Babypause 2 ODER Gesa ist eine ungewöhnliche Wahl…

 

Aus unserem kleinen, illegalen Einwanderer (= unserer Babytochter) wird Schritt für Schritt ein Mitglied der norwegischen Gesellschaft. Skatteetaten, das norwegische Finanzamt, hat mir heute um 4.09 Uhr eine „Aufforderung zur Namensgebung des neugeborenen Kindes“ per SMS zugeschickt. Da ich momentan zu dieser Zeit eh immer wach bin (Schlaf ist ja völlig überbewertet), gab ich umgehend zur Antwort, dass das „neugeborene Kind“ Gesa Vibeke Niemann heißen soll. Immer noch bin ich ganz begeistert von dem Namen!!! Gesa Vibeke….sooo schön!! Gut gewählt haben wir da, denke ich, ganz prima gemacht.

Das emotionslose Eingabe-Programm des Finanzamtes teilt meine Begeisterung allerdings nicht, sondern holt mich auf den Boden der norwegischen Tatsachen zurück. „Gesa“, so lese ich verwirrt, sei eine ungewöhnliche, dem Programm unbekannte, Namenswahl für ein Mädchen. „Sind Sie sicher, dass kein Schreibfehler vorliegt?“ – Ja, äh Danke, eigentlich schon. Ich tippe erneut „Gesa Vibeke“ in das mittlerweile alarmierend rot umränderte Feld auf dem Bildschirm. „Gesa ist eine sehr ungewöhnliche Namenswahl für ein Mädchen. Sind Sie sicher…..?“ Langsam werde ich unruhig. Muss ich meiner süßen Gesa jetzt einen anderen, norwegisch kompatiblen, Namen geben??? Ein Sternchen auf der Seite hilft weiter. Um den gewünschten (= total merkwürdigen unnorwegischen) Namen genehmigt zu bekommen, soll ich eine schriftliche Begründung zur Namenswahl abgeben. Herregud!!!!! Ich schreibe also, dass es sich bei „Gesa“ um einen norddeutschen Namen handelt, den die beiden Elternteile ausgewählt hätten, da sie selber deutsche Staatsbürger sind. Logisch, oder? Aber reicht es dem strengen Programm?

Nach kurzer Bearbeitungszeit teilt mir das Programm mit, meine Anmeldung sei akzeptiert. Eureka!!!

Nun werde sie dem Kindsvater zur Verifizierung geschickt.

Was??

Mir traut hier aber auch keiner!

Wahrscheinlich, beruhige ich mich und mein Ego, hat das Finanzamt schlechte Erfahrungen mit Müttern gemacht, die im Babyblues ihre Kinder Apple, Blanket, Hazel oder Kevin genannt haben und mit aufgebrachten Vätern an den Toren des Finanzamtes,  die mit der Wahl leben mussten.

Glücklicherweise bestätigt Martin meine Angaben und nach einem erneuten Klick landet das Formular im (hoffentlich) sicheren Dateneingang des norwegischen Finanzamtes. Das Ganze hat nicht länger als 10 Minuten gedauert, konnte im Nachthemd am Küchentisch erledigt werden und neben einem offiziellen Namen hat Gesa nun auch eine sogenannte Fødselnummer oder Personennummer und ist Teil des norwegischen Systems. Sechs Monate hätten wir uns mit der Namensgebung Zeit lassen können, aber ohne Namensgebung keine Geburtsurkunde und ohne Geburtsurkunde kein deutscher Pass und ohne deutschen Pass keine Reise nach Deutschland. Irgendwo dazwischen müssen wir noch, da Ausländer, zum UDI (Utlendingsdirektoratet/Ausländerbehörde), aber leider habe ich die Email gelöscht, die mir die Prozedur erklärt hat und somit kann ich EUCH das gerade nicht erklären, aber so lange Ihr nicht unbedingt sofort heute ein ausländisches Kind beim UDI anmelden wollt, eilt das ja auch nicht. Oder?

Das war es für heute, nächste Woche kehrt der Blog in gewohnter Länge zurück aus der Babypause und beschäftigt sich mit dem Thema: „Rosa muss sein?? ODER Das ist aber ein süßer Junge!“ Angeregt wurde ich zu dem Thema bei einem supernetten Kaffeeplausch hier in Oslo, danke Suzanne und Ingrid, nicht nur für den Plausch und die Idee zum Rosa-Blog, sondern fürs Blog lesen und mich kontaktieren!!! 🙂

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, genießt den Spätsommer und lasst Euch nicht von komischen Systemen verwirren.

Ha det bra,

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Ulrike

 

Undercover auf Wohnungskauf in Oslo ODER Hahahaha, WIEVIEL soll die kosten???

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Die Reaktionen sind meistens ähnlich: Verständnisvolles Nicken, betretenes Schweigen oder ein Aufschrei der Empörung. „WAS macht Ihr?“ Als wir neu in Norwegen waren, hat uns gerade die empörte Reaktion verunsichert. „Ja, aber das ist doch ganz normal!! In Deutschland machen das ganz viele…“ Ungläubiges Kopfschütteln der norwegischen/skandinavischen Bekannten folgte. Worum geht es hier? Unsere politische Einstellung? Eine ungewöhnliche Freizeitgestaltung? Tischsitten? Nein.

Es geht darum, dass wir unsere Wohnung…mieten.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Eine Wohnung oder ein Haus zu mieten ist in Skandinavien (fast) verpönt. Studenten wird es noch nachgesehen, aber jeder halbwegs etablierte Erwachsene hat gefälligst zu kaufen. Laut SSB, dem Statistikbüro Norwegen, besitzen fast 80% der Norweger ein Haus oder eine Wohnung (oder beides). Laut Eurostat liegt das skandinavische Land damit auf Platz 9 im europäischen Vergleich. Auf dem ersten Platz im Wohneigentum: Rumänien mit 96%. Auf dem letzten: Deutschland mit 46%. In keinem Land Europas ist der Anteil der Eigentümer so gering wie in Deutschland.

Warum?

Das Thema beschäftigt seit Auftauchen der Statistik die Gemüter (Wer ist schon gern Letzter?). Zwei Gründe scheinen für die hohe Anzahl an Mietern in Deutschland ausschlaggebend zu sein: Zum einen Geschichte und zum anderen der Finanzmarkt. Im zweiten Weltkrieg zerstörten die Alliierten einen großen Teil des Wohnraums in Deutschland und nach Kriegsende fehlten über vier Millionen Wohnungen für die Zerbombten und Vertriebenen. Statt aber Kredite für Hausbau oder Hauskauf zur Verfügung zu stellen, förderte der Staat in den 50er Jahren den sozialen Wohnungsbau. Später wurde der Mietmarkt privatisiert und die Investition in Mieteigentum lohnend. Heute herrscht in Deutschland eine gut funktionierende Mietkultur. Auch, wenn manche Städte wie München nicht genug Wohnraum bieten, ist der Mietmarkt in Deutschland, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, groß und gut reguliert.

Im Ausland (Horrorbeispiel USA) bieten die Banken Menschen mit niedrigem oder unregelmäßigem Einkommen Kredite an – nicht so in Deutschland – und ermöglichen sogenannte Nullfinanzierungen. In Deutschland liegt der Eigenkapitalanteil, wenn ich mich nicht täusche, bei 15 bis 20 %.  Der deutsche Finanzmarkt bestimmt also indirekt die Anzahl von Mietern und Eigentümern. Und gerade das vorsichtige Verhalten der Banken hat uns irgendwie erzogen. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bekomme allein bei der Vorstellung hoher Schulden/Kredite mit einer Laufzeit von 25 Jahren das blanke Panikgefühl.

Fazit ist also: Mieten in Deutschland ist geschichtlich und ökonomisch geprägt, völlig akzeptiert und ob wir nun auf dem letzten Platz der Statistik stehen oder nicht, wen kümmert es?

Ganz anders, wie gesagt, in Norwegen. Mieten bleibt hier größtenteils Studenten und Ausländern vorbehalten, aber auch die verwandeln sich irgendwann in Eigentümer. Die meisten Mietwohnungen stehen in Oslo in den Vierteln zur Verfügung, in die es viele Studenten/ (gutverdienende) Ausländer zieht: Majorstuen, Frogner, Grünerløkka. Die Mietpreise sind horrend und viele Wohnungen werden darum als WGs vermietet. Kaum ein WG-Zimmer in den beliebten Wohnbezirken kostet unter 5000,- NOK, umgerechnet rund 625,- Euro. Mieten ist für viele eine vorübergehende Notsituation, bis man irgendwann den ersten Schritt auf den Eigentumsmarkt wagt.

