Wer ist Marius? ODER Stricken wie die Norweger…

„Du glaubst nie, was ich von meinen Kollegen als norwegisches Abschiedsgeschenk bekommen habe!“ fordert mich letztes Jahr meine Freundin Ines zum Raten heraus. Ich schwanke zwischen Brunost-Hobel und Langlaufskiern. „Einen Mariusgenser!“ – „Wow!“ sage ich, um ihre Begeisterung nicht zu dämpfen. „Häh???“ denke ich ganz im Stillen. Einen Marius…was?

Hallo, meine lieben Leser und schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich wollte die Wissenslücke nicht lange offen lassen und googlete „Mariusgenser“. Ach soooo, rief ich kurz danach! Da denkt man, man kennt etwas nicht, aber in Wirklichkeit ist nur der Begriff unbekannt. Dabei hatte ich Mariusgenser schon oft gesehen und bewundert. Jeder Norweger scheint einen zu besitzen. Ihr kennt die auch:

Dieser Pullover schreit geradezu „Nooooorwegen!“ und das typische Muster findet sich heute nicht nur auf Pullovern sondern auf Kaffeebechern, Autos, Handyhüllen, Radiergummis, Kuchentellern, Souveniren, selbst mein Klopapier schmückt sich zur Weihnachtszeit mit Mariusmuster. Hier ist die Anleitung:

Quelle: Marius strikkebok

Quelle: Marius strikkebok

Aber wer ist nun dieser Marius, nachdem dieses Muster benannt wurde?  Als ich diesmal nur „Marius“  in das Google-Suchfenster eingebe, erscheinen:

  • Marius Müller-Westernhagen (sofort singe ich „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz…“)
  • Marius Schneider, ein deutscher Musikforscher
  • Mariusz Pudzianowski, ein polnischer Strongman. (Was das wohl ist? Kennt Ihr das? Man sucht nach EINEM Begriff und stößt dabei auf immer neue Begriffe, die man eigentlich auch googlen sollte. In diesem Fall bleibe ich aber eisern. Ich werde später herausfinden, was genau ein Strongman ist.)

Es stellt sich heraus, dass MEIN Marius nicht, wie ich dachte, der kreative Großvater meiner beider Strickgurus Arne und Carlos ist. Marius hatte mit Stricken gar nichts am Hut. Steht jedenfalls nirgendwo. Marius hieß mit Nachnamen Eriksen, war Skifahrer, Kriegsheld, Model und spielte in einer norwegischen Filmkomödie der 50er Jahre namens Troll i ord einen Skilehrer. Das war so ein cineastischer Vorfahr der Willi Bogner Filme und Marius‘ Auftrittsszene sah so aus:

http://www.youtube.com/watch?v=s6DVmqGHJ_0

Das Muster seines schicken Wollpullovers wurde 1953 für diesen Film von Unn Søiland kreiert (später hieß sie Unn Søiland Dale). Sie war die erste sogenannte „Karrierefrau“ Norwegens und ich bin mir nicht sicher, ob die Herren den Begriff damals als Kompliment meinten. Geboren 1926 in Haugesund wuchs Unn in einer Familie von Strickern auf und bekam das Stricken von ihrem Großvater beigebracht.  Eigentlich wollte sie Architektin werden, der Vater war aber dagegen und es folgte eine Ausbildung als Lehrerin. Der abenteuerlustigen Norwegerin war das aber nicht spannend genug, Unn begann als Stewardess zu arbeiten und später als Mannequin in Paris. Wenn sie gerade nicht über den Laufsteg lief, strickte sie. Und zwar mit Erfolg. Nachdem Boutiquen in Paris Interesse an ihren Kreationen gezeigt hatte, kehrte sie zurück nach Norwegen und startete ihre eigene Firma Lillunn.

Nachdem ihre Strickmuster Eskimo

und Slalom

…erfolgreich in ganz Norwegen nachgestrickt wurden, bekam Lillunn 1953 den Auftrag, alle Darsteller des neuen Films Troll i ord mit ihren Wollpullovern auszustatten. Ergebnis war das Marius-Muster, inspiriert von Mustern aus dem Setesdal. Statt aber die natürlichen Farbtöne weiß, schwarz, braun und weiß zu nehmen, entstand ein kräftiges  Muster in den norwegischen Nationalfarben blau, weiß, rot. Und dieses nationalstolze Muster, dessen Rechte noch heute die Wollfirma Sandnes besitzt, sollte möglichst gut vermarktet werden. Marius Eriksen wurde als Werbeträger ausgewählt.

Schwupps, der Mariusgenser und das Muster Marius sind geboren.

Seit 1953 hat Sandnes die Strickanleitung zum Mariusmuster millionenfach verkauft. Das Muster wird in den verschiedensten Farben und Farbkombinationen gestrickt und gerne parodiert: 2008 kreierten Arne und Carlos für die Molkerei TINE den Cheese Attack – Pullover, bei dem sich Außerirdische im klassischen Strickmuster tummeln.

Im November 2014 startet die norwegische Zeitung VG einen Wettbewerb: Gesucht wird der Magnusgenseren, ein Muster gewidmet dem norwegischen Schachstar Magnus Carlsen. Moods of Norway, DIE norwegische Modefirma, wird den Pullover produzieren.

Und nun ist es passiert: Ich will auch einen Mariusgenser. ALLE haben einen und ich tendiere dazu, Sachen haben zu wollen, die alle haben. Blöd, was? Aber ich werde mir Marius nicht kaufen, ich werde ihn stricken. Jawohl! Aber zuerst muss ich mich mit dem Muster besser anfreunden. Darum beginne ich klein: Mit Topflappen. Im neu erstandenen Buch und Quelle für diesen Artikel Marius strikkebok habe ich die Auswahl zwischen Handytaschen, Babystramplern, Skistrümpfen und eben Topflappen. Und die werden es jetzt erstmal.

Ich werde Euch das Resultat später vorführen. An die Nadeln, fertig, los!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Strickt Ihr auch? „Stricken konzentriert die Gedanken!“ soll Unn Søiland Dahl gesagt haben. Außerdem macht es Spaß, sage ich. Und wenn alles nach Plan verläuft, hat man am Ende einen wunderbar warmen Pullover, dicke Socken oder…naja, eben Topflappen. Interessanterweise haben früher (nur hier in Norwegen?) Männer genauso selbstverständlich gestrickt wie Frauen. Alle männlichen Leser seien also aufgefordert, auch mal zu den Nadeln zu greifen!

Ich wünsche uns allen eine tolle, gemütliche, warme und wollige Woche. Das Wetter lädt zum Stricken, Lesen, Backen und Tee trinken geradezu ein! Lasst es Euch gut gehen, lernt etwas Neues oder beschäftigt Euch mit Traditionen.

Ha det bra,

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Ulrike

 

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