Undercover auf Wohnungskauf in Oslo ODER Hahahaha, WIEVIEL soll die kosten???

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Die Reaktionen sind meistens ähnlich: Verständnisvolles Nicken, betretenes Schweigen oder ein Aufschrei der Empörung. „WAS macht Ihr?“ Als wir neu in Norwegen waren, hat uns gerade die empörte Reaktion verunsichert. „Ja, aber das ist doch ganz normal!! In Deutschland machen das ganz viele…“ Ungläubiges Kopfschütteln der norwegischen/skandinavischen Bekannten folgte. Worum geht es hier? Unsere politische Einstellung? Eine ungewöhnliche Freizeitgestaltung? Tischsitten? Nein.

Es geht darum, dass wir unsere Wohnung…mieten.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Eine Wohnung oder ein Haus zu mieten ist in Skandinavien (fast) verpönt. Studenten wird es noch nachgesehen, aber jeder halbwegs etablierte Erwachsene hat gefälligst zu kaufen. Laut SSB, dem Statistikbüro Norwegen, besitzen fast 80% der Norweger ein Haus oder eine Wohnung (oder beides). Laut Eurostat liegt das skandinavische Land damit auf Platz 9 im europäischen Vergleich. Auf dem ersten Platz im Wohneigentum: Rumänien mit 96%. Auf dem letzten: Deutschland mit 46%. In keinem Land Europas ist der Anteil der Eigentümer so gering wie in Deutschland.

Warum?

Das Thema beschäftigt seit Auftauchen der Statistik die Gemüter (Wer ist schon gern Letzter?). Zwei Gründe scheinen für die hohe Anzahl an Mietern in Deutschland ausschlaggebend zu sein: Zum einen Geschichte und zum anderen der Finanzmarkt. Im zweiten Weltkrieg zerstörten die Alliierten einen großen Teil des Wohnraums in Deutschland und nach Kriegsende fehlten über vier Millionen Wohnungen für die Zerbombten und Vertriebenen. Statt aber Kredite für Hausbau oder Hauskauf zur Verfügung zu stellen, förderte der Staat in den 50er Jahren den sozialen Wohnungsbau. Später wurde der Mietmarkt privatisiert und die Investition in Mieteigentum lohnend. Heute herrscht in Deutschland eine gut funktionierende Mietkultur. Auch, wenn manche Städte wie München nicht genug Wohnraum bieten, ist der Mietmarkt in Deutschland, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, groß und gut reguliert.

Im Ausland (Horrorbeispiel USA) bieten die Banken Menschen mit niedrigem oder unregelmäßigem Einkommen Kredite an – nicht so in Deutschland – und ermöglichen sogenannte Nullfinanzierungen. In Deutschland liegt der Eigenkapitalanteil, wenn ich mich nicht täusche, bei 15 bis 20 %.  Der deutsche Finanzmarkt bestimmt also indirekt die Anzahl von Mietern und Eigentümern. Und gerade das vorsichtige Verhalten der Banken hat uns irgendwie erzogen. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bekomme allein bei der Vorstellung hoher Schulden/Kredite mit einer Laufzeit von 25 Jahren das blanke Panikgefühl.

Fazit ist also: Mieten in Deutschland ist geschichtlich und ökonomisch geprägt, völlig akzeptiert und ob wir nun auf dem letzten Platz der Statistik stehen oder nicht, wen kümmert es?

Ganz anders, wie gesagt, in Norwegen. Mieten bleibt hier größtenteils Studenten und Ausländern vorbehalten, aber auch die verwandeln sich irgendwann in Eigentümer. Die meisten Mietwohnungen stehen in Oslo in den Vierteln zur Verfügung, in die es viele Studenten/ (gutverdienende) Ausländer zieht: Majorstuen, Frogner, Grünerløkka. Die Mietpreise sind horrend und viele Wohnungen werden darum als WGs vermietet. Kaum ein WG-Zimmer in den beliebten Wohnbezirken kostet unter 5000,- NOK, umgerechnet rund 625,- Euro. Mieten ist für viele eine vorübergehende Notsituation, bis man irgendwann den ersten Schritt auf den Eigentumsmarkt wagt.

„Wie läuft das wohl ab, so ein Wohnungskauf?“ habe ich mich gefragt. Viel hatte ich vor allem schon über die notorische budrunde gehört und gelesen, die Gebotsrunde, die im technischen versierten Norwegen via Email oder SMS abläuft. Viel wurde mir erzählt von völlig überteuertem Eigentum, von Häusern, die für mehrere Millionen über Einstiegswert verkauft wurden. Zu gern würde ich ja mal an so einem Verkaufsablauf teilnehmen. Einfach so, just for fun.

„Ja, mach doch!“ antwortete mir Freundin Anne beim gemeinsamen Kaffee. Ich müsste mich einfach nur in eine ausliegende Liste bei einer visning (Besichtigung) eintragen und schon würde ich über alle abgegebenen Gebote per SMS informiert.

Echt? Einfach so? Toll! Nichts wie hin!

Noch am selben Tag sitze ich also vor dem Computer und suche nach möglichen Kaufobjekten. Die in Norwegen wichtigste Internetseite für den Wohnmarkt heißt finn.no, ich bin hier regelmäßig zu Besuch und gucke nach Mietwohnungen. (Nächstes Jahr wollen wir umziehen und ich will auf dem Laufenden bleiben, aber das nur nebenbei.) Statt aber bolig til leie (Wohnraum zu mieten) anzuklicken, wähle ich diesmal bolig til salgs (Wohnraum zu verkaufen). Dann erkläre ich finn.no, dass mich Wohnungen mit drei Schlafzimmern und Balkon in Uranienborg und Majorstuen interessieren, also in nächster Umgebung.

Klick.

20 Objekte erscheinen auf dem Bildschirm, unter ihnen ein sogenanntes townhouse mit 239m² für 25 Millionen Kronen. Na, wir wollen es ja mal nicht übertreiben. Um DAS Haus zu besichtigen, muss man wahrscheinlich vorher sämtliche Finanzen offen legen und zum Lügendetektortest. Ich klicke mich von Eigentum zu Eigentum und entscheide mich schließlich für eine Wohnung im Camille Collett vei, einer meiner Lieblingsstraßen in Oslo. Die 78m² Wohnung wird für 4.090.000,- NOK angeboten, umgerechnet rund 510.000,- Euro. Ein Schnäppchen in dieser Gegend. Das visning ist am kommenden Sonntag zwischen 12 und 13 Uhr und offen für alle Interessierten. Die angezeigten Bilder sehen vielversprechend aus, die Wohnung wirkt gepflegt und gut in Schuss. Nichts wie hin da!

Am darauffolgenden Sonntag machen wir uns gut gelaunt auf den Weg. Der Camille Collett vei liegt 15 Minuten Fußweg von uns entfernt, mitten in Frogner und besteht größtenteils aus gut erhaltenen, wunderschönen Altbauten. Das Haus in dem „unsere“ Wohnung liegt, ist häßlich wie die Nacht, aber vom Balkon hat man einen wunderbaren Blick auf einige der schönsten Häuser der Straße. Und wie oft sitzt man schon VOR dem eigenen Haus und guckt es an? Kurz vor dem Ziel werden wir von zwei energischen Paaren in den 50ern überholt. „Ich wette, die gehen auch zum visning“, sage ich zu Martin. Ein blaues Schild der Maklerfirma hilft uns den Eingang zu finden. Die Haustür ist verschlossen, aber auf dem Klingelschild der 2. Etage klebt ein Zettel mit dem Namen des Maklers. Nach einem Augenblick surrt der Türöffner und wir klettern die Treppen hinauf.

Reges Stimmengewirr dringt durchs Treppenhaus, die Tür der Wohnung im 2. Stock ist angelehnt. Rund 15 Leute sind anwesend, zwei weitere drängeln sich schon wieder an uns vorbei nach draußen. Nonchalant, als würden wir uns täglich Wohnungen für 510.000,- Euro  angucken, treten wir ins Wohnzimmer und mein erster Blick fällt auf die beiden energischen Paare von der Straße. Ha, hab ich doch gewusst, dass wir die hier wiedersehen. Im Wohnzimmer flätzen sich zwei gelangweilte Kinder auf dem wollweißen Stoffsofa, während ihre Eltern kritisch den offenen Kamin betrachten. Wir gehen ins angrenzende Schlafzimmer und blicken uns um. Und lernen, dass Fotos, im richtigen Winkel aufgenommen, über vieles hinwegtäuschen: Die Fenster sind alt mit brüchigen Rahmen, die Heizungskörper anscheinend aus dem Baujahr des Hauses 1931. Der begehbare Kleiderschrank könnte noch nicht mal als „shabby chic“ oder „retro“ verkauft werden und die Farbe der Fliesen im angeschlossenen Badezimmer treibt mir das Wasser in die Augen.

Ich will meinen Augen eine Erholung bieten, schwenke sie weg von den gruseligen Fliesen, als sie einen weiteren Schock erleiden: Unbemerkt ist ein solariumgebräunter Mann in rosa Hemd und knallgrüner Hose in den Raum gekommen. Ich springe vor Schreck fast nach hinten. Es ist der Makler, der uns begrüßt und einige Anmerkungen zum Schlafzimmer macht. Mein Blick ist auf das rosa Hemd fixiert und Martin muss den größten Teil des Gesprächs übernehmen.

Der Verkaufskatalog und die Liste lägen auf dem Esstisch, lässt die rot-grün-Kombination uns wissen und dankbar verlasse ich das Schlafzimmer. Die aus edlem Papier und mit güldenen Buchstaben bedruckte Verkaufsmappe wandert in meinen Besitz und ich trage mich auf der Liste der Interessenten mit Namen und Telefonnummer ein. (Nicht ohne natürlich vorher genau zu lesen, ob ich dann eventuell auch mitbieten muss! – Muss ich nicht.) Währenddessen hat Martins handwerkliche Seite Überhand gewonnen und er führt mich von Zimmer zu Zimmer, um mir zu zeigen, was hier alles gemacht werden müsste. Als wären wir wirklich an der Wohnung interessiert. Mein Mann ist ein echter Undercover-Profi! Auch der Makler ist von Martins offensichtlichem Interesse überzeugt und gibt Tipps zu Wandaufbrüchen und Kaminverkleidungen.

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Ich wandere durch die Räume und versuche zu verstehen, aus welchem Grund diese Wohnung für 4 Millionen Kronen angeboten wird. Erstens, natürlich, ist es immer: Location, Location, Location. Wir befinden uns in einem der teuersten Wohngebiete Oslos, das macht einen Teil aus. Dann sind es drei Schlafzimmer und ein nicht zu kleiner Balkon. Der Parkettboden im Wohnzimmer scheint original aus den 30ern zu sein, die Fenster sind doppelt verglast.

Auf der anderen Seite: Alle Heizkörper müssen wenn nicht ersetzt, dann doch wenigstens komplett renoviert werden. Die Fensterrahmen sind brüchig, die Wände mit Bohrlöchern übersät und dringend streichbedürftig. Die Küche ist veraltet, die Armaturen abgenutzt, die eingebauten Schränke noch nicht einmal mehr „shabby chic“. Das Badezimmer ist unmodern, im ersten gibt es keine Toilette, im zweiten dafür eine Toilette, aber nur ein Waschbecken. Alles wirkt alt und abgenutzt. Von den Fliesen wollen wir gar nicht reden. Die ganze Wohnung braucht also Schönheitsreparaturen. Die kosten natürlich nicht die Welt, aber fallen in wirklich jedem Raum an. Und das noch oben drauf auf die eh schon hohe Kaufsumme  – WER macht das?

Ich stelle mir vor, dass hier wäre eine Mietwohnung und ich bei der Besichtigung. Schon nach fünf Minuten wäre ich wieder gegangen. Klar, im Notfall wäre die Wohnung „sofort bezugsfähig“, aber wirklich nur im Notfall. Auch im Vergleich mit unserer momentanen Wohnung schneidet diese hier schlecht ab. Die beiden ähneln sich in Aufbau und Ausstattung, beide Häuser sind aus derselben Zeitperiode, aber unsere Wohnung ist viel besser in Schuss.

Martin hat seine Fachgespräche mit dem Makler beendet, der wahrscheinlich große Hoffnungen in uns hat, nachdem wir das Paar waren, das insgesamt die meiste Zeit hier verbracht hat. Wenn der wüsste! Mit einem letzten Blick auf die wackelige Flurgarderobe verabschieden wir uns, sicher, dass niemand diese Wohnung in diesem Zustand kaufen wird.