„Wie läuft das wohl ab, so ein Wohnungskauf?“ habe ich mich gefragt. Viel hatte ich vor allem schon über die notorische budrunde gehört und gelesen, die Gebotsrunde, die im technischen versierten Norwegen via Email oder SMS abläuft. Viel wurde mir erzählt von völlig überteuertem Eigentum, von Häusern, die für mehrere Millionen über Einstiegswert verkauft wurden. Zu gern würde ich ja mal an so einem Verkaufsablauf teilnehmen. Einfach so, just for fun.

„Ja, mach doch!“ antwortete mir Freundin Anne beim gemeinsamen Kaffee. Ich müsste mich einfach nur in eine ausliegende Liste bei einer visning (Besichtigung) eintragen und schon würde ich über alle abgegebenen Gebote per SMS informiert.

Echt? Einfach so? Toll! Nichts wie hin!

Noch am selben Tag sitze ich also vor dem Computer und suche nach möglichen Kaufobjekten. Die in Norwegen wichtigste Internetseite für den Wohnmarkt heißt finn.no, ich bin hier regelmäßig zu Besuch und gucke nach Mietwohnungen. (Nächstes Jahr wollen wir umziehen und ich will auf dem Laufenden bleiben, aber das nur nebenbei.) Statt aber bolig til leie (Wohnraum zu mieten) anzuklicken, wähle ich diesmal bolig til salgs (Wohnraum zu verkaufen). Dann erkläre ich finn.no, dass mich Wohnungen mit drei Schlafzimmern und Balkon in Uranienborg und Majorstuen interessieren, also in nächster Umgebung.

Klick.

20 Objekte erscheinen auf dem Bildschirm, unter ihnen ein sogenanntes townhouse mit 239m² für 25 Millionen Kronen. Na, wir wollen es ja mal nicht übertreiben. Um DAS Haus zu besichtigen, muss man wahrscheinlich vorher sämtliche Finanzen offen legen und zum Lügendetektortest. Ich klicke mich von Eigentum zu Eigentum und entscheide mich schließlich für eine Wohnung im Camille Collett vei, einer meiner Lieblingsstraßen in Oslo. Die 78m² Wohnung wird für 4.090.000,- NOK angeboten, umgerechnet rund 510.000,- Euro. Ein Schnäppchen in dieser Gegend. Das visning ist am kommenden Sonntag zwischen 12 und 13 Uhr und offen für alle Interessierten. Die angezeigten Bilder sehen vielversprechend aus, die Wohnung wirkt gepflegt und gut in Schuss. Nichts wie hin da!

Am darauffolgenden Sonntag machen wir uns gut gelaunt auf den Weg. Der Camille Collett vei liegt 15 Minuten Fußweg von uns entfernt, mitten in Frogner und besteht größtenteils aus gut erhaltenen, wunderschönen Altbauten. Das Haus in dem „unsere“ Wohnung liegt, ist häßlich wie die Nacht, aber vom Balkon hat man einen wunderbaren Blick auf einige der schönsten Häuser der Straße. Und wie oft sitzt man schon VOR dem eigenen Haus und guckt es an? Kurz vor dem Ziel werden wir von zwei energischen Paaren in den 50ern überholt. „Ich wette, die gehen auch zum visning“, sage ich zu Martin. Ein blaues Schild der Maklerfirma hilft uns den Eingang zu finden. Die Haustür ist verschlossen, aber auf dem Klingelschild der 2. Etage klebt ein Zettel mit dem Namen des Maklers. Nach einem Augenblick surrt der Türöffner und wir klettern die Treppen hinauf.

Reges Stimmengewirr dringt durchs Treppenhaus, die Tür der Wohnung im 2. Stock ist angelehnt. Rund 15 Leute sind anwesend, zwei weitere drängeln sich schon wieder an uns vorbei nach draußen. Nonchalant, als würden wir uns täglich Wohnungen für 510.000,- Euro  angucken, treten wir ins Wohnzimmer und mein erster Blick fällt auf die beiden energischen Paare von der Straße. Ha, hab ich doch gewusst, dass wir die hier wiedersehen. Im Wohnzimmer flätzen sich zwei gelangweilte Kinder auf dem wollweißen Stoffsofa, während ihre Eltern kritisch den offenen Kamin betrachten. Wir gehen ins angrenzende Schlafzimmer und blicken uns um. Und lernen, dass Fotos, im richtigen Winkel aufgenommen, über vieles hinwegtäuschen: Die Fenster sind alt mit brüchigen Rahmen, die Heizungskörper anscheinend aus dem Baujahr des Hauses 1931. Der begehbare Kleiderschrank könnte noch nicht mal als „shabby chic“ oder „retro“ verkauft werden und die Farbe der Fliesen im angeschlossenen Badezimmer treibt mir das Wasser in die Augen.

Ich will meinen Augen eine Erholung bieten, schwenke sie weg von den gruseligen Fliesen, als sie einen weiteren Schock erleiden: Unbemerkt ist ein solariumgebräunter Mann in rosa Hemd und knallgrüner Hose in den Raum gekommen. Ich springe vor Schreck fast nach hinten. Es ist der Makler, der uns begrüßt und einige Anmerkungen zum Schlafzimmer macht. Mein Blick ist auf das rosa Hemd fixiert und Martin muss den größten Teil des Gesprächs übernehmen.

Der Verkaufskatalog und die Liste lägen auf dem Esstisch, lässt die rot-grün-Kombination uns wissen und dankbar verlasse ich das Schlafzimmer. Die aus edlem Papier und mit güldenen Buchstaben bedruckte Verkaufsmappe wandert in meinen Besitz und ich trage mich auf der Liste der Interessenten mit Namen und Telefonnummer ein. (Nicht ohne natürlich vorher genau zu lesen, ob ich dann eventuell auch mitbieten muss! – Muss ich nicht.) Währenddessen hat Martins handwerkliche Seite Überhand gewonnen und er führt mich von Zimmer zu Zimmer, um mir zu zeigen, was hier alles gemacht werden müsste. Als wären wir wirklich an der Wohnung interessiert. Mein Mann ist ein echter Undercover-Profi! Auch der Makler ist von Martins offensichtlichem Interesse überzeugt und gibt Tipps zu Wandaufbrüchen und Kaminverkleidungen.

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Ich wandere durch die Räume und versuche zu verstehen, aus welchem Grund diese Wohnung für 4 Millionen Kronen angeboten wird. Erstens, natürlich, ist es immer: Location, Location, Location. Wir befinden uns in einem der teuersten Wohngebiete Oslos, das macht einen Teil aus. Dann sind es drei Schlafzimmer und ein nicht zu kleiner Balkon. Der Parkettboden im Wohnzimmer scheint original aus den 30ern zu sein, die Fenster sind doppelt verglast.

Auf der anderen Seite: Alle Heizkörper müssen wenn nicht ersetzt, dann doch wenigstens komplett renoviert werden. Die Fensterrahmen sind brüchig, die Wände mit Bohrlöchern übersät und dringend streichbedürftig. Die Küche ist veraltet, die Armaturen abgenutzt, die eingebauten Schränke noch nicht einmal mehr „shabby chic“. Das Badezimmer ist unmodern, im ersten gibt es keine Toilette, im zweiten dafür eine Toilette, aber nur ein Waschbecken. Alles wirkt alt und abgenutzt. Von den Fliesen wollen wir gar nicht reden. Die ganze Wohnung braucht also Schönheitsreparaturen. Die kosten natürlich nicht die Welt, aber fallen in wirklich jedem Raum an. Und das noch oben drauf auf die eh schon hohe Kaufsumme  – WER macht das?

Ich stelle mir vor, dass hier wäre eine Mietwohnung und ich bei der Besichtigung. Schon nach fünf Minuten wäre ich wieder gegangen. Klar, im Notfall wäre die Wohnung „sofort bezugsfähig“, aber wirklich nur im Notfall. Auch im Vergleich mit unserer momentanen Wohnung schneidet diese hier schlecht ab. Die beiden ähneln sich in Aufbau und Ausstattung, beide Häuser sind aus derselben Zeitperiode, aber unsere Wohnung ist viel besser in Schuss.

Martin hat seine Fachgespräche mit dem Makler beendet, der wahrscheinlich große Hoffnungen in uns hat, nachdem wir das Paar waren, das insgesamt die meiste Zeit hier verbracht hat. Wenn der wüsste! Mit einem letzten Blick auf die wackelige Flurgarderobe verabschieden wir uns, sicher, dass niemand diese Wohnung in diesem Zustand kaufen wird.

