Von Speedhikern in der Nordmarka, Wanderungen mit 5km/h und geheimnisvollen Erdlöchern

Welch wunderschöner Herbsttag! Ich wandere im Wald unter goldgefärbten Blättern,  bleibe hie und da stehen, um mein Auge über die sonnengetränkte Landschaft wandern zu lassen, lausche dem Klang der noch nicht nach Süden gezogenen Vögel und….

RAWUUSCH!!!!!!!!! Wild stoben die Blätter auseinander, der Sog reißt mich einmal um die eigene Achse und ich frage mich: Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein!!!

Es ist ein norwegisches Rentnerpaar beim Wandern!

Hallo meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen!

Heute beschäftigen wir uns mit der Frage: Warum wandern Norweger, als wären drei ausgehungerte Bergtrolle hinter ihnen her?  Ich will nicht alle Norweger über einen Bergkamm ziehen: Natürlich gibt es auch ein paar, die entweder überhaupt nicht wandern oder es gemütlicher angehen lassen. Ich habe aber bereits drei Speed-Wandererlebnisse hinter mir, genug um stutzig zu werden und der Sache auf den Grund zu gehen.

Mein erstes Erlebnis liegt bereits einige Jahre zurück. Wir verbrachten unseren Urlaub in Südnorwegen und beschlossen einen Tagesausflug zum Preikestolen, der gewaltigen Felskanzel am Lysefjord. Der Weg vom Parkplatz auf die Aussichtskanzel ist nicht weit, aber für die 3km lange Strecke sollten wir, laut Reiseführer, 2 Stunden einplanen. Frohgemut wanderten wir über Stock und Stein. Ein norwegisch sprechendes Paar überholte uns im Stechschritt und wir fragten uns hämisch, an welchen Stein gelehnt wir sie weiter oben atemlos vorfinden würden. Nach einiger Zeit wurde der Weg immer weniger stockig und immer mehr steinig. Es galt große Felsbrocken zu überwinden, der Weg wurde steil. Ich wurde atemlos und beschloss mich mal an einen Felsen zu lehnen, um die Aussicht zu genießen. Mitten in meine Atempause brach das norwegische Stechschritt-Paar. Na, da mussten sie wohl doch umdrehen, was?, dachte ich. War ja auch ein Mördertempo. Ich lächelte die beiden an. Der Mann drehte sich zu mir und sagte auf Englisch: „Bald sind Sie oben! Die Aussicht ist heute wundervoll!“ Und stechschrittete davon, Richtung Parkplatz.  Ich sank an meinem Felsen herunter und fühlte mich, nun ja, …. gedemütigt.

(Für alle Interessierten: Ja, ich war oben und ja, es ist toll!)

Mein zweites Erlebnis nenne ich auch „Die verschwundenen Norweger“ und es fand in der Nordmarka oberhalb von Oslo statt: Während einer Wanderung vom wunderschönen See Songsvann zur Hütte bei Ullevålseteren überholten mich drei Norweger, erkennbar an ihrer kurzen, knappen und norwegischen Begrüßung. Der Weg führte zickzack durch den Wald, doch es gab kaum Möglichkeiten ihn zu verlassen. Die erste Wanderin überholte mich kurz vor einem Anstieg. Ich ließ ihr den Vortritt, stapfte dann selber hinauf und: Sie war weg. Der Weg lag einsam vor mir, rechts und links Bäume. Wo war sie?

An einer Weggabelung überholte mich kurz darauf ein weiterer Wanderer. Ich wusch mir kurz die Hände im Bach, stand auf und blickte den Weg hinunter, der vor mir lag. Leer. Menschenleer. Wandererleer. Wo war er?

Schließlich traf ich noch auf zwei Frauen, die sich gerne bereit erklärten Fotos zu machen, aber kurz darauf wie vom Erdboden verschwunden waren. Wo waren sie?

Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!!? Haben sie sich alle in die Büsche geschlagen, um Beeren oder Trolle zu finden? Sind sie durch einen schrecklichen Zufall des Universums alle in Erdlöcher gefallen und haben ihr Ziel nie erreicht? Wanderten wirklich alle vier, als wären sie auf der Flucht? Oder ist die Wahrheit ganz einfach: Wandere ich zu langsam?