Am nächsten Abend bekomme ich eine SMS. „Budvarsel“ lautet die Überschrift, Angebotsnachricht. Oho, da hat tatsächlich jemand auf die Wohnung geboten. Aber bestimmt weit unter gefragtem Preis. 3 Millionen, tippe ich…

Ein Angebot über 4.500.000,- NOK eröffnet die Gebotsrunde. 4,5 Millionen? Aber der geforderte Preis lag laut Annonce doch nur bei 4,09 Millionen! Na, das geht ja gut los. Das Angebot ist vorbehaltlos, das heißt der Bieter verfügt über ausreichende Mittel, die per Finanzierungsbeweis bestätigt sind. Das Angebot ist  bis zum kommenden Tag um 12 Uhr gültig.

Um 11.49 Uhr am nächsten Tag kommt ein Gegengebot: 4,6 Millionen bietet ein Interessierter, auch sein Angebot gültig bis um 12 Uhr. Nur sieben Minuten später die Reaktion: 4,8 Millionen liegen jetzt auf dem Tisch. Die Versteigerungsrunde ist in vollem Schwung, das jeweilige Angebot immer nur 15 Minuten gültig.

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Sechs Minuten später das nächste Angebot, doch der Bieter ist vorsichtig, er erhöht nur um 50.000,- Kronen. Wer mitgerechnet hat, weiß: Wir sind jetzt bei 4,85 Millionen Kronen. Es dauert nur drei Minuten bis zur nächsten SMS: Um 12.09 Uhr liegt das Kaufgebot für die renovierungsbedürftige, 78m² große Dreizimmerwohnung bei 5 Millionen Kronen.

625.000,- Euro.

Und dabei bleibt es. Es kommen keine weiteren Nachrichten und am späten Nachmittag wird die Wohnung bei finn.no bereits als solgt, also verkauft, ausgewiesen.

Ich bin, ehrlich gesagt, von den Socken. Den Ausgangspreis fand ich schon unglaublich, aber dass das endgültige Gebot noch eine Million Kronen darüber lag, ist unvorstellbar. Wie stark wirkt bei diesen Versteigerungen auch der sportliche Ehrgeiz? Das „Ich will das jetzt haben!“-Syndrom?  Ich kann es nicht fassen, aber vielleicht bin ich auch zu naiv und sehe den EINDEUTIGEN Vorteil der Wohnung nicht?

Was verstehe ich schon davon…ich MIETE ja auch…!

Was ich jetzt besser verstehe, ist das norwegische Wohnungskaufsystem und ich muss sagen: Spannend ist es schon. In diesem Fall war die budrunde kurz und schnell vorbei, aber für den ersten Eindruck hat es mir gereicht. Außerdem war es unterhaltsam, einfach mal fremde Wohnungen zu besichtigen. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby.  Mal gucken, was für visnings es kommenden Sonntag in der Umgebung gibt……

***

Das war es für heute meine lieben Leser! Was für Erfahrungen habt Ihr mit Haus- oder Wohnungskauf, wie findet Ihr es zu mieten oder warum wollt Ihr es nicht? Es wäre toll, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit mir teilt! Danke an dieser Stelle an Anne für die gute Idee, einfach mal zum visning zu gehen. Der nächste Kaffee geht auf mich :). Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, unternehmt mal etwas Ungewöhnliches, bleibt neugierig und lasst es Euch gut gehen – ob in der Mietwohnung oder im eigenen Häuschen.

Ha det bra,

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(Mit Grüßen aus der Mietwohnung!)

Ulrike

Das Gold der Arktis ist reif! ODER Auf Moltebeerjagd in Oslo…

„Willst du gelten, mach dich selten!“, lautet ein Mantra in unzähligen Liebesratgebern. Und nicht nur in der Liebe gilt dieser Grundsatz: Diamanten, intelligente Reality-Shows, Gold, sichere Arbeitsplätze, Trüffel, unkomplizierte Teenager, Sternschnuppen – sie alle sind kostbar, weil sie sich rar machen. Eine norwegische Kostbarkeit hat jetzt wieder Saison: Die Moltebeere.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Eine kleine, orange Beere steht heute im Mittelpunkt des Blogs. Bis ich hier nach Oslo kam, hatte ich von der himbeerähnlichen Frucht noch nie gehört und blickte beim Restaurantbesuch verwirrt auf Dessertangebote mit multer. Vor einigen Wochen begegnete mir die Beere dann in den norwegischen Nachrichten: Auf einer Wiese in der Finnmark berichtete eine ältere Norwegerin, dass die multer in diesem Jahr wirklich spät kämen, letztes Jahr um diese Zeit hätte sie schon alle abgeerntet.

Nun begann ich, die Beeren ernst zu nehmen. Sie mussten in den Blog, wenn ihr unpünktliches Erscheinen es schon in die Hauptnachrichten schaffte! (Obwohl das hier in Norwegen nichts bedeutet: Letztes Jahr begannen die 21h-Nachrichten mit einem Bericht über Justin Bieber...)

Voller Interesse für die orange Beere setzte ich mich also heute Morgen an den Computer. Bald war klar, dass ich auf eine echte norwegische Spezialität gestoßen war. Die nur in wenigen nördlichen Ländern auftauchende Beere wird auch „Gold der Arktis“ genannt. Sie wächst in Moorgebieten, aber auch da nur spärlich. Durch mir unverständliche Zicken der Natur kann die Moltebeere nicht kommerziell angebaut werden, und mehrere Versuche skandinavischer Wissenschaftler schlugen fehl. Ein Moltebeerfeld zu finden, es sogar auf dem eigenen Grundstück zu besitzen, gilt in Norwegen wie das Auffinden einer Ölquelle (auch wenn der finanzielle Wert sich nicht gleicht…aber immerhin). Das Wissen um öffentlich zugängliche Moltebeerpflückstellen wird als Familiengeheimnis von Generation zu Generation weiter gegeben. Aufgrund ihrer Bedeutung für die lokale Wirtschaft ist das Pflücken von Moltebeeren sogar gesetzlich geregelt.

Ehrlich!

Kein Scherz!

Paragraf 5 des friluftsloven (Freiluftgesetz) beschäftigt sich mit dem Ernten in freier Natur. Im zweiten Absatz heißt es: „For multer på multebærland i Nordland, Troms og Finnmark gjelder første ledd bare når eier eller bruker ikke har nedlagt uttrykkelig forbud mot plukking. Uavhengig av et slikt uttrykkelig forbud kan allmennheten alltid plukke multer som spises på stedet.“  Der erste Absatz, der erlaubt, dass jedermann Früchte, Blumen, Nüsse oder Beeren wild ernten darf, gilt also NICHT für bestimmte Moltebeerplätze in den Regionen Nordland, Troms und Finnmark. Hier haben die Eigentümer das Recht, ein Pflückverbot auszusprechen. Genauer gesagt ein Mitnahmeverbot, denn vor Ort dürfen die Beeren immer gepflückt und verspeist werden. Hintergrund ist wahrscheinlich der hohe kommerzielle Wert der seltenen Beere, die in den nördlichen Regionen Norwegens häufiger auftauchen als im warmen Süden.

Naja, wärmer auf jeden Fall.

So, die Beere ist gesetzlich geregelt und schafft es in die Nachrichten. Aber wie bekomme ich sie in die Finger???

Eine kurze Recherche zeigt, dass es auch in den Wäldern rund um Oslo vielversprechende Moltebeerstellen gibt. Hm. Ich bezweifle, dass eine möglicherweise erfolglose Beerensuche im Wald die beste Unternehmung für mich und meinen Kugelbauch ist. Wie aber dann kommen eine Hochschwangere und eine Moltebeere zusammen?

Auf die Art und Weise, wie wir in der Großstadt uns meistens Obst und Gemüse beschaffen.

Wir gehen in den Supermarkt.

Aber auch das ist bei Moltebeeren nicht einfach. Mein Kiwi gegenüber hat weder frische noch gefrorene Moltebeeren im Angebot und auch im Meny bleibt meine Jagd erfolglos. Nun werde ich irritiert. Okay, her mit der allmächtigen Waffe: Dem Ultra-Supermarkt.

Dort: Nichts, nada, nothing.

Na, sag mal….

Gut, ich wende eine neue Taktik an und poste mein Begehren in einer der hilfreichsten Gruppen bei Facebook:  „Where in Oslo“. Und tatsächlich: Nach nur wenigen Minuten der Tipp, ich solle es beim Supermarkt Rimi versuchen.

Beim RIMI???? Da gehe ich ja sonst nie hin. Na gut, wir haben einen gleich um die Ecke, dann gehe ich halt mal gucken und….

EUREKA!!!!!!!!

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Dort, neben gefrorenen Brombeeren und anderen Vitaminbomben lachen mir multer entgegen. 300 Gramm des arktischen Goldes, wahrscheinlich importiert aus Finnland (in Norwegen ist die Nachfrage viel höher als das Angebot), aber egal, her damit, achja, ich wurde gewarnt, sie seien unverschämt teuer, aber was können so ein paar Beeren schon kosten und…..

IST DAS DER PREIS??????

Ich blicke entsetzt auf die plötzlich winzig erscheinende Packung in meinen Händen.

Checke nochmal das Preisschild.

110 KRONEN?????

13 EURO????

FÜR OBST?????

Und dazu noch gefrorenes, wahrscheinlich ausländisches Obst, während ich bei ambitionierter Suche in den Wäldern dieselbe Menge für umsonst haben könnte??? Und auch noch echt norwegisch???

In meinem Kugelbauch zappelt es, als wollte das Baby kurz deutlich machen: „Jawoll, los, wir beide, auf in den Wald, immer schön bücken…wirst schon sehen, was du davon hast….hihihiihihi….!“

Seufzend packe ich das gefrorene Gold in den Einkaufskorb. Wehe, die schmecken nicht!!!

Zuhause angekommen bilde ich mich weiter. Mein schon bekanntes Lieblingskochbuch „Norges Nasjonalretter“ bietet mir zwei unglaublich komplizierte Rezepte für „Multekrem“ an. Ich entscheide mich für das aus dem südlichen Trøndelag (das Bild ist hübscher) und beginne mit den unerhört schwierigen Vorbereitungen:

1. Moltebeeren auftauen.

2. Sahne schlagen.

Puuh. Eine kulinarische Höchstleistung. Kransekake zu backen war ein Witz dagegen.

Aufgetaute Beeren sind grundsätzlich nicht der Hit und ich versuche, ein paar hübsche Exemplare zu finden in der matschigen Masse. (13,- Euro…………) Eine wandert direkt in meinen Mund. Uih, sauer. Puristen lehnen das Zuckern der seltenen Beeren ab, ich finde allerdings, dass die bitter-säuerlichen Beeren ein paar Krümel Zucker gut vertragen könnten. Norweger frieren die Beeren für den Winter ein, um in den kalten Monaten eine wertvolle Vitamin-C-Quelle zu haben und früher wurde die Moltebeere wegen ihres hohen Vitamingehalts von Seeleuten als Mittel gegen Skorbut eingesetzt.

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Nach einer gewissen Auftauzeit bringe ich mein äußerst aufwändiges Rezept zum Abschluss und bald steht eine sommerlich duftende multekrem vor mir.  Traditionell wird sie gemeinsam mit krumkaker (eine Art Crepewaffel) zu Weihnachten serviert, aber mir schmeckt sie heute auf einem dünnen Pfannkuchen auch sehr gut. Die süße Sahne mit den säuerlichen Beeren auf dem Teigfladen – ganz köstlich!

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Aber – und das sehe ich ganz deutlich – der eigentliche Spaß ging hier verloren. Nämlich rauszugehen in die Natur, hoch oben in den Moorgebieten im Norden des Landes, bewaffnet mit Eimer, Gummistiefeln und einem Netz gegen die Mücken. Dann zu den bekannten und von Urgroßvater entdeckten Stellen zu wandern und die in Bodennähe orange leuchtenden Beeren zu erspähen und vorsichtig zu pflücken. Immer nach dem Prinzip: Eine in den Eimer, eine in den Mund. Nach einem sonnenreichen Tag mit der Familie die wertvolle Ernte nach Hause zu bringen und dort zu Moltebeersuppe, Moltebeermarmelade oder Moltebeerkuchen verarbeiten und einen Teil für den Winter einfrieren. Und sich im Winter an der leuchtenden Farbe und der Erinnerung an den Sommer zu erfreuen.

