Das Gold der Arktis ist reif! ODER Auf Moltebeerjagd in Oslo…

„Willst du gelten, mach dich selten!“, lautet ein Mantra in unzähligen Liebesratgebern. Und nicht nur in der Liebe gilt dieser Grundsatz: Diamanten, intelligente Reality-Shows, Gold, sichere Arbeitsplätze, Trüffel, unkomplizierte Teenager, Sternschnuppen – sie alle sind kostbar, weil sie sich rar machen. Eine norwegische Kostbarkeit hat jetzt wieder Saison: Die Moltebeere.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Eine kleine, orange Beere steht heute im Mittelpunkt des Blogs. Bis ich hier nach Oslo kam, hatte ich von der himbeerähnlichen Frucht noch nie gehört und blickte beim Restaurantbesuch verwirrt auf Dessertangebote mit multer. Vor einigen Wochen begegnete mir die Beere dann in den norwegischen Nachrichten: Auf einer Wiese in der Finnmark berichtete eine ältere Norwegerin, dass die multer in diesem Jahr wirklich spät kämen, letztes Jahr um diese Zeit hätte sie schon alle abgeerntet.

Nun begann ich, die Beeren ernst zu nehmen. Sie mussten in den Blog, wenn ihr unpünktliches Erscheinen es schon in die Hauptnachrichten schaffte! (Obwohl das hier in Norwegen nichts bedeutet: Letztes Jahr begannen die 21h-Nachrichten mit einem Bericht über Justin Bieber...)

Voller Interesse für die orange Beere setzte ich mich also heute Morgen an den Computer. Bald war klar, dass ich auf eine echte norwegische Spezialität gestoßen war. Die nur in wenigen nördlichen Ländern auftauchende Beere wird auch „Gold der Arktis“ genannt. Sie wächst in Moorgebieten, aber auch da nur spärlich. Durch mir unverständliche Zicken der Natur kann die Moltebeere nicht kommerziell angebaut werden, und mehrere Versuche skandinavischer Wissenschaftler schlugen fehl. Ein Moltebeerfeld zu finden, es sogar auf dem eigenen Grundstück zu besitzen, gilt in Norwegen wie das Auffinden einer Ölquelle (auch wenn der finanzielle Wert sich nicht gleicht…aber immerhin). Das Wissen um öffentlich zugängliche Moltebeerpflückstellen wird als Familiengeheimnis von Generation zu Generation weiter gegeben. Aufgrund ihrer Bedeutung für die lokale Wirtschaft ist das Pflücken von Moltebeeren sogar gesetzlich geregelt.

Ehrlich!

Kein Scherz!

Paragraf 5 des friluftsloven (Freiluftgesetz) beschäftigt sich mit dem Ernten in freier Natur. Im zweiten Absatz heißt es: „For multer på multebærland i Nordland, Troms og Finnmark gjelder første ledd bare når eier eller bruker ikke har nedlagt uttrykkelig forbud mot plukking. Uavhengig av et slikt uttrykkelig forbud kan allmennheten alltid plukke multer som spises på stedet.“  Der erste Absatz, der erlaubt, dass jedermann Früchte, Blumen, Nüsse oder Beeren wild ernten darf, gilt also NICHT für bestimmte Moltebeerplätze in den Regionen Nordland, Troms und Finnmark. Hier haben die Eigentümer das Recht, ein Pflückverbot auszusprechen. Genauer gesagt ein Mitnahmeverbot, denn vor Ort dürfen die Beeren immer gepflückt und verspeist werden. Hintergrund ist wahrscheinlich der hohe kommerzielle Wert der seltenen Beere, die in den nördlichen Regionen Norwegens häufiger auftauchen als im warmen Süden.

Naja, wärmer auf jeden Fall.

So, die Beere ist gesetzlich geregelt und schafft es in die Nachrichten. Aber wie bekomme ich sie in die Finger???

Eine kurze Recherche zeigt, dass es auch in den Wäldern rund um Oslo vielversprechende Moltebeerstellen gibt. Hm. Ich bezweifle, dass eine möglicherweise erfolglose Beerensuche im Wald die beste Unternehmung für mich und meinen Kugelbauch ist. Wie aber dann kommen eine Hochschwangere und eine Moltebeere zusammen?

Auf die Art und Weise, wie wir in der Großstadt uns meistens Obst und Gemüse beschaffen.

Wir gehen in den Supermarkt.

Aber auch das ist bei Moltebeeren nicht einfach. Mein Kiwi gegenüber hat weder frische noch gefrorene Moltebeeren im Angebot und auch im Meny bleibt meine Jagd erfolglos. Nun werde ich irritiert. Okay, her mit der allmächtigen Waffe: Dem Ultra-Supermarkt.

Dort: Nichts, nada, nothing.

Na, sag mal….

Gut, ich wende eine neue Taktik an und poste mein Begehren in einer der hilfreichsten Gruppen bei Facebook:  „Where in Oslo“. Und tatsächlich: Nach nur wenigen Minuten der Tipp, ich solle es beim Supermarkt Rimi versuchen.

Beim RIMI???? Da gehe ich ja sonst nie hin. Na gut, wir haben einen gleich um die Ecke, dann gehe ich halt mal gucken und….

EUREKA!!!!!!!!

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Dort, neben gefrorenen Brombeeren und anderen Vitaminbomben lachen mir multer entgegen. 300 Gramm des arktischen Goldes, wahrscheinlich importiert aus Finnland (in Norwegen ist die Nachfrage viel höher als das Angebot), aber egal, her damit, achja, ich wurde gewarnt, sie seien unverschämt teuer, aber was können so ein paar Beeren schon kosten und…..

IST DAS DER PREIS??????

Ich blicke entsetzt auf die plötzlich winzig erscheinende Packung in meinen Händen.

Checke nochmal das Preisschild.

110 KRONEN?????

13 EURO????

FÜR OBST?????

Und dazu noch gefrorenes, wahrscheinlich ausländisches Obst, während ich bei ambitionierter Suche in den Wäldern dieselbe Menge für umsonst haben könnte??? Und auch noch echt norwegisch???

In meinem Kugelbauch zappelt es, als wollte das Baby kurz deutlich machen: „Jawoll, los, wir beide, auf in den Wald, immer schön bücken…wirst schon sehen, was du davon hast….hihihiihihi….!“

Seufzend packe ich das gefrorene Gold in den Einkaufskorb. Wehe, die schmecken nicht!!!

Zuhause angekommen bilde ich mich weiter. Mein schon bekanntes Lieblingskochbuch „Norges Nasjonalretter“ bietet mir zwei unglaublich komplizierte Rezepte für „Multekrem“ an. Ich entscheide mich für das aus dem südlichen Trøndelag (das Bild ist hübscher) und beginne mit den unerhört schwierigen Vorbereitungen:

1. Moltebeeren auftauen.

2. Sahne schlagen.

Puuh. Eine kulinarische Höchstleistung. Kransekake zu backen war ein Witz dagegen.

Aufgetaute Beeren sind grundsätzlich nicht der Hit und ich versuche, ein paar hübsche Exemplare zu finden in der matschigen Masse. (13,- Euro…………) Eine wandert direkt in meinen Mund. Uih, sauer. Puristen lehnen das Zuckern der seltenen Beeren ab, ich finde allerdings, dass die bitter-säuerlichen Beeren ein paar Krümel Zucker gut vertragen könnten. Norweger frieren die Beeren für den Winter ein, um in den kalten Monaten eine wertvolle Vitamin-C-Quelle zu haben und früher wurde die Moltebeere wegen ihres hohen Vitamingehalts von Seeleuten als Mittel gegen Skorbut eingesetzt.

