Norwegischer Adventskalender der anderen Art ODER Jeden Tag eine gute Tat!

@Casper Cornelius Roalsvig Vasbotten

@Casper Cornelius Roalsvig Vasbotten

In manchen findet sich Schokolade, in anderen ein literarisches Zitat, einige bieten Bilder für jeden Tag bis Weihnachten und andere sind mit viel Liebe selbstgemacht: Adventskalender! Seit über 100 Jahren verkürzen sie uns die Zeit bis zum Weihnachtsfest. Hier in Oslo startete nun ein ganz besonderer Kalender unter dem Motto: „Jeden Tag eine gute Tat!“

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Der erste weihnachtlich angehauchte Blogartikel 2014 *TUSCH*!! Und interaktiv wird es am Ende auch noch.

Das nur schon mal als Vorwarnung!

Vor einigen Tagen bekam ich über mein soziales Lieblings-Netzwerk Facebook eine interessante Meldung: Ines lud mich ein, mich am Oppmuntrende Julekalender 2014 zu beteiligen. Adventskalender muntern mich generell auf (vor allem die mit Schokolade) und ich klickte begeistert auf die Seite der Aktion. Doch nein, der Kalender wollte nicht MICH aufmuntern, ICH sollte das Aufmuntern unternehmen. Und zwar 24 Tage lang. Eben vom 1. bis 24. Dezember.

Interessantes Konzept, fand ich, und las weiter.

„(…) In der Weihnachtszeit geht es zu oft um Geschenke, Stress und Nörgeleien. Ich hätte lieber, dass es darum geht, den Menschen um mich herum zu zeigen, was sie mir bedeuten, wie wichtig sie für mich sind und wie sehr ich sie liebe. (…)“

Ohne religiös zu werden, hat der Initiator hier doch den Kern des jährlichen Weihnachtsstresses getroffen. Genau, es geht um die Menschen um uns herum! Nicht um Geschenke, Menüs, Dekoration oder Einkaufslisten. Versteht mich nicht falsch: Ich liiiebe Geschenke. Ich schenke gern und werde gern beschenkt. Und da ist ja auch nichts gegen einzuwenden. Aber die Prioritäten müssen stimmen. Und wenn ich die Adventszeit wegen organisatorischer Großprojekte nicht genießen kann, dann läuft etwas falsch!

Hier greift der Kalender ein. Denn was soll ich tun in den 24 Tagen?

Ich soll Menschen oppmuntrener… aufmuntern also oder ermutigen.

Und wie?

“Es funktioniert ziemlich einfach. Jeden Tag im Dezember (vom 1. bis 24.) munterst du Menschen in deiner Nähe auf: Geschwister, Freunde, Großeltern oder wen auch immer du willst. WIE du das machst, entscheidest du. Natürlich kannst du auch jemanden aufmuntern, den du nicht kennst: Bettler auf der Straße, die Person neben dir im Bus oder wen ganz anders. Kauf ihnen Schokolade, mach ihnen ein Kompliment oder tu etwas, von dem du denkst, dass es sie ermutigen und freuen würde. Das muss keine große Aktion sein. Eine kurze, freundliche Bemerkung kann bereits den ganzen Tag einer anderen Person besser machen.“

Nun muss ich nochmal nachgucken, ob der Initiator wirklich Norweger ist: Ich soll einfach eine Person IM BUS ansprechen???? Hier in Oslo, wo Augenkontakt in der T-Bane fast schon sexueller Belästigung gleich kommt?? Bettler auf der Straße haben wir allerdings genug, die werden sich wundern, was in den nächsten Wochen vor ihren Pappbechern und Hüten los ist.

Pfui, das war sarkastisch. Ich konnte nicht widerstehen. Entschuldigung.

Ich finde die Aktion wirklich ganz prima. Ein ganz klein bisschen naiv, aber was wäre die Weihnachtszeit ohne eine Portion Naivität und für gute Taten ist schließlich fast jedes Mittel recht. Und vielleicht hilft in unserer leistungs- und besitzverrückten Industriewelt auch nur noch Naivität weiter.

Die Aktion schlägt auf jeden Fall ein wie eine Bombe.

Ob ich in einem adventlichen Blog ein derartig kriegerisches Bild verwenden darf?

Ha! Ich hab’s!

Die Aktion schlägt auf jeden Fall ein wie eine WASSERbombe.

Geht doch.

In nur zwei Wochen haben sich über 10.000 Facebooker angemeldet. Das seien 240.000 Aufmunterungen, rechnet Ole Jose Norum, der den Adventskalender 2010 startete, in einem Kommentar vor. Damals waren es 500 Teilnehmer, eine Zahl, die der Kalender 2014 in wenigen Stunden erreicht hatte. Nun könnte man wieder kritisch werden und fragen: „Naja und WIE VIELE davon werden sich auch wirklich jeden Tag für 24 Tage die Zeit nehmen?“

ALLE, sage ich. Weil ich heute nämlich optimistisch bin. Und weil gestern eine Raumsonde nach 10jähriger Reise auf einem Kometen gelandet ist und ich daher der Meinung bin: Wir Menschen können alles, was wir wollen!

So.

Ich finde den Oppmuntrende Julekalender eine ganz fantastische Idee! Hier im Blog wird es ab dem 1.12. eine Extraseite dafür geben, auf der ich meine Ermutigungen notieren werde.

Und nun wird es interaktiv! DENN:  Für Euch ist da auch Platz! Denn schließlich ist nicht jeder bei Facebook und kann sich der Aktion dort anschließen.

Was völlig okay ist.

Doch, doch.

Nein, wiiirklich!

Obwohl…warum seid Ihr denn nicht dabei? Wir könnten uns prima befreunden. Ich poste auch unglaublich witzige Sachen! Gestern beispielsweise habe ich….

„ULRIKE!“

Zurück zum Punkt.

(Das war übrigens mein Gewissen, das darf jetzt auch beim Blog mitmachen.)

„Ulrike, weiter!“

Ich wollte dich ja nur vorstellen!

„DAS war meine Vorstellung?“

Äh..ja?

„Ulrike…“

Nein, nein…natürlich nicht. Dir gebührt ein ganzer Artikel. Mindestens.

„Genau. Und nun weiter im Text.“

(In unsichtbarer Geheimschrift nur für Leser lesbar: Hilfe, mein Gewissen terrorisiert mich.)

Da also nicht alle Leser bei Facebook sind, fordere ich Euch einfach hier auf: Macht mit!! Schickt mir einfach jeden Tag per Kommentar EURE „Gute Tat des Tages“. Ich werde Ole per Facebook informieren, vielleicht verlinkt er uns ja mit seiner Seite!

Man wirft den Norwegern gerne vor, sie seien reservierte Mitmenschen und ähnlich kalt wie das Land, aus dem sie stammen. Aber diese Aktion und auch die landesweite Teilnahme zeigt mal wieder: Vorurteile sind eben nichts wert!

***

So, das war es schon für heute. Die norwegische Internetwelt bietet viele interessante Fundstücke wie heute den Oppmuntrende Julekalender und ich werde mich 2015 weiter im norwegischen Netz für Euch umgucken. Hier in Oslo wird es immer früher dunkel und immer später hell, im Park jagen Gesa und ich die letzten Sonnenstrahlen, die Weihnachtsbeleuchtung erhellt den Bogstadveien und wir haben „Die Feuerzangenbowle“ schon rausgeholt. Uns allen wünsche ich eine tolle Woche, seid doch jetzt schon mal nett zu anderen (aber das seid Ihr bestimmt sowieso schon, oder? ;)…) und kauft Kerzen, Kerzen, Kerzen!

Ha det,

20141106_122828

 

Ulrike

Freie Fahrt für Kinderwagen ODER Oslo, was hast du gegen mich??

Seit einigen Wochen habe ich einen neuen, ständigen Begleiter: Simo, der Kinderwagen. Dank ihm muss ich unsere immer schwerer werdende Tochter nicht durch die Stadt tragen, sondern kann Gesa in sein komfortables Inneres legen und losschieben. Und dann wieder stoppen. Und wieder schieben. Ein bisschen fluchen. Wieder schieben. Stoppen. Fluchen. Schieben. Stoppen. Fluchen. Schieben. Das ist kein bisschen Simos Schuld. Oh nein. Die bittere Wahrheit ist: Oslo ist ein Alptraum für Kinderwagen.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute mal wieder mit einem Babythema und zwar mit einem, das mich jeden Tag an den Rand des Nervenzusammenbruchs führt: Kinderwagen und Oslos Bürgersteige.

Dabei habe ich einen super Gefährten: Simo, der Kinderwagen, ist laut Werbung Sjef på fortauet und Konge på veien, Boss auf dem Bürgersteig und König auf dem Weg! JAWOLL! Habt Ihr das gehört, Osloer Bürgersteige??? BOSS und KÖNIG!!!! Und was macht Ihr mit meinem so hochherrschaftlichen Kinderwagen?? Mit dem wunderbaren Simo, der Respekt verdient und freie Fahrt??

IHR BLOCKIERT IHN!

Und mich.

Ständig.