Das alles bieten gefrorene (und wahrscheinlich finnische) Moltebeeren nicht.

Aber immerhin hatte ich so eine erste Begegnung mit dem arktischen Gold.

Die Jagd in der freien Natur folgt dann nächstes Jahr!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Gibt es Moltebeeren in Deutschland? Niedersachsen soll einige streng geschützte Gebiete besitzen, ob man Produkte aus Moltebeeren in den Supermärkten oder Reformhäusern findet – sagt Ihr es mir!!!!

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, entdeckt etwas Kostbares oder macht Euch auf die Suche danach! Denen, die den Urlaub noch vor sich haben: Viel Spaß und erholt Euch gut! Und denen, die schon wieder im Alltag sind: Viel Erfolg und der nächste Urlaub kommt bestimmt!

Ha det bra,

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Ulrike

(Großstadtjagd. Man beachte: Moltebeeren und Blaubeeren entdeckt!)

 

 

 

 

Das Kongodorf im Frognerpark ODER In 100 Jahren ist alles vergessen?

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Es herrscht das Zeitalter der Selbstdarstellung: Dank Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram können wir uns und unser Leben heute vor einem weltweiten Publikum ausbreiten. Und tun das auch. Millionenfach. Mit möglichst originellen Fotos, emotionalen, provozierenden oder alltäglich langweiligen Aussagen wetteifern wir um die kostbarste Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit. Werden wir dazu gezwungen? Im Gegenteil: Der Einblick in unser Privatleben erfolgt ganz freiwillig. Bereits 1914 kam es in Oslo zu einem Akt der Selbstdarstellung. Nur freiwillig, freiwillig war der wohl kaum: Achtzig schwarze Menschen waren Insassen eines im Frognerpark aufgebauten „menschlichen Zoos“. Jetzt, 100 Jahre später, wurde das „Kongodorf“ rekonstruiert.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Als im März diesen Jahres mit dem Bau großer Strohhütten im Frognerpark begonnen wurde, dachte ich zu allererst an kommende Dreharbeiten, dann an lustige Unterhaltung für die Festlichkeiten zum 17. Mai und wurde am Ende eines Besseren belehrt: Kunst mit politischem Hintergrund entstand vor meinen Augen. Worum ging es?

Blicken wir hundert Jahre zurück.

Oslo, 1914: Die Stadt will mit großem Pomp und Trara das 100jährige Bestehen des norwegischen Grundgesetzes feiern. Benno Singer, erfahren mit Dingen dieser Art, wird beauftragt, im Frognerpark einen Jahrmarkt mit Attraktionen aller Art zu organisieren. Neben einer Achterbahn und einem Pantomimentheater plant der geschäftstüchtige Impresario auch ein „lebendiges Dorf“ im Park. Seit der Internationalen Ausstellung in Brüssel 1897 gehörten Nachbauten afrikanischer Dörfer zu den festen, und sehr populären, Bestandteilen einer derartigen Veranstaltung. Der Kolonialismus und die europäische Dominanz von Ländern wie Belgien, Frankreich oder England schürten ein voyeuristisches Interesse am afrikanischen Kontinent. Der Originalplan, in Oslo ein „lebendiges Dorf“ mit Sami (der norwegischen Urbevölkerung) aufzubauen, wurde vom Leitungskomitee abgelehnt und so griff Singer zurück auf das schon bekannte und bewährte Programm: Das „Kongodorf“ entstand.

Vom 15. Mai bis 11. Oktober 1914, während der Rest Europas kopfüber in den Terror des 1. Weltkriegs fiel, bestaunten fast 1,4 Millionen Besucher in Oslo den sogenannten menschlichen Zoo. Achtzig schwarze Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, präsentierten sich in einheimischen Trachten zwischen „typischen“ Haushaltsgegenständen, Schmuck, Waffen und religiösen Requisiten, um ein Bild vom „echten“ Leben in Afrika darzustellen. Es wird vermutet, dass die Senegalesen Mitglieder einer durch Europa tingelnden Schauspielertruppe waren, genau bekannt ist ihre Herkunft aber nicht. Die Norweger amüsierten sich auf jeden Fall größtenteils prächtig und die Zeitung Aftenposten titelte: „So lustig!“

Karikatur von 1914

@oslobilder.no

@oslobilder.no

Zurück in die Gegenwart….

Oslo, 2014: „In 100 Jahren ist alles vergessen!“, rief der norwegische Dichter Knut Hamsun legendär dem Gericht entgegen, das ihn wegen Landesverrats verurteilen wollte. Aber ist in 100 Jahren alles vergessen? Der aus Somalia geflüchtete und in Norwegen lebende Künstler Mohamed Ali Fadlabi und der schwedische Künstler Lars Cuzner sagen: Nein. Und bewerben sich mit einem Kunstprojekt für das 200jährige Jubiläum des norwegischen Grundgesetzes. Ihre Idee: Das „Kongodorf“ im Frognerpark zu rekonstruieren. Ihre Motivation: An den norwegischen Rassismus von 1914 zu erinnern und zu fragen, was sich verändert hat. Ob sich etwas verändert hat. Oder ob einige der Ansichten von damals noch heute aktuell sind.

Unter der Schirmherrschaft von KORO (Kunst i offentlige rom) entsteht das Projekt European Attraction Limited. Über 1 Million norwegische Kronen werden den Künstlern zur Realisierung zur Verfügung gestellt. Während die Bauarbeiten im Frognerpark beginnen, beginnt auch die Diskussion in den Medien. Kontrovers, versteht sich. Während die eine Seite ein unangenehmes Detail norwegischer Geschichte vergessen will, fordert die andere die Konfrontation damit.  Die äthiopische Schauspielerin und Aktivistin Hannah Wozene Kvam erklärt gegenüber Aftenposten: „Norwegen will es vielleicht nicht vergessen, der Kongo aber ganz bestimmt!“ Beim sozialen Netzwerk Twitter empören sich die Menschen unter #someonetellnorway darüber, dass in Norwegen ein menschlicher Zoo etabliert werden soll. Erst nach einigen Tagen kommt es zur Klarstellung, dass ein Dorf mit Strohhütten zwar aufgebaut werden wird, dort aber keine Menschen leben werden.

Obwohl, so ganz von der Hand zu weisen ist die Unterstellung nicht. Gerüchten zufolge war der Plan der beiden Künstler schon, die Hütten bewohnen zu lassen. Die Ablehnung dieser Idee durch das Jubiläumskomitee erfolgte wohl aber auf dem Fuß.

Wie präsentiert sich das Kunstwerk also?

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Auf einer Wiese im Frognerpark, genau gegenüber des Kanvas-Kindergartens: Ein gewaltiges, rotes Tor mit der Überschrift „Kongolandsbyen“ (Kongodorf),  vor dem die Flaggen Norwegens und Belgiens wehen, führt die Besucher zu zehn leer stehenden Strohhütten. Vorne am Tor eine Erklärung des Projekts und das Gedicht von Knut Hamsun In 100 Jahren ist alles vergessen. (Dass ausgerechnet ein norwegischer Dichter, der Hitler und den Bau von Konzentrationslagern verteidigte, hier auftaucht, lässt mich immer noch grübeln.) Während zwei Kinder in der langgezogenen Hütte Fangen spielen, wandere ich von Hütte zu Hütte und bin ratlos.

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Beklommen soll mich der Besuch werden lassen und mir den immer noch existierenden Rassismus in Norwegen deutlich machen, las ich in VG (nur Norwegisch). Aber ist und war Norwegen wirklich rassistischer als andere europäische Länder? Die Frage bedeutet ja nicht, dass das Thema nicht hochaktuell ist und behandelt werden sollte. Sich aber ein „Kongodorf“ als Sinnbild für norwegischen Rassismus zu nehmen, das so oder in abgewandelter Form in vielen europäischen Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden war, ist das nicht übertrieben? Dagbladet (nur Norwegisch) schlug vor, dass sich die Besucher gegenseitig betrachten sollen, da wir heutzutage alle Teilnehmer in einem „lebendigen Dorf“ sind.

Vielleicht gibt es Besucher, die das eine oder andere empfinden beim Gang durch das öffentliche Kunstwerk. Mir fehlt ein klares Konzept und die konsequente Durchführung: Warum nicht Freiwillige in die Hütten setzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart präsentieren? Die die Fragen um Rassismus und Voyeurismus von 1914 mit denen von 2014 verbinden? DAS würde mich nachdenklich machen. Leere Hütten? Nee, leere Hütten bringen es nicht.

***

So, meine lieben Leser, das war es schon für heute. Rassismus in jeder Art darf keinen Platz in unserer Welt haben. Angst zu haben vor dem, der fremd ist; sich überlegen zu fühlen und dabei in Wahrheit unterlegen zu sein; sich mit rassistischen Kommentaren in einem der Selbstdarstellungsmedien als besonders witzig zu präsentieren…das alles ist armselig und dumm. Wünschen wir uns also weniger dumme Menschen in der Welt und ein besseres Miteinander! Und nicht nur wünschen: Arbeiten wir daran!

Ha det bra,

...ein weiterer Akt der Selbstdarstellung...

…ein weiterer Akt der Selbstdarstellung…

Ulrike

P.S. Wer sich selber ein Bild machen will: Noch bis zum 31. August kann „Kongolandsbyen“ im Frognerpark besichtig werden.

Allein unter Schafen in Neuseeland ODER Was für Auswanderer-Typen gibt es?

Ich liebe Psychotests. Von Welche Hollywood-Ikone bist du? (Antwort: Audrey Hepburn. Huch.) über Bist du eine Zicke? (Antwort, erstaunlicherweise: Ja.) bis hin zu Welcher Muttertyp bist du? (Antwort, beruhigenderweise: Ich bin für beide Geschlechter geeignet.) ist kaum ein Psychotest vor mir sicher.

Jeder hat ja so seine Laster.

Ich also Psychotests.

Das war auf jeden Fall das eindeutige Ergebnis bei Welche Laster hast du?

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich erwähne es nur noch am Rande: Ja, es ist heiß. Immer noch.

Weiter im Text.

Ich liebe also Psychotests. Beim wahllosen Surfen im Netz stieß ich heute auf einen Test bei jetzt.de, der Jugendseite der Süddeutschen Zeitung. Welcher Auswanderer-Typ bist du? Na, da bin ich doch neugierig geworden. Ran also an den Test, kurz registriert und zehn absolut dusselige Fragen später war klar: Wir müssen umziehen. Denn ich gehöre in die Kategorie: Allein unter Schafen in Neuseeland. Der Test fand heraus, dass meine Liebe zu den „Herr der Ringe“- Filmen mich dazu bringen wird, per eBay eine Schaffarm in Neuseeland zu ersteigern. Das ist insoweit besonders interessant, da es 1. überhaupt keine Frage zu den Filmen gab und ich 2. auch nie im Leben irgendeinen positiven Kommentar über selbige abgegeben hätte. Ich finde die Filme, Bücher, Hörbücher nämlich zum Gäääääähnen.

Aber wer bin ich, das Ergebnis eines Psychotests anzuzweifeln?

Eigentlich hatte ich auch erwartet zu erfahren, welcher TYP ich genau bin, wenn es ums Auswandern geht und nicht, WOHIN ich auswandern würde. Denn, und da hat der Test wenigstens in der Überschrift recht, es gibt ganz unterschiedliche Auswanderer-Typen.  Auch hier in Norwegen. Mit einem zwinkernden Auge und viel Selbstironie stelle ich Euch die drei Typen vor, die mir hier in den letzten zwei Jahren aufgefallen sind.

1. Die Brunost-Schwärmer mit Elchpatenschaft oder „Ja, vi elsker dette landet!“

VORHER: Sie lieben Norwegen seit ihrem ersten Urlaub am Fjord und haben seitdem die Wohnung im Heimatland mit rot-weiß-blauen Fahnen, Trollen und Norwegenkalendern dekoriert. Ihr Traum ist eine eigene Pension an der Westküste Norwegens mit angegliederter Hundeschlittenzucht. Norwegen ist für sie Freiheit, Naturidylle und ein einziger Traum. Irgendwann wird die Sehnsucht zu groß, die deutschen Freunde und Verwandten können das Wort Norwegen nicht mehr hören und auch der Chef verlangt mehr Konzentration auf die Jahresbilanz als auf das norwegische Kochbuch. Eine Entscheidung muss her! Nach einigen Scheiben Knäckebrot mit Brunost sind sich die Schwärmer sicher: Wir wollen nach Norwegen. Für immer! Ab jetzt werden die Wände und Möbel der Wohnung mit norwegischen Vokabeln geplastert („et bord“, „en tannbørste“, „en underbukse“), auf zahlreichen Internetseiten wird nach Jobs und Wohnungen gesucht, im nächsten Zoo schon mal eine Elchpatenschaft eingegangen. Dann geht es endlich los. Die Ankunft in Norwegen erscheint wie das Klopfen am Tor des Paradieses. Endlich da!!

