Happy 450th Birthday, Will ODER Der unerwartete Auftritt der roten Papierschere

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Das Publikum wippt begeistert mit, die Darsteller geben alles, Ragtime flutet durch den Gemeindesaal und ich habe nur einen Gedanken: GESCHAFFT!!!

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Nach knapp acht Monaten Probenzeit ist unser Shakespeare-Projekt letztes Wochenende erfolgreich über die Bühne gegangen und ich bin megastolz darauf. Über 100 Zuschauer hatten wir in den zwei Tagen und ich nehme Euch einfach mal mit in meine Stunden vor, während und nach der Premiere.

Das Wetter lässt morgens zu wünschen übrig. Es regnet. Na, super…die ersten 15 Minuten unseres Stückes sollen vor der Tür stattfinden. Ein kurzer Check auf der Wetterseite yr.no sagt aber: Um 18h hört es auf zu regnen. Prima, passt.  Ist das Wetter auch grau, die Laune ist bombig. Ich freue mich auf die Premiere, auf die Nervosität, das hektische Gewusel von 12 Leuten und die gespannte Erwartung des Publikums. Eine lange Liste von Dingen, die erledigt oder kontrolliert werden müssen, liegt vor mir. Es ist 8 Uhr morgens, vor 10 Uhr kann ich nichts davon erledigen. Schlafen geht aber auch nicht mehr. Mist. Die nächste Premiere setze ich für 9 Uhr morgens an. Jawoll. Hm…nächste Premiere…vielleicht sollte ich die zwei Stunden nutzen und überlegen, welches Stück wir nächstes Jahr…nee….geht nicht…immer erst ein Projekt beenden. 8 Uhr 10. Die Zeit schleicht.

Der Vormittag vergeht dann in Einkaufen und Kaffee trinken und um kurz vor drei hält mich nichts mehr – ab in den Gemeindesaal. Dort zu sein ist schon mal besser als zuhause zu sitzen. Und immerhin kann die Aufregung dort besser geteilt werden, denn ich bin nicht die Einzige, die schon früher auftaucht. Prima. Gute Laune macht sich breit, als wir Luftballons aufblasen, Girlanden verteilen und den Saal so bereit machen für unsere William-Shakespeare-Geburtstagsfeier.  Um kurz vor fünf: Maskentermin. Jetzt wird es ernst. Katharina, Maskenbildnerin an der Osloer Oper, hat angeboten, uns während der beiden Vorstellungen zu schminken – eine tolle Sache! Das Gemeindebüro wird kurzerhand zum Maskenraum umfunktioniert und wo eigentlich Aktenordner, Locher und Stifte ihren Platz haben, liegen nun Schminkschwämme, Farbtöpfe und Bürsten.

Die Zeit in der Maske war für mich schon immer eine perfekte Vorbereitung auf den zu folgenden Abend. Hinsetzen, Augen zu, manchmal Augen auf, hochgucken, runtergucken..mehr wird dort nicht von mir verlangt. Falls nicht gerade die Lippen geschminkt werden, kann man sich prima unterhalten in diesem kleinen Refugium, die Stimmung ist locker. Während Rouge verteilt, Kajalstriche gezogen und Haare gewickelt werden, hat man Zeit den Ablauf noch einmal im Kopf zu wiederholen und kommt nach einer gewissen Zeit (in den meisten Fällen) verschönert und erholt zurück in die Realität. So auch diesmal. Es ist 17.15h und langsam trudelt der Rest der Truppe ein. Um 18.45 beginnen wir das Stück vor der Tür und wollen so die Zuschauer begrüßen.

Es regnet immer noch. Minuten später tanzen kleine Schneeflocken am Fenster vorbei. Die drei Hexen beschließen, in Winterstiefeln und dicken Jacken unter den grauen Umhängen draußen zu spielen, während Romeo sich in ihr Thermounterhemd wirft und Puck nach einem Regenschirm sucht. Niemand will den Einlass ausfallen lassen. BRAVO!!!

Der Saal ist fertig, 72 Plätze, mal gucken, ob es reicht. Abendkasse ist eingerichtet, Kuchenbuffet steht, Kaffee brodelt durch die Maschine, Wechselgeld ist da.  Requisiten sind an ihren Plätzen, Scheinwerfer funktionsfähig und auf Position, Headset und Sound sind gecheckt, alle Darsteller und Helfer sind bereit und willig – auf geht’s!!!!

Die ersten Zuschauer kommen gegen 18.30 Uhr durch den Regen gelaufen. Yr.no scheint verbesserungswürdig zu sein, statt gegen 18 Uhr aufzuhören, hat der Regen zugelegt. Wir sammeln Regenschirme und beginnen um 18.45 Uhr draußen mit dem Stück. Hamlet begrüßt die Zuschauer mit „Sein oder nicht Sein“, Puck erzählt, seine Königin sei in ein Monster verliebt, die drei Hexen brauen gutgelaunt und gefährlich kichernd einen Sud aus Plastikratten, Weingummiaugen und Fichtenästen, während Romeo Julia gesteht, dass er über die hohe Mauer in ihren Garten geschlichen kam, um seine Liebe zu beweisen. Es ist ein wunderbares Spektakel, das auch nicht davon gemindert wird, dass die Shakespeare-Figuren unter Regenschirmen rezitieren. Sicher im Trockenen angekommen, begrüßt Macbeth seine Untertanen mit der philosophischen Betrachtung der Zukunft, während aus dem Saal Klavierklänge dringen. Die Zuschauer sind von Anfang an mittendrin – manche verwirrt das augenscheinlich, andere können gar nicht genug bekommen und lassen sich auf Unterhaltungen mit den Darstellern ein.

Ich werde langsam ruhiger, der Saal füllt sich, die Sache läuft, endlich fängt es an. Mit meiner Weihnachtsglocke bewaffnet läute ich den Beginn der Show ein, die durchgefrorenen Darsteller begeben sich ins Warme.

Der Vorhang geht auf.

Die Energie im Saal ist vielversprechend und wird, wie in einem Tennismatch, aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurückgeschossen. Das Verhältnis stimmt und manche Szenen habe ich noch nie so gut gesehen. Es macht Spaß zuzugucken – alles klappt!

Naja, fast.

In der Handwerkerszene aus „Ein Sommernachtstraum“ beginnt der Mond plötzlich mit seinem Kollegen zu tuscheln, während Pyramo sich lautstark über den vermeintlichen Tod seiner Thisbe beklagt.  „Was tuscheln die denn da?“ denke ich irritiert, als Kollege Astrid plötzlich von der Bühne verschwindet. Konzentriert scanne ich die Bühne und – ohja – wo ist der Dolch, den sich Pyramo gleich vom Mond geben lassen soll?

Nicht da.

Dumm irgendwie, denn mit diesem Dolch soll er sich gleich das Leben nehmen.

Die Sekunden vergehen, Pyramo kommt immer näher an die Textstelle, an der er sich den Dolch holen soll.

Kollege Astrid kehrt zurück auf die Bühne. In der Hand…

…eine rote Schere, die sie schweigend dem Mond gibt, der sie, ohne mit der Wimper zu zucken, entgegennimmt.

Ich habe das Gefühl, meine Augen fallen mir aus dem Kopf.

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…“mein Liebchen hat defloriert“, rezitiert Pyramo und greift zum Dolch, der nun eine Schere ist. Auch hier kein Zucken. Dafür zucke ich. Das ist eine scharfe Schere, mit der sich gleich zwei Darsteller das Leben nehmen werden. Alles läuft gut. Auch Thisbe nimmt mit großer Selbstverständlichkeit die rote Papierschere aus den Händen ihres verstorbenen Geliebten, hält sie anklagend in die Höhe und nimmt sich, bühnengerecht, damit das Leben. Für dieses abgebrühte Überspielen eines so eindeutigen Schnitzers hätten sie alle Szenenapplaus verdient.

Kam aber nicht.

Das Publikum dachte, es muss so sein.

Natürlich ist die Schere in der folgenden Pause DAS Gesprächsthema. Die Laune ist hervorragend und ich weiß – alles wird heute gut. Die Zuschauer machen sich bestens gelaunt über das Kuchenbuffet her und nach 15 Minuten starten wir in den zweiten Teil. Macbeth geht ohne Probleme und mit vielen Lachern über die Bühne und ich muss daran denken, welche Sorgen uns diese Szene gemacht hat. Zu lang, zu kompliziert, Teilen wurden gestrichen, umgeworfen, eine Textversion wurde durch die nächste ersetzt – und doch, jetzt funktioniert es. Toll!

Unser Highlight kommt am Schluss. Ich vermute zwar, dass „Hamlet – Die 15 Minuten danach“ gut ankommen wird, aber wirklich sicher bin ich erst, als die ersten Lacher punktgenau kommen. Kommissar Schmitz mit rheinischem Dialekt, der auf Urlaub in Dänemark den Mord des kompletten Königshauses aufklären soll, ist ein Brüller. Die sich streitenden Leichen und der Vertraute Horatio, der versucht, die Situation in Griff zu bekommen, kommen genauso wunderbar schräg beim Publikum an, wie wir uns das beim Schreiben vorgestellt haben. Als dann noch ein Ragtime-Song die Szene beendet, sind die Zuschauer nicht mehr zu halten und ich jubele begeistert von der Seite aus mit.

Geschafft!!! Das Licht geht aus, der Applaus geht los und der Abend endet in Begeisterung.  Die Premierenfeier wird lang, lecker und lustig.

Und nun? Nun ist das Ganze schon eine Woche her und nicht mehr als Erinnerung. Eine der besten allerdings, die ich hier in Norwegen bisher gemacht habe. Auch wenn der Weg manchmal steinig war, am Ende hat sich alles gelohnt. Nächstes Jahr wieder, auf jeden Fall!

