Geschichten aus Majorstuen Teil 1 oder Immer schön nach unten gucken!

Das Leben ist eine Baustelle. Da ist was Wahres dran. Irgendwo im Leben gibt es immer was zu verbessern, zu verändern, manchmal wird angebaut oder irgendwo stürzen Mauern ein. Auch in Oslo ist das Leben eine Baustelle.

Im wahrsten Sinn des Wortes.

Hier wird gebaggert, geteert, aufgerissen und zugeschmissen, verlegt, gebohrt, gemixt.

Und das noch bis 2014. Mindestens.

Hallo, meine lieben Bauarbeiter, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Kalt ist es geworden und glatt ist es geworden. In den höher gelegenen Wohngebieten Oslos stapfen die Anwohner durch knöchelhohen Schnee, während wir hier im Zentrum sehnsüchtig jeder Schneeflocke hinterher blicken. Zu lange darf der Blick allerdings nicht dauern, denn in Majorstuen oder in Oslo Zentrum muss der Blick vor allem in eine Richtung gehen: Nach unten. Wer will schon gern in ein Bauloch fallen?

Irgendjemand in der Oslo Kommune muss Langeweile haben. Oder die Bauarbeiter haben Arbeitsdrang. Oder der Oil Fund, den die norwegische Regierung für schlechte Zeiten angelegt hat, läuft über und wird teilweise in die Straßenwirtschaft gesteckt. Auch die 200-Jahrfeier Norwegens 2014 wirft ihre königlichen Schatten voraus. Ihr verdanken wir die Megabaustelle neben der Oper, auf der ein gläsernes Designhochhaus nach dem anderen entsteht.

Woran es auch immer liegt, es wird gebaut in Oslo. Und zwar immens.

Die uns am stärksten betreffende Baustelle zieht sich langsam aber stetig den Bogstadtveien hinauf. Das Shoppen an dieser beliebten und exklusiven Einkaufsmeile erinnert momentan mehr an ein Hindernisrennen und verlangt vom tütenbeladenen Fussgänger ein Hochmass an Konzentration, Sportlichkeit und Orientierungsvermögen. Nicht selten passiert ist, dass neongrün-rote Absperrungen den Weg vorgeben, dann aber mitten auf der Baustelle enden. In einer Sackgasse. Anscheinend komplette Fußwege brechen unerwartet auf und zwingen zum Vollkörperstopp. Mannshohe Bürgersteige versperren hüftgeschädigten Senioren den Weg zum Supermarkt und Mütter mit Kinderkarren wurden schon seit Monaten nicht mehr gesichtet.

Blog

Noch bis November 2013 soll der Spaß dauern und dann, ja dann, soll alles besser sein: Breitere Straßen, neue Bäume und weniger Vibrationen durch vorbeiratternde Straßenbahnen. Aber das Tollste wisst Ihr noch nicht: Der Bogstadveien bekommt Fußbodenheizung!

Doch, doch sowas gibt’s in Oslo!

EHRLICH!

Ich wollte es auch erst nicht glauben, aber nachdem ich vom vereisten Majorstuveien in die Innenstadt fuhr und auf der völlig eisfreien Karl Johans Gate ankam, bin ich ein absoluter Fan von  Bürgersteigheizungen. (Es gibt unter Garantie einen Fachbegriff dafür, aber was bin: Das interaktive Baulexikon?) Und so sehen die Bürgersteige unter dem Asphalt dann aus:

IMAG0672

Toll, oder? Und so soll es aussehen, wenn alles fertig ist:

http://www.bogstadveien.no/

Sehr schön.

Und so ökologisch.

Besonders die beheizten Bürgersteige. Ganz prima.

Man spart das menschliche Kraftpotential, das zum Sand streuen oder Eis hacken nötig gewesen wäre, und nutzt dafür den ja so überwältigend zur Verfügung stehenden Strom. In Reykjavik wird dafür kochendes Wasser benutzt, das die Natur dank Erdwärme den Isländern gratis zur Verfügung stellt. In Oslo bestimmt nicht. Wer sich im Bauleben auskennt und weiß, wie die Fernwärme erzeugt wird, wird gebeten, einen Kommentar zu hinterlassen!

Billig ist es bestimmt nicht.

Ab Ende November gilt in Majorstuen erstmal: Das Leben ist eine Baustelle ….to be continued. Natürlich. Im Weihnachtsrausch soll die Konsumlust der Bürger nicht durch störende Bauarbeiten behindert werden. Außerdem wird es kalt. Und zwar ordentlich! Wer will da noch baggern? Im April 2013 soll es dann weitergehen. Ich freue mich jetzt schon. Die bauarbeitsfreien Monate werde ich nutzen, um meine Kletterstrategie zu verbessern und mir ein profundes Wissen über geeignete Ausweichstraßen anzueignen. Doch wer weiß: Vielleicht wird da dann auch gebaut.

Das war es von mir für heute, meine lieben Leser. Der Dezember steht vor der Tür und mit ihm die für mich schönste Zeit im Jahr. Ich wünsche uns allen eine friedliche, stressfreie, tannenduftende, kerzenleuchtende und fröhliche Weihnachtszeit. Bleibt ruhig und besinnt Euch. Ihr könnt das, wenn Ihr wollt!! Doch, doch!

Habt eine schöne Woche, arbeitet auf Euren Baustellen und haltet die Füße warm!

Ha det bra,

2012-11-30 10.24.45

Ulrike

Norwegisch für Anfänger ODER Danke für den Sex!

Gerd Altmann/pixelio.de

Eine neue Sprache an der Volkshochschule zu lernen ist schön und gut. Effektiver aber lernt man im alltäglichen Leben, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Supermarkt. Gerne auch: Beim Blog lesen!