IM LAND: Die Schwärmer stehen ab jetzt jeden Morgen auf und können ihr Glück nicht fassen. Alles, wirklich alles ist toll im Paradies. Und die Sachen, die mal nicht so toll sind, ach, die wiegen gar nicht so schwer. Am Wochenende sind sie nur unterwegs und verbringen ihre Zeit am Fjord, auf Bergen, in Hütten und machen Fotos, Fotos, Fotos. Sie kennen norwegische Spezialitäten besser als mancher Norweger und wissen eh nach einer gewissen Zeit mehr über Norwegen als König Harald. Was sie auch gern zum Besten geben. Sie lernen die Sprache schnell (falls sie sie nicht eh schon kannten) und integrieren sich bestens in das kleine Dorf, in das sie gezogen sind, um „den richtigen Kontakt mit richtigen Norwegern“ zu bekommen. Kontakt mit anderen Deutschen lehnen sie in den ersten Monaten ab, denn „schließlich sind wir nicht nach Norwegen gekommen, um Deutsch zu reden.“  Nach sieben Jahren in Norwegen beantragen sie die norwegische Staatsbürgerschaft, kaufen eine hytte, pflanzen einen Baum und lernen Sami.

NACHTEIL: Ein bisschen fehlt ihnen der Bezug zur Realität, denn die in Norwegen auftauchenden Probleme werden oft weggewischt. Das Paradies soll nicht beschmutzt werden!

VORTEIL: Bei den Norwegern beliebt, weil sie Norwegen ebenso lieben wie die Norweger selbst, sich gut integrieren, die Sprache lernen und regelmäßig Brunost essen. Sind glücklich und bereuen ihre Entscheidung auszuwandern, wahrscheinlich nie oder selten.

2. Die Wirtschafts-Rationalisten mit internationalen Beziehungen ODER „Well, it isn’t New York, is it?“

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VORHER: Im Ausland zu arbeiten ist für sie schon fast normal und nach einigen anderen Ländern soll jetzt mal „das komische Land im Norden mit viel Geld“ dran sein. Der norwegische Arbeitsmarkt sucht internationale Bewerber (auch wenn das nur ungern zugegeben wird), die Türen stehen also relativ offen. Die Gehälter und Zuwendungen sind großzügig, die Arbeitszeit ist dafür gering und die Lebensqualität damit hoch. Die Rationalisten sind nicht unbedingt am Land an sich interessiert, das nehmen sie halt so mit.

IM LAND: Am Anfang wird verglichen. Gerade in Oslo werden sie nicht müde zu betonen, wie provinziell die Stadt doch ist. „Aber wir mögen es hier trotzdem!“ Mit dem 13. oder 14. Monatsgehalt werden dann Trips in die große Welt unternommen. Das Interesse an Norwegen ist mäßig bis kaum vorhanden, man weiß schließlich gar nicht, wie lange man bleibt, ob es nicht irgendwo noch etwas Besseres gibt und überhaupt: Diese Sprache!!! Wer will die schon lernen, sprechen doch alle Englisch hier! Wirtschafts-Rationalisten leben meistens in der internationalen Gemeinde der größeren Städte, haben internationale Freunde, gehen höchstens mal auf ein „Freitags-Bier“ mit ihren Kollegen und fragen sich die ganze Zeit, warum sie eigentlich keinen Kontakt zu Norwegern haben. Bei manchen ändert sich das Verhalten nach einiger Zeit: Sie werden zwar keine Brunost-Schwärmer, aber nach einigen Fahrten mit der Bergenbahn, dem Kaminfeuer in der hytte und der Begeisterung am 17. Mai verspüren sie eine gewisse Begeisterung für das Land, in dem sie leben. Zögernd blicken sie in die norwegischen Zeitungen, schalten auch mal norwegisches Fernsehen ein und bestellen den Kaffee im Espresso House in der Landessprache.

NACHTEILE: Leben in ihrer eigenen, kleinen Welt und sind eher Arbeitstouristen als Einwohner. Tragen, außer Steuerzahlungen, nicht viel zur norwegischen Gesellschaft bei.

VORTEILE: Realistischer als die Schwärmer und, bei auftretendem Interesse an norwegischer Gesellschaft, gute Gesprächspartner mit klarem Blick für das Land in dem sie leben.

3. Die heimwehkranken Nostalgiker ODER „Deutschland, Deutschland über alles…“

VORHER: Sie entscheiden sich aus den unterschiedlichsten Gründen, nach Norwegen zu kommen. Vielleicht ist die Arbeitssituation in Deutschland unerträglich, vielleicht hat die Midlife-Crisis zugeschlagen, vielleicht kommt die große Liebe aus Norwegen oder vielleicht war es einfach mal Zeit für etwas Verrücktes. Auf jeden Fall hat es mehr mit ihnen selbst zu tun als mit Norwegen. Kein idealer Start, kann aber funktionieren. Oder auch nicht.

IM LAND: Hier ist alles so teuer. Man findet gar keine Freunde. Die arbeiten/reden alle so langsam. Was ist denn das für Käse…das ist doch kein Käse? Wenn ich da an Deutschland denke… Die Nostalgiker machen es Norwegen schwer. Denn, wenn sie mal ganz ehrlich wären, eigentlich finden sie es in Deutschland schön. Aber manchmal entdeckt man das eben erst, wenn man für längere Zeit fort geht. Im Ausland begeben sie sich nun in deutsche Organisationen, treffen Deutsche, reden Deutsch und finden das Leben so ganz erträglich. Unermüdlich erzählen sie aber gerne, besonders Norwegern, vom tollen Leben in Deutschland. Die Satelliten-Schüssel mit deutschem TV-Empfang ist eine ihrer ersten Anschaffungen und regelmäßige Trips nach Deutschland sind unumgänglich.

NACHTEILE: Blockieren und lassen sich selbst von knutschenden Elchen in wunderschönen Mittsommernächten am Fjord nicht oder nur schwer begeistern. Verlieren nicht nur den Blick für die Schönheiten Norwegens sondern auch für die Nachteile Deutschlands.

VORTEILE: Sie haben es wenigstens probiert! Es gehört schon Mut dazu auszuwandern. Man kann den schwersten Nostalgiefällen nur wünschen, dass sie auch genug Mut haben, um wieder zurückzugehen ins gelobte Land.

Das waren sie, meine drei Auswanderer-Typen, subjektiv zusammengestellt, wissenschaftlich nicht fundiert und gesellschaftlich vielleicht gar nicht auffindbar, denn weder das Leben noch die Menschen darin sind schwarz-weiß und viele Auswanderer, die ich getroffen habe, sind eine Mischung aus verschiedenen Typen oder – ihre ganz eigenen Typen. Habt Ihr Euch wiedererkannt (und löscht den Blog jetzt oder kündigt mir die Freundschaft????) oder jemanden erkannt, der ausgewandert ist? Seid Ihr selber bereit zum Auswandern? Fragen über Fragen, mit denen ich Euch jetzt allein lasse! Denn ich…jaha, ich…

Ich werde mich jetzt über Neuseeland und den Kauf einer Schaffarm informieren! Wenn jetzt.de schon meint, ich sei dafür geeignet…

Da fällt mir spontan noch ein Auswanderer-Typ ein: Die Nie-Ankommer ODER „Fly me to the moon…“. Das sind die, die immer auf der Reise zu sein scheinen. Die nie ankommen, wohl nie seßhaft werden. Sie sehen Norwegen als fantastische Zwischenstation und sind schon gespannt auf das nächste Land. Nachteil: Kommen nie richtig an, integrieren sich selten. Vorteile: Sehen in jedem Land gute und schlechte Seiten und gehen, wenn es ihnen nicht mehr gefällt.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an meinem soziologischen Exkurs und freue mich auf Eure Kommentare zu Auswanderer-Typen in Norwegen, Italien, Deutschland oder wo auch immer! Hier in Oslo sind die Ventilatoren ausverkauft und ich verbringe meinen Tag mit den Füßen im kühlenden Wasser und träume vom Winter. Euch allen wünsche ich eine tolle, aber vor allem KÜHLE Woche, testet mal wieder Eure Psyche und steckt Menschen nicht in zu feste Schubladen.

Und in ganz eigener Sache: In unglaublichen vier Wochen soll unsere Tochter zur Welt kommen und dann geht der Blog erstmal in Babypause. Aber manchmal halten sich Babies ja nicht so an Zeitpläne, habe ich gehört….wundert Euch also nicht, falls Ihr an einem Freitag ganz unentschuldigt nichts von mir lest. Ich melde mich dann wieder…ist doch klar!!!!!

Ha det bra,

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(…und gleich kaufe ich die Farm!)

 

Ulrike

Heiße Schmuggelware aus Norwegen ODER Sag mir, wo die Windeln sind, wo sind sie geblieben?

Geschmuggelte Drogen aus Südamerika, Waffenschmuggel in Zentralafrika oder billige Zigaretten aus Polen – das illegale Geschäft mit Waren aller Art blüht weltweit.

Auch Norwegen hat ein Schmuggelproblem.

Hier im Land sind die heißen Waren…

Windeln.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Wie ich bereits häufiger erwähnt habe, ist in Norwegen so ziemlich alles zu teuer. Die ersten Besuche im Supermarkt haben mich fast traumatisiert, schluchzend stand ich vor dem Regal mit Schokolade und wünschte mich sofort in irgendeinen ALDI oder Realkauf in Deutschland. EIN Produkt ist in Norwegen allerdings so richtig billig: Windeln. Zum Vergleich: Die 30er – Packung einer bekannten Windelmarke mit dem Zusatz „baby dry“ für Babies zwischen 4 bis 9 Kilo kostet in Deutschland zwischen 8,45 und 8,95 Euro. Das sind umgerechnet rund 75 NOK. Hier in Norwegen kostet die Packung beim KIWI-Supermarkt gegenüber aber nur…..TUUUUUUSCH……36,90 NOK. Das ist (für alle mathematisch gehemmten Leser) knapp DIE HÄLFTE! Und ich rede hier nicht von Aktionspreisen. Das ist der reguläre Preis.

Wow, oder?

Die Windeln einer schwedischen Firma, die besonders Fußballfans anspricht, sind über eine deutsche Website für 8,90 Euro zu kaufen, im KIWI gibt es sie für 29,60 Kronen, das sind rund 3,20 Euro. Und ganz extrem wird es, greift man zu KIWIs Eigenmarke – 50 Windeln für 16,90, also für knapp 2,- Euro. WIE kommt das? Alles begann im Jahre 2000: Die beiden großen Supermarktketten im Land, KIWI und Rema1000 führen den „bleiekrig“, den Windelkrieg. Die Idee ist simpel. Familien mit kleinen Kindern werden mit absurd niedrigen Preisen für dringend benötigte Windeln in den Laden gelockt. Einmal dort, hofft man, dass sie auch den restlichen Einkauf im Supermarkt erledigen. Wenn man schon mal da ist….

Besonders hart wird der Windelkrieg im Herbst, da die meisten Babies in Norwegen Ende August geboren werden. (Was weniger an kalten Novembernächten als an der zeitlichen Vergabe von Kindergartenplätzen liegt.) Im Herbst tobt also der Windelkrieg mächtiger als jemals. Manche Supermarktketten vermelden rote Zahlen in dieser Zeit, aber trotzdem beteiligen sich fast alle an den Dumpingpreisen. Ein in Europa einmaliger Produktkrieg, der dazu führt, dass nirgendwo auf dem Kontinent Windeln so billig sind wie im eigentlich teuersten Land Europas Norwegen.

Auftritt Wirtschaftstheorie.

Es nennt sich Ricardos ehernes Gesetz des Preises und geht ungefähr so (mein Wirtschaftsabitur ist schon ein paar Jahre her, ich bitte daher um Nachsicht): Ist der Preis eines Gutes niedriger als der Preis plus Transport desselben Gutes an einem anderen Ort, beginnen Leute es zu kaufen, zu verschiffen und zu verkaufen.

