Eine Fjordfahrt, die ist lustig ODER Kaffeeklatsch mit Möwe

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In meinem Kopf ist diese Woche ein großes Durcheinander und wahrscheinlich zitiere ich morgen bei Jettes Geburtstagsfeier Macbeth, erzähle der Theatergruppe über Volvo und schreibe den Artikel für das Autolexikon in der Geheimsprache, die bei der Kindergeburtstagsschatzsuche gesprochen wird.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Irgendwie laufe ich zur Zeit noch auf Sommer-Tempo oder bin bereits im Winterschlaf; auf jeden Fall sitze ich derzeit ständig verwirrt an meinem Schreibtisch. Nach der fast zweimonatigen Sommerpause fällt der Einstieg in den Alltag irgendwie schwer. Aber jetzt lege ich Konzentration an den Tag, Macbeth in die Ecke, und schreibe den Blog (…kurz checken…Ja, stimmt!).

Wir gehen heute ins Wasser.

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Na gut, AUFS Wasser. (Aber Ihr müsst zugeben, dass die falsche Formulierung Euer Interesse stärker geweckt hat.)

Wir gehen weit, weit zurück in der Zeit. Es ist letzte Woche Dienstag. Yr.no, die norwegische Wetterseite, hatte für diesen Tag einen bewölkten, aber regenfreien Himmel angekündigt – perfekt für die Seereise, die meine Mutter und ich geplant hatten. Die wichtigste Frage lautete:

Was ziehen wir an?

„Wir sind auf dem Wasser, da wird der Wind ordentlich pfeifen.“

Diverse Kombinationen wurden erprobt und wieder verworfen, die eine schien zu sommerlich, die andere eignete sich eher für eine Expedition ins ewige Eis. Am nächsten Morgen trugen wir beide die perfekte, zwiebellagrige Seereisenkombination und machten uns auf den Weg. Direkt an Aker Brygge legen die Schiffe vom Oslo Båtservice ab, der mehrere Touren anbietet: Hop-on-hop-off zwischen Aker Brygge und Oper, eine zweistündige Fjordcruise, Abendcruises mit Musik und Krabbenbuffet und kombinierte Bus-/Schiffstouren.

Wir wollten für zwei Stunden auf den Fjord.

Der Himmel war, wie versprochen, bewölkt, aber regenfrei. Wie immer waren wir etwas früh und, auch wie immer, hatten wir Lust auf einen Kaffee. Die Wahl fiel auf Café Skansen, nur wenige Minuten entfernt von unserer Anlegestelle. Unter tiefhängenden Lindenästen fanden wir ein lauschiges Plätzchen. Während wir die Getränkekarte lasen, landete etwas Weiches mit hohem Tempo auf unserem Tisch.

Flatsch.

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Empört wandte ich meinen Blick nach oben und sah das schussbereite Hinterteil einer Möwe, die gemütlich – und um einige Gramm erleichtert – auf einem Ast saß. Wir entschieden uns für den Rückzug und wechselten an einen anderen Tisch. Das verwirrte nun den Kellner, der aber nach einem kurzen Blick das Problem erkannte und in schallendes Gelächter ausbrach. Nach einer energischen Reinigungsaktion erklärte er den Tisch zur Sperrzone und dankte uns. Wofür, war mir schleierhaft. Den Kaffee mussten wir trotzdem bezahlen.

Gestärkt wanderten wir zur gegebenen Zeit Richtung Schiffsanleger. Leider war das Segelboot für diese Tour nicht mehr im Einsatz (nur bis zum 25. August, lasen wir später), aber die kleine Fähre mit den bunten Flaggen gefiel uns auch. Typisch deutsch stellten wir uns mit als Erste in die Schlange – na, wir wollten schließlich einen guten Platz!!!! Bald wuchs die Gruppe auf 15 Personen. Deutsch war die Hauptsprache – in diesem Fall schwäbelte und sächselte man um uns herum.

Der Himmel hatte mittlerweile dem Wetterdienst, in bester Steinbrück-Manier, den Mittelfinger gezeigt und die triste Wolkensuppe in strahlendes Sonnenwetter verwandelt. Nicht ein Windhauch war zu spüren, als sich das Boot langsam in Bewegung setzte und hinaus auf den Fjord fuhr.

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Wir starteten Richtung Oper, passierten dann die größeren Fjordinseln Hovedøya und Gressholmen mit ihren bewaldeten Küsten und leeren Stränden. Das Wasser schwappte gutgelaunt an unser Boot und ich verrenkte mir den Hals, um gute Fotos zu machen. Häufig hinderte mich eine braungebrannte Hand am Erfolg. Direkt vor uns saß ein junges, turtelndes Paar und immer wenn Turtelpause eintrat, wies sie ihren Liebsten auf die Schönheiten der Umgebung hin. Der Arme muss an einer gewaltigen Sehschwäche leiden, denn es reichte nicht aus, dass sie sagte: „Oh, guck eine Insel.“ –  NEIN!!! Sie musste auch jedesmal mit dem ausgestreckten Arm und Finger drauf zeigen, und zwar genau in dem Moment, wenn ich die besagte Insel gerade im Fokus hatte und nun aber, statt einer hübschen Küstenlinie, eine Hand quer im Bild hängen hatte!!!! Und wenn sie nicht zeigte, fotografierte sie selber und rutschte in meinen Fokus.

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Ansonsten waren unsere Mitfahrer aber zivilisiert. Auch wenn sie permanent über die interessanten Kommentare unseres Guides hinwegplapperten… aber damit habe ich die perfekte Entschuldigung dafür, dass ich nicht viel mehr Interessantes zu berichten habe: Ich konnte es einfach nicht hören. – Weiter nach vorne setzen??? Bin ich narrisch, wir hatten die perfekten Plätze!!

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Wir schaukelten über das Wasser und erreicht bald Nesodden, eine Halbinsel südlich von Aker Brygge. Mit dem Auto dauert die Fahrt in die Stadt von Nesodden aus eine Stunde, weshalb die meisten Bewohner morgens und abends die Fähre benutzen, die ihre Halbinsel mit Aker Brygge verbindet. An der Westseite von Nesodden bevölkern bunte Badehäuser das Bild. Zu ihnen gibt es eine interessante Geschichte: Es war einmal eine Zeit, in der das öffentliche Baden unter Strafe verboten war. Was natürlich den Drang, öffentlich zu baden, verstärkte. Da man aber nicht die Gefahr eingehen wollte, mitten im Brustzug von der Wasserpolizei aus dem Fjord gefischt zu werden, musste eine Lösung her: Das Badehaus mit Loch im Boden. Wer es sich leisten konnte, kletterte bei schönem Wetter in sein Badehaus, entkleidete sich und ließ sich durch das Loch im Boden ungesehen in die kühlen Wellen des Fjordes gleiten. – In den 1920ern dienten die bunten Hütten dann ganz anderen Flüssigkeiten: Durch die versteckte Lage konnte während der Prohibition hier ungesehen Alkohol an Land geschmuggelt werden.

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Mittlerweile steuerte unsere Fähre die Bucht vor Sandvika an, wo ich im Winter mit Christine und Adelheid über das Eis gewandert war. Nun amüsierten sich hier Segler, und Besitzer der wunderschönen Villen am Ufer saßen entspannt in der Sonne. Im Winter lade der zugefrorene Fjord hier zum Wandern ein, erklärte unsere Führerin. (Stimmt!) Das läge zum einen daran, dass der Fjord hier von drei Inseln von Wind geschützt wird und dass der Süßwasseranteil hier sehr hoch sei. Wir winkten einer Seglertruppe zu und verließen das kleine Paradies.

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Starke Wellen begrüßten uns, als wir auf den freieren Teil des Fjordes zurückkehrten. Es war kurz nach 14 Uhr und die Color Line-Fähre auf dem Weg Richtung Kiel, das sie am nächsten Morgen um 10 Uhr erreichen wird. Kaum hatten wir uns vom Schaukeln erholt, klatschten die nächsten Wellen an den Bug: Auch die Aida hatte den Hafen verlassen und war bereit, ihre Kreuzfahrtgäste an einen anderen Ort zu bringen. Meine Güte, wie riesig die Schiffe doch sind. Wir schaukelten vorbei und winkten fröhlich. Am linken Ufer tauchte das Statoil-Gebäude auf und wir nahmen kurz Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung, aka Martin, auf, der sofort nach uns Ausschau hielt.

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Bald erschien die bekannte Silhouette von Aker Brygge. Vorbei am Astrup Fearnley Museum kehrten wir zurück in den heimatlichen Hafen, wo wir beim Aussteigen von einer dicken Möwe beobachtet wurden. Als sie sich in die Lüfte hob, suchten wir Schutz und wagten uns erst wieder heraus, als das penetrante Tier Richtung Café Skansen davon geflogen war.