Guten Morgen, meine lieben Leser, wie schön, dass Ihr da seid. Seid Ihr da? Es ist ja noch relativ früh und Ihr mental weder auf mich noch den neuen Blog vorbereitet. Ja, große Ereignisse werfen ihre weihnachtlichen Lebkuchenschatten voraus: In der deutschen Gemeinde ist am Wochenende Christkindelsmarkt. Es gibt viel zu tun.  Packen wir’s an. (Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen. Vorhersehbare Formulierungen oder stereotype Ausdrücke sollen in literarischen Werken ja unter allen Umständen vermieden werden. Einzigartig soll der Text sein. Überraschend. Atemberaubend. Tut mir also leid. Es war stärker als ich. Mist, schon wieder eine Floskel.)

In Eurem Lieblingsblog geht es heute um die norwegische Sprache.

Schooon wieder?

(An dieser Stelle können sich alle Leser, die meinen englischen Blog gelesen haben, verabschieden. Ihr kennt den kommenden Text in weiten Teilen schon. Ja, SICHER benutze ich dieselbe Idee zweimal. Was bin ich? Eine kreative Ideenweitwurfmaschine???)

Keine Angst, dieser Blog verwandelt sich nicht plötzlich in das norwegische Zentralorgan des Langenscheidt-Verlags. Aber ich möchte Euch einige Ausdrücke, Sprachwendungen und Formulierungen vorstellen, die mich im alltäglichen Leben hier in Oslo begleiten.

1. „Vil du ha pose?“

Jedes Mal wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, kommt dieser Satz daher. Als er und ich uns das erste Mal begegneten, befand ich mich im Sprachverweigerungsmodus. Bedeutet: Ich verstand nicht ein einziges norwegisches Wort, wollte das aber nicht zugeben und antwortete daher auf alle an mich gerichteten Fragen mit einem entschiedenen „No.“ Sicher ist sicher.

Die freundliche Kassiererin im Centra Supermarkt fragte also: „Vil du ha pose?“, ich antwortete, meiner Sprachtheorie folgend, mit: „No“ und wollte meinen Einkauf einpacken. Wo waren denn die Einkaufstüten? Mist. Als ich die freundliche Verkäuferin auf Englisch nach einer Tüte bat, verrutschte ihr Lächeln etwas. Es dauerte noch zwei weitere Einkäufe bis ich gelernt hatte, dass „Vil du ha pose?“ bedeutet: „Möchtest du eine Tüte?“.

Immer noch irritiert mich diese Frage. Weniger mich persönlich. Ich, als ökologisch einwandfreie Deutsche, bringe ja meistens einen eigenen Einkaufsbeutel mit. Die Frage, ob ich eine Tüte brauche, ist also berechtigt. Norweger haben allerdings das Selberbringprinzip von Einkaufsbeuteln noch nicht entdeckt. Sie wollen IMMER eine Tüte. Zwischen einem Norweger, der mit einem vollbeladenen Einkaufswagen an der Kasse steht und der hilfreichen landsmännischen Verkäuferin, könnte sich der Dialog also so anhören: Verkäuferin: „Möchtest du eine Tüte?“ – Norweger (mit Blick auf den überquellenden Einkaufswagen): „TÜTE???? NEIN!!!! Ich dachte, ich klau den Einkaufswagen und rolle die Sachen nach Hause.“ Sagt niemand. Würden sie aber gern.

2. „Enkel eller dobbel?“

Eine alltägliche Frage, die mir in jedem Coffee Shop gestellt wird. Oslo ist die Kaffeehauptstadt und an fast jeder Ecke der Stadt findet sich eine Koffeinauffüllstation. Obwohl die Norweger hauptsächlich schwarzen, regulären Bohnenkaffee trinken, haben sich in vielen Städten auch solche exotischen Getränke wie Café Latte oder Cappuchino etabliert. Bei Bestellung derselben fragt die Bedienung jedes Mal: „Enkel eller dobbel?“

Beim ersten Mal war mein Hirn eindeutig im Sprachverweigerungs – und Deutschmodus, denn ich konnte nur denken: Enkel? Enkel??? Was will die blonde Kuh bei „Wayne’s Coffee“ denn damit andeuten? Meint sie etwa, dass das brüllende Balg hinter mir mein Enkel ist? Hallo? Ich bin 40 geworden dieses Jahr, zugegeben, aber wir wollen es ja mal nicht übertreiben!!!

„Dobbel“, schleuderte ich ihr also entgegen.

Junge, Junge, war ich wach für den Rest des Tages.

Für eine Frau, die eigentlich nur koffeinfreien Kaffee trinkt, ist ein doppelter Schuss Espresso lebensverändernd.

Seitdem bestelle ich meinen Café Latte „enkel“, mit nur einem Schuss, vielen Dank.

3. „Hei hei!“

Einfach zu verstehen und keine Formulierung im eigentlichen Sinn. Aber es handelt sich dabei um eine absolute norwegische Spezialität. Sie begegnet harmlosen Kunden in allen Geschäften, Restaurants, Supermärkten der Stadt. „Hei Hei!“ Mir begegnet sie meistens im lokalen Coffee Shop.

Doch Obacht: Wir sprechen hier nicht von einem regulären „Hi!“ oder „Hallo!“. Oh nein. Die Stimme springt mehrere Oktaven nach oben und fünf unsichtbare Ausrufezeichen werden wie Pfeile mit der Begrüßung verschossen. Du bist kein ordinärer Kunde! NEIN! Du bist der verlorene Sohn, der endlich nach Hause kommt! Der Stolz der Familie! Die Heldin der Arbeiterklasse! Du bist die personifizierte Lösung für Weltfrieden! Du bist John Lennon und Yoko Ono in einer Person! Der Gandhi des Coffee Shops! „Hei Hei!“

Beim ersten Mal war ich derartig irritiert, dass ich mich umdrehen musste, um zu gucken, ob Angelina Jolie oder die norwegische Lottofee hinter mir standen. Doch da war niemand.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es toll, derartig überschwänglich begrüßt zu werden. Ich habe aber immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann nur einen Kaffee bestelle. Ich würde diese überschwängliche Begrüßung so gern mit einer ebenso überschwänglichen Bestellung beantworten, aber habt Ihr eine Ahnung, was ein einzelner Kaffee in Oslo kostet?