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Nach einer gewissen Auftauzeit bringe ich mein äußerst aufwändiges Rezept zum Abschluss und bald steht eine sommerlich duftende multekrem vor mir.  Traditionell wird sie gemeinsam mit krumkaker (eine Art Crepewaffel) zu Weihnachten serviert, aber mir schmeckt sie heute auf einem dünnen Pfannkuchen auch sehr gut. Die süße Sahne mit den säuerlichen Beeren auf dem Teigfladen – ganz köstlich!

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Aber – und das sehe ich ganz deutlich – der eigentliche Spaß ging hier verloren. Nämlich rauszugehen in die Natur, hoch oben in den Moorgebieten im Norden des Landes, bewaffnet mit Eimer, Gummistiefeln und einem Netz gegen die Mücken. Dann zu den bekannten und von Urgroßvater entdeckten Stellen zu wandern und die in Bodennähe orange leuchtenden Beeren zu erspähen und vorsichtig zu pflücken. Immer nach dem Prinzip: Eine in den Eimer, eine in den Mund. Nach einem sonnenreichen Tag mit der Familie die wertvolle Ernte nach Hause zu bringen und dort zu Moltebeersuppe, Moltebeermarmelade oder Moltebeerkuchen verarbeiten und einen Teil für den Winter einfrieren. Und sich im Winter an der leuchtenden Farbe und der Erinnerung an den Sommer zu erfreuen.

Das alles bieten gefrorene (und wahrscheinlich finnische) Moltebeeren nicht.

Aber immerhin hatte ich so eine erste Begegnung mit dem arktischen Gold.

Die Jagd in der freien Natur folgt dann nächstes Jahr!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Gibt es Moltebeeren in Deutschland? Niedersachsen soll einige streng geschützte Gebiete besitzen, ob man Produkte aus Moltebeeren in den Supermärkten oder Reformhäusern findet – sagt Ihr es mir!!!!

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, entdeckt etwas Kostbares oder macht Euch auf die Suche danach! Denen, die den Urlaub noch vor sich haben: Viel Spaß und erholt Euch gut! Und denen, die schon wieder im Alltag sind: Viel Erfolg und der nächste Urlaub kommt bestimmt!

Ha det bra,

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Ulrike

(Großstadtjagd. Man beachte: Moltebeeren und Blaubeeren entdeckt!)

 

 

 

 

Fotosafari Norwegen: Verdens Ende ODER Das Ende der Welt ist näher als man denkt!

„Ich geh‘ mit dir wohin du willst – auch bis ans Ende dieser Welt…“ sang Nena, meine Jugendheldin und BRAVO-Starschnittkönigin, schon 1983. Auch Leinwandlegende Johnny Depp befasst sich als Captain Jack Sparrow im dritten Teil der erfolgreichen Fluch der Karibik-Serie mit dem Ende der Welt. Viele Kulturen haben eine Vorstellung dieses geografischen Punktes, an dem die bewohnbare und bekannte Welt endet. An dem das Mysterium beginnt. Das Abenteuer wartet.

Auch in Norwegen kann man an das Ende der Welt reisen.

Dort gibt es dann Würstchen.

Und Kaffee.

Und gute Angelplätze.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Letztes Wochenende sind wir „på hytta“ gegangen – auf die Hütte – eine für Norwegen typische Wochenendaktivität. Viele Norweger besitzen ein eigenes Ferienhaus in den Bergen oder am Meer und verbringen einen großen Teil ihrer Wochenenden oder Ferien dort. Selbst in die Musikbranche hat es das Hüttenleben schon geschafft und zwar mit dem wunderbar schrägen Song The Cabin der norwegischen Band Ylvis.

http://www.youtube.com/watch?v=ua1FAlHt_Ys

Nun verfügen wir (noch?) nicht über eine eigene Hütte, aber mieten geht ja auch. Am Samstagmorgen machten wir uns also auf Richtung Ende der Welt.

In Norwegen liegt das Ende der Welt am südlichen Teil des Oslofjords und kann innerhalb von zwei Stunden bequem mit dem Auto erreicht werden. Leider waren alle Campingplätze, Ferienhäuser und ähnliche Unterkünfte dort bereits ausgebucht. Eva fand aber einen wunderbaren Hof in Tjøme, nur wenige Kilometer entfernt. Die Dokkestua auf dem Holmehof wurde also für eine Nacht unser Domizil.

Nach einem ausgedehnten Angel-Wander-Grill-Fußballabend und einer ungestörten Nacht hieß es am nächsten Morgen: „Auf zum Ende der Welt!“ Auf dem Weg dorthin entdeckten wir noch die Halbinsel Hvasser, die erste Begeisterungsstürme auslöste.

@EvaWenzel

@EvaWenzel

 

 

 

@EvaWenzel

@EvaWenzel

Und was finden wir in einer schnuckeligen Bäckerei mit lecker Backwaren?

 @EvaWenzel

@EvaWenzel

GEITOST!!! Nichts wie weg hier!

Zwanzig Minuten später war dann das Ende der Welt ausgeschildert – und einen Parkplatz gab es auch! Leider gab es aber nur einen Parkautomaten, was bei dem sonntäglichen Ansturm zu einer langen Schlange führte. Und für alle, die es noch nicht wissen: Ich HASSE Anstehen. Nicht im Sinne von: „Och, wie doof, jetzt stehen da 10 Leute vor mir…“

Nein, nein.

Ich bekomme Mordgedanken.

Zuerst gerichtet gegen die zehn bekloppten Leute vor mir, die ja UNBEDINGT auch jetzt hierher kommen mussten, obwohl die genauso gut gestern oder morgen hätten kommen können. Oder von mir aus auch heute, aber dann eben früher. Oder später. AUF JEDEN FALL NICHT JETZT!

Die nächste Wutwelle richtet sich gegen die Betreiber des Parkplatzes. ERSTENS: Wie dusselig muss man sein, um an einer derartigen Touristenattraktion nur einen Parkautomaten aufzustellen? Wo haben die denn ihr Parkplatz-Planungs-Zeugnis gewonnen? Beim Lotto? UND ÜBERHAUPT: Wieso muss man hier bezahlen? Unverschämtheit! Das wird superteuer sein, da bin ich mir sicher, sehen kann ich die Preise noch nicht, weil JA IMMER NOCH 4 LEUTE VOR MIR STEHEN.

Um mir die Zeit noch besser zu vertreiben, hatte jetzt der Typ in der selbstabgeschnittenen Jeans vorne am Automaten seine Geldbörse im Auto liegen lassen. Statt aber einfach zur Seite zu gehen und Platz für den Nächsten in der Reihe zu machen, entschied er sich dafür, die Aufmerksamkeit seiner Frau zu erhaschen. „Hanne! HANNE! HAAAAAANNEEEEE!!!!!“, brüllte die Fransenhose also ohne Erfolg über den Platz. Hanne stand am Kiosk und kaufte gerade ein Eis. Wahrscheinlich mit seinem Portemonnaie. „H A N N E!!!!!!“ schrie die Franse nochmal, gab dann genervt dem Automaten, der ja nun wirklich nichts dafür konnte, einen Schlag und verschwand Richtung Kiosk.

Mir kam fast der Dampf aus den Ohren. Die drei nächsten Kunden erledigten ihr Parkgeschäft aber effizient und endlich, ENDLICH, durfte ich auch. Triumphierend spazierte ich mit dem Parkschein an der mittlerweile unendlich wirkenden Schlange vorbei, platzierte das Stück Papier an seinem Platz im Auto und war endlich bereit für das Ende der Welt.

