Ein Souvenir aus Norwegen ODER Von Waschbärmützen, Strickpullovern und Käsehobeln

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Schon wieder der 24. Mai. Wahnsinn…..

24.???

DER VIERUNDZWANZIGSTE???

Das heißt…lass mich kurz rechnen…Mai, Juni, Juli….

In sieben Monaten ist Heiligabend!!! – Ich habe noch gar keine Geschenke!

Hallo aus Oslo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns endlich wieder treffen! Fast vier Wochen liegt der letzte Blog zurück, so eine lange Pause hatten wir ja noch nie. Unverzeihlich! Ich hoffe, es ist überhaupt jemand da, der diesen Blog jetzt liest!

Hallo?

HALLOO?????

SEID IHR DA?????????

Ich war in Deutschland und ich sage Euch: Schön war es mal wieder. Angefangen mit einer gemütlichen Fährfahrt, die uns aus dem eisigen Griff Norwegens in die fast subtropischen Temperaturen Kiels gebracht hat; weiter mit dem Wiedersehen von lieben Zwei – und Vierbeinern; dann ein kräftezehrender und mutlosmachender 10km-Lauf in Hannover mit fantastischem Unterstützungsteam; selbstgemachten Geschenken für den nächsten Winter in Norwegen; köstlichem Spargel und Sherlock Holmes; Tierparkbesuch und lukullischem Zeltabenteuer mit Lagerfeuer und super Laune und schließlich die gemütliche Fährfahrt zurück ins mittlerweile grünblühende Oslo. Danke Euch allen für eine tolle Zeit!

Nun aber zurück zur Arbeit!

Wir sind doch nicht zum Spaß hier heute, oben habe ich ein aktuell bestehendes Problem beschrieben:

Nur noch sieben Monate bis Weihnachten, was soll ich schenken?

Wenn man wie wir in einem fernen, fernen, fernen Land wohnt, bietet es sich immer an, landestypische Produkte zu verschenken. Weniger an die Freunde vor Ort, das wäre wohl ein bisschen überflüssig: „Oh, toll, ein Tasche mit norwegischer Flagge. Tu‘ ich mal zu den anderen.“, als natürlich mehr für Freunde und Familie in den heimatlichen Gefilden.

(Gefilden ist ein lustiges Wort, oder? So schön alt. Ich lese gerade zum x-ten Mal „Die unendliche Geschichte“ und das Buch ist voll von schönen, gutschmeckenden, alten Wörtern und Beschreibungen. Ich rate dringend allen, die das Buch noch nie gelesen haben, das umgehend nachzuholen. Dringend! – STOP! – Also natürlich erst hier den Blog zu Ende lesen, ja? … also mal ehrlich… Der Begriff Gefilde stammt übrigens vom althochdeutschen gifildi und bedeutet: Die Gesamtheit der Felder. Toll, oder? Und hat sich bis heute irgendwie erhalten.)

Souvenirs aus Norwegen ist also das Thema des Blogs und da stellt sich natürlich die Frage: Was schenkt man wem und warum? Ich bin gestern in Oslo unterwegs gewesen und habe eine kleine Auswahl möglicher und unmöglicher Landesgeschenke zusammengestellt. Diese lassen sich thematisch untergliedern – jawoll – und zwar wie folgt:

  1. Souvenir mit norwegischer Flagge
  2. Souvenir mit dem Schriftzug „Norge“, „Norway“, „Norwegen“, oder „Norvège“, gern auch in Chinesisch oder Arabisch.
  3. Souvenir mit Flagge UND Schriftzug für liebe beschenkte Mitmenschen, die die Flagge nicht erkennen.
  4. Souvenir mit Schriftzug „Oslo“ uni-lingual (ist das ein Wort? …moment…google…google…AHA! Naja, ok. Passt schon irgendwie)
  5. Souvenir mit Schriftzug „Oslo“ und der norwegischen Flagge. Dies zur Sicherheit für die geografisch unsicheren Mitmenschen, denen man ersparen möchte bei Empfang des Geschenks zu sagen: „Oslo, toll! Nach Schweden wollte ich schon immer mal…“
  6. Königliche Souvenirs
  7. Souvenir mit norwegischen Sehenswürdigkeiten.
  8. Souvenir mit Elch.
  9. Souvenir mit Troll.
  10. Souvenir mit zwei Elchen.
  11. Souvenir mit zwei Trollen.
  12. Souvenir mit drei…….

(Das könnte jetzt endlos so weitergehen, aber mir wird schon ganz schwummerig vom vielen „Souvenir“-tippen, also kürze ich das, Euer Einverständnis vorausgesetzt, mal ab.)

In diesen zwölf…meine Güte…ZWÖLF! Kategorien gibt es dann eine massige Auswahl an Produkten. Dem unentschlossenen Geschenkesucher bieten sich: Tassen und Teller, Becher und Gläser, Mützen, T-Shirts, Sweatshirts, Unterhosen und Socken, Taschen und Beutel, Gabel, Messer, Licht, Tischsets und Kerzenleuchter, Fingerhüte und Handytaschen, Kugelschreiber, Frisbeescheiben, Angelruten, Mondraketen, Düsenflugzeuge…

Gut, ich übertreibe. Zusammengefasst:

Eine Menge Schrott.

Schrott im positivsten aller Sinne. Schrott zärtlich gemeint. Doch, ehrlich, ich habe auch schon vieles davon gekauft, einfach weil es lustig ist. Okay, Schrott ist etwas harsch. Sagen wir: Unnützer Unsinn. Der aber lustig ist.

Die nächste Kategorie von Geschenken verzichtet darauf lauthals zu zeigen: „Hier ist Norwegen!“ und hat weder Flaggen noch Schriftzeichen. Trotzdem wissen alle: „Norwegen!“ oder wenigstens: „Skandinavien!“ Hierzu gehören: Felle, Wikingerhelme, angebliche oder tatsächliche Handarbeiten aus Norwegen wie Strickmützen, Handschuhe, Filzhausschuhe, Strickpullover, Strickjacken, Strickumhänge und eigentlich alles, was man mit Wolle und zwei oder fünf Nadeln zaubern kann. Außerdem auch komplette Babyeinkleidungen mit norwegischem Muster sowie Küchentextilien und T-Shirts. Für Hartgesottene bietet sich Fellbekleidung an. Mal ehrlich: So schneidig mit einer hellbraunen Waschbärmütze samt Ohrklappen auf dem Kopf durch die heimatliche Fußgängerzone von Pirmasens oder Buxtehude zu bummeln, das hat doch was!

Nun gibt es gerade bei dieser Kategorie immense Qualitätsunterschiede. Manche Sachen haben Qualität und manche…manche eben nicht. Aber da machen es uns die Verkäufer in Oslos zahlreichen Souvenirshops wunderbar leicht und das was teuer ist, ist es meistens auch wert. Hier mal ein Tipp am Rande: Die besten Souvenirshops in Oslo sind meiner Meinung nach am Holmenkollen und „Audhild Viken“ hinter dem Rathaus. Audhild Viken hat im Untergeschoss auch eine ganzjährige Weihnachtsausstellung, die das Weihnachtshaus in Drobak nach Luft schnappen lässt.

Wer mir mal etwas Gutes tun möchte, schenkt mir eine der wunderbar gewebten norwegischen Wolldecken, die es in zahlreichen Farben und Mustern gibt. Überhaupt ist die Mustervielfalt in norwegischem Strickgut einfach nur toll. An dieser Stelle verweise ich gern wieder auf meine Liebe zu Arne&Carlos, den beiden schrägen, norwegischen Strickkünstlern, die übrigens in Deutschland sehr erfolgreich sind.

Die letzte Kategorie ist „Norwegen lukullisch“ und besteht aus Produkten wie geräuchertem Lachs, Freia-Schokolade „Et lytt stykk Norge“, Trockenfisch, Elchsalami (nein, die gibt es nicht in vegetarischer Form, sorry), getrockeneten Elchherzen oder natürlich…stööööööhnnnn….GEITOST!

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Hier ein Tipp für alle Souvenirsuchenden (obwohl, das ist Euch bestimmt schon viel eher eingefallen als mir): Kauft norwegische Lebensmittel im Supermarkt und bringt sie mit nach Deutschland oder Österreich oder in die Schweiz oder wo immer auch Euer Zuhause ist. Erstens ist das so richtig ORIGINAL und außerdem…viel preisgünstiger. Und lustiger. Irgendwie. Und wenn nicht im Supermarkt, dann kauft es im duty-free-shop am Flughafen (in den kann man in Norwegen nämlich auch VOR der Abreise, nicht erst bei der Rückkehr) oder auf der Fähre.

Wer seine Familie und Freunde gern mit norwegischem Alkohol beschenken möchte, scheint wohlhabend zu sein und kann nur eines kaufen: Linjeakvavit. Der Kümmelbranntwein wird in Sherryfässern gelagert und reift 19 Wochen lang auf Schiffen, die den Äquator überqueren. Deshalb „linje“…er hat die Linie überquert. Linjeakvavit hat rund 40% und ist so typisch norwegisch wie…Geitost.

Und, meiner Meinung nach, genauso lecker…

Meine lieben Leser, hier endet unser kurzer Gang durch die norwegischen Souvenirläden. Falls jetzt Wünsche aufgekommen sind, schickt mir eine email und ich gucke, was ich machen kann. Versprochen. Doch, klar, für Euch mache ich doch fast alles.

FAST! Geitost kaufe ich nicht!

Es gibt wirklich schöne Souvenirs, die man sich aus Norwegen mitbringen kann, aber nichts ist schöner, als selber herzukommen und einfach zu gucken und das Land zu erleben. Vielleicht nicht gerade heute: der Schnee schmilzt in Rekordgeschwindigkeit und wir brauchen bald Boote, um einkaufen zu gehen. Einige Orte sind evakuiert, unzählige Straßen und andere Transportwege sind gesperrt und zur Schneeschmelze kommen nun auch noch gewaltige Regenfälle.

Super.

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Produktausflug: schreibt mir gerne, welche Souvenis Euch einfallen und die in meiner Liste fehlen. Ich mache mich jetzt auf zu einer weiteren Theaterprobe, die Stücke fürs Hausfest am 15.6. nehmen Gestalt an! Meine Grüße gehen in dieser Woche an meine Lauf-Freundin, Teestuben-Verbündete und Theatergruppen-Begeisterte Ines, die nach drei Jahren Oslo verlässt und nach Hamburg zurückkehrt. Alles Liebe für dich, du wirst mir fehlen! Sarah Jessica rocks!

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, guckt doch mal, was in Eurer Stadt typische Souvenirs sind und schickt mir ein Foto! Ansonsten habt Spaß, lockt den Sommer und für das morgige Champions-League-Finale schreibe ich etwas, dass ich fast selbst nicht glauben kann: Go FC Bayern!

Ha det bra,

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Ulrike

Fotosafari Oslo Teil 3: Frogner ODER Wir sprengen uns eine Tiefgarage

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Nein…das stimmt nicht…Moment mal…das kann doch nicht…ja, doch da steht es…ich drehe ab…da denkt man die ganze Zeit…und dann plötzlich…wie soll denn das gehen…es war doch mein „Hood“…hm, auf dieser Karte sieht es wieder anders aus…aber hier steht es eindeutig…Sorgenfrigata 10 A…Stadtteil: Frogner.

FROGNER?!

Guten Morgen, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Es ist Freitagmorgen, der Frühling ist da, die Sonne strahlt, doch über meinem Kopf schwebt eine kleine dunkle Wolke. Da töne ich seit Wochen, wie gut uns unsere Nachbarschaft gefällt, und wie wir UNBEDINGT in Majorstuen bleiben wollten. Einen ganzen Artikel habe ich diesem Ortteil gewidmet. Und was muss ich vorgestern feststellen? Beim Checken im Internet?

(Warum mache ich das auch? Internet, völlig überbewertet, ich lebe ab sofort „Motto Mittelalter“ und lese nur noch Bücher. Jawoll. Ist doch wahr. Ist genauso wie mit der Internetsuche für Krankheiten. Da startet man „leichte Bauchschmerzen“ zu googlen und legt sich hinterher sterbebereit aufs Sofa. Internet. Überbewertet. Ihr bekommt jetzt meine Artikel jeden Monat per Post. Ging doch früher auch!!! Blödes Internet. Dumm nur: Ich bin ein Internetjunkie. Mini-Junkie. Auf eine einsame Insel würde ich nur gehen, wenn sie da Wlan hätten. Teufelskreis. Wo war ich?)

Also, was lese ich im Internet?

„Sorgenfrigata 10A, Bydel: Frogner.“

Natürlich habe ich sofort weiter recherchiert und fand zwei unterschiedliche Informationen: Manche beschreiben den Stadtteil („bydel“) Frogner als Frogner eingegrenzt von Madserut Allee im Westen, Frognerstranda im Süden, Parkveien im Osten und GANZ ENTSCHEIDEND: Frognerveien und Gyldenløves gate im Norden, MEILENWEIT entfernt von unserer Straße. Nach anderen Informationen allerdings ist Frogner eine Art Stadtbezirk, bestehend aus Teilen von Majorstuen (pah!), Briskeby, Uranienborg, Skøyen und Bygdøy und dem eigentlichen Frogner. Nun ist diese Informationsquelle leider nicht irgendein verwirrter Stadthistoriker, der die Grenzen von 1487 zugrunde legt. Es ist die hochoffizielle Seite der Stadt Oslo.

Frogner also.