Am nächsten Abend bekomme ich eine SMS. „Budvarsel“ lautet die Überschrift, Angebotsnachricht. Oho, da hat tatsächlich jemand auf die Wohnung geboten. Aber bestimmt weit unter gefragtem Preis. 3 Millionen, tippe ich…

Ein Angebot über 4.500.000,- NOK eröffnet die Gebotsrunde. 4,5 Millionen? Aber der geforderte Preis lag laut Annonce doch nur bei 4,09 Millionen! Na, das geht ja gut los. Das Angebot ist vorbehaltlos, das heißt der Bieter verfügt über ausreichende Mittel, die per Finanzierungsbeweis bestätigt sind. Das Angebot ist  bis zum kommenden Tag um 12 Uhr gültig.

Um 11.49 Uhr am nächsten Tag kommt ein Gegengebot: 4,6 Millionen bietet ein Interessierter, auch sein Angebot gültig bis um 12 Uhr. Nur sieben Minuten später die Reaktion: 4,8 Millionen liegen jetzt auf dem Tisch. Die Versteigerungsrunde ist in vollem Schwung, das jeweilige Angebot immer nur 15 Minuten gültig.

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Sechs Minuten später das nächste Angebot, doch der Bieter ist vorsichtig, er erhöht nur um 50.000,- Kronen. Wer mitgerechnet hat, weiß: Wir sind jetzt bei 4,85 Millionen Kronen. Es dauert nur drei Minuten bis zur nächsten SMS: Um 12.09 Uhr liegt das Kaufgebot für die renovierungsbedürftige, 78m² große Dreizimmerwohnung bei 5 Millionen Kronen.

625.000,- Euro.

Und dabei bleibt es. Es kommen keine weiteren Nachrichten und am späten Nachmittag wird die Wohnung bei finn.no bereits als solgt, also verkauft, ausgewiesen.

Ich bin, ehrlich gesagt, von den Socken. Den Ausgangspreis fand ich schon unglaublich, aber dass das endgültige Gebot noch eine Million Kronen darüber lag, ist unvorstellbar. Wie stark wirkt bei diesen Versteigerungen auch der sportliche Ehrgeiz? Das „Ich will das jetzt haben!“-Syndrom?  Ich kann es nicht fassen, aber vielleicht bin ich auch zu naiv und sehe den EINDEUTIGEN Vorteil der Wohnung nicht?

Was verstehe ich schon davon…ich MIETE ja auch…!

Was ich jetzt besser verstehe, ist das norwegische Wohnungskaufsystem und ich muss sagen: Spannend ist es schon. In diesem Fall war die budrunde kurz und schnell vorbei, aber für den ersten Eindruck hat es mir gereicht. Außerdem war es unterhaltsam, einfach mal fremde Wohnungen zu besichtigen. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby.  Mal gucken, was für visnings es kommenden Sonntag in der Umgebung gibt……

***

Das war es für heute meine lieben Leser! Was für Erfahrungen habt Ihr mit Haus- oder Wohnungskauf, wie findet Ihr es zu mieten oder warum wollt Ihr es nicht? Es wäre toll, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit mir teilt! Danke an dieser Stelle an Anne für die gute Idee, einfach mal zum visning zu gehen. Der nächste Kaffee geht auf mich :). Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, unternehmt mal etwas Ungewöhnliches, bleibt neugierig und lasst es Euch gut gehen – ob in der Mietwohnung oder im eigenen Häuschen.

Ha det bra,

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(Mit Grüßen aus der Mietwohnung!)

Ulrike

Das Gold der Arktis ist reif! ODER Auf Moltebeerjagd in Oslo…

„Willst du gelten, mach dich selten!“, lautet ein Mantra in unzähligen Liebesratgebern. Und nicht nur in der Liebe gilt dieser Grundsatz: Diamanten, intelligente Reality-Shows, Gold, sichere Arbeitsplätze, Trüffel, unkomplizierte Teenager, Sternschnuppen – sie alle sind kostbar, weil sie sich rar machen. Eine norwegische Kostbarkeit hat jetzt wieder Saison: Die Moltebeere.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Eine kleine, orange Beere steht heute im Mittelpunkt des Blogs. Bis ich hier nach Oslo kam, hatte ich von der himbeerähnlichen Frucht noch nie gehört und blickte beim Restaurantbesuch verwirrt auf Dessertangebote mit multer. Vor einigen Wochen begegnete mir die Beere dann in den norwegischen Nachrichten: Auf einer Wiese in der Finnmark berichtete eine ältere Norwegerin, dass die multer in diesem Jahr wirklich spät kämen, letztes Jahr um diese Zeit hätte sie schon alle abgeerntet.

Nun begann ich, die Beeren ernst zu nehmen. Sie mussten in den Blog, wenn ihr unpünktliches Erscheinen es schon in die Hauptnachrichten schaffte! (Obwohl das hier in Norwegen nichts bedeutet: Letztes Jahr begannen die 21h-Nachrichten mit einem Bericht über Justin Bieber...)

Voller Interesse für die orange Beere setzte ich mich also heute Morgen an den Computer. Bald war klar, dass ich auf eine echte norwegische Spezialität gestoßen war. Die nur in wenigen nördlichen Ländern auftauchende Beere wird auch „Gold der Arktis“ genannt. Sie wächst in Moorgebieten, aber auch da nur spärlich. Durch mir unverständliche Zicken der Natur kann die Moltebeere nicht kommerziell angebaut werden, und mehrere Versuche skandinavischer Wissenschaftler schlugen fehl. Ein Moltebeerfeld zu finden, es sogar auf dem eigenen Grundstück zu besitzen, gilt in Norwegen wie das Auffinden einer Ölquelle (auch wenn der finanzielle Wert sich nicht gleicht…aber immerhin). Das Wissen um öffentlich zugängliche Moltebeerpflückstellen wird als Familiengeheimnis von Generation zu Generation weiter gegeben. Aufgrund ihrer Bedeutung für die lokale Wirtschaft ist das Pflücken von Moltebeeren sogar gesetzlich geregelt.

Ehrlich!

Kein Scherz!

Paragraf 5 des friluftsloven (Freiluftgesetz) beschäftigt sich mit dem Ernten in freier Natur. Im zweiten Absatz heißt es: „For multer på multebærland i Nordland, Troms og Finnmark gjelder første ledd bare når eier eller bruker ikke har nedlagt uttrykkelig forbud mot plukking. Uavhengig av et slikt uttrykkelig forbud kan allmennheten alltid plukke multer som spises på stedet.“  Der erste Absatz, der erlaubt, dass jedermann Früchte, Blumen, Nüsse oder Beeren wild ernten darf, gilt also NICHT für bestimmte Moltebeerplätze in den Regionen Nordland, Troms und Finnmark. Hier haben die Eigentümer das Recht, ein Pflückverbot auszusprechen. Genauer gesagt ein Mitnahmeverbot, denn vor Ort dürfen die Beeren immer gepflückt und verspeist werden. Hintergrund ist wahrscheinlich der hohe kommerzielle Wert der seltenen Beere, die in den nördlichen Regionen Norwegens häufiger auftauchen als im warmen Süden.

Naja, wärmer auf jeden Fall.

So, die Beere ist gesetzlich geregelt und schafft es in die Nachrichten. Aber wie bekomme ich sie in die Finger???

Eine kurze Recherche zeigt, dass es auch in den Wäldern rund um Oslo vielversprechende Moltebeerstellen gibt. Hm. Ich bezweifle, dass eine möglicherweise erfolglose Beerensuche im Wald die beste Unternehmung für mich und meinen Kugelbauch ist. Wie aber dann kommen eine Hochschwangere und eine Moltebeere zusammen?

Auf die Art und Weise, wie wir in der Großstadt uns meistens Obst und Gemüse beschaffen.

Wir gehen in den Supermarkt.

Aber auch das ist bei Moltebeeren nicht einfach. Mein Kiwi gegenüber hat weder frische noch gefrorene Moltebeeren im Angebot und auch im Meny bleibt meine Jagd erfolglos. Nun werde ich irritiert. Okay, her mit der allmächtigen Waffe: Dem Ultra-Supermarkt.

Dort: Nichts, nada, nothing.

Na, sag mal….

Gut, ich wende eine neue Taktik an und poste mein Begehren in einer der hilfreichsten Gruppen bei Facebook:  „Where in Oslo“. Und tatsächlich: Nach nur wenigen Minuten der Tipp, ich solle es beim Supermarkt Rimi versuchen.

