Justin Bieber is in town!!! ODER Warum in Oslo der Bus nicht fuhr.

thelocal.no

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Oslo ist auf dem Weg der Besserung. Der Busverkehr läuft normal, die Polizei widmet sich Taschendieben und Mördern, die kreischenden Mädchen sind zurück in der Schule und an Tjuvholmen können Touristen und Einwohner in Ruhe Kaffee trinken. Die Stadt hat den größten Schock des Jahres überwunden. Justin Bieber ist abgereist.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Lange habe ich überlegt, ob ich mich diesem Thema widmen soll, aber da die Nachrichten über „das Konzertereignis 2013 in Europa“, drei Justin-Bieber-Konzerte in Oslo, schon bis nach Deutschland gedrungen sind, konnte ich nicht widerstehen.

Justin Bieber also.

Gibt es irgendwen, der von dem kanadischen Jungenwunder noch nicht gehört hat? Dann hier eine Kurzbeschreibung: Justin Bieber, 19 Jahre alt, kanadischer Sänger, bekannt geworden übers Internet.

@Universal Music Norway

@Universal Music Norway

Das Problem ist: Ich kann mir so gar kein Urteil über ihn erlauben, da ich außer seinem Gesicht auf Kissen oder Unterhosen nichts von ihm weiß. ABER: Ich kann mich ja bilden. Und zwar live, jetzt hier mit Euch. Es folgt also live aus Oslo, um 12.42 Uhr Ortszeit: Ulrike hört den ersten Song von Justin Bieber. Als erstes: Youtube aufrufen…J u s …ok Youtube weiß sofort, was ich will. Ich klicke auf „Justin Bieber“. – Oh Gott, ob ich jetzt für immer und ewig im Internet gespeichert bin als Bieber-Sucher?? Hilfe! Kann man hier irgendwo eine extra Bemerkung eingeben wie: „Ich suche das aus professionellen Gründen?“ oder „Haha, nur ein Scherz!“, bitte? Nee, geht nicht. OK. Egal.

Welchen Song nehmen wir denn? „As long as you love me“ steht zur Auswahl, „Boyfriend“ oder „Beauty and a beat“. Diese Poetik. Doll. Aber ich will ja ganz offen rangehen. Der Junge sieht nach nichts aus, da muss doch wenigstens die Musik gut sein, oder? Also ich nehme……„As long as you love me“…los geht’s!

Okay.

Oh.

Ohweh.

Ohwehohwehohwehautsch.

Ich bin mir nicht sicher: Ist er vor oder nach dem Stimmbruch? Warte, 19 Jahre alt, nee das sollte erledigt sein, ok, gut, manche Männer haben eben hohe Stimmen.

Männer…kicher.

Also, mein erster Eindruck: Zähne zu weiß, Lächeln zu nett, Bescheidenheit zu gespielt, aber alles in allem – es gibt Schlimmeres. Das Video ist von den Teen Awards in Großbritannien und Justin singt unplugged und live, nur von einer Gitarre begleitet. „As long as you lo-lo-lo-lo-love me…“ und ab geht’s in die hohen Töne wie ein Affe auf die Palme. Immerhin kommt er oben an. Wo sind meine Sängerfreundinnen, wenn ich sie brauche? Für mich hört sich das ganz okay an, Pavarotti wird er nicht, aber naja wie gesagt – es gibt Schlimmeres. Lied ist sterbensöde, wechseln wir mal zum nächsten Lied auf der Liste.

„Boyfriend“.

Hm.

Oha.

Ohahahaha.

Nun rappt er.

Oho.

Oh…der TEEEEEEEXTTTTTT!!!!

„Swag, swag, swag on you/Chillin‘ by the fire while we’re eatin’ fondue”. Als Rap. Ich liege lachend auf dem Schreibtisch. Wunderbar. Wer textet das um Himmels Willen? Aber ich gebe nicht auf, aller guten Dinge sind ja drei und ich wähle nun ein letztes Lied aus, nämlich „Beauty and a beat“, einfach weil der Titel so unterhaltsam ist.