Nicht, dass wir etwas gegen Frogner haben. Wir wollten da eben nur nie wohnen, weil uns das tiefste Frogner eben viel zu versnobt, reich und elitär erscheint. Ok, nun wollen wir mal nicht so tun, als sei Majorstuen der Stolz der Arbeiterklasse, aber irgendwie ist es hier ein bisschen „edgy“, gemischter, weniger konform. Dafür besitzt Frogner einige der wohl schönsten Straßenzüge in ganz Oslo.

Nun frage ich mich, ob Euch das alles eigentlich interessiert. Da werfe ich mit Begriffen und Straßennamen um mich und Ihr denkt wahrscheinlich: „Häh?“ oder „Bitte?“ (außer meine Leser in Oslo natürlich!) Ich bin also losgezogen, damit Ihr Euch ein Bild machen könnt von Frogner. Dem eigentlichen Frogner. Dem exklusivsten Stadtteil Oslos. Without further ado folgt nun also eine weitere Fotosafari:

Willkommen in Frogner!

Begonnen habe ich meine Fototour auf der Grenze zwischen Briskeby, Uranienborg und Frogner. An der deutschsprachigen Gemeinde in Oslo, die ich schon so oft erwähnt, aber noch nie gezeigt habe. (Idee: Blog über Gemeinde!) Nach einem kurzen Morgenplausch mit meiner Freundin Daria, die auch gleichzeitig Gemeindesekretärin ist, ging die Safari los.

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Voila: Die evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Eilert Sundts gate.

In derselben Straße, einige Häuser weiter, hat sich vor einiger Zeit einer der wohlhabensten Männer Norwegens niedergelassen, der Familie gehört unter anderem der REMA1000-Konzern, die norwegischen Albrechts sozusagen. Nun ist das Parkangebot in Frogner nicht überwältigend gut und was macht man, wenn die Parkplätze nicht ausreichen und auch die Garagen schon voll sind?

Man sprengt sich eine Tiefgarage.

Klar, mache ich auch immer so.

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Der Verkauf dieser Villa ging 2009 durch die Medien, denn Ole Robert Reidan, Sohn des Konzernchefs, hatte einen wahren Deal errungen: Für die Hälfte des ursprünglich gefragten Preises erstand der Multimilliardär seinen neuen Familienbesitz! 50% gespart hat er und nur 39, 5 Millionen Norwegische Kronen bezahlt. Schnäppchenalarm!!!! Nur 5 Millionen Euro! (Quelle: http://www.dn.no/privatokonomi/article2539253.ece). Aus den eigentlich fünf Wohnungen entstand eine durchgehende Wohnfläche, außer der Tiefgarage wurde auch ein Fahrstuhl eingebaut. Im Januar 2013 gab es allerdings Radau: Sie warteten immer noch auf Rechnungsbegleichung der 8 Millionen Kronen, schrieb die ausführende Elektrofirma, dank derer Herr Reidan nun nicht zu Fuß die Treppen erklimmen muss, sondern den Lift benutzen kann. 8 Millionen NOK seien vielleicht für Herrn Reidan eine Kleinigkeit, für eine mittelständische Elektrofirma aber wesentlich! Die Parteien treffen sich in Kürze vor Gericht.

Nun erwartet bitte nicht zu jedem Haus in Frogner eine Geschichte, im Gegenteil, die folgenden Bilder kommen fast ohne Kommentar!

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Nach der Jagd auf wunderschöne Jugendstil-Architektur brauchte ich einen Kaffee. Ich wollte schon immer mal die Kaffeebrenneriet am Elisenberg ausprobieren, also nichts wie hin da!

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Kurze Zeit später saß ich mit einem Café Latte im Sonnenschein auf der Terrasse und beobachtete Leute. Frogner-Leute. Irgendwann fiel mir ein Muster auf. Ich begann Dinge zu notieren und kann Euch nach eingehender Studie von ungefähr 30 bis 40 Studienobjekten mitteilen, wie man sich kleiden muss, um in Frogner nicht aufzufallen.

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Bei Damen ist die Kombination Parka-Laufhose-Turnschuhe der Favorit, während sich die Männer in Barbour-Jacken hüllen, den Hals mit einem zerknautschten, aber teueren Halstuch umschlingen und die Füße in Chucks werfen. Die Pilotenbrille darf nicht fehlen, natürlich.

Nach dieser interessanten anthropologischen Exkursion, die ich so allerdings auch in Majorstuen hätte machen können, ging es zurück zum eigentlichen Plan: Frogner. Hier weitere Impressionen:

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Die Bjørknes-Privatschule neben der Kaffeebrenneriet…

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…nette Restaurants und Geschäfte…

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…ein Geschäft bietet Designer-Türen für IKEA-Küchen….

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…Jürgen????…..

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Café Fedora, das amerikanische Café in Oslo…

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…das Gimle Kino, ein Programmkino mit tollen Filmen. Hier waren wir zur Premiere von „Gnade“ und trafen auf Jürgen Vogel.

Auch die Nationalbibliothek und das Nobel-Institut liegen in Frogner, ebenso wie fast alle Botschaften oder Botschaftsresidenzen…

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…hier „meine“ Botschaft in der Oscars gate, auf der Grenze Uranienborg/Frogner…

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…und die Residenz des US-Botschafters.

Hier übrigens einer meiner Lieblingsplätze in Frogner, das Foto poste ich mit „lieben Grüßen übern Park!“:

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Mein Spaziergang neigt sich langsam seinem Ende entgegen. Fast zwei Stunden bin ich durch den oberen Teil von Frogner gewandert, den unteren Teil machen wir beim nächsten Mal :). Schön ist es hier, ohne Frage und edel auch. Manchmal ein bisschen zu konform für meinen Geschmack, die häufig homogenen Häuser scheinen sich in den teilweise homogenen Bewohnern wiederzuspiegeln. Aber das ist vielleicht auch nur ein Vorurteil. Zum Schluss noch ein paar gemischte Impressionen, bevor ich mich für heute von Euch verabschiede!

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Himmel über Frogner

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Frogner – wo die Götter wohnen?

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Fürs Personal: „Kücheneingang 3a und 3b“

Das war es für heute, meine lieben Leser, ich hoffe, Ihr hattet ebensoviel Spaß an diesem Frühlingsspaziergang wie ich! Überall fängt es an zu blühen und zu knospen, vor meinem Fenster baut sich eine Taubenfamilie ein gemütliches Nest und die Tage werden endlich wärmer. Das perfekte Wetter um noch weitere Stadtteile zu erkundschaften! Das aber erst ab Mitte Mai, denn erstmal fahren wir nach Deutschland. Wer am Sonntag, dem 5.5. noch nichts vor hat: Kommt nach Hannover und jubelt mich beim 10km-Lauf an. Bei meinem momentanen Trainingsstand sind auch Träger sehr willkommen! Wie immer werden wir nicht alle besuchen können, das ist eben so, nehmt es bitte nicht persönlich! Der Blog hat ebenso Urlaub wie ich und wir freuen uns, Euch am 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, erneut zu sehen!

Bis dahin: Habt eine schöne Zeit, genießt den Frühling und lasst es Euch gut gehen! Meine besonderen Grüße gehen diese Woche an Daria, einfach nur mal so 🙂

Ha det,

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Ulrike

Justin Bieber is in town!!! ODER Warum in Oslo der Bus nicht fuhr.

thelocal.no

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Oslo ist auf dem Weg der Besserung. Der Busverkehr läuft normal, die Polizei widmet sich Taschendieben und Mördern, die kreischenden Mädchen sind zurück in der Schule und an Tjuvholmen können Touristen und Einwohner in Ruhe Kaffee trinken. Die Stadt hat den größten Schock des Jahres überwunden. Justin Bieber ist abgereist.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Lange habe ich überlegt, ob ich mich diesem Thema widmen soll, aber da die Nachrichten über „das Konzertereignis 2013 in Europa“, drei Justin-Bieber-Konzerte in Oslo, schon bis nach Deutschland gedrungen sind, konnte ich nicht widerstehen.

Justin Bieber also.

Gibt es irgendwen, der von dem kanadischen Jungenwunder noch nicht gehört hat? Dann hier eine Kurzbeschreibung: Justin Bieber, 19 Jahre alt, kanadischer Sänger, bekannt geworden übers Internet.

@Universal Music Norway

@Universal Music Norway

Das Problem ist: Ich kann mir so gar kein Urteil über ihn erlauben, da ich außer seinem Gesicht auf Kissen oder Unterhosen nichts von ihm weiß. ABER: Ich kann mich ja bilden. Und zwar live, jetzt hier mit Euch. Es folgt also live aus Oslo, um 12.42 Uhr Ortszeit: Ulrike hört den ersten Song von Justin Bieber. Als erstes: Youtube aufrufen…J u s …ok Youtube weiß sofort, was ich will. Ich klicke auf „Justin Bieber“. – Oh Gott, ob ich jetzt für immer und ewig im Internet gespeichert bin als Bieber-Sucher?? Hilfe! Kann man hier irgendwo eine extra Bemerkung eingeben wie: „Ich suche das aus professionellen Gründen?“ oder „Haha, nur ein Scherz!“, bitte? Nee, geht nicht. OK. Egal.

Welchen Song nehmen wir denn? „As long as you love me“ steht zur Auswahl, „Boyfriend“ oder „Beauty and a beat“. Diese Poetik. Doll. Aber ich will ja ganz offen rangehen. Der Junge sieht nach nichts aus, da muss doch wenigstens die Musik gut sein, oder? Also ich nehme……„As long as you love me“…los geht’s!

Okay.

Oh.

Ohweh.

Ohwehohwehohwehautsch.

Ich bin mir nicht sicher: Ist er vor oder nach dem Stimmbruch? Warte, 19 Jahre alt, nee das sollte erledigt sein, ok, gut, manche Männer haben eben hohe Stimmen.

Männer…kicher.

Also, mein erster Eindruck: Zähne zu weiß, Lächeln zu nett, Bescheidenheit zu gespielt, aber alles in allem – es gibt Schlimmeres. Das Video ist von den Teen Awards in Großbritannien und Justin singt unplugged und live, nur von einer Gitarre begleitet. „As long as you lo-lo-lo-lo-love me…“ und ab geht’s in die hohen Töne wie ein Affe auf die Palme. Immerhin kommt er oben an. Wo sind meine Sängerfreundinnen, wenn ich sie brauche? Für mich hört sich das ganz okay an, Pavarotti wird er nicht, aber naja wie gesagt – es gibt Schlimmeres. Lied ist sterbensöde, wechseln wir mal zum nächsten Lied auf der Liste.

„Boyfriend“.

Hm.

Oha.

Ohahahaha.

Nun rappt er.

Oho.

Oh…der TEEEEEEEXTTTTTT!!!!

„Swag, swag, swag on you/Chillin‘ by the fire while we’re eatin’ fondue”. Als Rap. Ich liege lachend auf dem Schreibtisch. Wunderbar. Wer textet das um Himmels Willen? Aber ich gebe nicht auf, aller guten Dinge sind ja drei und ich wähle nun ein letztes Lied aus, nämlich „Beauty and a beat“, einfach weil der Titel so unterhaltsam ist.

Ok, ich begreife langsam ein Muster. JB (so nennen ihn seine Fans, jahaaa, ich kenn mich aus!) startet immer mit etwas Gestöhne, was verständlich ist bei dem Text, den er gleich singen muss. Dann folgt ein bisschen „oh-ho-oh-youhou“, ein weiterer Versuch, dem Text zu entgehen. Dieser Song ist von seinem Akustikalbum und ja, ist doch ganz nett. Oder um einen Fan zu zitieren: „I am a guy (straight) and (…) his acoustic album is very good“. Jungen müssen sich also als heterosexuell deklarieren, wenn sie Justin Bieber hören. Was ein nicht ganz dummer strategischer Zug ist, denn wie kann man das Herz eines Mädchens schneller gewinnen, als die Musik ihres Idols zu kennen? Vielleicht sogar zu singen? Wie romantisch. Aber ganz ehrlich: Es gibt schlimmere Musik. Diese hier schwingt harmlos durch die Gehörgänge, manches bringt den Fuß zum Wippen,  nichts beleidigt, nichts begeistert, es ist wunderbar nichtssagend. Finde ich. Auf jeden Fall scheint es den Nerv und das Herz vieler Teenager zu treffen. Das kann Bach nicht von sich behaupten. Immerhin.

Beschäftigen wir uns kurz mit den weiblichen Fans, die in der letzten Woche die norwegische Hauptstadt übernommen haben. Viele kamen mit ihren Müttern, was zwar irgendwie uncool ist, aber in der Altersgruppe gesetzlich vorgeschrieben. Um ihrem Idol so nahe wie möglich zu sein, haben sich Mädchen in allen drei großen Hotels in Oslo ein Zimmer gebucht und dafür ihre Ersparnisse oder ihr Konfirmationsgeld aufgebraucht. Bereits um 7.30 Uhr morgens standen sie im strömenden Regen vor der Telenor –Arena in Fornebu, um die besten Plätze in der Halle zu bekommen. Mein Außenkorrespondent Martin berichtete live jeden Morgen davon auf seinem Weg ins nahe gelegene Statoil – Büro. Polizei und Rotes Kreuz waren in Alarmbereitschaft und kreischende Mädchen gehörten für drei Tage zum Stadtbild. Sie kamen mit Shuttlebussen aus ganz Norwegen angereist, und fürchteten sich nur vor einem: Dass das Konzert und ihre Begegnung mit JB vorüber ist.

Ohje.