Beim RIMI???? Da gehe ich ja sonst nie hin. Na gut, wir haben einen gleich um die Ecke, dann gehe ich halt mal gucken und….

EUREKA!!!!!!!!

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Dort, neben gefrorenen Brombeeren und anderen Vitaminbomben lachen mir multer entgegen. 300 Gramm des arktischen Goldes, wahrscheinlich importiert aus Finnland (in Norwegen ist die Nachfrage viel höher als das Angebot), aber egal, her damit, achja, ich wurde gewarnt, sie seien unverschämt teuer, aber was können so ein paar Beeren schon kosten und…..

IST DAS DER PREIS??????

Ich blicke entsetzt auf die plötzlich winzig erscheinende Packung in meinen Händen.

Checke nochmal das Preisschild.

110 KRONEN?????

13 EURO????

FÜR OBST?????

Und dazu noch gefrorenes, wahrscheinlich ausländisches Obst, während ich bei ambitionierter Suche in den Wäldern dieselbe Menge für umsonst haben könnte??? Und auch noch echt norwegisch???

In meinem Kugelbauch zappelt es, als wollte das Baby kurz deutlich machen: „Jawoll, los, wir beide, auf in den Wald, immer schön bücken…wirst schon sehen, was du davon hast….hihihiihihi….!“

Seufzend packe ich das gefrorene Gold in den Einkaufskorb. Wehe, die schmecken nicht!!!

Zuhause angekommen bilde ich mich weiter. Mein schon bekanntes Lieblingskochbuch „Norges Nasjonalretter“ bietet mir zwei unglaublich komplizierte Rezepte für „Multekrem“ an. Ich entscheide mich für das aus dem südlichen Trøndelag (das Bild ist hübscher) und beginne mit den unerhört schwierigen Vorbereitungen:

1. Moltebeeren auftauen.

2. Sahne schlagen.

Puuh. Eine kulinarische Höchstleistung. Kransekake zu backen war ein Witz dagegen.

Aufgetaute Beeren sind grundsätzlich nicht der Hit und ich versuche, ein paar hübsche Exemplare zu finden in der matschigen Masse. (13,- Euro…………) Eine wandert direkt in meinen Mund. Uih, sauer. Puristen lehnen das Zuckern der seltenen Beeren ab, ich finde allerdings, dass die bitter-säuerlichen Beeren ein paar Krümel Zucker gut vertragen könnten. Norweger frieren die Beeren für den Winter ein, um in den kalten Monaten eine wertvolle Vitamin-C-Quelle zu haben und früher wurde die Moltebeere wegen ihres hohen Vitamingehalts von Seeleuten als Mittel gegen Skorbut eingesetzt.

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Nach einer gewissen Auftauzeit bringe ich mein äußerst aufwändiges Rezept zum Abschluss und bald steht eine sommerlich duftende multekrem vor mir.  Traditionell wird sie gemeinsam mit krumkaker (eine Art Crepewaffel) zu Weihnachten serviert, aber mir schmeckt sie heute auf einem dünnen Pfannkuchen auch sehr gut. Die süße Sahne mit den säuerlichen Beeren auf dem Teigfladen – ganz köstlich!

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Aber – und das sehe ich ganz deutlich – der eigentliche Spaß ging hier verloren. Nämlich rauszugehen in die Natur, hoch oben in den Moorgebieten im Norden des Landes, bewaffnet mit Eimer, Gummistiefeln und einem Netz gegen die Mücken. Dann zu den bekannten und von Urgroßvater entdeckten Stellen zu wandern und die in Bodennähe orange leuchtenden Beeren zu erspähen und vorsichtig zu pflücken. Immer nach dem Prinzip: Eine in den Eimer, eine in den Mund. Nach einem sonnenreichen Tag mit der Familie die wertvolle Ernte nach Hause zu bringen und dort zu Moltebeersuppe, Moltebeermarmelade oder Moltebeerkuchen verarbeiten und einen Teil für den Winter einfrieren. Und sich im Winter an der leuchtenden Farbe und der Erinnerung an den Sommer zu erfreuen.

Das alles bieten gefrorene (und wahrscheinlich finnische) Moltebeeren nicht.

Aber immerhin hatte ich so eine erste Begegnung mit dem arktischen Gold.

Die Jagd in der freien Natur folgt dann nächstes Jahr!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Gibt es Moltebeeren in Deutschland? Niedersachsen soll einige streng geschützte Gebiete besitzen, ob man Produkte aus Moltebeeren in den Supermärkten oder Reformhäusern findet – sagt Ihr es mir!!!!

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, entdeckt etwas Kostbares oder macht Euch auf die Suche danach! Denen, die den Urlaub noch vor sich haben: Viel Spaß und erholt Euch gut! Und denen, die schon wieder im Alltag sind: Viel Erfolg und der nächste Urlaub kommt bestimmt!

Ha det bra,

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Ulrike

(Großstadtjagd. Man beachte: Moltebeeren und Blaubeeren entdeckt!)

 

 

 

 

Das Kongodorf im Frognerpark ODER In 100 Jahren ist alles vergessen?

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Es herrscht das Zeitalter der Selbstdarstellung: Dank Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram können wir uns und unser Leben heute vor einem weltweiten Publikum ausbreiten. Und tun das auch. Millionenfach. Mit möglichst originellen Fotos, emotionalen, provozierenden oder alltäglich langweiligen Aussagen wetteifern wir um die kostbarste Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit. Werden wir dazu gezwungen? Im Gegenteil: Der Einblick in unser Privatleben erfolgt ganz freiwillig. Bereits 1914 kam es in Oslo zu einem Akt der Selbstdarstellung. Nur freiwillig, freiwillig war der wohl kaum: Achtzig schwarze Menschen waren Insassen eines im Frognerpark aufgebauten „menschlichen Zoos“. Jetzt, 100 Jahre später, wurde das „Kongodorf“ rekonstruiert.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Als im März diesen Jahres mit dem Bau großer Strohhütten im Frognerpark begonnen wurde, dachte ich zu allererst an kommende Dreharbeiten, dann an lustige Unterhaltung für die Festlichkeiten zum 17. Mai und wurde am Ende eines Besseren belehrt: Kunst mit politischem Hintergrund entstand vor meinen Augen. Worum ging es?

Blicken wir hundert Jahre zurück.

Oslo, 1914: Die Stadt will mit großem Pomp und Trara das 100jährige Bestehen des norwegischen Grundgesetzes feiern. Benno Singer, erfahren mit Dingen dieser Art, wird beauftragt, im Frognerpark einen Jahrmarkt mit Attraktionen aller Art zu organisieren. Neben einer Achterbahn und einem Pantomimentheater plant der geschäftstüchtige Impresario auch ein „lebendiges Dorf“ im Park. Seit der Internationalen Ausstellung in Brüssel 1897 gehörten Nachbauten afrikanischer Dörfer zu den festen, und sehr populären, Bestandteilen einer derartigen Veranstaltung. Der Kolonialismus und die europäische Dominanz von Ländern wie Belgien, Frankreich oder England schürten ein voyeuristisches Interesse am afrikanischen Kontinent. Der Originalplan, in Oslo ein „lebendiges Dorf“ mit Sami (der norwegischen Urbevölkerung) aufzubauen, wurde vom Leitungskomitee abgelehnt und so griff Singer zurück auf das schon bekannte und bewährte Programm: Das „Kongodorf“ entstand.

Vom 15. Mai bis 11. Oktober 1914, während der Rest Europas kopfüber in den Terror des 1. Weltkriegs fiel, bestaunten fast 1,4 Millionen Besucher in Oslo den sogenannten menschlichen Zoo. Achtzig schwarze Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, präsentierten sich in einheimischen Trachten zwischen „typischen“ Haushaltsgegenständen, Schmuck, Waffen und religiösen Requisiten, um ein Bild vom „echten“ Leben in Afrika darzustellen. Es wird vermutet, dass die Senegalesen Mitglieder einer durch Europa tingelnden Schauspielertruppe waren, genau bekannt ist ihre Herkunft aber nicht. Die Norweger amüsierten sich auf jeden Fall größtenteils prächtig und die Zeitung Aftenposten titelte: „So lustig!“

Karikatur von 1914

@oslobilder.no

@oslobilder.no

Zurück in die Gegenwart….