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Puuh, entkommen!

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserer Schiffsreise. Kommt nach Oslo (oder für alle Osloraner: Kommt zur Aker Brygge) und probiert es selbst aus!

Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an Ylva Linnea und Mattis Jakob – Willkommen, Ihr neuen Erdenbürger!  Meinen seetüchtigen Lesern wünsche ich eine tolle Woche, lasst Euch mal wieder Wind um die Nase wehen, schaltet in einen anderen Gang wenn nötig und erfreut Euch am Herbst. Eine ganz besondere Sache noch zum Schluss: Meine Freundin Silvi, Fotografin aus Leidenschaft, und ich haben einen Kalender entworfen. Vielleicht gefällt er Euch! Meldet Euch, wenn Ihr mehr wissen wollt: ulrike_niemann@yahoo.no.

Bis nächsten Freitag!

Ha det bra,

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Ulrike

Eine Flusswanderung entlang der Akerselva ODER Mit der U-Bahn nach Grönland…

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Was verfolgt man nicht alles im Leben? Man verfolgt hehre Ziele, schnöde Fußballspiele und hin und wieder die große Liebe. Ich habe einen Fluss verfolgt.

Im Team mit meiner Mutter.

Familiäres Wasser-Stalking sozusagen.

Es war ein großer Spaß.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. FALLS wir uns denn hier wieder treffen…Oder habt Ihr mir nach fast zweiwöchiger Abstinenz den Rücken zugedreht und lest stattdessen „Karibu sana – Mein Leben in Tansania“? – Nein, bestimmt nicht, schließlich ist das hier Euer Lieblingsblog und ich Eure Lieblingsbloggerin. Richtig? Los geht es also!

Flusswandern in Oslo

Wie es sich für eine anständige Hauptstadt gehört, hat Oslo einen eigenen Fluss. Nun kann sich die Akerselva nicht mit der Themse oder Seine messen, aber in Norwegen ist eh alles anders und so hat die Stadt eben einen Fluss, dessen gesamte Länge nur 8,2 Kilometer beträgt. Das tut der Liebe der Osloer aber keinen Abbruch. Eine Wanderung entlang der sprudelnden Lebensader stand schon seit Monaten auf  meiner To-do-Liste. Wie praktisch also, dass meine Mutter mit derselben Idee kam, angeregt ihrerseits von einem Buch mit Geschichten aus Oslo. Nun mussten wir nur noch überlegen, ob wir flussauf – oder flussabwärts wandern wollten. Vom Oslofjord zum Maridalsee oder umgekehrt? Schnickschnackschnuck…die Entscheidung war gefallen: Start unserer Wanderung sollte der Vaterlandspark nahe des Radisson Blu Hotels im Zentrum sein. Geplant, getan, an einem Freitagmorgen war es soweit. Akerselva, vi kommer!!!

Mit der U-Bahn nach Grönland….

Die Rucksäcke sind gepackt, Matpakke verstaut, Kameras aufgeladen und Blasenpflaster griffbereit. Ob des penetranten Bohrgetöses vor dem Kiwi-Supermarkt gegenüber lechze ich nach Ruhe und Natur. Nur weg hier! Frohgemut besteigen wir in Majorstuen die U-Bahn und juckeln bis nach Grönland.  Das liegt in Oslo direkt hinter dem Hauptbahnhof und hat weniger mit Inuits und ewigem Eis als mit Dönerständen und Multikulti zu tun. Vorbei am Goethe-Institut Norwegen wandern wir Richtung Vaterlandspark. Ein leises Gluckern dringt an unsere Ohren und: Da ist sie – die Akerselva!

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Schön ist sie, wie sie sich da so windet, vorbei an Baggern und Bauarbeitern, Kieshaufen und Zäunen. (Ich lasse jetzt mal eine extralange Denkpause, damit Ihr selber auf das folgende Problem kommt ………….) ZÄUNE??? Jawoll, große, metallene, unüberwindbare Zäune schmücken alle vier Zugänge zum Flussufer und stellen uns vor eine Frage: Und nun?

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Na das fängt ja gut an. Bauen die einfach hier so rum. Was soll denn das? WIR WOLLEN AM FLUSS WANDERN!!! – Interessiert niemanden. Wir gucken uns entschlossen an und beschließen den Zugang an einer anderen Stelle zu versuchen.

Leider haben wir keine Karte.

Ich höre Euch schon:  „Wie denn, was denn, auf eine Wanderung ohne Karte, was ist, wenn man sich verläuft?“ – Wir wollen an einem FLUSS wandern, wie groß sind die Chancen, dass man den verliert? Größer als man denkt. Dafür weiß ich jetzt aber, wo das Hauptbüro des Deutschen Roten Kreuzes in Norwegen liegt. Jaha! Über Nebenstraßen mit mangelndem Charme arbeiten wir uns weiter Richtung nächster Brücke, um erneut enttäuscht zu werden. Wieder versperren Zäune unseren Weg zum Fluss! Ja, ist denn das zu glauben? Oslo ist im Moment eine einzige riesige Baustelle, nirgendwo hat man Ruhe und ein Gerüst wird an einem Haus abgebaut, um am nächsten Tag in ganzer Schönheit am Haus daneben zu stehen. Es wird gebuddelt und gebaggert, geschliffen und gebohrt, gehämmert und gesägt von 7 Uhr morgens bis in den späten Abend. Und nun wird mir auch noch der Zugang zur Idylle von Baggern und Zäunen verweigert!

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…und zu Fuß weiter nach Kuba!

Auf der anderen Straßenseite endlich ein aussagekräftiges Schild: Die Stadt entschuldigt sich für alle Unannehmlichkeiten, aber der Wanderweg ist erst wieder in Kuba begehbar. Gut, wandern wir also nach Kuba. Ist ja nicht so weit. Ja, in Oslo kommt die Welt zusammen, eben waren wir noch in Grönland, nun sind auf dem Weg ins warme Kuba, an dem heute Studenten einen Papierflugzeugweitflugwettbewerb veranstalten und Kinder Enten füttern. Die idyllische Wiese im Stadtteil Grünerlokka hat ihren Namen übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach von einem kubusförmigen Gebäude, das hier einst stand.

Und wirklich – hier in Kuba ist die Akerselva plötzlich frei begehbar und fordert uns sofort auf, ihr nahe zu kommen:

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Industriegeschichte in Oslo live und in Farbe

Tiefhängende Äste,  durch die das Sonnenlicht tanzt, locken uns auf den Weg. Endlich! Wie eine Diva hat sie sich angestellt, doch nun dürfen wir an ihrer Seite bis zur Quelle wandern. Eine Wanderung durch Natur, Kultur und Industriegeschichte der Stadt. Denn hier, wo heute Theater und Galerien, Restaurants und Ateliers sind, begann in Oslo vor über 150 Jahren die industrielle Revolution. In der Mitte des 19. Jahrhunderts explodierte die Textil- und Papierproduktion in Oslo und große Fabriken ließen sich am Fluss nieder. Vilhelm Dybwads textete zu dieser Zeit:

Akerselva, du gamle og grå,
Akerselva, deg holder jeg på.
Selv om Donau er aldri så blå,
kan i skjønnhet den aldri deg nå.
Slike farger visst aldri man så,
som hvor du munner ut på skrå
i den yndige duftende vrå
mellom Nyland og H.A.H.

Dybwad beschreibt die „niemals gesehenen Farben“ und die „reizenden Gerüche“ des Flusses zwischen den Fabriken Nyland und H.A.H. Tonnen von Chemie müssen damals in die Akerselva geleitet worden sein. Nach 150 Jahren konstanter Verschmutzung setzte sich in den 1980er Jahren eine Gruppe erfolgreich für die Reinigung und Renaturierung des Flusses ein. Gerade hatte sich die Akerselva erholt, geschah in November 2011 eine Katastrophe: 6000 Liter Chlor vernichteten alles Leben im Fluss. Oset, eine Firma für Wasserbehandlung am Trinkwassersee Maridalsvannet, war schuld an diesem Umweltdesaster. Der Fluss ist heute auf dem Weg der Erholung.

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Ein Tosen erreicht unsere Ohren und bald stehen wir vor dem größten der insgesamt 20 Wasserfälle entlang des Flusses, dem Wasserfall bei Mølla. Das Wasser rauscht an uns vorbei und springende Tropfen sorgen für angenehme Abkühlung. Wir beschließen, eine Pause zu machen und entdecken gleich neben dem Fluss ein wunderbares Café: Das Hønse-Lovisas-Haus beherbergte früher einen Sägemeister samt Familie und ist heute ein Kulturcafé mit Ausstellungen, Vorträgen, Kinderprogramm und köstlichen Waffeln! Wir sitzen auf den weißen Metallstühlen unter einem Baum und fühlen uns wie auf dem Land. Ein wunderbarer Platz mitten in Oslo.