Um diesen Vorwurf zu verdeutlichen lade ich Euch, liebe Leser, ein, mich auf einem unserer typischen Wege zu begleiten. Von unserer Wohnung in der Sorgenfrigata zum Frogner Gesundheitszentrum am Solliplatz. Dort wird Gesa jeden Donnerstag gewogen. Laut Google Maps ist die Strecke 1,8 Kilometer lang und dauert zu Fuß 21 Minuten.

Klar.

Ohne Kinderwagen.

MIT dauert sie gefühlte fünf Stunden.

Und das liegt nicht daran, dass Simo mit seinen knapp 16 Kilo plus 5 Kilo Gesa, das also die insgesamt 21 Kilo für mich zu schwer zu schieben wären…oh nein! Kinder tragen und schieben stärkt die Muskeln und mittlerweile könnte ich wohl auch Sumo-ähnliche Drillinge locker lächelnd den Brocken hochschieben. Daran liegt die unendliche Wegzeit also nicht. Sie liegt an den unzähligen Hindernissen, die sich heimtückisch in Simos Weg stellen.

Oder sich werfen, im Falle der toten Elster.

Na, das war ein Morgen.

Aber weiter im Text.

Starten wir also in der Sorgenfrigata. Dass unsere Haustür so viel wiegt wie eine Herde Elefanten ist nicht die Schuld der Osloer Bürgersteige, zählt also nicht für die Strecke.

Aber gemein ist es trotzdem!

Wir befinden uns vor der Tür und biegen schwungvoll nach rechts ab auf den Bürgersteig. Nicht zuuuu weit nach rechts aber, ansonsten versinken Simos Reifen im ersten von vielen Schlaglöchern. Oslos Bürgersteige sind voll davon. Eigentlich gibt es in Oslo keine Bürgersteige, sondern nur eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern verbunden mit ein bisschen Asphalt.

Ich lenke Simo geschickt am Loch vorbei und genieße zehn Meter freie Fahrt. Dann: Ein Baum.

Nein. Falsch.

Ein BAUM.

Ich habe nichts gegen Bäume. Wirklich nicht. Ich bin zahlendes Mitglied bei NABU und Greenpeace, habe schon eine Kastanie umarmt und im Wald Urschreitherapie gemacht. Mein Freund, der Baum.

Aber…

Steht so ein Baum wie eine borkenumrandete Walküre mit Stoppschild mitten in meinem Weg, mit Wurzeln, die sich durch den Asphalt schieben und Ästen, die mir die Sicht nehmen…dann…dann…dann verspüre ich doch eine gewissen Sympathie für motorbetriebene Sägewerkzeuge. Fluchend hoppeln Simo, Gesa und ich über das Hindernis. Irgendwann werde ich hier den falschen Winkel fahren und Simo wird mit ungehemmter Kraft in den Vorgarten unserer Nachbarn kippen.

Diesmal haben wir es sicher geschafft.

20141107_143928

Nächster Stopp: Ein Zebrastreifen. Ähnlich wie Ampeln dienen diese Verkehrselemente dem reibungslosen Ablauf des städtischen Verkehrs. Leider sehen das nicht alle Verkehrsteilnehmer so. Manche halten sowohl rote Ampeln als auch Zebrastreifen für Elemente des eigenen Ermessens – und brettern mit voller Geschwindigkeit drüber. Erwarte ich das bei Zebrastreifen, schockt es mich doch immer wieder bei roten Ampeln. Nach dem Motto „Ich lasse mir nichts vorschreiben – von niemandem und nirgendwo!“  geben manche Auto- oder Radfahrer vor einer roten Ampel gerne noch einmal richtig Gas. Dem Fahrer des dunkelblauen Teslas, vor dessen Kotflügel uns letzte Woche nur ein gewaltiger Rückwärtssprung rettete, möchte ich an dieser Stelle sagen, was ich damals vor Schreck nicht konnte:

„Arschloch.“

Zurück am Zebrastreifen lassen wir geduldig lächelnd zwei Autos vorbei. Weiter geht es. Für die kommenden Meter haben wir freie Fahrt, überqueren die Industriegata und schieben weiter den Majorstuveien hinauf. Erklimmen den Gipfel…und treffen die ersten Regenabläufe.
Aus mir unerklärlichen Gründen enden die Regenrinnen in Oslo nicht IN der Erde, wie man das von Regenrinnen so kennt. Nein! Sie stoppen kurz vorher und hängen mit offenen Enden am Haus runter. Damit sich nun die darunterliegenden Bürgersteige nicht regelmäßig in Kneippbäder verwandeln, muss das Regenwasser in die Gosse abgeleitet werden. Und das geschieht mit Regenabläufen, ca. zehn Zentimeter breiten Vertiefungen im Bürgersteig. Unglaublich praktische Sache für Kinderwagen. Vor allem, wenn alle drei bis vier Meter so ein Ablauf auftaucht.

20141112_143043

Zuerst dachte ich, Simo könnte sie mit ein bisschen Schwung problemlos nehmen.

Also Vollgas und rüber!

Gesa hat noch zwei Straßen weiter gebrüllt.

Jetzt bremse ich vor jedem Regenablauf also etwas ab und setze mit viel Gefühl auf die andere Seite über. Das ist unglaublich umständlich und deshalb mein Aufruf an alle Straßeningenieure: Bitte, bitte bewerbt Euch in Oslo und TUT ETWAS!!!!!

Wir hoppeln weiter bergab. Ich erinnere mich, dass auf der linken Bürgersteigseite nach der nächsten Kurve gebaut wird. „Du Fuchs!“, lobt mich Simo, als ich auf die rechte Seite wechsle.

Dort versperrt uns ein LKW den Weg.

Ich vermute schon seit längerem, dass ich in Oslo videoüberwacht und absichtlich blockiert werde. Es kann nicht anders sein, denn eigentlich immer, wenn ich aus bestimmten Gründen auf die andere Bürgersteigseite wechsle, ist dort ein Hindernis: Ein LKW beim Ausladen, der Postbote mit seinem riesigen Brieftransportwagen, eine neue Baustelle oder eine Gruppe Jugendlicher mit pubertären Hör- UND Sehproblemen. Unzählige „Unnskyld!?“ – „Hallo?!“ – „Hei!?!“ – „HAAAAALLLLOOOOOO!!!!????“ später war ich mir damals sicher, dass Kinderwagen unsichtbar machen, bin auf die Fahrbahn geschoben und fluchend an den Jungnorwegern vorbei gehechtet. Diesmal umrunde ich also den LKW einer Brauerei. Weiter geht es bergab, vorbei an der Uranienborgkirche Richtung Oscars gate.

Nach fast drei Minuten ohne Hindernis werde ich zunehmend nervöser und blicke mich misstrauisch um. Gerade als ich die Oscars gate überquere, schießt aus dem Nichts ein Rollstuhlfahrer in meinen Weg. Nun bin ich ja ein höflicher und respektvoller Mensch. Ich biete Schwangeren meinen Platz im Bus an, halte meinem Nachbarn die Tür auf und lasse älteren Mitbürgern Vortritt an der Supermarktkasse. Für einen Rollstuhlfahrer mitten auf der Straße zu stoppen, wäre also eine meiner leichtesten Übungen. Aber ER will MIR den Weg abschneiden. Ehrlich! Nach allen verkehrsrechtlichen Erkenntnissen müsste ICH hier Vorfahrt haben und außerdem habe ich einen Kinderwagen und Simo ist schließlich der König der Wege und der Boss der Bürgersteige und ich werde schon seit mindestens einem Kilometer und zahlreichen Wochen von Zebrastreifen, Regenabläufen, Baustellen und pubertätsblinden Jugendlichen gemobbt und irgendwann reicht es mal, ich bin ja schließlich auch nur ein Mensch!!!!!!!!!!!!!!!!!

Noch als ich den Rollstuhlfahrer rasant überhole und zum Bremsen zwinge, fühle ich mich schrecklich schuldig. Ich stoppe, entschuldige mich und während er fluchend an mir vorbeifährt, lasse ich mich auf die Bank an der Ecke fallen. Gesa nutzt die Gelegenheit und ruft nach der Flasche. Ich krame in meiner Tasche nach einem glücksspendenden Schokoriegel und die nächsten Minuten verbringen wir beide mit einem Picknick. Ich überlege für einen kurzen Moment, Gesa in den Tragesack zu packen, Simo anzuketten und den Rest des Weges ohne Kinderwagen fortzusetzen.

Dann regt sich mein Kampfgeist: Ich lasse den König der Wege nicht vor den heimtückischen Bürgersteigen Oslos kapitulieren! OH NEIN! SOO NICHT! Ab mit Gesa in den Wagen, die Bremse gelockert und mit neuem Schwung ab in die Inkognitogata.

Als erstes fällt mir da eine Kastanie auf den Kopf.

Ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen und ignoriere auch den Baukran vor der Botschaft von Südkorea. Immerhin gibt es hier keine Regenabläufe, versuche ich die Situation positiv zu sehen und schiebe grimmig durch die enge Lücke zwischen dem Zaun der italienischen Botschaft und einem schief parkenden Geländewagen. An der Ecke Inkognitogata und Colbjørnsens gate leiste ich mir ein kleines Duell mit einer Jogger-Twist-Mutter, das ich dank Masse von Simo und ungebremster Schubkraft haushoch gewinne. „Diese dreiräderigen Stadtkinderwagen sind eben nicht kampffähig“, höhnt Simo und rollt siegestrunken bergab. Wir sind auf den letzten Metern, schlängeln uns noch einmal an einer blind-tauben Pubertierenden und ihrem riesigen Koffer vorbei und biegen gegenüber des Ibsen-Museums auf die wohl schlimmste Baustelle in ganz Oslo. Den aufgerissenen Solliplass. Für einen kurzen Moment bezweifele ich, dass Simo durch die von den Bauarbeitern gelassene Lücke auf dem Bürgersteig passt, aber wir versuchen es trotzdem und – Eureka – es passt! Nun nur noch die Rampe vor dem Gesundheitszentrum hoch – natüüüürlich kommt uns eine Frau ohne Kinderwagen, Gehhilfe oder Rollstuhl entgegen und wir müssen warten. Logisch.

Dann sind wir da. Nach nur 37 Minuten.

Wie freue ich mich darauf, wenn Gesa laufen kann.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Bald kommt der Winter und die Osloer Bürgersteige verwandeln sich zu eisglatten Gefahrenquellen. Mal sehen, was Simo, Gesa und ich dann erleben werden! Euch allen wünsche ich eine Woche ohne Hindernisse, immer freie Fahrt und im Notfall gute Nerven. Die Temperaturen sinken und nicht mehr lange, bevor der Schnee kommt, vermute ich. Wir genießen die Sonne so oft wir können und freuen uns auf einen schönen Winter.

Noch. 🙂

Ha det bra,

20140830_143419

 

Ulrike

 

Norwegische Nationalgerichte aus Ulrikes Küche ODER Warum ist der Kuchen blöd?

400_F_12705737_stgrRGf7XDyCqaCIRjzBVmqFcZUqfIaN

Falsche Freunde sind verstörend. Das gilt für zwischenmenschliche Beziehungen ebenso wie für interlinguale, wo sie neudeutsch false friends genannt werden. Ein schönes Beispiel: Gift. Englisch sprechende Empfänger reagieren auf ein gift mit Freude, Deutschsprechende hingegen mit ihrem letzten Atemzug.

In Norwegen ist mir ein besonders schöner „falscher Freund“ begegnet.

Der bløtkake.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Erneut in meiner Küche, wo ich heute DEN norwegischen Feiertagskuchen zaubern werde. Letztes Mal haben wir gemeinsam das Lied Hurrah for deg gelernt und zusammen mit dem heutigen Blog seid Ihr in der Lage, einen echten norwegischen Geburtstag zu feiern. Toll, oder??

Bløtkake also.

„Blööööödkuchen????“ war meine erste Reaktion, begleitet von hysterischem Gelächter.

Ja, ich bin leicht zu unterhalten.

Aber wer leicht zu unterhalten ist, der hat immer was zu lachen!

Wollt Ihr meinen Lieblingswitz lesen???

Ja???

Wie, nee???

Klar!

Also los:

Treffen sich ein Rührei und ein Spiegelei. Sagt das Rührei: „Ich bin heute ganz durcheinander…“

Pruuuuuust!!!

Aber zurück zum bløt

*kicher*

…zurück zum…

*kicher*

…zum bløtka

*pruuuust*

Nun reiß dich zusammen, Niemann!

Also zurück zum…bløtkake.

Der darf bei keiner norwegischen Feier fehlen, versüßt Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachten und natürlich den Nationalfeiertag. Und das allerbeste an ihm ist die einfache Zubereitung. Ein unschätzbarer Vorteil für Backdilettanten wie mich. Nun gibt es unzählige Rezepte für bløtkake, der natürlich nicht blöd sondern bløt (weich) ist. Die Zutaten sind simpel: Kuchenboden, Sahne, Früchte.

„Das kann ich auch!“, dachte ich mir und beschließe, für Martins Geburtstag aktiv zu werden. Mein Rezept muss diesmal aus dem Internet kommen – keine Angst, ich werde meinem Lieblingskochbuch Norsk mat og kultur nicht untreu. Ich habe einfach keine Zeit, in die Bibliothek zu gehen. Also ab ins Netz…..

Meine Güte, gibt es viele Rezepte! Wonach soll ich mich entscheiden, ich will einfach, schnell und möglichst unkompliziert einen tollen Kuchen herstellen. Vielleicht dieses hier mit dem hübschen Bild??? Und das hier von dem lustigen Blog der Amerikanerin, die in Nordnorwegen wohnt? Oder das hier von den Sons of Norway in den USA?

Oho, ich bemerke Unterschiede. Backt die Kuchenenthusiastin den dreiteiligen Biskuitboden selber, schlägt mir der anscheinend ähnlich backgehemmte Blog einer Australierin vor, den Boden im Supermarkt zu kaufen.

DAS ist mein Rezept!!!

Die Bilder sind auch ganz hübsch, damit ist der Fall klar, ich kopiere sofort die Einkaufsliste und stürme mit Gesa in den Supermarkt gegenüber und kaufe:

20141023_212656

1 (bereits vorgeschnittenen, Super!) dreiteiligen Biskuitboden

300ml laktosefreie Sahne (die bleibt länger stabil)

1 Beutel gefrorene Himbeeren

Puddingcreme

etwas Orangensaft oder Milch

Früchte nach Wahl (hier: Mango und frische Himbeeren)

***

Ich liebe norwegische Rezepte. Ganz oft sind sie simpel, ohne viel Firlefanz und was hinterher dabei rauskommt, ist lecker.

Hoffentlich auch diesmal.

Begeistert und mit ungewohnter Backlust starte ich am nächsten Morgen. Ja, okay, okay, ich BACKE natürlich nicht wirklich, aber Kuchen backen hört sich besser an als Kuchen zusammenkleistern oder Kuchen bauen. Eigentlich hatte ich geplant, den Kuchen am Abend vorher zu bac….zu MACHEN…aber es war spät geworden und ich müde und Gesa wollte nicht schlafen und irgendwie…kam es dazu, dass ich nun um 7 Uhr morgens im Pyjama in der Küche stehe und Sahne schlage.

Habt Ihr schon mal Kuchen gebacken (jaja!) vor dem Frühstück? Sehr ungewöhnlich, aber auch lustig. Mein Geburtstagsmann schläft noch selig neben seiner ebenfalls schlummernden Tochter, während ich gut gelaunt Sahne durch die Küche spritzte. Was für ein Tagesanfang! Die Sahne ist geschlagen und ich widme mich erneut dem unerhört komplizierten Rezept.

Ja, ein Scherz. Seien wir ehrlich: Kauft man den Boden fertig im Supermarkt, macht sich der restliche Kuchen fast von selbst:

– 300ml Sahne schlagen

– 2/3 zur Seite stellen für später

– die Hälfte der aufgetauten Himbeeren in die restliche Sahne (das wären dann..naaa???? 1/3! Genau! BRAVO!!!) mixen

– Puddingcreme unter die Sahne heben (Menge hängt von Eurem Geschmack ab)

– einen Kuchenboden auf einen großen Kuchenteller legen und mit Orangensaft oder Milch beträufeln

– Himbeer-Puddingcreme-Sahne auf dem Boden verstreichen, aufgetaute Himbeeren darauf verteilen

20141024_084624

– zweiten Kuchenboden aufsetzen, mit Saft/Milch beträufeln

– Himbeer-Puddingcreme-Sahne auch auf diesem Boden verstreichen, aufgetaute Himbeeren darauf verteilen

20141024_085124

– dritten Kuchenboden aufsetzen, mit Saft/Milch beträufeln

(es lebe „Copy and Paste“)

– dann den kompletten Kuchen mit der restlichen Sahne bedecken.

Das ganze Gebilde in den Kühlschrank balancieren und für mindestens sechs Stunden kühlen. Kurz vor dem Servieren mit Obst dekorieren. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sehr beliebt ist hier in Norwegen natürlich eine Dekoration aus Erdbeeren und Blaubeeren, die zusammen mit der Sahne die Nationalfarben darstellt. Blaubeeren hatte ich nicht gekauft, und außerdem feiern wir ja nicht Norwegen sondern Martin und der mag besonders gern Mango und deswegen sah der Kuchen am Ende so aus:

20141024_092134

…und so von innen…und zu später Stunde…

10743780_10201939053637105_2030462870_n

Der mit Saft getränkte und von Sahne und Himbeeren durchgeweichte Kuchenboden schmeckt köstlich und ich kann verstehen, warum Norweger den bløtkake so sehr lieben. Und ich schließe mich der Begeisterung an: Aus dem falschen Freund bløtkake und mir sind bereits nach dem ersten Bissen ECHTE Freunde geworden!

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser! Ich hoffe, der Besuch in meiner Küche hat Euch gefallen und freue mich auf Fotos von Euren bløtkaker – das wäre super! Ich stelle die Fotos dann auch in den Blog! Vielleicht gibt es Leser, die eine deutsche Dekoration hinbekommen??