Auftritt Schmuggler.

In der Scheibenwelt des britischen Autors Terry Pratchett gibt es die Zunft der Diebe und Schmuggler, um die illegalen Machenschaften zu einem angesehenen Berufstand zu entwickeln. Vielleicht gibt es auch in der realen Welt einen Treffpunkt für Schmuggler…

Ein düsteres Cafe in einem verkommenen Vorort. An der Bar drei undurchsichtige Typen. Die blond toupierte Barfrau will die Stimmung etwas aufheitern.

Barfrau (lächelnd): „Na, Jungs, was schmuggelt Ihr denn heute so Hübsches?“

Schmuggler (gemeinsam): „PSSSSSSST! Bist du verrückt? Schmuggeln? WIR? Nie! Legaler Import-Export, das ist es was wir machen!“

Polizist, der gerade am Ende der Bar dienstbeflissen aufgeschreckt ist, schläft wieder ein.

Barfrau (die Augen verdrehend): „Okay, okay. Also: Welche Waren IMPORTIERT Ihr denn heute so? – Irgendetwas Nettes für mich dabei?“

Schmugg…entschuldigung…Importeur 1 (zieht lässig Schnodder hoch): „Drei Leopardpanzer heute.“

Barfrau (enttäuscht): „Och, schon wieder?“

Importeur 2 (rückt seine Kronjuwelen zurecht): „Kolumbianische Drogen.“

Barfrau (nickt): „Gehen immer.“

Importeur 3: Schweigt.

Barfrau (aufmunternd): „Georgi, und du?“

Importeur 1 und 2 kichern hämisch.

Importeur 2: „Ja, Georgi, und duuuuuuuu?“

Importeur 3 guckt mörderisch.

Importeur 1: „Na, komm, Georgiiiiiiii: Ich importiere heute……..“

Importeur 2: „W…..W…..Wi…..Wi……Winnnnnnnnn……“

Georgi (brüllt genervt): „WINDELN, okay????? W I N D E L N!“

Importeur 1 und 2 fallen lachend vom Barhocker: „Wiiihiiindeln aus Nooorwegen…….“

Barfrau (mitleidig): „Ach, Georgi, das wird schon noch….noch ein paar Jahre und du schmuggelst was Ordentliches. Bestimmt.“

Georgi (verletzt, aber nicht ohne Stolz): „Die Familien freuen sich. Alle mögen mich. Windeln sind wichtig.“

Barfrau: „So ist es, Georgi.“

Fakt ist: Die Dumping-Preise von Windeln führen dazu, dass vor allem litauische und polnische Schmuggler nach Norwegen kommen und sich hier mit Windeln eindecken, bis der Kleinlaster ächzt. Berühmtestes Beispiel ist der „Windel-Engpass von 2013“, als bei Rema1000 im ganzen Land die Windelregale von ausländischen Käufern leergeräumt wurden. An der Grenze zu Schweden entdeckten Zollbeamte Wagen voller Windelpakete im Wert von rund 50.000 NOK, knapp 6000 Euro. Statt den Preis der Windeln zu erhöhen und damit Megaeinkäufe und Schmuggel ins Ausland unattraktiv zu machen, beschränkte die Supermarktkette die Anzahl an Windelpaketen pro Person. Rieseneinkäufe seien „…kein Diebstahl und nicht kriminell,“ so ein Sprecher. „Aber sie sind ein großes Problem…sie lassen nichts mehr übrig für unsere regulären Kunden.“ Aber man kann es den Schmugglern fast nicht verdenken. Windeln, in Norwegen für rund 40 NOK eingekauft, können, laut norwegischer Zeitung Dagbladet, in Litauen für umgerechnet 120-140 NOK verkauft werden. Das lohnt sich. Und gut versteckt entfällt die bei Einfuhr zu zahlende Steuer und schon ist man der Windelkönig im Land und verdient sich eine goldene Nase!

Oder goldene Windel.

Ich werde auf jeden Fall das Windelregal bei KIWI im Blick behalten und, falls nötig, jeden Tag drei Pakete kaufen, um einen Engpass zu vermeiden. Jede vierte Packung gibt es dank der Bleiekort, der Windel-Discountkarte, übrigens umsonst. Toll!!!!!!

***

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, dieser kleine Bildungsartikel über Norwegen hat Euch gefallen und freue mich auf Kommentare. Meine wöchentlichen Grüße sind diesmal eine Portion Abkühlung für Euch Armen in Deutschland, es scheinen tropische Temperaturen zu herrschen. Haltet durch! Hier hat der Sommer eine kurze Verschnaufpause eingelegt, das finde ich ganz ausgezeichnet. Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, guckt mal wieder nach Angeboten im Supermarkt, schmuggelt nichts außer guter Laune und esst einen großen Eisbecher für mich – ich habe Lust auf Bananenflip!!!!

Ha det bra,

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Ulrike

Sommer in Oslo ODER Ich buddel‘ mir ein Loch und warte auf Besserung

 

Die Thermometer in Oslo zeigen gerade sportliche 26 bis 31 Grad an. Das ist fein, besonders für Menschen, die die Hitze lieben. Ich allerdings überlege, mir im Frognerpark ein Loch zu buddeln, mich hineinzulegen und auf bessere Zeiten zu warten.

Hallo, liebe Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der Sommer ist also da und zwar mit Karacho. Nun haben er und ich schon immer ein gestörtes Verhältnis und seine hohen Temperaturen (alles ab 24 Grad) kann er von mir aus für sich behalten. Hier in Norwegen hatten Sommer und ich bisher eine Art Waffenstillstand gelebt: Er bot mir max. 24 Grad, ich lobte seine Vorzüge.

Ohne große Vorwarnung hat der norwegische Sommer nun aber über die Stränge geschlagen. Und das gerade jetzt, wo ich schon bei frühlingshaften 20 Grad keuche wie ein Nilpferd nach dem Baden. Und nicht nur, dass der Sommer über die Stränge schlägt: Die Menschen ziehen mit. Gestern jubelte es in den sozialen Medien ob meiner Aussage, dass Oslo sich in Madrid oder Athen verwandelt hatte und wahnwitzige 31 Grad bot: „Toll! Super! Prima! Ich komme! Warum jetzt, ich bin gerade nicht da! Endlich Sommer! Ich liebe Hitze!“ schlug es mir entgegen und ich fühlte mich augenblicklich unverstanden und ungeliebt.

Nun, es ist heiß, da tendiert frau zu übertriebenen emotionalen Momenten. Und nicht nur frau, oder? Nach der brutalen Heimsuchung in Belo Horizonte durch die deutsche Elf kühlten sich die geschockten Brasilianer mit ihren eigenen Tränen, Torkeeper Julio Cesar riss es fast wieder beim anschließenden TV-Interview und das lautstarke Heulen der entsetzten Fans erstickte den deutschen Jubel. Auch das Spiel Ecuador-Kolumbien erinnerte mehr an eine schlechte Seifenoper als an gestandenen Männersport. Aber vielleicht wurde bei dieser so unerwartet unerwarteten WM das Ausschütten von Tränenflüssigkeit wirklich zum Kühlen benutzt und sollte das so sein, dann kann ich das verstehen, ich könnte bei den tropischen Verhältnissen hier in Norwegen auch heulen.

Was aber tun in Oslo an Tagen wie diesen, wo die Nächte keine Abkühlung bringen und jede Busfahrt zum Höllentrip wird? In den Norden wandern, solange bis es kühler wird? Laut Wetterdienst müsste ich bis zu den Lofoten wandern, wo mich wunderbare 15 Grad erwarten. Das schon angekündigte Loch im Park buddeln oder in den Keller ziehen? Die kühlenden Angebote der Stadt nutzen?

Der letzte Gedanke hört sich vernünftig an. Wie kann sich der hitzegestresste Mensch in der norwegischen Hauptstadt das Leben also erträglicher gestalten?

1. Kühlendes Nass (extern): Oslo besitzt ein Freibad am Frognerpark, das außer zwei Becken und einem Sprungturm nicht viel bietet, dafür aber 90 NOK/100 NOK (Wochenende) Eintritt kostet (ja, das sind grob 12,- Euro…). Wer das Geld sparen will, springt an einem der vielen öffentlichen Strände in den Fjord oder in einen der zahlreichen Seen. Ganz neu und chic ist der Badeplatz am Astrup Fearnley Museum in Tjuvholmen, fast direkt in der Innenstadt. Mit Blick auf Bygdøy, das Rathaus und die Festung kann man sich hier in die Fluten stürzen. Mehr Natur bieten die Badeplätze am Songsvann (super mit der T-bane Linie 6 erreichbar) oder am Bogstadvannet. Mit den Fähren 92, 93 und 94 lassen sich unter anderem die Fjordinseln und Strände Hovedøya, Langøyene oder Gressholmen anfahren. Einfach am Hauptbahnhof, gegenüber des Ruter-Turms, den Bus 60 nach Vippetangen nehmen und dort angekommen auf eine der Fähren springen. Bus Nr. 30 oder die eigenen Füße bringen erhitzte Körper nach Bygdøy, wo man sich entweder am Strand von Huk oder an Paradisbukta (der Paradiesbucht) abkühlen kann. Und wenn das alles zu weit erscheint: Einfach die Füße in den Springbrunnen im Frognerpark stecken. Das ist nicht gern gesehen, kühlt aber herrlich ab!

2. Kühlendes Nass (intern): In Oslo gibt es, trotz des normalerweise kurzen Sommers, viele Lokale mit Patios, wo sich die Hitze mit einem kühlenden Getränk ertragen lässt. Norweger tendieren schon die ersten Sonnenstrahlen im Februar mit einem Ute-Pils zu feiern, dem ersten Bier (Pils), das draußen (ute) genossen wird. So betrachtet, lohnt sich die Anschaffung einer Außenterrasse für jeden Wirt und ich mag drei hier in Oslo besonders gern:

– Lekter’n an Aker Brygge: Riesige Sitzkissen oder gemütliche Sitzoasen erwarten Besucher hier direkt am Wasser, wo immer eine nette Brise weht. Ja, das Publikum ist manchmal etwas snobby, aber die Yachtbesitzer und Yuppies können meine Begeisterung nicht trüben. Mit Blick auf die Festung und den Fjord sitzt man mit den Füßen fast im Wasser und findet den Sommer plötzlich viel schöner.

– Frognerseteren: Zugegeben, die Anreise mit der T-bane ist lang und der steinige Abstieg zum Lokal bei 30 Grad kein Zuckerschlecken. Aber dafür wird man mit der wohl schönsten Terrasse und dem wunderbarsten Ausblick über Oslo belohnt, den die Stadt zu bieten hat. Dazu noch ein Stück Apfelkuchen aus der hervorragenden Küche und alles ist perfekt.

– Lorry: Am Ende des Bogstadveien, direkt neben dem Literaturhaus, liegt der französisch wirkende Biergarten des britischen Lokals mit der größten Bierauswahl in Oslo. Rotkarierte Tischdecken und bunte Lichter in den Bäumen wirken wie aus Frankreich entführt und selbst die gestresste Bedienung kann mich nicht ärgern. Hier im Schatten unter einem der großen Bäume zu sitzen – das ist Sommer pur.

3. Eisdielen: Umsonst sucht der verwöhnte deutsche Gaumen in Oslo nach einem Spaghettieis oder einem Bananenflip. Die hohe italienische Gelatokunst hat es noch nicht bis nach hier oben geschafft, was wirklich ein Jammer ist! (Hier also mein Aufruf an Eisdielenbesitzer in Deutschland: Kommt nach Oslo! Wir brauchen Euch!!!) Stattdessen bieten Läden wie Seven Eleven, Deli de Luca oder Narvesen Eis am Stiel oder Softeis. Das ist bei den Norwegern sehr beliebt, aber so richtig nach Sommer schmeckt es nicht. An Aker Brygge finden sich drei verschiedene Eisstände, die Kugeln im Becher oder in der Waffel anbieten. Zwei wirklich lohnende Ausnahmen sind die Eisdiele Paradis kurz vor dem Astrup Fearnley Museum und die italienische Eisdiele Dolce Vita hinter dem Parlamentsgebäude. Kippen hier die Kunden zwar vor Begeisterung aus den Latschen, vermissen Deutsche aber die richtigen Eisbecher, die beim Besuch der Eisdiele einfach dazu gehören.