Ok, ich begreife langsam ein Muster. JB (so nennen ihn seine Fans, jahaaa, ich kenn mich aus!) startet immer mit etwas Gestöhne, was verständlich ist bei dem Text, den er gleich singen muss. Dann folgt ein bisschen „oh-ho-oh-youhou“, ein weiterer Versuch, dem Text zu entgehen. Dieser Song ist von seinem Akustikalbum und ja, ist doch ganz nett. Oder um einen Fan zu zitieren: „I am a guy (straight) and (…) his acoustic album is very good“. Jungen müssen sich also als heterosexuell deklarieren, wenn sie Justin Bieber hören. Was ein nicht ganz dummer strategischer Zug ist, denn wie kann man das Herz eines Mädchens schneller gewinnen, als die Musik ihres Idols zu kennen? Vielleicht sogar zu singen? Wie romantisch. Aber ganz ehrlich: Es gibt schlimmere Musik. Diese hier schwingt harmlos durch die Gehörgänge, manches bringt den Fuß zum Wippen,  nichts beleidigt, nichts begeistert, es ist wunderbar nichtssagend. Finde ich. Auf jeden Fall scheint es den Nerv und das Herz vieler Teenager zu treffen. Das kann Bach nicht von sich behaupten. Immerhin.

Beschäftigen wir uns kurz mit den weiblichen Fans, die in der letzten Woche die norwegische Hauptstadt übernommen haben. Viele kamen mit ihren Müttern, was zwar irgendwie uncool ist, aber in der Altersgruppe gesetzlich vorgeschrieben. Um ihrem Idol so nahe wie möglich zu sein, haben sich Mädchen in allen drei großen Hotels in Oslo ein Zimmer gebucht und dafür ihre Ersparnisse oder ihr Konfirmationsgeld aufgebraucht. Bereits um 7.30 Uhr morgens standen sie im strömenden Regen vor der Telenor –Arena in Fornebu, um die besten Plätze in der Halle zu bekommen. Mein Außenkorrespondent Martin berichtete live jeden Morgen davon auf seinem Weg ins nahe gelegene Statoil – Büro. Polizei und Rotes Kreuz waren in Alarmbereitschaft und kreischende Mädchen gehörten für drei Tage zum Stadtbild. Sie kamen mit Shuttlebussen aus ganz Norwegen angereist, und fürchteten sich nur vor einem: Dass das Konzert und ihre Begegnung mit JB vorüber ist.

Ohje.

Ich bin definitiv zu alt für sowas. Wie mit der Hoffnung der Mädchen, ihr Idol wirklich zu treffen, gespielt wird; wie diese Hoffnung in jedem Song, in jedem Fan-Artikel vermarktet wird; das finde ich unglaublich. Unverantwortlich. Unverschämt. Warum es funktioniert? Ich habe nicht die geringste Ahnung. (An dieser Stelle freue ich mich über Kommentare von Bieber-Fans, die mir das mal erklären!) Aber ich bin ja auch nicht 13. Wahrscheinlich steckt dahinter viel mehr, ein soziales Dilemma, ein Bedürfnis nach Nähe und Liebe und so.

Naja, oder auch nicht.

Vielleicht besitzt Justin eine magische Ausstrahlung, die Mädchen einfach in seinen Bann zieht. Ich suche mal ein Interview. Moment. Ah, da ein ganz langes Interview aus Chicago. Talkshow-Königin Oprah Winfrey interviewt Justin Bieber. Dann mal los.

Nein, geht nicht, ich muss ausschalten. Ein Interview mit Justin Bieber geführt von Oprah Winfrey ist einfach zuviel für mich. Ich lerne allerdings: JB ist der am meisten gesuchte Begriff bei Google, er hat 30 Millionen „followers“ bei twitter, verdient über 100 Millionen Dollar jährlich und all das, weil seine Mutter ein Video ihres 12jährigen Sohnes auf youtube gepostet hat. Scooter Braun, Musikagent, entdeckt die Videos, reist nach Kanada und der Rest ist Geschichte. Oprah Winfrey nennt Bieber in einem Atemzug mit Elvis, den Beatles und Michael Jackson. Der Superstar seiner Generation. Das Ausmaß seines Erfolgs ist unglaublich und so sehr ich auch versuche, mich darüber lustig zu machen: Er ist ein globales Phänomen. Mit einem verdammt intelligenten Marketingteam. Ich frage mich, wann er Zeit und Ruhe hat, die ganzen Dinge zu erleben, von denen er in höchsten Tönen singt. Fans, Medien, Manager ziehen und zerren an ihm, wollen ihn als Sexsymbol, Popstar und Verkaufsschlager. Lächeln soll er, sexy sein und immer schön die Haare schwingen und dann Texte wie „As long as you love me, we could be starving“ singen.

