Norwegisch für Anfänger ODER Danke für den Sex!

Gerd Altmann/pixelio.de

Eine neue Sprache an der Volkshochschule zu lernen ist schön und gut. Effektiver aber lernt man im alltäglichen Leben, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Supermarkt. Gerne auch: Beim Blog lesen!

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass Ihr da seid. Seid Ihr da? Es ist ja noch relativ früh und Ihr mental weder auf mich noch den neuen Blog vorbereitet. Ja, große Ereignisse werfen ihre weihnachtlichen Lebkuchenschatten voraus: In der deutschen Gemeinde ist am Wochenende Christkindelsmarkt. Es gibt viel zu tun.  Packen wir’s an. (Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen. Vorhersehbare Formulierungen oder stereotype Ausdrücke sollen in literarischen Werken ja unter allen Umständen vermieden werden. Einzigartig soll der Text sein. Überraschend. Atemberaubend. Tut mir also leid. Es war stärker als ich. Mist, schon wieder eine Floskel.)

In Eurem Lieblingsblog geht es heute um die norwegische Sprache.

Schooon wieder?

(An dieser Stelle können sich alle Leser, die meinen englischen Blog gelesen haben, verabschieden. Ihr kennt den kommenden Text in weiten Teilen schon. Ja, SICHER benutze ich dieselbe Idee zweimal. Was bin ich? Eine kreative Ideenweitwurfmaschine???)

Keine Angst, dieser Blog verwandelt sich nicht plötzlich in das norwegische Zentralorgan des Langenscheidt-Verlags. Aber ich möchte Euch einige Ausdrücke, Sprachwendungen und Formulierungen vorstellen, die mich im alltäglichen Leben hier in Oslo begleiten.

1. „Vil du ha pose?“

Jedes Mal wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, kommt dieser Satz daher. Als er und ich uns das erste Mal begegneten, befand ich mich im Sprachverweigerungsmodus. Bedeutet: Ich verstand nicht ein einziges norwegisches Wort, wollte das aber nicht zugeben und antwortete daher auf alle an mich gerichteten Fragen mit einem entschiedenen „No.“ Sicher ist sicher.

Die freundliche Kassiererin im Centra Supermarkt fragte also: „Vil du ha pose?“, ich antwortete, meiner Sprachtheorie folgend, mit: „No“ und wollte meinen Einkauf einpacken. Wo waren denn die Einkaufstüten? Mist. Als ich die freundliche Verkäuferin auf Englisch nach einer Tüte bat, verrutschte ihr Lächeln etwas. Es dauerte noch zwei weitere Einkäufe bis ich gelernt hatte, dass „Vil du ha pose?“ bedeutet: „Möchtest du eine Tüte?“.

Immer noch irritiert mich diese Frage. Weniger mich persönlich. Ich, als ökologisch einwandfreie Deutsche, bringe ja meistens einen eigenen Einkaufsbeutel mit. Die Frage, ob ich eine Tüte brauche, ist also berechtigt. Norweger haben allerdings das Selberbringprinzip von Einkaufsbeuteln noch nicht entdeckt. Sie wollen IMMER eine Tüte. Zwischen einem Norweger, der mit einem vollbeladenen Einkaufswagen an der Kasse steht und der hilfreichen landsmännischen Verkäuferin, könnte sich der Dialog also so anhören: Verkäuferin: „Möchtest du eine Tüte?“ – Norweger (mit Blick auf den überquellenden Einkaufswagen): „TÜTE???? NEIN!!!! Ich dachte, ich klau den Einkaufswagen und rolle die Sachen nach Hause.“ Sagt niemand. Würden sie aber gern.

2. „Enkel eller dobbel?“

Eine alltägliche Frage, die mir in jedem Coffee Shop gestellt wird. Oslo ist die Kaffeehauptstadt und an fast jeder Ecke der Stadt findet sich eine Koffeinauffüllstation. Obwohl die Norweger hauptsächlich schwarzen, regulären Bohnenkaffee trinken, haben sich in vielen Städten auch solche exotischen Getränke wie Café Latte oder Cappuchino etabliert. Bei Bestellung derselben fragt die Bedienung jedes Mal: „Enkel eller dobbel?“

Beim ersten Mal war mein Hirn eindeutig im Sprachverweigerungs – und Deutschmodus, denn ich konnte nur denken: Enkel? Enkel??? Was will die blonde Kuh bei „Wayne’s Coffee“ denn damit andeuten? Meint sie etwa, dass das brüllende Balg hinter mir mein Enkel ist? Hallo? Ich bin 40 geworden dieses Jahr, zugegeben, aber wir wollen es ja mal nicht übertreiben!!!