Ganz schön voll hier.

Mehrere Wege führten ans Ziel, die Sonne kam zwischen den dramatischen Wolken hervor und bald tauchte eine wunderbare Szenerie vor uns auf. (Ich lasse an dieser Stelle gern die Bilder sprechen. Ist ja schließlich eine Fotosafari!)

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(Ein Wippfeuer, die frühere Form des Leuchtturms)

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(Tja…???)

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Und auch für Verliebte ist Platz am Ende der Welt:

@EvaWenzel

@EvaWenzel

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„Die öffentliche Kussbank“ der Gemeinde Tjome. Ob man sich an anderen Plätzen in der Gemeinde NICHT küssen darf, konnte uns allerdings niemand sagen.

Nach stundenlangem Klettern und aufs Meer gucken, Angeln und Kaffee trinken haben wir dem Ende der Welt den Rücken zugekehrt und uns auf den Heimweg nach Oslo gemacht. Ein tolles Wochenende war es! Danke an Eva und Stephan für die Idee – und Euch allen fürs Lesen! Fahrt unbedingt mal ans Ende der Welt, wenn Ihr in der Nähe seid! Und zum Schluss noch mein Lieblingsfoto mit meinem Lieblingsbesucher (links im Bild):

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***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser, ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Ausflug. Auch in den kommenden Tagen wird es einige Ausflüge geben: Meine Mutter ist zu Besuch und wir wollen hier in der Umgebung noch einiges erkunden. Ausflüge auf die Fjordinseln und in den Ekebergpark, Kaffee trinken in Grünerlokka und und und…

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, betrachtet das Ende auch mal als Anfang, lasst es Euch gut gehen und vergesst nicht zu lachen!

Ha det bra,

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Ulrike

Ein typisches Picknick im Park ODER Wer hat die Lumpen mitgebracht?

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Die Sonne hat es bis nach Oslo geschafft – Hipphipphurrah! Kaum sind die ersten Sonnenstrahlen zu entdecken, passiert, was jedes Jahr passiert: Das Outdoor-Leben beginnt. Biergärten und Restaurantterrassen, Wiesen und Strände, Balkone und Veranden sind plötzlich so bevölkert, als gäbe es kein Morgen mehr (und bei dem norwegischen Wetter ist das auch gar nicht verkehrt). Das rasige Grün im Frognerpark verschwand letzten Sonntag unter sonnenhungrigen Körpern.

Doch was braucht ein echter Norweger für den perfekten Sonntag im Park?

Hallo, meine lieben sonnigen Leser, der schönste Monat des Jahres hat begonnen und sehr vielversprechend dazu. Bis auf 22°C ist das Thermometer schon geklettert – Hochsommer in Oslo. Packt also Eure Fahrradtaschen oder ähnliches und macht Euch auf in den Park. Unbedingt dabei sein müssen:

1. Engangsgrill

Ökologisch fragwürdig, gehört dieser plastikfolienverpackte Einmalgrill doch zur Standardausrüstung für einen Nachmittag im Park. Die schwarze, rechteckige Packung ist in verschiedenen Größen in jedem Supermarkt für wenig Geld zu erstehen. Folie ab, Drahtgestell ausklappen, die Kohlen in der Aluschale anfeuern und los geht der Grillspaß. Effizient gepackt, passen 10 bis 12 kleine Würstchen auf die Grillfläche, an den beißenden Geruch der vorbehandelten Kohlen gewöhnt man sich auch irgendwann. Am nächsten Morgen begrüßen gebrauchte, ordentlich gestapelte Aluschalen die Parkbesucher neben den riesigen Mülleimern. Auf den Rasenflächen zeugen braune Brandstellen von Grillunfällen. Aber trotz aller Kritik: Ohne Engangsgrill fehlt was beim Picknick im Park.

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2. Pølser und Lumpen

Bei meinem ersten Picknick im Park in 2012 antwortete mir meine Freundin Daria auf die Frage, wo denn Christian, ihr Mann, sei: „Der holt noch schnell Lumpen.“ Ich war unglaublich irritiert, traute mich aber nicht zu fragen, wofür er Altkleider zum Grillen brauchte, und schwieg stille. Kurze Zeit später lernte ich, dass „Lumpen“ kleine Teigfladen sind, in die die Pølser (Würstchen) gewickelt werden. Dieses Outdoor-Nationalgericht, garniert mit getrockneten Zwiebeln und Ketchup, darf auf keinem Picknick fehlen. (Natürlich gibt es vegetarische Würstchen zu kaufen. Macht aber kaum jemand.) Das Essen ist nicht nur entsetzlich nährstoffarm, sondern auch äußerst günstig. Und das ist in Norwegen wirklich selten.

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3. Beste Freunde, Partner, Kommilitonen, Familie, Kindergartenbuddies, Schulfreunde…

Niemand geht allein zum Grillen in den Park. Logisch! Von der romantischen Zweierverbindung am Plastikgrill bis zum ausufernden Familienfest das zwei Wiesen einnimmt, ist im Park alles vertreten. Schnell lassen sich die Touristen (auf Bänken mit Fotoapparat) von den Einheimischen (auf Rasen mit Würstchen) unterscheiden. Was aber tun gerade oder auf längere Zeit sozial alleinstehende Menschen mit Wunsch nach Grillgut? Die „wedding crasher“-Methode könnte angewendet werden: Scheinbar selbstverständlich packt man die eigene Decke samt Engangsgrill an den äußeren Rand eines großen Familienpicknicks und robbt langsam näher. Strahlendes Winken über die Menge, familiäres Nicken nach allen Seiten und schon ist man mittendrin in der ahnunglosen Familiengruppe. Bei romantischen Zweiergrillgruppen ist von dieser Methode abzuraten.

4. Wikingerschach

Hier in Norwegen als „Kubb“ bekannt. An mir geht die Faszination für dieses Rasenspiel komplett vorbei, was vielleicht auch daran liegt, dass ich grottenschlecht im Stöckchenwerfen bin. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an und versuchen durch gezielte Würfe, stehende Holzstäbe in ca. fünf Meter Entfernung umzuwerfen. Sind alle Holzstäbe am Boden muss der große Holzblock in der Mitte erlegt werden. Die Mannschaft, die das als erster schafft, ist Sieger. Kein sonniger Sonntag ohne Wikingerschach im Park! Und besonders viel Spaß macht es, wenn man die vermaledeiten Stäbe auch trifft anstatt nach dem Wurf suchend im Gebüsch herumzukrabbeln.

5. Bikinioberteil, rote Latzhosen

Die Norweger sind, dessen bin ich mir mittlerweile sicher, von der Natur anders thermatisch ausgestattet als der Rest der Welt. Wo ich, bekanntermaßen kein Frösteköttel (für alle Nicht-Norddeutschen: Ein Mensch, der leicht friert), noch in Jacke und langer Hose rumlaufe, entblättern sich die Norweger bereits. Ein schüchterner Sonnenstrahl und weg mit Pullovern, langen Hosen, hin zur Freikörperkultur. Noch nie habe ich im April so viele freie Oberkörper gesehen wie im Frognerpark. Und: Nicht immer war das ein schöner Anblick! Norwegische Mädchen werfen sich in Bikinis und Shorts, während mir schon vom Hingucken Kälteschauer über den Rücken laufen. Von Mitte April bis zum 17. Mai heißt eine weitere Kleidungsalternative: Latzhose. Meistens rot, aber auch schwarz oder blau. Jawoll, die „Russ 2014“ sind da. Der diesjährige Abiturjahrgang zeigt sich noch harmlos, aber warten wir mal ab. Große Gruppe bevölkern den Park und erheben das Picknick zur neuen Lebensform.