Ich bin definitiv zu alt für sowas. Wie mit der Hoffnung der Mädchen, ihr Idol wirklich zu treffen, gespielt wird; wie diese Hoffnung in jedem Song, in jedem Fan-Artikel vermarktet wird; das finde ich unglaublich. Unverantwortlich. Unverschämt. Warum es funktioniert? Ich habe nicht die geringste Ahnung. (An dieser Stelle freue ich mich über Kommentare von Bieber-Fans, die mir das mal erklären!) Aber ich bin ja auch nicht 13. Wahrscheinlich steckt dahinter viel mehr, ein soziales Dilemma, ein Bedürfnis nach Nähe und Liebe und so.

Naja, oder auch nicht.

Vielleicht besitzt Justin eine magische Ausstrahlung, die Mädchen einfach in seinen Bann zieht. Ich suche mal ein Interview. Moment. Ah, da ein ganz langes Interview aus Chicago. Talkshow-Königin Oprah Winfrey interviewt Justin Bieber. Dann mal los.

Nein, geht nicht, ich muss ausschalten. Ein Interview mit Justin Bieber geführt von Oprah Winfrey ist einfach zuviel für mich. Ich lerne allerdings: JB ist der am meisten gesuchte Begriff bei Google, er hat 30 Millionen „followers“ bei twitter, verdient über 100 Millionen Dollar jährlich und all das, weil seine Mutter ein Video ihres 12jährigen Sohnes auf youtube gepostet hat. Scooter Braun, Musikagent, entdeckt die Videos, reist nach Kanada und der Rest ist Geschichte. Oprah Winfrey nennt Bieber in einem Atemzug mit Elvis, den Beatles und Michael Jackson. Der Superstar seiner Generation. Das Ausmaß seines Erfolgs ist unglaublich und so sehr ich auch versuche, mich darüber lustig zu machen: Er ist ein globales Phänomen. Mit einem verdammt intelligenten Marketingteam. Ich frage mich, wann er Zeit und Ruhe hat, die ganzen Dinge zu erleben, von denen er in höchsten Tönen singt. Fans, Medien, Manager ziehen und zerren an ihm, wollen ihn als Sexsymbol, Popstar und Verkaufsschlager. Lächeln soll er, sexy sein und immer schön die Haare schwingen und dann Texte wie „As long as you love me, we could be starving“ singen.

„You know girl, we know it’s a cruel world.“

Wohl wahr. Die Welt ist brutal im Show-Business.

Ganz tief in meinem Innern regt sich so etwas wie Mitleid. Für einen Jungen, der momentan nicht raus kann aus dieser Welt, die ihn produziert hat und nun verfolgt und googelt, kritisiert und verhöhnt, bewundert und verlacht für etwas, das er vielleicht gar nicht ist. Für einen ganz kurzen Moment…

Schon vorbei!!!

Mal ehrlich, ist doch albern, worüber will sich ein 19jähriger beschweren, den Millionen von Mädchen sexy finden, der Tonnen von Geld verdient und die ganze Welt bereist? „I am really only a normal guy, who tries to fit in“, erklärt er Oprah, die anerkennend nickt. Oh biiiiiiitte! Einfach mal wieder in Ruhe essen gehen wünscht er sich.

Na, dann komm nicht nach Oslo, Justin! Hier klappt das unter Garantie nicht. Hier stoppt sogar eine ganze Buslinie, wenn du kommst. Bleib‘ lieber in den USA, okay? Or in Canada, eh?

Mit diesen weisen Worten will ich für heute enden, meine lieben Leser. Der Versuch, Euch und mich in Popkultur zu bilden, hat Spaß gemacht. Oder? Hallo? Ist überhaupt noch wer von Euch da, oder habe ich Euch alle verjagt? Ich bin jetzt wenigstens auf dem neuesten Stand und vielleicht sollte ich mir wirklich mal ein JB-Konzert angucken, was denkt Ihr? Darüber ließe sich bestimmt wunderbar bloggen!! Vielleicht nächstes Jahr!

Euch allen wünsche ich ein tolles Wochenende und eine schöne Woche. Wir gehen morgen zur Mathalle (Essenshalle, so eine Art Markt) in Grünerlokka und freuen uns auf dänische Delikatessen. Der Rest der Woche wird ruhig, ich übersetze weiterhin die spannende Krimistadtführung von Freund Benjamin in Berlin – ein echter Spaß! Meine Grüße gehen diese Woche an meine Freundin Silvi, die sich nach ihrer Handoperation auskuriert. Halt durch!!!

Lass es Euch gut gehen bis nächsten Freitag, erforscht mal ganz neue Dinge, bleibt immer offen und begrüßt den Frühling.

Ha det bra,

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Ulrike (und Justin)

Mein Reisetagebuch aus Trondheim oder Ich glaube, ich hab mich verliebt…

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Dreierbeziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Jaja, angeblich hatten Psychoanalyst Carl Jung und seine junge Patientin den halbherzigen Segen von Jungs Ehefrau Emma und angeblich lebte Autor Aldous Huxley fröhlich mit Ehefrau und Mätresse, aber diese rebellischen Ausnahmen von der bürgerlichen Norm bestätigen mich nur darin: Drei sind einer zu viel – und das stellt mich vor die entscheidende Frage: Oslo oder Trondheim?

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen und entschuldigt, dass ich mich Freitag,  an unserem Tag, nicht gemeldet habe. Ich saß laptoplos in Trondheim und habe meinen Tag mit Kaffee trinken, Museumsbesuch und Kino in meiner neuen Liebe verbracht.

Ja, denn ich muss gestehen: Ich habe mich verliebt.

In Trondheim.

Das ist besonders unangenehm, da ich ja Oslo im letzten Blog eine Liebeserklärung gemacht habe. Bin ich nun einfach eine verdammt untreue Seele? NEIN! Vielleicht lässt es sich so erklären: Oslo kenne ich viel besser und die Stadt ist mir natürlich viel näher als die Neueroberung, der Two-Nights-Stand, Trondheim. Ich muss mich auch nicht entscheiden zwischen den beiden, denn es sieht nicht danach aus, als würden wir nach Trondheim ziehen. Alles also gar nicht so schlimm. Nun habe ich meine moralischen Urban-Sünden gebeichtet, mir Luft gemacht und nun kann es losgehen mit meiner Beschreibung der letzten drei Tage!

Dienstag, 2. 4. 2013, 22 Uhr, Oslo

Es gibt schönere Orte als den Osloer Hauptbahnhof um 22 Uhr, aber mit Cheesebites und Kaffee lässt sich das Treiben entspannt beobachten. Der Nachtzug Richtung Trondheim steht schon eine Stunde vor Abfahrt bereit, Hallelujah, und hinein da. Mir steht eine schlaflose Nacht bevor, aber nur halb so schlimm, es hat einen besonderen Reiz in frisch gestärkter Bettwäsche auf einem gemütlichen Etagenbett durch die Nacht zu ruckeln.  Und die Gedanken ruckeln gleich mit…

Ich reise gern. Nur  für ein paar Tage an einem Ort zu sein und ihn dann auf meine Art und Weise zu entdecken. Niemanden zu kennen, aber sich Orte zu schaffen, die langsam bekannt werden. Überall etwas Besonderes zu suchen und zu finden. Ganz viel will ich in die kommenden Tage stecken und bin jetzt schon hibbelig mir einen Stadtplan mit den Highlights bei der Touristeninformation zu holen. Abends werden dann die besichtigten Höhepunkte der Stadt abgehakt. Doch, wirklich, ich mache das. Da gibt es nicht zu rütteln. Es ist stärker als ich.

Ruckel, ruckel…Ich liebe es, unterwegs zu sein. Diese Stimmung auf der Fahrt, weg vom Alltag und seinen alltäglichen Problemen und Gedanken, aber noch nicht ganz da am neuen Ort. Irgendwie dazwischen. Und nirgends. Ruckel ruckel ruckel….Norwegen zieht an mir vorbei. Noch vier Stunden Fahrt. An Schlaf ist leider wirklich nicht zu denken, also lese ich, passend im Titel, Hape Kerkelings  „Ich bin dann mal weg“.

Mittwoch, 3. 4. 2013, 6.50 Uhr, Trondheim

Ich muss mir endlich wieder eine Brille anschaffen! Meine Augen taten heute Morgen, als wären ihnen Kontaktlinsen völlig unbekannt und so stehe ich mit knallroten Heulaugen auf dem Bahnsteig. Mein Elend wird von gutgelaunten Bauarbeitern gelindert, die, mit Körben voller Süßigkeiten bewaffnet, uns Neuankömmlinge begrüßen. Das ist ein Empfangskomitee nach meinem Geschmack.

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Noch habe ich keinen Blick für die Stadt, das Meer oder die schneebedeckten Hügel. Ich will ins Hotel und schlafen. Das Clariton Bakeriet ist unser temporäres Zuhause. In der umgebauten Bäckerei werden wir freundlich begrüßt und zu meinem großen Jubel ist tatsächlich schon ein Zimmer bereit. Ich sah mich schon bis um 12h heimatlos in Trondheim sitzen, aber nein, Zimmer 500…here we come! Nach einem erholsamen Schlaf bin ich bereit, die Stadt zu entdecken. Noch planlos ziehe ich in den sonnigen Vormittag, vorbei an flachdachigen, bunten Holzhäusern auf der Suche nach einem Café, denn ohne Kaffee läuft nichts. Meine Füße schon gar nicht. An einer Straßenkreuzung finde ich, was ich suche: Das Café Dromedar. Das über die nächsten Tage mein zweites Zuhause wird. Mein Fensterplatz erlaubt freie Sicht auf das Treiben der Stadt und ich frage mich, warum ich das hier jetzt schon so nett finde. Ich meine, mal ehrlich:  Ich gucke auf ein Rema 1000, den norwegischen Aldimarkt, eine Bushaltestelle und das imposante Gebäude der Danske Bank. Gaaanz toll, Ulrike, wirklich! Manchmal habe ich sie irgendwie nicht alle. Ich bestelle lieber noch einen Kaffee bei der Angestellten mit dem Dromedar-Tattoo am rechten Handgelenk. Ob die Angestellten hier gebrandmarkt werden nach Unterzeichnung des Arbeitsvertrages? Ich gebe mal vorsichtshalber ein großzügiges Trinkgeld und hoffe, die Ausbeutung der Arbeitskräfte zu stoppen. Obwohl sie eigentlich ganz fröhlich wirken.

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Jetzt aber, los! Wo ist die Touristeninformation? Ein Schild führt mich Richtung Torget, zum Markt. Hört sich vielversprechend an. Wie ein Trüffelschwein auf heißer Spur wandere ich los. Der Marktplatz ist unspektakulär, eingerahmt von Einkaufszentren, gelben Holzhäusern und….AHA, dort an der Ecke in einem orangen Haus…die Touristeninformation. 1:0 fürs Trüffelschwein! Beim Fotografieren der imposanten Statue auf dem Platz werfe ich einen ersten Blick auf die Kathedrale. Wie die genau heißt und wer das auf der Statue ist, weiß ich noch nicht, aber gleich bin ich schlauer. Voller Wissensdurst stürme ich die Touristeninformation.

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Das auf der Statue ist Olav Tryggvason, Wikingerkönig und Gründer Trondheims 997 n. Chr.  Lese ich kurze Zeit später und hake Nummer 18 in meiner neuen Broschüre ab.  Die Nidaros-Kathedrale verschiebe ich wegen der kurzen Winteröffnungszeiten auf den nächsten Tag. Bei einem zweiten Kaffee in einer charmanten Außenstelle des Dromedars in der Nordre Gate plane ich den heutigen Tag. Trondheim ist die ehemalige norwegische Hauptstadt, lese ich im Stadtführer, und bietet mehr als 1000 Jahre Geschichte. Sie ist die drittgrößte Stadt Norwegens mit knapp 180.000 Einwohnern und liegt im Bezirk Sør-Trøndelag an der Mündung des Nidelven, des Nid-Flusses. Trondheim ist Universitätsstadt und der Großteil der 30000 Studenten ist an der Technischen Universität Trondheim, der NTNU, eingeschrieben. Die umgebenden Wälder, der Trondheimfjord und der Nidelven, der die Stadt umfließt, geben der Stadt „a unique flavour of metropolitan life and undisturbed nature.“

Metropole und Wildernis  vereint? Ich bin gespannt.

Auf meinen Plan für heute kommt die Altstadt oder Bakklandet und Svartlamon, eine Ökostadt im Aufbau. Keine Ahnung was das bedeutet, hört sich aber irgendwie spannend an. Los geht es! Zu Fuß, das Wetter ist gut und ich laufe gern. Ein Blick auf meinen noch jungfräulichen Stadtplan weist mich nach Osten und ich wandere los. Nun bin ich nicht gerade für meinen Orientierungssinn berühmt. Nach 30 Minuten bemerke ich also erst, dass ich seit etwa 20 davon in die falsche Richtung wandere. Unter einer ökologischen Teststadt konnte ich mir zwar nichts vorstellen, aber ich bezweifele, dass Dönerbuden und Expressreinigungen, Videoshops und Sonnenstudios dazugehören.

AHA! Fehler gefunden, ich hätte an dieser Kreuzung hier…nee hier… nee Quatsch hier…also irgendwie bin ich falsch. Egal, wenigstens habe ich so den Stadtteil Buran auch kennengelernt, weiß, wo der Bus zum Flughafen abfährt, mache ein Foto von der Lademoen Kirche und gehe zurück. Bald stehe ich vor einer gigantischen Baustelle. Auf der anderen Seite soll die ökologische Siedlung auf mich warten, die mir langsam auf die Nerven geht.  Ökologisch hin oder her, ich habe jetzt keinen Bock mehr und überhaupt, wie doof ist das, meinen ersten Tag auf Baustellen und in unspektukalären Vororten zu verbringen. Ökostadt ade! Altstadt, ich komme.

