Flieg, Severin, flieg ODER Ein Sonntag am Holmenkollen

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Ich hasse es, wenn ich verliere. Wer verliert schon gern? Sicher, es gibt diese charakterlichen Überflieger, die aufgrund jahrelanger Sonnenmeditationsgrüße und vierfarbiger Mandelas behaupten, es mache ihnen nichts aus zu verlieren.

Zu denen gehöre ich nicht.

Aber so überhaupt nicht.

Als Kind wurde ich wegen exzessiven Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett-Werfens von selbigem Spiel ausgeschlossen und ereiferte mich in lautstarken Streits aufgrund verlorener Kartenspiele. Beim Minigolf laufe ich Gefahr, wegen Sachbeschädigung der Bahn vom Platz verwiesen zu werden und eine Partie Schach mit mir treibt den charakterstärksten Pfeifenraucher in schiere Verzweiflung. Noch schlimmer als das eigene Verlieren ist aber das Mit-Verlieren, das Co-Verlieren, das „Mein-Gott-wie schwierig-kann-es-sein-gib-den-Ball-ab!“-Verlieren, das gerne im Wohnzimmer, auf einem Barstuhl oder auch live im Stadion passieren kann. Wie beispielsweise letzten Sonntag. Am Holmenkollen. Beim Hopp, wie das Skispringen hier genannt wird. Hopp! schrie ich den deutschen Springern entgegen. Stop! müssen sie verstanden haben.

„Dabei sein ist alles!“ lautet das sportliche Motto von Pierre de Coubertin, Vater der Olympischen Spiele der Moderne.

Bullshit.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wiedertreffen. Die Sonne scheint, die Ostertage stehen vor der Tür und die Laune ist gut. Bei mir wenigstens und ich hoffe, dass es Euch auch gut geht. Wie ich gehört habe, läutet mein Blog für manche von Euch das Wochenende ein. Das ist eine Ehre für den Blog und mich und wir starten sofort und nehmen Euch mit auf eine Zeitreise zum letzten Wochenende. Zieht Euch warm an!

Es ist Sonntag, 17. März 2013. Ich stehe ratlos vor einem Berg Anziehsachen und versuche ein vernünftiges Zwiebelsystem zu organisieren. Wollunterhose, Laufhose, Socken, Jeans? Oder lieber Laufhose, Wollunterhose, Socken, Jeans? Merinounterhemd oder nur langärmeliges Laufshirt? Sind die Wollsocken zu dick für die Stiefel? Wo ist meine Mütze eigentlich und warum, warum, WARUM laufen immer alle Wollsachen ein? Ich gebe mir den Titel „schlechteste Wollwäscherin der Welt“ und ziehe mich an. Wollunterhose zuerst. Was für ein Unterfangen und das alles, um zum Skispringen zu gehen. Ich versuche, kurz ärgerlich zu werden, aber ohne Erfolg.

WIR GEHEN ZUM SKISPRUNG! !! Hipphipphurrah!

Cool, wollte ich schon immer mal.

Mit klaren Daumendrück – Anweisungen aus mütterlicher Hand, machen wir uns auf den Weg zur T-Bane, die uns fast direkt zum Holmenkollen im Norden von Oslo bringen wird, dessen angrenzender Sportpark schon das ganze Wochenende Ziel von Sportfans verschiedenster Nationalitäten ist. Auf dem Bahnsteig in Majorstuen flattern an Rucksäcken oder in Händen norwegische, polnische, italienische und österreichische Flaggen. Wir sind bi-national mit deutscher und norwegischer Fahne ausgestattet. Kurze Zeit hatten wir überlegt, unsere komplette Fahnensammlung mitzunehmen, uns aber dann dagegen entschieden.

Nächstes Mal machen wir das, denn dann wären wir auf jeden Fall ins Fernsehen gekommen!

Aber das nur nebenbei.

Nicht, dass das irgendwie wichtig wäre.

Wer will schon ins Fernsehen? Oder sich selber auf dem riesigen Bildschirm im Stadion sehen?

Pff, also WIR nicht!

Wir haben auch nur so enthusiastisch in Richtung der Kameras gewunken, um uns gegen die Horden der polnischen Fans durchzusetzen.

Aus patriotischen Gründen sozusagen. Für Deutschland!

SCHLAND!!!

Wo war ich?

Ruter, der Nahverkehrsbetrieb hier in Oslo, hat Extrazüge eingesetzt, die ohne Halt von Majorstuen zum Holmenkollen fahren. Oben angekommen, begrüßt uns das Läuten von großen und kleinen Kuhglocken, die an einem neuaufgebauten Souvenirkiosk für Aufmerksamkeit sorgen.

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Schals, Flaggen in allen Größen, Kuhglocken mit norwegischer Flagge, Narrenkappen und warme Würstchen werden angeboten und das Geschäft boomt. Die Traube von gutgelaunten Skispringfans stoppt kurz, versorgt sich mit dem Nötigsten und weiter geht der Weg entlang der abgesperrten Straße hinauf zur Schanze. Es ist 12 Uhr, das Langlaufrennen der Frauen ist in vollem Gang, dementsprechend leer sind die Tribünen um die Holmenkollenschanze.