6. Regensachen

Gut, das ist vielleicht meine pessimistische Ader, aber das Wetter in Oslo kann sich fix ändern und wer sitzt schon gern im Nassen? Andererseits habe ich im Wald auch schon Norweger beim Regenpicknick beobachtet, immer getreu dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Im Park habe ich bei Nieselwetter allerdings noch keine standhaften Picknicker zu Gesicht bekommen. Stadtschinken, Weicheier! Ich bin trotz allem lieber vorbereitet und trage eben Regenjacke und Regenhose mit zum Grillplatz. Auch Schirme tun hier ihren Dienst.

So ausgerüstet seid Ihr bestens gewappnet für ein typisches Frognerpark-Picknick an einem gewöhnlichen Tag. Für besondere Anlässe sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und von Picknickmöbeln, über Salate, Bowlen, Lichterketten, Kerzen, Silberbesteck, Champagnerkühlern bis hin zu Strandstühlen kann alles in den Park gebracht werden.

Nur typisch, das ist es dann eben nicht mehr!

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Das Schreiben über Picknicks hat mich hungrig gemacht, Euch auch? Okay, dann alles raus jetzt und losgepicknickt. Und macht Fotos und schickt sie mir! Das beste Picknickfoto gewinnt ein Wikingerschachspiel!! Jaha! Schickt also Eure Foto bis nächsten Freitag an ulrike_niemann@yahoo.no

Meine wöchentlichen Grüße gehen an meine Schwiegermutter Helga mit lieben Grüßen und weiterhin Gute Besserung!!!

Genießt den Mai in vollen Zügen,

Ha det,

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(Regenpicknick 2012 im Folkemuseum mit Catharina und Steffen)

 

Ulrike

 

 

Ab auf die Hütte! ODER „Nein, Außenklo ist kein Problem…..“

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„Auf die Hütte“ zu fahren am Wochenende oder in den Ferien ist so richtig norwegisch. Viele Familien haben eine gemeinsame, teils generationenvererbte, Hütte am Meer oder in den Bergen, in der das norwegische Idyll des einfachen Lebens gefeiert werden kann. Die hytte gehört zu Norwegen wie Elche, Brunost und Anders Bardal. Es gibt sogar ein Lied darüber! Von den Männern, die uns „What does the fox make?“ gebracht haben – also viel Spaß!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier erneut treffen. Seit letztem Wochenende fühle ich mich ein bisschen norwegischer, habe ich doch meinen ersten Tag in einer echten hytte verbracht. Gemeinerweise für alle Teilnehmer habe ICH, aus momentanen, erfreulichen Umständen, die Nacht allerdings Zuhause verbracht und wiederhole hier die oben genannte Frage: Wer geht schon gern aufs Außenklo? Und ich präzisiere: Wer geht schon gern nachts auf Außenklo? Durch den Schnee? Unter hängenden Tannenwipfeln und ohne Licht?

Aber fangen wir von vorne an: Ich bin in dem Team, das die Teestube der deutschen Gemeinde hier in Oslo leitet. Einmal pro Monat treffen sich ca. 15 Au Pairs und Freiwillige verschiedener Organisationen im Gemeindesaal zum Reden oder Kochen oder Spielen. Und das Highlight der diesjährigen Saison sollte ein gemeinsames Hüttenwochenende werden. Gesagt, getan, das Wochenende stand fest, nun her mit der Hütte. Ich begann ab Anfang November zu suchen – gut drei Monate im Voraus – und stieß überall auf bereits ausgebuchte Hütten. Der Termin war nicht flexibel und irgendwie wollte sich halb Oslo an genau diesem Wochenende im Februar auf Tour begeben. Schließlich erinnerte ich mich an die Hütte, von der ich im Jahr davor gehört hatte. Und, juchhu! Sie war noch frei. Schwupps gebucht, Platz für mindestens 30 Leute, mitten im Wald am See, toll! OK, Außenklo, aber wie schlimm kann das schon sein?

Am letzten Freitag machte ich mich mit Simone auf den Weg, die heroisch für 15 Mädels eingekauft hatte und sich und ihr Riesenauto für den Essenstransport zur Verfügung stellte. Die Adresse war klar, das Navi gefüttert, das Wetter war trocken und wir bereit für einen Roadtrip Richtung Enebakk im Südosten Oslos. – Nun ist das mit Hütten ja so eine Sache..die liegen blöderweise nicht direkt an der Hauptstraße. Wenn man oder frau also nicht so ganz genau weiß, wo man hin soll, das High-tech-Navi beschließt, in Urlaub zu gehen und der eigene Orientierungssinn fragwürdig ist, dann….ja dann…landet man mit einem Transporter voller Essen plötzlich auf einer Einbahnstraße im tiefsten Wald und kommt nicht mehr weg. Vielleicht war unsere Haltung „Och, komm, wir fahren mal da lang!“ auch ungeeignet im verschneiten, norwegischen Wald. An dieser Stelle ein großes Kompliment an eine bekannte deutsche Autofirma mit Sitz in Stuttgart für ihren fantastisch ausgeklügelten Allradantrieb, der es erlaubt, rückwärts und berghoch durch Schnee zu fahren. Es dauert, aber es klappt.

Ich hätte ungern geschoben.

Nach erneuten, fehlgeschlagenen Versuchen, die Hütte zu lokalisieren, gaben wir meinem unfähigen Navi die Schuld. Misttechnik! Stattdessen riefen wir die Hüttenverwalterin an, die ganz erstaunt war, dass wir Probleme hatten, ihr Juwel zu finden. Wir müssten doch einfach nur an der roten Schranke halten, dann an der Landstraße 5 Minuten zu Fuß zurück wandern, dann rechts ins Gebüsch abbiegen, die steilen Stufen hoch und überhaupt: „Ist nicht schwer zu finden!“

Ja. Aber ich bin nun mal keine Fledermaus.

Nach 1, 5 Stunden Suche waren wir also endlich am Ziel. Das Auspacken des Transporters stellte uns vor eine Herausforderung, aber schließlich parkten wir mit Warnblinkanlage halb im Graben und trugen die Sachen hoch zur Hütte. – Zwei Autos hielten an, weil sie dachten, wir hätten eine Panne. Mittlerweile hatte es auch angefangen zu regnen und Simones junger Hund hatte vor Aufregung in sein Autokörbchen gepinkelt.

So viel Spaß!

Die Hütte lag mehr als idyllisch, nur wenige Minuten von einer Bushaltestelle entfernt versteckt im Wald, umgeben von Schneemassen, die in Oslos Innenstadt schon vollständig verschwunden waren. Bald führten tiefe Fußspuren von Treppe zu Haustür. Begeistert öffneten wir die Tür – und zuckten zurück. Das Wort „rustikal“ hat seitdem eine neue Bedeutung für mich. Trotz ausgeklügeltem Reinigungsplan, den wir mitsamt des Schlüssels erhalten hatte, wirkte diese Hütte, als hätte sie Wischmop und Wasser selten gesehen. Erstaunlich, denn im Eingangsbereich standen Dutzende Eimer und Feudel. Die Küche wollte nur eines: Geputzt werden. Auf dem Kühlschrank….Mäusedreck. (Entschuldigung an dieser Stelle an alle Teilnehmer…ich konnte Euch das nicht vorher sagen :)….) Aber, was sollten wir machen? Augen zu, einmal Oberflächen reinigen und her mit dem Essen. Rustikal eben!