Ich weise alle Schuld von mir und belege das extrem hohe Wandertempo der Norweger mit Fakten:

„40 trivelige turer i Oslo“ heißt ein Wanderbuch, übersetzt so viel wie „40 gemütliche Touren in (und um) Oslo“. Eine dieser gemütlichen Touren geht über 10 -12 km. Nun könnte man da schon sehr über den Begriff „gemütliche Tour“ diskutieren. Interessant wird es aber bei der Zeitangabe: Für die 10 Kilometer wurden in einer älteren Ausgabe des Buches 2 Stunden angesetzt. ZWEI! Durch die Nordmarka, über Stock und Stein. Mit 5km/h! Nun geht Ihr mal alle raus und versucht das. Und erzählt mir dann, ob das gemütlich war!

Nun wimmelt es natürlich in norwegischen Wäldern nicht nur von Speedwanderern. Und Nachfragen bei Einheimischen haben ergeben, dass die Norweger in drei Gruppen zu teilen sind: „There are three types of people using nature. 1. Those who hike….with camera,rucksack, bread and brown cheese in paper, picking mushrooms, listening to birds etc 2. Those who use the nature as their training studio either running or cycling 3. Us who do both……and…..we are always in conflict.” Das ist doch eine Aussage. Obwohl ich die Beschreibung des Speedhikers immer noch vermisse.

Solltet Ihr also mal wieder wandern und euch plötzlich ein Luftzug von den Hikingschuhen fegt, denkt Euch nur: War es ein Vogel? War es ein Flugzeug? NEIN, es war ein Norweger beim gemütlichen Wandern!

(Kleines Trivial-Quiz: Wer kennt die richtige Antwort auf „War es ein Vogel? War es ein Flugzeug?“)

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Wir gehen morgen in der deutschen Gemeinde unter Wasser: Im Kinderbibeltag dreht sich alles um Jona und den Wal. Ich bin gespannt!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, geht mal wieder wandern, lasst es ruhig angehen und freut Euch am Herbst!

Ha det bra,

Ulrike

Von Herbstanfang, Internetüberraschungen und Ärzten in Armani-Kitteln

Meine Güte, es ist fast schon September. In Oslo trollt sich der Sommer beschämt davon und der Herbst schmeichelt sich mit viel Sonne an seine Stelle. Herbst!! Bunte Blätter, mitreißende Stürme, Regenschirm und Gummistiefel stehen bald wieder auf dem Programm! Genauso wie verrotzte Nasen und schaurige Hustenattacken. Und das bringt mich zu einem neuen Thema über das Leben in Norwegen………..

HALLO MEINE LIEBEN LESER! Da sind wir wieder. Also Ihr und ich. Lange haben wir uns nicht gesehen! Ich hatte eine tolle Zeit in Deutschland, das gerade in der Woche, als ich dort war, beschlossen hatte, Saharaluft zu importieren. Aus der Sauna bin ich aber wohlbehalten wieder im kühleren Norwegen gelandet und konnte gleich einen Haken auf meiner „Ich lerne Norwegen kennen“-Liste machen. Ich war beim Arzt. Muss man ja auch mal machen. Während ich so im Warteraum saß, habe ich mir Notizen gemacht, um Euch von diesem Erlebnis und dem norwegischen Gesundheitssystem so gut wie möglich berichten zu können!

(Womit auch klar ist, dass ich nicht bettlägerig schwerstkrank war. Nur zu Eurer Beruhigung. Es ging um meinen Magen.)

Norwegen ist ein Sozialstaat, der jedem Bewohner Norwegens, sofern er registriert ist, das Recht auf kostenfreie medizinische Betreuung zusteht. Den zuständigen Hausarzt kann man entweder selber wählen oder bekommt ihn von der HELFO (Helseøkonomiforvaltingen…tolles Wort für Galgenraten!) zugewiesen. So einfach ist das mit dem Selbstwählen aber nicht: Der Arzt muss auch freie Plätze haben. Um festzustellen, ob der Lieblingsarzt noch Kapazitäten hat, kann im Internet eine Liste konsoltiert werden, die für Majorstuen beispielsweise gerade so aussieht:

https://tjenester.nav.no/minfastlege/innbygger/fastlegesokikkepalogget.do

Von den 51 ansässigen Ärzten in Frogner/Majorstuen haben nur noch 8 freie Plätze.  Ist der Lieblingsarzt dabei, kann der Wechsel gleich online vollzogen werden und, schwupps, ab dem nächsten Monat kann sich ein neuer Mediziner um den wertvollen Körper kümmern.