Oslo, 2014: „In 100 Jahren ist alles vergessen!“, rief der norwegische Dichter Knut Hamsun legendär dem Gericht entgegen, das ihn wegen Landesverrats verurteilen wollte. Aber ist in 100 Jahren alles vergessen? Der aus Somalia geflüchtete und in Norwegen lebende Künstler Mohamed Ali Fadlabi und der schwedische Künstler Lars Cuzner sagen: Nein. Und bewerben sich mit einem Kunstprojekt für das 200jährige Jubiläum des norwegischen Grundgesetzes. Ihre Idee: Das „Kongodorf“ im Frognerpark zu rekonstruieren. Ihre Motivation: An den norwegischen Rassismus von 1914 zu erinnern und zu fragen, was sich verändert hat. Ob sich etwas verändert hat. Oder ob einige der Ansichten von damals noch heute aktuell sind.

Unter der Schirmherrschaft von KORO (Kunst i offentlige rom) entsteht das Projekt European Attraction Limited. Über 1 Million norwegische Kronen werden den Künstlern zur Realisierung zur Verfügung gestellt. Während die Bauarbeiten im Frognerpark beginnen, beginnt auch die Diskussion in den Medien. Kontrovers, versteht sich. Während die eine Seite ein unangenehmes Detail norwegischer Geschichte vergessen will, fordert die andere die Konfrontation damit.  Die äthiopische Schauspielerin und Aktivistin Hannah Wozene Kvam erklärt gegenüber Aftenposten: „Norwegen will es vielleicht nicht vergessen, der Kongo aber ganz bestimmt!“ Beim sozialen Netzwerk Twitter empören sich die Menschen unter #someonetellnorway darüber, dass in Norwegen ein menschlicher Zoo etabliert werden soll. Erst nach einigen Tagen kommt es zur Klarstellung, dass ein Dorf mit Strohhütten zwar aufgebaut werden wird, dort aber keine Menschen leben werden.

Obwohl, so ganz von der Hand zu weisen ist die Unterstellung nicht. Gerüchten zufolge war der Plan der beiden Künstler schon, die Hütten bewohnen zu lassen. Die Ablehnung dieser Idee durch das Jubiläumskomitee erfolgte wohl aber auf dem Fuß.

Wie präsentiert sich das Kunstwerk also?

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Auf einer Wiese im Frognerpark, genau gegenüber des Kanvas-Kindergartens: Ein gewaltiges, rotes Tor mit der Überschrift „Kongolandsbyen“ (Kongodorf),  vor dem die Flaggen Norwegens und Belgiens wehen, führt die Besucher zu zehn leer stehenden Strohhütten. Vorne am Tor eine Erklärung des Projekts und das Gedicht von Knut Hamsun In 100 Jahren ist alles vergessen. (Dass ausgerechnet ein norwegischer Dichter, der Hitler und den Bau von Konzentrationslagern verteidigte, hier auftaucht, lässt mich immer noch grübeln.) Während zwei Kinder in der langgezogenen Hütte Fangen spielen, wandere ich von Hütte zu Hütte und bin ratlos.

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Beklommen soll mich der Besuch werden lassen und mir den immer noch existierenden Rassismus in Norwegen deutlich machen, las ich in VG (nur Norwegisch). Aber ist und war Norwegen wirklich rassistischer als andere europäische Länder? Die Frage bedeutet ja nicht, dass das Thema nicht hochaktuell ist und behandelt werden sollte. Sich aber ein „Kongodorf“ als Sinnbild für norwegischen Rassismus zu nehmen, das so oder in abgewandelter Form in vielen europäischen Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden war, ist das nicht übertrieben? Dagbladet (nur Norwegisch) schlug vor, dass sich die Besucher gegenseitig betrachten sollen, da wir heutzutage alle Teilnehmer in einem „lebendigen Dorf“ sind.

Vielleicht gibt es Besucher, die das eine oder andere empfinden beim Gang durch das öffentliche Kunstwerk. Mir fehlt ein klares Konzept und die konsequente Durchführung: Warum nicht Freiwillige in die Hütten setzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart präsentieren? Die die Fragen um Rassismus und Voyeurismus von 1914 mit denen von 2014 verbinden? DAS würde mich nachdenklich machen. Leere Hütten? Nee, leere Hütten bringen es nicht.

***

So, meine lieben Leser, das war es schon für heute. Rassismus in jeder Art darf keinen Platz in unserer Welt haben. Angst zu haben vor dem, der fremd ist; sich überlegen zu fühlen und dabei in Wahrheit unterlegen zu sein; sich mit rassistischen Kommentaren in einem der Selbstdarstellungsmedien als besonders witzig zu präsentieren…das alles ist armselig und dumm. Wünschen wir uns also weniger dumme Menschen in der Welt und ein besseres Miteinander! Und nicht nur wünschen: Arbeiten wir daran!

Ha det bra,

...ein weiterer Akt der Selbstdarstellung...

…ein weiterer Akt der Selbstdarstellung…

Ulrike

P.S. Wer sich selber ein Bild machen will: Noch bis zum 31. August kann „Kongolandsbyen“ im Frognerpark besichtig werden.

Allein unter Schafen in Neuseeland ODER Was für Auswanderer-Typen gibt es?

Ich liebe Psychotests. Von Welche Hollywood-Ikone bist du? (Antwort: Audrey Hepburn. Huch.) über Bist du eine Zicke? (Antwort, erstaunlicherweise: Ja.) bis hin zu Welcher Muttertyp bist du? (Antwort, beruhigenderweise: Ich bin für beide Geschlechter geeignet.) ist kaum ein Psychotest vor mir sicher.

Jeder hat ja so seine Laster.

Ich also Psychotests.

Das war auf jeden Fall das eindeutige Ergebnis bei Welche Laster hast du?

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich erwähne es nur noch am Rande: Ja, es ist heiß. Immer noch.

Weiter im Text.

Ich liebe also Psychotests. Beim wahllosen Surfen im Netz stieß ich heute auf einen Test bei jetzt.de, der Jugendseite der Süddeutschen Zeitung. Welcher Auswanderer-Typ bist du? Na, da bin ich doch neugierig geworden. Ran also an den Test, kurz registriert und zehn absolut dusselige Fragen später war klar: Wir müssen umziehen. Denn ich gehöre in die Kategorie: Allein unter Schafen in Neuseeland. Der Test fand heraus, dass meine Liebe zu den „Herr der Ringe“- Filmen mich dazu bringen wird, per eBay eine Schaffarm in Neuseeland zu ersteigern. Das ist insoweit besonders interessant, da es 1. überhaupt keine Frage zu den Filmen gab und ich 2. auch nie im Leben irgendeinen positiven Kommentar über selbige abgegeben hätte. Ich finde die Filme, Bücher, Hörbücher nämlich zum Gäääääähnen.

Aber wer bin ich, das Ergebnis eines Psychotests anzuzweifeln?

Eigentlich hatte ich auch erwartet zu erfahren, welcher TYP ich genau bin, wenn es ums Auswandern geht und nicht, WOHIN ich auswandern würde. Denn, und da hat der Test wenigstens in der Überschrift recht, es gibt ganz unterschiedliche Auswanderer-Typen.  Auch hier in Norwegen. Mit einem zwinkernden Auge und viel Selbstironie stelle ich Euch die drei Typen vor, die mir hier in den letzten zwei Jahren aufgefallen sind.

1. Die Brunost-Schwärmer mit Elchpatenschaft oder „Ja, vi elsker dette landet!“

VORHER: Sie lieben Norwegen seit ihrem ersten Urlaub am Fjord und haben seitdem die Wohnung im Heimatland mit rot-weiß-blauen Fahnen, Trollen und Norwegenkalendern dekoriert. Ihr Traum ist eine eigene Pension an der Westküste Norwegens mit angegliederter Hundeschlittenzucht. Norwegen ist für sie Freiheit, Naturidylle und ein einziger Traum. Irgendwann wird die Sehnsucht zu groß, die deutschen Freunde und Verwandten können das Wort Norwegen nicht mehr hören und auch der Chef verlangt mehr Konzentration auf die Jahresbilanz als auf das norwegische Kochbuch. Eine Entscheidung muss her! Nach einigen Scheiben Knäckebrot mit Brunost sind sich die Schwärmer sicher: Wir wollen nach Norwegen. Für immer! Ab jetzt werden die Wände und Möbel der Wohnung mit norwegischen Vokabeln geplastert („et bord“, „en tannbørste“, „en underbukse“), auf zahlreichen Internetseiten wird nach Jobs und Wohnungen gesucht, im nächsten Zoo schon mal eine Elchpatenschaft eingegangen. Dann geht es endlich los. Die Ankunft in Norwegen erscheint wie das Klopfen am Tor des Paradieses. Endlich da!!

