Eine Fahrt mit der Linie 31 ODER Leben am Abgrund…

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ruter.no

Mein Gegenüber und ich starren uns erschrocken an. Versuchen panisch, die nächste Stange zu erwischen. Einen Moment später werden meine 63 Kilo nach vorne geschleudert und ich lande im breiten Kreuz eines jungen Norwegers. Gesa lacht. Ich hingegen sehe vor meinem geistigen Auge mein Leben an mir vorbeiziehen. Soll es etwa hier enden? Im öffentlichen Nahverkehr der Stadt Oslo?

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Leben am Abgrund heißt in Oslo Bus zu fahren. Ich habe keine Ahnung wo Ruter, verantwortlich für den öffentlichen Nahverkehr der Stadt, die Busfahrer her bekommt – vielleicht aus einem Heim für pensionierte Stuntleute. Da sitzen die dare devils von früher, schwelgen in abgasgeschwängerten Erinnerungen und wünschen sich nur eins: Sie wollen zurück ans Steuer. Prima, dass in Oslo anscheinend jeder Busfahrer werden kann! Nichts wie hin da. Und dann sitzen sie eines Tages hinter dem Steuer der Linie 31 Richtung Fornebu und geben auf der E6 Gas. Vergessen, dass sie nicht in einem Sportwagen sitzen, sondern in einem roten Ziehharmonikabus mit geschätzten 50 Passagieren, 2 Kinderwagen und einem – jetzt – kotzenden Hund.

Egal!!! Gib Gas, ich will Spaß!!! Ab in die Kurve! Scharf bremsen an der Haltestelle! Mit Vollgas in die verkehrsberuhigte Zone!: „I feel so alive!“

Nachdem ich mich nach dem Aussteigen (lies: der Flucht) überzeugt hatte, noch am Leben zu sein, habe ich Ruter eine gepfefferte Klage auf ihre Facebookseite geschmissen. Noch auf dem Bürgersteig, vor Wut zitternd. Reaktion: Null. Naja, aber immerhin hatte ich etwas Dampf abgelassen.

Kamikaze-Busfahrer sind aber nur eine Sorte Osloer Busfahrer. Andere fahren einfach los, obwohl Fahrgäste noch an die Tür pochen. Geben auf die Frage einer Passagierin nach einer bestimmten Haltestelle die freundliche Antwort, sie solle doch in den Fahrplan gucken. Schicken eine Mutter samt Kinderwagen zurück auf den Bürgersteig, weil der Bus angeblich zu voll ist. Das findet wir drei anderen Passagier (ein älterer Herr und zwei Mütter mit Kinderwagen) überraschend. Servicewüste Oslo. Manchmal bleibt mir da die Sprache weg.

Busfahrer haben es bestimmt auch nicht leicht – nörgelnde Passagiere, schlechte Straßenverhältnisse, Zeitdruck und vielleicht auch schlechte Bezahlung machen den Beruf nicht gerade zum Zuckerschlecken. Da kann man schon mal die Laune verlieren. Klar, solche Ignoranten gibt es überall, aber die norwegische Hauptstadt scheint besonders betroffen zu sein. Im Jahr 2013 erhielt Ruter 32.000 Nachrichten seiner Fahrgäste. Der Großteil waren Beschwerden. Das finde ich bei einer Stadt mit 600.000 Einwohnern schon viel.

Aber dann fahre ich eines Morgens bei zweistelligen Minusgraden mit Gesa Richtung Kindergarten. Am Ullevaal Krankenhaus steigt noch eine Mutter mit Kinderwagen ein, der Bus füllt sich langsam, alle sind froh, aus der Kälte ins Warme zu kommen. An einer der nächsten Haltestellen steht eine Mutter mit Kinderwagen. “Die Arme”, denke ich und blicke in den vollen Bus, “die nimmt er nicht mehr mit.” Die Mutter hatte sich schon mit der Situation abgefunden und war einige Schritte zurückgetreten.

Auftritt mein Held. Der grauhaarige Busfahrer steht auf, geht auf den Bürgersteig. Wir alle fragen uns, was passiert. “Komm!” sagt er zu der erstaunten Mutter. “Du kannst doch mit deinem Kind bei der Kälte nicht draußen stehen bleiben.” Mit diesen Worten steigt er hinten in den Bus  und beginnt ein Rangiermanöver. Passagiere, Kinderwagen, Koffer und Skier werden so lange umplatziert, bis genügend Raum für die Mutter und ihren Kinderwagen ist. Nach einigen Minuten ist es geschafft und Mutter und Kind im Warmen. Als wäre nichts gewesen, klettert der Held zurück auf seinen Fahrersitz, schließt die Türen und fährt los. Wir gucken uns alle sprachlos an. Und würden am liebsten gemeinsam singen:

En bussjåfør en bussjåfør
det er en mann med godt humør
Og har han ikke godt humør
da er han ingen bussjåfør
En bussjåfør en bussjåfør
det er en mann med godt humør

Sofort nach dem Aussteigen schicke ich ein gezuckertes Lob auf die Facebookseite von Ruter. Reaktion: Null. Aber immerhin konnte ich so meine Begeisterung loswerden.

