Von moderner Kunst, Zitronenpressen und einem ganzen Haufen Niveau

Ich bin das Opfer einer ganz besonders gemeinen, hinterhältig agierenden und in der Gesellschaft noch nicht genügend bekannten Erscheinung geworden.

Der Museumsschatten hat mich erwischt.

Eiskalt.

Am Dienstagmorgen beschloss ich, mein Versprechen einzulösen und endlich mal mehr Niveau in diesen Blog zu bringen. Nach stundenlangem Durchwälzen diverser Touristenbroschüren entschied ich mich, das Niveau im Astrup Fearnley Museum für moderne Kunst zu suchen. Ich machte mich auf den Weg.

„Ohhhhhh!“ höre ich euch beeindruckt raunen.

Das Museum ist geschlossen. Bis Herbst 2012.

Toll, dachte ich, während ich den untreuen Stadtführer Oslo in die nächste Abfalltonne pfefferte und mich ratlos umsah. Und nun? Mein neuer Wohnort ließ mich nicht im Stich und schon an der nächsten Ecke fand ich ein anderes Gebäude, das meinen und den Niveau-Wünschen meiner lieben sieben Leser entsprach: Das Museet for Samtidskunst. Nicht um die Kunst der Samen, der norwegischen Urbevölkerung, ginge es hier aber, wurde ich von der freundlichen Kassiererin aufgeklärt. In diesem Kulturtempel gehe es um zeitgenössische Kunst.

BRING IT ON!

Ich liiiiebe zeitgenössische Kunst!

Selten so gut gelacht wie auf der Documenta in Kassel oder im Centre Pompidou in Paris. Bitte nicht falsch verstehen, meine lieben Leser: Ich respektiere die Arbeit eines jeden Künstlers aber manchmal…manchmal….manchmal da schmeiße ich mich brüllend vor Lachen auf den Boden. Ja, Banause, Banause, aber ich empfinde einfach größtes Vergnügen bei Menschen, die vor einer rein blauen Leinwand stehen und sagen: „Dieses Gefühl von Unendlichkeit spricht mich unendlich an.“

Köstlich.

An manchen modernen Kunstwerken begeistert mich die Idee, die Machweise, die Frechheit, das Neue, das Humorvolle und im Großen und Ganzen verbinde ich ein positives Gefühl mit einem Besuch im Museum für moderne Kunst.

Das sollte sich ändern.

Niveauvoll stieg ich die ausladene Treppe des alten Bankgebäudes in die erste Etage empor und betrat die Ausstellung „Prism.“ Um Zeichnungen ginge es, so der Katalog. „Prism“ untersuche zeitgenössische Zeichnungen als ein autonomes und wachsendes Feld im Kunstbetrieb.

Mein erster Blick fiel auf ein Naziflugzeug.

Mein zweiter Blick auf eine am Boden kriechende US-Soldatenpuppe.

Mein dritter, schon etwas panischer, Blick auf eine sechsarmige Figur mit riesigem Penis, die  vom Künstler „Vision der Freiheit“ betitelt wurde.

Das wird ein kurzer Besuch. Drei Bilder, immer noch nicht gelacht.

Vorbei an der „Vision der Freiheit“ schlenderte ich also und blickte suchend um mich, als eine in der Ecke hängende Zeichnung mein Interesse weckte. Komischer Platz für ein Ausstellungsstück. Ich näherte mich der graublauen Zeichnung und stockte.

Auf einem umgestürzten Eimer in der Nähe eines Bauernhauses saß eine Frau mit hochgezogenen Röcken und quetschte sich ihre Vagina aus.

Mir fiel nichts mehr ein und ich verharrte ratlos vor dem….Kunstwerk.

„Wonderful, isn’t it?“ ertönte es plötzlich neben mir. Versunken in den Anblick der Frau und ihrer Tätigkeit und eindeutig nicht in der Lage die Quetschtätigkeit in irgendeiner Form mit dem Begriff „wonderful“ in Verbindung zu setzen, blieb ich stumm.

Ich werde nie wieder eine Zitrone auspressen können, dachte ich gerade.

„It is beautiful, eh?“ ertönte es erneut neben mir.

Oder Orangen. Dabei liebe ich frischen Orangensaft.

„Eh?“

Entnervt blickte ich mich um und sah mich Auge in Auge mit einem jungen Mann, dessen schwarze Haare wirr über seiner viel zu hohen Stirn wirbelten und sich im Kampf mit einem grauen Hut befanden, der keck und schräg auf der schwarze Masse hockten. Strahlend blickte er von mir zur Vaginafrau und wiederholte: „Wonderful, right?“

Nein, wollte ich schreien, du blinde Ausgeburt eines angeblichen Kunstverständigen, das ist absolut nicht wundervoll, das ist abstoßend und widerlich und ich will weder dieses noch irgendein anderes Bild dieses Künstlers jemals angucken und am allerwenigsten will ich mit dir darüber diskutieren, wie wundervoll eine offenbar geschändete Frau ist oder nicht!!!!

„Uh-hu.“ Ich nickte und beschloss zu gehen. Idiot. Bloss weg hier.

„There is another wonderful drawing I wanna show you.“, erklang die Stimme wieder neben mir und eine Hand legte sich vertraulich an meinen Ellenbogen. Wie, er will mir etwas zeigen? Ich bemühte mich eine Verbindung zwischen unserer bisherigen Unterhaltung und seiner, eine gewisse Zutraulichkeit ausstrahlenden, Geste zu finden.

