Fotosafari Norwegen: Verdens Ende ODER Das Ende der Welt ist näher als man denkt!

„Ich geh‘ mit dir wohin du willst – auch bis ans Ende dieser Welt…“ sang Nena, meine Jugendheldin und BRAVO-Starschnittkönigin, schon 1983. Auch Leinwandlegende Johnny Depp befasst sich als Captain Jack Sparrow im dritten Teil der erfolgreichen Fluch der Karibik-Serie mit dem Ende der Welt. Viele Kulturen haben eine Vorstellung dieses geografischen Punktes, an dem die bewohnbare und bekannte Welt endet. An dem das Mysterium beginnt. Das Abenteuer wartet.

Auch in Norwegen kann man an das Ende der Welt reisen.

Dort gibt es dann Würstchen.

Und Kaffee.

Und gute Angelplätze.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Letztes Wochenende sind wir „på hytta“ gegangen – auf die Hütte – eine für Norwegen typische Wochenendaktivität. Viele Norweger besitzen ein eigenes Ferienhaus in den Bergen oder am Meer und verbringen einen großen Teil ihrer Wochenenden oder Ferien dort. Selbst in die Musikbranche hat es das Hüttenleben schon geschafft und zwar mit dem wunderbar schrägen Song The Cabin der norwegischen Band Ylvis.

http://www.youtube.com/watch?v=ua1FAlHt_Ys

Nun verfügen wir (noch?) nicht über eine eigene Hütte, aber mieten geht ja auch. Am Samstagmorgen machten wir uns also auf Richtung Ende der Welt.

In Norwegen liegt das Ende der Welt am südlichen Teil des Oslofjords und kann innerhalb von zwei Stunden bequem mit dem Auto erreicht werden. Leider waren alle Campingplätze, Ferienhäuser und ähnliche Unterkünfte dort bereits ausgebucht. Eva fand aber einen wunderbaren Hof in Tjøme, nur wenige Kilometer entfernt. Die Dokkestua auf dem Holmehof wurde also für eine Nacht unser Domizil.

Nach einem ausgedehnten Angel-Wander-Grill-Fußballabend und einer ungestörten Nacht hieß es am nächsten Morgen: „Auf zum Ende der Welt!“ Auf dem Weg dorthin entdeckten wir noch die Halbinsel Hvasser, die erste Begeisterungsstürme auslöste.

@EvaWenzel

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@EvaWenzel

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Und was finden wir in einer schnuckeligen Bäckerei mit lecker Backwaren?

 @EvaWenzel

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GEITOST!!! Nichts wie weg hier!

Zwanzig Minuten später war dann das Ende der Welt ausgeschildert – und einen Parkplatz gab es auch! Leider gab es aber nur einen Parkautomaten, was bei dem sonntäglichen Ansturm zu einer langen Schlange führte. Und für alle, die es noch nicht wissen: Ich HASSE Anstehen. Nicht im Sinne von: „Och, wie doof, jetzt stehen da 10 Leute vor mir…“

Nein, nein.

Ich bekomme Mordgedanken.

Zuerst gerichtet gegen die zehn bekloppten Leute vor mir, die ja UNBEDINGT auch jetzt hierher kommen mussten, obwohl die genauso gut gestern oder morgen hätten kommen können. Oder von mir aus auch heute, aber dann eben früher. Oder später. AUF JEDEN FALL NICHT JETZT!

Die nächste Wutwelle richtet sich gegen die Betreiber des Parkplatzes. ERSTENS: Wie dusselig muss man sein, um an einer derartigen Touristenattraktion nur einen Parkautomaten aufzustellen? Wo haben die denn ihr Parkplatz-Planungs-Zeugnis gewonnen? Beim Lotto? UND ÜBERHAUPT: Wieso muss man hier bezahlen? Unverschämtheit! Das wird superteuer sein, da bin ich mir sicher, sehen kann ich die Preise noch nicht, weil JA IMMER NOCH 4 LEUTE VOR MIR STEHEN.

Um mir die Zeit noch besser zu vertreiben, hatte jetzt der Typ in der selbstabgeschnittenen Jeans vorne am Automaten seine Geldbörse im Auto liegen lassen. Statt aber einfach zur Seite zu gehen und Platz für den Nächsten in der Reihe zu machen, entschied er sich dafür, die Aufmerksamkeit seiner Frau zu erhaschen. „Hanne! HANNE! HAAAAAANNEEEEE!!!!!“, brüllte die Fransenhose also ohne Erfolg über den Platz. Hanne stand am Kiosk und kaufte gerade ein Eis. Wahrscheinlich mit seinem Portemonnaie. „H A N N E!!!!!!“ schrie die Franse nochmal, gab dann genervt dem Automaten, der ja nun wirklich nichts dafür konnte, einen Schlag und verschwand Richtung Kiosk.

Mir kam fast der Dampf aus den Ohren. Die drei nächsten Kunden erledigten ihr Parkgeschäft aber effizient und endlich, ENDLICH, durfte ich auch. Triumphierend spazierte ich mit dem Parkschein an der mittlerweile unendlich wirkenden Schlange vorbei, platzierte das Stück Papier an seinem Platz im Auto und war endlich bereit für das Ende der Welt.

Ganz schön voll hier.

Mehrere Wege führten ans Ziel, die Sonne kam zwischen den dramatischen Wolken hervor und bald tauchte eine wunderbare Szenerie vor uns auf. (Ich lasse an dieser Stelle gern die Bilder sprechen. Ist ja schließlich eine Fotosafari!)

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(Ein Wippfeuer, die frühere Form des Leuchtturms)

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(Tja…???)

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Und auch für Verliebte ist Platz am Ende der Welt:

@EvaWenzel

@EvaWenzel

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„Die öffentliche Kussbank“ der Gemeinde Tjome. Ob man sich an anderen Plätzen in der Gemeinde NICHT küssen darf, konnte uns allerdings niemand sagen.

Nach stundenlangem Klettern und aufs Meer gucken, Angeln und Kaffee trinken haben wir dem Ende der Welt den Rücken zugekehrt und uns auf den Heimweg nach Oslo gemacht. Ein tolles Wochenende war es! Danke an Eva und Stephan für die Idee – und Euch allen fürs Lesen! Fahrt unbedingt mal ans Ende der Welt, wenn Ihr in der Nähe seid! Und zum Schluss noch mein Lieblingsfoto mit meinem Lieblingsbesucher (links im Bild):

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***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser, ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Ausflug. Auch in den kommenden Tagen wird es einige Ausflüge geben: Meine Mutter ist zu Besuch und wir wollen hier in der Umgebung noch einiges erkunden. Ausflüge auf die Fjordinseln und in den Ekebergpark, Kaffee trinken in Grünerlokka und und und…

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, betrachtet das Ende auch mal als Anfang, lasst es Euch gut gehen und vergesst nicht zu lachen!

Ha det bra,

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Ulrike

Skandal am Königshaus wegen Schulwechsel ODER Wer will schon immer gleich sein?

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Kurz vor dem alle Jahre wiederkehrenden, umsatzschwachen Sommerloch fiel der norwegischen Presse noch eine Sensationsmeldung auf die Schreibtische: Kronprinz Haakon und Gattin Mette-Marit ließen verlauten, ihre beiden Kinder werden ab Herbst 2014 Privatschulen besuchen.

Privatschulen????

Skandal!!!

Hallo meine lieben adelstreuen Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. ENDLICH mal ein Blog über die Königsfamilie! Gleichzeitig aber auch ein Einblick in die norwegische Seele, das norwegische Schulsystem und die Macht der Presse. (Dies als Köder für alle, die beim Thema Königsfamilie gelangweilt wegklicken wollen.)

Fangen wir am Anfang an. Da ist bekanntlich das Wort, in diesem Fall: Folkelig. Das ist ein schwer zu übersetzender norwegischer Begriff und bedeutet, grob gesagt, volksnah. Wer folkelig ist, ist wie alle anderen. Und DAS ist gut so. Besonders von der Königsfamilie wird erwartet, dass sie folkelig ist. Immerhin ist die gesamte Monarchie vom Volk beschlossen worden und da darf man jawohl erwarten, dass die im gelben Schloss sich nicht soviel auf ihren Status einbilden.

Gleichheit mag vielleicht ein Recht sein, aber keine Macht vermag sie in die Tat umzusetzen.

Honoré de Balzac (1799 – 1850), französischer Philosoph und Romanautor

Nun gibt es aber ein Paradox: In §5 des norwegischen Grundgesetzes steht, dass der König heilig ist („Kongen er hellig.“). Und da kann ein Heiliger noch so volksnah sein, heilig bleibt er trotzdem und schwebt damit, metaphorisch ausgedrückt, ein paar Meter über dem Erdboden.  Ein anderes Paradox ist, dass die Königsfamilie selbstverständlich in einer Welt voller Privilegien lebt, Privilegien sowohl sozialer als auch ökonomischer Natur. Und damit sind sie nicht allein, denn so sehr die Norweger auch vom Janteloven – dem Gleichheitsgesetz – träumen, gibt in Realität natürlich immer Leute, die reicher sind, besser vernetzt, angesehener. Und damit weniger gleich. Die Königsfamilie versucht seit Jahrzehnten, die Balance zwischen sozialer Vormachtstellung und Volksnähe zu schaffen. Unvergessen die Straßenbahn-Fahrt von König Olav 1973 während der Ölkrise. Wie Ole Nordmann (der gewöhnliche Norweger) saß das Staatsoberhaupt neben seinen offensichtlich begeisterten Untertanen und zückte seine Geldbörse, um ein Ticket zu kaufen. (Dass er die übrigen Jahrzehnte seines Lebens in Luxuskarossen durch die Weltgeschichte oder Norwegen fuhr, blendete das Volk damals scheinbar aus.)

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Ähnliches gilt seit Jahrzehnten für den Schulbesuch der königlichen Sprößlinge.  Sowohl Kronprinz Haakon als auch seine Schwester Prinzessin Märtha Louise besuchten die öffentliche Schule in Smestad, in der bereits ihr Vater nach dem zweiten Weltkrieg die Schulbank drückte. Königin Sonja begann ihre Schulkarriere in einer Privatschule, wechselte aber dann ebenfalls zur Smestadt Schule und erreichte 1954 an der Realschule von Ris ihren Abschluss. Und bis zu diesem Sommer traf diese volksnahe Schulwahl auch auf die Kinder des Kronprinzenpaares, Thronfolgerin Ingrid Alexandra und ihren Bruder Sverre Magnus, zu. Beide besuchten – laut Königshaus ohne nennenswerte Probleme – die Jansløkka Schule in Asker bei Oslo.

Foto: Eivind Griffith Brænde

Ingrid Alexandras erster Schultag in Asker. Foto: Eivind Griffith Brænde

Der sie heute, am letzten Schultag, „Ha det“ gesagt haben.

Denn ab Herbst wird Ingrid Alexandra nach dem Willen ihrer Eltern die Internationale Schule Oslo besuchen, Sverre Magnus die Montessori-Schule Oslo. Diese Meldung wirkte wie ein Stich ins Wespennest. „Fjerner seg fra folket!“ titelte das linksfreundliche Boulevardblatt Dagbladet. Das Kronprinzenpaar entferne sich vom Volk – sei also, kurz gesagt, nicht mehr folkelig. Dabei sei es eine lange Tradition in Norwegen, dass das Königshaus Bescheid wisse über das Alltagsleben der Norweger. Mit dieser Entscheidung zur Schulwahl entferne man sich von dieser Tradition, so Torgeir Knag Fylkesnes von den Linken. Martin Kolberg von der Arbeiterpartei sah in der Entscheidung gar einen Schritt Richtung Ende der Monarchie. 100.000 norwegische Kronen koste allein die Internationale Schule pro Jahr, jaulte die Zeitung weiter, und was denn so schlimm wäre am weiteren Schulbesuch in der öffentlichen Schule in Asker?? Das Königshaus reagierte gelassen und begründete die Wahl für Prinzessin Ingrid Alexandra damit, dass sie „grundlegende Fähigkeiten erlangen soll, in Englisch zu denken, zu sprechen und zu schreiben.“ Die ironische Antwort von Politiker Fylkenes ließ nicht lange auf sich warten: „Man sollte glauben, dass Ingrid Alexandras Aufgabe als Prinzessin und spätere Königin von Norwegen sei, auf NORWEGISCH zu denken und zu sprechen.“

Die Fronten sind also verhärtet, an der Situation ändert sich aber nichts. Die norwegischen Königskinder gehen auf die Privatschule. Dem Willen ihrer Eltern gemäß.