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Das war es für heute, meine lieben Leser, nächste Woche ist Ostern und der Blog kommt in der Woche darauf zurück. Dann mal wieder mit einem typisch norwegischen Thema: Kaffee. Barista Isabella nimmt mich nächste Woche mit auf Kaffeetour durch die Hauptstadt und ich bin gespannt, welche Überraschungen auf mich warten. Von Tim Wendelboe bis zur vietnamesischen Kaffeekultur stehen viele spannende Dinge auf unserem Kalender. Lasst Euch überraschen!

Ich wünsche Euch allen, wo auch immer Ihr seid, Frohe Ostern, Zeit für Euch selbst, Eure Familien und Freunde.

Ha det bra,

 

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Ulrike

 

La Bohème an der Nationaloper Oslo ODER Herheim, ich bin dann mal weg…..

La Bohème, Mimi (Marita Solberg) Foto: Erik Berg

La Bohème, Mimi (Marita Solberg) Foto: Erik Berg

Aha, es lag also doch an mir. Nachdem ich zwei ausführliche Interviews und eine Kritik gelesen habe, scheint festzustehen: Ich bin zu dumm. Das ist eine wichtige Einsicht. Eine, die ich mir vielleicht nicht gerade nach einem Opernbesuch gewünscht hätte.

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns treffen. Der Winter schleicht sich davon, der Frühling macht sich weit entfernt auf den Weg und in Oslo befinden wir uns gerade in einem grauen Zwischenstadium, das täglich Fernweh weckt. Fernweh hatte ich auch gestern Abend – ich wünschte mich fern von meinem Platz im Parkett der Nationaloper, von dem aus ich Stefan Herheims Interpretation von Puccinis La Bohème ertragen musste.

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Der Inhalt ganz grob: Paris, 19. Jahrhundert. In der ärmlichen, aber kreativen und weinlastigen Welt der Bohemiens trifft Rodolfo auf seine Nachbarin Mimi. Sie verlieben sich ineinander, doch Mimi ist krank. Rodolfo ist bald nicht mehr in der Lage, sie zu pflegen, das Paar trennt sich im Streit. Als die beiden sich nach Monaten wieder sehen, ist jede Rettung zu spät. Während Rodolfo auf den angekündigten Arzt hofft, stirbt Mimi und Rodolfo wirft sich verzweifelt über ihren toten Körper.

So weit, so herzzerreißend.

Es geht also um den Tod eines geliebten Menschen. Ein zeitloses Thema. Nur die Krankheit der Mimi, Schwindsucht oder Tuberkulose, scheint veraltet (obwohl daran auch heute noch Millionen von Menschen jährlich sterben). Stefan Herheim kommt samt Team auf eine Idee, wie sich das Publikum des 21. Jahrhunderts mehr mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts identifizieren kann:

Aus Mimis Schwindsucht wird Krebs.

Eureka!

Und weil Krebspatienten praktischerweise ihre Haare verlieren, werden Hauptdarstellerin, Opernchor und Kinderchor unter Aufbietung aller Maskenbildnerkräfte mit Glatzen versehen, können sich so im geeigneten Moment die Perücken vom Kopf ziehen und, nach Identifikation mit dem Publikum suchend, kahlköpfig in den Saal singen.

Eureka!

Unterstützt wird der geschmacklose 21. Jahrhundert-Identifikationsversuch von einem monumentalen und teilweise überraschenden Bühnenbild (Heike Scheele), dessen steriler Krankenhausraum mit piependem EKG den Abend eröffnet. Die in La Bohème fehlende Ouvertüre wird durch eine schier unendliche Wiederholung von Herztönen ersetzt, die dazu noch in Übergröße an die Kulissenwand projiziert werden. Große Überraschung, als sie plötzlich enden…gähn….

Und dann beginnt die Verwirrung.

Ich springe ratlos zwischen Textuntertiteln und Bühnengeschehen hin und her – nichts passt zusammen. Marcello, der in der Originalfassung an einem Gemälde namens Das rote Meer arbeitet, wischt bei Herheim mit einem Feudel den roten Linoleumfußboden des Krankenzimmers, während er davon singt, einen Pharao ertrinken zu lassen. Rodolfo, schockiert und mit versteinertem Blick auf den toten Körper der Mimi starrend, antwortet, er sähe den Rauch aus Tausenden von Pariser Schornsteinen aufsteigen, während die Krankenschwester/ Musetta an der toten Mimi eine Herzmassage absolviert, die ein Mammut gekillt hätte. Libretto und Inszenierung scheinen meilenweit voneinander entfernt zu sein.

Ich schwöre: Ich habe mich bemüht! Immerhin ist das eine Inszenierung von Stefan Herheim: Gefeierter Norweger, Opernregisseur der Jahre 2007, 2008 und 2010, Träger des heiligen Bayreuth-Grals dank seiner – vom Publikum einheitlich – bejubelten Parsifal-Inszenierung von 2008 und beschäftigt an unzähligen Opernhäusern (Premiere im März 2014: Händels Xerxes an der Komischen Oper Berlin). Es muss ein Konzept hinter La Bohème stecken, dazu noch ein intelligentes, ich muss es nur finden.

In den folgenden Szenen springt die Aufführung zwischen Krankenhauszimmer des 21. Jahrhunderts und Rodolfos Dachwohnung im Paris des 19. Jahrhunderts hin und her, die beiden Räume bedingen einander, verschwimmen ohne ersichtlichen Grund. Rodolfo kommt mit Mimis Tod nicht zurecht, schlussfolgere ich, Gegenwart und Erinnerung verwischen in seinem – und damit leider auch in meinem – Geiste. Der Text passt in den seltensten Fällen zur Handlung, und wenn, dann in lächerlicher Weise: Musetta beginnt im Pariser Café einen Streit mit ihrem Ex Marcello, die Szene geht dann (warum auch immer) über in das Krankenhauszimmer und dort ergreift Musetta die Krankenakte, beschreibt sie, dem Libretto folgend, als ihre „Visitenkarte“ und legt sie aufs Krankenbett.

Höhepunkt dieses unendlich wirkenden Abends ist die kollektive Perückenabnahme der beiden Chöre, die erst Haar und Haarschleifen über den kahlen Köpfen schwenken und sich dann in eine Zombiegruppe verwandeln, die dem Film Shaun of the Dead alle Ehre machen würde.

Ich bin wütend, Martin ist wütend, der Mann rechts neben mir ist wütend und zischt in seinen Schnauzbart.

„STOP!“ höre ich Euch rufen. „Es kann nicht so schlimm gewesen sein, immerhin ist da noch die Musik!“

Ja, die Musik. – Die hatte keine Chance. Jeder kundige Musikkritiker möge mir meine Anmaßung verzeihen, über eine Opernaufführung zu schreiben, aber wo ich schon mal angefangen habe… Der ausgebildete Cellist Herheim fand die Musik als Beiwerk ganz interessant, ließ ihr aber, bis auf ein paar Ausnahmen, keine Luft zum Atmen. Ich, der Zuschauer, bin so abgelenkt von Krankenhauszimmern, Videoinstallationen, Kostümwechseln und Kahlköpfen, dass die Musik in den Hintergrund rutscht. Die Inszenierung unterstützt, fördert oder ehrt sie nicht, und die Sänger scheinen vom Geschehen auf der Bühne wie geknebelt. Besser kann ich es nicht beschreiben: Die Musik ist im Weg.

Endlich Pause.

Im Foyer ratlose, wütende, amüsierte und gleichgültige Zuschauer.

Martin und ich erschöpft auf einer Bank.

Nach einer längeren Diskussion entscheiden wir uns zu gehen.

Ich kann Euch also nicht berichten, was im zweiten Teil und den verbleibenden 90 Minuten auf der Bühne vor sich ging. Ich verlasse Vorstellungen ganz selten – erst ein Mal direkt während des Geschehens, nur zwei oder drei Mal in der Pause. Hauptsächlich, weil ich es den Künstlern gegenüber unhöflich finde, außerdem ungern aufgebe und schließlich kostet das Ganze auch Geld und im Fall von La Bohème nicht wenig. Dabei bin ich großer Fan von modernen Inszenierungen: Weg mit dem Staub jahrzehntelanger Imitationen, hin zur Aktualität und gerne darf es auch mal schräg sein, wie die wunderbare Nora-Inszenierung von Herbert Fritsch. Hier, jetzt und heute, komme ich mir vor wie das Opfer eines Regietheater-Egomanen, dem sein Publikum schnuppe ist. Und das ärgert mich aus Prinzip. Bestimmt gibt es weltweit provozierendere Inszenierungen als die von Stefan Herheim, unter Garantie steckt hinter der verwirrenden Umsetzung ein durchdachtes, intelligentes Konzept und vielleicht hätte der zweite Teil Aufschluss und Erleuchtung gegeben.

Im wunderschönen Foyer der Osloer Oper frage ich mich allerdings nur, wie viel Herheim während der Vorbereitung seines Konzepts wohl getrunken hat und ob ich es ihm einfach gleichtun sollte. Da das aufgrund meiner existierenden Hormonsituation erst im September wieder möglich sein wird, ich nüchtern aber den zweiten Teil nicht überstehen werde, entscheiden wir uns zum einzig möglichen Schritt und gehen.

