Deutschland im Sinn haben ODER Ich rede mir mal was von der Seele…

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„Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen…“

So schreibt Rilke in Nenn ich dich Aufgang und Untergang in 1898. Eines meiner Lieblingsgedichte und ein einwandfreier Beweis, falls man den braucht, für die folgende Aussage: Die deutsche Sprache ist schön.

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute kommt der Blog ungewohnt patriotisch daher, was daran liegt, dass gestern meine Muttersprache kritisiert wurde und das bei mir einen Nerv getroffen hat. Außerdem stelle ich mir zum ersten Mal in unseren zehn Jahren im Ausland die Frage, ob ich bei der nächsten Bundestagswahl meine Stimme abgebe oder nicht. Und schließlich gehen meine Gedanken an alle Opfer und Helfer des schrecklichen Hochwassers und auch an die merkwürdigen Blüten, die solche Katastrophen in den Köpfen mancher Menschen treiben.

Norwegen spielt heute also mal überhaupt keine Rolle!

Ätsch!

Seit über einem Jahr geht es hier IMMMER nur um Norwegen, da können wir auch ein Mal aussetzen.

Oder?

Selbst wenn Ihr jetzt alle im Chor „Nein!“ rufen würdet…Pech! Mein Blog, meine Entscheidung! 😉

Wie es heute beispielsweise meine Entscheidung war, aus einem bestimmten Forum bei Facebook auszutreten, um gegen ein wirklich geschmackloses Cartoon zu demonstrieren (ja, ich weiß, heldenhaft!!!), das dort gestern gepostet wurde und, wie bereits erwähnt, die deutsche Sprache denunziert.  In der Zeichnung werden bestimmte Wörter in verschiedenen, überwiegend romanischen, Sprachen genannt. Der deutsche Begriff steht als Abschluss und ist begleitet von einer verzerrten Grimasse, die das Wort auszuspucken scheint. In einem der letzten ist es eine Hitlerfigur, die das Wort „Unterscheidungsvermögen“ brüllt. Dem Cartoon zufolge sehen Ausländer Deutsche als kleine Hitlerfigur, wenn diese nur den Mund aufmachen.

Brüller.

Schenkelklopfer.

Ich mach mich nass.

„Was bist du humorlos!“ musste ich mir gestern anhören. Ja, bin ich, gab ich zurück. In der Beziehung bin ich völlig humorlos. Hitlerreferenzen sind dumm und unnötig, obsolet und geschmacklos und ich bin sie einfach leid! Da gibt es mit mir nichts zu diskutieren, das ist kein schwarzer Humor, ich gewinne nicht mehr Abstand zu dieser Zeit durch Humor und nein, ich will nicht besser verarbeiten können durch Gelächter.

Man macht darüber keine Witze.

So einfach ist das.

Die deutsche Sprache schlägt merkwürdige Blüten und entwickelt sich in ungeahnte Dimensionen und ja, das französische papillon fühlt sich vielleicht schöner an im Mund als der deutsche Begriff Schmetterling. Aber ein einziges Rilke-Gedicht führt alle Behauptungen, Deutsch wäre nur eine harte und krächzende Sprache, ad absurdum.  (Für weitere Beispiele steht Euch der Kommentarbereich offen!) Hier ein Zitat vom deutschen Schriftsteller und Politiker Heinrich Laube, der im 19. Jahrhundert schrieb:  „Die Sprache einer Nation angreifen, heißt ihr Herz angreifen.“ – Vor allem, wenn dieses Herz im Ausland lebt und dort die eigene Sprache noch wertvoller erscheint als in der Heimat.

Heimat, mit dem Begriff habe ich mich in dieser Woche noch aus einem anderen Grund beschäftigt. Wie allseits bekannt und durch Frau Merkel in Gummistiefeln auch unverkennbar klar, ist dieses Jahr Bundestagswahl. Für mich die dritte Wahl, die ich im Ausland erlebe.  Die erste Wahl allerdings bei der ich überlege, ob ich wirklich teilnehmen soll.

Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht politikmüde oder ähnliches. Wählen zu dürfen ist für mich eine wichtige, fast heilige Angelegenheit, für die Frauen wie Olympe de Gouges seit dem 18. Jahrhundert gekämpft haben und ich fühle mich genug mit ihnen verbunden, um nicht einfach so auf mein gegebenes Recht zu verzichten!!

Andererseits lebe ich seit mittlerweile zehn Jahren nicht mehr in Deutschland und unsere Rückkehr ist zwar nicht völlig ausgeschlossen aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Ich stimme also ab über die Politik in einem Land, die mich nur sehr wenig tangiert. Nicht an der Wahl teilzunehmen, würde für mich aber noch etwas anderes bedeuten: Ein weiteres Verbindungsseil zur alten Heimat wäre durchgetrennt. Und das ist eine Entwicklung, die ich hier in Norwegen immer mehr an mir beobachte…

(Himmel hilf, soll ich mal schnell einen Witz erzählen, oder seid Ihr eh alle schon weg? Wen interessiert dieses Gababbel auch wirklich…Ist ja fürchterlich heute…ÖDE!!!! Schnell ein Witz! Also: Gehen zwei Zahnstocher im Wald spazieren. Plötzlich läuft ein Igel an ihnen vorbei. Da sagt der eine Zahnstocher zum anderen: „Sag mal, wusstest du, dass hier ein Bus fährt?“…besser?? 🙂 …)

Ja, solche Gedanken mache ich mir also und vielleicht sind die ja völlig überflüssig und einer der alten Auslandshasen schreibt nachher: „Stell dich nicht so an, geh wählen, jede Stimme zählt!“ oder ähnliches. Ich glaube, dass ich mich ganz tief drinnen schon entschieden habe. Warten wir es ab.