Ich finde diese ganze Diskussion sehr spannend. Nicht, weil sie das Königshaus betrifft, aber weil sie einen Einblick in die norwegische Seele ermöglicht: Man kann gerne reich oder mächtig sein, aber das hat man gefälligst für sich zu behalten. Wie aber lässt sich dieses Ideal vereinbaren mit dem Wunsch der Eltern, für die bestmögliche und am besten geeignete Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen? Mit diesem Wunsch stehen Haakon und Mette-Marit ja nicht allein da. 30% der Schüler der Internationalen Schule Oslo sind norwegische Kinder (neben Kindern von Botschaftsangestellten und anderen ausländischen Angestellten hier in Oslo) mit norwegischen Eltern. Sie alle wollen eine international geprägte Ausbildung für ihre Kinder. Eine Ausbildung, die es so an norwegischen Schulen nicht gibt.

Und ja, dafür muss man dann eben bezahlen.

Und nein, das können nicht alle Eltern in Norwegen, auch wenn sie es gerne würden.

Und doch, das widerspricht dem Ideal der Gleichheit.

Deshalb kann all die Kritik, die seit Mittwoch durch die Foren der Onlineausgaben von Dagbladet oder Aftenposten schwirrt, in denen Mette-Marit als „snobistischer Emporkömmling“ bezeichnet wird, die allein verantwortlich für die elitäre Schulwahl ist; in denen die Monarchie als „auf dem absteigenden Ast“ bezeichnet wird  und in denen die öffentlichen Schulen gepriesen werden obwohl (oder gerade weil) sie „anscheinend für privilegierte Königskinder nicht geeignet sind“ – all diese Kritik könnte genauso gut den anderen norwegischen Eltern gelten, die diese Wahl für ihre Kinder getroffen haben. Sie alle sind nicht mehr folkelig.

Aber stimmt das? Sind sie nicht gerade dadurch volksnah, dass ihnen, wie allen norwegischen Eltern, das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt? Dass sie eine Entscheidung treffen, ohne auf die Kritik der Umgebung zu achten, weil sie das Beste für ihre Kinder wollen? Und geht es bei der Schulwahl wirklich um Prestige oder vielleicht doch eher um Qualität? Und wenn das so ist, warum verlieren die öffentlichen Schulen dann? Fehlt es diesen Schulen eventuell an individueller Betreuung und ausreichendem Personal? Vielleicht wird das Gleichheitsprinzip auch in den öffentlichen Schulen zu sehr in den Mittelpunkt gestellt. Aber es gibt nun einmal intellektuelle Unterschiede zwischen Schülern, so ist eben das Leben, und diese Unterschiede nicht zu beachten zugunsten eines abstrakten Gleichheitsprinzips – das ist doch hirnrissig. Ich muss mich damit näher befassen: Ein Blog zum norwegischen Schulsystem wird also folgen.

Die Diskussion wird hier in Norwegen weitergehen und ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Für den Moment sind die Fronten etwas verhärtet, an der Situation ändert es aber nichts. Und das ist auch gut so, denn wer will schon ein Königshaus, das sich zu sehr nach den Wünschen und Beschwerden seines Volkes richtet? Denn schließlich, um Ebba D . Drolshagens Buch Gebrauchsanweisung für Norwegen zu zitieren: „Ist sie (die Königsfamilie) zu normal, macht sie sich schnell entbehrlich…“ – und das wollen wir ja auch nicht!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser, mit unserem Ausflug in die norwegische Seele. Euch allen wünsche ich eine tolle Woche und meine wöchentlichen Grüße gehen mal wieder an Euch, meine Leser. Toll, dass Ihr da seid! Und besonders toll, wenn Ihr mich im Supermarkt ansprecht und mir erzählt, dass Ihr den Blog lest. Darüber freue ich mich den ganzen restlichen Tag! Macht es also gut, viel Spaß in den Ferien, bei der WM, im Garten, mit Freunden oder wo auch immer Ihr die Zeit verbringt.

Ha det bra,

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Ulrike

 

Willkommen in Oslo, Herr Bundespräsident ODER Entschuldigung, wieso dürfen wir hier nicht rein??

publik.verdi.de

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Im Ausland wird der Mensch patriotisch. So komisch es klingt, so wahr ist es doch. Jedenfalls für mich. Ob die deutsche Nationalmannschaft im Curling in Kanada, ein deutscher Weihnachtsmarkt in Edinburgh oder deutsche Würstchen auf dem Markt in Oslo – ich bin gleich über alle Maßen begeistert.

Hallo, meine lieben patriotischen (?) Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. In dieser Woche erlebte ich eine Deutsche, die mit Kopfschütteln und Leidensmiene verkündete, sie wäre „nicht gerade glücklich, Deutsche zu sein.“ Ja, das ist natürlich schlecht. Reisende soll man aber bekanntlich nicht aufhalten und so schlage ich statt unterwürfiger Reue im Ausland einen Wechsel der Staatsbürgerschaft vor. Fertig! Aber das nur nebenbei. Weiter zu Joachim Gauck: Während der Bundespräsident und die First Lady heute nach Trondheim reisen, berichte ich Euch von der offiziellen Begrüßung am Mittwochmorgen vor dem königlichen Schloss.

Die begann sportlich. Wie das bei Menschen so üblich ist, siegte am Mittwochmorgen der Gruppentrieb: Auf der nördlichen Seite des Schlosses hatten sich um 9.20 Uhr die ersten Deutschen mit deutschen Flaggen und guter Stimmung versammelt. Das reichte als Zeichen für weitere Gruppenansammlung. Neben den ca. 100 Schülern der Deutschen Schule warteten also noch weitere Deutsche auf Einlass zu den Publikumsplätzen. Jeder, der eine solche Einladung vorweisen konnte…

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… durfte extra nah ran an den Mann.

Oder das Schloss.

Auf jeden Fall weg vom gewöhnlichen Gafferpöbel.

(Ja, blaue Einladungskarten vom Königlichen Hof machen arrogant. Was soll ich tun?)

Um 9.30 sollte der Einlass beginnen. Froh gelaunt knipsten wir die ankommende Königliche Garde, die berittene Polizei und uns gegenseitig. Die Sonne strahlte, die halbe Stadt war mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Blumenkästen dekoriert und unsere Laune war prächtig.

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Bis zu dem Moment, als um 9.30 Uhr die beiden Polizistinnen das verschlossene Absperrgitter öffneten und nur die Schüler und Lehrer der Deutschen Schule einlassen wollten.

„Wie? – Was??? – UND WIR????“ jaulten wir anderen los. Ja, das wüsste sie jetzt auch nicht, zuckte die blonde Polizistin die Schultern und schloss das Gitter wieder. Stände denn nichts auf der Einladung? Pff, tolle Idee, auf der Einladung!  Das hätten wir wohl gesehen, wenn da was stände, wir können ja schließlich lesen, oder was wolle sie damit andeuten und….

Oh…

Guckt mal, auf der Rückseite ist eine Karte. Also, die Schulkinder stehen rechts vor dem Schloss und wir anderen sollen…ach guck…nach links…zum südlichen Eingang…also genau auf die andere Seite.

Ratlos blickten wir auf die Absperrgitter vor uns, die sich hübsch glänzend vom Schloss aus die gesamte Karl Johan Gate hinunterzogen. Ich kalkulierte meine Fähigkeit mit dem dicken Bauch über das Gitter zu klettern: Gering, sehr gering. Außerdem wohl auch nicht gern gesehen bei den streng blickenden Sicherheitsleuten.

Ein entschlossener Mitarbeiter der Deutschen Botschaft hatte einen Plan: „Auf der Hälfte der Auffahrt stehen Polizisten, wir fragen, ob sie uns auf die andere Seite lassen.“ Ein Plan, endlich! Es folgte der stramme Marsch einer Gruppe Deutscher, die in geballter Entschlossenheit kurze Zeit später vor drei norwegischen und ahnungslosen Polizisten stoppte. Unsere Entschlossenheit auf die andere Seite zu kommen (und zwar schnell), traf auf höfliches Desinteresse. Bei den Polizisten. Nicht bei den umher stehenden Touristen, die uns neugierig betrachteten. Nach energischem Wedeln mit blauen Einladungskarten, ein paar gewechselten Sätzen ins Walkie-Talkie und aufgrund der generellen Gutmütigkeit der Norweger geschah es: Zum zweiten Mal an diesem Tag öffnete sich ein Absperrgitter vor uns. Diesmal durften wir durch!

Hätte das Königspaar in diesem Moment aus einem Schlossfenster geguckt, was hätten sie wohl von der Gruppe Deutscher gehalten, die gerade quer über die abgesperrte Auffahrt joggte? Wir werden es nie wissen und wir hatten auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn nun mussten wir die Auffahrt wieder hinauf, um dann endlich, endlich, am richtigen Platz zu landen. Keuch, keuch. Warum wir nicht einfach hinter den Schulkindern her auf die linke Seite gehen durften, ist ein Rätsel, das wir nicht lösen konnten. Stattdessen zuckten wir unsere Pässe und wappneten uns für eine gründliche Kontrolle. Zu der nur so viel: Dass kein Attentat auf König oder Bundespräsident verübt wurde, kann man nicht den beiden Sicherheitskräften verdanken, die uns hineinließen. Ins Parlamentsgebäude durfte ich nicht einmal ein Taschenmesser mitnehmen, aber ich hätte problemlos zwei Staatsoberhäupter samt Gattinen beim Staatsempfang auslöschen können. Weder mein Pass noch meine Tasche hat irgendwen interessiert. Nun gut, ich bin harmlos, da haben sie nochmal Glück gehabt.

Die Sonne brannte vom Himmel, als wir vor dem Schloss unsere Stehplätze einnahmen. Uih, so nah dran am Geschehen!

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Mitleidig fiel mein Blick auf die Garde, deren Mitglieder seit über 25 Minuten bewegungslos in der Hitze standen. Natürlich in voller Uniform und mit Hut. Von links erschien nun eine norwegische Delegation, von denen ich nur den Osloer Bürgermeister Fabian Stang erkannte. Brav nahmen die VIPs Aufstellung am roten Teppich. Wenige Minuten später erschien das Königspaar, er in voller Uniform, sie im cremefarbenen Ensemble mit passendem Hut. Die Glücklichen stellten sich im schattenspendenden Pavillon auf Position, den einige der schwitzenden Gardemitglieder wohl nur zu gern gestürmt hätten. Während Königin Sonja im Schatten bleiben durfte, nahm der König die Parade ab, dann begrüßten beide die VIP-Delegation und nahmen schließlich am anderen Ende des roten Teppichs Aufstellung.

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Mir war warm und einen Stuhl hätte ich auch gern gehabt. Jammer, jammer. Aber ich riss mich zusammen: Neben mir stand die hochschwangere Christina und wenn die nicht jammerte, dann musste ich Bauchküken mich auch zusammennehmen. Mal ehrlich!

Uh, Achtung, eine Wagenkarawane näherte sich!! Nach zwei weißen Polizeiwagen folgte die schwarze Staatskarosse und hielt genau vor den Füßen des norwegischen Königspaares. Die Türen öffneten sich und unter lautem Jubel entstiegen Joachim Gauck und Daniela Schadt. Kronprinz Haakon, der die beiden offensichtlich abgeholt hatte, schloss sich der gutgelaunten Gruppe an, die sich gleich viel zu erzählen hatte.

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Im schützenden Schatten angekommen, erklangen die beiden Nationalhymnen. Warum singen wir Deutschen eigentlich nicht mit? Oder machen wir es nur, wenn wir in großen Gruppen sind? Oder nur beim Fußball? Oder wie oder was? An diesem Morgen hörte ich um mich herum auf jeden Fall nur Stille. Komisch. Ob die beiden Ehrengäste sangen, konnte ich leider nicht erkennen. Nach dem letzten Ton wiederholte sich die Prozedur, die vorher der König allein unternommen hatte: Abnahme der Garde, Begrüßung der VIPs. Dann lenkte der König seine Gäste zu den wartenden Schulkindern, die in begeistertes „Hipphipphurra“ ausbrachen. Der Bundespräsident zeigte sich ebenfalls begeistert, ließ sich auf Selfies mit den Schülern ablichten, fragte und erzählte und nahm sich Zeit.

Dann ging er mit dem König gemeinsam ins Schloss.

Äh…

Hallo??…

Herr Gauck? Joachim?? Jojo?? Wir sind auch noch da, hier links auf der anderen Seite.

Hatte er etwa gehört, dass wir die Hymne nicht mitgesungen hatten? War er einfach müde und wollte raus aus der Sonne? Was immer es war, der Bundespräsident ging ohne weitere Wort hinein und ließ uns stehen.

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Aber wozu hat man eine First Lady? Und eine Königin? Daniela Schadt und Königin Sonja erwiderten unsere Grüße mit guter Laune und netten Worten, bevor sie sich ihren Männern anschlossen und endlich, endlich wieder in den Schatten durften.

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Immerhin!

Nur wenige Minuten später rollten Mitarbeiter den roten Teppich wieder ein und zwei Gardemitglieder sanken in eine gnädige Ohnmacht. Der ganze Zauber war vorbei. Aber – es hatte sich gelohnt.