Heute morgen lese ich dann ein zweiseitiges Interview mit Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach, der in langen Sätzen das Konzept der La Bohème-Inszenierung erläutert. Vom Publikum wünsche er sich: „Wir wollen in einer konstruktiven Weise irritieren, so dass die Zuschauer sich Gedanken machen und hoffentlich begreifen, dass nichts per Zufall geschieht sondern aufgrund eines intelligenten Konzepts.“

Niemann, Sechs, Setzen.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser. Die Osloaner fordere ich auf, sich das Stück selbst anzusehen, alle anderen können sich hier einen Eindruck verschaffen. Ich freue mich auf Eure Kommentare. Nächste Woche berichte ich an selber Stelle über die Begeisterung der Norweger, in Schweden einkaufen zu gehen. Auch wir schließen uns morgen an und fahren ins Nordby-Shoppingcenter kurz hinter der schwedischen Grenze.

Euch allen wünsche ich eine wunderschöne Woche, seid tolerant, aber lasst Euch nicht alles gefallen und feiert, wenn es denn sein muss, einen verrückten Karneval. 🙂 Mir selber und meinen ebenfalls gestressten Nachbarn wünsche ich, dass alle presslufthammerbohrenden Bauarbeiter der Baustelle gegenüber einer harmlosen, aber arbeitsunfähigmachenden Wintergrippe zum Opfer fallen. Es lebe das Adjektiv.

Ha det bra,

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Ulrike

Der Blog als Gemäldegalerie ODER …was Facebook kann, kann ich schon lange!

Facebook feiert 10-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass läuft auf dem sozialen Netzwerk meiner Wahl seit einigen Tagen eine Kunstaktion: Macht Facebook bunter! Ein Künstler und eines seiner/ihrer Werke wird veröffentlicht und wer „Gefällt mir“ klickt, bekommt einen anderen Künstler zugewiesen und muss dann eines seiner/ihrer Werke veröffentlichen. Ganz besonders penible, gesetzestreue Menschen sorgen sich als erstes um das Urheberrecht. Berechtigt, denn das illegale Präsentieren von geschützten Werken kann zu empfindlichen Abmahnungen, im schlimmsten Fall zur Sperrung der Facebookseite führen. In Deutschland und Norwegen (und vielen anderen Ländern) ist es so: Werke von Künstlern, deren Tod länger als 70 Jahre her ist, sind frei verwendbar. Alle anderen nicht. Immer eine gute Alternative: Auf die Webseite des Bildes verlinken, denn DAS ist nicht illegal.

Hallo meine lieben Leser und herzlich Willkommen zu dieser kurzen Exkursion ins Urheberrecht. Bevor Ihr aber schnarchend vom Stuhl rutscht, komme ich lieber zum Thema des heutigen Blogs: Angeregt durch die wunderbare Aktion meines Lieblingsnetzwerks, entführe ich Euch heute in die norwegische Gemäldewelt des 18. und 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Blog als Museum und Ihr die Besucher. Viel Vergnügen!

Johan Christian Dahl (1788-1857)

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Johan Christian Dahl: Lyshornet bei Bergen, 1836

Johan Christian Dahl: Morgen nach einer Sturmnacht, 1857

Adolph Tidemand (1814-1876)

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Adolph Tidemand: Brautgesellschaft, 1848

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Adolph Tidemand: Blick von der Strandstraße in Oslo, 1852

Kitty Lange Kielland (1843-1914)

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Kitty Lange Kielland: Sommernacht, 1886

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Kitty Lange Kielland: Küstenlandschaft, 1878

IMPRESSIONISMUS UND NEO-ROMANTIK:

Frits Thaulow (1847-1906)

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Frits Thaulow: Norwegische Winterlandschaft, 1890

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Frits Thaulow: Marmortreppe. 1903

Nikolai Astrup (1880-1928)

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Nikolai Astrup, Mittsommerfeuer am Jolstrasee, 1909

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Nikolai Astrup, Märzmorgen, 1920

Christian Krohg (1852-1925)

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Christian Krohg, Portrait der Malerin Oda Krohg, 1888

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Christian Krohg, 17. Mai 1893, 1893

Und hier nun mein absolutes Lieblingsbild, für das allein ich immer wieder gern in das Nationalmuseum in Oslo gehe:

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Harald Sohlberg (1869-1935), Winternacht, 1914

Wunderschön, oder?

Meine lieben Leser, damit hat unsere Museumstour ein Ende, denn ab den nun folgenden Künstlern tritt das oben beschriebene Urheberrecht ein und ich kann keine Bilder präsentieren. Edvard Munch ist zwar 1944 gestorben, aber die 70-Jahre-Frist beginnt immer am 1. Januar des folgenden Jahres – also kein „Schrei“ heute. Habe ich mit den knapp 200 Jahren selektiver, norwegischer Kunst Euer Interesse geweckt? Dann lest und sucht im Internet weiter. Hier gibt es ausreichend Infos zu norwegischen Künstlern:

Nationalmuseum Oslo

Norwegisches Künstlerlexikon

Wer hier in Oslo lebt: Besucht das Nationalmuseum oder das Museum für Gegenwartskunst!

Das war es für heute, meine lieben in 7er Gruppen staunenden Leser! Kunst ist wichtig und soll begeistern, erstaunen und erfreuen. Welches sind Eure Lieblingsbilder? Postet sie gerne in den Kommentaren, aber beachtet das geltende Recht! – Nach so viel norwegischer Landschaft werde ich mich am Wochenende in dieselbe begeben und Euch nächsten Freitag von den Vorzügen und Nachteilen des Hüttenlebens und des Außenklos berichten.

Ich wünsche Euch ein tolles Wochenende, mit neuen Entdeckungen, gemütlichen Sofamomenten und viel frischer Luft! Das Wetter ist schlecht? Dann geht doch ins Museum!! 🙂

Ha det bra,

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Ulrike (Selbstportrait mit Sohlbergs Winternacht, 2014)

 

Shockheaded Peter im Norske Teatret ODER Der Abend, an dem ich fast die Bühne gestürmt hätte

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Ich liebe Theater. Auf, hinter oder vor der Bühne. Das Prickeln in der Luft, wenn sich im Theatersaal die Türen schließen. Stille. Und dann entrollt sich eine eigene Welt vor den Augen der Zuschauer. Manchmal wünschte ich zwar, sie hätte es sein gelassen, aber meistens sitze ich wie ein kleines Kind unterm Weihnachtsbaum und lasse mich begeistern. Wie letzte Woche – in Shockheaded Peter.

Hallo, meine lieben winterlichen Leser, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Es schneit. Und schneit. Und schneit, und schneit und schneit. Nachdem der Winter sich bisher ein wenig geziert hatte, schlägt er nun umso kräftiger zu und Oslo versinkt in weißer Masse. Ich tue so, als bemerkte ich nichts. Sind ja nur noch, was?, 4 Monate, dann ist schon wieder Frühling. Die Begeisterung der Neuzugereisten über die weiße Pracht kennt, im Gegensatz zu meinem Gegrummel, aber kein Ende: Fotoalben und Statusmeldungen über Schnee, Winter, Skilaufen und Schlittentouren füllen soziale Medien und ich frage mich, wo meine winterliche Begeisterung geblieben ist. Die scheint irgendwie im letzten, unendlichen Winter in meine wollene Unterhose gerutscht zu sein – und da steckt sie wohl immer noch. Ich frage mich, ob wir in den Süden auswandern sollten? Italien, wie hört sich das gerade schön an!!!! – Aber ich schweife ab.

Wir waren also im Theater. Seit unserer Ankunft hier in Oslo sind wir wunderbarerweise recht häufig im Theater, was unter anderem daran liegt, dass Statoil eine monatliche Ticketverlosung hat. Dem Gewinner winken zwei Tickets zum 50%-Preis. Das ist verlockend, und so nimmt Martin jeden Monat an der Lotterie teil und bisher hatten wir oft Glück. UND gute Plätze, meistens mittig in der 7. bis 10. Reihe. Wir haben Salome und Cavalleria Rusticana in der Oper gesehen, Liv Ullmanns Inszenierung von Onkel Wanja im Nationaltheater, die Vålerenga-Fußballchronik Neste Kamp im Oslo Nye Teater und nun also Shockheaded Peter im Norske Teater.

Der englische Titel mag nicht allen etwas sagen, die literarische, deutsche Quelle kennt aber jedes Kind: Der Struwwelpeter. 1845 von Heinrich Hoffmann geschrieben und illustriert, beschreiben die einzelnen Geschichten die übertriebenen, katastrophalen Auswirkungen von schlechtem Benehmen bei Kindern. Zappelphilipp, Daumenlutscher und der Suppenkaspar sind Alpträume meiner Kindheit. 1998 entwickelte dann Julian Bleach gemeinsam mit anderen Autoren und der Band Tiger Lillies aus dem schrägen Kinderbuch ein absurd-schräges Musical. Und nach nur knapp 15 Jahren habe ich es dann auch mal gesehen! Ja, immer mit der Zeit, immer hipp, so bin ich ;).

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Oslo hat, wie schon geschrieben, zwei große Theater: Das Nationaltheater (siehe Foto) und das Norske Teatret. Verschreibt das erste sich eher den konservativen Stücken, schlägt das nur auf Nynorsk spielende Norske Teatret einen eher modernen Weg ein. Bisher haben mir hier alle Stücke gefallen, die ich gesehen habe, unter anderem Trauer muss Elektra tragen oder Über offenem Abgrund, inszeniert von meinem ehemaligen Oberspielleiter am Carrousel Theater Berlin, Uwe Cramer. Die Welt ist ein Dorf, oder? Das Problem im Norske Teatret: Ich verstehe nichts. Aber wenn man dreieinhalb Stunden im Theater sitzt, nichts versteht und trotzdem am Ende sagt: Toller Abend!, dann heißt das schon was, finde ich. Nun also Shockheaded Peter. Schon seit Wochen freute ich mich wie verrückt auf einen wunderbar, absurden Theaterabend.