Euch allen wünsche ich auf jeden Fall ein schönes Herbstwochenende und eine erfolgreiche und schöne erste Novemberwoche. Und schon wieder ist es soweit, das Gutelaunebild gegen den tristen November herauszuholen. Sagt auch „Ja“ zum November, vergesst nicht zu lachen und genießt Kuchen und Sahne, so oft Ihr könnt!

Ha det bra,

20141030_225444

 

Ulrike

 

 

 

Hurrah for deg! ODER So klingt es an Geburtstagen in Norwegen…

miljoagentene.no

miljoagentene.no

 

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute ist der 24. Oktober und wer uns besser kennt, weiß: Martin hat Geburtstag! Es ist sein erster Geburtstag als Papa und den wollen wir natürlich ganz besonders feiern. Später am Tag mit lauter netten Menschen und vorher…naja, auch mit ganz netten Menschen, nämlich mit Gesa und mir :). Und da ich auch noch ein bisschen was für die „Party“ ab 17 Uhr (Willkommen in der Elternwelt!) vorbereiten muss, verschiebt sich…Ihr ahnt es schon…der Blog um eine Woche.

BUHHH!!!!

SCHANDE!!!!

Och, nun seid mal nicht so!

Damit Ihr aber nicht ganz bloglos ins Wochenende gehen müsst, lernt Ihr jetzt DAS norwegische Geburtstagslied. Ich habe es das erste Mal auf dem Vorhof des Schlosses hier in Oslo gehört, als jede Menge Norweger es begeistert für ihr Königspaar zum Hochzeitstag sangen.

Zuerst der Text, geschrieben von Margarethe Munthe, einer norwegischen Autorin und Lehrerin:

Hurra for deg som fyller ditt år!
Ja, deg vil vi gratulere!
Alle i ring omkring deg vi står,
og se, nå vil vi marsjere,
bukke, nikke, neie, snu oss omkring,
danse for deg med hopp og sprett og spring,
ønske deg av hjertet alle gode ting!
Og si meg så, hva vil du mere? (Gratulere!)

An Deinem Geburtstag/Ehrentag ein „Hurra“ auf Dich.
Ja, dazu möchten wir Dir gratulieren.
Alle, die wir hier im Kreis um Dich stehen,
tanzen für Dich ein Ringelreihen.
Wir verbeugen uns, nicken und knicksen für Dich, dreh’n uns dazu im Kreis,
hüpfen und springen, wiegen uns im Tanz,
und wünschen Dir von Herzen alles Gute.
Nun sage mir, Herz, was begehrst Du mehr.
Wir gratulieren!

(Quelle: Heinzelnisse)

Natüüürlich müssen beim Singen die angesprochenen Bewegungen ausgeführt werden..ist doch klar.

So, habt Ihr den Text drauf? Dann kommt hier die Melodie…

…erst in Notenform, für alle musikalisch gebildeten Leser…

Hurra for deg som fyller ditt år

 

…und dann, für alle musikalisch gehemmten, gesungen von meinen drei Lieblings-Youtube-Norwegern:

http://www.youtube.com/watch?v=EeXfePNHG9w&list=RDEeXfePNHG9w#t=36

So, dann übt mal ordentlich! Martin freut sich bestimmt über ein Ständchen 🙂

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, singt mal wieder aus vollem Herzen, esst Kuchen, auch wenn nicht Geburtstag ist und lasst es Euch gut gehen! Wir feiern heute erst Geburtstag und freuen uns morgen auf Gesas Patenteam aus Hannover, das gerade in Kiel auf die Fähre wartet!

Ha det bra,

20141024_123021

Ulrike

 

Lørdagsgodt ODER Am Samstag wird in Norwegen genascht!

bbbed6fc-7484-40d8-9bb8-60c5db224d29

Schickt die Kinder aus dem Raum für die folgende gruselige Aussage und setzt Euch selber ganz schnell hin.

Bereit?

Sicher?

Besonders alle mit einem sogenannten sweet tooth, also einer Schwäche für Süßigkeiten, möchte ich jetzt vorwarnen. Ok. Here it comes. Mich gruselt es schon fast selbst….also, tief einatmen…und…

In Norwegen bekommen Kinder nur am Samstag Süßigkeiten.

!!!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ja, da guckt Ihr…Süßigkeiten nur am Samstag. Das muss man erst mal verdauen, begreifen und sich vorstellen können. Lørdagsgodt nennt sich diese norwegische Tradition und sie funktioniert wie folgt: Die ganze Woche werden Kinder von allem Zuckerzeug ferngehalten und am Samstag dürfen sie dann zuschlagen. In manchen Familien gibt es einen Schokoriegel, süße Brötchen oder Kekse, in anderen eine 300g-Packung Weingummi.

Entstanden ist diese norwegische Tradition in Schweden. Wir schreiben das Jahr 1942. Bei fast allen schwedischen Wehrpflichtigen werden bei der Eingangsuntersuchung Löcher in den Zähnen festgestellt. Große Löcher. Ärzte und Gesundheitsministerium beschließen, dass etwas geschehen muss. Zucker wird als Verursacher der löcherigen Zähne vermutet, der Beweis dafür steht allerdings noch aus. Um diesen Beweis zu erbringen, startet in einem Sanatorium in Lund ein bis heute hart kritisiertes Experiment: 600 (ahnungslose und nie um Zustimmung gebetene) geistig behinderte Testpersonen werden fast genötigt, süße und klebrige Karamellbonbons zu essen. Und zu essen. Und zu essen. Nach einigen Jahren ist der Beweis erbracht: Übermäßiger Zuckergenuss führt zu Löchern in den Zähnen. Das schwedische Gesundheitsministerium schlägt daraufhin 1957 vor, Süßigkeiten nur noch am Samstag zu genießen. Der Begriff lördagsgodis (Samstagssüßigkeiten) entsteht und wird bald in Norwegen als lørdagsgodt übernommen.

Und gilt bis heute. Wie mit allen Traditionen ist es auch mit lørdagsgodt so: Nicht alle machen es. Aber erstaunlich viele. So wenigstens mein Eindruck, als ich im Bekanntenkreis und über Facebook nachgefragt habe. Und am Thema scheiden sich die Geister. Manche Eltern sind dafür, weil damit Diskussionen und Bettelaktionen der Kinder im Supermarkt vor dem Schokoladenregal ausfallen. Die Kinder akzeptieren, dass es Süßigkeiten eben nur am Samstag gibt. Unterstützt werden die Eltern dabei von den Kindergärten/Schulen, die anscheinend auch ein striktes Anti-Zucker-Regime führen.

Nein, das stimmt nicht.

Sagen wir ein Anti-Süßigkeiten-Regime.

Kindergärten, die Brot mit Kaviar-aus-der-Tube an Kinder verfüttern, sollten sich mal nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

Finde ich :).

So, die einen finden lørdagsgodt also ganz prima, eine tolle norwegische Tradition, jawohl, auch sie sind so aufgewachsen, alles prima, alle machen das so, punktum. Toll.

Dann kommen die anderen, denen diese Gleichmacherei in Norwegen auf die Nerven geht. Ja, Ihr habt es Euch gedacht, das sind meistens ausländische Stimmen. Viele von ihnen finden das Prinzip lørdagsgodt völlig daneben, wollen sich nicht vorschreiben lassen, WANN sie ihrem Kind und OB Süßigkeiten geben. Außerdem, so feixen sie, solle man mal genau hingucken, wie viel Süßigkeiten norwegische Kinder am Samstag so bekämen. Das wäre eine wahre Zuckerschlacht und völlig übertrieben.

Im häuslichen Alltag ist das vermutlich gar nicht so leicht umzusetzen. Soll das Kind nur am Samstag Süßigkeiten bekommen, dürfen an den anderen sechs Tagen in der Woche keine Zuckersünden auf den Tisch. Nicht nur für das bemitleidenswerte Kind gilt das dann – nein, auch für die Eltern! Wie sonst soll ich meinem Kind lørdagsgodt beibringen? Aber wird das auch immer durchgehalten? Oder schleichen sich zuckerabhängige Eltern abends heimlich in den Keller, wo sich hinter den Langlaufskiern das geheime Zuckerversteck befindet? Und wie schrecklich, dann von den Kindern dabei erwischt zu werden. Gegenseitig schieben sich die beschämten Eltern die Schuld zu. Doch es hilft nichts. Die Katze ist aus dem Sack, der Zucker aus dem Keller. Ende mit dem lørdagsgodt.

Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben.

Aber lustig.

Eltern abends im Keller am Naschen…heimlich…wer weiß, das heizt vielleicht eingeschlafene Beziehungen wieder an…

An mir wird diese norwegische Absurdität sang- und klanglos vorübergehen. Der bloße Gedanke, nur einmal in der Woche Süßes zu essen, ist so erschreckend, dass ich zur Beruhigung erst mal ein Snickers essen muss.

Besser, danke.

Aber im Ernst: Das Prinzip ist nicht schlecht. Der Samstag wird dadurch zu einem besonderen Tag, an dem die ganze Familie sich etwas Süßes gönnt. Es müssen ja nicht gleich 300g-Tüten auf den Tisch kommen.