Weise Entscheidung, denke ich wenige Kilometer weiter, als ich von gemütlichen Holzhäusern umrahmt einen ersten Blick auf die Kathedrale werfe.Im dritten „Dromedar“-Kaffee in Nedre Bakklandet  spendiere ich mir zur Belohnung wenigstens die Altstadt gefunden zu haben, einen weiteren Kaffee.

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Dann begebe ich mich auf die Suche nach einem DER Highlights der Stadt: Sykkelheis.

Nun lasse ich Euch einen Moment rätseln.

Allen Hildesheimern sage ich: Den sollten sie am Krehlaberg bauen!!

Hier noch ein Tipp:

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Ein Fahrradfahrstuhl, ja!

Genau habe ich das System nicht verstanden und leider konnte ich auch keinen Radfahrer auftreiben, der unbedingt diesen Berg hochwollte. Eine Schiene scheint Reifen und Fahrer den Berg hochzuschieben, wie man dabei allerdings die Balance halten soll, ist mir schleierhaft.  Lustig ist es auf alle Fälle. Der guten Aussicht wegen wanderte ich den Berg hinauf und sah, völlig aus der Puste, die Festung von Trondheim zum Greifen nah. Die stand zwar für heute gar nicht auf meinem Programm, aber wenn sie sich so aufdrängt…

Kurze Zeit später stehe ich bis zu den Knöcheln im Schlamm. Authentizität ist wichtig, scheint das Motto der Festung zu sein und vor 1000 Jahren gab’s ja schließlich auch keine Asphaltwege, oder?? Also, durch da und nicht gemeckert. Meine linke Socke ist schon mal nass. Das winterliche Tauwetter tut dem steilen Weg nicht wirklich gut und ich wandere über faulendes Gras und Schlamm dem Eingang entgegen. Immerhin ist die Besichtigung kostenlos. Will ich auch hoffen, ich habe immerhin schon ein Paar Socken geopfert. Die Aussicht von hier oben ist wunderbar und ich beschließe auf jeden Fall im Sommer wieder zu kommen, die Menge von Bäumen und Parks muss aus Trondheim ein grünes Meer machen.

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In der Nähe bewundert eine Familie den weißen Festungsbau. Deutsche, das erkenne ich sofort, von Kopf bis Fuss in Jack Wolfskin gekleidet. Die Deutschen und ihre Liebe zur Wolfs-Tatze ist ein in Europa einmaliges Phänomen. (Update vom 3. 10. 2013: Und fällt auch in Schweden auf. Seht hier!) Gut, die Franzosen mögen Quechua und die Skandinavier Fjällräven. Aber wie sich selbst die wanderfaulsten Deutschen von Kopf bis Fuß in Outdoor-Kleidung stürzen, sobald sie einen Sonntagsspaziergang im Stadtpark unternehmen, das ist einmalig. Und wiedererkennbar. Als ich noch leise in mich hineinlache, höre ich auf plötzlich auf Deutsch: „Entschuldigung, wissen Sie, ob das Kaffee heute noch öffnet?“ Erstaunt blicke ich den Jack-Wolfskin-Vater an und sage: „Nein, das weiß ich leider nicht.“ Als er sich dankend verabschieden will, frage ich: „Wie kommen Sie darauf, dass ich Deutsch spreche?“ Lächelnd antwortet er: „Wegen Ihrer Handtasche. Jack Wolfskin tragen irgendwie nur Deutsche.“

Zack!

Zurück im Hotel versorge ich mich mit trockenen Socken. Den Abend habe ich für mich und beschließe ins Kino zu gehen. „Les Misèrables“ läuft im Nova-Kino, den wollte ich schon seit Ewigkeiten sehen. Ich liebe die Musik, habe das Musical in London gesehen und halte das Duo Boublil/Schönberg für so viel besser als Webber/Rice. Hugh Jackman und Anne Hathaway sehe ich beide gerne, wer sonst mitspielt, weiß ich gar nicht so genau, ich lasse mich überraschen. Das wird schön! Nach 10 Minuten Film muss ich sagen: Nein, das wird es nicht. Hugh Jackman spielt sich die Seele aus dem Leib, singt dabei aber noch ganz verständlich, auch wenn das Rotzen teilweise etwas stört. Mit dieser Darstellung erinnert er mich eher an Wolverine, dessen Adamantium langsam und schmerzhaft schmilzt, als an Jean Valjean. Anne Hatheway treibt mich zu Tränen und bekam ihren Oscar anscheinend auch für ihren Mut derartig roh in die Kamera zu singen. Mir standen die Haare zu Berge, wow. Und dann kam die Überraschung des Abends, der Schreck aus down under, der Gladiator der Nicht-Sänger: Russell Crowe als Javert. Ich muss das nochmal schreiben: Russell Crowe als Javert. Er tut mir fast leid.

Ich kämpfe mich durch den Film, heule am Ende dann doch und nur die urplötzlich reinknallende Saalbeleuchtung erlöst mich aus diesem Alptraum. Ich wackele zurück ins Hotel und Martin und ich lassen den Tag gemeinsam ausklingen. Gute Nacht, Trondheim!

Donnerstag, 4. April 2013, Trondheim

Das Frühstück ist köstlich. In der alten Backstube ist der Speisesaal des Hotels untergebracht, alles ist lichtdurchflutet und freundlich. Trondheim zeigt sich auch in bester Laune, die Sonne strahlt. Ich habe mich von Les Misèrables erholt und freue mich auf die Kathedrale. Martin ist begeistert von seinem Workshop und beschreibt den wunderbaren Ausblick vom Statoil-Büro direkt auf den Trondheim-Fjord. Er schlägt mir vor, das Rockheim-Museum zu besuchen, aber mir ist heute eher nach Geschichte. Wir verabreden uns für abends im Hotel. Gestern habe ich überlegt, ob ich immerzu unterwegs sein könnte. Ja, unter einer Bedingung: Martin wäre dabei.

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Speisesaal im Clariton Bakeriet /nordicchoicehotels.no

An der Wetterfront gab es eine Überraschung – aus dem strahlenden Sonnenschein ist dicker Schneefall geworden. Ich gehe zurück aufs Zimmer, um doch die Winterstiefel anzuziehen. Kurze Zeit später stehe ich im strahlenden Sonnenschein, ohne Schnee, auf der Straße. Es ist April, aber so richtig. Egal, lasse ich die dicken Botten eben an. Mein erster Weg führt mich direkt ins Dromedar und als ich an meinem Stammplatz am Fenster sitze, passiert etwas Merkwürdiges: Ich habe das Gefühl, ich wäre schon ewig hier in Trondheim. Alles wirkt vertraut und, ja , ein bisschen wie Zuhause. Verrückt, ich bin doch erst einen Tag hier. Die Stadt erinnert mich in ihrem Aufbau und ihrer Größe, der Lage am Wasser mit den schneebedeckten Hügeln dahinter ein bisschen an Victoria in Kanada. Vielleicht deshalb das heimelige Gefühl.  Trondheim hat definitiv etwas, das mich anspricht. Mehr als Oslo, mehr als Stavanger. Hier passe ich irgendwie hin.

Nun aber Kultur. Auf zur Kathedrale!

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Die Kathedrale und ihre Winteröffnungszeiten warten auf mich. Ambitioniert kaufe ich gleich ein Kombiticket, um die Kathedrale, den Erzbischofspalast und die Kronjuwelen in einem Rutsch abzuarbeiten. Die Kathedrale liegt auf dem Südteil der Midtbyen-Halbinsel, gegenüber der Altstadt. Im Mittelalter und von 1818 bis 1906 war sie die Krönungsstätte norwegischer Könige. Danach wurde die Krönung als veraltet abgetan und der entsprechende Paragraph aus dem norwegischen Grundgesetz gestrichen. König Olav V., Vater des jetzigen Königs Harald, nahm die Tradition der Segnung in der Kathedrale von Trondheim 1958 wieder auf. Auch König Harald und Königin Sonja ließen sich auf eigenen Wunsch 1993 in Trondheim segnen. Die Kathedrale ist beeindruckend, aber anscheinend bin ich heute nicht in Stimmung für dunkle Gebäude und graue Steinwände. Nach einer Runde bin ich wieder draußen. Es schneit dicke Flocken und ich rette mich in das Museum des Erzbischofspalastes. Hier sind Originalteile der Kathedrale zu bewundern und der Ausbau der Kathedrale wird anschaulich dargestellt. Nächster Stop: Kronjuwelen.

Ich weiß ja nicht, ob Ihr es schon wusstet, aber ich liiiiiiebe Königshäuser und den damit verbundenen Pomp und Klatsch. Nun also vor den norwegischen Regalien zu stehen, ist aufregend für mich.

Ja, ja, ich weiß, ich hake ja auch Sehenswürdigkeiten in Stadtführern ab.

Die Herrschaftszeichen Norwegens bestehen aus drei Kronen (für König, Königin und Kronprinz), zwei Zeptern und Reichsäpfeln, dem Reichsschwert und dem Salbungshorn. Fotos darf ich nicht machen, aber die wären in der schummerig beleuchteten Museumshöhle wohl eh nichts geworden. Die Kronen sind wunderschön, die Königskrone mit Amethysten, einem Topas und vielen Perlen verziert. Die Krone der Königin ist kleiner und mit 1578 Perlen verziert.

Ich habe nachgezählt, na klar!

Mein Abschied vom Museum fällt schwer – draußen tobt ein mittlerer Schneesturm.

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Aber das Museum schließt in 30 Minuten, also raus in den Schnee. Nach wenigen Minuten kehrt die Sonne zurück und ich wandere beschwingt weiter durch die Stadt. Richtig erkunden kann man einen neuen Ort wirklich nur zu Fuß. Nur so ist man richtig spontan. Ich wandere am Rathaus vorbei, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schloss in Oslo hat und stoppe kurz bei der Go’dagen-Statue am Marktplatz. Meinem Stadtführer zufolge stand eine Frau Modell, die nach Trondheim kam, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nachdem sie in Ruhestand war, verbrachte sie ihre Tage gern am Marktplatz und begrüßte alle, die an ihr vorbei kamen, mit einem freundlichen „God dag!“ Den Namen der Frau konnte mir niemand sagen. Ich nenne sie also Fru Ella, weil mir das gut gefällt. Trondheim hat sich mittlerweile in einen schneebedeckten Traum verwandelt und ich beschließe ein bisschen wandern zu gehen. Es soll einen wunderschönen Spazierweg im Stadtteil Ila geben, also springe ich spontan in einen Bus und lasse mich überraschen.

In Ila schneit es so dicke Flocken, dass ich den Fluß, an dem der Wanderweg entlangläuft, gar nicht erkennen kann. Aber ich höre ihn neben mir gluckern und stapfe durch die Winterpracht. Die Leute müssen denken, ich habe einen an der Waffel. Aber ich hatte ein Bild mit einer Holzbrücke in einem Park gesehen und die will ich jetzt finden.

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Ein wirklich toller Weg, der im Sommer eine wahre Freude sein muss, ebenso wie der Park in Ila. Eine Gruppe von Vorschülern und ich haben auf jeden Fall viel Spaß am Schnee und beim Rutschen auf der eisglatten Treppe. Oben angekommen habe ich, vermutlich, einen tollen Ausblick auf den Fjord, leider sehe ich außer tanzenden Schneeflocken gar nichts. Ich rutsche vorsichtig die bergige Straße herunter und werde von einem Jogger überholt, der sich sicher auf dem rutschigen Untergrund bewegt.

Angeber!

Für heute ist es genug. Zurück geht es ins Hotel, wo erst selbstgemachte Waffeln und dann ein leckeres Abendbüffet warten. Alles im Preis inbegriffen. Tolles Hotel, ich sag es ja. Morgen plane ich das Trondheim Museum, die Hurtigruten und einen kleinen Shoppingtrip mit Martin ein. Abends gehen wir ins Kino und essen. Um 23 Uhr geht unser Zug nach Oslo. Für heute: Gute Nacht, Trondheim!

Freitag, 5.4. 2013, immer noch Trondheim

Happy Birthday Britta!! Ich schicke schon mal telepathische Geburtstagsgrüße an meine liebe Freundin nach Hildesheim. Geburtstagswetter herrscht auch: Sonne pur!! Fast verwerfe ich den Museumsplan, denn das Wetter lockt mehr zum Wandern. Nach einem obligatorischen Kaffee im Dromedar, führt mich der Weg aber zum Hafen. Die Hurtigrute, das kultige Postschiff, das die norwegische Küste entlangfährt, legt um 12 Uhr von Trondheim ab. Da muss ich doch ein Foto machen. Die Hafengegend um Brattøra ist eine große Baustelle, die Ausschilderungen kompliziert, aber irgendwann stehe ich vor dem rotweißen Postschiff mit dem Namen Kong Harald. Seit 1893 verbindet die traditionelle Postschifflinie auf über 2700 Kilometern die Orte an der norwegischen Westküste. Längst sind die alten Postschiffe zur Touristenattraktion geworden und befördern nun neben Post und Waren auch Passagiere. Ich sitze im strahlenden Sonnenschein auf dicken Felsen am Strand und genieße die Aussicht und winke der Kong Harald bei der Abfahrt zu.

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Ein älterer Herr steht samt Fahrrad am Kai und winkt ebenfalls dem Schiff nach, als es gemächlich den Hafen verlässt. Jeden Tag tue er das schon, erzählt er mir. Man brauche eben Rituale und das hier wäre seins. Einmal hätte er die Reise gemacht auf der Hurtigrute gen Norden und wüsste, wie viel Schönes die Passagiere sehen werden. Damit radelt er davon und lässt mich mit meinem Fernweh allein. Ich will auch sofort auf das Schiff!!!