„You know girl, we know it’s a cruel world.“

Wohl wahr. Die Welt ist brutal im Show-Business.

Ganz tief in meinem Innern regt sich so etwas wie Mitleid. Für einen Jungen, der momentan nicht raus kann aus dieser Welt, die ihn produziert hat und nun verfolgt und googelt, kritisiert und verhöhnt, bewundert und verlacht für etwas, das er vielleicht gar nicht ist. Für einen ganz kurzen Moment…

Schon vorbei!!!

Mal ehrlich, ist doch albern, worüber will sich ein 19jähriger beschweren, den Millionen von Mädchen sexy finden, der Tonnen von Geld verdient und die ganze Welt bereist? „I am really only a normal guy, who tries to fit in“, erklärt er Oprah, die anerkennend nickt. Oh biiiiiiitte! Einfach mal wieder in Ruhe essen gehen wünscht er sich.

Na, dann komm nicht nach Oslo, Justin! Hier klappt das unter Garantie nicht. Hier stoppt sogar eine ganze Buslinie, wenn du kommst. Bleib‘ lieber in den USA, okay? Or in Canada, eh?

Mit diesen weisen Worten will ich für heute enden, meine lieben Leser. Der Versuch, Euch und mich in Popkultur zu bilden, hat Spaß gemacht. Oder? Hallo? Ist überhaupt noch wer von Euch da, oder habe ich Euch alle verjagt? Ich bin jetzt wenigstens auf dem neuesten Stand und vielleicht sollte ich mir wirklich mal ein JB-Konzert angucken, was denkt Ihr? Darüber ließe sich bestimmt wunderbar bloggen!! Vielleicht nächstes Jahr!

Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und eine schöne Woche. Wir gehen morgen zur Mathalle (Essenshalle, so eine Art Markt) in Grünerlokka und freuen uns auf dänische Delikatessen. Der Rest der Woche wird ruhig, ich übersetze weiterhin die spannende Krimistadtführung von Freund Benjamin in Berlin – ein echter Spaß! Meine Grüße gehen diese Woche an meine Freundin Silvi, die sich nach ihrer Handoperation auskuriert. Halt durch!!!

Lass es Euch gut gehen bis nächsten Freitag, erforscht mal ganz neue Dinge, bleibt immer offen und begrüßt den Frühling.

Ha det bra,

DSCN1846

Ulrike (und Justin)

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7 Kommentare zu “Justin Bieber is in town!!! ODER Warum in Oslo der Bus nicht fuhr.

  1. Also laut der 13-jaehrigen, die ich nach dem Donnerstag-Konzert in Empfang genommen habe war es „the best concert ever!“, anscheinend weil er eine gute Show abgeliefert hat und gut tanzen kann. Merchandise fand aber sogar sie als norwegischer Teenager mit scheinbar unlimitiertem Budget zu teuer 🙂 Und ich persoenlich bin froh dass Fornebu nicht mehr wie ein Katastrophengebiet abgeriegelt und der ganze Spuk vorbei ist 🙂

  2. Hahahaha, danke, ich habe beim lesen so viel gelacht wie lange nicht… 😉
    Im Gegensatz zu dir habe ich mich bisher sämtlichen „Liedern“ dieser Katastrophe verweigert. Als jemand der auf Konzerte von Genesis, Grönemeyer, Toten Hosen, Wise Guys ……………. und anderen Künstlern geht, die ihre Lieder selbst schreiben und durch harte Arbeit zu Stars wurden, verweigere ich mich (zumindest den weitaus meisten) den „Retorten-Castingsshow-Internethype-„Stars“ die seit einiger Zeit durch die Musikwelt geistern.
    Zu Herrn Bieber selbst: Eigentlich kann er einem Leid tun, seine Jugend hat er in dem erbarmungslosen Musik-Buisness verbracht und ist unter ständiger Medienbeobachtung. Wenn das so weiter geht, hat er große Chancen im „Club der 27er“ zu landen.

  3. *lol* Du Arme! Zum Glück hast Du uns aufgeklärt und ich brauche daher keine Songs von JB zu suchen, um zu wissen, das ich dafür zu alt bin. Ich glaube, für so etwas war ich schon immer zu alt. Auch mit zwölf oder 13.

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