***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich finde es immer wieder toll, was man hier in Oslo so erlebt. Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und viel Spaß bei der WM. Schon wieder eine Chance, patriotisch zu sein und so werden wir am Montag vor der Akershus Festung beim public viewing die Jungs von Joachim Löw lautstark anfeuern. Nach dem fast skandalösen Start gestern hoffe ich auf einen guten Schiedsrichter und natürlich ganz viele deutsche Tore. Allen Nicht-Fußballfans wünsche ich für die kommenden vier Wochen starke Nerven – immerhin gibt es dieses Mal keine Vuvuzelas.

Ha det bra,

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(keine Ahnung, warum ich so schmerzverzerrt grinse…..)

Ulrike

Norwegische Nationalgerichte aus Ulrikes Küche ODER Heute gibt es Rømmegrøt!

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Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann folgt ein bestimmtes: „Gut, dann esse ich Brot heute oder hol‘ mir eine Pizza.“ Martin, mein unerschrockener Partner in allen kulinarischen Lebenslagen, lässt mich im Stich. Und das nur, weil ich angekündigt hatte, ein neues Rezept auszuprobieren.

Hallo, meine lieben hungrigen Leser und willkommen in meiner Küche! Schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Blog geriet ein bisschen sehr persönlich in den letzten Wochen und da ich vermute, dass sich viele nicht unbedingt für Neues vom Mammayoga sondern für Neues aus Norwegen interessieren, musste mal wieder ein typisch norwegisches Thema her. Dachte ich so. Nur was? Die Auswahl ist so groß! Wie immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann, esse ich eine Kleinigkeit, das hilft ungemein beim Denken und so komme ich nach nur drei Erdbeeren auf die Idee, mal wieder ein norwegisches Nationalgericht zu kochen.

Gesagt, getan. Mein erster Weg führt mich also in die Majorstuen-Filiale der Deichmanske Bibliothek auf der Suche nach meinem Lieblingsbuch…

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…das ich mir aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht gekauft habe. Ich blättere also durch die bekannten Seiten auf der Suche nach einem unbekannten Gericht. Auf Seite 90 werde ich fündig:

Rømmegrøt!!!

Ich habe immer nur davon gehört, es aber weder selbst gegessen noch gekocht, aber es scheint das zu sein, was ich suche, denn mein Buch schreibt: „Rømmegrøt hører til blant de norske nasjonalretter.“ Die weiße Masse gehört also zu den Nationalgerichten des Landes. Zwei Rezepte werden angeboten: Eines aus dem südlichen Trøndelag, wo meine Lieblingsstadt Trondheim liegt…

und eines aus dem südlicher gelegenen Sogn und Fjordane…

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…an der Westküste mit dem Namen Rømmegrøt aus Sogn und Fjordane.

Der Unterschied zwischen den beiden Rezepten besteht darin, dass im Trøndelag nur Rømme, Milch und Mehl verwendet werden, an der Westküste werden noch gryn (Hartweizengrieß) und Ei zugegeben. Hm. Hört sich vielversprechender an, finde ich und entscheide mich für das zweite Rezept. Guter Dinge verabschiede ich mich aus der Bibliothek und mache mich auf den Weg zum Supermarkt. Meine Einkaufsliste ist kurz, aber ungewöhnlich:

Hartweizengrieß

Eier

Milch

Rosinen

Schinken

Zimt

und natürlich Rømme.

(An dieser Stelle ein dickes Danke an meine Freundin Eva, die mir gestern dern Trick verraten hat, wie ich auf einer deutschen Tastatur das norwegische „ø“ tippe. Alt plus 155. Genial. Gerade heute, wo ich gefühlte 1000 Mal Rømmegrøt schreibe. DANKE!!!)

Rømme also.

„Himmel, was ist denn dieses Zeug, von dem sie die ganze Zeit schreibt??????“, höre ich Euch Nicht-Norweger genervt rufen.

‚Tschuldigung.

Da muss man ja nicht gleich so laut werden.

Ich bin sensibel.

*schmollt*

HätteschonnocherklärtwasRømmeististjawohlklaraberesgehtjnichtimmeralles-

sofortsoeinArtikelfolgtjaaucheinemrotenFadendenmussmanbeachtenmenno.

*schmollt*

Ok, fertig geschmollt!

Rømme gibt es nur in Norwegen und kann am ehesten mit Creme fraîche verglichen werden, aber das trifft es genauso wenig wie das norwegische Kesam und deutscher Quark dasselbe sind. Die weiße Masse wird aus Sahne oder einer Mischung aus Vollmilch und Sahne hergestellt, die dann mithilfe von Baktierenkulturen angesäuert wird. Normale Rømme hat einen Fettgehalt von 18-20%, die sogenannte Seterrømme liegt bei hüftfreundlichen 35%.

Ratet, welche ich verwenden werde?

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Was sonst?

Rømme hat eine dicke Konsistenz und riecht säuerlich-frisch. Ähnlich wie Creme fraîche wird es in unterschiedlichen Rezepten verwendet, aber gern auch als Dip oder auf Waffeln. Anders als Creme fraîche dient es in Norwegen aber auch als Grundlage für eine komplette Mahlzeit. Als ich das erste Mal davon hörte, stellten sich meine Nackenhaare auf. Warme „Creme fraîche“ mit Mehl und Milch???

Nein, danke.

Aaaaber, Ansichten ändern sich ja und nun stehe ich also in meiner Küche und breite meine Schätze vor mir aus.

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Das Rezept ist mehr als einfach. Seterrømme in den Topf, drei Minuten kochen lassen, Hälfte des Mehls dazu, kräftig rühren. Fünf bis zehn Minuten weiter kochen lassen, bis sich eine Schicht flüssiges Fett absondert. Die abschöpfen und warm stellen. Ei und Milch verrühren. Zusammen mit dem Hartweißengrieß und dem restlichen Mehl in den Topf und auf schwacher Hitze für eine Stunde köcheln lassen. Mit Rosinen, Zucker, Zimt, gehacktem Ei, Schinken und flatbrød (superdünnes Knäckebrot) servieren.

Es schüttelt mich ein bisschen.

Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Zaudern ist der Dieb der Zeit und überhaupt…los jetzt!

Nach einigen Minuten blubbert die Rømme fröhlich im Topf und ich füge „1 dl Mehl“ hinzu. Witzig, oder? Die Skandinavier messen Mehl in Deziliter und um das auch abmessen zu können, gibt es ein Set von kleinen Löffeln. Hatte ich mir vor Monaten gekauft, aber noch nie benutzt. Nun ist es dran. Ab mit dem Mehl in die Blubbermasse und aufs Fett warten.

Kennt Ihr das? Man wartet darauf, dass Wasser kocht oder Nudeln gar werden oder die Pizza schön golden braun und je länger man zuguckt, umso langsamer scheint es zu gehen. So auch diesmal. Die Masse blieb weiß. Deckel drauf, mein Reh auf 7 Minuten gestellt und stattdessen Ei gepellt. Nun ein guter Tipp von mir: Habt Ihr jemals Rømme und Mehl zusammen in einem Topf lasst es nicht – ich wiederhole: NICHT! – für mehrere Minuten unbeaufsichtigt.

Interessanter- und unerwarterterweise brennt das verfluchte Zeug nämlich an.

Fluchend wechsle ich Töpfe und lasse die Blubbermasse nicht mehr aus den Augen.

Aber dann ein Erfolg: Ein kleines Fettrinnsal zeigt sich am Blubbermassenrand. Eureka!!!! Ich warte noch einen Moment und schöpfe den Fettfluss dann mit einem Löffel ab. Das heben wir auf für später! Der Geruch aus dem Topf ist….sagen wir es höflich….ungewöhnlich. Aber ich mache weiter. Die restlichen Zutaten in den Topf und schwach köcheln lassen für eine Stunde.

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Eine Stunde? Pffffff….was mache ich denn eine Stunde lang?

Zuerst die Küche aufräumen. Ich hasse unordentliche Küchen oder Arbeitsflächen. Im Harbour House Restaurant in Kanada und in einem meiner Lieblingsanimationsfilme Ratatouille habe ich gelernt: „Always keep your work station clean!“ Es gibt Leute, die kochen und schaffen es hinterher zu essen, obwohl die Küche aussieht wie nach einem Wirbelsturm. Kann ich nicht. Putz, putz. Widerstrebend entsorge ich den Milchkarton in der Altpapiertasche. Daran werde ich mich hier in Norwegen nie gewöhnen: Getränkekartons sollen ins Altpapier! Aber der Deckel, der kommt in den gelben – hier in Norwegen blauen – Sack. Unsinnig.

Ich rühre um und etwas Erstaunliches passiert: Ich bekomme Appetit, die Blubbermasse zu probieren. Hilfe! Schnell wieder Deckel drauf. Noch 45 Minuten.

Mein Magen gluckert. Um mich abzulenken, greife ich zum Strickzeug – auch hier bin ich gerade ganz norwegisch und stricke aus dem Buch meiner Lieblingsstricknorweger Arne und Carlos Strikk fra Setesdal. Himmel, bin ich heute häuslich – das scheint die Nestphase zu sein! Ran an die Nadeln und weiter am Bein gestrickt:

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Plötzlich klingelt mein Reh.

Ich gucke verwirrt.

Meine Reh-Küchenuhr scheint ins Wochenende zu wollen, denn es können unmöglich schon 60 Minuten vergangen sein. Doch, laut Reh schon. Ich werde misstrauisch und stelle das Reh auf 15 Minuten.

5 Minuten später klingelt es mir freundlich entgegen.

Hilfe, mein Reh ist kaputt!!! Das war eine Tchibo-Sonderedition, das bekomme ich nie mehr, das geht doch nicht!!! Ich stelle es in eine dunkle Ecke zum Beruhigen und hoffe auf ein Wunder. Die Blubbermasse sieht nicht viel anders aus als zu Beginn. Ok, noch 30 Minuten, entscheide ich. Whatever. Rühr, rühr, Magen knurr.

30 Minuten später hat der Strickbär ein zweites Bein und ich habe richtig Hunger. Das Rømmegrøt-Zubehör steht bereit…

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und ich werfe einen letzten Blick auf das Foto im Rezeptbuch.

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Blubbermasse auf den Teller, warmgestelltes Fett an den Rand, gehacktes Ei darüber, Rosinen verteilen und abschließen mit Zucker und Zimt. Auf einem extra Teller: Schinken und flatbrød.

Mein Magen schweigt plötzlich stille und skeptisch sitzen wir gemeinsam vor unserer Kreation. Immerhin sieht es aus wie auf dem Foto. Schluck.

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Here goes nothing, denke ich. Und: Geronimo!

Ich greife entschlossen nach dem Löffel und beginne zu essen. Meine Geschmacksnerven reagieren verwirrt auf die ungewohnte Mischung, trauen sich aber weiter raus, werden mutiger, beginnen zu entdecken und dann:

LECKER!!!!!!

Der säuerliche Geschmack der Rømme zusammen mit dem Ei und den Rosinen ist köstlich! Mit einem Stück Schinken wird es sogar noch besser. Und das flatbrød nimmt den Fettgeschmack ein bisschen weg! Das gibt es doch nicht, das ist richtig, richtig, richtig lecker!!

Für ungefähr 6 bis 8 Löffel voll. Dann schlägt das Fett zu und mein Magen sendet Bitte um Nothalt. Ich bin schon satt. Aber ganz glücklich. Was für eine Entdeckung. Nächstes Mal koche ich eben die nur die Hälfte. Ich stelle den Rest vom Rømmegrøt später in den Kühlschrank – neben die Fischbuletten, die Martin heute Abend bekommt.

Ich bin ja kein Unmensch 🙂

Vielleicht habt Ihr Lust bekommen, das norwegische Nationalgericht nachzukochen. Hier das Rezept:

1 l seterrømme

2 dl Mehl

5 Esslöffel Hartweizengrieß (gryn)

1 Ei

½ l Milch

Beilage: Rosinen, gehacktes Ei, geräucherter Schinken, Zimt und Zucker, flatbrød.

Zubereitung: Seterrømme in den Topf, Deckel schließen, drei Minuten bei kochen lassen, Hälfte des Mehls dazu, kräftig rühren. Fünf bis zehn Minuten weiter kochen lassen (Deckel drauf!), bis sich eine Schicht flüssiges Fett absondert. Die abschöpfen und warm stellen. Ei und Milch verrühren. Zusammen mit dem Hartweißengrieß und dem restlichen Mehl in den Topf und auf schwacher Hitze für eine Stunde köcheln lassen. Mit Rosinen, Zucker, Zimt, gehacktem Ei, Schinken und flatbrød (superdünnes Knäckebrot) servieren. Vel bekomme!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit viel Sonne, neuen Eindrücken und ganz viel Lachen. Und immer daran denken: Nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht“ zu leben, verhindert vielleicht die leckersten Überraschungen.