„Dobbel“, schleuderte ich ihr also entgegen.

Junge, Junge, war ich wach für den Rest des Tages.

Für eine Frau, die eigentlich nur koffeinfreien Kaffee trinkt, ist ein doppelter Schuss Espresso lebensverändernd.

Seitdem bestelle ich meinen Café Latte „enkel“, mit nur einem Schuss, vielen Dank.

3. „Hei hei!“

Einfach zu verstehen und keine Formulierung im eigentlichen Sinn. Aber es handelt sich dabei um eine absolute norwegische Spezialität. Sie begegnet harmlosen Kunden in allen Geschäften, Restaurants, Supermärkten der Stadt. „Hei Hei!“ Mir begegnet sie meistens im lokalen Coffee Shop.

Doch Obacht: Wir sprechen hier nicht von einem regulären „Hi!“ oder „Hallo!“. Oh nein. Die Stimme springt mehrere Oktaven nach oben und fünf unsichtbare Ausrufezeichen werden wie Pfeile mit der Begrüßung verschossen. Du bist kein ordinärer Kunde! NEIN! Du bist der verlorene Sohn, der endlich nach Hause kommt! Der Stolz der Familie! Die Heldin der Arbeiterklasse! Du bist die personifizierte Lösung für Weltfrieden! Du bist John Lennon und Yoko Ono in einer Person! Der Gandhi des Coffee Shops! „Hei Hei!“

Beim ersten Mal war ich derartig irritiert, dass ich mich umdrehen musste, um zu gucken, ob Angelina Jolie oder die norwegische Lottofee hinter mir standen. Doch da war niemand.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es toll, derartig überschwänglich begrüßt zu werden. Ich habe aber immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann nur einen Kaffee bestelle. Ich würde diese überschwängliche Begrüßung so gern mit einer ebenso überschwänglichen Bestellung beantworten, aber habt Ihr eine Ahnung, was ein einzelner Kaffee in Oslo kostet?

Irgendwann, wenn ich reich und berühmt bin, bestelle ich die gesamte Kaffeekarte rauf und runter und bitte alle Angestellten mit mir zu feiern. Einfach nur, weil sie sich jedes Mal so freuen,  mich zu sehen.

4. „Dørene lukkes!“

Hierbei handelt es sich um eine automatisierte Ansage in der T-Bane, der U-Bahn in Oslo. Sie hört sich etwa so an: „Döörenne lükes!“. Ich kann mich bei dieser Ansage nicht beherrschen. Ähnlich wie bei den Sicherheitsvorführungen auf einem KLM-Flug (die für mich jede Hollywood-Komödie in den Schatten stellen), liege ich bei „Döörenne lukkes“ vor Lachen unterm Sitz. Anfangs lachte ich nur aufgrund der witzigen Vokalabfolge. Dann kam mir eine andere Idee, die von einigen Jahren im Berliner Wedding zeugen: „Döörenne lukkes“ – Döner für Lukas?

Der Witz hat mich von Majorstuen bis zum Holmenkollen amüsiert. Und zurück. Und tut es immer noch. Jetzt gerade.

Meine Mutter träumt davon, die Formulierung als Schimpfwort zu benutzen. Sie möchte einem Umwissenden ein „Döörenne lukkes“ ins Gesicht schleudern. Und dann gucken was passiert. Ich hoffe, ich erlebe es mit.

Wir sind eine seltsame Familie.

Wir hatten viel Spaß in der U-Bahn.

Was der Satz bedeutet? Was kann der Satz bedeuten, der so viel Lachen ins Leben bringt?

Er bedeutet……Trommelwirbel…..

„Die Türen schließen sich.“

Manchmal sind es die einfachen Dinge im Leben.

5. Takk for sist!

Eine weitere norwegische Besonderheit. Wörtlich übersetzt bedeutet es soviel wie „Danke für das letzte Mal, als wir uns trafen.“ Oder „Danke für das letzte gemeinsame Essen.“ Oder „Danke für den letzten Sex.“

NEIN! ICH MACHE SPASS!

Dafür gibt es eine eigene Formulierung.