Rein in die und raus mit der Natur!

Weiter geht der Weg vorbei an Industriebauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die restauriert und umgebaut heute Künstlern, Architekten und dem NRK als Arbeitsstätte dienen. Wir sind begeistert und knipsen unsere Kameras müde.

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Und plötzlich liegt die Stadt hinter uns. Gerade waren wir noch im Neubaugebiet Nydalen, das den Fluss in moderne Form gepackt und ins Stadtbild integriert hat, wanderten über den Hof der Kunstschule, bogen rechts ab und da….Natur pur. Die Wege werden breiter, die Akerselva wird ruhiger und unserem Wanderführer zufolge könnten wir ab jetzt mit Wasserfledermäusen rechnen. Stattdessen bietet sich uns ein anderes Naturschauspiel: Zwei Männer im Rentenalter, erschöpft vom Lauftraining, entledigen sich ihrer Kleidung und steigen in den Fluss. Meine Mutter vermutet langsam ein System, ist es doch ihre zweite Begegnung mit freihängender norwegischer Männlichkeit. Die erste war direkt nach der Ankunft kurz vor unserem Haus. Ich betone erneut, dass ich mit dem nackten jungen Mann in Lederstiefeln nichts zu tun hatte! Gerüchten zufolge war es eine Wahlwerbung der rechten Partei und kein Begrüßungskomitee der anderen Art für meine Mutter.

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Wir wandern nonchalant an den nackten Wahrheiten gen Norden. Kein Stadtgeräusch ist zu hören, hier und da begegnen uns Spaziergänger auf dem steinigen Weg. Wir halten die Hand in den Fluss und genießen die Ruhe. Idyllisch ist es hier und noch während wir das denken, biegen wir um eine Kurve und da liegt er: Maridalsvannet, der größte See Oslos. Ein gewaltiger Anblick. Und unter einer Brücke liegt die Geburtsstätte der Akerselva, dem Fluss, den wir nun nicht auf 8,2 Kilometer, aber auf einer langen Strecke gefolgt sind.

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Nach mehreren Fotos kehren wir um, werfen noch einen Blick auf das naheliegende Norsk Teknisk Museum und steigen in den Bus 25, der uns direkt bis nach Majorstuen bringt. Mit der U-Bahn nach Grönland, zu Fuß weiter nach Kuba und am Ende mit dem Bus nach Hause. Schön war es.

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Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserer Wanderung, wir hatten es auf jeden Fall und ich schicke gleich mal meine wöchentlichen Grüße an meine Mutter. Schön hatten wir es! Hier in Norwegen wird es am Montag spannend: Es wird gewählt und anders als in Deutschland scheint sich ein Regierungswechsel anzukündigen. AP-Chef und Ministerpräsident Jens Stoltenberg wird also vielleicht demnächst sein Amt an Høyre-Chefin Erna Solberg übergeben. Wer mit wem regieren will und wird scheint noch völlig offen, nur eine große Koalition scheint fraglich. Warten wir es ab. Ich werde weder hier wählen (weil ich nicht darf), noch in Deutschland (weil ich nicht will) und gehe somit völlig wahllos in den Herbst.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, genießt den kommenden Herbst oder den späten Sommer und lasst es Euch gut gehen!

Ha det bra,

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(Idylle am Honse-Lovisas Hus)

Ulrike

Außer Betrieb in Oslo II

Ich stelle mich selber in die Ecke und werde sehr streng mit mir reden. Morgen gibt es kein Eis für mich und um 19h ist Schlafenszeit.

Versprochen.

2 Wochen ohne Blog.

SCHANDE!!

Aber ich hab schon ein ganzes tolles Thema, ehrlich!!!

Bleibt mir treu liebe Leser, denn als nächstes fahren wir mit der U-Bahn nach Grönland!

Seid gespannt!

Ha det bra 🙂

Ulrike

Heute: Außer Betrieb in Oslo

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich wollte Euch nicht ohne ganz allein ins Wochenende gehen lassen. Nett von mir, oder? Da aber seit gestern meine Mutta zu Besuch ist, die Sonne strahlt, wir nachher noch zu einem Sommerfest eingeladen sind und wir abends ein Aquarium samt Fischen bekommen, muss der Blog verschoben werden.

Auf morgen oder übermorgen.

Oder Montag.

Spätestens Dienstag!

Ich wünsche Euch einen tollen restlichen Freitag, zürnt mir nicht, werte Leserschaft! Wir sehen uns bald.

Ha det bra,

SAMSUNG

 

Ulrike

Abenteuer im norwegischen Wortdschungel ODER Ich kam, ich las, ich siegte

@thepartyworks

@thepartyworks

Seite 599, Seite 600 und…fertig. Geschafft! Toll! Applaus!!!! Nein, ich habe kein Buch geschrieben. Ich habe mein erstes Buch auf Norwegisch gelesen. Von vorne bis hinten. – Das wurde ja auch mal Zeit.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier heute treffen. Das erste norwegische Buch ist also geschafft – ein  Meilenstein. Nach nur 18 Monaten….hüstel.

Ich habe sogar fast alles verstanden. Nun ja, zugegeben, ich dachte eigentlich bis Seite 400, es handle sich um eine Komödie, bis man dann plötzlich den einen der sechs Hauptfiguren mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne fand. Da war mir irgendwas entgangen. Hätte ich das Buch in Deutsch oder Englisch gelesen, wären mir früh genug bestimmte Nuancen aufgefallen, eine Art dunkler Schatten, der sich über Matt, den Selbstmörder, legt und ich hätte geahnt: Oh, oh, da kommt noch was.

In der norwegischen Ausgabe: Nö, alles fein, bisschen Ärger mit dem Job hatte er und plötzlich – zack, Badewanne.

Er hat überlebt, nur zu Eurer Beruhigung.

Für mich ist es immer spannend, ein Buch zu lesen, dessen Sprache ich nicht perfekt kann. Zum einen ist es erstaunlich, wie viel man von einer Geschichte erfährt, auch wenn nicht alle Wörter klar sind. Das Hirn bastelt sich die richtigen Zusammenhänge zusammen. Ich schränke ein: Es kommt auf das Buch an. James Joyce oder Marcel Proust fallen unter Garantie aus meinem Schema. Aber für meine heißgeliebten Chick-Lits passt es.

Chick-Lits, für alle, die sich eher mit anspruchsvoller Literatur beschäftigen, steht für Chick Literature, Küken-Literatur, eine bestimmte Art von Büchern von, für und über Frauen. (Obwohl Männer sie auch mal lesen sollten. Als Bildungsroman.) Bridget Jones gehört dazu, Der Teufel trägt Prada, Sex in the City. Meine Chick-Lit-Göttin ist Sophie Kinsella, die mit den Romanen über die Shopaholic Becky Bloomwood bekannt wurde. Die Bücher sind allerdings nicht so mein Ding – Frauen, die sinnlos Geld ausgeben treiben mich auf die Palme. Aber ihre anderen Bücher sind der Hit! The Undomestic goddess zum Beispiel.  Zum Schreien. Eine Anwältin verliert ihren Job, flüchtet aus dem Büro und wird in einem Vorort-Haus, an dem sie klingelt um ein Glas Wasser zu haben, für eine Bewerberin gehalten auf die Stelle als Hausmädchen. Aus schierem Wahn nimmt sie die Stelle an. Das Problem: Sie hat keine Ahnung von Hausarbeit. Das Buch ist mein Allheilmittel gegen schlechte Laune. Sophie Kinsella ist einfach die Beste. Das muss mal gesagt werden.

*Werbung Ende*

Um zurück auf das eigentliche Thema zu kommen: Diese leichte Literatur macht es einfach, eine neue Sprache zu verstehen. Man ist gut unterhalten und bildet sich auch noch sprachlich weiter, ist doch toll! Ich schlage nichts nach im Wörterbuch, meistens kommen die Wörter, die ich nicht sofort verstehe, in einem anderen Zusammenhang wieder auf und dann werden sie plötzlich klar. Mit dem Wörterbuch auf dem Schoß zu lesen, würde mir keinen Spaß machen. Ich will mich durch den dichten Wald von Worten kämpfen und plötzlich einen Weg finden. Das macht einfach mehr Spaß.

Im Norwegischen ist dieser Kampf für Deutsche einfacher als beispielsweise im Französischen, finde ich. Habt Ihr Lust auf einen Vergleich? Ich ja. Also. Durch schieren Zufall stehen in meinem Bücherregal die französische und norwegische Version von Katharina Hagenas‘ Buch Der Geschmack von Apfelkernen. Die französische Version bekam ich geschenkt, das norwegische Buch habe ich beim Goethe-Institut gewonnen. Irgendwer scheint zu wollen, dass ich das Buch aber auch wirklich lese.