Gut für uns.

Die wichtige Frage lautet: Wo wollen wir hin? Nahe zum Auslauf, das heißt weiter unten auf den Stehplätzen mit der eventuellen Gefahr den Absprung nicht zu sehen? Oder weiter entfernt vom Auslaufbereich der Springer, dafür aber mit vollem Blick auf das Geschehen? Rechts von der Schanze oder links? In der Nähe der Toiletten oder lieber in der Nähe des Kiosks?

Fragen über Fragen. Macht ja nichts. Wir haben ja Zeit.

Nach mehreren unbefriedigenden Versuchen einigen wir uns auf einen Platz rechts von der Schanze mit Blick auf Auslauf und Absprung und beginnen Schnee und Eis von der Tribüne zu entfernen. Hier ist nichts geräumt. Eigentlich sieht die ganze Stehtribüne aus, als hätte sie keine Lust auf Zuschauer, als wollte sie uns sagen: „Tja, das habt Ihr davon, wenn Ihr günstige Tickets kauft!“

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Wir kratzen also Eis und bauen uns einen Sitz. Installieren unsere Flaggen, holen die Thermosflasche aus dem Rucksack und gucken uns um.

Meine Güte, ist das hoch.

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Mal ehrlich, wie verrückt muss man sein, von einer steilen Schanze abzuspringen, um dann so spät wie möglich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben? Irre. Aber wie gut, dass es Verrückte gibt, sonst hätten wir ja heute niemanden zum Anjubeln. Ich rekapituliere die Namen, die Skisprungfan Nr. 1 in unserer Familie, aka „Mutta“, per sms durchgegeben hat: Severin Freund, Andreas Wank, Michael Neumayer und Richard Freitag. Check. Die haben in Lahti das Teamspringen gewonnen und werden sich nun hoffentlich hier nicht gerade ausruhen. Obwohl der Gesamtsieger schon klar steht: Schlierenzauer ist Nr.1. Gut für ihn.

Ok, soweit all mein gesammeltes Wissen über Skispringen. Meine folgende Verwirrung wäre auch um einiges geringer gewesen, hätte ich mehr nützliches Skispringwissen gehabt. Ich sah mich nämlich auf der Tribüne um und stellte erstaunt fest, dass wir anscheinend nicht mehr in Norwegen waren. Sondern in Polen. Rotweiße Fahnen überall, „Polska“, „Krakow“, „Gdaǹsk“ in großen Buchstaben, neben mir rauchende polnische Männer mit ihren blondgefärbten Frauen in Feiertagsstimmung.

Hallo? Ist ja komisch.

Stellt sich heraus: Polen geht mit den erfolgreichen Skispringer, Kamil Stoch und Piotr Zyla, an den Start. UND: es leben viele Polen in Oslo. Ergo: Rotweißes Fahnenmeer.

Wieder was gelernt.

Langsam füllen sich die Ränge. Die pølser werden ausgepackt und auch die Sonne kommt langsam raus. Der Stadionsprecher übt schon mal das Anfeuern und begrüßt die internationalen Zuschauer in fünf verschiedenen Sprachen. Die Polen jubeln am lautesten; wir geben, was wir können.

Wo sind die anderen Deutschen? Verstreut ein paar Flaggen, aber verschwindend im Vergleich.

Nun wird es ernst. Die Kapelle der Königlichen Garde marschiert auf.

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Über die riesige Leinwand sehen wir die Ankunft von König Harald und Königin Sonja, die in der königlichen Kabine Platz nehmen. Der Kongsangen, das Königslied, ertönt, das dieselbe Melodie wie die englische Nationalhymne hat – irritierend. Die Köpfe der Zuschauer schnellen in den Himmel, wo Fallschirmspringer mit norwegischen Flaggen langsam gen Boden gleiten. Ein tolles Schauspiel. Der Stadionsprecher kündigt die norwegische Nationalhymne an, und angeführt vom Gardekorps, verfällt das ganze Stadion in  Ja, vi elsker dette landet.

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Naja, sagen wir das halbe Stadion.

Die internationalen Fans halten sich zurück und ich bin auch nicht textsicher.

Nun ist der Stadionsprecher wieder am Zug und kündigt die teilnehmenden Nationen an. Junge Skifahrer, ausgestattet mit den Fahnen der jeweiligen Nation, schießen, zum Jubel der Zuschauer, den Abhang hinunter. Krönender Höhepunkt: Eine junge Norwegerin in Tracht, die stolz die rotweißblaue Fahne schwingt und samt Bunad und Skiern am Ziel ankommt.

Und dann startet der Wettbewerb!

Davon brauche ich Euch nicht viel zu erzählen, denn den habt Ihr vielleicht live gesehen oder davon gelesen. Die weiblichen Skispringer haben uns am meisten begeistert, es war ihr erstes Springen auf der großen Schanze – ein historischer Augenblick und ein wahres Vergnügen. Wir jubelten uns für Melanie und Katharina die Seele aus dem Leib, aber es war die US-Springerin Sarah Hendrickson, die schließlich gewann.