Ha det bra,

Rommegrot

Ulrike

 

 

 

 

Das Kinderkunstmuseum in Oslo ODER Kunst von Kindern für Kinder (und Erwachsene)

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Der Weg führt die Treppe hinunter in einen kleinen Garderobenraum, wo wir unsere Sandalen gegen gemütliche Hausschuhe in allen Farben des Regenbogens tauschen. Vom kleinen Kassenraum aus geht es dann die Treppe hinauf – und eine neue Welt offenbart sich: Die Wände sind bedeckt mit farbenprächtigen Zeichnungen und Malereien, überall stehen bunte, kleine Statuen, verrückte Spielzeuge und über uns hängen exotische Pflanzenstränge. Plötzlich sieht man sich selbst inmitten dieser fantastischen Welt im Spiegel an der Wand. Und ist sprachlos.

Hallo, meine lieben Leser. Schön, dass wir uns hier wieder treffen! Das Kinderkunstmuseum scheint ein gut gehütetes Geheimnis in Oslo zu sein, denn hätte ich gewusst, was mich erwartet, wäre ich schon vor langer Zeit dort gewesen. Aber bis auf ein kleines Schild an der Straße hält sich das Museum bedeckt.

Von afrikanischen Trommelklängen werden wir in die zweite Etage gelockt. Eine Gruppe Kindergartenkinder lauscht einem grauhaarigen Mann und seinem Trommelspiel. Später unterhalten sie sich über Kunst. „Was ist das überhaupt: Kunst?“, will der Pädagoge wissen. „Bilder, die man anguckt und schön findet!“, antwortet ein Junge. Da hat er hier im Museum viel zu tun. Ich bin beeindruckt von den Kunstwerken, die Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren geschaffen haben. Schulen, Familien, Kunstakademien aus 185 Ländern haben zu der gewaltigen Sammlung des Museums beigetragen – nur ein Bruchteil ist ausgestellt.

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@kidsinjazz.com

Das Kinderkunstmuseum ist ein Pionier der Kunstwelt. Gegründet 1986 von der Stiftung für Kindergeschichte, Kinderkunst und Kinderkultur war es die Idee des russischen Filmmachers Rafael Goldin und seiner Frau, der Ärztin Alla Goldin. Heute leitet Tochter Angela das weltweit erste Museum von Kindern für Kinder (und Erwachsene).

Rafael Goldin formulierte es so: „Kinder sind ein eigenes Volk, sagt man. Aber ein Volk kann nicht ohne Kultur existieren. Kinder sind das Volk, denen die Zukunft gehört. Und dieses Volk muss ein Recht haben auf seine eigene Sprache, seine eigene Kultur, seine Kunst und seine Geschichte.“ Aus diesem Anspruch entwickelt das Museum seine Aufgaben: Es will die Kunst der Kinder der ganzen Welt bewahren, durch Projekte und Kunstangebote neue Kunst schaffen und die Kunst der Kinder vermitteln.

Ein großes, asiatisches Kindergesicht blickt den Betrachter an. Dicke, blaue Tränen kullern über die rosa Wangen. Mama, jeg vil hjem! (Mama, ich will nach Hause) heißt das Bild einer neunjährigen Chinesin. Ich muss schlucken und Miriam scheint es ähnlich zu gehen. Viele der ausgestellten Bilder sind so eindrucksvoll, dass es berührt. Hier sieht man die Welt wirklich aus den Augen der Kinder. Ihre Lebensumstände, ihre Ängste, ihre Freuden. Wie in der Ausstellung Daddy World Wide: Kinder auf der ganzen Welt wurden eingeladen in Bildern auszudrücken, was ein Vater ist oder sein sollte. Eine Kohlezeichnung zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, der ein Baby auf dem Arm hält. Eine riesenhafte Männerfigur steht zwischen einem Kind und einer Gruppe älterer Kinder. Ein Vater steht hinter seinem Sohn und hilft, die gewaltige Angelbeute ins Boot zu ziehen. Ein Mann mit knallrotem Kopf brüllt Richtung Betrachter.  Kinder haben hier das Recht, sich auszudrücken. In allen Aspekten ihres Lebens.

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Die Qualität der Bilder ist erstaunlich: Alle Kunstrichtungen sind vertreten und auch wenn die jungen Künstler nicht an das britische Wunderkind Keiron Williamson heranreichen – sie haben ihre eigene Bildersprache gefunden. Hier haben Kinder bestimmt, was ihnen am Herzen liegt und wie sie es ausdrücken wollen. Die Stilmittel sind in den Kulturen unterschiedlich, die Themen sind es nicht. Kinder von Alaska bis Australien nehmen Kunst als Mittel der Kommunikation. Ein verbindender, beruhigender Gedanke, der Hoffnung auf die Zukunft macht.

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Die letzte Treppe führt uns in eine Schatzkammer. In einem abgedunkelten Raum  mit hoher Decke finden sich Puppen, Spielzeuge, Masken aus der ganzen Welt. Jede Ecke, jede Fläche ist bedeckt mit den bunten Weltreisenden. Dicke Teppiche und bunte Sitzkissen laden zum Bleiben ein. Ein Glasprisma am geöffneten Fenster spiegelt das Sonnenlicht und schickt glitzernde Lichtflecke in den dunkleren Raum. Vogelzwitschern füllt die Luft. Ein Raum wie aus 1001 Nacht. Ich könnte ewig bleiben. Unten, im kleinen Museumsshop, entscheide ich mich für drei Postkarten, bevor wir die bunten Pantoffeln ausziehen und zurückkehren in unsere Welt.

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***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Kommt in das Kinderkunstmuseum in Froen (Lille Froens vei 4, T-bane Linie 1: Froen Station), wenn Ihr in Oslo seid – für mich ist es das spannendste und schönste Museum, das die Stadt zu bieten hat. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit Sonne, Lachen und dem kleinen bisschen Extra. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an die tapferen Camper am Heidesee in Soltau – ich wünsche Euch ganz viel Sonne für die letzten Tage! Abschließend noch ein Satz des Malers Henri Matisse:

„Du musst ein Kind bleiben, solange du lebst…“

Ha det bra,

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Ulrike

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Ich – eine Yogini??? ODER Lustig machen über Mamayoga – geht nicht!

@Klaus Puth "Yoga für Kühe"

@Klaus Puth „Yoga für Kühe“

Leise Musik tanzt durch den Raum. Am Boden, eingewickelt in Decken, liegen 15 Frauen mit geschlossenen Augen. Außer tiefen, regelmäßigen Atemzügen ist nichts von ihnen zu hören.

Entspannung pur.

Wie lange geht das wohl noch?

Meine Blase drückt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Entschuldigt bitte den fehlenden Blog vom letzten Freitag. Wir hatten Besuch, das Wetter war so schön und ich hatte den Blog zwar angefangen, aber dann…äh…JA!…also dann kamen norwegische Trolle auf Skiern aus Brunost angefahren, schwangen sich mit Seilen aus Lakritze vom Bürgersteig auf unseren Balkon und…ENTFÜHRTEN MICH!

Ja, so war das.

Ich bin also völlig unschuldig, entschuldige mich aber trotzdem. Ich hätte auch aus trolliger Gefangenschaft irgendwie einen Blog schreiben können. Oder morsen. Oder singen.

Mea culpa.

Um mal wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Meine Blase drückte. Das tut sie seit ein paar Monaten und ich verbringe einen Teil meiner Zeit in gekacheltem Ambiente. Einen großen Teil meiner Zeit, um genau zu sein: Viele meiner Bücher sind mittlerweile ins Badezimmer umgezogen und zurzeit plane ich den idealen Standort des neuen Fernsehers. Nun ist eine drückende Blase in den eigenen vier Wänden eine relativ problemlose Angelegenheit, außer Haus kann sie zu Komplikationen führen.

Beispielsweise im Yogakurs.

Um es vorweg zu sagen: Ich hatte große Pläne, mich über Yoga für Schwangere lustig zu machen. Ehrlich! Eigentlich hatte ich mich nur beim Kurs angemeldet, um einen urkomischen Blog darüber zu schreiben. Und dann? Was passiert dann? Als ich voller Vorurteile und mit dem festen Willen zur Häme das erste Mal im Gemeinschaftshaus Sagene auf meiner Schurwollenmatte liege und der Stimme meiner Lehrerin lausche?

Ich fühle mich einfach nur sauwohl.

Und muss dann ein bisschen heulen, als mir bewusst wird, dass hier nicht nur fünfzehn erwachsene Frauen im Raum sind. Sondern auch fünfzehn noch ungeborene, funkelnagelneue Menschen, die in dicken Kugelbäuchen auf ihren großen Auftritt warten.

Hormone sind eine merkwürdige Sache, jaja.

(Ich realisiere gerade, dass dieser Blog eventuell manche Leser  abschreckt. Vielleicht vor allem Männer? Hm. Ok, Deal: Ich verspreche am Ende etwas über das CL-Finale von morgen zu schreiben, ok? – So, damit habe ich auch gleich ein paar  genderspezifische Vorurteile bedient. I am on a roll today!)

Zurück zum Yogakurs:

Ich hoffe, dass der weitere Verlauf mehr Komik-Ernte bringen wird. Der sandfarbengestrichene Raum bietet schon mal nichts: Drei nackte Wände, nur an der vierten ein großes, rechteckiges Wandbild mit in sich geschwungenen blauen und weißen Linien. Darunter am Boden ein niedriger, quadratischer Teaktisch mit einer weißen Orchidee und einer weißen Kerze. Heller Holzboden. Zwei Fenster mit weißen Vorhängen. Hm. Okay. Ich schließe einfach die Augen und entspanne weiter. Nach zehn Minuten Ruhephase beginnen wir mit Dehnübungen. Vermute ich. Die schwedische Lehrerin spricht einen Mix aus Norwegisch und Schwedisch, bei dem ich manchmal an meine Verständnisgrenzen stoße. Um nicht jedes Mal nachfragen zu müssen, halte ich mich an meine beiden Nachbarinnen und was die gerade machen, sieht eindeutig nach Dehnen aus. Und fühlt sich auch so an. Hilfe. Bei der Fragestunde am Anfang hatte sich gezeigt, dass ich die einzige Neu-Yoganerin bin. Das hätte ich aber gar nicht erwähnen müssen, das sieht man jetzt deutlich. Selbst unser Baby scheint zu lachen: Der Kugelbauch wackelt, als ich auf allen Vieren versuche, meinen linken Fuß möglichst elegant neben meine linke Schulter zu stellen.

„Und jetzt lang ausatmen und entspannen.“

Ja, klar. Ich schwanke wie ein Schiff auf hoher See. Ganz entspannt natürlich. Ha! Mein Gegenüber verliert auch ein bisschen das Gleichgewicht, was bei ihrem Bauch aber kein Wunder ist. Der Kurs richtet sich an Schwangere im dritten Trimester, also ab (laut Yoga-Broschüre) Woche 29 bis zum Geburtstermin. Nun ist ein Bauch in der 29. Woche schon nicht von schlechten Eltern, aber sooooo gewaltig dann wohl doch nicht. Mein Megabauch-Gegenüber trägt entweder Zwillinge in sich oder hat WIRKLICH spät mit dem Kurs angefangen. Nicht, dass wir hier noch Geburtshilfe leisten müssen!

Ich habe noch nie so viele Bäuche auf einmal gesehen. Manche Frauen, so unsere Lehrerin, fänden es entsetzlich, mit anderen Schwangeren in einem Raum zu sein. Manche fänden es herrlich. Ich gehöre eindeutig zur zweiten Kategorie. Sisterhood of babybellies! Die Schule macht einen ganz guten Umsatz, überlege ich weiter, während sich mein rechtes Knie verbiegt. Fünfzehn Frauen hier im Kurs, jede hat 1700,- NOK bezahlt, das rechnet sich schon. In Norwegen gibt es, anders als in Deutschland,  keine kostenlosen Schwangerschaftskurse. Selbst die Krankenhäuser verlangen für die angebotenen Geburtsklassen Geld. Woran das liegt, habe ich noch nicht herausgefunden, denn eigentlich sind alle Leistungen während der Schwangerschaft kostenlos (und das heißt was in Norwegen!). Aber so ist es nun einmal und ich bin, trotz verbogenem Knie, froh, hier zu sein. Aua.

Fertig, nächste Übung. Erleichtert begebe ich mich in die „barnestilling“, die Kindstellung. Auf den Knien, den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Arme auf der Matte vor mir liegend, die Stirn am Boden. Angenehm. Die Stimme unserer Lehrerin schwingt durch den Raum, ruhig und melodisch. Ob Yogalehrer Sprechtraining erhalten? Gibt es lispelnde Yogalehrer? Oder eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit quiekigen Stimmen, die nie Yoga unterrichten dürfen? Und wo kommen diese irrwitzigen Gedanken her? Ruhe jetzt! Konzentration!