„Takk for sist“ ist eine absolut normale und erwartete Begrüßung, trifft man auf eine Person,  mit der man irgendwann Zeit verbracht hat. Die Betonung liegt auf „irgendwann“. Selbst wenn das Treffen bereits vor drei Jahren stattfand und man sich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, was man mit der Bekannten,  dem fast Fremden, der Nachbarin von gegenüber oder dem Kerl mit der komischen Frisur eigentlich unternommen hat: es wird sich bedankt. Jawohl. Höflichkeit siegt. Ich lebe erst acht Monate hier und meine Erinnerung schafft es gerade noch, sich an die vergangenen Monate zu erinnern, aber ich empfinde diesen Brauch als völlig irritierend. Aber ich werde ihn weiterhin benutzen. Auch wenn ich mich irgendwann nicht mehr genau erinnern kann. Egal. Wird schon keiner merken.

„Vil du ha pose?“ – „Enkel eller dobbel?“ – „Hei hei !!!!!“ – „Dørene lukkes!“ – „Takk for sist!“: Kommt nach Norwegen, hört und sprecht und fühlt Euch ein bisschen einheimisch!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Ich werde mich nun zum Supermarkt begeben („ Vil du……“) und dann eine köstliche Karottensuppe kochen. Auf dem Weg dorthin werde ich an unserem neuen Haus vorbei gehen, denn für alle, die es noch nicht wissen: Wir haben eine Wohnung gefunden. JA! Nicht in einem alten Stadthaus, aber dafür in der „Sorgenfrigata“ in Majorstuen. Der Sorgenfrei-Straße. Ich freu mich darauf. Martin kommt heute erst aus Aberdeen zurück, hat quasi über Handy einer ihm fremden Wohnung zugestimmt und ich hoffe, sie wird ihm gefallen.

Meine Grüße gehen diese Woche an meine wunderbare Freundin Barbro, die gestern ihre Prüfung im Verwaltungslehrgang II bestanden hat! (Ich hoffe, das ist die richtige Bezeichnung.) Ganz herzlichen Glückwunsch, ich bin stolz auf dich!! BRAVO! Hoch die Tassen!

Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lacht dem tristen November ins hässliche Gesicht, wärmt Euch auf mit guter Suppe und freut Euch auf die Adventszeit!

Ha det bra,

Ulrike

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7 Kommentare zu “Norwegisch für Anfänger ODER Danke für den Sex!

  1. Erst einmal „Herzlichen Glückwunsch“ an Barbro!!! Auf dass sich die Quälerei auszahlt!!! Hallo Ulrike, ich warte bis zu Euerm Weihnachtsbesuch mit dem „Entgegenschleudern“ (evtl. beim Brunchen? Da gibt’s genügend Leute und wenn mich eíner vom Büffett wegschubsen will, lege ich los!!). Die Reaktion der Leute ist dann mein zusätzliches Weihnachtsgeschenk (zusätzlich?? – Na, mal gucken!!). Mutta-Kuss

  2. Danke Ulli! Nu sitz ich hier und hab Tränen in den Augen! Danke! Du warst und bist für dies Jahr ja mein Glücksbringer und du hast deinen „Job“ großartig gemacht! :-*

    Jutta, ich danke auch dir! Ja, ich hoffe, dass es sich bald auszahlt 🙂

  3. Tusen takk für diese witzigen Erzählungen aus Norge/Oslo! Ich bin ehrlich gesagt aus dem Häuschen, denn die „döörrenne lükkes“ Geschichte habe ich mit einer Freundin im August ganz genauso erlebt-auch die Strecke Majorstuen-Holmenkollen. Wir hatten so viel Spaß mit diesen zwei Wörtern…Danke, dass du (ich duze jetzt mal ganz Skandinavisch) mich wieder daran erinnert hast.
    Hilsen.

    • Hallo Oda, da stelle ich eben erst fest, dass ich auf deinen Kommentar nicht reagiert habe. Unnskyld! Wie lustig zu lesen, dass Ihr dieselben Erfahrungen gemacht habt :). Danke fürs Lesen und Kommentieren!
      Hilsen, Ulrike

  4. Hallo Ulrike,
    Du hast es geschafft! Ich werde jetzt jedes Mal, wenn jemand „Takk for sist“ sagt an Sex denken müssen. Toll! Wirklich super! Hoffentlich werde ich wenigstens nicht jedes Mal rot im Gesicht.
    Hilsen,
    Eva
    P.S. Was heißt denn nun „Danke für den letzten Sex.“? Nicht, dass ich als Strohwitwe so einen Satz jemals brauchen würde… reiner Wissensdurst! 😉

    • Hei hei du Ex-Strohwitwe 🙂 Habe deinen Kommentar gar nicht beantwortet, was nicht sehr nett war. Ich hoffe, du hast die Verbindung „Takk for sist“ und Sex wieder gelöst :). Liebe Grüße
      Ulrike

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