Stattdessen wandere ich ins Trondheim Kunstmuseum. Der untere Teil des wird gerade für eine neue Ausstellung vorbereitet, für den halben Preis komme ich also in den Genuss der zweiten Etage, wo gerade Werke der deutschen Künstlerin Mariele Neudecker ausgestellt werden. Der Ausstellungsraum begrüßt mich mit einem Lichterspiel, das den ganzen Raum erstrahlen lässt. Die Kunstwerke sprechen mich an, sind teilweise amüsant, anrührend, verwirrend. Das Konzept der Ausstellung ist klar und verständlich,  besonders gefällt mir das Nebeneinander von Alter und Moderner Kunst. Um das Finden von Gemeinsamkeiten gehe es dem Museum, informieren mich die Schilder zu den Themen „Macht“, „Landschaft“ und „Auge“.

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Mariele Neudecker 400 Thousand Generations

Ich treffe den Kurator Pontus Kyander im Treppenhaus und er entschuldigt sich für die Umbauten. Ich erkenne ihn wieder aus meiner Touristen-Abhak‘-Broschüre, er ist wie ich ein großer Dromedar-Kaffeehaus- Fan. Das erwähne ich natürlich nicht, sondern bedanke mich für die interessante Ausstellung und verspreche wieder zu kommen.

Dass ich nach Trondheim zurückkomme, steht außer Frage. Ich will diese Stadt, die mir so ungewöhnlich vertraut ist, unbedingt im Sommer erleben.  Ich will die Mönchsinsel besuchen und das St.Olafs-Festival, will die Kathedrale inmitten blühender Bäume sehen und in der Altstadt einen Kaffee vor dem Dromedar trinken. Martin teilt meine Meinung glücklicherweise und wir planen abends beim Inder unseren Sommerbesuch. Vielleicht auch einen Frühlingsbesuch. Und einen Herbstbesuch natürlich. Für jetzt aber heißt es nach drei Tagen aber leider: Tschüß, Trondheim! Bis ganz bald!

Als ich einige Stunden später im Schlafwagen schlaflos durch die Nacht ruckele, mag ich mein Leben mal wieder so richtig: Viel unterwegs sein, immer neue Dinge entdecken, das Ganze mit Martin zu teilen und hinterher darüber schreiben und es mit Euch teilen zu können. Und Oslo erklären, dass sie nun eine Nebenbuhlerin hat, das schaffe ich auch noch. Vielleicht haben Dreierbeziehungen ja doch einen guten Ausgang.

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Das war es für heute, meine lieben Leser. Ein langer Blog ist es geworden, ich hoffe, Ihr habt es bis hierhin geschafft! Solltet Ihr nach Norwegen kommen, besucht Trondheim auf alle Fälle! Ich bleibe nun ein paar Wochen in Oslo, bevor wahrscheinlich im Mai die Fähre nach Deutschland für einen kurzen Trip ablegt. Euch allen wünsche ich eine schöne Woche, lass es Euch gut gehen und habt einfach mal Spaß!

Meine Grüße gehen in dieser Woche an Imke und Kai in Hannover, ich drücke Euch und hoffe, dass ich Euch ein wenig zum Lachen gebracht habe.

Ha det,

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Fru Ella und ich

Ulrike

Brief an meine neue Heimat ODER 365 Tage in Oslo – Ein Rückblick

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Liebes Oslo,

wir haben heute Jubiläum. Du und ich. 365 Tage leben wir schon zusammen.

Ein ganzes Jahr.

Wow, oder?

Weißt du noch, wie wir vor einem Jahr hier ankamen? Es schneite und ich konnte es nicht fassen, denn in Frankreich hatte der Schnee schon im Dezember seine Sachen gepackt und sich verpieselt. Wir schoben unsere Koffer um den Bahnhof herum, auf der Suche nach einem Taxi. Kurze Zeit später kamen wir an Middelthunsgate 25C an. Unserem neuen Zuhause.  In der völlig leeren Wohnung haben Martin und ich uns angegrinst, froh, endlich hier zu sein.

Und dann ging es los und ich kann nur sagen, Oslo, dass du es uns leicht gemacht hast. Oder immer noch machst. Sprache, Menschen, Orte – alles war so schnell zugänglich.

Gleich in den ersten Tagen haben wir gemerkt, dass Englisch ausreicht, um sich in jeder Situation zu verständigen – na, da fiel mir ein Stein vom Herzen, das kann ich dir sagen. Schon war alles viel problemloser. Aber ich habe mich auch mit deiner Sprache angefreundet und nach wenigen Wochen kristallisierten sich aus dem „snögeldags“-Misch erste verständliche Worte heraus. Jubel!

In der ersten Woche führte mich mein Weg auch gleich in die deutsche Gemeinde, und Oslo, ich sage dir, das war eine gute Entscheidung. Ich stand etwas verloren im Gemeindesaal, wurde aber von Friedbert Baur gleich so herzlich begrüßt, dass alles gut war. Als hätte ich geahnt, dass die Gemeinde der perfekte Anlaufpunkt war, haben wir in den kommenden Monaten tolle Menschen kennengelernt. Nicht nur Deutsche. Auch Norweger, Österreicher, Dänen.   In der Gemeinde, beim Kinderbibeltag, in der Theatergruppe und in der Teestube. Viele Deutschsprachige leben hier und über die Zeit hatten wir zu manchen Kontakt. Deutscher Stammtisch, Goethe-Institut, und und und…..manche habe ich sogar hier über diesen Blog kennengelernt.

Oslo, dich zu erkunden macht Spaß. Ich weiß noch, unsere erste Tour mit der T-Bane Richtung Frognerseteren. Blick auf den Fjord, Sonnenschein und von oben ein genialer Blick über die Stadt. Also dich. Wunderschön. Bygdoy ist einer meiner Lieblingsorte geworden und im Sommer mit der Fähre  zwischen den Inseln zu fahren, ist ein großer Spaß. Deine Museen sind klein, aber nach 5 Jahren Frankreich und regelmäßigen Besuchen im Louvre und Musee d’Orsay wäre es unfair, dich mit anderen Städten zu vergleichen. Du bist eben keine Kulturhochburg, aber dafür….

HAST DU DIE KÖNIGSFAMILIE!

Oslo, ich sage dir, das war ein Jubel, als ich König Harald und Königin Sonja das erste Mal live gesehen habe. Wahrscheinlich hast du kopfschüttelnd in deine Vororte gelacht, als du die Deutsche gesehen hast, die am 17. Mai ganz aufgeregt vor dem Schloss hin- und hergesprungen ist, als sich die Türen am königlichen Balkon geöffnet haben. Aber du musst schon entschuldigen, es ist das erste Mal für mich gewesen und ich bin eben eine Klatschtante.  Am selben Ort habe ich auch das norwegische Geburtstagslied „Hurrah for deg“ gelernt, dass im Juli aus vielen Kinderkehlen Richtung Balkon gesungen wurde, um König Harald zu gratulieren. Siehst du, Monarchie bildet.

Gebildet hast du mich auch in den letzten 12 Monaten.  Oder sagen wir, erzogen. Zu mehr Ruhe. Es muss eben nicht alles hopphopp gehen und wer bin ich, dass ich mich gegen eine ganze Stadt wehren will? Machen wir die Sachen eben ruhiger.  Neue Lebensmittel hast du mir gezeigt und ja, ich mag Lefzen und NEIN, ich esse immer noch keinen Geitost, da kannst du machen, was du willst. Eines der schönsten Dinge, die du mir gezeigt hast, heißt „Winternacht in Rondane“:

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@Kemedinger2011

Ein wahres Wunder ist es, dass du mich zum Joggen gebracht hast. MICH! Das hast du sehr geschickt angefangen. Erst hast du mir die unzähligen Jogger über den Weg geschickt, die den Frognerpark stürmen, sobald das Wetter besser ist. Irgendwann kam ich mir beim Spazierengehen echt albern vor. Dann hast du mich beim Zentrumslauf zuschauen und mitjubeln lassen. Und da auf einmal: ZACK. Wollte ich laufen. Und habe durchgehalten. Auch wenn du meine und Martins Nerven in den kommenden Monaten strapaziert hast, denn, was du nicht wissen konntest: Ich bin nicht lustig, wenn ich Sport mache. Aber es wurde besser. Der erste 10km-Lauf war eine Herausforderung und du hast Ines und mich ganz schön mit deinen teilweise holperigen Waldwegen und zu engen Fußwegen geärgert. Aber trotzdem hat es Spaß gemacht. Und nun fange ich wieder an. Well done, Oslo, du hast mich sportlich gemacht!!

Also, für meine Verhältnisse.

Immerhin!

Chapeau.

Das vermisse ich oft in dir. Das Französische. Die Lebensfreude. Das „savoir vivre“. Du bist keine Genießerstadt. Du bist praktisch, bodenständig, konsumorientiert, effektiv – aber nicht romantisch oder lebensfroh. In dir kann man arbeiten und wohnen, aber das warme Lebensbauchgefühl bekomme ich, wenn ich an Paris denke.  Ma belle.

Das ist aber auch ein unfairer Wettkampf und wo Paris an Stimmung, Kultur und Lebensfreude gewinnt, gewinnst du ganz klar in:  Natur – direkt vor der Haustür! Deine umgebenden Wälder sind wunderschön, der Fjord und die Seen laden zum Baden oder Eislaufen ein und wer die Natur mag, wird sich in dir niemals langweilen.  Wie freue ich mich darauf, wenn im Frognerpark wieder die Bäume blühen und der Songsvann wieder eisfrei ist. Deine Lage ist einfach perfekt und immer wieder eine Freude!

Ich bin froh, dass ich hier lebe. Bestimmt nicht für immer, denn es gibt noch so viele Plätze auf der Welt zu erkunden, aber für den Moment sind wir hier und mögen dich.  Ich bin gespannt, was die nächsten Monate bringen. Aber für heute sei gesagt:

Oslo, lass die Korken knallen und uns anstoßen auf unser einjähriges Jubiläum!

Tusen takk, Oslo. Vi liker deg.

OsloeinJahr

Flieg, Severin, flieg ODER Ein Sonntag am Holmenkollen

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Ich hasse es, wenn ich verliere. Wer verliert schon gern? Sicher, es gibt diese charakterlichen Überflieger, die aufgrund jahrelanger Sonnenmeditationsgrüße und vierfarbiger Mandelas behaupten, es mache ihnen nichts aus zu verlieren.

Zu denen gehöre ich nicht.

Aber so überhaupt nicht.

Als Kind wurde ich wegen exzessiven Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett-Werfens von selbigem Spiel ausgeschlossen und ereiferte mich in lautstarken Streits aufgrund verlorener Kartenspiele. Beim Minigolf laufe ich Gefahr, wegen Sachbeschädigung der Bahn vom Platz verwiesen zu werden und eine Partie Schach mit mir treibt den charakterstärksten Pfeifenraucher in schiere Verzweiflung. Noch schlimmer als das eigene Verlieren ist aber das Mit-Verlieren, das Co-Verlieren, das „Mein-Gott-wie schwierig-kann-es-sein-gib-den-Ball-ab!“-Verlieren, das gerne im Wohnzimmer, auf einem Barstuhl oder auch live im Stadion passieren kann. Wie beispielsweise letzten Sonntag. Am Holmenkollen. Beim Hopp, wie das Skispringen hier genannt wird. Hopp! schrie ich den deutschen Springern entgegen. Stop! müssen sie verstanden haben.

„Dabei sein ist alles!“ lautet das sportliche Motto von Pierre de Coubertin, Vater der Olympischen Spiele der Moderne.

Bullshit.

Hallo meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wiedertreffen. Die Sonne scheint, die Ostertage stehen vor der Tür und die Laune ist gut. Bei mir wenigstens und ich hoffe, dass es Euch auch gut geht. Wie ich gehört habe, läutet mein Blog für manche von Euch das Wochenende ein. Das ist eine Ehre für den Blog und mich und wir starten sofort und nehmen Euch mit auf eine Zeitreise zum letzten Wochenende. Zieht Euch warm an!

Es ist Sonntag, 17. März 2013. Ich stehe ratlos vor einem Berg Anziehsachen und versuche ein vernünftiges Zwiebelsystem zu organisieren. Wollunterhose, Laufhose, Socken, Jeans? Oder lieber Laufhose, Wollunterhose, Socken, Jeans? Merinounterhemd oder nur langärmeliges Laufshirt? Sind die Wollsocken zu dick für die Stiefel? Wo ist meine Mütze eigentlich und warum, warum, WARUM laufen immer alle Wollsachen ein? Ich gebe mir den Titel „schlechteste Wollwäscherin der Welt“ und ziehe mich an. Wollunterhose zuerst. Was für ein Unterfangen und das alles, um zum Skispringen zu gehen. Ich versuche, kurz ärgerlich zu werden, aber ohne Erfolg.

WIR GEHEN ZUM SKISPRUNG! !! Hipphipphurrah!

Cool, wollte ich schon immer mal.

Mit klaren Daumendrück – Anweisungen aus mütterlicher Hand, machen wir uns auf den Weg zur T-Bane, die uns fast direkt zum Holmenkollen im Norden von Oslo bringen wird, dessen angrenzender Sportpark schon das ganze Wochenende Ziel von Sportfans verschiedenster Nationalitäten ist. Auf dem Bahnsteig in Majorstuen flattern an Rucksäcken oder in Händen norwegische, polnische, italienische und österreichische Flaggen. Wir sind bi-national mit deutscher und norwegischer Fahne ausgestattet. Kurze Zeit hatten wir überlegt, unsere komplette Fahnensammlung mitzunehmen, uns aber dann dagegen entschieden.