Ich lasse mich von der melodischen Stimme tragen und atme in den Bauch. Das Baby ist ganz ruhig.

Anscheinend bin ich einen Moment eingedöst (dass das in dieser Haltung möglich ist!), denn ich werde leicht an der Schulter berührt und die angenehme Stimme fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich blicke mich überrascht um – alle anderen Frauen befinden sich bereits in der Hundeposition und schwingen das Becken. Huch. Ab jetzt bin ich konzentrierter und folge den Übungen mit wachsender Begeisterung. Mein ganzer Körper fühlte sich warm an und wie durchgeknetet. Nach 45 Minuten Übungen wechseln wir in die abschließende Entspannungsphase, die uns auch gedanklich auf die Geburt vorbereiten soll:

„Ich vertraue meinem Körper. Mein Körper ist perfekt für eine Geburt gebaut. Ich stelle mich meiner Angst und wandele sie um in Kraft. Mein Körper ist schön. Ich werde eine gute Mutter sein.“

Ich weiß, ich weiß, es ist klingt zum Brüllen. Mario Barth könnte damit sein humorverirrtes Publikum begeistern und jede selbstironische (und nicht schwangere) Autorin darüber Witze reißen. Die Sache ist nur die: Die Sätze beruhigen mich. Tun mir gut. Und zwar ganz extrem. Mein Mantra ist „Ich vertraue meinem Körper.“ Der Satz wird mich durch die nächsten Monate und die Geburt bringen. IHR seid überrascht davon? Na, fragt mich mal. Ich, die ich über fast jedes Thema Witze machen kann. Beim Mamayoga? Nix – Schweigen. Aber später!! Dann, wenn die ganze Hormonbasis hoffentlich wieder auf „Normal“ läuft, dann werde ich darüber Witze reißen, die zum Schenkelklopfen sind. Ehrlich! Bereitet Euch schon mal vor, holt Zweithosen und Taschentücher. Es wird urkomisch!

Das Mantra ist vorbei, und wir liegen entspannt am Boden und atmen. Eine wunderbare Ruhe breitet sich aus.

Da meldet sich meine Blase.

Oh nein. Oh oh. Wahrscheinlich ist das Baby beim Beckenkreiseln verrutscht, denn ich befinde mich nicht in einer „Hm, ich glaube, ich sollte bald mal auf die Toilette gehen“-Stimmung, sondern in akutem Blasenalarm. „KLO! SOFORT!“ lautet mein einziger Gedanke.

Nee, Ulrike, komm, wenn du jetzt aufstehst, dann erschreckst du alle in ihrer Tiefenentspannung, wer weiß, der Megabauch von gegenüber bekommt vielleicht Wehen vor Schreck und dann …

Es hilft nichts. Wie ein angestochener Elefant wälze ich von meiner Matte, werfe der Lehrerin einen erklärenden Blick zu und jogge ins befreiende Kachelambiente.

Ich sage es ja, ich bin die einzige blutige Yoga-Anfängerin. Die anderen Frauen halten ihre Blase bestimmt mit einer Beckenboden-Übung unter Kontrolle!

Namaste.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, lacht viel, entspannt auch mal und lasst Euch immer wieder überraschen! Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an Martins Oma Anneliese, die morgen ihren 100. Geburtstag feiert (und hoffentlich nicht aus dem Fenster klettert und verschwindet…)! Hipp hipp hurra!! Und wie versprochen nun noch zum Schluss der Satz zum morgigen Finale der Champions League: Madrid wird Meister, soviel steht fest!

Ha det bra,

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(Auf der heimatlichen Yoga-Matte, aus ungewöhnlicher Perspektive…wo sind meine Füße????)

Ulrike

 

 

 

Ein erstes Treffen mit Edvard Munch ODER Ich hasse Alpträume!

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Irgendwie schlafe ich in den letzten Nächten schlecht. Entweder greifen mich schwarze Riesenhunde an, ich verlaufe mich auf schier endlosen Hotelfluren oder ich stehe mit knurrendem Magen vor einem leeren Kühlschrank. (Das ist gruuuselig!!!!) Nun könnte man das analysieren.

Ja, könnte man.

Man könnte sich aber auch so richtig darin suhlen…

..und das Munch-Museum und die alptraumhafte Welt von Norwegens berühmtestem Maler besuchen. Frei nach dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es sich um meinen ersten Besuch handelt. So sehr ich Kunst schätze – Edvard Munch reißt mich nicht vom Hocker. Na gut, aber heute Morgen war eh schon alles egal. (Ich bin mir nicht sicher, ob das der passende Ansporn war, aber ich hatte keinen anderen.)

Edvard Munch gehört neben Ibsen und Grieg zu den Fundamenten norwegischen Kulturstolzes. Anscheinend lässt sich gute Laune und ernstzunehmende Kultur schlecht vereinen, denn weder bei Munch noch bei Ibsen gibt es viel zu lachen. Das scheint aber niemanden groß zu stören und meine Meinung zählt irgendwie nicht. Das ist nicht richtig! Kunst darf unterhalten, jawohl, das muss sie sogar! Finde ich. Aber zurück zum Thema: Munch lebte von 1863 bis 1944, sein Leben und seine Kunst geprägt vom frühen Tod seiner Mutter und Schwester, psychischen Problemen und Alkoholmissbrauch. Nach abgebrochenem Ingenieurstudium widmete er sich mit aller Ernsthaftigkeit der Malerei. Seine Bilder wurden stark kritisiert, aufkommende gesundheitliche Probleme vereinfachten das Leben nicht. Doch Munch gibt nicht auf. Sein Ansehen stieg und heute wird er als Vorbereiter des Expressionismus angesehen und gefeiert.

Einen der wichtigsten Maler aller Zeiten zwei Jahre lang zu ignorieren ist frevelhaft und so steige ich um halb elf in die T-Bane Richtung Tøyen, im Osten der Stadt. Vor dem betongrauen Museum blühen die Kirschbäume. Wie schön.

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Eine kunstbegierige Gruppe sammelt sich an den noch verschlossenen Eingangstüren und eine besonders eifrige Besucherin tritt sogar probeweise mit dem Stiefel gegen die Glastür. Was an deren geschlossenem Zustand nichts ändert. Ich betrachte die rosafarbenen Kirschbäume und habe jetzt schon keine Lust auf depressive Malereien.

Ich bin aber auch schlecht drauf heute!

Nicht nur das Baby sondern auch ich gebe mir einen innerlichen Ruck. In solchen Fällen hilft nur ein Deal: Hinein mit offenem Geist und hinterher ein Stück Kuchen zur Belohnung.

Sofort geht’s mir besser.

Die norwegischen Sicherheitsbeamten haben ein Einsehen mit der kulturbegeisterten Menschenansammlung – und mir. Die Türen öffnen sich. Doch anstatt dass wir rein dürfen, tritt erst mal ein Sicherheitsbeamter heraus. Was folgt ist eine fünfminütige Einweisung in „Wie man sich in einem Museum verhält“, mit dem ausdrücklichen Verbot, den Schrei zu fotografieren und dem Hinweis, dass wir alle durch einen Sicherheitscheck müssten. Und das hat seine Vorgeschichte: Am 22. August 2004 stürmten nämlich drei bewaffnete Männer das Museum, bedrohten Wächter und Besucher, rissen die ungesicherten Gemälde Der Schrei und Madonna von der Wand und flohen. Das dieser Diebstahl etwas zu einfach ging, sahen dann auch die Verantwortlichen des Museums ein und installierten in den kommenden 12 Monaten ein Fort Knox –fähiges Sicherheitssystem.

Besser spät als nie.

Die gestohlenen Gemälde wurden übrigens zwei Jahre später von der norwegischen Polizei sichergestellt und drei Norweger im Alter von 34 bis 37 Jahren zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

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Dank dieser drei Ganoven entledige ich mich nun meines Gürtels und verstaue Jacke und Handtasche in hellen Plastikboxen, die in der Tiefe eines Röntgenapparats verschwinden. Ich werde als ungefährlich eingestuft und darf durch zwei schleusenartige Türen endlich ins Innere des Kulturtempels. Dort begebe ich mich auf die Suche nach einer Bank oder ähnlichen Sitzgelegenheit. Erstens will das mitgelieferte Programmheft studiert werden und außerdem sitze ich am Anfang gern in Museen und lasse den Raum auf mich wirken.

Nicht hier. Es gibt keine Sitzmöglichkeit.

Ich streife durch die Räume und entdecke ganz am Ende, kurz vor dem Ausgang, einen riesigen Schreibtisch mit Hockern und Büchern.

Ahhh, besser.

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Die momentane Ausstellung, durch die ich so ignorant gegangen bin, heißt Gjennom naturen (Durch die Natur) und ist eine Zusammenarbeit des Museums mit dem Naturgeschichtlichen Museum Oslo, das sich gleich gegenüber befindet. Munchs Gemälde, Zeichnungen und Lithografien werden in sechs Räumen verbunden mit Disziplinen wie Geologie, Paläontologie, Kosmologie, Zoologie und Botanik. Dafür hat das Naturwissenschaftliche Museum, das dieses Jahr 200jähriges Bestehen feiert, verschiedenste Exponate zur Verfügung gestellt. Ausgestopfte Hirsche und Bären, Fossilien und Zeichnungen treffen auf Munchs Kunst.

Ich sitze gemütlich an dem riesigen Schreibtisch und bin…

…gelangweilt.

ICH WEISS!!!!!

Shame on me!

Eine Kulturwissenschaftlerin mit Kunst als Nebenfach sitzt gelangweilt im Munch-Museum.

Es ist aber so: Ich kann Ausstellungen nicht leiden, die so kopf- und textlastig sind. So interessant ich das Konzept auch finde, es lockt mich nicht weg von meinem Hocker. Stattdessen male ich Blumen in mein Notizbuch und beobachte andere Besucher. Manche scheinen die Ausstellung auch nicht fesselnd zu finden und verlassen die Räume nach kurzer Zeit Richtung Ausgang. Ich blättere in einem der ausgelegten Bücher mit dem Titel The Art Instinct, in dem Kunst und Evolution in Verbindung gesetzt werden. Spannend. Doch plötzlich ertönt eine Stimme in meinem Kopf.

M.G. (mein Gewissen): „Halloooo!? Du bist hier wegen Edvard Munch!“

Ich: „Hmhj.“ (blätter, blätter)

M.G. schneidend freundlich: „Und – falls ich fragen darf – wie viele seiner Gemälde oder Zeichnungen hast du bereits gesehen?“

Ich (blicke mich im Raum um): „Das da. Blumenvase. Hübsch.“

M.G. gezwungen geduldig: „Meinst du nicht, dass du vielleicht noch ein paar mehr ansehen solltest?“

Ich (meinen Bauch vorschiebend): „Och, die sind ja alle so weit weg. Das ist ja anstrengend.“

M.G. kurz die Fassung verlierend: „Wirst du wohl dein Baby nicht als Ausrede nutzen??? – Jetzt reicht es mir aber. Hoch da vom Stuhl und hin zum Schrei. Und mit ein bisschen Begeisterung, wenn ich bitten darf! Zack, zack!“

Kurze Zeit später stehe ich in einem dunklen Raum und gucke auf Munchs berühmtestes Werk. Die Angst des modernen Menschen wollte der Norweger mit seinem Gemälde angeblich ausdrücken. Mich deprimiert das Motiv einfach nur, glücklicherweise habe ich neben mir einen vierjährigen Jungen, der auf seine ganze eigene Art mit dem Kunstgenuss umgeht: Nach kurzer Betrachtung lässt er sich, die gleiche Pose einnehmend, zu einem wändeerschütternden Schrei hinreißen, der mich entzückt und die Wächter in Alarm versetzt. Ich könnte das Kind knutschen. Beschwingt und gutgelaunt arbeite ich mich durch den Rest der Ausstellung und  lese beispielsweise über Munchs Verhältnis zum Leben:

„Up from my rotting corpse flowers will rise and blossom, and I will be in them – immortal.“

Ein kurzer Stop vor dem Gemälde Madonna, das Bildnis einer halbnackten Frau, das gerade einer Klasse von 13jährigen unter kunsthistorischem Aspekt erklärt wird.

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Die vernebelten Blicke der pubertierenden Jungen lassen mich am pädagogischen Effekt zweifeln. Schon wieder was zum Schmunzeln, prima. Ich umrunde die Herde ausgestopfter Tiere, betrachte die sommerlichen Bilder, die Munch in Ekely, seinem letzten Wohnort, gemalt hat …

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…– und bin am Ende der Ausstellung. Mein Gewissen gibt sich murrend geschlagen. 40 Minuten, immerhin.

Der Museumsshop bietet keine Verlockungen und um kurz nach 12 stehe ich wieder an den blühenden Kirschbäumen.