Und wollte dann nach zwei Minuten gehen.

Seit Hape Kerkelings Hannilein habe ich eine Hassflecken-produzierende-Abneigung gegen erwachsene Schauspieler, die Kinder spielen. Oder gar Babies. Da wird mir anders, da könnte ich killen, da will ich nur noch weg.

Shockheaded Peter begann mit einer Gruppe von kreischenden, daumenlutschenden, sich am Po kratzenden „Kleinkindern“ in Feinrippstramplern, die sich auf der Bühne und im Zuschauerraum tümmelten. Da wurde geknickert und gepupst, gekreischt und geknutscht, während mir der Dampf langsam aus den Ohren kam. Ich merkte, wie Martin neben mir unruhig wurde, während sich die Besucher vor mir köstlich amüsierten. Wenn ich nun eines noch mehr hasse als babyspielende Schauspieler, dann sind das Zuschauer, die darüber lachen.

„Hört auf zu lachen, Ihr Idioten!“, wollte ich brüllen. Himmel, die würden auch über Mario Barth lachen.

Ich wollte weg.

Der bis dahin anscheinend blinde Regisseur hatte ein Einsehen mit mir: Die Horrorkindergartengruppe verschwand von der Bühne. Ich war auf 180, die Handtasche über der Schulter, den Körper gespannt – bereit zur augenblicklichen Flucht.

Da kam ein Elefant auf die Bühne.

Und alles wurde gut.

„Theater ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“ – Max Reinhardt

Es gibt diese Momente im Leben, da taucht man ein in eine fremde, absurde Welt und fühlt sich sofort verstanden. So ging es mir jetzt. Auf der Bühne entfaltete sich eine Welt, die so oder so ähnlich direkt aus meinem Kopf hätte stammen können. – Von hinten rechts fuhr eine gewaltige, meterhohe Elefantenkonstruktion auf die leere Bühne. Der monströse, graue Rüssel schwang, die dicken Füßen bewegten sich im Rhythmus der fünfköpfigen Band, bestehend aus Ukulele, Tuba und Trommeln, Ziehharmonika und Keyboard. Oben auf dem immensen Elefantenkopf eine Figur mit weißem Gesicht und schwarzem Zylinder. Im Körper des Elefanten, an Metallstangen, die sein Skelett waren, hängend: Schauspieler, Requisiten und Kostüme. Behäbig wälzte sich das wunderbare Monstrum zur Bühnenmitte – und der Spaß begann.

In den kommenden 80 Minuten explodierte die Bühne dank der großartigen Musik der Tiger Lillies, einer Mischung aus „pre-war Berlin with the savage edge of punk“ wie ein Kritiker meint. Dazu ein Zeremonienmeister, der mit Ironie, Respektlosigkeit und perfektem Timing für Pointen durch die makabren Geschichten führte. Das Publikum stand fast auf den Sitzen vor Begeisterung. Die Bühne wurde in allen technischen Möglichkeiten genutzt: Schauspieler verschwanden durch Falltüren in die Unterbühne, schwangen am Flugseil meterhoch in der Luft, „explodierten“ in gewaltigen Rauchschwaden. Dario Fo traf auf Tim Burton. Es war eine reine Freude!

Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Zappelphilipp - Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Zappelphilipp – Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Der fliegende Robert - Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Der fliegende Robert – Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Foto: Fredrik Arff/Det Norske Teatret

Nach 80 Minuten waren alle Kinder tot, Gedärme und Blutfäden verstaut, der Elefant wieder zusammengebaut und mit den letzten Tönen der Musik schob sich die Gruppe von der Bühne. Noch bevor der letzte Schauspieler im Off war, brach ein Applaussturm los.

Doch zu früh gefreut.

Denn was muss ein Stück, das mit einem, wenn auch fürchterlichen, Rahmen angefangen hat? Es muss diesen Rahmen schließen, genau. Die Horrorkindergruppe kehrte zurück, daumenlutschend, pupsend und ein letztes Lied singend.

Ich wurde zu einer gefährlichen Waffe und wäre fast auf die Bühne gestürmt, um diesem Treiben ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Meine Begeisterung schlug in Ärger um, der nur für einen Augenblick verebbte, als die wunderbaren Musiker und der Joker-Dark-Knight-Zeremonienmeister zum Applaus kamen. Aber dann begann die Musik erneut und ich ergab mich: Ließ mich besänftigen und stimmte lauthals in den Jubel der anderen Zuschauer ein. – Sollte ich mir das Stück nochmal angucken, schließe ich in den ersten und letzten zwei Minuten einfach Augen und Ohren. Um sie dann, besonders für die Musik der Tiger Lillies, wieder weit zu öffnen.

Das war es für heute, meine lieben Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Theaterbesuch und vielleicht findet Ihr in den nächsten Wochen auch eine Aufführung, die Euch mitreißt. Lasst es mich wissen!

Theater ist etwas Besonderes und kann Erlebnisse vermitteln, die kein anderes Medium unserer Zeit schafft. Geht doch einfach mal wieder ins Theater und lasst Euch begeistern. Und guckt nicht immer den alten, bekannten Schmarrn, sondern lasst Euch auf Neues ein. Ich wünsche Euch jetzt schon viel Spaß und bin gespannt auf Eure Kommentare. Lasst es Euch in der kommenden Woche gut gehen, genießt den Schnee (falls Ihr welchen habt), behaltet Eure gute Laune und bleibt neugierig.

Ha det bra,

Still in the spirit....

Still in the spirit….

Ulrike

Ausstellung im Nobelpreiszentrum: Hva spiser verden? ODER Ej, wieso gibt es nur drei Sorten Joghurt im Supermarkt?

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Es gibt so Tage, da stehe ich im Supermarkt um die Ecke und denke: „Maaaaaaannn, warum gibt es denn IMMER dieselben Sorten Joghurt und Käse? – Wo ist denn hier die Abwechslung?“ oder ich klicke ungeduldig mit dem Kuli vor der Einkaufsliste, weil mir partout nicht einfallen will, was denn heute gekocht wird. Nervig finde ich diese Situationen, eingeschränkt die Auswahl an Lebensmitteln hier in Norwegen und überhaupt…dann gibt es heute eben Nudeln.

Ich bin so verwöhnt, dass die Frage gerechtfertigt ist: „Hast du sie noch alle?“

Hallo, meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Am letzten Donnerstag waren wonderful Ines und ich im Friedensnobelpreiszentrum (tolles Wort für Galgenraten), um die Ausstellung Hva spiser verden?/Was isst die Welt? zu besuchen. Ein Tipp an alle: Hingehen und zwar geschwind!!

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Seit dem Jahr 2000 reisten Fotograf Peter Menzel und Autorin Faith D’Aluisio durch die Welt mit nur einer Frage im Gepäck: Was habt Ihr in dieser Woche gegessen? Familien von Kalifornien bis Japan, von Grönland bis Mali öffneten ihre Küchen und präsentierten ihre Lebensmittel. Und eines kann ich Euch sagen: Da musste ich teilweise tief durchatmen. Wann habt Ihr das letzte Mal über Euer Essen nachgedacht? Was Ihr esst? Wo die Nahrung herkommt? Wie gesund das ist, was Ihr zu Euch nehmt? Was bedeutet es für die Umwelt, dass wir hier in Norwegen auch Mangos im tiefsten Dezember haben? Wie esse ich? Was esse ich? Und eine ganz spannende Frage: Wie sehr repräsentiert mein Essen mich, meine Herkunft, meine Weltanschauung und mein Verhältnis zu meinem Planeten?

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Schnell könnte man die Ausstellung  auf nur einen einzigen Aspekt schmälern: Manche haben zu viel und manche haben zu wenig. Leicht fällt das, betrachtet man eine US-Familie aus North Carolina, deren Küchenanrichte unter dem Gewicht von Chipstüten, Hamburgern, Milchflachen und Tiefkühlprodukten zusammenzubrechen droht und im Vergleich dazu eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie im Tschad, die vor drei Säcken Mehl und Körnern und einigen Schälchen mit Gemüse sitzt. Das wird einem flau im Magen, da will man helfen, da weiß man nicht wie. Aber die Ausstellung ist viel mehr: Sie zeigt ebenso viel über den Platz in dem wir leben, als auch davon, wie wir leben. Sie zeigt, welche Lebensmittel wo vorhanden sind und welche Essrituale in den einzelnen Ländern existieren. Wo wird viel Kaffee getrunken, wo mehr Tee? In welchem Land wird wie gefrühstückt? Welche Familien investieren Zeit und Liebe ins Essen, welche tauen nur Tiefkühlgerichte auf?

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Es ist eine Reise um die Welt, die Peter Menzel und Faith d’Aluisio uns erlauben und wir sind gerne mit ihnen unterwegs. Wir kriechen fast in die Bilder, um genauer zu erkennen, welche Lebensmittel konsumiert werden, oder um bestimmte Gemüsesorten zu bestimmen. Wir lachen über die schiere Lebensfreude einer 100jährigen Japanerin, die im Rollstuhl in der Küche ihrer Tochter neben einem Haufen Essen sitzt. Ich bekomme es bei einer australischen Familie mit der Angst zu tun: Nach der Masse von Fleisch auf ihrem Tisch zu urteilen, scheinen sie allein verantwortlich zu sein für das Aussterben bestimmter Tierarten. Und die Frage, die wir uns immer wieder stellen, ist: Essen WIR auch so viel? Wie viel essen wir eigentlich in einer Woche? Denn das war die Vorgabe: Jede Familie präsentiert die Nahrung einer Woche. Ist es möglich, dass eine norwegische Familie mit fünf Personen 21 Liter Milch pro Woche verbraucht? Eine deutsche Familie 18 Liter Saft? Und die Masse an fester Nahrung – essen wir etwa auch so viel?