Irgendwann, wenn ich reich und berühmt bin, bestelle ich die gesamte Kaffeekarte rauf und runter und bitte alle Angestellten mit mir zu feiern. Einfach nur, weil sie sich jedes Mal so freuen,  mich zu sehen.

4. „Dørene lukkes!“

Hierbei handelt es sich um eine automatisierte Ansage in der T-Bane, der U-Bahn in Oslo. Sie hört sich etwa so an: „Döörenne lükes!“. Ich kann mich bei dieser Ansage nicht beherrschen. Ähnlich wie bei den Sicherheitsvorführungen auf einem KLM-Flug (die für mich jede Hollywood-Komödie in den Schatten stellen), liege ich bei „Döörenne lukkes“ vor Lachen unterm Sitz. Anfangs lachte ich nur aufgrund der witzigen Vokalabfolge. Dann kam mir eine andere Idee, die von einigen Jahren im Berliner Wedding zeugen: „Döörenne lukkes“ – Döner für Lukas?

Der Witz hat mich von Majorstuen bis zum Holmenkollen amüsiert. Und zurück. Und tut es immer noch. Jetzt gerade.

Meine Mutter träumt davon, die Formulierung als Schimpfwort zu benutzen. Sie möchte einem Umwissenden ein „Döörenne lukkes“ ins Gesicht schleudern. Und dann gucken was passiert. Ich hoffe, ich erlebe es mit.

Wir sind eine seltsame Familie.

Wir hatten viel Spaß in der U-Bahn.

Was der Satz bedeutet? Was kann der Satz bedeuten, der so viel Lachen ins Leben bringt?

Er bedeutet……Trommelwirbel…..

„Die Türen schließen sich.“

Manchmal sind es die einfachen Dinge im Leben.

5. Takk for sist!

Eine weitere norwegische Besonderheit. Wörtlich übersetzt bedeutet es soviel wie „Danke für das letzte Mal, als wir uns trafen.“ Oder „Danke für das letzte gemeinsame Essen.“ Oder „Danke für den letzten Sex.“

NEIN! ICH MACHE SPASS!

Dafür gibt es eine eigene Formulierung.

„Takk for sist“ ist eine absolut normale und erwartete Begrüßung, trifft man auf eine Person,  mit der man irgendwann Zeit verbracht hat. Die Betonung liegt auf „irgendwann“. Selbst wenn das Treffen bereits vor drei Jahren stattfand und man sich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, was man mit der Bekannten,  dem fast Fremden, der Nachbarin von gegenüber oder dem Kerl mit der komischen Frisur eigentlich unternommen hat: es wird sich bedankt. Jawohl. Höflichkeit siegt. Ich lebe erst acht Monate hier und meine Erinnerung schafft es gerade noch, sich an die vergangenen Monate zu erinnern, aber ich empfinde diesen Brauch als völlig irritierend. Aber ich werde ihn weiterhin benutzen. Auch wenn ich mich irgendwann nicht mehr genau erinnern kann. Egal. Wird schon keiner merken.

„Vil du ha pose?“ – „Enkel eller dobbel?“ – „Hei hei !!!!!“ – „Dørene lukkes!“ – „Takk for sist!“: Kommt nach Norwegen, hört und sprecht und fühlt Euch ein bisschen einheimisch!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser. Ich werde mich nun zum Supermarkt begeben („ Vil du……“) und dann eine köstliche Karottensuppe kochen. Auf dem Weg dorthin werde ich an unserem neuen Haus vorbei gehen, denn für alle, die es noch nicht wissen: Wir haben eine Wohnung gefunden. JA! Nicht in einem alten Stadthaus, aber dafür in der „Sorgenfrigata“ in Majorstuen. Der Sorgenfrei-Straße. Ich freu mich darauf. Martin kommt heute erst aus Aberdeen zurück, hat quasi über Handy einer ihm fremden Wohnung zugestimmt und ich hoffe, sie wird ihm gefallen.

Meine Grüße gehen diese Woche an meine wunderbare Freundin Barbro, die gestern ihre Prüfung im Verwaltungslehrgang II bestanden hat! (Ich hoffe, das ist die richtige Bezeichnung.) Ganz herzlichen Glückwunsch, ich bin stolz auf dich!! BRAVO! Hoch die Tassen!

Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lacht dem tristen November ins hässliche Gesicht, wärmt Euch auf mit guter Suppe und freut Euch auf die Adventszeit!

Ha det bra,

Ulrike

Fotosafari Oslo Teil 1: Majorstuen – Wo man seinen Hund nicht lüften darf

Hastverk er lastverk, sagen die Norweger. Gut Ding will Weile haben. Dem weisen Sprichwort folgend, suchen wir schon seit längerem eine Wohnung oder ein Haus hier in Oslo und sind hin- und hergerissen zwischen Stadt und Vorstadt. Eines wird aber immer deutlicher: Wir fühlen uns wohl in unserem Viertel. Und das stelle ich Euch heute mal vor. Majorstuen.

Hallo, meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Leser, schön, dass Ihr wieder hier seid! Heute begeben wir uns gemeinsam auf Fotosafari und ich zeige Euch „our ʹhood“, unser Wohnviertel hier in Oslo. Ein grauer Novembertag ist nicht die ideale Ausgangssituation für eine Fototour, und beim Herumstreunern habe ich auch viele hässliche Ecken gefunden, aber glaubt mir: Es ist toll, hier zu wohnen. Seid Ihr bereit? Auf geht’s.