Der obere Bereich des zweistöckigen Hauses war offen mit Kamin und viel Platz, es gab sogar einen Schlafboden mit Matratzen (über deren Zustand….aber gut….), das fand ich wirklich cool. Es gab genug Holz zum Verfeuern, die elektrischen Heizungen starteten problemlos und überhaupt…“Geht schon!“ Nun aber zum Highlight: Wo war das berüchtigte Klo? 50 Meter von der Hütte sollte es sein, das könnte ja dann nur dort…warte..hier ist der Schnee echt tief..oh nee, warte, da geht es nicht lang, da hängen die Äste zu tief…hier kommt man durch….huch, superrutschig….Moment, ich halte den Ast für dich…nee, geh du zuerst…oho, es hat Licht!!!

Ja, war völlig problemlos.

Auf dem Rückweg zur Hütte durch den strömenden Regen sank meine Laune langsam auf den Nullpunkt. Dabei hatte ich mich so gefreut…Aber wisst Ihr, was hilft, wenn man selber nicht mehr begeistert ist? Dann hilft am nächsten Morgen eine Gruppe gutgelaunter Mädels, die das Rustikale auch schräg beobachten, sich aber davon den Spaß nicht verderben lassen. Das Wochenende wurde laut, lecker und witzig und meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an die Hüttentruppe und ihre coole Haltung, als sie am Sonntagmorgen ein großflächig angeknabbertes Toastbrot in der Küche fanden. War super mit Euch!

Meine nächste Hütte wird ein inliegendes Klo und fließend Wasser haben, aber dieses Wochenende war auf jeden Fall ein Erlebnis wert! – Wer die Hütte des Pfadfindervereins auch mieten möchte (Vorteil ist: Gut mit den Öffis zu erreichen und sehr günstig): Ich schicke Euch gern die email-Adresse. Andere, günstige Übernachtungsmöglichkeiten bieten sich z.B. in der Ostmarkkapelle, dort können Gruppen kostenlos schlafen, wenn sie am Sonntagmorgen beim Kirchkaffee aushelfen. Wer Mitglied im DNT, dem norwegischen Wanderverein ist, hat die Auswahl zwischen unzähligen, relativ günstigen Hütten im ganzen Land und kann sich online einen Platz in einer Hütte reservieren. Hier aber Achtung: Ist die Hütte nicht komplett ausgebucht, können jederzeit fremde Wanderer dazukommen. Was kein Nachteil ist, aber man sollte es wissen. Auf der Reiseseite von finn.no werden Hütten annonciert. Viel Glück bei der Suche und viel Spaß auf der Hütte!

Das war es schon für heute, meine lieben Hüttenleser. Uns steht ein spannendes Wochenende bevor: Eine 24-Stunden-Marathon-Bibellesung in der deutschen Gemeinde mit gemeinsamem Kochen, Essen, Lesen, Zuhören und hoffentlich irgendwie wach bleiben. Wer in Oslo ist und Zeit hat: Kommt zwischen Samstag 12 Uhr und Sonntag 12 Uhr vorbei und lest für 15 Minuten – oder auch länger. Wer uns aus dem Ausland begleiten will: Es gibt Livestream…jahaaa!!! Unter http://www.justin.tv/GemeindeOslo – falls das denn alles so klappt!

Ich wünsche Euch allen eine wunderbare Woche, freut Euch miteinander und verbringt mal einen Tag außerhalb Eurer Komfortzone – dann sieht nämlich plötzlich alles viel besser aus bei der Rückkehr! Bis dahin, liebe Grüße,

ha det bra

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(Immerhin ’ne Straße mitten in der Einöde!)

Ulrike

Fünfzehn Freunde müsst Ihr sein! ODER Ausflüge in die norwegische Fjordwelt

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Schneeflocken, schon wieder. Ich kann sie nicht mehr sehen. Heißt es nicht immer aus Muttermund: Genieße in Maßen? Und richtet man sich als gehorsame Tochter nicht danach? Ich habe den Schnee in Maßen genossen. Nun ist genug.

Hallo???

Himmel???

ES REIIIIIIIIIIICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Diese Woche war prall gefüllt mit neuen Erlebnissen und ich schlage vor, Ihr macht Euch einen Kaffee oder Tee,  holt die Kekse und macht es Euch gemütlich. Das kann dauern heute.

Ich warte so lange.

*aus dem Fenster guck*

*Schneeflocken die Zunge rausstreck*

Lasst Euch ruhig Zeit.

*pfeif*

*Nachrichten les*

(Sind sie wohl bald soweit? HALLO????? Ich hab auch noch andere Dinge zu tun!! Wie lange braucht man denn, um einen Kaffee und einen Keks zu holen? In der Zeit hätte ich eine ganze Wohnung renovieren können!)

Ah, da seid Ihr wieder.

Huch, ja, schön.

Ging ja richtig fix.

Willkommen also zu diesem Freitagsblog, der ein zentrales Thema hat: Fjorde.

Auf dem einen bin ich gewandert und durch den anderen bin ich per Boot gefahren.

Aber eines nach dem anderen.

Da der Winter ja irgendwie nicht enden will, sind auch noch Teile des Oslofjords und seiner Seitenarme gefroren. Zu einem echten norwegischen Winter hier in Oslo scheint zu gehören, dass man auf dem Fjord wandert. Nun bin ich von Natur aus eher, sagen wir, vorsichtig und hätte mich nie im Leben allein aufs Eis gewagt: hinterher verstehe ich die Schilder falsch und statt einer Wanderung fröne ich unfreiwillig dem Eisbaden. Rettung nahte in Gestalt von Christine, die nicht nur seit über 25 Jahren in Norwegen lebt, sondern auch das Fjordeis und alle Informationen darüber im Auge behielt und am Samstag verkündete, wir könnten eine Wanderung wagen.

Nun kann ich nicht genau beschreiben, was ich erwartet hatte, aber eins ist sicher: DAS nicht.

Das Ende des Eises war vom Ufer aus nicht zu sehen und zahlreiche Spaziergänger bevölkerten das Eis mit Skiern, Hunden oder Angeln. Kleine Tannenbäume wiesen den sichersten Weg und so wanderten wir los, dort wo im Sommer nur Boote oder Schwimmer zu finden sind. Ein fieser Wind blies,  sobald wir die schützende Uferzone verlassen hatten. Der Boden fühlte sich erstaunlich fest an, und ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ja nun nicht gerade genau unter mir das Eis brechen würde. Ich meine, mal ehrlich, wie hoch sind die Chancen? Ich bin mathematisch nicht wirklich auf der Höhe, aber die Chancen fühlten sich verschwindend gering an.

Mitten in meine mathematischen Überlegungen zog der Duft von Waffeln.

Und Kaffee.

Es war Sonntagnachmittag, ich hatte weder Alkohol getrunken noch halluzinationsfördende Schmerzmittel genommen, trotzdem blieb es dabei: Waffelgeruch.

Mitten auf dem Fjordeis, geschätzte 500 Meter vom Ufer entfernt, stand ein Verkaufstisch samt rotweißgestreiftem Sonnenschirm. An diesem verkaufte eine junge Norwegerin Waffeln.

Ich war so froh, nicht verrückt zu sein!