Kühlen, kühlen, kühlen lautet also die Devise und weiter auf Besserung hoffen. Liebe Osloaner, schickt mir doch Eure Lieblingsplätze der Stadt im Sommer und Tipps, wie Ihr die Hitze hier bewältigt. Ihr lieben Leser aus anderen Orten: Hat bei Euch der Sommer schon zugeschlagen und was sind Eure Tipps bei tropischen Temperaturen?

Kühlen Kopf bewahren heißt es auch am Sonntag für das deutsche Team im Finale gegen Argentinien im Maracana. Was für eine Kulisse für ein Finale!! Ich hoffe auf ein spannendes, faires und unterhaltsames Spiel, das Deutschland am Ende gewinnt. Gerne im Elfmeterschießen! Allen Fußballfans wünsche ich also einen spannenden Sonntag, allen Nicht-Fußballfans rufe ich zu: „Es ist fast geschafft!“

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, einen schönen Urlaub oder eine wunderbare Zeit auf der heimatlichen Terrasse. Genießt den Sommer, denn ehrlich gesagt: Der Herbst kommt schneller als man denkt!

Ha det bra,

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(geht schon….)

 

Ulrike

 

 

Skandal am Königshaus wegen Schulwechsel ODER Wer will schon immer gleich sein?

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Kurz vor dem alle Jahre wiederkehrenden, umsatzschwachen Sommerloch fiel der norwegischen Presse noch eine Sensationsmeldung auf die Schreibtische: Kronprinz Haakon und Gattin Mette-Marit ließen verlauten, ihre beiden Kinder werden ab Herbst 2014 Privatschulen besuchen.

Privatschulen????

Skandal!!!

Hallo meine lieben adelstreuen Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. ENDLICH mal ein Blog über die Königsfamilie! Gleichzeitig aber auch ein Einblick in die norwegische Seele, das norwegische Schulsystem und die Macht der Presse. (Dies als Köder für alle, die beim Thema Königsfamilie gelangweilt wegklicken wollen.)

Fangen wir am Anfang an. Da ist bekanntlich das Wort, in diesem Fall: Folkelig. Das ist ein schwer zu übersetzender norwegischer Begriff und bedeutet, grob gesagt, volksnah. Wer folkelig ist, ist wie alle anderen. Und DAS ist gut so. Besonders von der Königsfamilie wird erwartet, dass sie folkelig ist. Immerhin ist die gesamte Monarchie vom Volk beschlossen worden und da darf man jawohl erwarten, dass die im gelben Schloss sich nicht soviel auf ihren Status einbilden.

Gleichheit mag vielleicht ein Recht sein, aber keine Macht vermag sie in die Tat umzusetzen.

Honoré de Balzac (1799 – 1850), französischer Philosoph und Romanautor

Nun gibt es aber ein Paradox: In §5 des norwegischen Grundgesetzes steht, dass der König heilig ist („Kongen er hellig.“). Und da kann ein Heiliger noch so volksnah sein, heilig bleibt er trotzdem und schwebt damit, metaphorisch ausgedrückt, ein paar Meter über dem Erdboden.  Ein anderes Paradox ist, dass die Königsfamilie selbstverständlich in einer Welt voller Privilegien lebt, Privilegien sowohl sozialer als auch ökonomischer Natur. Und damit sind sie nicht allein, denn so sehr die Norweger auch vom Janteloven – dem Gleichheitsgesetz – träumen, gibt in Realität natürlich immer Leute, die reicher sind, besser vernetzt, angesehener. Und damit weniger gleich. Die Königsfamilie versucht seit Jahrzehnten, die Balance zwischen sozialer Vormachtstellung und Volksnähe zu schaffen. Unvergessen die Straßenbahn-Fahrt von König Olav 1973 während der Ölkrise. Wie Ole Nordmann (der gewöhnliche Norweger) saß das Staatsoberhaupt neben seinen offensichtlich begeisterten Untertanen und zückte seine Geldbörse, um ein Ticket zu kaufen. (Dass er die übrigen Jahrzehnte seines Lebens in Luxuskarossen durch die Weltgeschichte oder Norwegen fuhr, blendete das Volk damals scheinbar aus.)

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Quelle: Dagbladet, 18.6.14

Ähnliches gilt seit Jahrzehnten für den Schulbesuch der königlichen Sprößlinge.  Sowohl Kronprinz Haakon als auch seine Schwester Prinzessin Märtha Louise besuchten die öffentliche Schule in Smestad, in der bereits ihr Vater nach dem zweiten Weltkrieg die Schulbank drückte. Königin Sonja begann ihre Schulkarriere in einer Privatschule, wechselte aber dann ebenfalls zur Smestadt Schule und erreichte 1954 an der Realschule von Ris ihren Abschluss. Und bis zu diesem Sommer traf diese volksnahe Schulwahl auch auf die Kinder des Kronprinzenpaares, Thronfolgerin Ingrid Alexandra und ihren Bruder Sverre Magnus, zu. Beide besuchten – laut Königshaus ohne nennenswerte Probleme – die Jansløkka Schule in Asker bei Oslo.

Foto: Eivind Griffith Brænde

Ingrid Alexandras erster Schultag in Asker. Foto: Eivind Griffith Brænde

Der sie heute, am letzten Schultag, „Ha det“ gesagt haben.

Denn ab Herbst wird Ingrid Alexandra nach dem Willen ihrer Eltern die Internationale Schule Oslo besuchen, Sverre Magnus die Montessori-Schule Oslo. Diese Meldung wirkte wie ein Stich ins Wespennest. „Fjerner seg fra folket!“ titelte das linksfreundliche Boulevardblatt Dagbladet. Das Kronprinzenpaar entferne sich vom Volk – sei also, kurz gesagt, nicht mehr folkelig. Dabei sei es eine lange Tradition in Norwegen, dass das Königshaus Bescheid wisse über das Alltagsleben der Norweger. Mit dieser Entscheidung zur Schulwahl entferne man sich von dieser Tradition, so Torgeir Knag Fylkesnes von den Linken. Martin Kolberg von der Arbeiterpartei sah in der Entscheidung gar einen Schritt Richtung Ende der Monarchie. 100.000 norwegische Kronen koste allein die Internationale Schule pro Jahr, jaulte die Zeitung weiter, und was denn so schlimm wäre am weiteren Schulbesuch in der öffentlichen Schule in Asker?? Das Königshaus reagierte gelassen und begründete die Wahl für Prinzessin Ingrid Alexandra damit, dass sie „grundlegende Fähigkeiten erlangen soll, in Englisch zu denken, zu sprechen und zu schreiben.“ Die ironische Antwort von Politiker Fylkenes ließ nicht lange auf sich warten: „Man sollte glauben, dass Ingrid Alexandras Aufgabe als Prinzessin und spätere Königin von Norwegen sei, auf NORWEGISCH zu denken und zu sprechen.“

Die Fronten sind also verhärtet, an der Situation ändert sich aber nichts. Die norwegischen Königskinder gehen auf die Privatschule. Dem Willen ihrer Eltern gemäß.

Ich finde diese ganze Diskussion sehr spannend. Nicht, weil sie das Königshaus betrifft, aber weil sie einen Einblick in die norwegische Seele ermöglicht: Man kann gerne reich oder mächtig sein, aber das hat man gefälligst für sich zu behalten. Wie aber lässt sich dieses Ideal vereinbaren mit dem Wunsch der Eltern, für die bestmögliche und am besten geeignete Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen? Mit diesem Wunsch stehen Haakon und Mette-Marit ja nicht allein da. 30% der Schüler der Internationalen Schule Oslo sind norwegische Kinder (neben Kindern von Botschaftsangestellten und anderen ausländischen Angestellten hier in Oslo) mit norwegischen Eltern. Sie alle wollen eine international geprägte Ausbildung für ihre Kinder. Eine Ausbildung, die es so an norwegischen Schulen nicht gibt.

Und ja, dafür muss man dann eben bezahlen.

Und nein, das können nicht alle Eltern in Norwegen, auch wenn sie es gerne würden.

Und doch, das widerspricht dem Ideal der Gleichheit.

Deshalb kann all die Kritik, die seit Mittwoch durch die Foren der Onlineausgaben von Dagbladet oder Aftenposten schwirrt, in denen Mette-Marit als „snobistischer Emporkömmling“ bezeichnet wird, die allein verantwortlich für die elitäre Schulwahl ist; in denen die Monarchie als „auf dem absteigenden Ast“ bezeichnet wird  und in denen die öffentlichen Schulen gepriesen werden obwohl (oder gerade weil) sie „anscheinend für privilegierte Königskinder nicht geeignet sind“ – all diese Kritik könnte genauso gut den anderen norwegischen Eltern gelten, die diese Wahl für ihre Kinder getroffen haben. Sie alle sind nicht mehr folkelig.

Aber stimmt das? Sind sie nicht gerade dadurch volksnah, dass ihnen, wie allen norwegischen Eltern, das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt? Dass sie eine Entscheidung treffen, ohne auf die Kritik der Umgebung zu achten, weil sie das Beste für ihre Kinder wollen? Und geht es bei der Schulwahl wirklich um Prestige oder vielleicht doch eher um Qualität? Und wenn das so ist, warum verlieren die öffentlichen Schulen dann? Fehlt es diesen Schulen eventuell an individueller Betreuung und ausreichendem Personal? Vielleicht wird das Gleichheitsprinzip auch in den öffentlichen Schulen zu sehr in den Mittelpunkt gestellt. Aber es gibt nun einmal intellektuelle Unterschiede zwischen Schülern, so ist eben das Leben, und diese Unterschiede nicht zu beachten zugunsten eines abstrakten Gleichheitsprinzips – das ist doch hirnrissig. Ich muss mich damit näher befassen: Ein Blog zum norwegischen Schulsystem wird also folgen.

Die Diskussion wird hier in Norwegen weitergehen und ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Für den Moment sind die Fronten etwas verhärtet, an der Situation ändert es aber nichts. Und das ist auch gut so, denn wer will schon ein Königshaus, das sich zu sehr nach den Wünschen und Beschwerden seines Volkes richtet? Denn schließlich, um Ebba D . Drolshagens Buch Gebrauchsanweisung für Norwegen zu zitieren: „Ist sie (die Königsfamilie) zu normal, macht sie sich schnell entbehrlich…“ – und das wollen wir ja auch nicht!

***

Das war es für heute, meine lieben Leser, mit unserem Ausflug in die norwegische Seele. Euch allen wünsche ich eine tolle Woche und meine wöchentlichen Grüße gehen mal wieder an Euch, meine Leser. Toll, dass Ihr da seid! Und besonders toll, wenn Ihr mich im Supermarkt ansprecht und mir erzählt, dass Ihr den Blog lest. Darüber freue ich mich den ganzen restlichen Tag! Macht es also gut, viel Spaß in den Ferien, bei der WM, im Garten, mit Freunden oder wo auch immer Ihr die Zeit verbringt.

Ha det bra,

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Ulrike

 

Willkommen in Oslo, Herr Bundespräsident ODER Entschuldigung, wieso dürfen wir hier nicht rein??

publik.verdi.de

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Im Ausland wird der Mensch patriotisch. So komisch es klingt, so wahr ist es doch. Jedenfalls für mich. Ob die deutsche Nationalmannschaft im Curling in Kanada, ein deutscher Weihnachtsmarkt in Edinburgh oder deutsche Würstchen auf dem Markt in Oslo – ich bin gleich über alle Maßen begeistert.

Hallo, meine lieben patriotischen (?) Leser, schön, dass wir uns wieder treffen. In dieser Woche erlebte ich eine Deutsche, die mit Kopfschütteln und Leidensmiene verkündete, sie wäre „nicht gerade glücklich, Deutsche zu sein.“ Ja, das ist natürlich schlecht. Reisende soll man aber bekanntlich nicht aufhalten und so schlage ich statt unterwürfiger Reue im Ausland einen Wechsel der Staatsbürgerschaft vor. Fertig! Aber das nur nebenbei. Weiter zu Joachim Gauck: Während der Bundespräsident und die First Lady heute nach Trondheim reisen, berichte ich Euch von der offiziellen Begrüßung am Mittwochmorgen vor dem königlichen Schloss.

Die begann sportlich. Wie das bei Menschen so üblich ist, siegte am Mittwochmorgen der Gruppentrieb: Auf der nördlichen Seite des Schlosses hatten sich um 9.20 Uhr die ersten Deutschen mit deutschen Flaggen und guter Stimmung versammelt. Das reichte als Zeichen für weitere Gruppenansammlung. Neben den ca. 100 Schülern der Deutschen Schule warteten also noch weitere Deutsche auf Einlass zu den Publikumsplätzen. Jeder, der eine solche Einladung vorweisen konnte…

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… durfte extra nah ran an den Mann.