Hier nun also der erste Satz der französischen Ausgabe: «Tante Anna est morte à seize ans d`une pneumonie qui n’a pas guéri parce que la malade avait le cœur brisé et qu’on ne connaissait pas encore la pénicilline. »

Im Norwegischen heißt es : «Tante Anna døde seksten år gammel av lungebetennelse, som på grunn av et knust hjerte og det ennå uoppdagede penicillinet ikke kunne helbredes. ».

Entscheidet Ihr. – So oder so starb Tante Anna im Alter von 16 Jahren an Lungenentzündung, die nicht geheilt werden konnte, weil sie auch an einem gebrochenen Herzen litt und es noch kein Penicillin gab. (Wie Ihr merkt, steht die deutsche Originalausgabe NICHT in meinem Regal. Wer sie hat, kann den Satz gerne im Original als Kommentar hinterlassen.)

Manchmal komme ich mir auch wie ein Detektiv bei der Spurensicherung vor. Da liest man ein Wort und das Hirn sagt: „Kennen wir nicht,“ und will weiterlesen. Aber irgendetwas an dem Wort sieht bekannt aus, also nochmal genau hingucken. Beispielsweise: Syklubbvenninnene. Sieht lustig aus, ich habe drüber gelesen, aber mich stoppte der Gedanke: „Klubb? Was für ein Klubb?“ Also wieder zurück. Sy (å sy) heißt Nähen…also ein Nähklub? Und Venninnene erinnerte mich an venn, das norwegische Wort für Freund, nur eben in der weiblichen Mehrzahlform. Und schwupps entstand: Nähklubfreundinnen. Seht Ihr? Echte Detektivarbeit 🙂

Irgendwann höre ich aber im Laufe der Geschichte damit auf und lasse mich vom Fluss der Wörter mittreiben. Und der ist in jeder Sprache anders. Norwegisch, besser gesagt Bokmål, kommt mir noch sehr sperrig vor.  In Nynorsk soll das anders sein, hat man mir gesagt und das nächste Buch auf meiner Liste wird in dieser zweiten norwegischen Sprachform sein. Und auch mal von einem norwegischen Autor. Ich bin gespannt.  Drei Buchläden plus die Stadtteilbücherei sind in meiner Nähe, da findet sich immer ein gutes Buch!

Das war es schon für heute meine lieben Leser, ich hoffe, Ihr hattet Spaß an dieser eher trockenen Exkursion in mein Buchregal. Es regnet wie in Strömen und das Wetter lädt zum Schmökern auf dem Sofa ein. Leider muss ich noch ein bisschen arbeiten, aber danach mache ich mir einen Tee und lese. Und lasse langsam das Wochenende einläuten.

Hier in Oslo geht der Alltag wieder los, die Straßen sind wieder voller Menschen:  Job, Uni und Schule starten.  Am Donnerstag landet hoher Besuch am Flughafen Gardermoen und ich schicke meine wöchentlichen Grüße an meine Mutter mit ganz viel Vorfreude. Bring‘ Sonne mit!!!

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche, probiert das Fremdlesen einfach mal aus, bleibt neugierig und genießt die letzten Sommertage. Falls Ihr noch mehr Lesestoff braucht, kommt hier mein neuer Artikel fürs Goethe-Institut Oslo: http://www.goethe.de/ins/no/osl/kul/bib/de11456361.htm

Ha det bra,

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(Geschafft!!!)

Ulrike

Oslo – Die Stadt der Verlierer oder Hilfe, wo ist mein Handtuch?

@Kristen Nicole

@Kristen Nicole

Bjarne, der graue Kater, guckt mich von jedem zweiten Baumstamm in unserer Nachbarschaft an. Er ist 13 Jahre alt, lese ich, spielt gerne, mag es zu kuscheln…und ist seit sechs Tagen nicht mehr nach Hause gekommen. Schon wieder eine Katze verschwunden – was ist nur los in dieser Stadt?

Hallo meine lieben Leser! Schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich weiß nicht, was schief läuft in Oslo. In keiner anderen Stadt habe ich bisher so viele Vermisstenanzeigen gelesen. Die Leute verlieren hier alles: Hunde, Katzen, Vögel, Schlüssel und vor kurzem hat im Frognerpark jemand sein Handtuch verloren und per Handzettel gesucht.

Mal ehrlich, ein Handtuch? Wer weiß, wo das war in der Zwischenzeit.

Nein, danke. Schüttel.

Dank moderner Technik kann eine Handzettelsuchaktion professionell wirken. Statt wie früher per Hand ein Stück Papier zu bekritzeln und an den nächsten Baum zu kleben, wird heute alles genutzt, was die Technik so bietet. Der Zettel, mit dem Bjarne gesucht wird, ist ein Farbdruck und bietet neben einem hochaufgelösten Foto und einer Telefonnummerabreißreihe auch mehrere Email-Adressen und einen QR-Code. Q what??? Ihr wisst schon, diese schwarz-weißen Quadrate, die durch ein Wunder der Technik Informationen speichern.

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Wer kann es lesen?

Ich bekomme immer Magenschmerzen, wenn ich Vermisstenanzeigen von Tieren lese, weil ich mir sofort ausmale, wie die unglücklichen Menschen zu Hause sitzen und auf die Rückkehr ihres felligen Familienmitglieds warten. Noch schlimmer ist aber die Vorstellung, dass irgendwo ein verletztes Tier liegt und nicht nach Hause kann. Und da in unserem Stadtteil andauernd Tiere verschwinden, ich also ständig an Magenschmerzen leide, frage ich mich doch zuerst: Wo ist meine Wärmflasche? Und dann: Was ist denn hier los? Liegt eine Energie über dem Stadtteil, die sich negativ auf das Mensch-Tier-Verhältnis auswirkt? Oder tendieren die Menschen in Majorstuen und Frogner dazu, sich besonders freiheitsliebende Vierbeiner anzuschaffen? Oder liegt es an ganz anderen Gründen?

Spielen wir die Möglichkeiten durch:

  • Schlechte Energie?

Blödsinn. Märtha Louises Engelschule liegt in Frogner, wir sind versorgt.

  • Freiheitsdrang?

Ok. Vielleicht. Aber warum sind die Vierbeiner so freiheitssuchend? Ist das genetisch veranlagt oder gefällt es ihnen einfach nicht da, wo sie leben? Eigentlich sind Tiere doch ganz pflegeleicht: Fressen und Aufmerksamkeit und schon ist alles gut. An ausreichender Ernährung mangelt es bestimmt nicht, aber vielleicht an Aufmerksamkeit? Tja, da würde ich auch meinen Napf packen und gehen. Knallhart. Und tschüß. Blöd ist, wenn zu einem anfänglichen Freiheitsdrang schlechte Orientierungsfähigkeiten kommen. Stellen wir uns vor, dass ein vernachlässigter Kater eines Tages entscheidet: So nicht, nicht mir mir, ich gehe! Natürlich nicht ernsthaft, weil, hey, es gibt jeden Tag zwei Mahlzeiten und manchmal wird gekuschelt und eigentlich will er nur mal zeigen, was wäre wenn….und plötzlich steht er dann in der Fremde und denkt:

Mist. Wo bin ich denn jetzt?

  • Aliens?

Verstricken wir uns nicht in lange Diskussionen, ob es sie gibt oder nicht. Fragen wir uns lieber: Was wollen Aliens in Oslo? Die Familie besuchen? Norweger wirken auf Ausländer oft fremdartig und vielleicht sind sie tatsächlich die Brücke zwischen uns und E.T.. Aber das erklärt nicht, warum Aliens hier in Frogner landen und dann ausgerechnet die Katze meines Nachbarn verschleppen. Oder brauchten sie etwa Mittages….darüber will ich gar nicht nachdenken!!!!!!!!!!! Oh nein, wie schrecklich. Dabei gibt es zwei Supermärkte in der Nähe, da hätten sie doch….

@AlienProductions/WarnerBrosTelevision

@AlienProductions/WarnerBrosTelevision

Ich merke schon, ich komme nicht weiter in meinen Überlegungen. Im Gegenteil, es wird immer verwirrender. Statt hier über Aliens zu schwafeln, gebe ich lieber handfeste Tipps: Solltet Ihr einmal nach Oslo kommen und etwas verlieren, sei es nun ein Handtuch oder ein Haustier, dann wendet Euch vertrauensvoll an diese Stellen:

  • Hittegodskontor: Fundbüros haben sowohl die Polizei in Oslo als auch die Transportunternehmen Ruter (T-bane, Bus, Straßenbahn) und NSB (Züge). Das der Polizei ist am Grønlandsleiret 44, Ruter hat sein Fundbüro am Bahnhof Nationaltheater und alle Dinge, die in Zügen vergessen wurden, finden sich im hittegodskontor am Hauptbahnhof Oslo S.
  • FOD:  Foreningen for omplassering av dyr ist der etwas sperrige Name des lokalen Tierheims am Enebakkveien. Die erste und beste Anlaufstelle für verlorene Tiere.
  • Astarte Inspiration: In der Riddervoldtsgate 9 gibt Prinzessin Märtha Louise Kurse, damit Menschen ihrem persönlichen Engel begegnen. Vielleicht findet der ja dann das verschwundene Handtuch.