Velkommen til Majorstuen!

Oslo ist durchzogen von einer unsichtbaren Grenze entlang einer sehr sichtbaren Grenze. Die Akerselva oder Akerselven fließt von Norden zum Oslofjord und teilt die Stadt in einen östlichen und einen westlichen Teil. Das ist die rein geografische Trennung. Ähnlich wie in Paris das Rive Gauche und Rive Droite trennt den Osten und den Westen der Stadt aber mehr: Traditionen, Kultur und nicht zuletzt Geld. In Oslo spricht man von Ǿstkanten und Vestkanten, der Ost- und Westseite.

Der Westen hat traditionell etwas mehr Geld, der Osten dafür mehr Stimmung. Im östlichen Bezirk Grünerløkka tobt die Künstlerszene, in Grønland das Multikultileben. Zu den westlichen Stadtteilen gehören Frogner oder Briskeby mit herrschaftlichen Stadthäusern, exklusiven Designerboutiquen, Künstlergalerien, Frognerpark und Gourmetrestaurants.  Ein anderer westlicher Stadtteil ist seit Jahren bekannt für Nachtleben und Shopping. Majorstuen.

Ja, aber man kann hier trotzdem gut leben! *lach*

Die Lebensader des Viertels ist der Bogstadveien, die längste Einkaufsstraße Norwegens. Hier findet jeder was er sucht. Oder sie. Mehr sie, als er. Obwohl Männer auch furchtbar gern shoppen. Schauen wir uns hier also mal um.

(ich entschuldige mich schon mal bei allen Fotokennern….Manche Fotos sind wirklich gruselig)

Hier also der quasi der Beginn des Bogstadveien, gleich kommt….

…unsere Lieblingsbäckerei samt Café. Kein Wunder, dass Starbucks bisher nur eine Filiale in Oslo hat. Die norwegische Hauptstadt boomt mit anderen Kaffeeläden, von großen Ketten wie Wayne’s Coffee oder Kaffeebrenneriet über Bäckereien wie Baker Hansen oder United Bakeries. Die Kaffeerösterei von Tim Wendelboe in Grünerløkka schaffte es gerade unter die Top Ten Kaffeeplätze weltweit auf der Liste der NY Times. (Auch wenn das Ambiente etwas zu wünschen übrig lässt. Katrin und ich waren diese Woche auf Recherchetour.) Starbucks, eh? Duh. Wir mögen Baker Hansen, unser ständiger Kaffeezulieferer ist aber…

…Deli de Luca, dort gibt es auch fantastischen Orange-Rooisbos-Tee!  „Minibank“ heißen hier übrigens die Geldautomaten, die großzügig verteilt sind. Kein Wunder. Gibt ja auch schöne Geschäfte hier. Für mich gaaaanz gefährlich ist…

…Norli, mein Lieblingsbuchladen. Auf dem Foto seht Ihr auch eines der ersten Wörter, die ich im Norwegischen gelernt habe. „Tilbud“ – Angebot. Gleich gegenüber mein Lieblingsladen auf Bogstadveien. Zara? H&M? Nein, nein, die….

…Eisenwarenhandlung Hegdehaugens. Ein wunderbarer Laden, in dem man von Schulheften über Mausefallen bis zu Porzellantassen alles kaufen kann. An alle Moritzberger Freunde: Ich fühl mich immer irgendwie an „Schubi“ erinnert. Toller Laden!

Das gelbe bzw. rote Ding ist übrigens ein Auto, nur falls da irgendeine Unsicherheit bestand. Hinter dem gelben Auto ist, bei ganz genauem Hinsehen, ein blauer Punkt auf einer silberner Stange zu erkennen. Das ist eine Elektrotankstelle, die hier sehr verbreitet sind. So wie die Elektroautos. So umstritten wie ihr wirklicher Nutzen ist für mich auch das Design. Nicht mal George Clooney würde in einer derartigen Blechkiste sexy aussehen. Auf der Cool-Wall bei „Top Gear“ würde das Elektroauto noch nicht mal bei „extremely uncool“ landen. Aber weiter im Text.

Beim Bummeln fällt mir erstmals auf, wie wieviele Friseursalons hier am Bogstadveien um ihre Kunden kämpfen. Manche haben da, vermute ich, weniger gute Chancen. Ich grüße an dieser Stelle Daria, die mich auf diese wunderbaren Namen aufmerksam gemacht hat! Man hätte also am Bogstadveien die Wahl beispielsweise zwischen…


oder…

Nun ja. Es soll ja mutige Menschen geben.

In den Seitenstraßen liegt der wahre Reiz Majorstuens für mich. Für eine Wohnung in einem dieser wunderschönen, alten Häuser würde ich morden…

Naja, ihr versteht schon.

Natürlich nicht wirklich.

Macht man doch nicht.

Wegen einer so profanen Sache wie einer Wohnung.

Ehrlich.

Albern.

Obwohl…..

Guckt doch selbst, ist Majorstuen schön oder schön oder schön???? (Huch, ich stelle gerade fest, dass ich die schönen Häuser nicht fotografiert habe. Naja. Doof jetzt. Müsst Ihr Euch den Rest vorstellen!)

Majorstuen oder Majorstua, hier scheiden sich immer noch die Geister. –stuen zeugt mehr vom dänischen Erbe, -stua beinhaltet die rein norwegische Endung auf –a. Ich habe tolle dänische Freunde und bleibe bei Majorstuen. Zentral liegt der Bezirk auf jeden Fall und das ist ein unschätzbarer Vorteil. Bis auf die kleinen Fähren sind alle Verkehrsmittel Oslos vorhanden. Wir haben die Trikk, die Oslo-Variante der Straßenbahn, und…

….die T-Bane, kurz für Tunnelbane. Alle U-Bahnlinien bedienen das Verkehrskreuz Majorstuen. Super!