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Wisst Ihr, welche Mengen Ihr pro Woche esst? Und was Ihr so esst? Ich glaube, ich esse zu ungesund. Zucker, Kohlenhydrate und unzählige Zusatzstoffe vergiften meinen Speiseplan. In der ersten Januarwoche werde ich also jeden Einkaufszettel sammeln, um Euch am Ende meine Nahrungswoche zeigen zu können. Nicht nur Euch – vor allem mir! (Die Weihnachtszeit eignet sich wirklich nicht dafür, finde ich. Gibt ja ein vöööööllig falsches Bild! Stimmt’s?) Und dann werde ich mir ein Kochbuch aus Guatemala kaufen, denn dort saß meine Lieblingsfamilie der Ausstellung. Bei Familie Mendoza wäre ich gern mal zum Essen eingeladen!

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Nach dem vielen Herumlaufen mussten wir uns mal setzen. Wie nett, dass das Nobelzentrum eine Unterhaltungsecke geplant hatte. Die fanden wir nicht nur zum Sitzen hervorragend! Holzwürfel mit Tastfächern ließen uns verschiedene Gemüse- und Obstsorten raten – unsere Favoriten waren aber die Geruchswürfel, in denen man – Nase voraus – Gewürze erkennen sollte. Ein großer Spaß! Abschließend erfuhren wir die Lieblingsgerichte verschiedener Nobelpreisträger und ich bin nun im Besitz der Rezepte von Jimmy und Rosalynn Carters Auberginenkasserollen, Shirin Ebadis Bohneneintopf und Barack Obamas Familienchili.

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„Hva spiser verden? Was isst die Welt?“ macht nachdenklich. Viele Herausforderungen, die unsere Erde heute zu stemmen hat, resultieren aus unserem Bedürfnis nach Nahrung. Nach zuviel Nahrung. Nach Nahrung, die Weltreisen unternehmen muss, um mir und meinem Körper etwas Energie zu geben. Wahnwitzige Energie wird verbraucht, um meinen 60-Kilo-Motor anzutreiben. Da sollten wir alle wirklich mal genauer drüber nachdenken.

Finde ich.

***

Das war es für heute, meine lieben Leser! Allen in Oslo und Umgebung lege ich die Ausstellung ans Herz – im Moment ist der Eintritt sogar kostenlos. Am 10.12. wird der Friedensnobelpreis an die OPCW verliehen, gefolgt von einem abendlichen Fackelzug von Oslo S zum Grand Hotel an der Karl-Johans-Gate und einem Konzert am 11.12., dieses Jahr moderiert von Claire Danes. Teilnehmende Musiker sind unter anderem Mary J. Blige, James Blunt, Morrissey und der syrische Sänger Omar Souleyman. Eine ganz besondere Woche wird das hier in Oslo.

Ich werde auch eine ganz besonders schöne Woche haben –  in Hildesheim 🙂 Von Mittwoch zu Mittwoch fliege ich in die Heimat. Nächste Woche wird es also keinen Blog geben und wir lesen uns wieder am 13.12. Irgendwer hier abergläubisch?? 🙂 Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an Euch alle meine lieben Leser, danke, dass Ihr da seid. Ich wünsche Euch einen wunderschönen ersten Advent, genießt die Zeit, vergesst den Stress und guckt häufiger mal auf Euren Teller oder in Euren Kühlschrank und realisiert, wie gut es uns allen geht.Und dann teilt mit denen, die nichts haben.

Und wenn Ihr jetzt denkt: „Ich hab nichts.“ – dann denkt nochmal.

Ha det bra,

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Ulrike

Fotosafari Oslo Teil 4: Vålerenga ODER Fußball, Dialekt und Anti-Frogner-Zone

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Irgendwie bin ich fast nie im Osten der Stadt. Das hat gar keinen besonderen Grund, das ergibt sich einfach nicht. Wir kaufen hier im Westteil der Stadt ein, die meisten unserer Freunde leben hier, die deutsche Gemeinde ist hier, und und und. Der Osten ließ mich bisher immer eher kalt. Bis heute! Für diesen Blog habe ich die unsichtbare Grenze der Stadt überschritten und bin nach Vålerenga, oder, wie die Kenner sagen,  Vål’enga,  gefahren. Und Auslöser dafür war ein Theaterbesuch….

Hallo, meine lieben Leser aus Ost und West, Norden und Süden, wie schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute nehme ich Euch mal wieder mit auf eine Reise durch Oslo – auch wenn das Wetter im Gegensatz zu den letzten Tagen novemberschmuddelig ist. Gut, dass der Stadtteil, den ich Euch vorstellen will, so viele bunte Häuser hat.

Alles begann Ende Oktober: Martin rief an und erklärte begeistert, er hätte über seine Firma Theaterkarten gewonnen. „Prima!“, rief ich. „Für welches Stück denn??“ Ja, und da lag der Hase im Pfeffer oder der Elch im Zimt. Die Karten waren für eine musikalische Revue mit dem rebellischen Titel „Neste Kamp“ (Nächster Kampf), produziert zum 100jährigen Jubiläum des Fußballclubs Vålerenga.

Oh.

Genau.

Aber wir sind ja neugierige Menschen und da wir weder das Oslo Nye Theater noch das Stück kannten oder besonders viel über den Fußballverein wussten, machten wir uns also auf den Weg – und erlebten einen Theaterabend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Zum näheren Verständnis einige Punkte vorweg:

  • Vålerenga ist nicht nur ein Fußballverein, sondern eben auch ein Stadtteil von Oslo. Früher selbständig, heute Teil von Gamle Oslo. Der Stadtteil gehörte früher zu den ärmsten der Stadt und vielleicht trug die geteilte Armut dazu bei, dass der Zusammenhalt zwischen Hedmarksgata und Enebakkveien schon immer besonders groß war.
  • Der 1913 gegründete Fußballverein des VIF (Vålerenga Idrettsforening) ist ein Heiligtum und auch wenn die Karriere des Vereins eine Berg- und Talbahn war (und ist), verbindet er die Herzen der Menschen. „Stell dir vor, du sitzt in einem Theaterstück über Schalke“, hatte Martin mir erklärt, bevor die Show begann. Ok. ??
  • Der Osten von Oslo war früher, und ist teilweise auch heute noch, das Arbeiterviertel. Der lokale Patriotismus ist hoch und man ist stolz auf seine Herkunft. Größte Abneigung: Fuzzies aus dem Westen der Stadt, speziell aus Frogner. Ups.
  • Der Dialekt in Vålerenga ist ganz und gar anders als im Westen und beide Stadtteile ziehen gern die Aussprache des jeweils anderen ins Lächerliche. „Vindretningen skapte språkskillene i byen“, heißt es: Die Windrichtung hätte den Sprachstil der Stadt geschaffen. Seit dem 19. Jahrhundert standen die qualmenden Fabriken im Osten, dort lebten die Arbeiter und ihre Familien. Die Wohlhabenden verzogen sich in den Westen der Stadt – weit weg vom stinkenden Wind und Qualm des Arbeitermilieus. Die Sprache ist Osten ist deftiger und führt im Westen angeblich zu gerümpften Nasen. Beispiel gefällig? Wie wäre es mit einem der Schlachtrufe von Vålerenga? „Enga er tilbake, jævla bondesvin.“ Grob übersetzt: Vålerenga ist zurück, du verdammter Schweinehalter!
  • Fußball und Dialekt sind die beiden verbindenden Elemente in Vålerenga.

Nun saßen also wir beiden zugezogenen West-Städter im Oslo Nye Theater und die Show begann. Der Plot ist einfach zu erzählen: Becky, eine Journalistin aus Bestum (West-Oslo) wird nach Vålerenga geschickt, um den 100jährigen Henry Abelsen (geboren am Gründungstag des Sportvereins) zu interviewen. Von Anfang an ist der Klassenkampf deutlich: Becky redet „falsch“, ist komisch angezogen, trinkt Mineralwasser aus der Flasche und hat, das wohl das allerschlimmste, keine Ahnung von Fußball. Nach jedem Klischeewitz dröhnt der Saal vor Lachen – ich hätte so gerne mitgelacht, aber vieles ging absolut an mir vorbei. Das Happy End bekam ich aber mit: Am Ende sind die beiden Stadtteile, aka Henry und Becky, Freunde und man feiert gemeinsam 100jährigen Geburtstag! Auch das Publikum ist in Feierlaune. Und was für ein Publikum das ist! Vergesst das Bildungsbürgerpublikum oder die Bohemiens mit zerrissenen Boss-Jeans – hier sitzen Vålerenga-Fans, hier sitzen die Klanen ! Vereinsfahnen in der Hand, Vereinsschals um den Hals, viele im Trikot ihrer Lieblingsspieler und alle stolz auf ihren Verein. Es wird laut gejubelt und noch lauter mitgesungen, als von der Bühne das Lied ihres Vereins ertönt.  Am Ende der Vorstellung stehen wir alle, schwenken mit den Armen (ich völlig ahnungslos, warum eigentlich) und jubeln im Chor. Zuschauer, Darsteller und Musiker sind voneinander begeistert. Nach knapp zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Im Hinausgehen erklärt Martin mir die Erfolge und Misserfolge des Vereins genauer, während hinter uns ein älterer Herr zu seiner Frau sagt: „Ja, das war das Vereinslied, das singen sie dann auch im Fußballstadion.“

Muss ich erwähnen, dass wir vier später gemeinsam in der U-Bahn Richtung Westen saßen?