Wer sucht, der findet heißt es. Im Fall Bjarne scheint sich etwas getan zu haben, denn seit gestern sind alle Handzettel samt QR-Code von Bäumen und Straßenlaternen verschwunden. Ja und nun? Was ist denn das für eine Sache? Da fiebere ich mit und bekomme Magenschmerzen und dann verschwinden die Zettel sang- und klanglos und ich kann mir allein Gedanken machen: Sprang Bjarne eines Abends vollgefressen und befriedigt zurück auf den häuslichen Balkon, putzte sich ausgiebig und verstand die ganze Aufregung nicht? Öffnete ein Nachbar nach seinem mehrtägigen Angeltrip die Garage und hinaus wankte der bedröppelte Kater seiner Nachbarin, den er sofort nach Hause und in die Arme seines Menschen packte? Oder rief das Tierheim an und vermeldete, dass im Nachtbus ein orientierungsloser Kater ohne Ticket aufgegriffen wurde?

Ich habe keine Ahnung.

Aber ich glaube an ein Happy-End.

Ganz, ganz fest.

Das war es für heute, meine lieben Leser. Falls jemand von Euch eine Erklärung hat, warum gerade in Oslo so viele Tiere verschwinden, freue ich mich über einen Kommentar. Meine wöchentlichen Grüße gehen heute an alle, die gerade im Krankenhaus liegen. Haltet die Ohren steif und die Stimmung hoch! Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, verliert Eure gute Laune nicht und genießt den restlichen Sommer.

Ha det,

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Ulrike

Oslo Ghost Walk ODER Ich weiß jetzt, wo die leichten Mädchen stehen

Am Mittwochabend waren wir unglaublich mutig. Wir haben im Kafe Celsius am Christianiatorv gegessen. Und das war nicht deshalb mutig, weil das Essen dort von zweifelhafter Qualität wäre oder die Bedienung miserabel – oh nein. Das war unglaublich mutig, weil…es dort spukt!

Ein schauriges Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen! Heute wird es gruselig im Blog, denn ich habe am Mittwoch mit Martin, Eva und Stephan am Oslo Ghost Walk teilgenommen und kann nun nicht nur berichten, in welchem Haus in Oslo es spukt. Oh nein.

Ich weiß auch, wo die Nutten stehen.

Jaha. Das sind doch mal Infos, das muss man doch wissen, das lohnt sich bestimmt nochmal.

Zurück zum Ghost Walk.

In den letzten Wochen habe ich die Krimistadtführung von Freund Ben ins Englische übersetzt und war neugierig, ob es eine derartige Führung auch in Oslo gibt. Krimi gab’s nicht – aber Geister gibt es. Nun ist das strahlende Sommerwetter nicht ideal für eine Gruseltour („Hier in diesem Teil des Gartens – wo gerade Blumen blühen und Vögel zwitschern – hier spuuukt es gaaaanz gewaltig!“ – „Tirilii, tirilliiiii!“), aber anscheinend werden die Touren auf Englisch nur im Sommer angeboten, also hin da.

Bei 22° und strahlendem Sonnenschein treffen wir am Christianiatorv, einem Platz in der Nähe von Aker Brygge, auf Karianne, unseren Guide. Trotz ihres schwarzen Samtumhangs sieht sie wenig gruselig aus, aber wehe, wenn sie losgelassen! Aus der sympathischen blonden Frau strömen Schreckensgeschichten von Exekutionen, Galgen und einem Henker, der nach seinem Tod sein altes Terrain nicht verlassen wollte und dort nun weiterhin wohnt. In transparenter Rauchform. Direkt am Christianiatorv, im heutigen Kafe Celsius. Mitleidig betrachte ich die Gäste auf der Terrasse, die sich völlig ahnungslos der Gefahr aussetzen und vielleicht statt des Nachtischs eine paranormale Erscheinung haben werden. Aber bitte mit Sahne!

Wie die Menschen heutzutage am Christianiatorv in den Restaurants und Biergärten säßen, erzählt Karianne gutgelaunt, so wären sie vor vielen hundert Jahren auf den Platz geströmt, um zu picknicken und die gebotene Unterhaltung zu genießen: Exekutionen. Ja, damals wusste man noch zu feiern.

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Mit gemischten Gefühlen wandere ich über den Platz und folge der Gruppe zum alten Rathaus, dem Gamle Radhus, in dessen Keller früher Kerker waren. Deren unglückliche Bewohner rächen sich bis heute an allen, die ihre Gemächer betreten. Och schade, in dem heutigen Restaurant hätte ich gern mal gegessen. Aber wenn einem dann ein Geist die eiskalte Hand auf die Schulter legt? Dann doch lieber drüben im Irish Pub Dubliner in der Küche arbeiten: Dort lebt anscheinend ein wahrer Don Juan unter den Geistern, der weiblichen Angestellten in der Küche gerne mal an ihr Hinterteil fasst. Ob man einem Geist eine Ohrfeige geben kann?

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Karianne erzählt wunderbar witzig, ihre Augen rollen und der lange Vorhang fliegt nur so bei der einen oder anderen Geschichte. Auf dem Weg zum Bankplatz wundern wir uns über die Frauen, die verteilt am Bürgersteig stehen. Aber meine Aufmerksamkeit ist zu sehr von Geistern gefesselt, um wirklich darauf zu achten. In schönstem Sonnenschein erreichen wir Akershus Festung und nach Kariannes Aussagen spukt es hier an jeder Ecke. Wir sollten uns aber nicht sorgen, denn seit der Brücke, die wir überquert hätten, wären wir in Begleitung unseres Schutzgeistes.

Ach, guck.

Wie nett.

Ich gucke mich vorsichtig um, aber…

…da unten stehen auch so viele Frauen. HIER stehen die Nutten von Oslo? Ich würde gern Karianne befragen, die aber nicht wirkt, als könne sie auf eine derartige Frage Auskunft erteilen. Eva kommentiert trocken, das wäre wie in Nürnberg, da ständen die Damen auch an der Burg.

Ist das nicht toll, was Ihr hier lernt?

WIR lernen auf dem weiteren Weg, dass es in einer der wunderschönsten Ecke auf der Festung von Akershus ganz fürchterlich spukt. Nämlich hier:

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Habt Ihr schon Angst? Jaja, Ihr denkt bestimmt, wie hübsch es hier ist und kuschelig. Denkt nochmal: Hier geht „malus canis“ um – der böse Hund. (Ich hoffe, das stimmt jetzt so, Lateiner vor!) Irgendwann im Mittelalter sollten irgendwelche Götter gebauchpinselt werden, um Oslo vor dem Angriff der Schweden zu schützen. Ein Opfer musste her und da menschliche Freiwillige nicht Schlange standen, griff man sich einen ahnungslosen Hund und mauerte ihn lebendig ein.

Das fand der nun nicht so toll. Nachdem alles Kratzen und Jaulen vergeblich war, hauchte das arme Tier seinen letzten Atem und verstarb. Und dann ging es los. Als rotäugiger Riesenhund mit langen Krallen jagt er seitdem durch die Festung auf der Suche nach Rache. Wer von dem Monster gebissen wird, stirbt innerhalb von drei Monaten an einem schrecklichen Unfall. Ich bin dann mal schnell weiter, drei Monate wäre jetzt doof, wir haben gerade unseren Oktobertrip nach London gebucht.

Noch weitere Schauergeschichten strömen aus Karianne, die mittlerweile zum begehrten Fotoobjekt japanischer Touristen mutiert ist. Ich beschließe, die Festung in den Abend- und Nachtstunden von jetzt ab zu meiden und sehe Blut, Galgen und Geister an jeder Ecke des gewaltigen Mauerwerks. Gut, dass die Sonne scheint. Auf dem Weg zu unserem finalen Besichtigungspunkt klärt sich die Frage nach den Damen am Rinnstein auf: Die dünnste und blondeste der anwesenden Frauen steigt nach kurzer Diskussion und einigen Augenaufschläge in den VW eines älteren Herren, dem wohl nicht nur die Vorfreude im Gesicht steht. Auf einer Bank am Platz sitzt eine dunkelhaarige Schönheit erschöpft nach getaner Arbeit und wir diskutieren kurz die Anforderungen des Gewerbes.

Also nicht sie und ich.

Eva und ich.