Da wir keine Erfahrung mit Ärzten in Oslo hatten und uns nicht auf unterschiedliche Empfehlungen verlassen wollten, haben wir gewartet, bis wir zugeteilt wurden. Nach ca. drei Monaten kam der Brief mit Name und Adresse unseres neuen Arztes. Gleich hier um die Ecke, na das nenn ich praktisch.

Und nun sollte ich ihn zum ersten Mal treffen.

Da ich ein Internetjunkie bin (und die Öffnungszeiten der Praxis erfahren wollte), googelte ich unseren Arzt also und erlebte einigen Überraschungen:

Erstens: Er war eine sie. Manche norwegischen Vornamen sind aber auch tricky.

Zweitens: Ich fand zwar keine Öffnungszeiten, aber erfuhr, dass meine Ärztin in 2009 knapp 1 Million NOK verdient hatte. (In Norwegen wird jährlich das Einkommen, Vermögen und die Steuerbelastung  JEDES Norwegers und Steuerpflichtigem in Norwegen veröffentlicht. Glaubt Ihr nicht? Hier: http://www.nrk.no/skattelister2009/kommune~oslo~0301/)

Drittens: Wütende norwegische Patienten hatten sich in einem Ärzte-Forum ihren Frust über unsere neue Ärztin von der Seele geschrieben und „frustrierte, verbitterte Kuh“ war eine der nettesten Beschreibungen.

Ja, gut………

Mit dem Bild einer männlich aussehenden, aber weiblich heißenden, verbitterten Kuh im Armani-Kittel vor Augen, machte ich mich auf den Weg in die Praxis.

Wo ich erstmal meine Schuhe ausziehen sollte. Also nicht zur Untersuchung. Nein, nein. Gleich beim Reinkommen. Norwegen ist das Mekka aller Hausschuhhersteller, denn kein privates Haus kann in Straßenschuhen betreten werden. Ist so. Gibt es bei uns auch nicht!

Aber beim ARZT?

Irritiert verließ ich meine Schuhe und stieg in ein, kurz vor dem Rentenalter stehendes, Paar blauer Pantoffeln. Vielleicht hat Frau Doktor einen Deal mit einem Fußpilzmedizinvertreter und ich wurde gerade das neueste Opfer?? Gottergeben schlurfte ich zum Warteraum. Der Armanihexe in Pantoffeln zu begegnen war mir nicht recht, und gerade, als ich dabei war, eine Strategie zu ersinnen, ertönte mein Name: „Ulrike?“.

Oho, meine Ärztin schien eine Vertretung zu haben, dachte ich erleichtert und schlurfte der netten, blonden Frau im regulären Arztkittel entgegen, die mir einen Platz anbot und sich vorstellte.

Und nun habe ich einen Rat an Euch alle, meine lieben Leser: Vertraut nie, NIEMALS, den Kommentaren im Internet. Alles Humbug. Irgendwelche Selbstdiagnose-Träger mit Selbstbewusstseinsknacks geben ihren Senf ab und dusselige Leute wie ich fallen darauf rein.

Meine Ärztin ist toll! Professionell, kompetent und freundlich. Was will ich mehr?

Auf Englisch arbeiteten wir uns durch die notwendigen Fragen, ich bekam mein Rezept und während Frau „Total nett und gar keine reiche Hexe“-Doktor tippte, blickte ich mich um. Und war verwirrt: Im Raum befand sich neben einer Untersuchungsliege auch ein Poster für Seh-Übungen und ein gynäkologischer Untersuchungsstuhl.

Es ist in Norwegen wie auf dem Land: Der Hausarzt ist für alles da. Augen- , Frauen- , Kinder- und Allgemeinkrankheiten.