Bald standen wir fröhlich kauend mitten auf dem Eis und bewunderten die Aussicht. Wir wanderten weiter über Bojen und Inseln, die nur im Winter zu Fuß erreicht werden können, grüßten Norweger beim Picknick und Sonnenbaden, erkundigten uns bei den Eisfischern nach ihren Fangerfolgen und versuchten uns warm zu halten. Nach zwei Stunden war die Fjordtour vorbei und ich kann nur jedem empfehlen: Macht das unbedingt auch mal!

Hier nun ein paar Fotos, eine Art Bildergeschichte sozusagen mit einem dicken Dank an Christine für die Bilder und die Idee.

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alle Fotos: @ChristineHöffgen

Oslofjord bei Sandvika

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„Ich rieche Waffeln!“

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Boje erobert! Nächstes Mal im Sommer!

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Zum Eisangeln unerlässlich!

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Petri Heil!

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Fjordtour Teil 2 – Lysefjord bei Stavanger

Am Montagabend ging es dann mit dem Nachtzug von Oslo nach Stavanger. Für mich das erste Mal, sowohl Nachtzug mit Bett als auch Besuch in Stavanger. Die Ölmetropole im Südwesten begrüßte uns am nächsten Morgen um 7.30 mit strahlendem Sonnenschein, was mich nach einer schlaflosen Nacht etwas milder stimmte. Mein Körper fand die Verbindung von Liegen und trotzdem in Bewegung sein derartig spannend, dass er sich die ganze Nacht darüber nicht beruhigen konnte und ich offenen Auges durch das nächtliche Norwegen ruckelte. Ich war müde.  Doch Stavanger rief und nach einem Besuch im Ölmuseum stand um 12 Uhr eine ganz besondere Tour auf dem Programm: Eine Bootsfahrt in den Lysefjord. Drei Stunden sollte die Fahrt dauern und 15 Menschen mussten sich mindestens finden, damit die Tour stattfinden würde.

Es war kurz vor zwölf.

Wir waren 11.

Linda und Scott aus Houston und ich überlegten, ob wir vier Norweger kidnappen und aufs Boot schleifen sollten, während eine andere Gruppe überlegte, einfach noch vier zusätzliche Tickets zu kaufen. Beide Pläne fielen durch. Um Punkt 12 erklärte der Kapitän die Tour für gecancelt, schwarzer Rauch steig sozusagen aus dem Ruderhaus und enttäuscht trollten wir elf Traurigen uns davon. Linda und Scott verabschiedeten sich Richtung Reedereibüro, um sich ihre Tickets erstatten zu lassen, ich beschloss,  eine tröstende warme Schokolade zu trinken. So ein Mist. Ich hatte mich so gefreut. Enttäuscht ließ ich mich auf eine der Bänke am Hafen fallen und tat mir mal kurz leid.

Plötzlich kam Bewegung auf den ruhigen Hafenplatz. Eine Gruppe von vier Frauen sprintete Richtung Wasser an mir vorbei und winkte aufgeregt dem Ausflugsschiff, das sich gerade vom Pier verabschieden wollte. „Stop! Stop! We wanna go to the Fjord too!“ Vier Frauen…..die zum Fjord wollten….

VIER!!!!!!

Wo waren die anderen? Ich blickte mich hektisch nach dem Rest der ehemals elf Freunde um. Waren sie etwa alle schon verschwunden?

Nein, da kamen sie angelaufen: Die drei Holländer mit den gewaltigen Fotoapparaten, die kleine Asiatin, die nicht gut Englisch sprach und gar nicht verstanden hatte, warum wir nicht aufs Schiff durften, die vier älteren Engländer und ich. Alle hatten noch Hoffnung gehabt und als dann die vier Frauen kamen….Der norwegische Kapitän hatte bereits wieder angelegt und den kleinen Steg ausgefahren.

Nun waren wir 13.

Wo waren Linda und Scott aus Houston?

„They went to the office, to get their money back!“ erinnerte ich mich und schon wollte sich ein gut gelaunter und sportlicher Holländer im Dauerlauf auf den Weg machen.

„Stop!“ rief der Kapitän. „I call the office.“

Das tat er auch. Kurze Zeit später kamen die beiden Texaner angejoggt und um zehn nach 12 saßen wir alle überglücklich an Bord und ließen die vier Amerikaner hochleben, deren spätes Erscheinen die Fahrt noch ermöglicht hatte.

Und dann ging es los. Griegs Peer Gynt begleitete uns auf der Fahrt und diese wunderschöne Musik vor der atemberaubenden Kulisse des Lysefjords zu hören – das war ein ganz besonderes Erlebnis. Die Sonne schien am wolkenlosen Himmel, die Kälte an Deck verschlug uns die Sprache und an manchen Stellen am Fjord schaukelte das Schiff so sehr, dass Fotoaufnahmen unmöglich waren. Auch hier lasse ich wieder Bilder sprechen, viel Spaß auf der Reise.

(Peer Gynt Morgenstimmung: http://www.youtube.com/watch?v=5SubzKYtNGE)

Fjord2

Fjord1

Fjord3

Fjord4

Hengjane-Wasserfall

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Fjord6

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Preikestolen (hätte ich nicht erkannt, von oben sieht er ganz anders aus)

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Wow, oder? Ich war und bin zutiefst beeindruckt und verbunden mit der hübschen Stadt Stavanger wäre das eine Ecke in Norwegen, in der ich auch leben könnte!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser. Es war eine spannende Woche, die gestern  noch in der Premiere von Freund und Regisseur Uwe Cramer am Norske Teatret in Oslo endete. Für alle norwegischen Leser: Guckt Euch noch bis Ende nächster Woche „Over open avgrunn“ an mit einem großartigen Ensemble, angeführt von der wunderbaren Ane Dahl Torp.

Ich verabschiede mich für diese Woche für Euch natürlich nicht, ohne das Gewinnspiel von letzter Woche aufzulösen. Zwei Gedichte zum Thema Süßigkeiten tauchten in den Kommentaren zum letzten Blog auf. Hier sind sie nochmal zum Nachlesen:

Schon immer, wie zu allen Zeiten,
naschen Norweger Süßigkeiten.
Für Marzipan und Zuckerstangen,
besteht ein ständiges Verlangen.

Auch bei Ulli sind Mandeln sehr begehrt,
die sie mit Wonne sofort verzehrt.
Doch Schokolade tut es auch,
wenn nach Süßem schreit ihr Bauch.

Falls Ulli mit Süßem sich verwöhnt,
ist die Nougatcreme nicht verpönt.
Das Zeug trägt oft bei zum Glücklich sein,
und lindert Langeweil und klebt wie Leim.

@VolkerErnst

Wenn’s abends kurz nach Achte is’
und ich auf meinem Sofa sitz,
meldet sich mein gieriger Magen
um mir klar und deutlich zu sagen,
dass es jetzt Zeit für Schokolade sei
oder anderem süßen Allerlei.

Mit dem Hinweis auf meine Waage
sage ich ihm: “Kommt nicht in Frage”!!!

“Ja-nein-ja-nein” – der Kampf geht in die nächste Runde,
mir läuft schon das Wasser zusammen im Munde!!!!!!

Ich weiß, ich komme nicht dagegen an
und HOLE MIR SCHOKOLADE MIT MARZIPAN (hmmmmmmmmm……..) 🙂

@JuttaHimstedt

BRAVO!!!! Beide Gedichte haben mir so gut gefallen, dass sich Montag gleich zwei Pakete mit norwegischen Süßigkeiten auf den Weg machen!

Nun wünsche ich Euch allen ein tolles Wochenende, wir werden am Sonntag zum Skispringen an der Holmenkollenschanze gehen. Drückt die Daumen, dass das Wetter hält. Nächsten Freitag erzähle ich Euch davon.