Wissen wir das nun also auch und hören uns die letzte Geschichte von Karianne an, die mich für einige Zeit davon abhalten wird, Tiefgaragen zu betreten. Sogar die Ghostbuster hätten sich dort nicht hineingetraut! Ich sage nur so viel: Kommt nach Oslo, aber übernachtet nicht im First Hotel Grims. Hui-Buh!!!!!!

Nach knapp zwei Stunden ist unsere Tour zu Ende, ein toller Spaß war es! Nun haben wir vor allem eines: Hunger und Durst. Wohin, wohin? Wir wandern zurück Richtung Christianiatorv, als unser Blick auf das gelbe Haus an der Ecke fällt. Das Henkerhaus. Das Haus, in dem Lichter wie von Geisterhand an- und ausgehen, Kassen durch die Luft fliegen und Kellnerinnen erschreckt werden.

Oh lecker, die haben hier Fischsuppe!

Entschlossen blicken wir vier uns an. Who ya gonna call?

Und gehen hinein.

Auf dem Innenhof findet sich noch ein Tisch, nahe am Eingang und so werden wir unmittelbar Zeuge, wie eine Kellnerin stolpert und ihr Messer auf den Boden fällt!!!

Hui-buh!!!!!!

Ja, mehr ist dann nicht passiert. Das Essen war lecker (leider nicht für Martin, denn unser Bruscetta schwamm in Balsamico-Essig 😦 ), der Abend mild und kein Geist wagt sich in unsere Nähe. Gut, das nächste Mal gehen wir im Gamle Radhus essen, vielleicht passiert da was. Wer zweifelt, dem erscheinen sie, meinte Karianne. Warten wir es ab!

Das war es für heute meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet schaurigen Spaß an unserer Tour, guckt doch mal, ob es so eine Führung in Eurer Stadt nicht auch gibt. Plötzlich sieht man Häuser, an denen man immer achtlos vorbeiging, in ganz neuem Licht! Ich werde diesen Text jetzt gleich ins Englische übersetzten, denn eine meiner kanadischen Freundinnen und ich haben uns bei facebook wieder getroffen. Sharon ist ein Fan von Spukgeschichten und hat bestimmt viel Spaß an diesem Artikel. Damit gehen meine wöchentlichen Grüße auch nach Victoria, BC, Kanada zu Sharon: Schön, dass wir wieder Kontakt haben!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, genießt die Ferien, kommt gut ans Ziel und erzählt mir, ob Ihr an Geister glaubt oder vielleicht schon mal welche gesehen habt???

Ha det bra,

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„Who ya gonna call?“

Ulrike

Ich bin keine nationale Bedrohung, ehrlich! ODER Ein Besuch im Storting

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Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier treffen. Fast wäre daraus nichts geworden. Fast hätte ich den Nachmittag im Sicherheitsbereich des norwegischen Parlaments verbracht, wo man mich, meine politische Einstellung und meine generelle psychologische Verfassung getestet hätte.

Warum?

Aus kompletter Schusseligkeit bin ich zur Besichtigung des norwegischen Parlaments mit einem Taschenmesser in der Handtasche gegangen. Das fanden die beiden Wachmänner bei der Sicherheitskontrolle…sagen wir…ungewöhnlich.

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Aber beginnen wir am Anfang. – Es gibt Donnerstagabende, an denen ich keine Idee für den Blog am Freitag habe. Manche Wochen sind spannend, andere sind auch schön, aber eher…normal. Diese Woche beispielsweise: Wochenende in Hamburg (gehört nicht in Blog über Norwegen), ab Dienstag gearbeitet und Artikel geschrieben über Paris, sehr netten Kaffeebesuch gehabt, Essen gegangen und gestern mit meiner jüngsten Freundin rosafarbene Lilifee-Muffins gebacken.

Schön, aber nichts davon war wirklich für den Blog zu verwenden.

Ratlos saß ich also gestern Abend am Laptop. Ein Blick auf die Internetseite von VisitOslo brachte die Lösung für mein Themen-Dilemma:

Freitag, 10 Uhr, englische Führung durch das norwegische Parlament.

Bingo!!!

Reservierung war nicht möglich, Interessierten wurde geraten, sich 15 Minuten vorher am Eingang an der Akersgata einzufinden. Maximale Gruppengröße: 30. Nun ist Oslo im Juli überrannt von Touristen, die Kreuzfahrtschiffe geben sich die Anker in die Hand, die Reisebusse verstopfen die Straßen und so beschloss ich,  schon 30 Minuten früher am Parlament zu sein, um mir einen Führungsplatz (Wortspiel!) zu sichern.

Als ich um Punkt 9.30 siegessicher um die Ecke biege, stehen dort bereits 10 Leute.

Ist doch nicht wahr, wann waren die denn hier? Streber!!!

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Ich lasse meinen Blick schweifen und meine Ohren kreisen, um die Nationalität meiner Führungskollegen zu erraten: Die beiden Frauen mit Kameras vor der Brust, Turnschuhen an den Füßen und ziemlich viel Masse dazwischen – eindeutig US-Amerikanerinnen.  Die jüngere, dunkelhaarige Frau dahinter, die sich abseits der Gruppe hält…hm…groß, dunkler Teint, europäische Kleidung…Spanien? Frankreich? Europa auf jeden Fall.

Der junge Typ, der neben mir an einem Baum lehnt ist eindeutig Deutscher. Außerdem Akademiker; hat wahrscheinlich Philosophie studiert. Der blondierte Feger mit Kurzärmelhemdmann im Schlepptau: Osteuropa. Die beiden Herren mit Basecap, Wanderschuhen und Costa-Reiserucksack: Amerikaner. Das junge Paar bestehend aus rothaarigem Er und kleiner, dunkelhaariger Sie…..hm….Iren? Italiener (sie sieht italienisch aus…)? NEE! Auch Amerikaner, gerade fangen sie an zu reden und zwar in breitestem Texas-Akzent. Witzig. Mal sehen, ob ich die Nationalität von allen herausfinde. Bei dem Deutschen bin ich mir sicher. Hundert Prozent. Fehlt nur noch die Jack-Wolfskin-Hose.

Die Tür des Parlaments öffnet sich und ein Sicherheitsbeamter bittet uns herein. Holla, macht der auch die Führung?

Nein, antwortet er, die mache sein Kollege. Mit schwindendem Interesse blicke ich auf den geschniegelten Abiturienten in zu großer Jacke, der an der Wand lehnt. Nun aber erstmal durch die Sicherheitskontrolle. Sieht aus wie beim Flughafen, funktioniert genauso und auf Waffenfunde in Damenhandtaschen wird hier ebenso reagiert wie am Flughafen: Mit Interesse. Und fragend hochgezogenen Augenbrauen. Bevor sie auch nur ein Wort sagen können, legte ich los: Ehrlich, es ist ein Versehen. Ich habe immer ein Taschenmesser dabei, man weiß ja nie was so kommt und diese Handtasche habe ich seit ein paar Tagen auch immer dabei, die passt farblich so gut zu meiner…ist egal… irgendwie habe ich es eben vergessen und wirklich, glaub mir, es steckt nichts dahinter,  ich würde doch niemals…ich bin ganz harmlos und darf ich zum Schluss noch sagen….Ja, jeg elsker dette landet!

Das hat dann auch die norwegischen Sicherheitskräfte überzeugt, die mit immer größer werdenden Augen meiner gestammelten Entschuldigung zuhören und sich wahrscheinlich die Frage stellen, ob mein Mundwerk nicht die viel größere Waffe ist und weggesperrt werden sollte. Ich schweig stille und gehe zur Garderobe. Tasche und Jacke werden unter den kritischen Blicken meiner Führungskollegen verstaut. Auweia, die lassen mich nicht mitspielen. Ich werfe ein Lächeln in die Runde und zucke entschuldigend mit den Achseln. Der gutaussehende Wachmann gesellt sich zu uns.

Und bleibt in meiner Nähe, während der gesamten Führung.

Das macht der bestimmt immer.

Doch, doch.

Ich ignoriere ihn und konzentriere mich stattdessen auf den bebrillten Abiturienten, der, als warm geworden, richtig witzig ist: Um den ersten norwegischen König zu finden, erzählt er, sei eine Gesandtschaft nach Schweden gereist „on the search of some unemployed princes who wanted to be king of Norway“. Brüller! Offensichtlich gab es keinen arbeitslosen Prinz in Schweden, erst in Dänemark fand sich einer, der Zeit und Lust hatte und 1905 König Haakon wurde. Heute heißt das Landesoberhaupt König Harald, das wissen wir alle, was aber vielleicht nicht alle wissen:  Er ist der erste König, der tatsächlich in Norwegen geboren wurde. Sein Vater, König Olav, erblickte 1903 als dänischer Prinz das Licht der Welt in England. Jawoll. Habe ich so aufgeschrieben, muss stimmen.