Oha. Das musste ich erstmal verdauen. In einem Dorf hätte ich nichts anderes erwartet, aber hier in Oslo? Im Westend? Oha.

(In bestimmten Fällen scheint es die Überweisung zu Fachärzten zu geben, aber ob das ein Gerücht ist oder die Wahrheit habe ich noch nicht herausgefunden. Es gibt selbstverständlich Privatkliniken für alle, die dem System nicht ausreichend vertrauen.)

Wieder was gelernt.

Und Ihr auch! Toll so ein Blog, nicht wahr?

Mit meinem Rezept, vielen neuen Informationen und einer Quittung über die gezahlten 116 NOK verließ ich die Praxis. Eine anschließende Runde im Frognerpark machte klar, dass der Herbst wirklich da war: Das Frognerbad hat geschlossen, genauso wie eines der Cafes im Park. Statt 50 parkten nur noch gefühlte 25 Reisebusse am Haupteingang. Manche Spaziergänger trugen Stiefel und Schal, während andere den Sommer nicht loslassen wollten und tapfer in Shorts und Flipflops stiegen.

Herbst.

JUCHUUU!!!!!!!!!!!!!!!

ICH LIEBE HERBST!!!!

Lass den Sommer ruhig blöd sein, kümmert mich nicht!!

VELKOMMEN HǾSTEN!!!

Das war es, meine lieben in 7er-Gruppen hoffentlich schmunzelnden Leser! Danke, dass Ihr hier wart! Ich wünsche Euch eine tolle Woche, für mich beginnt Montag eine neue Runde Norwegisch-Kurs, an der ich Euch natürlich wieder teilhaben lasse.

Bis dahin liebe Grüße, schätzt mal wieder das deutsche Sozialsystem, genießt den Herbst und holt die Keksrezepte aus dem Schrank!

Ha det bra,

Ulrike

Von zugelassenem Heimweh, eingeschweißten Zucchini und der lang ersehnten Fødselsnummer

4 Wochen sind wir heute schon in Oslo, die Zeit rast. Pünktlich zu diesem Jubiläum habe ich heute Heimweh. Blöd, oder? Rotzheulendes, taschentücherschleuderndes und norwegische-Flaggen-angiftendes Heimweh. Die anerkannte Reaktion wäre jetzt, den ganzen Rotz herunterzuschlucken, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen und vorzugeben, alles wäre toll. Das zeigt wahre Stärke, sagt man.

Blödsinn, sage ich.

Menschen, die ständig vorgeben alles unter Kontrolle zu haben, Probleme weglächeln und die Schlechtigkeit der Welt nicht an sich heranlassen, sind nicht stark, sie sind schwach. So einfach ist das. Wer nicht zugeben kann, dass die Stimmungslage auch mal bescheiden ist, wer nicht mal heulend Freunde oder Familie nachts aus dem Schlaf reißen kann, der bekommt vielleicht Punkte auf der „Knigge-Benimm-Liste“, verliert aber auf der „Ich-bin-ein-Mensch-Liste“.

Finde ich.

Deshalb also nun: ICH HABE HEIMWEH! Ich vermisse mein Zuhause oder das Zuhause-Gefühl und meine Katze und alle meine gewohnten Dinge und Wege. Ganz schrecklich gerade! *Prust*

Fertig. Besser. Danke.

War gar nicht schlimm, oder?

Hallo? Seid Ihr noch da?

Ich bin wieder ok, versprochen!

Nun zu den guten Nachrichten:

Wir haben unsere Fødselsnummern!!! Wir sind offiziell im System des norwegischen Staates und dürfen jetzt hier fast alles machen, was normale Menschen machen dürfen..und wollen. Konto eröffnen. Telefon beantragen. Sprachkurs beginnen. Und eben weitere spannende Dinge, die man nur darf mit der Fødselsnummer.  Was auch immer das ist…wir werden es heraus finden. Nun fehlt nur noch die Lohnsteuerkarte, auf die wir sehr warten, denn norwegische Firmen machen kurzen Prozess mit Angestellten, die (unverschuldet oder nicht) keine Lohnsteuerkarte vorweisen können. Steuerabzug: 50%. ZACK! AUA!