IM LAND: Die Schwärmer stehen ab jetzt jeden Morgen auf und können ihr Glück nicht fassen. Alles, wirklich alles ist toll im Paradies. Und die Sachen, die mal nicht so toll sind, ach, die wiegen gar nicht so schwer. Am Wochenende sind sie nur unterwegs und verbringen ihre Zeit am Fjord, auf Bergen, in Hütten und machen Fotos, Fotos, Fotos. Sie kennen norwegische Spezialitäten besser als mancher Norweger und wissen eh nach einer gewissen Zeit mehr über Norwegen als König Harald. Was sie auch gern zum Besten geben. Sie lernen die Sprache schnell (falls sie sie nicht eh schon kannten) und integrieren sich bestens in das kleine Dorf, in das sie gezogen sind, um „den richtigen Kontakt mit richtigen Norwegern“ zu bekommen. Kontakt mit anderen Deutschen lehnen sie in den ersten Monaten ab, denn „schließlich sind wir nicht nach Norwegen gekommen, um Deutsch zu reden.“  Nach sieben Jahren in Norwegen beantragen sie die norwegische Staatsbürgerschaft, kaufen eine hytte, pflanzen einen Baum und lernen Sami.

NACHTEIL: Ein bisschen fehlt ihnen der Bezug zur Realität, denn die in Norwegen auftauchenden Probleme werden oft weggewischt. Das Paradies soll nicht beschmutzt werden!

VORTEIL: Bei den Norwegern beliebt, weil sie Norwegen ebenso lieben wie die Norweger selbst, sich gut integrieren, die Sprache lernen und regelmäßig Brunost essen. Sind glücklich und bereuen ihre Entscheidung auszuwandern, wahrscheinlich nie oder selten.

2. Die Wirtschafts-Rationalisten mit internationalen Beziehungen ODER „Well, it isn’t New York, is it?“

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VORHER: Im Ausland zu arbeiten ist für sie schon fast normal und nach einigen anderen Ländern soll jetzt mal „das komische Land im Norden mit viel Geld“ dran sein. Der norwegische Arbeitsmarkt sucht internationale Bewerber (auch wenn das nur ungern zugegeben wird), die Türen stehen also relativ offen. Die Gehälter und Zuwendungen sind großzügig, die Arbeitszeit ist dafür gering und die Lebensqualität damit hoch. Die Rationalisten sind nicht unbedingt am Land an sich interessiert, das nehmen sie halt so mit.

IM LAND: Am Anfang wird verglichen. Gerade in Oslo werden sie nicht müde zu betonen, wie provinziell die Stadt doch ist. „Aber wir mögen es hier trotzdem!“ Mit dem 13. oder 14. Monatsgehalt werden dann Trips in die große Welt unternommen. Das Interesse an Norwegen ist mäßig bis kaum vorhanden, man weiß schließlich gar nicht, wie lange man bleibt, ob es nicht irgendwo noch etwas Besseres gibt und überhaupt: Diese Sprache!!! Wer will die schon lernen, sprechen doch alle Englisch hier! Wirtschafts-Rationalisten leben meistens in der internationalen Gemeinde der größeren Städte, haben internationale Freunde, gehen höchstens mal auf ein „Freitags-Bier“ mit ihren Kollegen und fragen sich die ganze Zeit, warum sie eigentlich keinen Kontakt zu Norwegern haben. Bei manchen ändert sich das Verhalten nach einiger Zeit: Sie werden zwar keine Brunost-Schwärmer, aber nach einigen Fahrten mit der Bergenbahn, dem Kaminfeuer in der hytte und der Begeisterung am 17. Mai verspüren sie eine gewisse Begeisterung für das Land, in dem sie leben. Zögernd blicken sie in die norwegischen Zeitungen, schalten auch mal norwegisches Fernsehen ein und bestellen den Kaffee im Espresso House in der Landessprache.

NACHTEILE: Leben in ihrer eigenen, kleinen Welt und sind eher Arbeitstouristen als Einwohner. Tragen, außer Steuerzahlungen, nicht viel zur norwegischen Gesellschaft bei.

VORTEILE: Realistischer als die Schwärmer und, bei auftretendem Interesse an norwegischer Gesellschaft, gute Gesprächspartner mit klarem Blick für das Land in dem sie leben.

3. Die heimwehkranken Nostalgiker ODER „Deutschland, Deutschland über alles…“

VORHER: Sie entscheiden sich aus den unterschiedlichsten Gründen, nach Norwegen zu kommen. Vielleicht ist die Arbeitssituation in Deutschland unerträglich, vielleicht hat die Midlife-Crisis zugeschlagen, vielleicht kommt die große Liebe aus Norwegen oder vielleicht war es einfach mal Zeit für etwas Verrücktes. Auf jeden Fall hat es mehr mit ihnen selbst zu tun als mit Norwegen. Kein idealer Start, kann aber funktionieren. Oder auch nicht.

IM LAND: Hier ist alles so teuer. Man findet gar keine Freunde. Die arbeiten/reden alle so langsam. Was ist denn das für Käse…das ist doch kein Käse? Wenn ich da an Deutschland denke… Die Nostalgiker machen es Norwegen schwer. Denn, wenn sie mal ganz ehrlich wären, eigentlich finden sie es in Deutschland schön. Aber manchmal entdeckt man das eben erst, wenn man für längere Zeit fort geht. Im Ausland begeben sie sich nun in deutsche Organisationen, treffen Deutsche, reden Deutsch und finden das Leben so ganz erträglich. Unermüdlich erzählen sie aber gerne, besonders Norwegern, vom tollen Leben in Deutschland. Die Satelliten-Schüssel mit deutschem TV-Empfang ist eine ihrer ersten Anschaffungen und regelmäßige Trips nach Deutschland sind unumgänglich.

NACHTEILE: Blockieren und lassen sich selbst von knutschenden Elchen in wunderschönen Mittsommernächten am Fjord nicht oder nur schwer begeistern. Verlieren nicht nur den Blick für die Schönheiten Norwegens sondern auch für die Nachteile Deutschlands.

VORTEILE: Sie haben es wenigstens probiert! Es gehört schon Mut dazu auszuwandern. Man kann den schwersten Nostalgiefällen nur wünschen, dass sie auch genug Mut haben, um wieder zurückzugehen ins gelobte Land.

Das waren sie, meine drei Auswanderer-Typen, subjektiv zusammengestellt, wissenschaftlich nicht fundiert und gesellschaftlich vielleicht gar nicht auffindbar, denn weder das Leben noch die Menschen darin sind schwarz-weiß und viele Auswanderer, die ich getroffen habe, sind eine Mischung aus verschiedenen Typen oder – ihre ganz eigenen Typen. Habt Ihr Euch wiedererkannt (und löscht den Blog jetzt oder kündigt mir die Freundschaft????) oder jemanden erkannt, der ausgewandert ist? Seid Ihr selber bereit zum Auswandern? Fragen über Fragen, mit denen ich Euch jetzt allein lasse! Denn ich…jaha, ich…

Ich werde mich jetzt über Neuseeland und den Kauf einer Schaffarm informieren! Wenn jetzt.de schon meint, ich sei dafür geeignet…

Da fällt mir spontan noch ein Auswanderer-Typ ein: Die Nie-Ankommer ODER „Fly me to the moon…“. Das sind die, die immer auf der Reise zu sein scheinen. Die nie ankommen, wohl nie seßhaft werden. Sie sehen Norwegen als fantastische Zwischenstation und sind schon gespannt auf das nächste Land. Nachteil: Kommen nie richtig an, integrieren sich selten. Vorteile: Sehen in jedem Land gute und schlechte Seiten und gehen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an meinem soziologischen Exkurs und freue mich auf Eure Kommentare zu Auswanderer-Typen in Norwegen, Italien, Deutschland oder wo auch immer! Hier in Oslo sind die Ventilatoren ausverkauft und ich verbringe meinen Tag mit den Füßen im kühlenden Wasser und träume vom Winter. Euch allen wünsche ich eine tolle, aber vor allem KÜHLE Woche, testet mal wieder Eure Psyche und steckt Menschen nicht in zu feste Schubladen.

Und in ganz eigener Sache: In unglaublichen vier Wochen soll unsere Tochter zur Welt kommen und dann geht der Blog erstmal in Babypause. Aber manchmal halten sich Babies ja nicht so an Zeitpläne, habe ich gehört….wundert Euch also nicht, falls Ihr an einem Freitag ganz unentschuldigt nichts von mir lest. Ich melde mich dann wieder…ist doch klar!!!!!

