Von Frühstücksbuffets, sitzenden Königen und warnendem Gewissen ODER Es ist Nationalfeiertag!

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Ich esse nie wieder etwas. NIE WIEDER. Mein Hosenbund ächzt, mein Magen schließt wegen Überfüllung und mein Gewissen nervt: „Und ich sage noch, dass du das Stück Kuchen nicht essen sollst – nach all den Würstchen!“ – Alle Jahre wieder. Willkommen zum 17. Mai!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Mai hat es feiertagstechnisch in sich, aber da wir am 1. Mai nicht demonstrieren und am 14.5. nicht betrunken unterm Bollerwagen lagen, konnten wir am norwegischen Nationalfeiertag alle Kräfte nutzen. Der „syttende Mai“, wie er hier heißt, ist ein riesiges Volksfest mit Parade und wir haben ihn dieses Jahr ganz traditionell gefeiert. Oder sagen wir, wir haben uns bemüht, ihn ganz traditionell zu feiern. Langjährigen Norwegenbewohner oder riktige nordmenn erlaube ich hiermit die offizielle Kritik im Kommentarfeld!

Es begann mit einem köstlichen Frühstück um 10 Uhr – pünktlich zum Start der Parade live auf NRK 1, dem größten norwegischen Fernsehsender. Während auf der Karl Johans gate die Königliche Garde exerzierte und Waffen schwang, schwangen wir Besteck und Weingläser. Auf einer – selbstverständlich mit den norwegischen Farben – geschmückten Tafel warteten Rührei, Lachs, Roastbeef, Kartoffelsalat, Brötchen, Käse, Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeermarmelade und ein gut gekühlter Weißwein. Ich liiiiebe Brunch/Frühstück/17. Mai-Buffet, vor allem, wenn am Ende der Kransekake aufgetischt wird.

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Glücklich mummelnd verfolgten wir den Auftritt der Königsfamilie auf dem königlichen Balkon. Der Osloer Himmel war grau, die Temperaturen kühl und statt in bunad, der norwegischen Tracht, präsentierten sich Königin Sonja und Kronprinzessin Mette-Marit in Trenchcoat und Hut. Erstmalig standen den königlichen Vielwinkern dieses Jahr Stühle zur Vefügung – naja, ok, das Königspaar ist nicht mehr jung und das Kronprinzenpaar anscheinend schon vom frühmorgendlichen Kinderumzug in der Heimatgemeinde geschwächt. (Unter uns: Elizabeth II. hätte gestanden. Da ist die knallhart. Aber gut. Schwamm drüber.)

Die Kinder jubelten immer noch der, mittlerweile sitzenden, royalen Gruppe zu, als wir unser Frühstücksgelage beendeten und beschlossen, ebenfalls zum Schloss zu wandern. Von uns aus geht man nur eine Viertelstunde, die Parade hatte gerade mal 31 von 106 Schulen hinter sich, da hatten wir noch genug Zeit. Zur Feier des Tages trug Martin Krawatte, ich Jackett und Gesa ihr rotweißgepunktetes Taufkleid – außerdem schmückte die norwegische Flagge den Kinderwagen und zwei rot-weiß-blaue Rosetten unsere Jacken. Am 17. Mai durch die Stadt zu gehen ist auch ein Sehen und Gesehen werden. Hübsche Norwegerinnen in wunderschönen Trachten spazierten an uns vorbei und auch mancher Mann hatte sich in die Tracht seiner Heimatregion geworfen. Obwohl, laut norwegischem Freund Magnus, sollte man das mit den Trachten nicht so ernst nehmen.

Ich dachte immer, es wäre ungeschriebenes, aber nicht weniger harsches, Gesetz, dass man nur die Tracht seiner „Heimat“ tragen dürfte. Was aber, so die berechtigte Frage, wenn die Tracht aus der Heimatregion eher nicht so attraktiv ist? Nun kann man ja niemandem eine hässliche Tracht aufzwingen. Die Lösung sieht so aus: Entweder man hat dann eben keine Tracht oder man schafft sich eine mehr oder weniger schwammige Verbindung zu einer Region mit akzeptabler Bekleidung: „Die Mutter des Onkel meines Schwippschwagers kommt vom Nordfjordklar, dass ich auch diese Tracht trage!“

Auch meine wohlüberlegte Vorsicht, ob und welche Tracht Ausländer am 17. Mai tragen dürften, wurde als zu ernsthaft bewertet. Auf jeden Fall, da bin ich sicher, darf Gesa mit gutem Gewissen die Tracht der norwegischen Hauptstadt tragen – schließlich ist sie hier geboren.