Das ist wohl, ohne Übertreibung, einer der schlimmsten Museumsberichte, der jemals verfasst worden ist. Vielleicht waren meine Alpträume gepaart mit Vorurteilen nicht die beste Kombination für einen erfolgreichen Museumsbesuch. Lasst Euch aber nicht von mir abhalten: Ist man in Oslo MUSS man das Munch-Museum einmal besucht haben. Ist einfach so. Ich kann nun einen Haken auf meiner To-do-Liste machen und das ist ja auch irgendwie befriedigend.

Hoffentlich träume ich dann heute Nacht nicht von der schreienden Munch-Figur!

Das würde ja gerade noch fehlen.

Das war es für heute, meine lieben kunstvollen Leser. Nächste Woche beginnt mein Mama-Yoga-Kurs und ich verspreche unterhaltsame Berichterstattung. Euch allen wünsche ich nur schöne Träume, dass Ihr Euch manchmal selber in den Hintern treten könnt und eine schöne Woche. Das Kubb-Spiel der letzten Woche geht an meine Freundin Barbro, die mit dem Foto eines plüschigen Picknicks den Preis mehr als verdient hat! Viel Spaß!!!

Ha det bra,

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(Herr Munch und ich… er scheint von mir so begeistert wie ich von ihm…)

Ulrike

 

 

Ein typisches Picknick im Park ODER Wer hat die Lumpen mitgebracht?

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Die Sonne hat es bis nach Oslo geschafft – Hipphipphurrah! Kaum sind die ersten Sonnenstrahlen zu entdecken, passiert, was jedes Jahr passiert: Das Outdoor-Leben beginnt. Biergärten und Restaurantterrassen, Wiesen und Strände, Balkone und Veranden sind plötzlich so bevölkert, als gäbe es kein Morgen mehr (und bei dem norwegischen Wetter ist das auch gar nicht verkehrt). Das rasige Grün im Frognerpark verschwand letzten Sonntag unter sonnenhungrigen Körpern.

Doch was braucht ein echter Norweger für den perfekten Sonntag im Park?

Hallo, meine lieben sonnigen Leser, der schönste Monat des Jahres hat begonnen und sehr vielversprechend dazu. Bis auf 22°C ist das Thermometer schon geklettert – Hochsommer in Oslo. Packt also Eure Fahrradtaschen oder ähnliches und macht Euch auf in den Park. Unbedingt dabei sein müssen:

1. Engangsgrill

Ökologisch fragwürdig, gehört dieser plastikfolienverpackte Einmalgrill doch zur Standardausrüstung für einen Nachmittag im Park. Die schwarze, rechteckige Packung ist in verschiedenen Größen in jedem Supermarkt für wenig Geld zu erstehen. Folie ab, Drahtgestell ausklappen, die Kohlen in der Aluschale anfeuern und los geht der Grillspaß. Effizient gepackt, passen 10 bis 12 kleine Würstchen auf die Grillfläche, an den beißenden Geruch der vorbehandelten Kohlen gewöhnt man sich auch irgendwann. Am nächsten Morgen begrüßen gebrauchte, ordentlich gestapelte Aluschalen die Parkbesucher neben den riesigen Mülleimern. Auf den Rasenflächen zeugen braune Brandstellen von Grillunfällen. Aber trotz aller Kritik: Ohne Engangsgrill fehlt was beim Picknick im Park.

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2. Pølser und Lumpen

Bei meinem ersten Picknick im Park in 2012 antwortete mir meine Freundin Daria auf die Frage, wo denn Christian, ihr Mann, sei: „Der holt noch schnell Lumpen.“ Ich war unglaublich irritiert, traute mich aber nicht zu fragen, wofür er Altkleider zum Grillen brauchte, und schwieg stille. Kurze Zeit später lernte ich, dass „Lumpen“ kleine Teigfladen sind, in die die Pølser (Würstchen) gewickelt werden. Dieses Outdoor-Nationalgericht, garniert mit getrockneten Zwiebeln und Ketchup, darf auf keinem Picknick fehlen. (Natürlich gibt es vegetarische Würstchen zu kaufen. Macht aber kaum jemand.) Das Essen ist nicht nur entsetzlich nährstoffarm, sondern auch äußerst günstig. Und das ist in Norwegen wirklich selten.

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3. Beste Freunde, Partner, Kommilitonen, Familie, Kindergartenbuddies, Schulfreunde…

Niemand geht allein zum Grillen in den Park. Logisch! Von der romantischen Zweierverbindung am Plastikgrill bis zum ausufernden Familienfest das zwei Wiesen einnimmt, ist im Park alles vertreten. Schnell lassen sich die Touristen (auf Bänken mit Fotoapparat) von den Einheimischen (auf Rasen mit Würstchen) unterscheiden. Was aber tun gerade oder auf längere Zeit sozial alleinstehende Menschen mit Wunsch nach Grillgut? Die „wedding crasher“-Methode könnte angewendet werden: Scheinbar selbstverständlich packt man die eigene Decke samt Engangsgrill an den äußeren Rand eines großen Familienpicknicks und robbt langsam näher. Strahlendes Winken über die Menge, familiäres Nicken nach allen Seiten und schon ist man mittendrin in der ahnunglosen Familiengruppe. Bei romantischen Zweiergrillgruppen ist von dieser Methode abzuraten.

4. Wikingerschach

Hier in Norwegen als „Kubb“ bekannt. An mir geht die Faszination für dieses Rasenspiel komplett vorbei, was vielleicht auch daran liegt, dass ich grottenschlecht im Stöckchenwerfen bin. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an und versuchen durch gezielte Würfe, stehende Holzstäbe in ca. fünf Meter Entfernung umzuwerfen. Sind alle Holzstäbe am Boden muss der große Holzblock in der Mitte erlegt werden. Die Mannschaft, die das als erster schafft, ist Sieger. Kein sonniger Sonntag ohne Wikingerschach im Park! Und besonders viel Spaß macht es, wenn man die vermaledeiten Stäbe auch trifft anstatt nach dem Wurf suchend im Gebüsch herumzukrabbeln.

5. Bikinioberteil, rote Latzhosen

Die Norweger sind, dessen bin ich mir mittlerweile sicher, von der Natur anders thermatisch ausgestattet als der Rest der Welt. Wo ich, bekanntermaßen kein Frösteköttel (für alle Nicht-Norddeutschen: Ein Mensch, der leicht friert), noch in Jacke und langer Hose rumlaufe, entblättern sich die Norweger bereits. Ein schüchterner Sonnenstrahl und weg mit Pullovern, langen Hosen, hin zur Freikörperkultur. Noch nie habe ich im April so viele freie Oberkörper gesehen wie im Frognerpark. Und: Nicht immer war das ein schöner Anblick! Norwegische Mädchen werfen sich in Bikinis und Shorts, während mir schon vom Hingucken Kälteschauer über den Rücken laufen. Von Mitte April bis zum 17. Mai heißt eine weitere Kleidungsalternative: Latzhose. Meistens rot, aber auch schwarz oder blau. Jawoll, die „Russ 2014“ sind da. Der diesjährige Abiturjahrgang zeigt sich noch harmlos, aber warten wir mal ab. Große Gruppe bevölkern den Park und erheben das Picknick zur neuen Lebensform.

6. Regensachen

Gut, das ist vielleicht meine pessimistische Ader, aber das Wetter in Oslo kann sich fix ändern und wer sitzt schon gern im Nassen? Andererseits habe ich im Wald auch schon Norweger beim Regenpicknick beobachtet, immer getreu dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Im Park habe ich bei Nieselwetter allerdings noch keine standhaften Picknicker zu Gesicht bekommen. Stadtschinken, Weicheier! Ich bin trotz allem lieber vorbereitet und trage eben Regenjacke und Regenhose mit zum Grillplatz. Auch Schirme tun hier ihren Dienst.

So ausgerüstet seid Ihr bestens gewappnet für ein typisches Frognerpark-Picknick an einem gewöhnlichen Tag. Für besondere Anlässe sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und von Picknickmöbeln, über Salate, Bowlen, Lichterketten, Kerzen, Silberbesteck, Champagnerkühlern bis hin zu Strandstühlen kann alles in den Park gebracht werden.

Nur typisch, das ist es dann eben nicht mehr!

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Das Schreiben über Picknicks hat mich hungrig gemacht, Euch auch? Okay, dann alles raus jetzt und losgepicknickt. Und macht Fotos und schickt sie mir! Das beste Picknickfoto gewinnt ein Wikingerschachspiel!! Jaha! Schickt also Eure Foto bis nächsten Freitag an ulrike_niemann@yahoo.no

Meine wöchentlichen Grüße gehen an meine Schwiegermutter Helga mit lieben Grüßen und weiterhin Gute Besserung!!!

Genießt den Mai in vollen Zügen,

Ha det,

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(Regenpicknick 2012 im Folkemuseum mit Catharina und Steffen)

 

Ulrike

 

 

Eine Tour durch Oslos Kaffeewelt ODER Goodbye Decaf, I am flying so high……..

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Ganz Norwegen steht unter Koffein. Laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IPSOS von 2013 trinken neun von zehn Norwegern mehrere Tassen Kaffee täglich – die unglaubliche Summe von 11 Millionen Tassen pro Tag. Kaffee gehört in Norwegen zum Basiselement des alltäglichen Lebens und allein in meiner Nachbarschaft befinden sich sechs verschiedene Kaffeeläden.

Aber die sind bald out.

Sind nämlich Läden der Second Coffee Wave.

Der Kenner bewegt sich aber in der Third Wave.

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute wird es wieder mal kulinarisch: Barista Isabella hat mich mitgenommen auf Kaffeetour durch Oslo und ich sage Euch – das war spannend. Und lustig. Und blutdrucksteigernd. Auf geht’s!

Second Wave? Third Wave? „Bidde?“ höre ich Euch fragen. Jaha, ich habe viel gelernt in der letzten Woche. Der Konsum von Kaffee wird mittlerweile in drei Phasen eingeteilt: Die erste Phase (neudeutsch: First Wave) entstand im 20. Jahrhundert so ungefähr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als es Gefrierkaffee möglich machte, das heiße Gesöff wirklich fast überall mal schnell zuzubereiten. Instant, Express, Zackzack, Wasser auf die brauen Knödel und fertig. Ab den 1970ern entstand eine neue Kaffeekultur: Inspiriert vom omnipräsenten Starbucks schossen Kaffeeketten in den kommenden Jahrzehnten aus dem Asphalt wie Pilze aus dem feuchten Waldboden. Und nicht nur die Ketten waren neu – auch ihr zungenbrechendes Angebot. Wir gewöhnten uns daran, ungefähr fünf Minuten für eine Bestellung zu benötigen: „Ich hätte gern einen Triple-Grande-Extra-Foam-No-Fat-Super-Hot-Soja Latte. – To go.“ Es gehörte Mut dazu, in einem hippen Starbucks in Berlin Mitte zu sagen: „Einen Kaffee, bitte.“

Kaffee wurde zum Sinnbild für Globalisierung und Homogenität. Mein Latte Macchiato schmeckte in Vancouver wie in Hannover und fast gaukelte mir das identische Ambiente ein Gefühl von Heimat vor. Doch in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam es zur Rebellion gegen den Immer-Gleichen-Kaffeetrend: Im amerikanischen Portland begann, etwa zeitgleich mit dem Slow-Food-Movement, die dritte Phase der Kaffeekultur. Weg von der Homogenität, zurück zu Individualität, Qualität und Handwerk. Und wie bei Renaissance-Bewegungen verpflichtend, tauchte plötzlich ein altbekanntes Utensil auf. Ein Stück meiner frühesten Kindheit, eine Erinnerung an die Küche meiner Oma: Der Porzellan-Filter.

Quelle: eBay

Quelle: eBay

„Es lebe der Brühkaffee!“ hieß das neue (alte) Motto. Weg mit den Espressomaschinen, hin zur Handarbeit. Kaffeebohnen, Kaffeemühle, Tasse, Filter, Wasserkanne – warten.

Als Isa mir bei einem Treffen von den drei Kaffeephasen erzählte und wie „in“ Brühkaffee wieder ist, konnte ich es kaum glauben. Kein Wunder: Mein Kaffeebedarf wird seit Jahren von Starbucks (außer Haus) und meiner Senseo-Kaffeemaschine Luigi (im Haus) gedeckt. Und nicht nur das: Ich nehme Milch in meinen Kaffee. Und das ist immer noch nicht das Schlimmste: Ich trinke entkoffeinierten Kaffee. Verständlich also, dass die Kaffeewelt ihre Neuheiten vor mir Bohnenbanausin versteckt hielt. Aber nun war meine Neugierde geweckt. Isas Begeisterung für Kaffee wirkte so belebend wie drei Tassen Brühkaffee und wir verabredeten uns für eine erste Kaffeetour in Oslo.