Ha det bra,

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(…und gleich kaufe ich die Farm!)

 

Ulrike

Heiße Schmuggelware aus Norwegen ODER Sag mir, wo die Windeln sind, wo sind sie geblieben?

Geschmuggelte Drogen aus Südamerika, Waffenschmuggel in Zentralafrika oder billige Zigaretten aus Polen – das illegale Geschäft mit Waren aller Art blüht weltweit.

Auch Norwegen hat ein Schmuggelproblem.

Hier im Land sind die heißen Waren…

Windeln.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Wie ich bereits häufiger erwähnt habe, ist in Norwegen so ziemlich alles zu teuer. Die ersten Besuche im Supermarkt haben mich fast traumatisiert, schluchzend stand ich vor dem Regal mit Schokolade und wünschte mich sofort in irgendeinen ALDI oder Realkauf in Deutschland. EIN Produkt ist in Norwegen allerdings so richtig billig: Windeln. Zum Vergleich: Die 30er – Packung einer bekannten Windelmarke mit dem Zusatz „baby dry“ für Babies zwischen 4 bis 9 Kilo kostet in Deutschland zwischen 8,45 und 8,95 Euro. Das sind umgerechnet rund 75 NOK. Hier in Norwegen kostet die Packung beim KIWI-Supermarkt gegenüber aber nur…..TUUUUUUSCH……36,90 NOK. Das ist (für alle mathematisch gehemmten Leser) knapp DIE HÄLFTE! Und ich rede hier nicht von Aktionspreisen. Das ist der reguläre Preis.

Wow, oder?

Die Windeln einer schwedischen Firma, die besonders Fußballfans anspricht, sind über eine deutsche Website für 8,90 Euro zu kaufen, im KIWI gibt es sie für 29,60 Kronen, das sind rund 3,20 Euro. Und ganz extrem wird es, greift man zu KIWIs Eigenmarke – 50 Windeln für 16,90, also für knapp 2,- Euro. WIE kommt das? Alles begann im Jahre 2000: Die beiden großen Supermarktketten im Land, KIWI und Rema1000 führen den „bleiekrig“, den Windelkrieg. Die Idee ist simpel. Familien mit kleinen Kindern werden mit absurd niedrigen Preisen für dringend benötigte Windeln in den Laden gelockt. Einmal dort, hofft man, dass sie auch den restlichen Einkauf im Supermarkt erledigen. Wenn man schon mal da ist….

Besonders hart wird der Windelkrieg im Herbst, da die meisten Babies in Norwegen Ende August geboren werden. (Was weniger an kalten Novembernächten als an der zeitlichen Vergabe von Kindergartenplätzen liegt.) Im Herbst tobt also der Windelkrieg mächtiger als jemals. Manche Supermarktketten vermelden rote Zahlen in dieser Zeit, aber trotzdem beteiligen sich fast alle an den Dumpingpreisen. Ein in Europa einmaliger Produktkrieg, der dazu führt, dass nirgendwo auf dem Kontinent Windeln so billig sind wie im eigentlich teuersten Land Europas Norwegen.

Auftritt Wirtschaftstheorie.

Es nennt sich Ricardos ehernes Gesetz des Preises und geht ungefähr so (mein Wirtschaftsabitur ist schon ein paar Jahre her, ich bitte daher um Nachsicht): Ist der Preis eines Gutes niedriger als der Preis plus Transport desselben Gutes an einem anderen Ort, beginnen Leute es zu kaufen, zu verschiffen und zu verkaufen.

Auftritt Schmuggler.

In der Scheibenwelt des britischen Autors Terry Pratchett gibt es die Zunft der Diebe und Schmuggler, um die illegalen Machenschaften zu einem angesehenen Berufstand zu entwickeln. Vielleicht gibt es auch in der realen Welt einen Treffpunkt für Schmuggler…

Ein düsteres Cafe in einem verkommenen Vorort. An der Bar drei undurchsichtige Typen. Die blond toupierte Barfrau will die Stimmung etwas aufheitern.

Barfrau (lächelnd): „Na, Jungs, was schmuggelt Ihr denn heute so Hübsches?“

Schmuggler (gemeinsam): „PSSSSSSST! Bist du verrückt? Schmuggeln? WIR? Nie! Legaler Import-Export, das ist es was wir machen!“

Polizist, der gerade am Ende der Bar dienstbeflissen aufgeschreckt ist, schläft wieder ein.

Barfrau (die Augen verdrehend): „Okay, okay. Also: Welche Waren IMPORTIERT Ihr denn heute so? – Irgendetwas Nettes für mich dabei?“

Schmugg…entschuldigung…Importeur 1 (zieht lässig Schnodder hoch): „Drei Leopardpanzer heute.“

Barfrau (enttäuscht): „Och, schon wieder?“

Importeur 2 (rückt seine Kronjuwelen zurecht): „Kolumbianische Drogen.“

Barfrau (nickt): „Gehen immer.“

Importeur 3: Schweigt.

Barfrau (aufmunternd): „Georgi, und du?“

Importeur 1 und 2 kichern hämisch.

Importeur 2: „Ja, Georgi, und duuuuuuuu?“

Importeur 3 guckt mörderisch.

Importeur 1: „Na, komm, Georgiiiiiiii: Ich importiere heute……..“

Importeur 2: „W…..W…..Wi…..Wi……Winnnnnnnnn……“

Georgi (brüllt genervt): „WINDELN, okay????? W I N D E L N!“

Importeur 1 und 2 fallen lachend vom Barhocker: „Wiiihiiindeln aus Nooorwegen…….“

Barfrau (mitleidig): „Ach, Georgi, das wird schon noch….noch ein paar Jahre und du schmuggelst was Ordentliches. Bestimmt.“

Georgi (verletzt, aber nicht ohne Stolz): „Die Familien freuen sich. Alle mögen mich. Windeln sind wichtig.“

Barfrau: „So ist es, Georgi.“

Fakt ist: Die Dumping-Preise von Windeln führen dazu, dass vor allem litauische und polnische Schmuggler nach Norwegen kommen und sich hier mit Windeln eindecken, bis der Kleinlaster ächzt. Berühmtestes Beispiel ist der „Windel-Engpass von 2013“, als bei Rema1000 im ganzen Land die Windelregale von ausländischen Käufern leergeräumt wurden. An der Grenze zu Schweden entdeckten Zollbeamte Wagen voller Windelpakete im Wert von rund 50.000 NOK, knapp 6000 Euro. Statt den Preis der Windeln zu erhöhen und damit Megaeinkäufe und Schmuggel ins Ausland unattraktiv zu machen, beschränkte die Supermarktkette die Anzahl an Windelpaketen pro Person. Rieseneinkäufe seien „…kein Diebstahl und nicht kriminell,“ so ein Sprecher. „Aber sie sind ein großes Problem…sie lassen nichts mehr übrig für unsere regulären Kunden.“ Aber man kann es den Schmugglern fast nicht verdenken. Windeln, in Norwegen für rund 40 NOK eingekauft, können, laut norwegischer Zeitung Dagbladet, in Litauen für umgerechnet 120-140 NOK verkauft werden. Das lohnt sich. Und gut versteckt entfällt die bei Einfuhr zu zahlende Steuer und schon ist man der Windelkönig im Land und verdient sich eine goldene Nase!

Oder goldene Windel.

Ich werde auf jeden Fall das Windelregal bei KIWI im Blick behalten und, falls nötig, jeden Tag drei Pakete kaufen, um einen Engpass zu vermeiden. Jede vierte Packung gibt es dank der Bleiekort, der Windel-Discountkarte, übrigens umsonst. Toll!!!!!!

***

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, dieser kleine Bildungsartikel über Norwegen hat Euch gefallen und freue mich auf Kommentare. Meine wöchentlichen Grüße sind diesmal eine Portion Abkühlung für Euch Armen in Deutschland, es scheinen tropische Temperaturen zu herrschen. Haltet durch! Hier hat der Sommer eine kurze Verschnaufpause eingelegt, das finde ich ganz ausgezeichnet. Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, guckt mal wieder nach Angeboten im Supermarkt, schmuggelt nichts außer guter Laune und esst einen großen Eisbecher für mich – ich habe Lust auf Bananenflip!!!!

Ha det bra,

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Ulrike

Sommer in Oslo ODER Ich buddel‘ mir ein Loch und warte auf Besserung

 

Die Thermometer in Oslo zeigen gerade sportliche 26 bis 31 Grad an. Das ist fein, besonders für Menschen, die die Hitze lieben. Ich allerdings überlege, mir im Frognerpark ein Loch zu buddeln, mich hineinzulegen und auf bessere Zeiten zu warten.