Nächstes Mal machen wir das, denn dann wären wir auf jeden Fall ins Fernsehen gekommen!

Aber das nur nebenbei.

Nicht, dass das irgendwie wichtig wäre.

Wer will schon ins Fernsehen? Oder sich selber auf dem riesigen Bildschirm im Stadion sehen?

Pff, also WIR nicht!

Wir haben auch nur so enthusiastisch in Richtung der Kameras gewunken, um uns gegen die Horden der polnischen Fans durchzusetzen.

Aus patriotischen Gründen sozusagen. Für Deutschland!

SCHLAND!!!

Wo war ich?

Ruter, der Nahverkehrsbetrieb hier in Oslo, hat Extrazüge eingesetzt, die ohne Halt von Majorstuen zum Holmenkollen fahren. Oben angekommen, begrüßt uns das Läuten von großen und kleinen Kuhglocken, die an einem neuaufgebauten Souvenirkiosk für Aufmerksamkeit sorgen.

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Schals, Flaggen in allen Größen, Kuhglocken mit norwegischer Flagge, Narrenkappen und warme Würstchen werden angeboten und das Geschäft boomt. Die Traube von gutgelaunten Skispringfans stoppt kurz, versorgt sich mit dem Nötigsten und weiter geht der Weg entlang der abgesperrten Straße hinauf zur Schanze. Es ist 12 Uhr, das Langlaufrennen der Frauen ist in vollem Gang, dementsprechend leer sind die Tribünen um die Holmenkollenschanze.

Gut für uns.

Die wichtige Frage lautet: Wo wollen wir hin? Nahe zum Auslauf, das heißt weiter unten auf den Stehplätzen mit der eventuellen Gefahr den Absprung nicht zu sehen? Oder weiter entfernt vom Auslaufbereich der Springer, dafür aber mit vollem Blick auf das Geschehen? Rechts von der Schanze oder links? In der Nähe der Toiletten oder lieber in der Nähe des Kiosks?

Fragen über Fragen. Macht ja nichts. Wir haben ja Zeit.

Nach mehreren unbefriedigenden Versuchen einigen wir uns auf einen Platz rechts von der Schanze mit Blick auf Auslauf und Absprung und beginnen Schnee und Eis von der Tribüne zu entfernen. Hier ist nichts geräumt. Eigentlich sieht die ganze Stehtribüne aus, als hätte sie keine Lust auf Zuschauer, als wollte sie uns sagen: „Tja, das habt Ihr davon, wenn Ihr günstige Tickets kauft!“

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Wir kratzen also Eis und bauen uns einen Sitz. Installieren unsere Flaggen, holen die Thermosflasche aus dem Rucksack und gucken uns um.

Meine Güte, ist das hoch.

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Mal ehrlich, wie verrückt muss man sein, von einer steilen Schanze abzuspringen, um dann so spät wie möglich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben? Irre. Aber wie gut, dass es Verrückte gibt, sonst hätten wir ja heute niemanden zum Anjubeln. Ich rekapituliere die Namen, die Skisprungfan Nr. 1 in unserer Familie, aka „Mutta“, per sms durchgegeben hat: Severin Freund, Andreas Wank, Michael Neumayer und Richard Freitag. Check. Die haben in Lahti das Teamspringen gewonnen und werden sich nun hoffentlich hier nicht gerade ausruhen. Obwohl der Gesamtsieger schon klar steht: Schlierenzauer ist Nr.1. Gut für ihn.

Ok, soweit all mein gesammeltes Wissen über Skispringen. Meine folgende Verwirrung wäre auch um einiges geringer gewesen, hätte ich mehr nützliches Skispringwissen gehabt. Ich sah mich nämlich auf der Tribüne um und stellte erstaunt fest, dass wir anscheinend nicht mehr in Norwegen waren. Sondern in Polen. Rotweiße Fahnen überall, „Polska“, „Krakow“, „Gdaǹsk“ in großen Buchstaben, neben mir rauchende polnische Männer mit ihren blondgefärbten Frauen in Feiertagsstimmung.

Hallo? Ist ja komisch.

Stellt sich heraus: Polen geht mit den erfolgreichen Skispringer, Kamil Stoch und Piotr Zyla, an den Start. UND: es leben viele Polen in Oslo. Ergo: Rotweißes Fahnenmeer.

Wieder was gelernt.

Langsam füllen sich die Ränge. Die pølser werden ausgepackt und auch die Sonne kommt langsam raus. Der Stadionsprecher übt schon mal das Anfeuern und begrüßt die internationalen Zuschauer in fünf verschiedenen Sprachen. Die Polen jubeln am lautesten; wir geben, was wir können.

Wo sind die anderen Deutschen? Verstreut ein paar Flaggen, aber verschwindend im Vergleich.

Nun wird es ernst. Die Kapelle der Königlichen Garde marschiert auf.

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Über die riesige Leinwand sehen wir die Ankunft von König Harald und Königin Sonja, die in der königlichen Kabine Platz nehmen. Der Kongsangen, das Königslied, ertönt, das dieselbe Melodie wie die englische Nationalhymne hat – irritierend. Die Köpfe der Zuschauer schnellen in den Himmel, wo Fallschirmspringer mit norwegischen Flaggen langsam gen Boden gleiten. Ein tolles Schauspiel. Der Stadionsprecher kündigt die norwegische Nationalhymne an, und angeführt vom Gardekorps, verfällt das ganze Stadion in  Ja, vi elsker dette landet.

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Naja, sagen wir das halbe Stadion.

Die internationalen Fans halten sich zurück und ich bin auch nicht textsicher.

Nun ist der Stadionsprecher wieder am Zug und kündigt die teilnehmenden Nationen an. Junge Skifahrer, ausgestattet mit den Fahnen der jeweiligen Nation, schießen, zum Jubel der Zuschauer, den Abhang hinunter. Krönender Höhepunkt: Eine junge Norwegerin in Tracht, die stolz die rotweißblaue Fahne schwingt und samt Bunad und Skiern am Ziel ankommt.

Und dann startet der Wettbewerb!

Davon brauche ich Euch nicht viel zu erzählen, denn den habt Ihr vielleicht live gesehen oder davon gelesen. Die weiblichen Skispringer haben uns am meisten begeistert, es war ihr erstes Springen auf der großen Schanze – ein historischer Augenblick und ein wahres Vergnügen. Wir jubelten uns für Melanie und Katharina die Seele aus dem Leib, aber es war die US-Springerin Sarah Hendrickson, die schließlich gewann.

Dann kamen die Männer und der Jubel stieg. Die deutschen Springer wurden von uns frenetisch angefeuert aber irgendwie sollte es nicht sein.

„FLIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEG SEVERIN (oder Richard, Michael, Andreas, Karl) , FLIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEG!

Nix.

Macht ja nichts.

Nicht schlimm.

Nee, ehrlich, verlieren ist ja nicht so schlimm.

*räusper*

WOZU WEDELE UND SCHREI ICH EIGENTLICH, WENN IHR KEINEN BOCK HABT ZU SPRINGEN?

WIE SCHWIERIG KANN ES DENN SEIN????

LOSFAHREN – ABSPRINGEN – FLIIIIIIIEGEN – SIEG!

Mal ehrlich.

Nächstes Mal, das sage ich Euch, da komme ich da hoch und dann feuer ich Euch da mal an und dann wollen wir doch mal sehen.

Ich bin erschöpft.

Am Ende gibt es einen Doppelsieg: Punktgleich teilten sich Schlierenzauer und Zyla den ersten Platz, bester Deutscher wurde Michael Neumayer auf Platz 10.

Noch vor der Siegerehrung machen wir uns auf den Rückweg, denn so toll die Livestimmung auch ist: In der eigenen Wohnung hat man weder kalte Füße noch stehen Schlangen vor der Toilette an. Also hinunter zur T-Bane und ab nach Hause.

Oder auch nicht.

Noch gefühlte 10.000 andere Zuschauer haben denselben Wunsch nach Hause zu kommen. Die Straße ist gerammelt voll, wir drängeln uns Richtung T-Bane-Station, die aber gar nicht zu erreichen ist. Nicht ums Verrecken stelle ich mich hier an oder steige mit all diesen Menschen in eine Bahn.

Never, ever.

Laufen wir also weiter die Straße hinunter. Und wir sind nicht allein dabei. Einziger Nachteil: Wir wissen nicht so ganz genau, wo wir hinlaufen und meine Blase spricht leise, aber energische Warnungen aus. Aber die anderen Leute gehen ganz zielstrebig, gehen wir also hinterher.

Ich erkenne plötzlich ein Schild wieder, das zum Zeltplatz Bogstad führt. Hier waren wir doch schon mal. Zum Skilaufen! Hier verkehrt ein Bus nach Majorstuen!! Freude!Und tatsächlich taucht vor uns die Bushaltestelle auf und die Wartezeit für den Bus sind schlappe 10 Minuten. Eine halbe Stunde später landen wir in Majorstuen und joggen Richtung Wohnung. Ich pelle mich aus meinem Zwiebellook und werfe mich durch die rettende Badezimmertür.

Was für ein Tag!

Das machen wir nächstes Jahr wieder.

Habt Ihr gehört, Severin, Richard, Karl, Michael, und wie Ihr alle heißt: Ich komme wieder. Und ich werde auch dann nicht gut verlieren können. Also….ÜBT!!!!!

Wie schwierig kann es denn sein?????

HOPP!

Das war es schon wieder für heute, meine lieben Leser! Gerade rief Martin an und, juchhee, wir fahren Anfang April für zwei Tage nach Trondheim. Mal gucken, was dort Spannendes auf mich wartet! Ansonsten freuen wir uns auf die Osterwoche und ein paar frei Tage. Die Kälte hat Oslo immer noch in ihren Krallen, aber die Sonne arbeitet dagegen und ich hoffe, der Frühling macht sich endlich auf den Weg! Nächste Woche haben wir einjähriges Jubiläum hier in Oslo, freut Euch also auf den 1-Jahres-Blog am kommenden Donnerstag!

Habt bis dahin eine schöne Zeit, macht Sachen, die Euch gut tun, setzt auch mal Zeichen und Grenzen und bekennt Euch zu Euren Schwächen!

Ha det bra

Holm7

Ulrike

Are you serious, Damien Hirst? ODER Mein Besuch im Astrup Feanley Museum in Oslo

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Manchmal wünsche ich mir, meinen Charakter wie einen alten Mantel ausziehen zu können. Oder unnütze Teile kurz deaktivieren zu können. Aber trotz aller technischen Fortschritte ist das leider (noch?) nicht möglich.  Also stand ich gestern, charaktertreu, im Astrup Fearnley Museum in Oslo vor einer Kuh in Formaldehyd und war geschockt.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Diesmal meine ich das mit noch mehr Enthusiasmus als gewöhnlich: Ich habe die ganze Woche Texte über Provinzen in Kanada geschrieben und heute zum ersten Mal das Gefühl, ein bisschen loslassen zu können. Einfach mal drauflos zu rabbeln und nicht auf jede Formulierung achten zu müssen. Schön ist das! Da kann ich einfach mal so kuckiduckiloresdoressabbelbrabbeltitt schreiben und niemanden stört es!

Ach doch, wirklich?

Dann lies die Kolumne im STERN, da passiert sowas nicht!

Ehrlich mal…manche Leute…*grins*

Ich war also im Museum, meine lieben in 7er-Gruppen-Wochenend-bereiten-Leser. Im Neubau des Astrup Fearnley Museum in Tjuvholmen in Oslo, einem architektonisch wunderschönen Gebäude mit riesigen Glasfronten direkt am Oslofjord.

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@UlrikeNiemann

Innen ist alles hell und hoch und das Verhältnis zwischen Raum und Ausstellungsstücken ist in wunderbarer Balance.

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@UlrikeNiemann

Da stand ich also inmitten einer Gruppe lustiger Norwegerinnen und nahm die ersten Eindrücke auf. Ich bin ein Fan moderner Kunst, aber auch völlig ahnungslos. Ich lasse mich gern von verrückten Ideen unterhalten, von ungewöhnlichen Techniken überraschen und je witziger ein Kunstwerk ist, umso angetaner bin ich. Mein Blick fiel auf eine riesige Leinwand, die mit pastellfarbenen Streifen und Klecksen überzogen war.

@UlrikeNiemann

@UlrikeNiemann

Tolle Farben, dachte ich und trat näher ran. „Don’t judge a book by its cover“ lautete der Titel (grob übersetzt: Lass dich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken) und gerade als ich das frühlingshafte Kunstwerk betrachtete und mich fragte, was wohl mit diesem Titel gemeint ist, ertönte neben mir: „Tyggegummi!“ Ich blickte zum Boden, um nicht auch aus Versehen in das Kaugummi zu treten, von dem meine Nachbarin angewidert berichtete. Sie blickte allerdings nicht nach unten. Sie starrte das frühlingsfarbene Kunstwerk vor mir an. „Don’t judge a book….“ Das fröhliche Frühlingskunstwerk verwandelte sich in eine bakterienüberladene Gesundheitsgefährdung als mir klar wurde, dass die rosa, gelb und lindgrünen Farbspritzer in Wahrheit durchgekautes Kaugummi waren. Wie lange, um Himmels Willen, hat hier jemand Kaugummi gekaut? Hatte der Künstler, Dan Colen, dafür Assistenten? Ich war sprachlos und trat erst mal einen Schritt zurück.

Und musste grinsen.

So mag ich das.

Das nächste Bild von Dan Colen, „Miracle on 34th street“, betrachtete ich also schon mit einem gewissen spaßigen Misstrauen. Eine große Leinwand mit braun-oliv-schwarz-weißen Farbspritzern.