Abwarten und zusehen, wie ihr Hab und Gut, Erinnerungen und Schätze vom Wasser zerstört wurde, mussten in dieser Woche schrecklicherweise Hundertausende von Menschen in Europa. Freunde in Sachsen und Bayern berichten von Angst und Hoffnung, Unglauben und Vertrauen,  um dann doch aufgeben zu müssen, als sich das Wasser seinen Weg bahnt. Gleichzeitig aber steigt die Hilfsbereitschaft und das Miteinander, in fremden Kellern wird der Schlamm weggeräumt und Unbekannte werden mit Brötchen und Kaffee versorgt.

Und dann? Dann kommen irgendwelche Stammtischexperten und haben nichts besseres zu tun, als in diese Flut von Menschlichkeit und Gemeinschaft zu rufen:

„Verpflichtet die Hartz IV-Empfänger zum Schlammschieben! Die haben doch eh nix Besseres zu tun!“

Und

„Wo sind die Spendengelder aus dem Ausland für uns, häh???? Seid Ihr alles nur Schmarotzer im Ausland?? Wer sich traut, das auch zu posten, der zeigt Solidarität!!!“

Was sage ich denn dazu?

Oh, ganz einfach.

Moment, ich geh mal auf das Niveau runter….kletter, kletter, kletter…igitt, hier stinkt es aber…muffiges altes Gedankengut…so, jetzt:

RUHE!!!!

Meine lieben Leser, das alles hat mich diese Woche beschäftigt und der Blog wirkt ganz ungewohnt. Vielleicht liegt es auch an den Drogen, die ich seit Montag gegen meine dusselige Sommererkältung nehme. Das Gute an einer Sommererkältung ist, dass der Sommer da ist und das ist er: Schönster Sonnenschein lässt Oslo strahlen, lockt uns in die Parks und an den Fjord und ich hoffe, dass das Wetter auch nächste Woche hält, wenn Freundin Sabine aus Berlin zu Besuch kommt.

Das war es schon für diese Woche, ich wünsche Euch allen viel Sonnenschein, sowohl draußen als auch ganz besonders in der eigenen Seele. Kämpft für das, was Euch wichtig ist und macht den Mund auf, wenn Euch was nicht gefällt (aber bitte vorher nachdenken!). Meine Grüße und besten Wünsche gehen an dieser Woche an Hagen und seine Familie, stellvertretend für alle, die vom Hochwasser betroffen sind und an alle Helfer, die sich ebenso dem Schlamm stellen. Ihr macht mir Mut!

Ha det,

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Ulrike

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2 Kommentare zu “Deutschland im Sinn haben ODER Ich rede mir mal was von der Seele…

  1. Freundin Sabine unterstützt den Inhalt des Blogs und die Hoffnung auf noch immer schönes Wetter in der kommenden Woche :DDD

  2. Ich überlege im Moment auch, ob ich mich überhaupt zur Briefwahl anmelde. Ein politisch interessierte Freundin hat mich erst unlängst ausgeschimpft, weil ich meinte, ich würde einfach irgendeiner kleinen Partei für Rentner und Tiere (oder so) meine Stimme geben. Mein Problem ist, dass ich einfach nicht weiß, ob ich für Hängen oder Rädern (bezogen auf die „großen Parteien“ ) sein soll. Mein Wahlenthusiasmus reicht aber auch nicht aus, um mich detailliert mit den Wahlprogrammen zu beschäftigen. Ich glaube nicht, dass ich in den nächsten Jahren für mehr als einen Urlaub nach Deutschland zurückkehren werde… Ich verstünde es also völlig, wenn Du in Deutschland nicht wählen würdest. Dein Lebensmittelpunkt würde eine Wahlbeteiligung in Norwegen erfodern.

    Ich werde auf jeden Fall die italienische Staatsbürgerschaft beantragen, sobald ich kann (entweder nach 5 Jahren mit Residenz in Italien oder, falls wir das schneller schaffen, nach der Hochzeit).

    Ja, und ich kann auch nicht über Hitlerwitze lachen. Dazu fehlt mir der nötige Abstand, denn ich habe zu viele Berichte meiner Großeltern aus ihrem Leben in dieser Zeit gehört. Aber ich liebe die deutsche Sprache, unsere Klassiker und vor allem Worte, die in Vergessenheit zu geraten drohen, weil keiner sie mehr benutzt. Gerade jetzt, wo ich in Italien immer wieder auf meine sprachlichen Grenzen stoße, weiß ich die Virtuosität, mit der ich die deutsche Sprache benutzen kann, zu schätzen. Vielleicht geht es Dir auf Norwegisch ähnlich.

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