Wir rutschen also immer mehr hinein in das norwegische Leben, machen neue Freunde und fühlen uns Stück für Stück mehr zuhause. Aber manchmal eben doch nicht. Da stellt sich die Frage: Was macht ein Zuhause aus? Die vertrauten Möbel? Die gemeinsamen Erlebnisse? Für mich ist immer da zuhause, wo Martin ist und trotzdem stellt sich manchmal das Heimweh ein. Was meint Ihr? Was macht eine Wohnung zu einem Zuhause? Was macht ein Land zu einer Heimat?

Was ist denn heute los? Diese philosophischen Fragen, das ist ja lästig. Soll doch lustig sein hier! Also jetzt mal alle zusammenreißen, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser! Trööööööööööööööt! Hier kommt was Lustiges: „Nighttime, Daytime!“ „Alan! Alan!“

http://www.youtube.com/watch?v=f-Kt_kuYVtU&feature=related

Zu lustig fällt mir natürlich spontan die norwegische Sprache ein und unsere kleine Aufgabe vom letzten Mal. Romana hatte den Barberhøvel brilliant gelöst, scheiterte aber am Hestkuk. Ich teile die Worte auf: Hest ist das Pferd und kuk(k) ist ein … nun ja…sind Kinder anwesend?….sagen wir es höflich…ein…männliches Geschlechtsorgan. Zusammensetzen müsst Ihr schon selber! Unsere Kenntnisse der norwegischen Sprache nehmen also Tag für Tag zu und wir verstehen schon etwas mehr als ein ständiges „snöselbrödsnags“, was allerdings auch sehr unterhaltsam ist. Die Norweger halten uns bestimmt für fröhliche Menschen, da wir in ihrer Gegenwart so oft lachen müssen. Diesen Eindruck hatte ich bei einem älteren Paar, in dessen Nähe wir auf der letzten Wanderung den Weg entlang liefen. Ich verstand wirklich nicht mehr als „snöselsnags“ und war nur am Kichern, was natürlich Martin angesteckt hat und so gnickerten wir uns durch die Natur. Die schöne, schöne Natur. Deren Schutz den Norwegern wichtig ist, so versicherte man mir.

Wirklich?

Hm.

Ich poste mal ein Foto, das ich von einem Bürogebäude bei uns gegenüber aufgenommen habe.

Nichts besonderes, richtig? Ein gut beleuchtetes Bürogebäude am frühen Abend. Schließlich müssen die Mitarbeiter auch sehen können.

Das Foto habe ich letzten Freitag gemacht. Um 22 Uhr.

Samstags wird dort nicht gearbeitet.

Sonntags auch nicht.

Und wir haben hier viele, viele Bürogebäude und alle sind so schön beleuchtet.

Ähnlich verwirrt stehe ich täglich im Supermarkt in der Gemüseabteilung. Jede Zucchini oder Paprika beispielsweise ist einzeln verpackt in Plastikfolie. (Ein Hallo an Babs an dieser Stelle!) Plastiktüten werden großzügig und kostenlos an der Kasse verteilt. Ökoputzmittel werden für Machwerke des Teufels gehalten und Mülltrennung existiert, ist aber noch im Anfangsstadium. Jedenfalls habe ich Gerüchte gehört, dass sie existieren soll. Ich habe lange Expeditionen in die Untiefen unserer Kellerräume unternommen, um die Müllbehälter für Recycle-Müll zu finden, aber da war nichts. Glas, Pappe, Rest. Nach Augenzeugenberichten lassen Norweger auch gern mal den Kühlschrank offen, wenn sie kochen (ist praktisch!) und das Licht auszuschalten scheint ein Symbol für Armut zu sein. Wie ist das möglich??