Oslo bietet, wie schon oft erzählt, an jeder Ecke einen oder mehrere Kaffeeläden. Ich wette, sie könnten am Bogstadveien, hier bei uns um die Ecke, noch zehn Läden eröffnen und jeder wäre gut besucht, ohne dass die alten Läden Kundschaft verlören. Am Samstag nach 10.30 Uhr einen Sitzplatz im Café zu bekommen, ist, außer in den Ferien, aussichtslos. Norweger und Bewohner der norwegischen Hauptstadt lieben Kaffee!

Das wusste ich also.

Was ich nicht wusste, war, wie viele unabhängige, kleine Kaffeeläden es in Oslo gibt. Wahre Kaffeeoasen,  Schlaraffenland für Kaffeeconnoisseure und Kaffeeneulinge. Isa schickte mir zur Vorbereitung eine Liste mit Vorschlägen, auf die ich ratlos starrte und nicht einen Namen kannte. Hier das Programm unserer ersten Tour unter dem Motto: Brühkaffee.

1. Mocca Kaffebar, Frogner

2. Solberg&Hansen, Mathallen, Grünerløkka

3. Tim Wendelboe, Grünerløkka

4. Chill Out, Grünerløkka

Zusammen mit Martin mache ich mich an einem Mittwochmorgen also auf den Weg Richtung Brühkaffee. Besorgt, dass mein Körper nach zwei Läden schlapp machen würde, hatten wir vereinbart, uns die Tassen (und damit das Koffein) zu teilen. Fast wären wir an dem unscheinbaren Laden in der Niels Juels gate vorbeigelaufen, hätte ich nicht zufällig durch die Scheibe und direkt auf Isa und Miriam, die Vierte im Bunde unseres Kaffeeklatsches, geguckt. Minimalismus siegt, scheint der Slogan der Mocca Kaffebar zu sein. Nichts soll ablenken vom Hauptdarsteller Kaffee. Gemütlich ist anders, bemerke ich mit Blick auf die weißgekachelten Wände. – „Was wollen wir trinken?“ lenkt Isa meinen Blick weg von den Schlachthauskacheln und hin zum Wesentlichen.  Ratlos betrachte ich die simple Karte, auf der vier Kaffeesorten samt Herkunftsland vorgeschlagen werden. Daneben eine Karte, die mir anbietet, meinen Kaffee im Woodneck, Kalita oder Chemex gebrüht zu bekommen.

Äh.

Hilfe?

Ich sage nur Senseo.

Isa übernimmt dankeswerterweise das Ruder und entscheidet sich für: Den brasilianischen Sitio da Torre im Woodneck und den kenianischen Kangocha im Kalita-Filter. Und dann beginnt etwas, das ich so seit den Küchenzeiten meiner Oma nicht mehr gesehen hatte. Es wird gebrüht. Nun gab es auch bei meiner Oma eine feste Regel: Vier gehäufte Löffel auf eine Kanne und immer nur so viel Wasser in den Filter gießen, dass das Pulver bedeckt ist. War zwar nur Pi mal Daumen, hat aber funktioniert. Nichts davon im Mocca: Der sehr nette Barista stellt als erstes die Kanne auf eine Waage. Wiegt dann exakt 21 Gramm Kaffee ab, häuft  sie in den Kalita-Filter und gießt langsam heißes (NICHT kochendes) Wasser darauf, während er gleichzeitig seine Brüh-Uhr konsultiert. Kaffee kochen in der Third Wave ist eine Wissenschaft. Jede Bohne, jede Wasserart, jeder Filter, jede Minute Brühzeit ist variabel und ermöglicht unzählige verschiedene Geschmacksmöglichkeiten.

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Ich bin fasziniert von der Hingabe und Perfektion, frage mich aber, ob ich dafür jeden Morgen Geduld hätte. (Aber was weiß ich schon…) Wir haben viel Zeit uns zu unterhalten, denn die Third Wave heißt auch Slow-Coffee-Movement: Es dauert eben, bis drei Tassen Wasser durch einen Filter mit nur drei kleinen Löchern oder einen Flanellfilter gelaufen sind. Was aber gleich da ist, ist der Geruch. Runder, reiner Kaffeegeruch. Um den Geschmack nicht zu verderben, wird weder Milch noch Zucker zum Brühkaffee angeboten, eine für mich ungewöhnliche Situation. Aber klar: Der nette Barista brüht sich hier nicht den Wolf, damit ich das wertvolle Resultat dann rücksichtslos verpansche. Im Mocca brühen, nebenbei gesagt, nicht IRGENDWELCHE Barista: Oslos Stadtmeister Rasmus Helgebostad sorgt für Kaffeegenuss im Mocca und der Schwesterbar Java. Auch die zwei von Isa ausgesuchten Filtermethoden gehören zu den momentan bekanntesten ihrer Zunft: Woodneck ist ein elegantes Glasgefäß mit hölzernem Kragen, in dessen Öffnung ein Flanell-Filter gehängt wird, der für besseren Geschmack als ein Papierfilter sorgt. Kalita erinnert an die Porzellanfilter meiner Oma, nur aus Glas. (Vorne rechts im Bild.)

Als die fertigen Kaffees in Glaskannen an unseren Tisch gebracht werden, fällt mir als allererstes auf, wie dünn der Kaffee aussieht. Blümchenkaffee würde meine Mutter das nennen – so dünn, dass man die Blümchendekoration des Kaffeegeschirrs dadurch erkennt. Zögernd nehme ich einen ersten Schluck….

Wow.

SO kann Kaffee schmecken?

Probeweise schiebe ich gleich einen Schluck vom kenianischen Kaffee hinterher – wow…völlig anders. Schmeckte der Brasilianer noch schwer und erdig, kommt der Kaffee aus Kenia viel fruchtiger daher. Fast schmecke ich Zitronen oder Orangen. (Und selbst jetzt, beim Schreiben, erinnern sich meine Geschmacksnerven…) Begeistert trinke ich, aber immer vorsichtig, wer weiß was das Koffein aus mir macht ;). Ich frage mich, ob sie hier auch entkoffeinierten Kaffee anbieten. Auf der Karte ist nichts zu finden, aber fragen schadet ja nicht. Der nette Barista zuckt kurz zusammen, als ich meine Frage stelle. Oh oh. Nein, entkoffeinierten Kaffee böten sie hier nicht an, der würde ihrem Anspruch nach Qualität nicht gerecht. Er deutet meine hochgeschnellten Augenbrauen richtig und fügt hinzu, er verstände natürlich, warum Kunden sich für diese Art von Kaffee entscheiden. Es sei aber so: Um Kaffee vom Koffein zu trennen, werden die Bohnen einem langwierigen chemischen Prozess ausgesetzt, der nicht nur das Koffein, sondern auch den ureigenen Geschmack der Bohnen verschwinden ließe. Dadurch sei der Kaffee qualitativ minderwertig – und deswegen in der Mocca Kaffebar nicht zu finden. Ich nicke zustimmend und gebe ganz den Anschein, als würde ich sofort die „Stoppt-die-Produktion-von-kastriertem-Kaffee“- Bewegung ins Leben rufen. Von den zehn Paketen Decaf-Pads in meinem Küchenschrank erzähle ich natürlich nichts.

Gestärkt von dieser ersten Kaffeerunde besuchen wir noch den Nachbarladen, in dem die Mocca Bar Kaffeefilter für den Hausgebrauch verkauft. Die Auswahl erschlägt mich fast und während Isa mit strahlenden Augen und viel Fachwissen von Kanne zu Kanne geht, mache ich Fotos.

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Unser Weg führt weiter nach Grünerløkka, Zentrum der Kaffeebewegung in der norwegischen Hauptstadt. Erstes Ziel: Die Mathalle, eine Art überdachter Markt mit köstlichen Bäckereien, Obst- und Fischgeschäften, einer Brauerei und – einem Kaffeeladen. Solberg&Hansen lädt uns an gemütliche Bartische mit österlicher Dekoration ein. Isa entscheidet sich für einen Kaffee aus Äthiopien, Heimatland des Kaffees, dessen Namen ich allerdings so schluderig aufgeschrieben habe, dass ich ihn jetzt…was soll das heißen??….Fude???…ich google mal schnell…nee, gibt es nicht. Mal ehrlich, Sauklaue…..

Oh, Moment!!!!

Ha! Es lebe mein Smartphone….da habe ich doch glatt die Label der beiden Kaffeesorten fotografiert…ich Fuchs!

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Wir probieren also TADE aus Äthiopien, einen fruchtigen Kaffee mit einer Note von Bergamotte. Und Armando Muñoz, einen komplexen und saftigen Kolumbianer. Zubereitet mit dem Kalita-Filter. Der afrikanische Kaffee ist köstlich und leicht vom Südamerikaner zu unterscheiden, beide schmecken komplett anders als die ersten beiden Kaffeesorten im Mocca. Ich lerne, dass Kaffee unterschieden wird nach Frische, Intensität und Süße, nach Herkunftsort, Bohnenart und Herstellungsprozess. Mein Kopf beginnt zu rauchen, mein Herz und Kreislauf sind allerdings immer noch bester Dinge. Na gut, mehr als ein paar Schlucke pro Sorte probiere ich auch nicht, die sich stapelnden Tassen geben ein falsches Bild ab.

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(Mathalle: Martin und Isa)

Am Ende versorgen wir uns beim Bäcker nebenan mit köstlichen Rundstykken (belegten Brötchen) und machen uns fröhlich kauend auf zum Kaffeemekka Oslos: Tim Wendelboe. Gerühmt in der New York Times als eine der Top Ten Kaffeeläden/Röstereien weltweit ist der Norweger in den letzten Jahren nicht nur in Oslo bekannt geworden. Der kleine Laden in der Grüners gate mit insgesamt fünf Sitzmöglichkeiten ermöglicht, so Oliver Strand von der NY Times, „…(that) every cup of coffee and every bag of beans can be executed at the highest level. In fact, all the coffee is roasted by either Tim Wendelboe or his sidekick Tim Varney, and both work shifts behind the bar. It feels like a neighborhood shop, but it’s run like a Michelin-starred restaurant.”

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Geht völlig an mir vorbei das Ganze. Ich finde den Laden kundenunfreundlich. Ich kaufe entweder einen Coffee to go oder einen Coffee not to go und wenn ich not to go kaufe, dann will ich auch einen Platz haben. Bei Tim Wendelboe gibt es aber nur die Alternative to go oder to stand, denn die fünf Stühle sind besetzt. Gut, dann stehen wir also. Hat ja auch was. Hm, irgendwie fühle ich mich hier unwohl. So, als käme gleich ein unauffällig angezogener Kaffeetester und würde mich auffordern, schwierige Fragen über Kaffee zu beantworten.  Per Aeropress, einer Presskaffeemethode ähnlich den Bodum-Kannen, wird unser Kaffee zubereitet und auf hübsch angerichteten Tabletts serviert. Der Kaffee ist köstlich, aber meine Geschmacksnerven wollen langsam nicht mehr. Außerdem kann ich nicht mehr stehen. Relativ schnell gehen wir also. Das war mein zweiter, erfolgloser Besuch bei Tim Wendelboe. Schade. Aber aller guten Dinge sind drei! Nächstes Mal kommt der Durchbruch!! Beissen wir lieber nochmal in die leckeren Brötchen!!

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Abschließen wollen wir unsere Kaffeetour durch Oslo in einem Laden für Reiseausstattung. Die Beschreibung des vietnamesischen Kaffees durch Isa hat mich schon beim ersten Zuhören gepackt und ich bin gespannt auf das Chill Out, unser für heute letztes Ziel am Markveien in Grünerløkka. (Hallo an Ines!!! Wir haben alle einmal nach Hamburg gewunken, als wir an deinem alten Haus vorbei sind…:)….) Martin verschwindet in dem vollgepackten Geschäft fast augenblicklich in der Klamottenabteilung, während Isa, Miriam und ich die Bücherecke besuchen. Reiseführer sind faszinierend und wecken augenblicklich mein Fernweh. Nach einiger Zeit reißen wir uns von den Büchern los und widmen uns der kleinen Bar im Laden. Die Wahl fällt diesmal leicht: Drei vietnamesische Kaffee, bitte – und eine heiße Schokolade. Dazu ein Schoko-Chili-Gebäckstück. Völlig versteckt befindet sich im unteren Teil des Ladens eine herrlich gemütliche Kaffeeoase mit alten Sofas, ausgelesenen Reiseführern, niedrigen Holztischen und einer Menge Atmosphäre. Wie nett!

Take that, Tim Wendelboe.