Es war ein toller Abend und ich wollte nur noch eines: Ab in den Osten, ab nach Vålerenga.

Zwei Wochen später geht es endlich los: In der Stadtteilbibliothek Majorstuen versorge ich mich mit Lesematerial und finde ein hervorragendes Buch: Vålerenga – en bydel med sjel. In einen Stadtteil mit Seele fahre ich also. Hinein in die U-Bahn Richtung Mortensrud. Nur sechs Stationen trennen den Westen vom Osten, ich verlasse die U-Bahn in Ensjø und stehe kurz Zeit später an der Etterstadgata. Velkommen in Vålerenga, ruft mir niemand entgegen – wer denn auch? Die Straßen sind menschenleer. Nun würde ich das an einem Samstagnachmittag verstehen, wenn die gesamte Nachbarschaft im Ullevålstadion Schweinehalter verflucht, aber heute ist Donnerstag. Trotzdem keiner da. Vielleicht sitzen alle beim Mittagessen, es ist 11.30, da gibt es lunsj in Norwegen.

Egal, dann mache ich mich allein auf den Weg. Es ist schwer zu beschreiben, aber das Viertel strahlt ein Gefühl aus, das ich in anderen Teilen der Stadt vermisse. Vielleicht liegt es an den Geschichten, die ich bisher schon gehört und gelesen habe oder an den gemütlichen bunten Holzhäusern, die die Straßen säumen – irgendetwas ist hier anders. Ich wandere die Vålerengagata herunter, biege in die Ingeborgsgata ab und vor mir, erhöht auf einem Hügel, liegt die Kirche des Viertels. Es gibt kaum Geschäfte hier, und meine Suche nach einem Wayne’s Coffee gebe ich bald auf. Anscheinend bin ich schon völlig verwestlicht und erwarte Kaffeeläden an jeder Ecke. Bin ich etwa schon Becky aus Bestum? Ich laufe hier rum mit meiner Kamera und fotografiere Holzhäuser, während die Bewohner mich durch die kleinen Fensterscheiben beobachten und sich über mich lustig machen? Gerade als ich eine Runde verlegen sein will,  fällt mein Blick auf einen BMW, hinter dem ein Mercedes geparkt ist und bei genauerer Untersuchung finde ich weitere Premiumwagen in den Gassen. Aha! Der erste Waynes Coffee-Shop ist nicht mehr weit, ich ahne es! 😉

Die bunten Häuser heben meine Laune und ich mache mich auf die Suche nach Vålerenga-Fahnen. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir die ganze Nachbarschaft mit Fahnen dekoriert vorgestellt. Aber nichts. Das ist ja nun schade. Vorbei an der Kirche und einem einsamen Mann auf einer Bank wandere ich gen Opplandsgata, als mir plötzlich eine Frau in einem Vålerenga-Sweatshirt samt Hund entgegen kommt! Cool, das wird ein passendes Foto, denke ich und frage freundlich (und auf Norwegisch), ob ich ein Foto machen dürfte, ich würde einen Blog schreiben über Oslo und in dieser Woche über Vålerenga. – Nun weiß ich nicht, was sie mehr verwirrt hat: Mein Norwegisch, meine Frage, mein Plan über Vålerenga zu schreiben oder meine rote Kamera, die ich schussbereit hielt. Nach einem irritierten Blick ließ sie mich auf jeden Fall stehen. Na, dann eben nicht!

Weiter ging es durch die leeren Straßen, vorbei an geschlossenen Restaurants und geöffneten Kiwi-Supermärkten, an Kindergärten in kleinen, bunten Holzhäusern und weiter zur Hauptstraße. Man merkt sofort, wenn das Viertel vorbei ist. Die Straße wird breiter, die Aussicht offener und die Holzhäuser weichen hässlichen Betonklötzen. Ich wandere den Akebergveien hinauf, stelle fest, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin und kehre zurück nach Vålerenga und mache mich auf den Weg nach Hause.

Viel könnte ich bestimmt noch schreiben über diesen spannenden Stadtteil, der mich an meinen Moritzberg zuhause erinnert, auch voll von Geschichte, Geschichten und stolzen Bewohnern, die sich nur „aufm Berge“ wohl fühlen. Ich werde das Buch des Geschichtsvereins Vålerenga weiter lesen und bestimmt noch mehr als einmal in den Osten zurückkehren und Euch mehr berichten. Als nächstes steht ein Eishockeyspiel auf meinem Kalender, vielleicht Vålerenga gegen Stavanger Oilers…..Ihr lest dann davon!

Zum Abschluss ein Gedicht von Kyter’n alias Wilhelm Holteberg Hansen, dem Hausdichter von Vålerenga, der sein Leben lang in der Islandsgata lebte.

Islandsgata – av Kyter‘n

Den gata jeg bor i er stille og rolig

I hele mitt liv har jeg her hatt min bolig.

(Die Straße, in der ich lebe, ist still und ruhig

Mein ganzes Leben lang hatte ich hier mein Domizil.)

Her vokste jeg opp blant et mylder av unger

Og utslitte mødre med angrepne lunger.

(Hier wuchs ich auf unter vielen Kindern

Und erschöpften Müttern mit angegriffenen Lungen.)

Og fedrene drakk for å prøve å glemme

Den bunnløse armod som rådde i hjemmet.

(Und Vätern, die tranken, um zu vergessen

Die bodenlose Armut, die zuhause herrschte.)

Ja, tidlig jeg stiftet bekjentskap med nøden

Som hjerteløs dømte så mange til døden.

(Ja, früh schon machte ich Bekanntschaft mit der Not

Die herzlos so viele in den Tod trieb.)

For mange var de som i kampen gikk under

Heroiske sjeler som levde som hunder.

(Für viele waren die, die im Kampf untergingen,

heroische Seelen, die wie Hunde lebten.)

I tankene ser jeg dem slite og streve

De ofret seg selv for at vi skulle leve!

(In Gedanken sehe ich sie kämpfen und ackern,

sie opferten sich selbst, damit wir leben können.)

Og ungene fødes og oldinger dør.

Og gata? Den ligger der stille som før.

(Und Junge werden geboren und Alte sterben.

Und die Straße? Die liegt dort so still wie zuvor.)

Meine lieben Leser aus Ost und West, aus Norden und Süden, ich höre Euch mit den Füßen scharren und sehe fast die Frage, die über Eurem Kopf steht: Fotosafari?? WO SIND DIE FOTOS????

Hier!

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Sotahjörnet (rechts Emblem vom Sportverein)

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Endlich eine Fahne!!! Ganz am Schluss entdeckt!

So, das war meine erste Tour nach Vålerenga….

Gratulation, Ihr habt das Ende der Fotosafari erreicht! Ich hoffe, sie hat Euch Spaß gemacht und Ihr begleitet mich nächste Woche wieder. Meine wöchentlichen Grüße gehen diese Woche an alle Moritzberger in meiner Heimatstadt Hildesheim: In der Bergstraße und am Krehlaberg, der Zierenbergstraße und der Elzer Straße, an der Gelben Schule und dem Entenbrunnen, der Christuskirche und Räder Emmel und und und – man ist nie wirklich weg von Zuhause, richtig?

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, seid mal wieder patriotisch, viel Glück bei neuen Jobs und alltäglichen Aufgaben, vergesst nicht zu lachen und ta det med ro!

Ha det bra,

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Ulrike

Verrücktes aus der norwegischen Fernsehwelt ODER Was bitte ist Slow TV???

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Wehe, es meldet sich morgen jemand zwischen 10.15 und 15.00 bei mir. Da kann ich nicht, da gucke ich Fernsehen. Das Highlight des Jahres bei NRK 1: Die Schach-WM. Live.

Hallo, meine lieben verwirrten Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Heute geht es einmal mehr um mein Lieblingsmedium und dessen Auswüchse hier im Norden. Begleitet mich also auf eine kurzweilige Reise in die Höhen (oder Tiefen?) der norwegischen Alltagskultur.

Bergensbanen, Hurtigrute und Nationale Stricknacht – Das Slow TV begeistert Norwegen

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass der norwegische Sender NRK 1, vergleichbar mit ARD, beschlossen hat, die Schach-WM live zu übertragen. „Es ist vielleicht ein bisschen verrückt“, bewertete Programmchef Rune Haug die Idee. Ein BISSCHEN verrückt? Nein, Herr Haug, ein bisschen verrückt ist es, sich die Haare lila zu färben, Trolle zu jonglieren oder in der U-Bahn zu jodeln. Die Schach-WM zu übertragen ist VÖLLIG verrückt. – So verrückt, dass es schon fast wieder kultig ist. NRK hat Erfahrung mit ungewöhnlichen Sendeformaten: In 2009 lief auf NRK 2 die erste Folge der „minutt for minutt“ – Serie, bei der Zuschauer die populäre Bergensbanen auf ihrer Fahrt von Bergen nach Oslo begleiten konnten. Anlass für diese „verrückte Idee“ (NRK) war das 100jährige Jubiläum der beliebten Bahnstrecke. Das wirklich Verrückte war aber das Interesse der Zuschauer: Insgesamt 1,2 Millionen im In- und Ausland verfolgten die Übertragung, die von Samstag 19:55 bis Sonntag morgen 3:15 dauerte. Während dieser Zeit wurden Interviews mit dem Zugführer und mit Passagieren geführt, Bahnexperten kamen zu Wort und Zuschauer hingen fasziniert vor ihren Fernsehern, um ja keinen Moment der Reise zu verpassen.