Der Großteil der zu nutzenden Stromenergie hier im Land wird durch Wasserkraft erzeugt. Das macht den Strom nicht nur günstig, sondern nach norwegischen Ansichten auch sauber. Norwegen verzichtet vollständig auf Kernenergie. Wahrscheinlich sehen sich die Norweger schon als „grünes“ Land und klar, da ist was dran. Aber das entschuldigt keine Stromverschwendung. Es juckt mir jeden Abend in den Fingern, die zahlreichen, unbenutzten Lichtschalter zu drücken, die in meiner Nachbarschaft auf Arbeit warten. „Drück mich!! DRÜCK MICH!“ schreit es mir entgegen. Und wie gerne würde ich sie drücken, vor allem, da mir die Büroflutlichtanlagen Nacht für Nacht ins, schon gut verhängte, Schlafzimmerfenster knallen. Falls es denn überhaupt Lichtschalter gibt. In unserem ökologisch wertvollen Wohnkomplex gibt es beispielsweise keinen Schalter für das Flurlicht. Ist halt immer an. Duh??

Auf der anderen Seite scheinen Norweger bereits mit einem tiefen Respekt und einer großen Liebe für die Natur auf die Welt zu kommen. Wandern, Bootfahren, Skifahren sind ein wesentlicher Bestandteil des norwegischen Lebens und viele Norweger besitzen eine „hytte“ in den Bergen oder an einem See, in der, teilweise sehr rudimentär ausgestattet, die Natur genossen wird.

Ein Rätsel also, warum der Umweltschutz hier nicht alltäglicher ist.

Natürlich setzt die der norwegische Staat für den Umweltschutz ein: Eine Ökosteuer auf Benzin existiert, der Nahverkehr bekommt enorme Subventionen und bis 2030 will das Land klimaneutral sein. Ministerpräsident Stoltenberg meinte allerdings auch, es werde „Zuckerbrot und Peitsche benutzt“, um den Norwegern ein stärkeres Umweltbewusstsein anzuerziehen. Und das ist nötig. Wäre Norwegen so dicht besiedelt wie Deutschland, gäbe es hier bereits enorme Probleme.

Ist es aber nicht.

Verläuft sich alles irgendwie.

Trotzdem!

Norweger, die Ihr mich hört: Der Letzte macht das Licht aus!!! Wortwörtlich!

Ist schon komisch, wie dieses Umweltverhalten in uns bereits verankert ist. Licht aus, Papier trennen, Plastik sortieren. Vielleicht etwas typisch deutsches? So wie Pünktlichkeit, Effizienz und Nörgeln.

DOCH!

SEID EHRLICH ZU EUCH!

Wir sind manchmal ein Volk der Nörgler und Besserwisser. Es freut uns tierisch, jemanden verbessern zu können oder uns zu echauffieren, weil jemand etwas falsch macht/falsch sagt/anders macht/anders sagt als wir es tun und denken. Dabei fühlen wir uns überlegen und in Kontrolle. „Ätsch!“ sagt der kleine böse Teufel in uns. „Ich bin besser als du!“ Ist mir so noch bei keinem anderen Volk aufgefallen und ich setze es damit auf die Liste der typischen deutschen Charaktereigenschaften. Vielleicht lebt sie nicht jeder aus. Aber es ist da! Doof irgendwie.

Was macht Norweger norwegisch?

Ich werde es herausfinden und in zwei Wochen darüber berichten. Nächste Woche trage ich meine etwas heimwehgeplagte Seele in die alte Heimat, feiere die Konfirmation meines Patensohn, mache mit meiner Mutter Hildesheim unsicher (Hallo Mama!) und versorge Martin und mich mit Schokolade, Schokolade und Schokolade für die nächsten Monate!

Damit komme ich zum Ende meiner verwirrenden Gedankenversammlung und habe ein ganz besonderes Schmankerl meiner Freundin Imke aus Hannover. Irgendjemand hat sich meinem Anti-Geitost-Protest angeschlossen und einen tollen Weg gefunden, Norwegen Geitost-freier zu machen.

Wir schicken das Zeug einfach nach Deutschland!!!

BRILLIANT!!

Danke fürs Zuschicken, Imke! Euch allen ein dickes Danke fürs Kommentieren hier oder auf facebook. Das freut mich wirklich sehr! Und wenn Ihr irgendwas findet, das hier in den Blog sollte, dann schickt es mir!

Das wär es also für heute. Ich wünsche Euch zwei tolle Wochen, genießt Euer Zuhause, lasst auch mal Schwächen zu, esst ein Stück Schokolade für mich und macht abends das Licht aus!

Bis dahin, meine lieben Leser!

Ha det bra!