***

So, meine lieben Leser, das war es für heute. Ich fahre in Oslo am liebsten t-bane (Tunnelbane), also die U- bzw. S-Bahn. Da ist immer genug Platz und es geht schön schnell. Beim Blick nach draußen vermute ich, dass der öffentliche Nahverkehr ab morgen Probleme haben wird. Es schneit seit Stunden! Schnee da, Schnee weg, Schnee da, Schnee weg – so geht es hier in der Stadt seit ein paar Tagen. Der heutige Schneefall ist natürlich perfekt für dieses Wochenende, wo sich am Holmenkollen Skiläufer, -springer und –fans aus aller Welt zum alljährlichen Skifest treffen! Wir werden das Ganze vom Sofa aus beobachten, einmal waren wir live dabei, das reicht mir.

Euch allen wünsche ich viel Spaß, ob nun beim Skispringen, Karneval feiern, Reisen oder was auch immer! Genießt die Tage, sagt dem netten Busfahrer oder der netten Busfahrerin mal, dass er/sie nett war und tretet den Kamikazefahrer vors Schienenbein. Dann kann er nicht mehr Bus fahren – Problem gelöst 🙂

Hilsen,

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(Familienbild in der t-bane)

 

Ulrike

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5 Kommentare zu “Eine Fahrt mit der Linie 31 ODER Leben am Abgrund…

  1. Mir fällt die Situation ein, als der Busfahrer so weit vom Ausstieg (Bordstein) gehalten hat, dass wir Beide nur mit Mühe den Kinderwagen raushieven konnten. Allein hättest Du das bei dem „Gefälle“ zwischen Ausstieg und Straße gar nicht geschafft!

  2. Prima!! Schreibt an Ruter!! Schreibt!! Nur ihr könnt etwas verändern. Vielleicht dafür sorgen, dass wir nicht 3 Haltestellen mit der selben Abfahrtszeit haben. Vielleicht dafür sorgen, dass wir ein wenig mehr Zeit bekommen, um auch auf Fragen, auf ältere Leute, auf Kinderwagentransporte oder Rollifahrer ein zu gehen.
    Hört auf, uns Fahrer zu beleidigen, hört auf, uns nachts volltrunken in die Busse zu kotzen! Pisst bitte nicht in unsere Mülleimer an Bord! Es gibt immer einen Bus nach dem Bus- steigt zum Pissen aus und nehmt dann den Nächsten.
    Auch für Kinderwagen gibt es IMMER einen Bus danach!
    Sollte der Bus ohne euch fahren, könnte es daran liegen, dass ihr leider zu spät gekommen seid- es gibt immer einen Bus danach! Es macht keinen Sinn, an einer roten Ampel oder mitten im Stau in einem Kreisverkehr an die Scheibe zu klopfen, weil man noch einsteigen möchte- es gibt dafür Haltestellen!
    Tretet bitte nicht nach dem Bus, es tut ihm eh nicht weh.
    Schmeisst keine Dosen/Flaschen an dem Bus!
    Seid so nett und haltet nicht ewig die Türen für jemanden auf, der noch kommen könnte- es gibt immer einen Bus nach dem Bus!
    Wenn ihr unbedingt den ganzen Tag telefonieren wollt, okay- aber muss das immer auf dem vorderen Platz beim Fahrer sein? Auch der ist ein Mensch und auch der hat nur Nerven. Nach 8,5 Stunden Bus fahren hat der von dem Dauergequassel die Nase auch mal voll. Funktionieren eure Handys nur, wenn ihr mitten in der Tür steht? Schon mal bemerkt, dass diese dann nicht mehr zu geht? Und wieder viel Zeit verloren geht, wenn das an 5 hintereinander liegenden Haltestellen passiert?
    DENKT einfach mal mit- auch wenn es schwer fällt!

  3. Hallo Ulrike,
    Immer wenn ich deine Texte lese, fühle ich mich zurückversetzt nach Oslo im letzten Sommer. Leider auch, wenn ich diesen Text lese. Ich bin zwar kaum mit dem Bus gefahren, eigentlich nur mit der T-Bane und hauptsächlich mit der Trikk. Ein paar mal habe ich mich jedoch auch getraut, den Bus zu nehmen, z.B. den Ikea-Bus zu Ikea-Slependen, oder auch einmal einen Nachtbus. Das ging ganz gut, aber einmal waren wir in Sandvika und haben uns bei Peppes Pizza am Buffet vollgefuttert, und mit vollgefuttert meine ich das auch, es hat nichtmal mehr ein Stückchen Salat reingepasst. Dass meine Bauchsituation eh schon bedenklich war, hat den Busfahrer sowieso nicht interessiert, der ist gefahren wie Sau 😀 Ganz herrlicher Abend. Zum Glück ist aber alles gut gegangen… In Oslo bin ich jedoch generell am liebsten zu Fuß unterwegs gewesen.
    Danke für einen weiteren tollen Beitrag von dir!
    Ganz liebe Grüße aus Deutschland, auch an die ganze Gemeinde!
    Sabrina

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