***

Absurd, oder? Aber norwegischer Alltag und ein wirklich nettes Blogthema, fand ich. Aber das war es schon wieder für heute. Obwohl es eigentlich gestern ist, nämlich genauer gesagt, die Nacht auf Freitag kurz vor 1 Uhr. Irgendwie habe ich das Blogschreiben noch nicht in Gesas und meinen Alltag einbauen können, aber das kommt sicherlich noch. Nun schläft sie aber selig und ich habe Zeit zu schreiben. Obwohl ich zugeben muss, dass meine Kreativität nach Mitternacht auch nicht mehr das ist, was sie mal war.

Ich arbeite dran!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, wir haben die bestimmt, denn im Abstand von ein paar Tagen kommen uns Gesas Paten aus Deutschland besuchen. Meine wöchentlichen Grüße also diese Woche an Sabine, Imke und Kai – wir freuen uns auf Euch!!!

Genießt den restlichen Herbst, versüßt ihn Euch (und zwar nicht nur am Samstag) und vergesst nicht zu lachen!

Ha det bra,

20141017_010452

Ulrike

 

Lust auf Snusen ODER Eine Dose Oraltabak, bitte!

Anmerkung: Ich habe diesen Artikel gelöscht. Nicht aber ohne einige Korrekturen oder Anmerkungen aus den Kommentaren hinzuzufügen:

  • Snus enthält keine 2500 Giftstoffe.
  • Ob snusen Krebs verursacht ist nicht bewiesen.
  • Weitere Infos finden sich auf zahlreichen Snus-Seiten im Internet.

Ha det bra,

Ulrike

Jede Stimme zählt! ODER Wer liest am Feiertag schon Blog????…

…dachte ich mir….und verschiebe den Blog um eine Woche auf nächsten Freitag, der völlig feiertagslos ist. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir das.

Dafür biete ich aber etwas ganz Tolles: Ihr könnt Euch das übernächste Artikelthema aussuchen! Was interessiert Euch an Norwegen? Worüber soll ich schreiben? Stimmt einfach ab bis nächsten Freitag! Ich bin gespannt! Wer von Euch auf „…etwas ganz anderes, nämlich…“ klickt, von dem erwarte ich einen Kommentar mit gewünschtem Thema :)!

Euch allen wünsche ich einen schönen, freien Tag (falls Ihr in Deutschland seid) und ein tolles Wochenende (für alle anderen).

Ha det bra,

Ulrike

norwegian-german-dictionary-32ea5e-w192

Schwanger in Norwegen ODER Immer mit der Ruhe!

BAM_Gravid_221_300_80

 

Ein Kind zu bekommen ist schon aufregend genug. Es in einem (relativ) fremden Land zu bekommen, dessen Sprache frau nicht hundertprozentig beherrscht, steigert die Aufregung. Dankbar ist frau da um jede Information über das Wie, Was, Wo und Wann. Voilà!

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Hier ist er also, wie angekündigt, der rein informative Blog zum Thema „Hilfe, ich bekomme ein Kind in Norwegen – wie geht das hier???“. Alle Leser, die weder schwanger sind, noch planen schwanger zu werden und überhaupt das Thema nicht so prickelnd finden, verweise ich auf das umfangreiche Archiv des Blogs – hier finden sich wahre Juwelen :).

Alle anderen begrüße ich auf der Reise von „Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal meine Regel?“ zu „Der Name Gesa ist eine ungewöhnliche Wahl. Sind Sie sicher, dass kein Schreibfehler vorliegt?“

Die Reise beginnt, wie in Deutschland, mit dem Schwangerschaftstest. Der heißt in Norwegen graviditetstest, kostet ca. 40 NOK und findet sich an der Kasse im Supermarkt oder in Apotheken.

grav-test-1_500x500

Nach dem überraschenden oder erwarteten, auf jeden Fall aber schwerwiegenden Auftauchen von zwei blauen Streifen, sollte die Selbstdiagnose „Jeg er gravid!!!“  (Ich bin schwanger!) vom fastlege (Hausarzt) bestätigt werden. Manche Bluttests und einen erneuten Schwangerschaftstests später, steht dann fest: Ein Baby ist auf dem Weg!! Einige Frauen wechseln nun zum Gynäkologen, andere, wie ich, bleiben bei ihrem Hausarzt. Das ist in Norwegen nicht ungewöhnlich und eine Überweisung zum Frauenarzt muss wohl, so habe ich gehört, auch fast erkämpft werden.

(An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Ja, es ist mir wohl bewusst, dass es auch Ärztinnen und Gynäkologinnen gibt, aber das doppelte Getippe ist mir zu blöd. Es sollen sich daher bitte, bitte, bitte, ALLE angesprochen fühlen. Männer, Frauen und alle dazwischen und alle Übergetretenen. – Ok, erledigt, weiter im Text.)

Um das ganze offiziell zu machen, erhält die (hoffentlich) glückliche Mutter, neben der Aufforderung ab jetzt täglich Folsäure zu schlucken, eine helsekort for gravide (Gesundheitskarte für Schwangere), das norwegische Gegenstück zum Mutterpass. Das DIN-A4 große Papier ist etwas unhandlich und sieht nach 9 Monaten auch ziemlich abgenutzt aus, aber gut, so lange man noch lesen kann, was drauf steht, ist alles im grünen Bereich. Die helsekort enthält neben den Angaben zu Mutter und Vater den vermuteten Geburtstermin, ein Diagramm, auf dem akribisch die Wachstumsfortschritte des Babies verzeichnet werden und ein Kommentarfeld für jede Vorsorgeuntersuchung.

helsekort

Gilt man, wie ich mit 42, als Risikoschwangerschaft, gibt es neben den üblichen noch einige zusätzliche Untersuchungstermine. Ich hatte in der 10. Woche ein Gespräch am Rikshospitalet (Reichskrankenhaus) hier in Oslo und zwar in der Abteilung für Fosterdiagnostikk (Pränataldiagnostik). Eine Hebamme klärte Martin und mich über mögliche Risiken auf, zeigte uns Statistiken zur Wahrscheinlichkeit von schweren Behinderungen bei Spätgebärenden und bot uns verschiedene Testverfahren an. Wir entschieden uns für einen Bluttest, durch den gewisse Risiken festgestellt werden könnten und einen Ultraschall, der noch in derselben Woche durchgeführt wurde. Weitere Tests hätte man uns nur angeboten, wären die Testergebnisse der ersten Tests auffällig gewesen. (An dieser Stelle haben wir uns gefragt: Was sollen wir denn machen, wenn die Ärzte sagen, es bestände eine, sagen wir, 45% Chance auf eine schwere Behinderung? Wie gehen wir damit um? Eine Entscheidung, die ich nicht treffen möchte und die ich auch niemandem wünsche, machen zu müssen.)

Der erste Ultraschall also in der 10. Woche, Gesa war schon als richtiger kleiner Mensch erkennbar, der unglaublich nette Arzt musste erstmal nach Taschentüchern kramen, weil mich Gesas Anblick ganz aus der Fassung gebracht hatte. Mal ehrlich, da geht frau zum Ultraschall, legt sich hin und ohne große Vorbereitung heißt es dann: „Und das ist Ihr Kind!“ Zack. Bumm. Da liefen die Tränen, ist jawohl klar!!! Selbst schuld, dass er dann eine heulende Schwangere im Büro hatte und nach Taschentüchern wühlen musste!

Ehrlich.

Die Hormone fahren schließlich Achterbahn.

Nachdem auch diese Untersuchung ohne Auffälligkeiten war, kam ich in das reguläre Untersuchungsschema: Der einzige, offizielle Ultraschalltermin im Krankenhaus in der 18. Woche und svangerskapskontroller (Vorsorgeuntersuchungen) ab der 24. Woche entweder beim Hausarzt oder bei der jordmor (Hebamme…wörtlich Erdmutter). Dass es nur eine Ultraschalluntersuchung in der gesamten Schwangerschaft geben sollte, hat mich irritiert. Später habe ich gelernt, dass viele Norwegerinnen zusätzliche Ultraschalls machen lassen, für die sie dann eben bezahlen müssen. Und das nicht zu knapp. In einer Privatklinik liegen Ultraschalls bei ca. 200,- Euro.

Eine private Hebamme muss bezahlt werden, alle „öffentlichen“ Arztbesuche oder Besuche auf der helsestasjon sind in der Schwangerschaft kostenlos. Fast jeder Stadtteil in Oslo besitzt ein derartiges Gesundheitszentrum, das von der Stadt Oslo betrieben wird und sich um Schwangerschaftsvorsorge, Postnatale Behandlung, Kinderuntersuchungen und viele weitere Gesundheitsaspekte kümmert. Wir gehören zur helsestasjon in Frogner, die direkt neben dem Arbeitsamt am Solliplatz liegt. Alle vier Wochen, von der 24. bis zur 36., und danach alle zwei Wochen findet eine Untersuchung statt. Die mitgebrachte Morgenurinprobe wird auf Zucker untersucht, Blutdruck wird gemessen, dann einmal ab auf die Waage und am Schluss wird der Bauch gemessen und die Herztöne des Kindes abgehört. Ein bisschen small talk zum Ende und ha det, bis zum nächsten Mal.