Das blaue T im weißen Kreis steht für T-Bane. Vorne links eine Werbung für Norwegens größte Tageszeitung „Aftenposten“, hinten rechts ein „Narvesen“, die große Kioskkette des Landes.

Das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs wird ergänzt durch zahlreiche Busse…

…und wer sportlich sein will, nimmt das Oslo Sykkel:

Abgesehen vom Fahrrad ist man mit allen anderen Verkehrsmitteln in wenigen Minuten ostwärts im Stadtzentrum und in nur 15 Minuten mit Skien bepackt mitten im schönsten Waldgebiet. Daran kann man sich gewöhnen.

Auch für das literarische Wohl ist in Majorstuen gesorgt: Direkt hinter der T-Bane-Station liegt die Filiale der Deichmanske Bibliothek.

Wer nach Erlösung sucht, ist auch in Majorstuen an der richtigen Stelle. Das Hauptquartier der Heilsarmee-Korps Majorstua liegt am Kirkeveien.

Von der T-Bane-Station Richtung Heilsarmee und dann noch ein paar Schritt weiter und der Frognerpark und damit die Grenze von Majorstuen ist erreicht. Frogner beginnt. Die Häuser werden zu Villen, Botschaften tauchen auf und die Kaffeeketten weichen exklusiveren Designermöbelläden. Ich biege in den Frognerpark ab und mache mich auf den Weg nach Hause. Wo es heute abend laut werden wird, denn „Twilight“ hat Premiere im Colosseum-Kino.

(Wie funktioniert Product Placement eigentlich genau? Ich müsste mit diesem Bericht einiges verdient haben….)

Das war also eine ganz oberflächliche Führung durch einen Teil von Majorstuen. Seid Ihr noch da???? Ich hoffe, unsere kleine Tour hat Euch so gut gefallen wie mir. Es gibt immer etwas zu entdecken, wenn man genau hinschaut und damit bleibt alles immer neu. Und das ist gut so.

Ich bin gespannt, wann unsere Suche nach einer neuen Bleibe erfolgreich sein wird, wie oft ich zwischenzeitlich noch meine Meinung zwischen Stadt und Vorstadt ändere und wo wir schließlich ankommen werden. Spannend bleibt es auf jeden Fall. Falls jemand jemanden kennt, der eine 3-Zimmer-Wohnung in einem schönen alten Stadthaus in Majorstuen vermietet, MELDET EUCH!!!! Ganz zum Schluss noch ein Foto, das mich seit unserem Einzug hier zum Lachen bringt. Wo wir Deutschsprachler mit unserem Hund Gassi gehen, machen die Norweger etwas anderes:

Ich wünsche Euch eine schöne Woche, lüftet mal wieder Euren Hund, guckt Euch genau um und überlegt, was Eure Nachbarschaft so besonders macht! Besondere Grüße gehen diese Woche an Katrin und Maik, die nächste Woche ans Ende der Welt reisen, statt mit uns Feuerzangenbowle zu trinken! Kommt heile an und, Dudes, viel Spaß!

Ha det bra,

Ulrike

Von ersten Schneeflocken, wollenen Unterhosen und der wichtigen Frage: Was zieh ich bloß an?

Oslo in Aufregung: Die ersten Flocken sind gefallen! „SCHNEE!“ schrie es gestern auf Norwegisch, Englisch, Deutsch, Polnisch und Litauisch auf facebook und meine internationale Freundesschar übertraf sich beim Posten von Live-Videos, Parkbildern und frühzeitlichen Winterliedern. Da wurde jede Flocke begrüßt wie ein langvermisster Freund und auch wenn das Spektakel nach wenigen Minuten endete, war allen klar: Der Winter kommt.

Hallo meine lieben in 7er-Gruppen versammelten Winterfreunde, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Wir gehen heute gemeinsam auf Schaufensterbummel und ich kann nur sagen: Zieht Euch warm an!

Lachend saß ich also gestern vor dem Computer, summte „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, als mir plötzlich ein Gedanke kam: Winter in Norwegen  – und was zieh ich an? Natürlich bin ich auf den mitteleuropäischen Winter eingestellt, aber Norwegen? Wo es bis zu gefühlten – 500 Grad werden soll, mit kniehohen Schneebergen und Frostbrandgefahr? Wie schützt man sich? Was zieht man an?

Es blieb nichts anderes übrig:  Ich musste mich informieren.

Das hieß ab in die Geschäfte.

Mist.

Ja, da könnt Ihr jetzt lachen, aber ich gehe wirklich nicht soooo gerne shoppen. Meistens wandere ich ratlos durch die Geschäfte und denke: Wow, wer zieht DAS denn an? Wo sind denn die Sachen für mich? Mittlerweile gibt es in vielen Ländern den „personal shopper“, eine dem einzelnen Kunden persönlich zugeteilte Verkäuferin namens Larissa oder so, die mit einem Blick die Situation erfasst und mit drei Griffen eine komplett neue Garderobe zusammengestellt hat.

Was für ein Horror.

Ich stelle mir vor, wie ich taxiert werde und Larissa dann mit Grabesstimme erklärt: „Wir haben viel zu tun.“

Doch desperate times call for desperate measures. Ich machte mich also auf den Weg in die Stadt, entschlossen, am Ende des Tages eine komplette Winterausrüstung zusammengestellt zu haben. (Martin, falls du jetzt panisch wirst: Ich wollte noch nichts KAUFEN – nur informieren!) Die Sonne strahlte vom Himmel und führte mich gutgelaunt in die Innenstadt, wo mehrere Einkaufszentren und die Karl-Johans-Gate vielversprechende Anlaufstellen boten. Wir hatten bereits von Freunden und Kollegen gute Ratschläge für unsere erste Winterausrüstung bekommen, wobei die Norweger nur ein Wort  sagten: „Wolle!“, während die Nicht-Norweger Tipps gaben, die von „Zara, H&M haben warme Sachen!“ bis „North Face Thermomantel“ reichten.

