen Felskanzel am Lysefjord. Der Weg vom Parkplatz auf die Aussichtskanzel ist nicht weit, aber für die 3km lange Strecke sollten wir, laut Reiseführer, 2 Stunden einplanen. Frohgemut wanderten wir über Stock und Stein. Ein norwegisch sprechendes Paar überholte uns im Stechschritt und wir fragten uns hämisch, an welchen Stein gelehnt wir sie weiter oben atemlos vorfinden würden. Nach einiger Zeit wurde der Weg immer weniger stockig und immer mehr steinig. Es galt große Felsbrocken zu überwinden, der Weg wurde steil. Ich wurde atemlos und beschloss mich mal an einen Felsen zu lehnen, um die Aussicht zu genießen. Mitten in meine Atempause brach das norwegische Stechschritt-Paar. Na, da mussten sie wohl doch umdrehen, was?, dachte ich. War ja auch ein Mördertempo. Ich lächelte die beiden an. Der Mann drehte sich zu mir und sagte auf Englisch: „Bald sind Sie oben! Die Aussicht ist heute wundervoll!“ Und stechschrittete davon, Richtung Parkplatz.  Ich sank an meinem Felsen herunter und fühlte mich, nun ja, …. gedemütigt.

(Für alle Interessierten: Ja, ich war oben und ja, es ist toll!)

Mein zweites Erlebnis nenne ich auch „Die verschwundenen Norweger“ und es fand in der Nordmarka oberhalb von Oslo statt: Während einer Wanderung vom wunderschönen See Songsvann zur Hütte bei Ullevålseteren überholten mich drei Norweger, erkennbar an ihrer kurzen, knappen und norwegischen Begrüßung. Der Weg führte zickzack durch den Wald, doch es gab kaum Möglichkeiten ihn zu verlassen. Die erste Wanderin überholte mich kurz vor einem Anstieg. Ich ließ ihr den Vortritt, stapfte dann selber hinauf und: Sie war weg. Der Weg lag einsam vor mir, rechts und links Bäume. Wo war sie?

An einer Weggabelung überholte mich kurz darauf ein weiterer Wanderer. Ich wusch mir kurz die Hände im Bach, stand auf und blickte den Weg hinunter, der vor mir lag. Leer. Menschenleer. Wandererleer. Wo war er?

Schließlich traf ich noch auf zwei Frauen, die sich gerne bereit erklärten Fotos zu machen, aber kurz darauf wie vom Erdboden verschwunden waren. Wo waren sie?

Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!!? Haben sie sich alle in die Büsche geschlagen, um Beeren oder Trolle zu finden? Sind sie durch einen schrecklichen Zufall des Universums alle in Erdlöcher gefallen und haben ihr Ziel nie erreicht? Wanderten wirklich alle vier, als wären sie auf der Flucht? Oder ist die Wahrheit ganz einfach: Wandere ich zu langsam?

Ich weise alle Schuld von mir und belege das extrem hohe Wandertempo der Norweger mit Fakten:

„40 trivelige turer i Oslo“ heißt ein Wanderbuch, übersetzt so viel wie „40 gemütliche Touren in (und um) Oslo“. Eine dieser gemütlichen Touren geht über 10 -12 km. Nun könnte man da schon sehr über den Begriff „gemütliche Tour“ diskutieren. Interessant wird es aber bei der Zeitangabe: Für die 10 Kilometer wurden in einer älteren Ausgabe des Buches 2 Stunden angesetzt. ZWEI! Durch die Nordmarka, über Stock und Stein. Mit 5km/h! Nun geht Ihr mal alle raus und versucht das. Und erzählt mir dann, ob das gemütlich war!

Nun wimmelt es natürlich in norwegischen Wäldern nicht nur von Speedwanderern. Und Nachfragen bei Einheimischen haben ergeben, dass die Norweger in drei Gruppen zu teilen sind: „There are three types of people using nature. 1. Those who hike….with camera,rucksack, bread and brown cheese in paper, picking mushrooms, listening to birds etc 2. Those who use the nature as their training studio either running or cycling 3. Us who do both……and…..we are always in conflict.” Das ist doch eine Aussage. Obwohl ich die Beschreibung des Speedhikers immer noch vermisse.

Solltet Ihr also mal wieder wandern und euch plötzlich ein Luftzug von den Hikingschuhen fegt, denkt Euch nur: War es ein Vogel? War es ein Flugzeug? NEIN, es war ein Norweger beim gemütlichen Wandern!

(Kleines Trivial-Quiz: Wer kennt die richtige Antwort auf „War es ein Vogel? War es ein Flugzeug?“)

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Wir gehen morgen in der deutschen Gemeinde unter Wasser: Im Kinderbibeltag dreht sich alles um Jona und den Wal. Ich bin gespannt!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, geht mal wieder wandern, lasst es ruhig angehen und freut Euch am Herbst!

Ha det bra,

Ulrike