Hallo, liebe Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Sommer ist also da und zwar mit Karacho. Nun haben er und ich schon immer ein gestörtes Verhältnis und seine hohen Temperaturen (alles ab 24 Grad) kann er von mir aus für sich behalten. Hier in Norwegen hatten Sommer und ich bisher eine Art Waffenstillstand gelebt: Er bot mir max. 24 Grad, ich lobte seine Vorzüge.

Ohne große Vorwarnung hat der norwegische Sommer nun aber über die Stränge geschlagen. Und das gerade jetzt, wo ich schon bei frühlingshaften 20 Grad keuche wie ein Nilpferd nach dem Baden. Und nicht nur, dass der Sommer über die Stränge schlägt: Die Menschen ziehen mit. Gestern jubelte es in den sozialen Medien ob meiner Aussage, dass Oslo sich in Madrid oder Athen verwandelt hatte und wahnwitzige 31 Grad bot: „Toll! Super! Prima! Ich komme! Warum jetzt, ich bin gerade nicht da! Endlich Sommer! Ich liebe Hitze!“ schlug es mir entgegen und ich fühlte mich augenblicklich unverstanden und ungeliebt.

Nun, es ist heiß, da tendiert frau zu übertriebenen emotionalen Momenten. Und nicht nur frau, oder? Nach der brutalen Heimsuchung in Belo Horizonte durch die deutsche Elf kühlten sich die geschockten Brasilianer mit ihren eigenen Tränen, Torkeeper Julio Cesar riss es fast wieder beim anschließenden TV-Interview und das lautstarke Heulen der entsetzten Fans erstickte den deutschen Jubel. Auch das Spiel Ecuador-Kolumbien erinnerte mehr an eine schlechte Seifenoper als an gestandenen Männersport. Aber vielleicht wurde bei dieser so unerwartet unerwarteten WM das Ausschütten von Tränenflüssigkeit wirklich zum Kühlen benutzt und sollte das so sein, dann kann ich das verstehen, ich könnte bei den tropischen Verhältnissen hier in Norwegen auch heulen.

Was aber tun in Oslo an Tagen wie diesen, wo die Nächte keine Abkühlung bringen und jede Busfahrt zum Höllentrip wird? In den Norden wandern, solange bis es kühler wird? Laut Wetterdienst müsste ich bis zu den Lofoten wandern, wo mich wunderbare 15 Grad erwarten. Das schon angekündigte Loch im Park buddeln oder in den Keller ziehen? Die kühlenden Angebote der Stadt nutzen?

Der letzte Gedanke hört sich vernünftig an. Wie kann sich der hitzegestresste Mensch in der norwegischen Hauptstadt das Leben also erträglicher gestalten?

1. Kühlendes Nass (extern): Oslo besitzt ein Freibad am Frognerpark, das außer zwei Becken und einem Sprungturm nicht viel bietet, dafür aber 90 NOK/100 NOK (Wochenende) Eintritt kostet (ja, das sind grob 12,- Euro…). Wer das Geld sparen will, springt an einem der vielen öffentlichen Strände in den Fjord oder in einen der zahlreichen Seen. Ganz neu und chic ist der Badeplatz am Astrup Fearnley Museum in Tjuvholmen, fast direkt in der Innenstadt. Mit Blick auf Bygdøy, das Rathaus und die Festung kann man sich hier in die Fluten stürzen. Mehr Natur bieten die Badeplätze am Songsvann (super mit der T-bane Linie 6 erreichbar) oder am Bogstadvannet. Mit den Fähren 92, 93 und 94 lassen sich unter anderem die Fjordinseln und Strände Hovedøya, Langøyene oder Gressholmen anfahren. Einfach am Hauptbahnhof, gegenüber des Ruter-Turms, den Bus 60 nach Vippetangen nehmen und dort angekommen auf eine der Fähren springen. Bus Nr. 30 oder die eigenen Füße bringen erhitzte Körper nach Bygdøy, wo man sich entweder am Strand von Huk oder an Paradisbukta (der Paradiesbucht) abkühlen kann. Und wenn das alles zu weit erscheint: Einfach die Füße in den Springbrunnen im Frognerpark stecken. Das ist nicht gern gesehen, kühlt aber herrlich ab!

2. Kühlendes Nass (intern): In Oslo gibt es, trotz des normalerweise kurzen Sommers, viele Lokale mit Patios, wo sich die Hitze mit einem kühlenden Getränk ertragen lässt. Norweger tendieren schon die ersten Sonnenstrahlen im Februar mit einem Ute-Pils zu feiern, dem ersten Bier (Pils), das draußen (ute) genossen wird. So betrachtet, lohnt sich die Anschaffung einer Außenterrasse für jeden Wirt und ich mag drei hier in Oslo besonders gern:

– Lekter’n an Aker Brygge: Riesige Sitzkissen oder gemütliche Sitzoasen erwarten Besucher hier direkt am Wasser, wo immer eine nette Brise weht. Ja, das Publikum ist manchmal etwas snobby, aber die Yachtbesitzer und Yuppies können meine Begeisterung nicht trüben. Mit Blick auf die Festung und den Fjord sitzt man mit den Füßen fast im Wasser und findet den Sommer plötzlich viel schöner.

– Frognerseteren: Zugegeben, die Anreise mit der T-bane ist lang und der steinige Abstieg zum Lokal bei 30 Grad kein Zuckerschlecken. Aber dafür wird man mit der wohl schönsten Terrasse und dem wunderbarsten Ausblick über Oslo belohnt, den die Stadt zu bieten hat. Dazu noch ein Stück Apfelkuchen aus der hervorragenden Küche und alles ist perfekt.

– Lorry: Am Ende des Bogstadveien, direkt neben dem Literaturhaus, liegt der französisch wirkende Biergarten des britischen Lokals mit der größten Bierauswahl in Oslo. Rotkarierte Tischdecken und bunte Lichter in den Bäumen wirken wie aus Frankreich entführt und selbst die gestresste Bedienung kann mich nicht ärgern. Hier im Schatten unter einem der großen Bäume zu sitzen – das ist Sommer pur.

3. Eisdielen: Umsonst sucht der verwöhnte deutsche Gaumen in Oslo nach einem Spaghettieis oder einem Bananenflip. Die hohe italienische Gelatokunst hat es noch nicht bis nach hier oben geschafft, was wirklich ein Jammer ist! (Hier also mein Aufruf an Eisdielenbesitzer in Deutschland: Kommt nach Oslo! Wir brauchen Euch!!!) Stattdessen bieten Läden wie Seven Eleven, Deli de Luca oder Narvesen Eis am Stiel oder Softeis. Das ist bei den Norwegern sehr beliebt, aber so richtig nach Sommer schmeckt es nicht. An Aker Brygge finden sich drei verschiedene Eisstände, die Kugeln im Becher oder in der Waffel anbieten. Zwei wirklich lohnende Ausnahmen sind die Eisdiele Paradis kurz vor dem Astrup Fearnley Museum und die italienische Eisdiele Dolce Vita hinter dem Parlamentsgebäude. Kippen hier die Kunden zwar vor Begeisterung aus den Latschen, vermissen Deutsche aber die richtigen Eisbecher, die beim Besuch der Eisdiele einfach dazu gehören.

Kühlen, kühlen, kühlen lautet also die Devise und weiter auf Besserung hoffen. Liebe Osloaner, schickt mir doch Eure Lieblingsplätze der Stadt im Sommer und Tipps, wie Ihr die Hitze hier bewältigt. Ihr lieben Leser aus anderen Orten: Hat bei Euch der Sommer schon zugeschlagen und was sind Eure Tipps bei tropischen Temperaturen?

Kühlen Kopf bewahren heißt es auch am Sonntag für das deutsche Team im Finale gegen Argentinien im Maracana. Was für eine Kulisse für ein Finale!! Ich hoffe auf ein spannendes, faires und unterhaltsames Spiel, das Deutschland am Ende gewinnt. Gerne im Elfmeterschießen! Allen Fußballfans wünsche ich also einen spannenden Sonntag, allen Nicht-Fußballfans rufe ich zu: „Es ist fast geschafft!“

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, einen schönen Urlaub oder eine wunderbare Zeit auf der heimatlichen Terrasse. Genießt den Sommer, denn ehrlich gesagt: Der Herbst kommt schneller als man denkt!

Ha det bra,

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(geht schon….)

 

Ulrike