In der 28. Woche werden die meisten Schwangeren zum glukosebelastningstest (Zuckertest) geschickt, der beim Arzt oder, in meinem Fall, im Krankenhaus durchgeführt wird. Ziel des Tests ist es, eine mögliche Schwangerschaftsdiabetes frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Diese eigentlich harmlose Diabetes-Form tritt nur in der Schwangerschaft auf, ist nach der Geburt sofort wieder vorbei, kann aber völlig unbemerkt auftreten und zu Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Foetus führen. Der Test ist kein Zuckerschlecken: Auf nüchternen Magen sollte ich morgens um 7 Uhr zwei Gläser Zuckerwasser trinken. Dann zapfte mir der nette Arzthelfer Blut ab und schickte mich für zwei Stunden vor die Tür. Nach den zwei Stunden ohne Nahrung und große Bewegung schlägt der Vampir wieder zu. Die beiden Blutproben werden verglichen und erklären, ob ich weiterhin Schokoladenkuchen essen darf oder nicht.

Ich durfte.

Puuh!

Langsam wurde der Bauch dicker und die Gedanken richteten sich immer mehr auf die Geburt. Es gibt in Norwegen kaum Schwangerschaftskurse (manche Krankenhäuser bieten sie kostenpflichtig an), dafür aber jede Menge Yogakurse für Schwangere. Ich habe auch einen besucht und kann Mammayoga nur jedem empfehlen. In dieser Zeit bekam ich die Bestätigung, dass ich am Ullevål sykehus (Krankenhaus) einen fødeplass (Geburtsplatz) bekommen hatte. Die Krankenhauswahl ist in Norwegen, wie die Arztwahl, frei und regelt sich höchstens danach, ob das gewünschte Krankenhaus oder der Arzt noch freie Plätze hat. Wir fanden das Ullevål prima und buchten dort noch einen Kurs, in dem das Krankenhaus vorgestellt wurde, der Ablauf der Geburt (von Ankunft bis Umzug ins Patientenhotel) beschrieben wurde und in dem alle möglichen Fragen gestellt werden konnten.

Ende August ist die Zeit der höchsten Geburtenrate in Norwegen, was angeblich damit zu tun hat, dass alle Kinder, die VOR dem 31.8. geboren werden, im Jahr darauf einen garantierten Kindergartenplatz hatten. Da unsere Schwangerschaft ja eh nicht geplant war, interessierte mich das nicht sonderlich. Interessant wurde es erst, als ich hörte, dass die Krankenhäuser in der Zeit so voll seien, dass Gebärende manchmal in andere Krankenhäuser verwiesen werden.

Hat mich unruhig gemacht, ist aber nicht eingetreten.

Puuh :)!

Und dann beginnen irgendwann die Wehen. Das ist in Norwegen wie in Deutschland und für alle Erstgebärenden, vermute ich, gleich aufregend. Im Krankenhaus hatte man uns gesagt, wir sollten die Geburtstation anrufen, wenn die Wehen in regelmäßigen Abständen zwischen 7 und 10 Minuten kämen. Gesagt, getan. Ich wurde angehört und beruhigt und aufgefordert, mich weiterhin Zuhause zu entspannen.

Wie jetzt, weiterhin??

„Ruf uns wieder an, wenn die Wehen alle fünf Minuten kommen.“

Das tat ich, wurde wieder beruhigt und aufgefordert, mich weiterhin Zuhause zu entspannen.

„Ruf uns wieder an, wenn die Wehen alle vier Minuten kommen.“

Das tat ich, ließ mich aber nicht beruhigen, sondern kündigte an, wir wären auf dem Weg. Und legte auf. Im Krankenhaus angekommen, wurde bei der Untersuchung festgestellt, jawohl, es bewegt sich was, das CTG zeigte Wehen, aber trotzdem:

„Komm wieder vorbei, wenn die Wehen stärker werden. Hier sind Schmerzmittel. Ha det.“

Und wir sind tatsächlich nach Hause gefahren. Vor allem deshalb, weil andere, die nicht wieder nach Hause gefahren waren, nun auf dem Gang in einem Krankenhausbett lagen und warteten.

Das fand ich blöd.

Nach zwei weiteren Stunden Zuhause, entschied ich dann, genug wäre genug und lieferte mich ohne weitere Diskussionen selbst ein. Nach kurzer Untersuchung kamen wir in den Kreißsaal und sieben Stunden später war Gesa da. Die angeforderte Epidural-Betäubung bekam ich nicht (der Muttermund war schon 10cm offen, also etwas zu spät für eine Betäubung), das Ullevål bietet es aber auf der regulären Geburtstation ohne Probleme an.

Nach der Geburt folgten die Formalitäten und die beschreibe ich jetzt gleich am Stück, um Verwirrungen zu vermeiden. 🙂 Für in Norwegen geborene Kinder von EU-Bürgern gilt folgendes:

– Sie bekommen die Nationalität der Eltern, werden also keine Norweger.

– Das Krankenhaus leitet die Angaben über Geburt, Namen der Eltern, Geschlecht des Kindes an das folkeregister (Einwohnermeldeamt) weiter.

– das folkeregister reagiert darauf mit einem Brief oder email (über Altinn) und fordert die Eltern zur Mitteilung des Namens für das Neugeborene auf. Dieser muss innerhalb von 6 Monaten mitgeteilt werden. Das kann schriftlich oder online geschehen.

– ca. 1-3 Wochen nach Namensnennung schickt das folkeregister das fødselsattest (Geburtsurkunde), das auch die fødselnummer (Personennummer) enthält. Das Kind ist im norwegischen System.

20140926_142004

– nächster Schritt im Fall von deutschen Kindern: Diese brauchen einen eigenen Pass, um reisen zu dürfen. Der Kinderpass wird hier in Oslo von der Deutschen Botschaft ausgestellt und kostet 210,- NOK. Liegen alle Dokumente vor, muss ein Termin bei der Botschaft gemacht werden, zu dem BEIDE Elternteile erscheinen müssen. Einmal dort, dauert das Beantragen und Abholen insgesamt nicht mehr als 20 Minuten. Und zack, hat das Kind einen Pass.

– nächster Schritt: Ausländerbehörde. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, muss das Kind bei der UDI angemeldet werden. Das geht NUR, wenn schon ein eigener Pass vorliegt. Über die Seite der UDI konnte ich Gesa „vorregistrieren“ und einen Termin zur Übergabe der Dokumente vereinbaren. Die Internetseite der Behörde ist sehr hilfreich, aber auch umfangreich, es lohnt sich, alles doppelt zu lesen. Unser Termin ist am 2. Oktober und war der früheste, den ich Mitte September bekommen konnte. Der nächste freie Termin wäre am 31.10. gewesen.

Also nochmal zusammengefasst für deutsche Neugeborene: Warten auf Aufforderung von folkeregister zur Namenswahl, Namen angeben, Warten auf Geburtsurkunde. Dokumente für deutschen Kinderpass zusammensuchen, Termin bei Deutscher Botschaft machen. Mit dem neuen Kinderpass Kind über UDI-Seite registrieren und Termin zur Dokumentenübergabe machen.

Fertig…ein Klacks 🙂 Ein paar Tage nach der Namensbekanntgabe kommt ein Brief vom NAV (Arbeitsamt) mit der Info, dass das Kind ab dem nächsten Monat 970 NOK Kindergeld überwiesen bekommt. „Bitte teilen Sie uns Ihre Kontonummer mit.“ Ja, gerne :).

Zurück zum Kreißsaal.

Nach ein bis zwei Stunden kann im Ullevål Krankenhaus der Kreißsaal gegen ein gemütliches Doppelzimmer im Patientenhotel gewechselt werden. Bis zu drei Tagen können Mutter und Kind im Normalfall hier kostenlos bleiben, der Vater muss Tagegeld für Übernachtung und Essen im Speisesaal zahlen. Drei Tage (und Nächte) lang steht eine Hebamme für alle Fragen und Bitten zur Verfügung, erste Untersuchungen werden durchgeführt, wenn nötig auch Windeln, Baden und Anziehen der Babies erklärt.

Die meisten Fragen in diesen ersten Tagen betreffen das Stillen, ein in Norwegen fast heiliges Thema. Nun mein Tipp an alle Mütter im Ullevål Patientenhotel:

WENN IHR NICHT STILLEN WOLLT, IST DAS VÖLLIG IN ORDNUNG!!! SAGT ES NUR LAUT UND DEUTLICH!

Denn die drei Hebammen, deren Sonntagsschicht ich genießen durfte, stellten mich nie vor die Alternative. Ich hatte zu stillen und Ja, das tue weh, und Ja, das sei schwierig, aber Himmel, so sei das nun eben, da sollte ich mich mal nicht anstellen. Als eine Hebamme meine schlafende Tochter durch Zwicken in den Hals geweckt hatte und dem brüllenden Kind meine wunde Brustwarze in den Mund gestoßen hatte, konnte ich nicht mehr. Den restlichen Sonntag verbrachte ich heulend und an mir als Mutter bereits am zweiten Tag zweifelnd.