Bis dahin lasst es Euch gut gehen, freut Euch am Unerwarteten, verliert nie die Hoffnung, erforscht die Sehenswürdigkeiten um Euch herum und tanzt endlich den Frühlingstanz!

Ha det bra og stor klem,

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Ulrike

Von Speedhikern in der Nordmarka, Wanderungen mit 5km/h und geheimnisvollen Erdlöchern

Welch wunderschöner Herbsttag! Ich wandere im Wald unter goldgefärbten Blättern,  bleibe hie und da stehen, um mein Auge über die sonnengetränkte Landschaft wandern zu lassen, lausche dem Klang der noch nicht nach Süden gezogenen Vögel und….

RAWUUSCH!!!!!!!!! Wild stoben die Blätter auseinander, der Sog reißt mich einmal um die eigene Achse und ich frage mich: Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein!!!

Es ist ein norwegisches Rentnerpaar beim Wandern!

Hallo meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen!

Heute beschäftigen wir uns mit der Frage: Warum wandern Norweger, als wären drei ausgehungerte Bergtrolle hinter ihnen her?  Ich will nicht alle Norweger über einen Bergkamm ziehen: Natürlich gibt es auch ein paar, die entweder überhaupt nicht wandern oder es gemütlicher angehen lassen. Ich habe aber bereits drei Speed-Wandererlebnisse hinter mir, genug um stutzig zu werden und der Sache auf den Grund zu gehen.

Mein erstes Erlebnis liegt bereits einige Jahre zurück. Wir verbrachten unseren Urlaub in Südnorwegen und beschlossen einen Tagesausflug zum Preikestolen, der gewaltigen Felskanzel am Lysefjord. Der Weg vom Parkplatz auf die Aussichtskanzel ist nicht weit, aber für die 3km lange Strecke sollten wir, laut Reiseführer, 2 Stunden einplanen. Frohgemut wanderten wir über Stock und Stein. Ein norwegisch sprechendes Paar überholte uns im Stechschritt und wir fragten uns hämisch, an welchen Stein gelehnt wir sie weiter oben atemlos vorfinden würden. Nach einiger Zeit wurde der Weg immer weniger stockig und immer mehr steinig. Es galt große Felsbrocken zu überwinden, der Weg wurde steil. Ich wurde atemlos und beschloss mich mal an einen Felsen zu lehnen, um die Aussicht zu genießen. Mitten in meine Atempause brach das norwegische Stechschritt-Paar. Na, da mussten sie wohl doch umdrehen, was?, dachte ich. War ja auch ein Mördertempo. Ich lächelte die beiden an. Der Mann drehte sich zu mir und sagte auf Englisch: „Bald sind Sie oben! Die Aussicht ist heute wundervoll!“ Und stechschrittete davon, Richtung Parkplatz.  Ich sank an meinem Felsen herunter und fühlte mich, nun ja, …. gedemütigt.

(Für alle Interessierten: Ja, ich war oben und ja, es ist toll!)

Mein zweites Erlebnis nenne ich auch „Die verschwundenen Norweger“ und es fand in der Nordmarka oberhalb von Oslo statt: Während einer Wanderung vom wunderschönen See Songsvann zur Hütte bei Ullevålseteren überholten mich drei Norweger, erkennbar an ihrer kurzen, knappen und norwegischen Begrüßung. Der Weg führte zickzack durch den Wald, doch es gab kaum Möglichkeiten ihn zu verlassen. Die erste Wanderin überholte mich kurz vor einem Anstieg. Ich ließ ihr den Vortritt, stapfte dann selber hinauf und: Sie war weg. Der Weg lag einsam vor mir, rechts und links Bäume. Wo war sie?

An einer Weggabelung überholte mich kurz darauf ein weiterer Wanderer. Ich wusch mir kurz die Hände im Bach, stand auf und blickte den Weg hinunter, der vor mir lag. Leer. Menschenleer. Wandererleer. Wo war er?

Schließlich traf ich noch auf zwei Frauen, die sich gerne bereit erklärten Fotos zu machen, aber kurz darauf wie vom Erdboden verschwunden waren. Wo waren sie?

Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!!? Haben sie sich alle in die Büsche geschlagen, um Beeren oder Trolle zu finden? Sind sie durch einen schrecklichen Zufall des Universums alle in Erdlöcher gefallen und haben ihr Ziel nie erreicht? Wanderten wirklich alle vier, als wären sie auf der Flucht? Oder ist die Wahrheit ganz einfach: Wandere ich zu langsam?

Ich weise alle Schuld von mir und belege das extrem hohe Wandertempo der Norweger mit Fakten:

„40 trivelige turer i Oslo“ heißt ein Wanderbuch, übersetzt so viel wie „40 gemütliche Touren in (und um) Oslo“. Eine dieser gemütlichen Touren geht über 10 -12 km. Nun könnte man da schon sehr über den Begriff „gemütliche Tour“ diskutieren. Interessant wird es aber bei der Zeitangabe: Für die 10 Kilometer wurden in einer älteren Ausgabe des Buches 2 Stunden angesetzt. ZWEI! Durch die Nordmarka, über Stock und Stein. Mit 5km/h! Nun geht Ihr mal alle raus und versucht das. Und erzählt mir dann, ob das gemütlich war!

Nun wimmelt es natürlich in norwegischen Wäldern nicht nur von Speedwanderern. Und Nachfragen bei Einheimischen haben ergeben, dass die Norweger in drei Gruppen zu teilen sind: „There are three types of people using nature. 1. Those who hike….with camera,rucksack, bread and brown cheese in paper, picking mushrooms, listening to birds etc 2. Those who use the nature as their training studio either running or cycling 3. Us who do both……and…..we are always in conflict.” Das ist doch eine Aussage. Obwohl ich die Beschreibung des Speedhikers immer noch vermisse.

Solltet Ihr also mal wieder wandern und euch plötzlich ein Luftzug von den Hikingschuhen fegt, denkt Euch nur: War es ein Vogel? War es ein Flugzeug? NEIN, es war ein Norweger beim gemütlichen Wandern!

(Kleines Trivial-Quiz: Wer kennt die richtige Antwort auf „War es ein Vogel? War es ein Flugzeug?“)

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Wir gehen morgen in der deutschen Gemeinde unter Wasser: Im Kinderbibeltag dreht sich alles um Jona und den Wal. Ich bin gespannt!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, geht mal wieder wandern, lasst es ruhig angehen und freut Euch am Herbst!

Ha det bra,

Ulrike

Von Promis, Einweggrillen und der besten Zeit, die Müllabfuhr zu treffen

Hallo und Willkommen meine lieben Leser! Heute erscheint der Blog mal am Donnerstag…Surprise!! Zusätzlich erscheint er am Freitag, dann mit Liveberichterstattung von der größten Regatta Norwegens, der Færer Regatta, die aus über 1000 Segelbooten besteht.

Heute dreht sich alles um das Leben in der Großstadt und Promis, denn Oslo ist hip…anscheinend. Für Osloaner gilt diesen Sommer: Zückt Eure Autogrammkarten, putzt die Objektive oder verlasst die Stadt!

Wie ich reagiere?

Nun ja,….

Es hat ja bekanntlich immer alles zwei Seiten. Der Stau, in dem man endlich Zeit findet, in Ruhe mit der besten Freundin zu telefonieren. Der nervige Nachbar, der ohne zu zögern beim Umzug mit anpackt. Der witzige Kinobesuch, der durch Popcorn-schmatzende Nachbarn zum Alptraum wird. Hier in Oslo habe ich in den letzten Wochen auch einige, zweiseitige, Erfahrungen gemacht.