Ich versprach, offen für alle Vorschläge zu sein und betrat das erste Geschäft auf dem Weg. „Gina Tricot“ heißt die, nehme ich mal an, in ganz Europa bekannte Kette (Larissa rollt verzweifelt mit den Augen und nickt dann). Hinein da! Bewundernd sah ich mich um. Gina Tricot vermittelte ihren Kundinnen eine klare Botschaft zum Thema Winter: Wir lachen ihm höhnisch ins Gesicht! Eisglatte Bürgersteige? – HA! Frostige Minusgrade? – HA! HA! – Hautzerfetzender Eiswind? HA! HA! und nochmals HA!

Wir kontern mit blauen Satinstilettos, ärmellosen Seidentops und Miniröcken aus Tweed! Winterjacken? Nur für Schwächlinge!

Ich zog meine Fleecemütze tiefer ins Gesicht und begab mich aus dem Tropenparadies zurück auf die Osloer Geschäftsstraße. Das war wohl nichts. Mein Auge wanderte auf die andere Straßenseite und:

OHO!

Cubus lockte seine Kunden mit Ständern voller Winterjacken, die auf dem Bürgersteig standen. Frohgemut ließ ich mich locken, um nur wenig später mitleidig neben den offensichtlich frierenden Jacken zu stehen. „Hallo!“, wollte ich rufen. „Holt doch mal Eure Jacken rein, denen ist kalt.“ Ob ich sie alle kaufen und zu Hause aufwärmen sollte? Merke: Es ist nicht alles warm, was dick und kuschelig aussieht. Ich rubbelte jeder Jacke noch einmal aufmunternd über die Ärmel und ging weiter. Was hätte ich tun sollen? Schon tauchte der nächste Laden auf und diesmal hatte ich ein gutes Gefühl! Die Outdoormarke Norrønna ist in Norwegen sehr beliebt und wenn es in Outdoorgeschäften keine warme Winterkleidung gibt, wo denn bitte sonst?

Norrønna schien allerdings neben der Wärme auch noch eine andere Sorge zu haben: Lawinen. Nebel. Dunkelheit. Anders konnte ich mir die grellschreiende Farbenpracht nicht erklären, die mir im Geschäft entgegenschlug. Pinke Hosen, neongelbe Shirts, leuchtend blaue Jacken lieferten sich einen erbitterten Wettstreit und schrien mir entgegen: Wo immer du bist, mit uns gehst du nie verloren! Mir wässerten die Augen, als eine Mitkundin sich in gelber Skijacke schwungvoll vor dem Spiegel drehte und mutig nach einer pinkgrünen Hose griff. Nein, es gibt Farbe und es gibt Farbe und das hier war einfach zuviel.

Auf der Straße beruhigte ich meine Augen im Schaufenster eines Herrenausstatters, der mit Tweedsakkos und dunkelgrünen Kaschmirpullovern warb. Eine Wohltat. Leider ohne Frauenabteilung. Überhaupt schien es für die Männer einfacher zu sein, sich der Temperatur entsprechend zu kleiden. Wo Frauen den frostigen Temperaturen anscheinend mit innerem Feuer trotzen sollen, hüllen Männer sich in Wolle, Tweed und Kaschmir. Red‘ mir einer von Gleichberechtigung, dachte ich grummelnd und betrachtete die gemütliche Winterdekoration im Schaufenster: In einen Lehnstuhl platziert, die Beine lässig überschlagen, frönte eine warm angezogene Schaufensterpuppe einer guten Pfeife. Auf dem Beistelltisch neben ihr lag ein Paar wollene Unterhosen. Hm. Und dann: Das ist die Lösung!

HA!

Sollte ich auch in der Oberbekleidungswelt als Frau diskriminiert sein, die wollene Unterwäsche wird es jawohl für beide Geschlechter geben!

Warum war ich darauf nicht früher gekommen? Natürlich, wollene Unterhosen, Hemden und Socken sollten meine Rettung im nahenden Winter werden.

Ich betrat H&M. Warum gerade H&M? Och, mir war nach ein bisschen Spaß. Denn nun habe ich einen Tipp für Euch: Falls Ihr an einem trüben Novembernachmittag ein wenig Unterhaltung braucht, geht zu H&M in die Unterwäsche-Abteilung und fragt die Verkäuferin dort: „Haben Sie Wollunterwäsche?“

Meine wurde blaß und schwankte gefährlich. Um den Spaß auf die Spitze zu treiben, beschrieb ich die gerade im anderen Schaufenster gesehenen, langen wollenen Unterhosen. „In Kanada“, fügte ich harmlos hinzu, „werden die, glaube ich, Long Johns genannt. – Nein? –Schade.“

Im Weggehen sah ich wie das arme Mädchen behutsam von einer Kollegin weggeführt wurde. (Larissa schüttelte ob meiner Unverschämtheit den Kopf und nannte mich „dumme Pute“. Falls eine fiktive personal shopperin das überhaupt darf.)

Ich sehe natürlich das Problem: Kundinnen von H&M sind offensichtlich weniger mit ihrer drohenden Unterkühlung beschäftigt, als damit, die bestehende oder neuaufzugabelnde Männerwelt zu beeindrucken. Was mit wollenen Long Johns schwierig wird. Nicht unmöglich, wohlbemerkt, aber schwierig. Aber meine Mission war die Komplettierung meiner Wintergarderobe und ich konnte dem drohenden Frost nicht mit paillettenbenähten Tangas begegnen. Also ab in den nächsten Laden.