Drama!

Trotz aller Hilfe und lieber Ratschläge von Freundin Kathrin war für mich bald klar: Ich will nicht stillen. Aber – ich habe mich das am Sonntag nicht getraut zu sagen. Unglaublich, oder? Die geballte Pro-Stillen-Hebammen-Front, die lange Geburt, die Schmerzen…alles zusammen führte dazu, dass ich weiter versuchte und schwieg. Erst am Montag, mit der Ankunft von zwei wunderbaren neuen Hebammen, wendete sich das Blatt. Problemlos konnte ich erklären, was ich wollte. Ab diesem Zeitpunkt bekam Gesa die Flasche.

Ich will hier wirklich keine Diskussion über Stillen und Flasche geben starten. Wirklich nicht. Ich kann nur von mir sagen: Nach neun Monaten Schwangerschaft und 31 Stunden Geburt wollte ich meinem Körper keine Schmerzen mehr zufügen. Und Stillen war schmerzhaft. Ich bewundere jede Mutter, die so sehr stillen will, dass sie sich und ihrem Körper mehr zumutet, als ich es bereit war zu tun. Ich freue mich für jede Mutter, bei der Stillen problemlos klappt. Aber die freie Entscheidung muss möglich sein. Und wenn eine Frau sich bewusst gegen das Stillen entscheidet, hat das, verdammt nochmal, in Ordnung zu sein!

Mein Gruß an dieser Stelle an alle Männer mit entschiedenen Meinungen zum Bruststillen und dem Vorschlag, nichts zu beurteilen, was man selber in so gar keiner Weise nachempfinden kann. So, Zeit den Aufregungsmodus wieder ein paar Gänge runterzuschalten!

Seid Ihr noch da?

Habe ich Euch weggelangweilt oder habt Ihr erschrocken den Blog verlassen??

Ich hoffe nicht.

Nach drei Tagen im Hotel ging es an einem Dienstagmorgen nach abschließender Untersuchung nach Hause. Es folgte noch in der ersten Woche der obligatorische Besuch durch die helsesøster (eine Krankenschwester, die aufgrund einer Zusatzausbildung an helsestasjonen arbeitet) und ab da regelmäßige wöchentliche Besuche im Gesundheitszentrum zum Wiegen. Ein kleiner Ordner informiert uns und die Ärzte über Gesas Fortschritte, ihre Vorsorgetermine usw.

20140926_141923

Und Tag für Tag lernen wir uns besser kennen, sind froh über alle, die wir um Rat und Tat bitten können und wollen kaum einen Augenblick der letzten 10 Monate missen.

So, meine lieben Leser, das war es für heute. Viele Informationen und auch ein paar Meinungen. Ich hoffe, mit diesem Artikel denen helfen zu können, die wie ich am Anfang etwas hilflos waren. Falls Ihr weitere Fragen habt, stellt sie gerne, vielleicht kann ich antworten. Natürlich ist der Artikel wie immer sehr subjektiv und ich hoffe wirklich, dass keine Diskussion über das Thema Stillen entsteht. Mir war wichtig, Euch zu ermutigen, NEIN zu sagen, wenn Ihr das wollt.

Nächste Woche kehrt der Blog zu rein norwegischen Themen zurück: Es geht um „Snus“, den in Norwegen geliebten Oraltabak. „Was…tabak???“ Kommt und lest!

Nun wünsche ich Euch allen ein tolles Wochenende mit viel Mut, Spaß und den richtigen Informationen zur richtigen Zeit. Hier schlägt der Herbst zu und gerade kommt die Sonne durch. Was gibt es schöneres als einen sonnigen Herbsttag? Am Wochenende werden wir drei gemeinsam mit meiner Mutter Bygdøy unsicher machen und hoffen auf Sonne!

Ha det bra,

20140830_165734

 

 

Ulrike

 

Norwegische Nationalgerichte aus Ulrikes Küche ODER Heute gibt es Fårikål!

Am letzten Donnerstag im September feiert Norwegen Fårikålens Festdag. Ganz Norwegen? Nein! Eine von unbeugsamen Deutschen bevölkerte Wohnung in der Sorgenfrigata 10A leistete bislang Widerstand gegen das norwegische Nationalgericht.

Bis heute.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute wird gekocht! Und zwar stürze ich mich auf DAS norwegische Nationalgericht, das im Herbst alle Küchen, Restaurantmenüs und Supermarktregale bestimmt: Fårikål. Der Name sieht lustig aus und heißt übersetzt Schaf im Kohl.

Und mehr ist es auch nicht.

Schaf und Kohl.

Da nächste Woche der alljährliche Fårikål -Festtag ist und ich ja versprochen hatte, etwas typisch Norwegisches zu beschreiben, bot sich Fårikål an. Mein erster Gang beim Kochen von norwegischen Nationalrezepten führt, wie immer, in die Deichmanske Bibliothek hier in Majorstuen, um meine beiden Lieblingskochbücher auszuleihen.

Doch, oh Graus!!!!

Irgendein unverschämter Mensch war mir zuvorkommen und statt der breiten Buchrücken springen mir an gewohnter Stelle nur zwei Lücken im Regal entgegen. Also, das ist doch…das ist doch…HALLO!? So geht das nicht! Ich werde mir die Bücher kaufen. Beide. Morgen. Und dann kann mich die Bücherei mal. Oh, Verzeihung, das war nicht hübsch gesagt. Dabei muss ich doch auf meine Sprache jetzt achten. Egal. Desperate times call for desperate measures. In der allergrößten Not….naja und so weiter…wo war ich?

In der Majorstuen Bibliothek, genau. OHNE Buch.

Aber in der Internetwelt von heute dauert es natürlich keine Minute, bis ich unzählige Fårikål-Rezepte online gefunden habe. Ich entscheide mich für das von Wenche (oder eingedeutscht: Wencke) und versuche, mir die unglaublich umfangreiche Zutatenliste zu merken:

1 kg Lammfleisch oder Fårikålfleisch

1 kg Weißkohl

Ganze Pfefferkörner

***

Ja, das war es schon. Dann noch Kartoffeln als Beilage und fertig ist das Nationalgericht. Bin jetzt schon gespannt auf das Rezept. Ist bestimmt wahnsinnig kompliziert!!!

Statt wie üblich zu KIWI gehe ich diesmal zu REMA1000 einkaufen und frage mich, warum ich das nicht öfter mache. Vom Stil her wie das gute alte ALDI: Kultige Billigmarken bestimmen das Angebot. Die Gemüseabteilung ist ordentlich und ohne jeglichen Schimmel – eine Sache, die mich beim KIWI gegenüber immer in den Wahnsinn treibt.

Dass Fårikål Saison hat, erkenne ich auf den ersten Blick (ich Fuchs!) an den Kisten voller Weißkohl. Ein Kohlkopf mittlerer Größe wandert in meinen Einkaufskorb. So, nun Fleisch. Hm. Ich stehe vor einem Regal mit Lammbraten und Lammfilet…das kann es nicht sein. Eine norwegische Hausfrau geht an mir vorbei und legt dabei eine Packung „Fårikålkjott“ in ihren Korb. OHO! Wo hat sie das her? Ich wandele auf ihren Spuren und stehe bald vor dem richtigen Kühlregal.

20140919_094833

Pfefferkörner sind auch noch schnell gefunden, ab geht es zur Kasse, 140 NOK für alles zusammen, das ist günstig! Zuhause angekommen, wird das unglaublich komplizierte Rezept konsultiert. Achtung an alle zum Mitschreiben:

  1. Kohl schneiden.
  2. Fleisch und Kohl in Topf stapeln, jede Lage mit Pfefferkörnern bestücken und gut salzen.
  3. 3 dl kochendes Wasser dazu.
  4. Alles aufkochen.
  5. Auf kleiner Flamme 1,5 bis 2 Stunden köcheln lassen.

Fertig.

20140919_113205

Ich bin irritiert, als ich lese, dass der Kohl in „båter“ geschnitten werden soll. In BOOTE? Schon sehe ich mich fluchend filigrane Wikingerschiffe aus Weißkohl schnitzen und verstehe voller Schrecken, warum das Rezept ansonsten so einfach ist.

Klar, wenn ich stundenlang an norwegischer Kohlkunst verzweifele!

Aber da ich eher grobmotorig veranlagt bin, fabriziere ich kurzerhand Kohl-Boote im Bauhausstil. Funktional. Schlicht. Rein in den Topf.

20140919_113714

Eines der Boote legt sich mit der Schwerkraft an, verliert, ich entdecke beim Aufheben, dass der Küchenschrank mal wieder geputzt werden sollte, erledige das schnell, entsorge den Kohl, stelle den Herd auf 3 und bin mal wieder ein Fan des Multitaskings.

Der Topf ist bis oben hin gefüllt mit Lamm und Kohl. Fertig. Herd auf Stufe 3. Küchenreh auf eine Stunde stellen. Fertig.