Am Schloss angekommen, warfen wir einen ersten Live-Blick auf den königlichen Balkon, Gesa schäkerte in der Zeit mit der NRK-Moderatorin, die in einem abgesperrten TV-Bereich nahe der Parade saß. Mit lautem Getöse und einem sehr motivierten Musikzug wanderten die Schüler der…äh….was soll das hier heißen?….ich kann meine Notizen nicht lesen. Mal wieder! Also Schüler einer norwegischen Schule zogen winkend und „Hipp hipp hurra“-rufend im Paradezug an uns vorbei. Der jährliche Umzug ist schön und bunt und fröhlich – aber nach ca. 15 Minuten etwas langweilig. Es sind dann eben doch immer nur Kinder in diversen Outfits und die sie begleitenden Erwachsenen. Aber für diese 15 Minuten finde ich es immer wieder toll und jubele begeistert mit!

Um uns herum knipsten Touristen unzählige Bilder (einfach zu erkennen an der so gar nicht festlichen Kleidung), in Trachten gehüllte 20jährige Norwegerinnen schwenkten Bierdosen und Kinder schleckten glücklich am obligatorischen Festtags-Eis. Die Stimmung war am Kochen! Trotz der Menschenmenge trafen wir gleich zweimal auf bekannte Gesichter – das ist dann wieder typisch Oslo, dachten wir, und einer der Gründe, warum uns die Stadt gefällt.

Der Weg zurück nach Hause war bereits mit einigen Bierleichen gepflastert. Ich kann ja so richtig fies gucken – und mein Mörderblick galt vor allem den jungen, besoffenen Mädchen, die mir entgegengetorkelt kamen.

Nicht, dass die das in irgendeiner Weise interessiert oder gestört hätte.

Macht nichts, mir hat es gut getan.

Genauso gut, wie das Krone-Is, Schokoeiswaffel mit Vanilleeis, das wir uns natürlich holen mussten, um den Feiertag stilgerecht zu begehen.

Da wir ja so lange nichts gegessen hatten, wurden zurück am heimatlichen Tisch erstmal pølser og lompe serviert. Was wäre ein 17. Mai ohne das norwegische Nationalgericht? Mittlerweile war unsere Tischrunde gewachsen, von unseren Bäuchen ganz zu schweigen und bis auf Gesa zeigten alle langsam Ermüdungserscheinungen. Also wieder raus – diesmal eine Runde in den Frognerpark.

Wie herrlich ruhig war es hier! Was für eine nette Abwechslung zum Getöse am Schloss!

Zurück am Tisch im heimatlichen Wohnzimmer taten wir was?

Essen – na, sicher! Diesmal Claudias 17. Mai – Pavlova, superschön anzusehen und noch besser zu essen.

Foto: Magnus Andersen

Foto: Magnus Andersen

Nach dem zweiten Stück schaltete mein Körper den Alarm an. Aber es ist doch so lecker, argumentierte ich! Genug für heute, rief mein Körper. Widerwillig gab ich mich geschlagen, verabschiedete müde den lieben Besuch, die letzten Kräfte reichten gerade noch zum Aufräumen, dann fielen wir aufs Sofa und ich dachte nur noch:

Ich esse nie wieder etwas. NIE WIEDER!

Same procedure as every year!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Für alle in der Ferne: Kommt doch auch mal zum Nationalfeiertag nach Norwegen! Oder habt Ihr in der Ferne gefeiert? Und für alle im Lande: Wie sah Euer syttende mai aus? Erzählt doch mal!

Ich wünsche Euch allen ein schönes Pfingstfest, eine tolle Woche und immer einen Grund zum Feiern.

Ha det godt,

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Ulrike

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3 Kommentare zu “Von Frühstücksbuffets, sitzenden Königen und warnendem Gewissen ODER Es ist Nationalfeiertag!

  1. Sehr lustig zu lesen! Erinnert mich an italienische Familienfeiern. *mirdenBauchhalt*

    Ich finde es schön, dass Du Dich in Norwegen so eingelebt hast, dass Du solche Traditionen voll mitmachst. 🙂

    Bei uns in Bari und Umgebung ist der Mai auch ein echter Feiermonat. Es scheint, alle wichtigen Events werden somit bei gutem Wetter noch vor dem heißen Sommer über die Bühne gebracht. Deshalb habe ich auch auf meinem Blog im Moment so viel zu berichten. 🙂

  2. Dei Mädchentracht in blau finde ich übrigens sehr niedlich. Nur auf die Haube würde ich verzichten. Das sieht auch bei einem Kind irgendwie vorsintflutlich aus. 😉

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