(Erinnert Euch das an irgendwas? Genau, in Deutschland läuft so ein Programm nachts – es heißt „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ und wird als Füllmaterial genutzt. Ich stelle mir gerade vor, der NDR würde Samstagabends statt eines Krimis mit der Übertragung einer siebenstündigen Zugfahrt beginnen – was würde wohl passieren?)

Die Norweger liebten das Programm so sehr, dass im kommenden Jahr ein anderes Transportmittel verfolgt wurde: Die Hurtigrute. Diese traditionsreiche und bei Einheimischen wie Touristen beliebte Fährlinie wurde auf ihrer 134-stündigen Reise von Bergen nach Kirkenes LIVE begleitet. NRK 2 war erneut der ausführende Sender, und die Übertragung konnte am TV-Bildschirm oder per Livestream im Internet verfolgt werden – komplett mit englischen und norwegischen Kommentaren. Über 2,5 Millionen Zuschauer begaben sich per NRK mit auf die Reise und an den Häfen, entlang der Küste und auf Brücken sammelten sich Norweger und Urlauber mit Bannern und Blumen, Grüßen an die Familie und der Hoffnung, für einen kurzen Moment im Fernsehen zu erscheinen. Und selbst die königliche Familie konnte sich der Begeisterung nicht entziehen: Als die Nord-Norge nach 134 Stunden den Hafen von Kirkenes erreichte, winkte Königin Sonja zur Begrüßung von der königlichen Yacht.

Warum Slow TV?

Vielleicht gibt es in Deutschland ja ähnliche Sendungen, von denen ich einfach nichts weiß? Wie hier in Norwegen, wo ich vor einer Woche ein erneutes Highlight des sogenannten „Slow-TVs“ verpasst habe: Nasjonale Strikkenatt. Ja, Ihr übersetzt das schon richtig. Die Nationale Stricknacht. 10 Stunden lang konnten interessierte Wollfanatiker alles über Strickmuster, Schafscheren, Spinngeräte und die Geschichte des gestrickten Sockens im Allgemeinen erfahren. Ihr glaubt mir nicht? Hier ist der Beweis: Nasjonale Strikkenatt. (Internationale Leser haben wahrscheinlich keinen Zugang. Sorry. Nicht meine Schuld!) Ich danke an dieser Stelle Jeanette dafür, dass sie mich auf dieses Schmankerl hingewiesen hat. – Fernsehen der Langsamkeit ist also das Wort der Woche. Nach Slow Cinema, Slow Food und Slow Sex nun Slow TV. Die Idee ist nicht neu: Schon 1966 filmte Andy Warhol den Dichter John Giorno sieben Stunden lang beim Schlafen und in den 1980er Jahren startete im britischen Fernseher Video125, bei der Züge auf ihrer Fahrt durch England begleitet wurden (eine Idee, die dann von der Deutschen Bahn übernommen wurde). Das Konzept der Norweger ist aber so erfolgreich, dass es bereits in die USA verkauft wurde und da stellt sich doch die Frage: Warum?

Ich meine, mal ehrlich, wie spannend ist es, einen Zug oder ein Schiff zu beobachten?

Überhaupt nicht, und das scheint der Punkt zu sein. Keine Angst, ich verfalle nicht in abgenutztes Gejammer über unsere schnelllebige Zeit, blablabla. Denn würden wir nicht so schnell leben, wie groß wäre dann die Chance das Slow Food oder Slow TV Erfolg hätten? Na, eben. Auf die Kontraste kommt es an. Auf einmal hat unser Hirn nichts anderes zu tun, als aufs Wasser zu starren, oder auf die vorbeifahrende Natur. Eine Erholung! Und wir gucken sieben Stunden lang einem Zug zu, oder 134 Stunden einem Schiff und werden gaaaaanz ruhig. Ommmmmmmm. Oder beschäftigen uns 10 Stunden lang nur mit Stricken und Wolle. Oder 5 Stunden lang mit Schach.

Abschließende Gedanken zur Schach-WM und virtuelle Diskussion

Nun werden alle Schachfans wahrscheinlich seit Beginn dieses Textes ärgerlich mit den Füßen zucken, denn für sie ist Schach bestimmt eine unglaublich spannende Sportart, die ihren Platz im nationalen Fernsehen mehr als verdient hat. Mal ehrlich, schließlich wird ja auch Fußball übertragen oder…TENNIS!! Und das ist jawohl mindestens so langweilig wie….

Bitte?

…unglaublich öde und…

BITTE?

…pock pock….gäähn….

HALLO??? Das ist mein Blog und bisher habe ich hier keine fremden Stimmen erlaubt und wenn ich das eines Tages zulassen würde, wären es UNTER GARANTIE keine Anti-Tennis-Stimmen. IST DAS KLAR?

…pock…

RAAAAUS!!!!!

*schnauf*

Wo war ich? Nun also kommt die Schach-WM und ich bin gespannt. Der Grund, warum NRK sich zu dieser radikalen Programmgestaltung entschloss, hat den selben Grund, wie die plötzliche Übertragung der Frauen-Fußball-WM im französischen Fernsehen: Nationalstolz. So, wie die französischen Damen unerwartet erfolgreich am Ball waren, schiebt seit einiger Zeit Magnus Carlsen mit Geschick Figuren übers Brett. Der 22jährige Norweger ist die momentane Nr. 1 der Schachweltrangliste FIDE und seine Wertungszahl überstieg im Februar 2013 die von Schachlegende Garri Kasparow. Sein Jahreseinkommen liegt bei geschätzten 1,2 Millionen US-Dollar und dank ihm wächst das Interesse in Schach hier im Land. Mein Interesse an Schach ist gering, was auch daran liegen könnte, dass ich die Regeln nie vollständig begriffen habe. Um mal ehrlich zu sein: Ich spiele derartig schlecht Schach, dass es Partien gab, in denen sich mein König aus purer Verlegenheit ergeben hat.

Aber das wird sich ab morgen alles ändern: 10.15 NRK1. Was nehme ich denn am besten mit vor den Fernseher? Popcorn? Zu gewöhnlich. Chips? Irgendwie die falsche Uhrzeit für Junkfood. Vielleicht brunchen wir einfach gemütlich vorm Fernseher und nicken bedächtig, wenn Magnus eine Figur bewegt. Wie lange dauern denn eigentlich Schachspiele? Die Live-Übertragung endet nach 4 Stunden, was, wenn das Spiel dann gerade so spannend ist und einer kurz davor ist „Uno“ zu rufen?

Nee, Moment.

„Hochzeit“ zu rufen und die Füchse fängt!!

Nee, wartet mal, Schach, das ist das mit den Figuren und den unterdrückten Bauern und da sagt man….

„Remis!“

Jawoll.

Oder so.

Ich habe ja noch ein bisschen Zeit zum Lernen.

Die wöchentlichen Grüße an….

Das war es für heute, meine lieben Leser, für mich war dieser Ausflug ein großer Spaß und ich werde Euch auf dem Laufenden halten über die Ereignisse der Schach-WM, die Ihr in Deutschland ja leider nicht live verfolgen könnt. Tut mir leid! Ansonsten ist hier alles prima, wir erwarten gespannt den ersten Haushaltsplan der neuen norwegischen Regierung und noch gespannter die ersten Schneeflocken. Meine wöchentlichen Grüße gehen in dieser Woche an alle, die, wie ich, keine große Lust auf Schnee haben. Seid Ihr da irgendwo???

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, haltet die Augen offen für Neuigkeiten, wechselt immer mal wieder das Tempo und vergesst nicht zu lachen.

Ha det bra,

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Ulrike

London und Oslo – Ein (nicht ganz gerechter) Vergleich

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London ist eine der tollsten Städte, die ich kenne. Ich meine, Halloo?, London hat so viele Theater, dass ich mindestens vier Monate lang jeden Abend ein anderes besuchen könnte, ohne mich zu wiederholen. Naja, falls ich Tickets bekäme, denn DAS ist nicht immer leicht. Da ähneln sich London und Oslo – ausverkaufte Vorstellungen sind keine Seltenheit.

Hallo, meine lieben internationalen Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Vier Tage London – in Kurzfassung: Grandios! Aber es war auch schön, wieder zurück nach Oslo zu kommen. Die Unterschiede zwischen den beiden Städten könnten größer nicht sein, doch Obacht, es gibt auch Gemeinsamkeiten und wer glaubt, dass London im Vergleich immer die Nase vorn hat, der sollte sich an selbige fassen und erneut nachdenken. Es folgt also, ein (möglichst gerechter) Vergleich. In zehn Kategorien werde ich meine ganz persönlichen Erfahrungen gegenüberstellen, das kann totaler Nonsens sein, aber das ist ja nun mal mein Blog und ich darf das! Und natürlich ist es fast unmöglich, eine 600.000-Einwohner-Stadt mit einer 8-Millionen-Einwohner-Metropole zu vergleichen, aber ich mache es trotzdem. Jawoll! Für empörte Proteste oder begeisterten Zuspruch steht Euch das Kommentarfeld zur Verfügung! 🙂 Los geht’s also – Oslo vs. London!

1. Königshaus: Queen Elisabeth vs. König Harald

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Selbstverständlich ganz oben auf meiner Liste (Therapieerfolge im Kampf gegen ausgeprägte Klatsch- und Tratschsucht und Gefallen an Königshäusern sind bei mir bisher nicht zu vermelden). Beginnen wir beim Schloss: So hübsch das norwegische Schloss auch inmitten von Bäumen gelegen ist; auch wenn es gerade einen funkelnagelneuen Vorhof bekommen hat; auch wenn man als Besucher fast an die Tür klopfen kann, bevor ein freundlicher Soldat sich nähert – alles nichts gegen Buckingham Palace. Hier, wo die ganze Welt live dabei ist, wenn sich auf dem königlichen Balkon geküsst wird oder wenn Blumenmeere vor den Toren liegen – hier weht ein royaler Wind. Als ich mit vielen anderen Touristen vor dem haushohen schwarzen Metallzaun stehe, frage ich mich für einen Moment, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, aber der Moment geht so fix wie er gekommen ist.