Von dieser unglaublichen Arbeit ganz geschafft, gönne ich mir ein zweites Frühstück. Dabei lerne ich, dass Fårikål im Juni 2014 in einer Umfrage von Landwirtschaftsministerium und IPSOS von 45% aller Befragten zu DEM norwegischen Nationalgericht erklärt wurde. So wie schon 1972 als die Radiosendung Nitimen vom NRK dieselbe Frage stellte und dabei ebenfalls die beliebte Kohlkasserolle gewann. Wann genau Fårikål zum ersten Mal auf norwegischen Tellern zu finden war, ist unbekannt. Aber dass es noch für viele Jahre zu finden sein wird, das ist sicher. Und wer nicht nur lecker essen sondern seinen Gästen auch ein bisschen passendes Programm bieten möchte, der ist auf der Fårikål-Website bestens aufgehoben. Hier finden sich neben interessanten Tischsets zum Selberausdrucken auch launige Limericks. Achtung. Hier kommt das Original:

En utgammel vær i fra Kvam

Ble solgt som det møreste lam,

Det kokte en uke,

Men smakte som ruke

Og lukten var minst like stram.

Der alte Widder verdient unser Mitleid, mein Norwegisch auch, denn es reicht nicht für eine komplette Übersetzung. Hier verlasse ich mich auf meine Leser und einen entsprechenden Kommentar.

Ein köstlicher Geruch füllt die Küche. Schnell noch Kartoffeln gekocht und schon bald sitzen wir am Tisch und probieren unseren ersten Fårikål.

SO LECKER! Und so einfach….

20140919_142404

***

So, das war es schon für heute aus meiner Küche. Nächste Woche beantworte ich eine Frage, die mir wiederholt gestellt wurde: „Wie ist das, in Norwegen ein Kind zu bekommen?“ In den Grundzügen so wie in jedem anderen Land, vermute ich :). Aber ein paar Unterschiede in Bezug auf Hebammen, Krankenhaus etc. gibt es natürlich. Und nach vier Wochen habe ich jetzt wahrscheinlich auch eine ganz gute Distanz zu Schwangerschaft und Geburt und kann wirklich Tipps und Infos geben. Und wenn ich schon mal dabei bin, werde ich auch gleich mit Klischees und gut gemeinten, aber falschen, Ratschlägen aufräumen. Und das heilige Thema „Stillen“ angreifen. Natürlich, wie immer, alles rein subjektiv, aber damit nicht weniger wahr ;).

Nächste Woche kommt meine Mutter zu Besuch, was nicht nur klasse ist, sondern auch den Vorteil hat, dass ich den Blog wieder in Ruhe schreiben kann. (Das ist auf alle Fälle mein Plan :)….) So wie heute, wo sich Martin gerade mit seiner quietschenden Tochter beschäftigt.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, kocht was Schönes und erzählt mir davon, genießt den Herbst und überlegt mal, wofür Ihr dankbar seid im Leben.

Ha det bra,

20140919_142435

(Fårikål, Ulrike und Gesa….Foto by Martin)

 

Ulrike

 

Pretty in Pink – muss sein??? ODER Immer her mit der Identitätskrise….

„Das ist aber ein süßer Junge“, sagt die Mutter am Wickeltisch nebenan. Ich zwinkere Gesa zu, die auch zu denken scheint: „Oho, ein süßer Junge, den gucken wir uns gleich mal an!“ – „Jawohl“, zwinkere ich zurück, „sobald du still genug hälst, damit ich die Windel festmachen kann.“ Einige Augenblicke später sind wir beide bereit und blicken uns im großen Raum der helsestasjon Frogner nach dem süßen Jungen um.

Keiner da.

Nur die Mutter von nebenan.

Und wir.

„Wie heißt er denn?“ setzt die Nebenan-Mutter nun nach und lächelt Gesa zuckersüß an.

Ich mache große Augen.

Gesa pupst.

„SIE heißt Gesa“, antworte ich.

„Ach, das ist ein Mädchen“, antwortet es nach einer kurzen Pause von der anderen Seite des Tisches, während gleichzeitig Gesas braunweißes H&M-T-Shirt mit Löwen kritisch beäugt wird. Na warte, du Tussi. Ich betrachte das fremde Baby unter ihren Händen, das gerade von der perfekt frisierten Mutter mit Goldarmband in einen rosafarbenen, plüschigen Strampler mit dreilagigen Rüschen gesteckt wird. Nach einer Weile frage ich zuckersüß:

„Und Ihr Kind? Junge oder Mädchen?“

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Die Babypause ist offiziell vorbei, was aber nicht bedeutet, dass auch die Baby-Themen vorbei sind. (NEIN!!!! Nicht den Blog löschen…ich werde auch über rein norwegische Themen schreiben… versprochen… ehrlich.. …Freunde?). Heute also als eine Art sanfter Übergang aus der Babypause in den Alltag ein Thema, das mich völlig unerwartet getroffen hat: Mädchen in Norwegen müssen rosa tragen!

Nun muss ich gleich mal klarstellen: Ich habe nichts gegen Rosa. In Maßen genossen, ist das eine wunderbare Farbe, die sich mit vielen schönen anderen Farben kombinieren lässt, sowohl als Muffindekoration als auch beim Babystrampler finde ich Rosa sehr ansprechend. Aber eben in Maßen. Wir haben zur Geburt ganz wunderschöne rosa Geschenke, Karten und Blumen bekommen. Als geschlechterspezifisches Leuchtsignal finde ich Rosa allerdings völlig daneben. Genauso daneben, wie ein Jungenzimmer mit Bob der Baumeister zu dekorieren, während das Mädchen Einhörner und Prinzessinnen bekommt. Jungen mögen Einhörner bestimmt auch. UND Prinzessinnen. Während Mädchen auch Bagger cool finden.

Nun leben wir aber im Westen von Oslo. Die helsestasjon (so eine Art offenes und kostenloses Gesundheitszentrum), wo wir zum Gesa-Wiegen waren, liegt dort ebenfalls und das Schicki-Micki-Mütter-Mantra scheint zu lauten: Was weiblich ist, trägt rosa. Punktum. Nicht nur die Kleidung ist davon betroffen. In den letzten Tagen habe ich Kinderwagen mit rosa Verdecken, rosa Babydecken und Bettwäsche, rosa Kuscheltiere, rosa Windeltaschen, rosa Schnuller und rosa Kinderwagenspielzeugketten (uhhh, Galgenraten!) entdeckt. Manchmal alles zusammen an einem Wagen. Die Mutter dazu vielleicht noch mit rosa Haarband und der Vater im rosa Oberhemd und schon ist die Zuckergussfamilie perfekt.

Mir tränen schon beim Gedanken daran die Augen.

Im Ullevål Krankenhaus begann die optische Geschlechterzuweisung bereits kurz nach der Geburt. Gesa wurde gemessen und gewogen und dann, ob sie wollte oder nicht, in eine schweinchenrosa Krankenhausdecke gewickelt. Und zwar ganz fest. Im Zimmer des Patientenhotels angekommen, wechselten wir dann die Decken. Die rosafarbene verschwand und unsere eigene, blaue Decke mit Sternen wurde benutzt. Mit welchem Erfolg? Als wir im Restaurant an Baby Alma Louise (ganz in rosa) und ihrer Mutter vorbei schoben, guckte die zu Gesa in den Kinderwagen und sagte…

Na, was wohl???

Alle zusammen!!!

„Das ist aber ein süßer Junge!“

***

So, das war es schon für heute, meine lieben Leser. Die rosa Mutter von Alma Louise erklärte mir wenigstens noch, dass ja, die Norwegerinnen seien ein bisschen „over the top“, also übertrieben, mit ihrem Rosa-Tick. Sie selber könne sich da mit einbeziehen, sagte sie lachend, während Baby Alma Louise auf ihrem rosa Baby-Stirnband kaute. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Gesa und wir hier noch machen werden. Besonders gespannt bin ich auf das erste Treffen der Müttergruppe in der helsestasjon. Für diese Gelegenheit werde ich Gesa ein EXTRA fetziges T-Shirt kaufen. Ich werde davon berichten!

So, das war er nun wirklich, der erste Blog nach der Babypause. Teilt gerne wieder Eure Erfahrungen mit mir. Wie groß ist der Rosa-Tick in anderen Ländern? Welche Erfahrungen habt Ihr hier in Norwegen gemacht? Ich freue mich, von Euch zu lesen!

Nächste Woche wird der Blog wieder kulinarisch. Wir begeben uns in meine Küche und zaubern eine echte norwegische Spezialität: Farikål.

Euch allen wünsche ich bis dahin eine schöne Woche, vergesst Stereotypen, probiert mal gegen den Strom zu schwimmen und genießt den kommenden Herbst. Meine ersten wöchentlichen Grüße nach der Babypause gehen…natürlich…. an unsere wunderbare Tochter Gesa Vibeke, die unsere Herzen im Sturm erobert hat und einen Platz in unserem Leben gefüllt hat, von dem wir gar nicht wussten, dass er so schmerzhaft leer war.

Ha det bra,

20140902_145146

(mit rosa/pink Accessoires am Sognsvann)

 

Ulrike