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Weiter geht es durch die Backsteinflure des Parlaments, das mich in seiner Schlichtheit und Größe an die Stadtverwaltung in Castrop-Brauxel erinnert. Es hätte damals kein Geld zum Bauen gegeben, antwortet unser namenloser Führer auf meine Frage. Ja, im Vergleich zu anderen Parlamenten wäre das Storting eher klein.  Wie es denn in unseren Heimatländern so aussähe, fragt er in die Runde.

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Ja, der Reichstag in Berlin ist schon viel größer, antwortet der Philosoph ohne Jack Wolfskin-Hose. HA! Hab ich doch gesagt, dass der Deutscher ist! 1:0 für Ulrike! Das Weiße Haus sei auch größer, nicken die beiden Damen mit den Kameras vor der Brust und werden von ihren Landsleuten für den politischen faux pas getadelt.  Bis auf das irisch-italienische Paar hatte ich die Amerikaner also richtig einsortiert. 5:2. Die Dunkelhaarige schweigt und der blonde Feger hat die Frage anscheinend verpasst, während ihr Kurzärmelmann sie fotografierte. Euch kriege ich auch noch. Ich könnte ja einfach fragen, aber das finde ich langweilig.

Über einen weiteren Flur erreichen wir den Plenarsaal – kein Wunder, dass sie kein Geld hatten, das Gebäude größer zu bauen, denke ich, als ich die Goldverzierungen and roten Lederstühle sehe. Wer kann denn hier politisch diskutieren?

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Die Norweger anscheinend und zwar in einer weltweit fast einzigartigen Konstellation: Die Mitglieder des Parlaments sitzen nicht in Fraktionen zusammen, sondern nach Heimatprovinzen geordnet.  Alle Sitzungen sind offen für Publikum, nur einer darf nie anwesend sein: Der König. Die norwegische Verfassung verbietet dem Staatsoberhaupt den Zugang ausdrücklich. Entstanden ist diese harsche Regel in 1814, als Norwegen vom schwedischen König regiert wurde; das Verbot der Teilnahme an parlamentarischen Sitzungen sollte eine gewisse Eigenständigkeit Norwegens bewirken. Bis heute ist es übrigens auch üblich, dass die norwegische Königsfamilie bei den Regierungswahlen nicht wählt.  Es wäre der Verfassung nach erlaubt, aber sie machen es trotzdem nicht.

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Sitz des Abgeordneten aus der Provinz Nord-Trondelag

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Noch ein Foto im rotgoldenen Sitzungssaal und aus dem Fenster über die Karl Johans Gate und weiter geht es. Während ich überlege, ob ich die dunkelhaarige Frau anspreche und einfach frage, woher sie kommt, verpasse ich fast den feministischen Teil der Führung. Wir stoppen vor dem Gemälde einer Frau, die Professor McGonagall aus der Harry Potter-Serie wie eine liebliche Babysitterin erscheinen lässt.

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Obwohl das offizielle Frauenwahlrecht erst 1913 in Norwegen eingeführt wurde, durften ab 1907 bereits Norwegerinnen wählen,  die über ausreichend Grundvermögen verfügten und Steuern zahlten. Anna Rogstad, Pädagogin, Frauenrechtsaktivistin und Mitglied der Frisinnende Venstre, einer linksliberalen Partei, erregte 1911 großes Aufsehen als erstes weibliches Mitglied des Parlaments. Auf der Besuchergalerie war bei ihrer ersten Teilnahme im Parlament kein einziger Platz mehr zu finden und die Menschen drängten sich vor dem Parlamentsgebäude. Zwei Jahre später erhielten alle Norwegerinnen volles Wahlrecht. Heute sind 40% der Mitglieder des Parlaments weiblich.

Knips. (Ich überlege kurz, DOCH bei der Bundestagswahl zu wählen.)

Nach einem kurzen Besuch in der ehemaligen „zweiten Kammer“ des Parlaments (das Einkammersystem wurde 2009 eingeführt) wandern wir über die gewaltige Treppe wieder zurück in den Eingangsbereich des Gebäudes.

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Es kommt zur Wiedervereinigung von Garderobe und Besitzern, ich nehme meine taschenmesserverseuchte Handtasche an mich und sehe im Rausgehen noch, wie sich die Dunkelhaarige den Prospekt über das Parlament in Französisch nimmt. Ha! FAST richtig. Dafür gibt es trotzdem einen Punkt. Wo sind denn der blonde Feger und Kurzärmel so schnell hin? Von denen weiß ich noch gar nicht, ob sie wirklich aus Osteuropa kommen! Ich hechte zur Ausgangstür, errege wahrscheinlich erneut die Aufmerksamkeit der Wachleute, blicke nach rechts und links und sehe, wie die beiden in ein Taxi verschwinden. Ob ich…..?

Nein, die Sicherheitsleute wären bestimmt sofort hinter mir her. Und mit denen hatte ich heute wirklich schon genug Kontakt. Bleibe ich also dabei, dass es Osteuropäer waren und gebe mir noch einen Punkt.  8:2 steht es für mich. Ich kaufe mir zur Belohnung einen Kaffee und schlendere mit dem Messer in der Tasche wohlgemut und sicherheitsbewusst nach Hause.

Wo ich nun sitze und diesen Blog für Euch schreibe, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserer Besichtigung und damit einen guten Start ins Wochenende. Meine Grüße gehen diese Woche an meine Schwägerin Gitti mit ganz, ganz lieben Wünschen..aber OHNE „Knuddeln“ :).

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, lasst es Euch gut gehen, genießt die Ferien und den Urlaub, schreibt mir eine Postkarte und kontrolliert immer, was Ihr so in den Taschen habt!

Ha det bra,

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Ulrike

Zurück in die Zukunft oder Es war alles nur halb so schlimm!

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(Danke Mutta :)…)

Blumen umgepflanzt, auf Vulkan geklettert, Holzfußboden auf Balkon verlegt, Stadtführung übersetzt, gebadet im See, Shakespeare gelesen, Fenster geputzt, Freunde besucht, durch Schlamm gewandert und im Wald verlaufen…was man nicht alles schafft in einer Woche!

Ein jubelndes und strahlendes HALLO an diesem verregneten Vormittag meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen, ich habe Euch vermisst!

Mit zittrigen Fingern begann ich am Sonntagabend meine internetfreie Woche begleitet von herzlichen Wünschen, skeptischen Wahrsagungen und gutgemeinten Ratschlägen. „Dann bis morgen!“ riefen die Skeptiker. „Ohje ohje!“ schnieften die Gläubigen. Ein kurzer Knopfdruck und mit dem verglimmenden Monitorlicht begab ich mich auf die Reise ins Mittelalter. Ade, geliebte Welt, vergiss mein nicht…

Seufz.

SO EIN QUATSCH!! Es war überhaupt nicht so dramatisch, ehrlich, ich frage mich, warum wir das nicht alle mal machen! Zugegeben, es fing etwas kompliziert an, nämlich damit, dass ich vergessen hatte, die Telefonrechnung noch vorher online zu bezahlen und dafür extra zur Bank musste. Kein Problem, dachte ich.

Schlange! In der Bank! Vor der Kasse! 11 andere Kunden. Es war Montagmorgen und Bine und ich waren auf dem Weg zum Holmenkollen und ich wollte „nur mal schnell bei der Bank reinspringen.“ Nach 5 Minuten war gerade ein einziger Kunde abgearbeitet worden. So nett die Norweger auch sind, sie sind kein Dienstleistungsvolk und der persönliche Kontakt mit einem Bankangestellten erinnert mehr an eine Audienz von Königs Gnaden. Dauert aber länger.

Nach 10 Minuten verließ mich die Geduld und ich beschloss einen erneuten Versuch am Nachmittag. Diesmal gab es keine Schlange! Juchhuuu!

Dafür war das Computersystem zusammengebrochen.

Warum ich denn nicht Internetbanking nutzen würde, fragte man mich. Mein Internet sei gerade unterbrochen, erwiderte ich und erntete mitleidige Blicke.

Am nächsten Tag war ich endlich erfolgreich und Telenor, die norwegische Version von T-Online,  um einige norwegische Kronen reicher. An dieser Stelle muss ich zugeben, ganz am Thema vorbei, dass ich immer noch umrechne. Immer noch! Nach über einem Jahr stehe ich also wie damals, in den ersten Tagen, an der Supermarktkasse und überschlage im Kopf, was ich gerade bezahlt habe. Oder im Geschäft, ob ich das wirklich bezahlen will. Die Kronen und ich haben es nicht leicht miteinander. Momentaner Umrechnungskurs ist 7,92 was klasse ist für unseren kommenden Trip nach Hamburg, da ist unser Geld ordentlich was wert. (Stimmt doch, oder? Nee, wieder falsch! IHR müsstet hierher kommen, das lohnt sich gerade. Für uns ist es eher teuer…oder? Ich bin eine derartige Null bei diesen Währungsumrechnungen. Bankkaufleute und Wirtschaftsnerds bitte melden!)