Oder das Schloss.

Auf jeden Fall weg vom gewöhnlichen Gafferpöbel.

(Ja, blaue Einladungskarten vom Königlichen Hof machen arrogant. Was soll ich tun?)

Um 9.30 sollte der Einlass beginnen. Froh gelaunt knipsten wir die ankommende Königliche Garde, die berittene Polizei und uns gegenseitig. Die Sonne strahlte, die halbe Stadt war mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Blumenkästen dekoriert und unsere Laune war prächtig.

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Bis zu dem Moment, als um 9.30 Uhr die beiden Polizistinnen das verschlossene Absperrgitter öffneten und nur die Schüler und Lehrer der Deutschen Schule einlassen wollten.

„Wie? – Was??? – UND WIR????“ jaulten wir anderen los. Ja, das wüsste sie jetzt auch nicht, zuckte die blonde Polizistin die Schultern und schloss das Gitter wieder. Stände denn nichts auf der Einladung? Pff, tolle Idee, auf der Einladung!  Das hätten wir wohl gesehen, wenn da was stände, wir können ja schließlich lesen, oder was wolle sie damit andeuten und….

Oh…

Guckt mal, auf der Rückseite ist eine Karte. Also, die Schulkinder stehen rechts vor dem Schloss und wir anderen sollen…ach guck…nach links…zum südlichen Eingang…also genau auf die andere Seite.

Ratlos blickten wir auf die Absperrgitter vor uns, die sich hübsch glänzend vom Schloss aus die gesamte Karl Johan Gate hinunterzogen. Ich kalkulierte meine Fähigkeit mit dem dicken Bauch über das Gitter zu klettern: Gering, sehr gering. Außerdem wohl auch nicht gern gesehen bei den streng blickenden Sicherheitsleuten.

Ein entschlossener Mitarbeiter der Deutschen Botschaft hatte einen Plan: „Auf der Hälfte der Auffahrt stehen Polizisten, wir fragen, ob sie uns auf die andere Seite lassen.“ Ein Plan, endlich! Es folgte der stramme Marsch einer Gruppe Deutscher, die in geballter Entschlossenheit kurze Zeit später vor drei norwegischen und ahnungslosen Polizisten stoppte. Unsere Entschlossenheit auf die andere Seite zu kommen (und zwar schnell), traf auf höfliches Desinteresse. Bei den Polizisten. Nicht bei den umher stehenden Touristen, die uns neugierig betrachteten. Nach energischem Wedeln mit blauen Einladungskarten, ein paar gewechselten Sätzen ins Walkie-Talkie und aufgrund der generellen Gutmütigkeit der Norweger geschah es: Zum zweiten Mal an diesem Tag öffnete sich ein Absperrgitter vor uns. Diesmal durften wir durch!

Hätte das Königspaar in diesem Moment aus einem Schlossfenster geguckt, was hätten sie wohl von der Gruppe Deutscher gehalten, die gerade quer über die abgesperrte Auffahrt joggte? Wir werden es nie wissen und wir hatten auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn nun mussten wir die Auffahrt wieder hinauf, um dann endlich, endlich, am richtigen Platz zu landen. Keuch, keuch. Warum wir nicht einfach hinter den Schulkindern her auf die linke Seite gehen durften, ist ein Rätsel, das wir nicht lösen konnten. Stattdessen zuckten wir unsere Pässe und wappneten uns für eine gründliche Kontrolle. Zu der nur so viel: Dass kein Attentat auf König oder Bundespräsident verübt wurde, kann man nicht den beiden Sicherheitskräften verdanken, die uns hineinließen. Ins Parlamentsgebäude durfte ich nicht einmal ein Taschenmesser mitnehmen, aber ich hätte problemlos zwei Staatsoberhäupter samt Gattinen beim Staatsempfang auslöschen können. Weder mein Pass noch meine Tasche hat irgendwen interessiert. Nun gut, ich bin harmlos, da haben sie nochmal Glück gehabt.

Die Sonne brannte vom Himmel, als wir vor dem Schloss unsere Stehplätze einnahmen. Uih, so nah dran am Geschehen!

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Mitleidig fiel mein Blick auf die Garde, deren Mitglieder seit über 25 Minuten bewegungslos in der Hitze standen. Natürlich in voller Uniform und mit Hut. Von links erschien nun eine norwegische Delegation, von denen ich nur den Osloer Bürgermeister Fabian Stang erkannte. Brav nahmen die VIPs Aufstellung am roten Teppich. Wenige Minuten später erschien das Königspaar, er in voller Uniform, sie im cremefarbenen Ensemble mit passendem Hut. Die Glücklichen stellten sich im schattenspendenden Pavillon auf Position, den einige der schwitzenden Gardemitglieder wohl nur zu gern gestürmt hätten. Während Königin Sonja im Schatten bleiben durfte, nahm der König die Parade ab, dann begrüßten beide die VIP-Delegation und nahmen schließlich am anderen Ende des roten Teppichs Aufstellung.

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Mir war warm und einen Stuhl hätte ich auch gern gehabt. Jammer, jammer. Aber ich riss mich zusammen: Neben mir stand die hochschwangere Christina und wenn die nicht jammerte, dann musste ich Bauchküken mich auch zusammennehmen. Mal ehrlich!

Uh, Achtung, eine Wagenkarawane näherte sich!! Nach zwei weißen Polizeiwagen folgte die schwarze Staatskarosse und hielt genau vor den Füßen des norwegischen Königspaares. Die Türen öffneten sich und unter lautem Jubel entstiegen Joachim Gauck und Daniela Schadt. Kronprinz Haakon, der die beiden offensichtlich abgeholt hatte, schloss sich der gutgelaunten Gruppe an, die sich gleich viel zu erzählen hatte.

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Im schützenden Schatten angekommen, erklangen die beiden Nationalhymnen. Warum singen wir Deutschen eigentlich nicht mit? Oder machen wir es nur, wenn wir in großen Gruppen sind? Oder nur beim Fußball? Oder wie oder was? An diesem Morgen hörte ich um mich herum auf jeden Fall nur Stille. Komisch. Ob die beiden Ehrengäste sangen, konnte ich leider nicht erkennen. Nach dem letzten Ton wiederholte sich die Prozedur, die vorher der König allein unternommen hatte: Abnahme der Garde, Begrüßung der VIPs. Dann lenkte der König seine Gäste zu den wartenden Schulkindern, die in begeistertes „Hipphipphurra“ ausbrachen. Der Bundespräsident zeigte sich ebenfalls begeistert, ließ sich auf Selfies mit den Schülern ablichten, fragte und erzählte und nahm sich Zeit.

Dann ging er mit dem König gemeinsam ins Schloss.

Äh…

Hallo??…

Herr Gauck? Joachim?? Jojo?? Wir sind auch noch da, hier links auf der anderen Seite.

Hatte er etwa gehört, dass wir die Hymne nicht mitgesungen hatten? War er einfach müde und wollte raus aus der Sonne? Was immer es war, der Bundespräsident ging ohne weitere Wort hinein und ließ uns stehen.

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Aber wozu hat man eine First Lady? Und eine Königin? Daniela Schadt und Königin Sonja erwiderten unsere Grüße mit guter Laune und netten Worten, bevor sie sich ihren Männern anschlossen und endlich, endlich wieder in den Schatten durften.

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Immerhin!

Nur wenige Minuten später rollten Mitarbeiter den roten Teppich wieder ein und zwei Gardemitglieder sanken in eine gnädige Ohnmacht. Der ganze Zauber war vorbei. Aber – es hatte sich gelohnt.

***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich finde es immer wieder toll, was man hier in Oslo so erlebt. Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und viel Spaß bei der WM. Schon wieder eine Chance, patriotisch zu sein und so werden wir am Montag vor der Akershus Festung beim public viewing die Jungs von Joachim Löw lautstark anfeuern. Nach dem fast skandalösen Start gestern hoffe ich auf einen guten Schiedsrichter und natürlich ganz viele deutsche Tore. Allen Nicht-Fußballfans wünsche ich für die kommenden vier Wochen starke Nerven – immerhin gibt es dieses Mal keine Vuvuzelas.

Ha det bra,

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(keine Ahnung, warum ich so schmerzverzerrt grinse…..)

Ulrike

Das Kinderkunstmuseum in Oslo ODER Kunst von Kindern für Kinder (und Erwachsene)

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@barnekunstmuseet

Der Weg führt die Treppe hinunter in einen kleinen Garderobenraum, wo wir unsere Sandalen gegen gemütliche Hausschuhe in allen Farben des Regenbogens tauschen. Vom kleinen Kassenraum aus geht es dann die Treppe hinauf – und eine neue Welt offenbart sich: Die Wände sind bedeckt mit farbenprächtigen Zeichnungen und Malereien, überall stehen bunte, kleine Statuen, verrückte Spielzeuge und über uns hängen exotische Pflanzenstränge. Plötzlich sieht man sich selbst inmitten dieser fantastischen Welt im Spiegel an der Wand. Und ist sprachlos.

Hallo, meine lieben Leser. Schön, dass wir uns hier wieder treffen! Das Kinderkunstmuseum scheint ein gut gehütetes Geheimnis in Oslo zu sein, denn hätte ich gewusst, was mich erwartet, wäre ich schon vor langer Zeit dort gewesen. Aber bis auf ein kleines Schild an der Straße hält sich das Museum bedeckt.

Von afrikanischen Trommelklängen werden wir in die zweite Etage gelockt. Eine Gruppe Kindergartenkinder lauscht einem grauhaarigen Mann und seinem Trommelspiel. Später unterhalten sie sich über Kunst. „Was ist das überhaupt: Kunst?“, will der Pädagoge wissen. „Bilder, die man anguckt und schön findet!“, antwortet ein Junge. Da hat er hier im Museum viel zu tun. Ich bin beeindruckt von den Kunstwerken, die Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren geschaffen haben. Schulen, Familien, Kunstakademien aus 185 Ländern haben zu der gewaltigen Sammlung des Museums beigetragen – nur ein Bruchteil ist ausgestellt.

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@kidsinjazz.com

Das Kinderkunstmuseum ist ein Pionier der Kunstwelt. Gegründet 1986 von der Stiftung für Kindergeschichte, Kinderkunst und Kinderkultur war es die Idee des russischen Filmmachers Rafael Goldin und seiner Frau, der Ärztin Alla Goldin. Heute leitet Tochter Angela das weltweit erste Museum von Kindern für Kinder (und Erwachsene).

Rafael Goldin formulierte es so: „Kinder sind ein eigenes Volk, sagt man. Aber ein Volk kann nicht ohne Kultur existieren. Kinder sind das Volk, denen die Zukunft gehört. Und dieses Volk muss ein Recht haben auf seine eigene Sprache, seine eigene Kultur, seine Kunst und seine Geschichte.“ Aus diesem Anspruch entwickelt das Museum seine Aufgaben: Es will die Kunst der Kinder der ganzen Welt bewahren, durch Projekte und Kunstangebote neue Kunst schaffen und die Kunst der Kinder vermitteln.

Ein großes, asiatisches Kindergesicht blickt den Betrachter an. Dicke, blaue Tränen kullern über die rosa Wangen. Mama, jeg vil hjem! (Mama, ich will nach Hause) heißt das Bild einer neunjährigen Chinesin. Ich muss schlucken und Miriam scheint es ähnlich zu gehen. Viele der ausgestellten Bilder sind so eindrucksvoll, dass es berührt. Hier sieht man die Welt wirklich aus den Augen der Kinder. Ihre Lebensumstände, ihre Ängste, ihre Freuden. Wie in der Ausstellung Daddy World Wide: Kinder auf der ganzen Welt wurden eingeladen in Bildern auszudrücken, was ein Vater ist oder sein sollte. Eine Kohlezeichnung zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper, der ein Baby auf dem Arm hält. Eine riesenhafte Männerfigur steht zwischen einem Kind und einer Gruppe älterer Kinder. Ein Vater steht hinter seinem Sohn und hilft, die gewaltige Angelbeute ins Boot zu ziehen. Ein Mann mit knallrotem Kopf brüllt Richtung Betrachter.  Kinder haben hier das Recht, sich auszudrücken. In allen Aspekten ihres Lebens.