Miriams heiße Schokolade und unsere Gebäckwunder kommen als erstes. Schokolade und Chili ist eine prächtige Kombination und wir lassen es uns schmecken. Unsere Bedienung kehrt mit einem voll beladenen Tablett zurück und stellt drei Kaffeetassen vor uns ab. Interessiert betrachte ich die Konstruktion: Auf einem höheren Glas sitzt ein etwa gleichhoher Metallfilter, durch den dunkler Kaffee auf eine schmale Schicht Kondensmilch tropft. Die unterschiedlichen Dichten bewirken, dass sich die beiden Flüssigkeiten nicht verbinden – das ist Aufgabe des Trinkers. Je nachdem, wie süß man den Kaffee mag, muss im Folgenden sehr viel oder sehr wenig umgerührt werden. Vietnam und Kaffee hätte ich jetzt nicht so spontan zusammengetan, tatsächlich ist Kaffee aber die nationale Leidenschaft des Landes. Der fruchtbare Boden und ein gutes Klima erlauben die Produktion erstklassiger Kaffeebohnen, lerne ich jetzt. Mir gefällt diese Zeremonie sehr. Ich beobachte meinen Kaffee beim Durchtropfen, entferne dann den Filter und rühre vorsichtig um. Ein erster Schluck und – bumm. STARK. Sehr, sehr stark. Aber lecker. Aber stark. Aber lecker. Und süß! Mein Blutdruck und ich diskutieren für eine Weile, bis ich nachgebe und nur noch einen kleinen Schluck trinke. Miriam lacht wissend in ihre heiße Schokolade und auch Martin kämpft mit dem großen Glas. Trotzdem ein absolut gelungener Abschluss dieser Kaffeetour.

Vier unterschiedliche Orte, vier unterschiedliche Baristas – die doch eines gemeinsam haben: Liebe für Kaffee und Leidenschaft für die Kunst der Kaffeezubereitung. Mir hat sich eine ganz neue Welt eröffnet und auch, wenn ich meinen Luigi nicht entsorgen und weiterhin entkoffeinierten Kaffee trinken werde, weiß ich doch jetzt: Es gibt mehr über und von Kaffee zu lernen, zu schmecken, zu entdecken, als ich bisher ahnte. Ich freue mich auf unsere nächste Tour, die unter dem Motto „Espresso“ stehen wird. Ein ganz dickes DANKE an Isabella, die uns so fantastisch durch die Osloer Kaffeewelt geführt hat, deren Neugierde ansteckend ist und die selbst den hartgesottensten Teetrinker für Kaffee begeistern könnte.

Das war es für heute, meine lieben Leser. Ich wünsche Euch allen eine anregende Woche voller neuer Erlebnisse, Orte und Menschen. Bleibt neugierig und guckt über den Tellerrand. Bis zur nächsten Woche!

 

Ha det,

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(Im Chill Out)

Ulrike

 

Happy 450th Birthday, Will ODER Der unerwartete Auftritt der roten Papierschere

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Das Publikum wippt begeistert mit, die Darsteller geben alles, Ragtime flutet durch den Gemeindesaal und ich habe nur einen Gedanken: GESCHAFFT!!!

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Nach knapp acht Monaten Probenzeit ist unser Shakespeare-Projekt letztes Wochenende erfolgreich über die Bühne gegangen und ich bin megastolz darauf. Über 100 Zuschauer hatten wir in den zwei Tagen und ich nehme Euch einfach mal mit in meine Stunden vor, während und nach der Premiere.

Das Wetter lässt morgens zu wünschen übrig. Es regnet. Na, super…die ersten 15 Minuten unseres Stückes sollen vor der Tür stattfinden. Ein kurzer Check auf der Wetterseite yr.no sagt aber: Um 18h hört es auf zu regnen. Prima, passt.  Ist das Wetter auch grau, die Laune ist bombig. Ich freue mich auf die Premiere, auf die Nervosität, das hektische Gewusel von 12 Leuten und die gespannte Erwartung des Publikums. Eine lange Liste von Dingen, die erledigt oder kontrolliert werden müssen, liegt vor mir. Es ist 8 Uhr morgens, vor 10 Uhr kann ich nichts davon erledigen. Schlafen geht aber auch nicht mehr. Mist. Die nächste Premiere setze ich für 9 Uhr morgens an. Jawoll. Hm…nächste Premiere…vielleicht sollte ich die zwei Stunden nutzen und überlegen, welches Stück wir nächstes Jahr…nee….geht nicht…immer erst ein Projekt beenden. 8 Uhr 10. Die Zeit schleicht.

Der Vormittag vergeht dann in Einkaufen und Kaffee trinken und um kurz vor drei hält mich nichts mehr – ab in den Gemeindesaal. Dort zu sein ist schon mal besser als zuhause zu sitzen. Und immerhin kann die Aufregung dort besser geteilt werden, denn ich bin nicht die Einzige, die schon früher auftaucht. Prima. Gute Laune macht sich breit, als wir Luftballons aufblasen, Girlanden verteilen und den Saal so bereit machen für unsere William-Shakespeare-Geburtstagsfeier.  Um kurz vor fünf: Maskentermin. Jetzt wird es ernst. Katharina, Maskenbildnerin an der Osloer Oper, hat angeboten, uns während der beiden Vorstellungen zu schminken – eine tolle Sache! Das Gemeindebüro wird kurzerhand zum Maskenraum umfunktioniert und wo eigentlich Aktenordner, Locher und Stifte ihren Platz haben, liegen nun Schminkschwämme, Farbtöpfe und Bürsten.

Die Zeit in der Maske war für mich schon immer eine perfekte Vorbereitung auf den zu folgenden Abend. Hinsetzen, Augen zu, manchmal Augen auf, hochgucken, runtergucken..mehr wird dort nicht von mir verlangt. Falls nicht gerade die Lippen geschminkt werden, kann man sich prima unterhalten in diesem kleinen Refugium, die Stimmung ist locker. Während Rouge verteilt, Kajalstriche gezogen und Haare gewickelt werden, hat man Zeit den Ablauf noch einmal im Kopf zu wiederholen und kommt nach einer gewissen Zeit (in den meisten Fällen) verschönert und erholt zurück in die Realität. So auch diesmal. Es ist 17.15h und langsam trudelt der Rest der Truppe ein. Um 18.45 beginnen wir das Stück vor der Tür und wollen so die Zuschauer begrüßen.

Es regnet immer noch. Minuten später tanzen kleine Schneeflocken am Fenster vorbei. Die drei Hexen beschließen, in Winterstiefeln und dicken Jacken unter den grauen Umhängen draußen zu spielen, während Romeo sich in ihr Thermounterhemd wirft und Puck nach einem Regenschirm sucht. Niemand will den Einlass ausfallen lassen. BRAVO!!!

Der Saal ist fertig, 72 Plätze, mal gucken, ob es reicht. Abendkasse ist eingerichtet, Kuchenbuffet steht, Kaffee brodelt durch die Maschine, Wechselgeld ist da.  Requisiten sind an ihren Plätzen, Scheinwerfer funktionsfähig und auf Position, Headset und Sound sind gecheckt, alle Darsteller und Helfer sind bereit und willig – auf geht’s!!!!

Die ersten Zuschauer kommen gegen 18.30 Uhr durch den Regen gelaufen. Yr.no scheint verbesserungswürdig zu sein, statt gegen 18 Uhr aufzuhören, hat der Regen zugelegt. Wir sammeln Regenschirme und beginnen um 18.45 Uhr draußen mit dem Stück. Hamlet begrüßt die Zuschauer mit „Sein oder nicht Sein“, Puck erzählt, seine Königin sei in ein Monster verliebt, die drei Hexen brauen gutgelaunt und gefährlich kichernd einen Sud aus Plastikratten, Weingummiaugen und Fichtenästen, während Romeo Julia gesteht, dass er über die hohe Mauer in ihren Garten geschlichen kam, um seine Liebe zu beweisen. Es ist ein wunderbares Spektakel, das auch nicht davon gemindert wird, dass die Shakespeare-Figuren unter Regenschirmen rezitieren. Sicher im Trockenen angekommen, begrüßt Macbeth seine Untertanen mit der philosophischen Betrachtung der Zukunft, während aus dem Saal Klavierklänge dringen. Die Zuschauer sind von Anfang an mittendrin – manche verwirrt das augenscheinlich, andere können gar nicht genug bekommen und lassen sich auf Unterhaltungen mit den Darstellern ein.

Ich werde langsam ruhiger, der Saal füllt sich, die Sache läuft, endlich fängt es an. Mit meiner Weihnachtsglocke bewaffnet läute ich den Beginn der Show ein, die durchgefrorenen Darsteller begeben sich ins Warme.

Der Vorhang geht auf.

Die Energie im Saal ist vielversprechend und wird, wie in einem Tennismatch, aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurückgeschossen. Das Verhältnis stimmt und manche Szenen habe ich noch nie so gut gesehen. Es macht Spaß zuzugucken – alles klappt!

Naja, fast.

In der Handwerkerszene aus „Ein Sommernachtstraum“ beginnt der Mond plötzlich mit seinem Kollegen zu tuscheln, während Pyramo sich lautstark über den vermeintlichen Tod seiner Thisbe beklagt.  „Was tuscheln die denn da?“ denke ich irritiert, als Kollege Astrid plötzlich von der Bühne verschwindet. Konzentriert scanne ich die Bühne und – ohja – wo ist der Dolch, den sich Pyramo gleich vom Mond geben lassen soll?

Nicht da.

Dumm irgendwie, denn mit diesem Dolch soll er sich gleich das Leben nehmen.

Die Sekunden vergehen, Pyramo kommt immer näher an die Textstelle, an der er sich den Dolch holen soll.

Kollege Astrid kehrt zurück auf die Bühne. In der Hand…

…eine rote Schere, die sie schweigend dem Mond gibt, der sie, ohne mit der Wimper zu zucken, entgegennimmt.

Ich habe das Gefühl, meine Augen fallen mir aus dem Kopf.

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…“mein Liebchen hat defloriert“, rezitiert Pyramo und greift zum Dolch, der nun eine Schere ist. Auch hier kein Zucken. Dafür zucke ich. Das ist eine scharfe Schere, mit der sich gleich zwei Darsteller das Leben nehmen werden. Alles läuft gut. Auch Thisbe nimmt mit großer Selbstverständlichkeit die rote Papierschere aus den Händen ihres verstorbenen Geliebten, hält sie anklagend in die Höhe und nimmt sich, bühnengerecht, damit das Leben. Für dieses abgebrühte Überspielen eines so eindeutigen Schnitzers hätten sie alle Szenenapplaus verdient.

Kam aber nicht.

Das Publikum dachte, es muss so sein.

Natürlich ist die Schere in der folgenden Pause DAS Gesprächsthema. Die Laune ist hervorragend und ich weiß – alles wird heute gut. Die Zuschauer machen sich bestens gelaunt über das Kuchenbuffet her und nach 15 Minuten starten wir in den zweiten Teil. Macbeth geht ohne Probleme und mit vielen Lachern über die Bühne und ich muss daran denken, welche Sorgen uns diese Szene gemacht hat. Zu lang, zu kompliziert, Teilen wurden gestrichen, umgeworfen, eine Textversion wurde durch die nächste ersetzt – und doch, jetzt funktioniert es. Toll!

Unser Highlight kommt am Schluss. Ich vermute zwar, dass „Hamlet – Die 15 Minuten danach“ gut ankommen wird, aber wirklich sicher bin ich erst, als die ersten Lacher punktgenau kommen. Kommissar Schmitz mit rheinischem Dialekt, der auf Urlaub in Dänemark den Mord des kompletten Königshauses aufklären soll, ist ein Brüller. Die sich streitenden Leichen und der Vertraute Horatio, der versucht, die Situation in Griff zu bekommen, kommen genauso wunderbar schräg beim Publikum an, wie wir uns das beim Schreiben vorgestellt haben. Als dann noch ein Ragtime-Song die Szene beendet, sind die Zuschauer nicht mehr zu halten und ich jubele begeistert von der Seite aus mit.

Geschafft!!! Das Licht geht aus, der Applaus geht los und der Abend endet in Begeisterung.  Die Premierenfeier wird lang, lecker und lustig.

Und nun? Nun ist das Ganze schon eine Woche her und nicht mehr als Erinnerung. Eine der besten allerdings, die ich hier in Norwegen bisher gemacht habe. Auch wenn der Weg manchmal steinig war, am Ende hat sich alles gelohnt. Nächstes Jahr wieder, auf jeden Fall!

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Das war es für heute, meine lieben Leser, nächste Woche ist Ostern und der Blog kommt in der Woche darauf zurück. Dann mal wieder mit einem typisch norwegischen Thema: Kaffee. Barista Isabella nimmt mich nächste Woche mit auf Kaffeetour durch die Hauptstadt und ich bin gespannt, welche Überraschungen auf mich warten. Von Tim Wendelboe bis zur vietnamesischen Kaffeekultur stehen viele spannende Dinge auf unserem Kalender. Lasst Euch überraschen!

Ich wünsche Euch allen, wo auch immer Ihr seid, Frohe Ostern, Zeit für Euch selbst, Eure Familien und Freunde.

Ha det bra,

 

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Ulrike