Das grüne Zeichen von XXL, eine der großen Sportgeschäftketten, leuchtete mir entgegen. Hier führte meine Frage nach Merinowäsche zu keinen größeren Problemen: Nonchalant führte mich der junge Verkäufer zu einem Regal mit wollenen Hosen, Shirts und Hemden. Erschwinglich, nicht zu häßlich und ein „Muss im norwegischen Winter!“ wie mein Verkäufer betonte. (HA!, rief ich Larissa zu, die die Augen verdrehte.) Im Weitergehen las ich noch eine wichtige Botschaft von XXL: Schichten seien das A und O, um im Winter warm zu bleiben. Schicht 1, das sei wichtig, sei dabei die Unterwäsche.

Gut, dass sie das geschrieben haben.

Ich hätte die Merinounterhose ansonsten außen getragen. Wer weiß!

Die Frage nach der wärmenden Unterschicht befriedigend gelöst, begab ich mich auf die Suche nach einer möglichen Oberschicht. Ich betrat eines der großen Shoppingcenter am Hauptbahnhof und wurde von einem Bodyshop –Schild mit der frohen Botschaft: Happy Halloween! begrüßt. Irgendwie irritierte mich das. Soll ich das auf dem Schild beworbene Gesichtspeeling benutzen, damit ich NICHT nach Halloween aussehe oder gerade doch? Und warum sah der Wollpullover im Laden nebenan aus, als hätte ein verfilzter Langhaardackel dafür sein Leben lassen müssen? Und wieso kann ich jetzt gerade meine Notizen hier am Schreibtisch nicht mehr erkennen und bringe mich damit um einen weiteren, genialen Witz? „..krikelkrikel…empfehlen es an die Wena“, was soll das bedeuten? Wer ist Wena?

Hoffnungslos.

Ich war erschöpft. Etwas halbherzig streifte ich durch die Läden, ließ mein Auge wandern und fand shoppen einmal mehr sehr anstrengend.

Immerhin hatte ich die Unterschichtfrage gelöst, nicht wahr? Ach, und die Schuhfrage auch: Es werden Sorel-Stiefel für Martin und mich, das hatten wir nach einem Geheimtip am Abend vorher entschieden. Und genau die Sorel-Stiefel, die wir uns im Internet ausgesucht hatten, sprangen mir in einem Schuhgeschäft im Shoppingcenter entgegen. WOOHOO!

Ich beschloss, dass ich für einen Vormittag genug Recherchen betrieben hatte, entließ die fiktive und unnütze Larissa und begab mich nach Hause. Die Frage nach dem richtigen Wintermantel/-parka muss auf später verschoben werden. Immerhin hatte ich für einen warmen Po und warme Füße gesorgt.

Wenn das nichts ist! Der Winter kann kommen.

Das war es schon, meine lieben Leser! Ich hoffe, Ihr hattet Spaß auf unserem gemeinsamen Bummel und fürchtet Euch jetzt nicht mehr vor dem Winter. Für mich wird es jetzt Zeit, den Smoking aus dem Schrank zu holen und das Martiniglas zu polieren, denn heute hat der neue James-Bond-Film Premiere und wir sind dabei. Ich wünsche Euch eine tolle Woche, zieht Euch warm an, schockt mal wieder eine Verkäuferin und freut Euch am Leben.

Ich schicke an dieser Stelle ganz liebe Grüße an meinen Lieblingswikinger Volker, der gerade seine Zeit in Bad Kreuznach absitzt. Lass es dir gut gehen!

Falls bei Euch etwas Wichtiges ansteht und Ihr Grüße braucht, dann schreibt mir einfach unter ulrisco@yahoo.co.uk und schon beim nächsten Blog werdet Ihr erwähnt!

Lass es Euch gut gehen,

ha det bra,

Ulrike

Von Herbstanfang, Internetüberraschungen und Ärzten in Armani-Kitteln

Meine Güte, es ist fast schon September. In Oslo trollt sich der Sommer beschämt davon und der Herbst schmeichelt sich mit viel Sonne an seine Stelle. Herbst!! Bunte Blätter, mitreißende Stürme, Regenschirm und Gummistiefel stehen bald wieder auf dem Programm! Genauso wie verrotzte Nasen und schaurige Hustenattacken. Und das bringt mich zu einem neuen Thema über das Leben in Norwegen………..

HALLO MEINE LIEBEN LESER! Da sind wir wieder. Also Ihr und ich. Lange haben wir uns nicht gesehen! Ich hatte eine tolle Zeit in Deutschland, das gerade in der Woche, als ich dort war, beschlossen hatte, Saharaluft zu importieren. Aus der Sauna bin ich aber wohlbehalten wieder im kühleren Norwegen gelandet und konnte gleich einen Haken auf meiner „Ich lerne Norwegen kennen“-Liste machen. Ich war beim Arzt. Muss man ja auch mal machen. Während ich so im Warteraum saß, habe ich mir Notizen gemacht, um Euch von diesem Erlebnis und dem norwegischen Gesundheitssystem so gut wie möglich berichten zu können!

(Womit auch klar ist, dass ich nicht bettlägerig schwerstkrank war. Nur zu Eurer Beruhigung. Es ging um meinen Magen.)

Norwegen ist ein Sozialstaat, der jedem Bewohner Norwegens, sofern er registriert ist, das Recht auf kostenfreie medizinische Betreuung zusteht. Den zuständigen Hausarzt kann man entweder selber wählen oder bekommt ihn von der HELFO (Helseøkonomiforvaltingen…tolles Wort für Galgenraten!) zugewiesen. So einfach ist das mit dem Selbstwählen aber nicht: Der Arzt muss auch freie Plätze haben. Um festzustellen, ob der Lieblingsarzt noch Kapazitäten hat, kann im Internet eine Liste konsoltiert werden, die für Majorstuen beispielsweise gerade so aussieht:

https://tjenester.nav.no/minfastlege/innbygger/fastlegesokikkepalogget.do

Von den 51 ansässigen Ärzten in Frogner/Majorstuen haben nur noch 8 freie Plätze.  Ist der Lieblingsarzt dabei, kann der Wechsel gleich online vollzogen werden und, schwupps, ab dem nächsten Monat kann sich ein neuer Mediziner um den wertvollen Körper kümmern.