Miracle on 34th Street by Dan Colen

Ehrlich gesagt: Es wirkte wie eine riesige Ladung Vogelmist.

Ich überprüfte die Materialangaben, aber zu meiner Erleichterung bestand das Gemälde wirklich nur aus Farbe. Trotzallem beschloss ich, dass meine Verbindung von Vogelmist als Wunder der 34. Straße richtig war. Überprüfen konnte ich meine Vermutung nicht, denn das technik-verliebte Norwegen gestattete nur Besitzern von Smartphones das Nutzen der Audio-Führungen.

Dann eben nicht.

Ich könnte es mal schnell googlen. Also jetzt hier, in Livezeit am Schreibtisch.

Moment.

Jawoll. Bingo.

“While his large paintings may resemble abstract expressionistic paintings, representing the hey-day of American modernism, they are, in reality, portrayals of bird shit, “action paintings” made from chewing gum with all its connotations of artificiality, carelessness and purposelessness.” (http://afmuseet.no/en/samlingen/kunstnere/c/dan-colen/miracle-on-34th-street)

Besonders die Worte “portrayals of” beruhigen mich jetzt irgendwie. Nur porträtiert ist der Vogeldünger. Irgendwo hat ja auch jeder seiner Grenzen.

Weiter geht die Reise vorbei an Richard Prince, einer unangenehm realistisch wirkenden Statue von Frank Benson hin zu der Frage von Gilbert and George: „War Jesus heterosexuell?“ und der heiteren Aufforderung: „God loves fucking. Enjoy!“

Auf der oberen Etage erwartet mich nicht nur ein Blick auf den Fjord und ein unglaublich kompliziert wirkendes Kunstwerk von Tom Sachs mit dem Titel „London Calling“ sondern ein weiterer Blick in die Prioritäten der ausgestellten Kunst, die mit so fröhlichen Begriffen wie „violated, tortured, mutilated, sodomized…“ die ganze Bandbreite körperlicher Misshandlungen abdecken. Liegt das nur an mir oder gibt es hier keine Schönheit? Schönheit im klassischen, konservativen, gute-Stimmung-verbreitenden Sinne? Natürlich gibt es Schönheit im Hässlichen und viele der Kunstwerke imponieren durch genau diesen Gegensatz, aber gibt es denn niemanden..niemanden…der schön als schön darstellt? Das frage ich mich und betrachte die dreckigen Waschbecken vor mir, deren Titel „Venezianische Brunnen“ mir rätselhaft bleibt.

Trotz aller Kritik: Ich habe Spaß. Aber wo ist denn nun dieses Kunstwerk mit der Kuh, von dem alle erzählen? Das, das ich Euch letzte Woche angekündigt hatte, erinnert Ihr Euch?

Aha, im zweiten Gebäude. Kurzer Weg über eine kleine Brücke und ein schneller Blick zum Fjord, auf dem Eisstücke schwimmen und Möwen sich faul treiben lassen und hinein in die Welt von Damien Hirst.

Manchmal wünsche ich mir, nicht nur meinen Charakter ablegen zu können, sondern auch meine Faulheit in den Griff zu bekommen, die mich davon abgehalten hatte, mich vor dem Museumsbesuch genauer zu informieren. Über Damien Hirst beispielsweise. Den britischen Multimillionär, dessen Kunstwerke seit den 1990er Jahren die Kunstszene im Königreich schocken und den Begriff „BritArt“ etabliert haben.

Und der es für Kunst hält, eine Kuh und ihr Kalb der Länge nach aufzuschneiden, in Formaldehyd zu packen und das Ganze „Mutter und Kind, getrennt“ zu nennen.

(Davon möchtet Ihr ein Foto? Dann müsst Ihr googlen. Ich setze es hier nicht rein. PROTEST!)

Ich war angewidert und entsetzt und, meinem Charakter entsprechend, nicht gerade schweigsam über meine Empfindungen. Schade eigentlich. Manchmal wäre ich wirklich gern so cool und abgebrüht wie die Besucher um mich herum, die sich nicht im Geringsten von den Tierleichen stören ließen. Die sich volllullen ließen von den Ausführungen über die bildgewaltige Kunst des Briten, der neben den beiden Kühen auch Schafe gekreuzigt und Haie eingelegt hat.

Im Gegensatz zu meiner Ankündigung war es also NICHT spaßig, durch die aufgeschnittenen Hälften einer ehemals lebendigen Kuh zu gehen.

Was natürlich nicht die Schuld von Damien Hirst ist.

Sondern meine.

Ich kann halt nicht gegen meinen Charakter.

*räusper*

Adrenalingeladen ging ich durch den Rest der Ausstellung, ließ mich aufheitern von Jeff Koons „Michael Jackson with Bubbles“,

Jeff Koons

Photo © Douglas M. Parker Studio, Los Angeles

betrachtete Fotos deutscher Künstler wie Thomas Struth und Andreas Gunsky, ignorierte ein weiteres Kunstwerk von Damien Hirst und beendete meinen Museumstag, ohne den Souvenir-Shop betreten zu haben.

Das will etwas heißen.

Das ist nämlich ganz uncharakteristisch für mich.

Das war es schon für heute, meine lieben Leser. Besucht das Astrup Fearnley Museum und schafft Euch einen eigenen Eindruck. Oder besucht einfach mal wieder ein anderes Museum in Eurer Nähe und lasst Euch von Schönheit oder Hässlichkeit, von Mut oder Dummheit, von Ideen oder Stereotypen unterhalten.

Oder aufregen.

Kommt auf Euren Charakter an.

Der Schnee in Majorstuen ist langsam auf dem Rückmarsch und ich bilde mir ein, mehr und mehr Vogelstimmen zu hören. Vor meinem Fenster hängt ein Meisenknödel, der tatsächlich eine benachbarte Meise angelockt hat, die mir regelmäßig den Vormittag verschönt. Dieses Wochenende wird ruhig und das ist auch gut so, noch ist die Grippe/Erkältung nicht ganz aus meinen Knochen, während es bei Martin gerade erst loszugehen scheint. Warten wir mal ab.

Ich wünsche Euch allen eine schöne und gesunde Woche, überprüft mal wieder Euren Charakter, lasst Euch in fremde (Kunst-)Welten treiben und seid albern. Einfach mal so. Meine Grüße gehen diese Woche an Freund Chris in Hildesheim mitsamt einem dicken TOI TOI TOI für den neuen Job!

Ha det bra,

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Ulrike

Norweger…..verzweifelt gesucht! Teil 1 oder Hei, vil du være vennen min?

Eigentlich finde ich Vorsätze fürs neue Jahr unsinnig. Meistens man macht ja gute Vorsätze, bei denen klar ist: Das wird nichts. Oder man entscheidet sich für harmlose Vorsätze, deren Erfüllung jedem Pfadfinder nur ein schwaches Gähnen entlockt.

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Dabei ist die Auswahl der Vorsätze vielfältig: Nett sein zu Mitmenschen, mehr oder überhaupt Sport treiben; das Rauchen/Trinken/Spielen/Schokoladeessen/ etc. aufgeben; einen Baum pflanzen, ein Haus bauen UND ein Kind zeugen; angefangene Projekte beenden; glücklich sein.

Dieser repräsentativen Auswahl füge ich meinen guten Vorsatz für 2013 hinzu:

Ich will Norweger kennenlernen.

Ich sehe Eure Blicke, meine lieben Leser!  Ich höre Eure Stimmen! „Da lebt sie in Norwegen und will Norweger kennenlernen. Geht’s noch?“

Nein, es geht eben nicht. Norweger kennenzulernen ist nicht so einfach wie Ihr denkt. Ehrlich gesagt, habe ich mir hier in Oslo ein fast vollständig Norweger-freies Umfeld geschaffen. Am Samstag bei unserer Einweihungsparty fiel es mir auf: Außer den zehn deutschen Freunden saßen dort zwar zwei wunderbar nette Dänen….von Norwegern aber keine Spur. In den letzten Tagen verbrachte ich meine Zeit abwechselnd in der deutschen Gemeinde, dem deutschen Goetheinstitut und der deutschen Schule, kurz unterbrochen von einer Verabredung mit einer deutschen Freundin, die mich, dem Thema verhaftet, zu deutschen Käsespätzle einlud.

Das letzte Mal, dass ich so viel Deutsch gesprochen habe war in…Deutschland.

Ich übertreibe. NATÜRLICH habe ich auch Kontakt zu Norwegern. Gerade eben sprach ich mit Jens am Telefon.

Er ist Kundenberater beim Stromversorger NorgesEnergi und sehr nett.  Und dass, obwohl ich kein Abo wollte. Außerdem habe ich täglich Kontakt mit Stine, meiner freundlichen Kassiererin im Kiwi-Supermarkt und Kira, die Bibliothekarin in der Deichmanske Bibliothek plaudert immer wieder nett mit mir.

Aber niemand von denen würde ich zu meiner Einweihungsparty einladen! (Und selbst wenn, würden sie kommen?)

Nun stellt sich die Frage, woher dieses Norwegerfreie soziale Umwelt kommt. Ich habe so meine Vermutungen:

  1. Ich arbeite von Zuhause aus oder in der deutschen Gemeinde. Beide Orte sind überwiegend frei von Norwegern (vor allem unsere Wohnung, außer Hausmeister Björn muss etwas reparieren).
  2. Das Goetheinstitut, die deutsche Schule oder die deutsche Gemeinde sind ein Zuhause in der Ferne: Alle, die sich dort treffen sprechen die gleiche Sprache, haben dieselbe oder eine ähnliche Kultur, viele Anknüpfungspunkte und gemeinsame Geschichten. Dort zu sein fühlt sich so schön sicher an. (Dieser Absatz ist allen gewidmet, die sich über die Ghettobildung von Immigranten in, z.B., Deutschland beschweren. Wer das noch nie erlebt hat, kann es nicht im Geringsten verstehen und noch weniger verurteilen.)
  3. Huch, ich bin heute so ernst.
  4. Entschuldigung.
  5. Schnell ein Witz.
  6. Treffen sich zwei Rühreier, sagt das eine: „Hach, ich bin heute ganz durcheinander.“
  7. (Über den lache ich seit 5 Tagen.)
  8. (Ja, ich hab einen einfachen Humor. Lucky me.)
  9. Also zurück zu den Gründen, warum ich keine Norweger kenne.
  10. In Oslo bieten sich unzählige Angebote auf andere Ausländer zu treffen, die sich in Oslo niedergelassen haben und verstehen , wie es sich anfühlt, im Ausland zu leben. Gerade hier in Frogner und Majorstuen wimmelt es von Europäern und Amerikanern, hier findet man englische Pubs und amerikanische Cafés, hier kann man mexikanischen Totentag feiern und Halloween.
  11. Und nun zum entscheidenden Grund: Ich versuche nicht stark genug, Kontakt mit Norwegern zu bekommen. Dabei bin ich so neugierig auf ihre Kultur, ihre Sprache und Geschichte, ihre Ansichten zu Gott und der Welt. Aber eine ernsthafte Suche hat noch nicht stattgefunden.

Doch das werde ich ändern. Ich werde mir neue, norwegische Freunde suchen. Oder Bekannte. Wenigstens das. Auf geht es!

Es geht dabei natürlich auch um Integration. Gelungene Integration besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung und Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten und Akzeptanz von Unterschieden (behauptet wikipedia). Früher wurde gesagt, Integration bestehe aus Erwerbstätigkeit, sozialem Kontakt und Beherrschen der Landessprache. Das alles ohne die eigene kulturelle Identität aufzugeben. Da stellt sich bei uns Nomaden natürlich die Frage: Wie sehr wollen wir uns integrieren? Läuft es nicht alles prima so wie es ist?

Nee, nicht so 100%. Mein guter Vorsatz steht also fest: Ich will Norweger kennenlernen! Ich werde Euch über meine Erfolge oder Misserfolge auf dem Laufenden halten. Ist doch selbstverständlich! Mal sehen, was so passiert.

Enden möchte ich heute mit der angekündigten Geitost/Brunost-Vernichtungsaktion, die Mitte Januar im nördlichen Norwegen stattfand:  27 Tonnen des karamellisierten Höllenprodukts gingen im Brattli Tunnel am Tysfjord in Flammen auf. Fünf Tage loderte das Feuer im schwer beschädigten Tunnel. Die Kombination von Fett und Zucker führte dazu, dass der Käse „wenn er heiß genug wird fast wie Benzin brennt“, erklärte der verantwortliche Polizeibeamte Viggo Berg. Kjell Bjoern Vinje vom Norwegischen Straßenbauamt fasste seine Überraschung so zusammen: „Ich wusste nicht, dass Brunost so gut brennt.“

So.

Na, das ist ja was.

Räusper.

Hihi.

Pscht.

Hehe.

PSCHT!

Hahahahahahahaha!!!!

27 TONNEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Gut gemacht!

Der unverletzte LKW-Fahrer ist sich keiner Schuld bewusst und auch ich muss hier alle Schuld von mir weisen, aber wer immer es war:

DANKE! Mein Bruder oder meine Schwester im Geiste, ich vernehme deine Botschaft!

WEG MIT DEM BRUNOST!

Hm.

Tja.

Ob das nun ein erfolgsversprechender Ansatz ist, um Norweger kennenzulernen, wage ich zu bezweifeln…..

OH! ICH WEISS!

Ich werde nach Norwegern suchen, die KEINEN Brunost oder Geitost mögen!

Problem gelöst.