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Die Qualität der Bilder ist erstaunlich: Alle Kunstrichtungen sind vertreten und auch wenn die jungen Künstler nicht an das britische Wunderkind Keiron Williamson heranreichen – sie haben ihre eigene Bildersprache gefunden. Hier haben Kinder bestimmt, was ihnen am Herzen liegt und wie sie es ausdrücken wollen. Die Stilmittel sind in den Kulturen unterschiedlich, die Themen sind es nicht. Kinder von Alaska bis Australien nehmen Kunst als Mittel der Kommunikation. Ein verbindender, beruhigender Gedanke, der Hoffnung auf die Zukunft macht.

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Die letzte Treppe führt uns in eine Schatzkammer. In einem abgedunkelten Raum  mit hoher Decke finden sich Puppen, Spielzeuge, Masken aus der ganzen Welt. Jede Ecke, jede Fläche ist bedeckt mit den bunten Weltreisenden. Dicke Teppiche und bunte Sitzkissen laden zum Bleiben ein. Ein Glasprisma am geöffneten Fenster spiegelt das Sonnenlicht und schickt glitzernde Lichtflecke in den dunkleren Raum. Vogelzwitschern füllt die Luft. Ein Raum wie aus 1001 Nacht. Ich könnte ewig bleiben. Unten, im kleinen Museumsshop, entscheide ich mich für drei Postkarten, bevor wir die bunten Pantoffeln ausziehen und zurückkehren in unsere Welt.

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***

Das war es schon für heute, meine lieben Leser! Kommt in das Kinderkunstmuseum in Froen (Lille Froens vei 4, T-bane Linie 1: Froen Station), wenn Ihr in Oslo seid – für mich ist es das spannendste und schönste Museum, das die Stadt zu bieten hat. Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche mit Sonne, Lachen und dem kleinen bisschen Extra. Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an die tapferen Camper am Heidesee in Soltau – ich wünsche Euch ganz viel Sonne für die letzten Tage! Abschließend noch ein Satz des Malers Henri Matisse:

„Du musst ein Kind bleiben, solange du lebst…“

Ha det bra,

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Ulrike

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Ich – eine Yogini??? ODER Lustig machen über Mamayoga – geht nicht!

@Klaus Puth "Yoga für Kühe"

@Klaus Puth „Yoga für Kühe“

Leise Musik tanzt durch den Raum. Am Boden, eingewickelt in Decken, liegen 15 Frauen mit geschlossenen Augen. Außer tiefen, regelmäßigen Atemzügen ist nichts von ihnen zu hören.

Entspannung pur.

Wie lange geht das wohl noch?

Meine Blase drückt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Entschuldigt bitte den fehlenden Blog vom letzten Freitag. Wir hatten Besuch, das Wetter war so schön und ich hatte den Blog zwar angefangen, aber dann…äh…JA!…also dann kamen norwegische Trolle auf Skiern aus Brunost angefahren, schwangen sich mit Seilen aus Lakritze vom Bürgersteig auf unseren Balkon und…ENTFÜHRTEN MICH!

Ja, so war das.

Ich bin also völlig unschuldig, entschuldige mich aber trotzdem. Ich hätte auch aus trolliger Gefangenschaft irgendwie einen Blog schreiben können. Oder morsen. Oder singen.

Mea culpa.

Um mal wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Meine Blase drückte. Das tut sie seit ein paar Monaten und ich verbringe einen Teil meiner Zeit in gekacheltem Ambiente. Einen großen Teil meiner Zeit, um genau zu sein: Viele meiner Bücher sind mittlerweile ins Badezimmer umgezogen und zurzeit plane ich den idealen Standort des neuen Fernsehers. Nun ist eine drückende Blase in den eigenen vier Wänden eine relativ problemlose Angelegenheit, außer Haus kann sie zu Komplikationen führen.

Beispielsweise im Yogakurs.

Um es vorweg zu sagen: Ich hatte große Pläne, mich über Yoga für Schwangere lustig zu machen. Ehrlich! Eigentlich hatte ich mich nur beim Kurs angemeldet, um einen urkomischen Blog darüber zu schreiben. Und dann? Was passiert dann? Als ich voller Vorurteile und mit dem festen Willen zur Häme das erste Mal im Gemeinschaftshaus Sagene auf meiner Schurwollenmatte liege und der Stimme meiner Lehrerin lausche?

Ich fühle mich einfach nur sauwohl.

Und muss dann ein bisschen heulen, als mir bewusst wird, dass hier nicht nur fünfzehn erwachsene Frauen im Raum sind. Sondern auch fünfzehn noch ungeborene, funkelnagelneue Menschen, die in dicken Kugelbäuchen auf ihren großen Auftritt warten.

Hormone sind eine merkwürdige Sache, jaja.

(Ich realisiere gerade, dass dieser Blog eventuell manche Leser  abschreckt. Vielleicht vor allem Männer? Hm. Ok, Deal: Ich verspreche am Ende etwas über das CL-Finale von morgen zu schreiben, ok? – So, damit habe ich auch gleich ein paar  genderspezifische Vorurteile bedient. I am on a roll today!)

Zurück zum Yogakurs:

Ich hoffe, dass der weitere Verlauf mehr Komik-Ernte bringen wird. Der sandfarbengestrichene Raum bietet schon mal nichts: Drei nackte Wände, nur an der vierten ein großes, rechteckiges Wandbild mit in sich geschwungenen blauen und weißen Linien. Darunter am Boden ein niedriger, quadratischer Teaktisch mit einer weißen Orchidee und einer weißen Kerze. Heller Holzboden. Zwei Fenster mit weißen Vorhängen. Hm. Okay. Ich schließe einfach die Augen und entspanne weiter. Nach zehn Minuten Ruhephase beginnen wir mit Dehnübungen. Vermute ich. Die schwedische Lehrerin spricht einen Mix aus Norwegisch und Schwedisch, bei dem ich manchmal an meine Verständnisgrenzen stoße. Um nicht jedes Mal nachfragen zu müssen, halte ich mich an meine beiden Nachbarinnen und was die gerade machen, sieht eindeutig nach Dehnen aus. Und fühlt sich auch so an. Hilfe. Bei der Fragestunde am Anfang hatte sich gezeigt, dass ich die einzige Neu-Yoganerin bin. Das hätte ich aber gar nicht erwähnen müssen, das sieht man jetzt deutlich. Selbst unser Baby scheint zu lachen: Der Kugelbauch wackelt, als ich auf allen Vieren versuche, meinen linken Fuß möglichst elegant neben meine linke Schulter zu stellen.

„Und jetzt lang ausatmen und entspannen.“

Ja, klar. Ich schwanke wie ein Schiff auf hoher See. Ganz entspannt natürlich. Ha! Mein Gegenüber verliert auch ein bisschen das Gleichgewicht, was bei ihrem Bauch aber kein Wunder ist. Der Kurs richtet sich an Schwangere im dritten Trimester, also ab (laut Yoga-Broschüre) Woche 29 bis zum Geburtstermin. Nun ist ein Bauch in der 29. Woche schon nicht von schlechten Eltern, aber sooooo gewaltig dann wohl doch nicht. Mein Megabauch-Gegenüber trägt entweder Zwillinge in sich oder hat WIRKLICH spät mit dem Kurs angefangen. Nicht, dass wir hier noch Geburtshilfe leisten müssen!

Ich habe noch nie so viele Bäuche auf einmal gesehen. Manche Frauen, so unsere Lehrerin, fänden es entsetzlich, mit anderen Schwangeren in einem Raum zu sein. Manche fänden es herrlich. Ich gehöre eindeutig zur zweiten Kategorie. Sisterhood of babybellies! Die Schule macht einen ganz guten Umsatz, überlege ich weiter, während sich mein rechtes Knie verbiegt. Fünfzehn Frauen hier im Kurs, jede hat 1700,- NOK bezahlt, das rechnet sich schon. In Norwegen gibt es, anders als in Deutschland,  keine kostenlosen Schwangerschaftskurse. Selbst die Krankenhäuser verlangen für die angebotenen Geburtsklassen Geld. Woran das liegt, habe ich noch nicht herausgefunden, denn eigentlich sind alle Leistungen während der Schwangerschaft kostenlos (und das heißt was in Norwegen!). Aber so ist es nun einmal und ich bin, trotz verbogenem Knie, froh, hier zu sein. Aua.

Fertig, nächste Übung. Erleichtert begebe ich mich in die „barnestilling“, die Kindstellung. Auf den Knien, den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Arme auf der Matte vor mir liegend, die Stirn am Boden. Angenehm. Die Stimme unserer Lehrerin schwingt durch den Raum, ruhig und melodisch. Ob Yogalehrer Sprechtraining erhalten? Gibt es lispelnde Yogalehrer? Oder eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit quiekigen Stimmen, die nie Yoga unterrichten dürfen? Und wo kommen diese irrwitzigen Gedanken her? Ruhe jetzt! Konzentration!

Ich lasse mich von der melodischen Stimme tragen und atme in den Bauch. Das Baby ist ganz ruhig.

Anscheinend bin ich einen Moment eingedöst (dass das in dieser Haltung möglich ist!), denn ich werde leicht an der Schulter berührt und die angenehme Stimme fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich blicke mich überrascht um – alle anderen Frauen befinden sich bereits in der Hundeposition und schwingen das Becken. Huch. Ab jetzt bin ich konzentrierter und folge den Übungen mit wachsender Begeisterung. Mein ganzer Körper fühlte sich warm an und wie durchgeknetet. Nach 45 Minuten Übungen wechseln wir in die abschließende Entspannungsphase, die uns auch gedanklich auf die Geburt vorbereiten soll:

„Ich vertraue meinem Körper. Mein Körper ist perfekt für eine Geburt gebaut. Ich stelle mich meiner Angst und wandele sie um in Kraft. Mein Körper ist schön. Ich werde eine gute Mutter sein.“

Ich weiß, ich weiß, es ist klingt zum Brüllen. Mario Barth könnte damit sein humorverirrtes Publikum begeistern und jede selbstironische (und nicht schwangere) Autorin darüber Witze reißen. Die Sache ist nur die: Die Sätze beruhigen mich. Tun mir gut. Und zwar ganz extrem. Mein Mantra ist „Ich vertraue meinem Körper.“ Der Satz wird mich durch die nächsten Monate und die Geburt bringen. IHR seid überrascht davon? Na, fragt mich mal. Ich, die ich über fast jedes Thema Witze machen kann. Beim Mamayoga? Nix – Schweigen. Aber später!! Dann, wenn die ganze Hormonbasis hoffentlich wieder auf „Normal“ läuft, dann werde ich darüber Witze reißen, die zum Schenkelklopfen sind. Ehrlich! Bereitet Euch schon mal vor, holt Zweithosen und Taschentücher. Es wird urkomisch!

Das Mantra ist vorbei, und wir liegen entspannt am Boden und atmen. Eine wunderbare Ruhe breitet sich aus.

Da meldet sich meine Blase.

Oh nein. Oh oh. Wahrscheinlich ist das Baby beim Beckenkreiseln verrutscht, denn ich befinde mich nicht in einer „Hm, ich glaube, ich sollte bald mal auf die Toilette gehen“-Stimmung, sondern in akutem Blasenalarm. „KLO! SOFORT!“ lautet mein einziger Gedanke.

Nee, Ulrike, komm, wenn du jetzt aufstehst, dann erschreckst du alle in ihrer Tiefenentspannung, wer weiß, der Megabauch von gegenüber bekommt vielleicht Wehen vor Schreck und dann …

Es hilft nichts. Wie ein angestochener Elefant wälze ich von meiner Matte, werfe der Lehrerin einen erklärenden Blick zu und jogge ins befreiende Kachelambiente.

Ich sage es ja, ich bin die einzige blutige Yoga-Anfängerin. Die anderen Frauen halten ihre Blase bestimmt mit einer Beckenboden-Übung unter Kontrolle!

Namaste.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, lacht viel, entspannt auch mal und lasst Euch immer wieder überraschen! Meine wöchentlichen Grüße gehen diesmal an Martins Oma Anneliese, die morgen ihren 100. Geburtstag feiert (und hoffentlich nicht aus dem Fenster klettert und verschwindet…)! Hipp hipp hurra!! Und wie versprochen nun noch zum Schluss der Satz zum morgigen Finale der Champions League: Madrid wird Meister, soviel steht fest!

Ha det bra,

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(Auf der heimatlichen Yoga-Matte, aus ungewöhnlicher Perspektive…wo sind meine Füße????)

Ulrike