Vergeblich. Es blieb nur eine Möglichkeit.

Er.

Ist.

Ein.

Museumsschatten!!

HIIIIIILFFFE!!!

Ähnlich wie Kurschatten suchen sich Museumsschatten in meist leeren Museen ihre Opfer und zwingen sie in dem begrenzten Raum eine Verbindung einzugehen.

ICH WILL NICHT!

Wohin? Wohin? Wohin flüchte ich?

Nach rechts in den Ausstellungsraum der willkürlich gestapelten Papierhaufen unter Stühlen? Nach links zum am Boden kriechenden US-Soldaten? Nach vorne, in die Arme der gelangweilt aussehenden Wachmänner, die meine verzweifelten Blinkerversuche anscheinend als schnöde Anmache bewerteten und sich kopfschüttelnd abwendeten.

WOHIN?

Mein neuer Bekannter steuerte mich mittlerweile entschlossen in einen entfernt liegenden Ausstellungsraum, während er gleichzeitig einen Schwall kunstwissenschaftlichen Blablas von sich gab, der mich weder interessierte noch ganz erreichte. Schließlich war ich dabei meine Flucht zu planen. Zur Toilette würde er mich nicht doch wohl nicht begleiten, dachte ich gerade, als mein unfreiwilliger Begleiter stoppte und mit der strahlenden Sicherheit eines stolzen Vaters die Arme ausbreitete.

„Look at THAT!“

Ohja. Unglaublich. Anscheinend ist die Putzfrau im Streik, dachte ich und blickte auf die schmutzbespritzen Wände. Ist ja auch eine Unverschämtheit hier so eine Sauerei zu veranstalten und dann….Komisches Schild an der Wand.

„Isn’t that amazing?“ Mein stolzgeschwellter Museumsschatten blickte mich beifallheischend an.

„EARTH 2012“ las ich. Hergestellt aus Schlamm des Flusses Avon.

Ich nickte zustimmend und benötigte meine ganze Energie um das aufsteigende Lachen niederzudrücken.

Banause, ich.

Gerade strich mein Schatten zärtlich die Konturen des Schlammwerks und ich war glücklich, dass wenigstens einer von uns beiden Spaß hatte. Im günstigen Moment trat ich den Rückzug an, galoppierte die Treppen des Museums herunter, blickte mich immer wieder um und rettete mich schließlich nach draußen. FREIHEIT!

Was für ein schönes Gefühl.

Schade, dass ich wohl nie wieder in dieses Museum gehen werde. Mein Schatten wohnt dort bestimmt. Seit Jahrhunderten wahrscheinlich, immer auf der Suche nach neuen Opfern. Und heute kam ich auf die Liste seiner Errungenschaften. Trotzallem habe ich bekommen, was ich wollte: Niveau, Niveau, Niveau.

Irgendwie jedenfalls.

Der Versuch zählt!

Mit diesem Riesenschuss Niveau lasse ich Euch nun allein, meine lieben Leser und freue mich schon auf nächste Woche, wenn ich von öffentlichen Geburtstagsständchen, schlafstörender Helligkeit und Justin Bieber erzählen werde.

Habt bis dahin eine sonnige, niveauvolle Woche, lasst Euch nicht beschatten und genießt das Gefühl von Freiheit!

Ha det bra,

Ulrike

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7 Kommentare zu “Von moderner Kunst, Zitronenpressen und einem ganzen Haufen Niveau

  1. Hallo „Niveau“-Tochter, danke für den hochinteressanten Artikel mit der für mich logischen Schlussfolgerung, dass wir in DIESES Museum sicher nicht gehen werden?? Nach dem Foto zu urteilen hast Du aber das „Schattenstrauma“ gut überstanden (oder was das vorher??)

  2. Oh Ulli, das tut mir ja nun wirklich leid, dass du nun SO eine Erfahrung sammeln musstest! Vielleicht hättest du dich besser „weltversunken“ einem anderen Kunstwerk widmen sollen und den Schatten einfach nicht beachten….

  3. Hallo Ulli,
    So schlimm kann der Schatten gar nicht gewesen sein. Betrachte mal dein Bild selber und was siehst du?? Ein lächelndes Mädel..
    Liebe grüße Volker…..

  4. Museumsschatten – wieder was gelernt! 😉

    Scheinbar kann man heute nur noch mit nackten Körperteilen beeindrucken. Da regten sich hier die Massen darüber auf, dass im Petruzzelli-Theater in Rigoletto eine Sex-Szene auf einem Tisch angedeutet wurde. Darüber wurde sogar ein Mantel ausgebreitet und groß bewegen konnten sie sich auch nicht, denn sie mussten ja singen. *lol* Trotzdem – großer Skandal. Alle über 50 waren entsetzt. Unter Mussolini wäre das nicht passiert! (Neige zum Sarkasmus.) In deutschen Theatern gehört Nacktheit ja inzwischen zum Standartrepertoire (was ich nicht unbedingt als notwendig empfinde), und niemand regt sich mehr auf.

    So scheint es jedenfalls ein Zeichen der Moderne/ Postmoderne zu sein, dass man zeigt, was im Gedächtnis bleiben kann – also das, was uns noch überrascht, offensichtlich mehr im Sinne von „schockiert“.

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