Das war es schon wieder für heute, meine lieben in 7er-Freundschaftsgruppen zusammensitzenden Leser. Morgen steht ein Kreativtag mit meiner tollen Theatergruppe auf dem Programm und am Sonntag wollen wir wieder hinaus in den Schnee. Martin hat sich Schneeschuhe angeschafft und die wollen ausprobiert werden.

Ich wünsche Euch allen eine tolle Woche, trefft auch mal schwierige Entscheidungen, vor allem, wenn ihr wisst dass sie richtig sind ; guckt Euch um und schätzt die tollen Menschen, die in Eurem Leben sind und lacht jeden Tag aus vollem Herzen!

Ha det bra,

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Ulrike

Frohes, glattes Jahr aus Oslo oder Bin ich ein Youtube-Eisrutsch-Star?

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Godt nytt år!!!

Hallo, meine lieben Leser, was für eine Freude, dass wir uns hier wieder treffen! Fast schon unverzeihlich lange war es still in diesem Blog, aber ab heute kehren wir zur Normalität zurück!

Seit wir uns das letzte Mal gelesen haben, waren Martin und ich in Deutschland und sind hier in Oslo umgezogen, weshalb ich Euch heute, erstmalig, ein Hallo aus der Sorgenfrigata zuwerfe. Oder der Sorgenfrigaten.  Jaha, hier in Norwegen, da hat man nämlich manchmal die Auswahl.

WARNUNG:

Es folgt eine kleine Grammatik-Episode!

ACHTUNG!

Im Norwegischen gibt es, wie im Deutschen, verschiedene Artikel. Aus unerfindlichen Gründen hat sich die weibliche Form oder hunkjønn nicht wirklich durchgesetzt. Im Norwegischkurs hieß es dazu: „Ja, die gibt’s, aber die kann fast immer durch die männliche Form ersetzt werden.“ So wird das Buch von boka zu boken, aus dem Fluss wird elven statt elva und aus der Sorgenfrigata eben die Sorgenfrigaten.

Aber nicht bei mir! (Obwohl ich die Einladung für die Einweihungsparty noch vermännlicht habe. Aber ab JETZT: Nie wieder! Gata it is!)

Statt der männlichen Endung SorgenfrigatEN, benutze ich also, weiblich solidarisch, ab sofort SorgenfrigatA!

GRAMMATIK ENDE!

Hat doch gar nicht weh getan, oder?

Wir fühlen uns auf jeden Fall wohl im neuen Zuhause, haben den Kamin angefeuert, die Aussicht auf die Zahnarztpraxis genossen und Martin ist bereits sehr effektiv im Fahrstuhl steckengeblieben.

Wir leben uns ein.

Der Frognerpark ist nun ein Stück weiter entfernt und bei den momentan vereisten Bürgersteigen steht er nicht mehr so häufig auf dem Programm. Dass Oslo derartig lax mit dem Winter umgeht, erstaunt mich zutiefst: Die Sorgenfrigata ist vereist, jeder Schritt gefährlich, aber bis auf ein paar gestreute Kiesel passiert nichts, um die Unfallgefahr zu verbannen. Mittlerweile laufe ich immer auf der Straße, denn die ist frei. Ein harmloser Winter sei es dieses Jahr, höre ich von allen Seiten, aber mir reicht es schon: Wie ein Huhn auf Stöckelschuhen wackele ich durch die Straßen und meine, bisher, geglückten Sturzabfangmanöver sind eine eigene Fotoserie wert. Mit offenem Mund beobachte ich Jogger, die in gemächlichem Tempo über das Eis laufen, entspannt mit sich und der Natur.

HALLOO????

Bestimmt sehen mir alle an, dass ich ein Oslo-Winter-Anfänger bin. Wer weiß, wie oft ich heimlich gefilmt und nun unter „Hahaha…guck dir das an!“ bei Youtube zu finden bin. Hoffentlich hat mich niemand gesehen, als ich mich auf dem Weg zur Kirche am Zaun bergab gehangelt habe.

Entwürdigend ist das! Ich erwarte freie Bürgersteige! PROTEST!

Vielleicht sollte ich doch Spikes kaufen. Das Ding ist nur….Ich sehe hier Spikes im Laden aber nie an Füßen. Meine nächsten Tage werde ich damit verbringen, die Geh-Technik der Osloaner zu beobachten. Und zu lernen! Huhn ade!

Dabei wollte ich wieder mit dem Joggen anfangen, denn der nächste Wettbewerb steht auf dem Programm: Die 10km beim Hannover Marathon im Mai. Davor vielleicht noch der Centrumslauf hier in Oslo. Außerdem will ich endlich Langlaufski fahren!

So viele Pläne!

Habt Ihr Vorsätze gefasst für 2013?

Und wenn ja, welche?

Wir wollen dieses Jahr endlich in Norwegen herumreisen und planen eine große Tour im Sommer.  Im Frühling steht endlich die versprochene Bergbesteigung auf dem Programm und bis dahin wollen wir den, wenn auch harmlosen, Winter genießen. Alle Welt verbringt die Wochenenden mit Skifahren, Rodeln, Eislaufen…an uns ist das bisher noch vorbeigegangen, aber wir sind auf dem Weg!

Freut Euch also auf amüsante Bilder von mir auf, neben und untern den Langlaufskiern.

Ich wünsche uns allen ein glückliches, entspanntes und krisenarmes 2013 mit vielen neuen Geschichten und Erlebnissen. Vergesst nicht zu lachen und neugierig zu sein, dient nicht immer nur, sondern lebt auch mal und rutscht gut und sicher durch die kommenden Monate!

Ha det bra,

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Ulrike

Ode an die Freude oder Entschuldigung, wo ist die Streumaschine?

Es ist 1:54 Uhr, vor dem Fenster zwitschert ein schlafgestörter Vogel, während hier drinnen Nacht zum Tag wird und ich mir eine Pause vom Wäsche falten gönne.

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Letzten Freitag habe ich Euch im Stich gelassen, was unverzeihlich, aber auch unvermeidbar war. Familienbesuch war da und wir hatten viel zu tun. Wir mussten zum Beispiel Farmarbeit verrichten…

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…und den Schnee genießen…

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Es schneite nämlich ganz gewaltig am Samstag. Während Ihr in Deutschland bereits tagelang in Schneemassen versunken seid, konnte Oslo nicht eine einzige Flocke bieten. Doch Donnerstag kam die Wende, Freitag kam der Schnee und Samstag wurden wir mit dem wunderschönsten Weihnachtswunderwetter belohnt.

Sonntag taute es dann.

Montag war fast alles weg.

Geblieben ist Eis. Und zwar überall.

Erinnert Ihr Euch an das Video „Radiatoren für Norwegen“? Vergesst es. Ich starte eine neue Aktion: Streumaschinen für Oslo!

DAS hätte mal Sinn.

Ich weiß, ich weiß, in Deutschland wird auch nicht immer überall gestreut und der Nachbar X vergisst mal Schnee zu schippen und Eis zu kratzen. Ja, ja, ja.

Ihr habt ja keine Ahnung!

Hier ist alles vereist. Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nötig ist, das Haus zu verlassen und ob mir meine Knochen nicht wertvoller sind, als jede noch so wichtige Verabredung. Es ist mörderisch da draußen gewesen. Unvorstellbar, wieviel sich die Norweger bieten lassen. Ich war kurz davor einen Protestmarsch gegen vereiste Straßen und Wege ins Leben zu rufen.

Aber wer wäre schon gekommen? Ist ja viel zu glatt.

Glücklicherweise war die Stadt am 10. Dezember noch eisfrei. An diesem Montag erhielt die EU den Friendensnobelpreis. Ab 10h morgens berichtete NRK live, interviewte Politiker und Künstler (Jostein Gaarder war sehr sympathisch!), Rathausangestellte und Hofpersonal. Die Ankunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und der deutschen Delegation am Flughafen Gardermoen konnten wir live mit verfolgen und einen der drei offiziellen Preisträger, Martin Schulz, bei einer Veranstaltung der Kinderschutzorganisation „Redd Barna“ begeistert zu „We are the world“ mit den Armen schwenken sehen.

Überhaupt entwickelte sich der Präsident des Europäischen Parlaments zur Partykanone des Tages und es hat mich betrübt, dass er, im Gegensatz zu Barroso und van Rompuy, während der offiziellen Verleihung des Nobelpreises keine Rede halten durfte. (Wäre es nach mir gegangen, hätten sie Herrn Jagland nach zwei Minuten mithilfe eines Überfallkommandos vom Rednerpult entführen können und stattdessen den lustigen Martin rangelassen. Ich weiß nicht, wem die englische Aussprache von Komiteevorsitzendem Jagland peinlicher war: Königin Sonja oder mir. Gelitten haben wir beide.)

Die offizielle Feierstunde verlief davon abgesehen in schönster Harmonie.

Gut, ich musste umschalten, als François Hollande und Angela Merkel sich siegesbewusst dem applaudierenden Publikum zuwandten und damit die Lobhudelei auf Deutschland und Frankreich ihren Höhepunkt erreichte.

Sehr unangenehm.

Aber der Rest war schön. Feierlich. Bewegend. Würdevoll. Die Rede von Ratspräsident Herman van Rompuy ohne Konkurrenz.

Und abends waren wir dran! Der traditionelle Fackelzug zu Ehren der Preisträger war von den EU-kritischen Organisatoren gestrichen worden. Organisiert vom Oslo International Club, mehreren EU-freundlichen Parteien und Clubs fand er dann trotzdem statt. Ab 18.15 Uhr wanderte ein Lichterzug aus 2000 Europäern und Nicht-Europäern vom Hauptbahnhof Richtung Grand Hotel, wo die Ehrengäste und Preisträger traditionell übernachten.

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@MartinNiemann

Vor dem Hotel erwarteten wir, trotz eisiger Kälte, geduldig das Öffnen der Balkontüren und den Auftritt der Preisträger. Fast wären wir dabei ins deutsche Fernsehen gekommen: Eine Troika des NDR schritt auf uns zu, vorneweg ein kleiner, frierender Reporter, der uns auf Norwegisch um Auskunft bat. Wir seien Deutsche, erklärten wir begeistert, fipselig auf unsere 15 Minuten Ruhm. „Och nee, schon wieder Deutsche, nee, das haben wir schon.“ Sprach der Reporter und zog von dannen.

Ruhm…pah…eh völlig überbewertet.

Da öffneten sich die Balkontüren in der ersten Etage des Grand Hotels. Zum Jubel der Massen traten die drei offiziellen Preisträger auf den Balkon. So nah und so glücklich werden sich die EU-Spitzen und Teile des EU-Volkes nie wieder treffen. Vergessen waren unübersichtliche Verwaltungsapparate, unermessliche Finanzpakete und unverständliche Auslandseinsätze. Heute war ein Feiertag! Wir feierten den Frieden in Teilen Europas, wir feierten uns als Europäer, wir feierten Europa als unser Zuhause.

Pathetisch?

Ja, sicher.

Ehrlich?

Ja. Sicher.

Plötzlich erklangen die ersten Töne der „Ode an die Freude“ und bald schallte  ein textunsicherer, aber begeisterter „La-la“-Chor aus 2000 Kehlen, vom Balkon aus enthusiastisch dirigiert. Martin Schulz gab das Tempo vor, Herman van Rompuy postete ein Livebild via twitter und José Barroso strahlte wie ein Kind unter dem Christbaum. Was für ein Augenblick. Die paar norwegischen Gegendemonstranten gaben sich geschlagen und trollten sich von dannen.

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@https://twitter.com/euHvR

Nach knapp 10 Minuten war alles vorüber. Die EU-Spitze zog sich vom eisigen Abendwind zurück in die Wärme des Luxushotels und die 2000 Fackelträger wärmten sich mit einem Glühwein am nahen Weihnachtsmarkt oder machten sich auf den Weg nach Hause.

Es war ein tolles Erlebnis, meine lieben Leser, und ich habe bemerkt: Ich bin Europäerin. Ich bin stolz auf unseren Kontinent, der sich „von einem Kontinent des Kriegs zu einem Kontinent des Friedens“ entwickelt. Nicht ohne Probleme, Beschiss und Betrug, aber mit der richtigen Einstellung im Herzen. Neben all der Meckerei und Unzufriedenheit, gilt es doch wirklich einmal festzuhalten: Ein Krieg zwischen den alten Feinden Deutschland und Frankreich beispielsweise ist ein unvorstellbarer Akt. Die Freiheit in großen Teilen Europas erlaubt es mir, mich im Ausland niederzulassen, Arbeit und Wohnsitz zu finden. Unsere Kulturen und Traditionen vermischen sich immer mehr und bilden ein großes, gemeinsames europäisches Kulturgut. Das ist toll. Und die Miesepeter an ihren Stammtischen und an ihren Esstischen, die immer was zu meckern haben, sollen von mir aus weiter meckern. Das darf man in Europa nämlich auch: Meckern. Verdirbt mir trotzdem nicht die Freude.

Ich bin ein Fan von Europa. Jawoll.

Das war es schon wieder, meine lieben Leser. Mittlerweile ist es 2.47, der schlafgestörte Vogel scheint ein gemütliches Nest gefunden zu haben und das werde ich auch mal tun.

Der Blog und ich gehen jetzt in Weihnachtspause, aber nicht, ohne uns vorher bedankt zu haben: Bei Euch.  Toll, dass Ihr da seid! Für 2013 versprechen wir weitere Geschichten aus dem Norden, die Besteigung des Galdhøpiggen, eine Rundtour mit dem Wohnmobil im Sommer, weitere Eskapaden aus dem norwegischen Alltag und und und…

Ich wünsche Euch von ganzem Herzen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Lasst es Euch gut gehen, besinnt Euch auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben und lacht mal wieder richtig laut.

Ha det bra,

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Ulrike