Nummer 1: Wohnen in der Nähe einer Sehenswürdigkeit.

Wie ich bestimmt schon erwähnt habe, wohnen wir im Stadtteil Majorstuen, direkt am Frognerpark. Super Lage, alles prima, alles grün, wir lieben es. Nun gibt es ein Problem: Der Frognerpark (oder Vigelandpark) ist DIE Sehenswürdigkeit der Stadt. Das hat mich im ersten Monat gar nicht groß gekümmert. Das Wetter war noch kühl, der Park relativ leer, problemlos konnten wir unsere Lieblingsecken durchwandern und die langsam erwachende Natur bewundern. Schön! So ein Park, fast für uns, wie ist das nett. Abends hieß es: „Wollen wir nochmal in den Park? Bisschen rumwandern?“

Seit Mai ist damit Schluss.

Ich weiß nicht, wo all diese Touristen, Schulklassen, Familien, Jogger, Hundebesitzer, Bettler, Hare-Krishna-Jünger, Kunsterzieher, Rugbymannschaften, Schauspieler, Waffelbäcker, Frisbeewerfer, Würstchengriller, Müllwerker, Kindergärten, Yogamattenträger, Portraitfotografen und Bikinischönheiten herkommen, aber sie sind da.

Der Park ist dicht.

NICHT FAIR!

WAS WOLLEN DIE DENN DA??

Ja, ja, ja, tolle Statuen, wichtiger norwegisches Künstler, schöne Parkanlage, einziger großer Stadtpark…JA JA JA!

Gut, dachte ich, dann brauche ich eben einen Zeitplan. Es muss doch eine gute Zeit geben, um in den Park zu gehen.

Hier meine Ergebnisse:

7.00: Verschlafene Jogger, gähnende Hundebesitzer, schnarchende Bettler. Fazit: Müde.

8.30: Die Müllabfuhr fährt ein. Die Grillmülleimer werden geleert. Ein schwarzer Nebel wabert darum über den Park. Fazit: Atemlos und dreckig.

10.00: Die ersten Reisebusse kommen. Vereinzelte Touristen, die amüsiert, irritiert oder, im Fall einer japanischen Schülerin beim Anblick einer Statue mit einem mächtigen Gemächt, schockiert, durch den Park wandern. Wenig Jogger. Fazit: Erträglich.

12.00: Die Touristen-Apokalypse gemischt mit dem Aufmarsch der Kindergärten. Von beiden Seiten wird der Park nun von fotowütigen Reisenden eingenommen. Der besseren Koordinierung halber in Gruppen eingeteilt, schieben die Massen durch den Park und kämpfen um die schönsten Ecken und Fotomotive. Die gewaltigen Reisebusse verstopfen die Haupteingänge und ein gebrülltes Sprachgewirr rauscht durch die Bäume. Zwischen die Touristenmassen schieben sich die rotgelben Kinderwägen mit ihren jungen Passagieren, die quengelnd und quäkend zur Park-Kakophonie beitragen. Fazit: HILFE! WEG HIER!

14.00: s. 12.00 nur ohne Kinder. Fazit: HILFE!

16.00: Immer noch Touristen, nun vermehrt unterstützt von Roma, die harmlose Ziehharmonikas quälen und dadurch Geld machen, dass Leute sagen: „Hier sind 50 Kroner. Hör auf zu spielen!“ Die Schule ist aus und der Park wird von lümmelnden Jugendlichen eingenommen und die Wiesen verwandeln sich in Frisbee-/Volleyball-/Fußballplätze. Fazit: NEIN, ICH GEH HIER NICHT WEG. DAS IST MEINE WIESE.

17.30: Zeit zum Abendessen. Raus mit den Einweggrills. Die gefährlichste Zeit im Park, ohne Atemgerät schwer zu überstehen. So müssen sich Touristen auf Mallorca am Ballermann fühlen. Choreographie des Parks: Handtuch, Grill, Handtuch, Grill, Handtuch, Grill. Fazit: *Hust*

22.00: Ruhe kehrt ein. (Wochentags) An den Mülleimern stapeln sich die ökologisch wertvollen Einweggrills. Die Romas igeln sich ein und verbringen eine weitere Nacht auf der Wiese. Die Fontäne beendet ihr Treiben und der Park kommt zur Ruhe. Fazit: Nee, NUN hab ich auch keine Lust mehr zum Spazierengehen.

Ach, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, nehmt mich nicht Ernst: Es ist schon genial, am Park zu wohnen. Irgendwann wird’s ja auch wieder leerer sein.

Nummer 2: Promis in der Stadt

Wie jede Hauptstadt wird Oslo gern und häufig im Sommer von Hauptdarstellern der Yellowpress und tatsächlichen Prominenten besucht. In Paris oder Berlin wird davon zwar Notiz genommen, aber irgendwie verläuft es sich in solchen Millionenstädten auch wieder schnell.

Oslo hat 560.000 Einwohner.

Hier verläuft sich nichts.

Hier stockt alles.

Mir beispielsweise der Atem, als ich letzte Woche die Hauptnachrichten auf NRK 1 einschalte und mir ein nett lächelndes Mädchen entgegenblickt. Ihrem Akzent nach Kanadierin. Sie sitzt in einem Hotelraum und gibt ein Live-Interview, steht dann lachend auf, öffnet das Fenster und blickt nach draußen: „JUSTIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!“ brüllt es aus Hunderten von Mädchenkehlen, deren Besitzerinnen sich auf der Straße versammelt haben. Justin Bieber ist in der Stadt. Keiner weiß genau warum, keiner weiß genau wo, es gibt Gerüchte um ein Konzert auf dem Dach der Oper, die Presse goes crazy, die Mädchen erst recht, im Endeffekt 40 Verletzte bei chaotischen Bedingungen vor der Oper.  Dass Hillary Clinton zeitgleich den amerikanischen Botschafter besucht hat, erfuhr ich am nächsten Tag über facebook.

Justin Bieber ist der Pionier der diesjährigen Promi-Riege, die sich in der norwegischen Hauptstadt ein Stelldichein gibt. Kiss und Rihanna singen am Holmenkollen, obwohl ich es unterhaltsamer fände sie würden springen statt singen. Bryan Ferry, Kaizers Orchestra und Sting treffen sich zum Bahnenziehen im Frognerbad, was genial weil gleich bei uns gegenüber ist. Auch George Clooney hat seine Liebe zu Norwegen entdeckt und überrascht die norwegischen Fernsehzuschauer im DNB-Bankcommercial.

WOW, oder? Dabei wussten die meisten von denen bestimmt nicht einmal, wo Oslo genau liegt. Ist ja auch nicht so einfach. Und man hat so viel Wichtigeres zu tun als Promi. Fazit: Zieh dich warm an, Berlin, Oslo zieht hinterher und wird bald einen regelmäßigen Platz in der Yellowpress bekommen. Dann wird die Stadt vielleicht auch etwas cooler mit kreischenden Mädchen, halbseidenen Stars und dem Niveau der 20h-Nachrichten umgehen. Ich bin gespannt.

So, meine lieben Leser, für morgen heißt es: Backbord voraus, Land in Sicht, Leinen los und Anker frei. Ich freu mich und hoffe, dass das Wetter mitspielt.

Bis dahin wünsche ich Euch einen tollen Nachmittag, betrachtet immer alles von zwei Seiten, findet die beste Tageszeit und zieht Euch warm an!

Ha det bra,

Ulrike

Vor dem Nationalmuseum