Dann kamen die Männer und der Jubel stieg. Die deutschen Springer wurden von uns frenetisch angefeuert aber irgendwie sollte es nicht sein.

„FLIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEG SEVERIN (oder Richard, Michael, Andreas, Karl) , FLIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEG!

Nix.

Macht ja nichts.

Nicht schlimm.

Nee, ehrlich, verlieren ist ja nicht so schlimm.

*räusper*

WOZU WEDELE UND SCHREI ICH EIGENTLICH, WENN IHR KEINEN BOCK HABT ZU SPRINGEN?

WIE SCHWIERIG KANN ES DENN SEIN????

LOSFAHREN – ABSPRINGEN – FLIIIIIIIEGEN – SIEG!

Mal ehrlich.

Nächstes Mal, das sage ich Euch, da komme ich da hoch und dann feuer ich Euch da mal an und dann wollen wir doch mal sehen.

Ich bin erschöpft.

Am Ende gibt es einen Doppelsieg: Punktgleich teilten sich Schlierenzauer und Zyla den ersten Platz, bester Deutscher wurde Michael Neumayer auf Platz 10.

Noch vor der Siegerehrung machen wir uns auf den Rückweg, denn so toll die Livestimmung auch ist: In der eigenen Wohnung hat man weder kalte Füße noch stehen Schlangen vor der Toilette an. Also hinunter zur T-Bane und ab nach Hause.

Oder auch nicht.

Noch gefühlte 10.000 andere Zuschauer haben denselben Wunsch nach Hause zu kommen. Die Straße ist gerammelt voll, wir drängeln uns Richtung T-Bane-Station, die aber gar nicht zu erreichen ist. Nicht ums Verrecken stelle ich mich hier an oder steige mit all diesen Menschen in eine Bahn.

Never, ever.

Laufen wir also weiter die Straße hinunter. Und wir sind nicht allein dabei. Einziger Nachteil: Wir wissen nicht so ganz genau, wo wir hinlaufen und meine Blase spricht leise, aber energische Warnungen aus. Aber die anderen Leute gehen ganz zielstrebig, gehen wir also hinterher.

Ich erkenne plötzlich ein Schild wieder, das zum Zeltplatz Bogstad führt. Hier waren wir doch schon mal. Zum Skilaufen! Hier verkehrt ein Bus nach Majorstuen!! Freude!Und tatsächlich taucht vor uns die Bushaltestelle auf und die Wartezeit für den Bus sind schlappe 10 Minuten. Eine halbe Stunde später landen wir in Majorstuen und joggen Richtung Wohnung. Ich pelle mich aus meinem Zwiebellook und werfe mich durch die rettende Badezimmertür.

Was für ein Tag!

Das machen wir nächstes Jahr wieder.

Habt Ihr gehört, Severin, Richard, Karl, Michael, und wie Ihr alle heißt: Ich komme wieder. Und ich werde auch dann nicht gut verlieren können. Also….ÜBT!!!!!

Wie schwierig kann es denn sein?????

HOPP!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser! Gerade rief Martin an und, juchhee, wir fahren Anfang April für zwei Tage nach Trondheim. Mal gucken, was dort Spannendes auf mich wartet! Ansonsten freuen wir uns auf die Osterwoche und ein paar frei Tage. Die Kälte hat Oslo immer noch in ihren Krallen, aber die Sonne arbeitet dagegen und ich hoffe, der Frühling macht sich endlich auf den Weg! Nächste Woche haben wir einjähriges Jubiläum hier in Oslo, freut Euch also auf den 1-Jahres-Blog am kommenden Donnerstag!

Habt bis dahin eine schöne Zeit, macht Sachen, die Euch gut tun, setzt auch mal Zeichen und Grenzen und bekennt Euch zu Euren Schwächen!

Ha det bra

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Ulrike

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6 Kommentare zu “Flieg, Severin, flieg ODER Ein Sonntag am Holmenkollen

  1. 1 Jahr schon?

    Wahnsinn, wie die Zeit dahin fliegt… Jetzt könntest du sagen: „die tuts wenigstens, im Gegensatz zu den Skispringern…“…
    😉

  2. Ich kann auch sehr schlecht verlieren… das Merkwürdige ist aber, dass ich meistens gewinne. Und, dass ist mir dann auch wieder peinlich. Komische Zwickmühle, oder?

  3. Das Nichtverlierenkönnen ist eindeutig ein großmütterliches Gen. Da wurden beim Verlieren auch die Spiele vom Tisch „gefegt“. Danke für Deine „Hopps“ in meinem Auftrag, wenn’s auch nicht viel gebracht hat. Mutta-Kuss

  4. Bin ich beim ersten Lesen blind gewesen, dass ich die Bilder im Text nicht gesehen habe, oder sind die erst später dazugekommen? *am Kopf kratz und verwirrt auf den Bildschirm starre*

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