Da wir keine Erfahrung mit Ärzten in Oslo hatten und uns nicht auf unterschiedliche Empfehlungen verlassen wollten, haben wir gewartet, bis wir zugeteilt wurden. Nach ca. drei Monaten kam der Brief mit Name und Adresse unseres neuen Arztes. Gleich hier um die Ecke, na das nenn ich praktisch.

Und nun sollte ich ihn zum ersten Mal treffen.

Da ich ein Internetjunkie bin (und die Öffnungszeiten der Praxis erfahren wollte), googelte ich unseren Arzt also und erlebte einigen Überraschungen:

Erstens: Er war eine sie. Manche norwegischen Vornamen sind aber auch tricky.

Zweitens: Ich fand zwar keine Öffnungszeiten, aber erfuhr, dass meine Ärztin in 2009 knapp 1 Million NOK verdient hatte. (In Norwegen wird jährlich das Einkommen, Vermögen und die Steuerbelastung  JEDES Norwegers und Steuerpflichtigem in Norwegen veröffentlicht. Glaubt Ihr nicht? Hier: http://www.nrk.no/skattelister2009/kommune~oslo~0301/)

Drittens: Wütende norwegische Patienten hatten sich in einem Ärzte-Forum ihren Frust über unsere neue Ärztin von der Seele geschrieben und „frustrierte, verbitterte Kuh“ war eine der nettesten Beschreibungen.

Ja, gut………

Mit dem Bild einer männlich aussehenden, aber weiblich heißenden, verbitterten Kuh im Armani-Kittel vor Augen, machte ich mich auf den Weg in die Praxis.

Wo ich erstmal meine Schuhe ausziehen sollte. Also nicht zur Untersuchung. Nein, nein. Gleich beim Reinkommen. Norwegen ist das Mekka aller Hausschuhhersteller, denn kein privates Haus kann in Straßenschuhen betreten werden. Ist so. Gibt es bei uns auch nicht!

Aber beim ARZT?

Irritiert verließ ich meine Schuhe und stieg in ein, kurz vor dem Rentenalter stehendes, Paar blauer Pantoffeln. Vielleicht hat Frau Doktor einen Deal mit einem Fußpilzmedizinvertreter und ich wurde gerade das neueste Opfer?? Gottergeben schlurfte ich zum Warteraum. Der Armanihexe in Pantoffeln zu begegnen war mir nicht recht, und gerade, als ich dabei war, eine Strategie zu ersinnen, ertönte mein Name: „Ulrike?“.

Oho, meine Ärztin schien eine Vertretung zu haben, dachte ich erleichtert und schlurfte der netten, blonden Frau im regulären Arztkittel entgegen, die mir einen Platz anbot und sich vorstellte.

Und nun habe ich einen Rat an Euch alle, meine lieben Leser: Vertraut nie, NIEMALS, den Kommentaren im Internet. Alles Humbug. Irgendwelche Selbstdiagnose-Träger mit Selbstbewusstseinsknacks geben ihren Senf ab und dusselige Leute wie ich fallen darauf rein.

Meine Ärztin ist toll! Professionell, kompetent und freundlich. Was will ich mehr?

Auf Englisch arbeiteten wir uns durch die notwendigen Fragen, ich bekam mein Rezept und während Frau „Total nett und gar keine reiche Hexe“-Doktor tippte, blickte ich mich um. Und war verwirrt: Im Raum befand sich neben einer Untersuchungsliege auch ein Poster für Seh-Übungen und ein gynäkologischer Untersuchungsstuhl.

Es ist in Norwegen wie auf dem Land: Der Hausarzt ist für alles da. Augen- , Frauen- , Kinder- und Allgemeinkrankheiten.

Oha. Das musste ich erstmal verdauen. In einem Dorf hätte ich nichts anderes erwartet, aber hier in Oslo? Im Westend? Oha.

(In bestimmten Fällen scheint es die Überweisung zu Fachärzten zu geben, aber ob das ein Gerücht ist oder die Wahrheit habe ich noch nicht herausgefunden. Es gibt selbstverständlich Privatkliniken für alle, die dem System nicht ausreichend vertrauen.)

Wieder was gelernt.

Und Ihr auch! Toll so ein Blog, nicht wahr?

Mit meinem Rezept, vielen neuen Informationen und einer Quittung über die gezahlten 116 NOK verließ ich die Praxis. Eine anschließende Runde im Frognerpark machte klar, dass der Herbst wirklich da war: Das Frognerbad hat geschlossen, genauso wie eines der Cafes im Park. Statt 50 parkten nur noch gefühlte 25 Reisebusse am Haupteingang. Manche Spaziergänger trugen Stiefel und Schal, während andere den Sommer nicht loslassen wollten und tapfer in Shorts und Flipflops stiegen.

Herbst.

JUCHUUU!!!!!!!!!!!!!!!

ICH LIEBE HERBST!!!!

Lass den Sommer ruhig blöd sein, kümmert mich nicht!!

VELKOMMEN HǾSTEN!!!

Das war es, meine lieben in 7er-Gruppen hoffentlich schmunzelnden Leser! Danke, dass Ihr hier wart! Ich wünsche Euch eine tolle Woche, für mich beginnt Montag eine neue Runde Norwegisch-Kurs, an der ich Euch natürlich wieder teilhaben lasse.

Bis dahin liebe Grüße, schätzt mal wieder das deutsche Sozialsystem, genießt den Herbst und holt die Keksrezepte aus dem Schrank!

Ha det bra,

Ulrike