Nach nur drei Anläufen war die Rechnung also bezahlt, eine Aufgabe, für die ich im Internet nur einige Minuten gebraucht hätte. Ähnlich unpraktisch war der ständig ins Hirn poppende Gedanke: „Das muss ich später mal googlen!“ oder „Das google ich mal schnell!“, gefolgt von dem selbstkontrollierenden Gedanken: Ach nee. Aber wenn ich mal ganz ehrlich bin, sind 9 von 10 Dingen in Wahrheit nicht so wichtig wie sie im ersten Moment erscheinen und können guten Herzens für immer ungegooglet bleiben. Ich verstricke mich beim Suchen immer derartig, dass ich nach Stunden im Netz gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich wollte. Zeitverschwendung, ganz massiv.

Stattdessen habe ich in der vergangenen Woche das schöne Sommerwetter in Oslo genutzt und bin gewandert. Das wunderbare Buch „På tur i Oslomarka året rundt“ (Ganzjährig unterwegs in der Oslomarka) lockte mit Zielen und Strecken. Ich kletterte also mit 20 Kindergartenkindern als zufälliger Begleitung auf den Vettakollen, schwamm mit Entenküken im Bogstadvannet und verlief mich ganz gewaltig auf dem Weg zur Tryvannstua und endete ratlos auf einem kaputten Holzsteg mitten im Sumpf. Ein Hoch an dieser Stelle auf den norwegischen Sommer. Er ist nicht oft da, aber wenn, dann wunderschön. Als ich auf der Wiese am Bogstadvannet lag und in Himmel schaute, musste ich einmal ordentlich seufzen vor Wonne: Hellblauer Himmel mit ein paar Wattewolken, ein leichter Wind, der die Birkenblätter über mir zum Rauschen brachte und eine strahlende Sonne, die das klare Seewasser glitzern ließ. Mein norwegischer Sommer. Wunderschön.

Leider schon wieder vorbei, es regnet seit Tagen in Strömen. Da hatte ich letzte Woche einfach verdammtes Glück. Plötzlich hatte ich viel mehr Zeit, was natürlich auch daran lag, dass ich nicht arbeiten kann ohne Internet. Statt also Artikel für Ebay oder Hapag-Lloyd zu schreiben, stürzte ich mich auf die noch ausstehende Übersetzung für Freund Ben, aber auch das war ohne meinen guten Kollegen Leo.org schwierig. Überhaupt erschien die Welt wieder viel größer und schwieriger zu erforschen. Gut, es gab Nachrichten und Fernsehen im Allgemeinen, aber die schnelle, problemlose Recherche ist darüber nicht möglich. Für die meisten Artikel habe ich eine ein- bis zweitägige Abgabefrist und da brauche ich die Informationen schnell und gleich und am besten schon gestern. Das Leben wird langsamer ohne Internet. Der Mensch muss also geduldiger werden.

Nicht gerade eine meiner Stärken.

Trotz dieser Tempoverschiebung hatte ich mir die Sache schlimmer vorgestellt. Manche Kontakte finden zwar nur im Internet statt und es war beruhigend zu sehen, dass es auch sozialen Kontakt in der realen Welt gibt. Eine Woche ist vielleicht auch zu kurz, um die Cyberkontakte in Realweltkontakte umzumünzen. Will man das aber auch? Dann wird der Kontakt so …naja….real? Wie dem auch immer sei, ich könnte ohne Facebook leben, das habe ich in der Woche festgestellt. Sofern ich dann eben auf andere Art und Weise Kontakt zu meinen Lieben hätte. Ich sei also noch therapierbar, meinte ein Freund mit Hoffnung in der Stimme.

Klar bin ich als erstes vorgestern auf die Seite von Facebook um zu sehen, was ich verpasst hatte…logisch!!!! Hallooooo? Ich bin es, an-therapiert aber noch nicht umgepolt!

Was kann ich also, für mich ganz persönlich, nach einer Woche internetfreiem Leben sagen?

Es geht nicht ohne.

  1. Beispiel: Emails sind eine derartig selbstverständliche Art der Kommunikation, dass sie nicht zu lesen wäre, als würde man den Briefkasten im Treppenhaus nicht regelmäßig kontrollieren. Geht nicht.
  2. Beispiel: Informationen.
  3. Beispiel: Kontakte.
  4. Beispiel: Will nicht ohne, weil es lustig ist und außerdem einfach, weil es da ist. (Ein Zitat, das ich in der letzten Woche gelernt habe in einer Dokumentation über den Mount Everest. Auf die Frage, warum man den Berg besteigen sollte, antwortete George Mallory: „Weil er da ist.“)
  5. Aber ich verstehe auch alle, die es nicht benutzen. Auch wenn Ihr das jetzt nicht lesen könnt, weil Ihr meinen Blog ja nicht kennt.
  6. DER BLOG! Und Ihr meine lieben Leser…obwohl….ich könnte ihn auch mal mit der Post schicken, was denkt Ihr? Wer das möchte: Her mit den Adressen!

Das waren also meine Erlebnisse in der internetfreien Woche. Irgendwie hatte ich auf mehr Drama gehofft, tut mir leid. Das kommt vielleicht wirklich erst nach einem Monat oder einem Jahr ohne Internet.

Aber ich bin doch nicht verrückt.

Das war es schon wieder für heute meine lieben Leser, schön, dass wir Zeit miteinander verbracht haben. Morgen früh starten Martin und ich Richtung Hamburg, wo wir bis Montag bleiben werden. Drückt am Samstag ab 15 Uhr die Daumen, 3000 Powerfrauen joggen durch den Stadtpark von Hamburg beim diesjährigen Women’s run, ich mitten unter ihnen. An dieser Stelle schon mal die Grüße der Woche an meine Berliner Lieblingsstudentennichte, die Samstag Prüfung hat anstatt mit ihrer Tante durch den Stadtpark zu joggen. Meli, wir drücken dir feste die Daumen!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, klettert mal auf irgendwas nur weil es da ist, macht Cyberkontakte zu realen Kontakten und tanzt eine Runde im Regen mit mir!

Ha det bra,

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(für die wichtigen Dinge im Leben….Wimbledon 2013 nur bei liveticker und Radio)

 

Ulrike

 

Achtung, Achtung: Pause bis 24. Juni ODER Wie überlebe ich sieben Tage zu Hause ohne Internet??

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Hallo meine lieben Leser und schön, dass wir uns hier wieder treffen. Allerdings nur für eine Ankündigung…Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein.

Es gibt heute keinen Blog.

Also, naja irgendwie schon, weil ich ja gerade was schreibe.

Aber eigentlich eben auch nicht.

Versteht Ihr????

Und nächste Woche….

…gibt es auch keinen Blog. Da bin ich nämlich im Off-Modus und entdecke die Welt ohne Internet. Falls da eine ist. Ab kommenden Montag gehen das Internet und ich getrennte Wege. Es gibt einige wenige, die mir die Abstinenz nicht zutrauen (verstehe ich gar nicht!!!) und bis jetzt ist mir noch kein Weg eingefallen, wie ich Euch beweisen kann, dass ich offline bin. Für Ideen bin ich dankbar! Ansonsten bin ich gespannt was passiert und werde darüber Montag, den 24.6. berichten. HIIIILFEEE!!!!!!!!! Im Urlaub, ja okay, da kann ja jeder ohne Internet leben…aber hier zu Hause…im normalen Lebensumfeld….OHNE…..mir wird ganz schwummerig…was mache ich denn bloß??

Vielleicht eine Therapie, das scheint angemessen.

Schreibt mir, liebe Leser….allerdings bitte keine emails, das wäre unsinnig. Aber vielleicht…Briefe!! Genau, oder Karten…Telegramme? Meine Adresse ist bekannt? Falls nein, hier:

Ulrike-ohne-Internet Niemann, Mittelaltergasse, Oslo.

Ich werde stark sein. Sind ja nur sieben Tage. Wie beweise ich Euch nur, dass ich offline bin????? Mal gucken!

Für heute verabschiede ich mich also von Euch, Freundin Sabine und ich wollen raus in die Sonne. Wir haben das nötig.

ullibinebunt

Für alle Osloer Freunde: Morgen ist Hausfest in der deutschen Gemeinde, kommt in Scharen, das Programm ist einfach genial und das Essen auch!!!

Und nun finally: Ihr werdet mir fehlen, liebe Leser, vergesst mich nicht!! Ich wünsche Euch eine tolle Woche, genießt die Sonne, macht den Rechner einfach mal aus und geht feiern! Meine Grüße gehen in dieser Woche an meine tollen Theaterleute Isabella, Daniela und Friedbert und an alle, die uns geholfen haben. TOI TOI TOI für morgen, wir lassen es krachen!

Ha det,

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Ulrike