So beeindruckend der Palast ist, so unnahbar wirken seine Bewohner. Die norwegische Königsfamilie hingegen gilt als volksnah, was allerdings auch daran liegen kann, dass sie vom Volk eingesetzt und daher auch vom selbigen abgesetzt werden könnte. Da stellt man sich besser gut…. Klatsch und Tratsch bieten beide Häuser, ich gehe jetzt nicht ins Detail, keine Sorge. Der Vergleich der beiden Regenten fällt leicht: Elisabeth ist eine toughe Lady, die sich seit 60 Jahren von nichts unterkriegen lässt und Corgies liebt. Harald fläzt sich schon mal auf dem Stuhl bei der Verleihung des Friedensnobelpreises und segelt gern. (Was heißt hier, das sind komische Kriterien??????)

Meine Stimme geht an Elisabeth und insgesamt die britische Monarchie und deren Zentralvertretung in London. Das war einfach.

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2. Transport: Tube vs. T-Bane

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Auch wenn in London vieles zu Fuß gemacht werden kann, kommt der Besucher doch nicht daran vorbei, die Tube (sprich: tjuub), die Londoner U-Bahn, zu benutzen. Und DAS ist ein Abenteuer. Das System an sich ist simpel genug und ähnelt dem in allen anderen Städten: Es gibt verschiedene Linien, hier in Oslo haben sie Nummern, in London heißen sie u.a. Central Line oder District Line, Hammersmith&City oder Piccadilly. Unser Hotel lag in der Nähe von gleich zwei Stationen: Bayswater und Queensway. Die letztere ist Teil der Central Line und brachte uns in nur wenigen Minuten in die Innenstadt. In London wie in Oslo gibt es aufladbare Plastikkarten, die das Papierticket ersetzen und sehr praktisch sind. Die Londoner Oyster-Card liegt nun also hier in Oslo und wartet auf ihren nächsten Einsatz. So weit, so gut und so ähnlich sind sich die beiden Städte. Aber dann kommt der riesige Unterschied: Die T-Bane ist eine angenehme, saubere Transportmöglichkeit mit Sitzplätzen. Die Londoner Tube ist ein Stresscontainer. Eine Sardinenbüchse auf Schienen. Eine Zumutung! Zu viele Passagiere wollen in zu wenig Waggons transportiert werden, es wird geschubst und gedrängelt und geschubst und gedrängelt. Und das bei den höflichen Briten! Der Punkt geht in diesem Fall ganz eindeutig nach Oslo!

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3. Vegetarisches Essen

Heaven is a place on earth, war unser erster Gedanke im Manna, einem wunderbaren Restaurant im Londoner Stadtteil Primrose Hill. Da gab es vegetarische Würstchen mit Fenchelkartoffelmus, Kroketten aus Peperoni-Cashew-Käse oder Artischockenherzen gefüllt mit Ricotta. Eine ganze Speisekarte voller vegetarischer Köstlichkeiten – und das war nur eines der zahlreichen rein vegetarischen Restaurants in der Stadt. Anstatt wie immer zum Inder zu gehen oder zu Khrishnas Cuisine hatten wir in London eine Auswahl von mindestens zehn Restaurants. Da fühlt man sich doch gleich als normaler Mensch und nicht als Aussatz der fleischessenden Gesellschaft. UND geschmeckt hat es auch noch im Manna! Empfehlung an alle, die in London abends nett essen gehen wollen: Fahrt in den Norden und genießt die nette Atmosphäre.

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4. Kultur: National Gallery vs. Nationalgaleriet

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Muss ich natürlich aufführen, obwohl der Vergleich hier schon fast ungerecht ist. Aber dann auch wieder nicht, schließlich brüstet sich Oslo an mehr als einer Gelegenheit damit, das neue New York oder London zu sein. Im Kulturbereich kann ich dem ein entschiedenes „Nein!“ entgegensetzen. Die Anzahl und Qualität der Theater allein reicht dafür schon aus. Die norwegische Nationalgaleriet würde auf eine Etage der National Gallery passen, von den architektonischen Highlights der britischen Hauptstadt ganz abgesehen. Wo in London die Luft kreativ vibriert, weht in Oslo ein kreativer, aber provinzieller Frühlingshauch.

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5. Preise

Ich habe Hunter Gummistiefel gekauft für 500 NOK!!!! In London! 500!!!! Das verstehen jetzt nur die Leser aus Oslo, wo diese beliebten Plastikschuhe für sagenhafte 1500 bis 1700 NOK über den Ladentisch gehen. Und das ist nur ein Beispiel für das Ungleichgewicht zwischen Preisen in Norwegen und …. naja, allen anderen Ländern eigentlich. Oslo wurde erneut zur teuersten Stadt der Welt gekürt. In London einkaufen zu gehen, das war schon ein Urlaub an sich. Auf einmal haben Dinge wieder angemessene Preise. Es geht gar nicht so sehr darum, dass wir in Norwegen sehr viel mehr verdienen als in anderen Ländern. Es geht darum, dass die Flasche Mineralwasser in Oslo 2,- Euro kostet und die Salatgurke auch. Mit einem norwegischen Gehalt im Ausland zu leben, das wäre klasse!

London – Oslo 4:1

6. Bevölkerung

Zurück in Oslo hatte ich nach vier Tagen zum ersten Mal wieder das Gefühl durchatmen zu können. Platz um mich herum zu haben. In London ist immer irgendwo irgendwer. Ich finde das am ersten Tag absolut wunderbar, lasse mich gern mitreißen im Menschenstrom und habe das Gefühl, meinen Energiespeicher aufzutanken in dieser sich bewegenden Menschenmasse. Danach beginnt es mich zu stören. Am liebsten hätte ich immer, ganz in Dirty Dancing-Manier, gerufen: „Das hier ist mein Tanzbereich und das ist deiner, du kommst nicht in meinen und ich nicht in deinen.“ Oxford Street in London war eines unserer ersten Ziele – ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele Menschen auf einem Haufen gesehen hatte. Und alle sind in Bewegung und alle haben es eilig. Hier in Oslo „ta vi det med ro“, wir lassen es ruhig angehen. (Obwohl viele Norweger nichts von ihrer hektischen Großstadt halten, es kommt eben immer auf die Perspektive an.) Hier bleibt man mal auf der Straße stehen, um sich zu unterhalten, hier kann man über die Karl Johan bummeln, ohne dauernd angerempelt zu werden und selbst in der täglichen Rush Hour sind die T-Bane-Eingänge passierbar. Allerdings ist die Bevölkerung in London auch unterschiedlicher als in Oslo. Gerade hier im Westen der Stadt herrscht Konformität, aber auch beim Besuch der Innenstadt ähneln sich die Menschen. In London ist alles durcheinander: Punker, Rentnerin mit rosa Haaren, Geschäftsmann im teuren Anzug, ein Priester und eine junge Mutter sitzen mir gegenüber in der U-Bahn und diese Vielfältigkeit macht die Stadt spannend. Aber sie ist einfach zu voll. Deswegen ein klarer Punkt für Oslo!

London – Oslo 4:2

7. Umgangsformen

In der vollen Londoner U-Bahn tritt mir ein Mann auf den Fuß, dreht sich sofort um und entschuldigt sich. Ich gucke ihn mit großen Augen an. Im Hotel öffnet man mir die Tür ins Restaurant und im Britischen Museum kommt ein junger Mann zurück, der mir die Tür vor der Nase hat zufallen lassen, öffnet sie und lächelt entschuldigend. Ich bekomme es bei so viel gutem Benehmen fast mit der Angst zu tun. Hier in Oslo ist das anders. Immer noch habe ich nicht genau verstanden, warum, Janteloven hin oder her. Für mich ist und bleibt es unhöflich, eine Tür zufallen zu lassen oder seinen Sitzplatz nicht anzubieten, obwohl eine ältere Dame neben mir steht. Vielen Norwegern fällt das gar nicht auf, oder sie empfinden höfliche Gesten als aufdringlich. In London hatte ich endlich wieder das Gefühl, in der, für mich, normalen Welt zu sein.

London – Oslo 5:2

8. Lebensgefühl

Der elektrische Schock in London hat zwei Tage angehalten, danach habe ich die Stadt als anstrengend empfunden. Klar, wir waren auch fast 14 Stunden täglich unterwegs sind von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gewandert und von Café zu Café. Im Hyde Park konnten wir Luft schnappen und den Trubel vergessen und vor Picassos Sonnenblumen zu stehen war genauso ein wunderbarer Moment, wie den Gottesdienst in der St. Paul’s Cathedrale mitzuerleben. Aber hier in Oslo fühle ich mich besser, gesünder irgendwie, auch wenn das eine komische Beschreibung ist – vielleicht versteht es ja irgendwer? Es ist immer ein Unterschied, Tourist oder Einwohner zu sein, klar, aber ich denke, ich würde in London länger brauchen, um mich einzugewöhnen als hier in der gemütlichen Stadt am Fjord.

London – Oslo 5:3

9. Sport

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Ich sage nur: Wimbledon. WIMBLEDON! W I M B L E D O N !!!!!!! Würden wir in London wohnen, könnte ich mein alljährliches Sport-Highlight live sehen! In Oslo finden die norwegischen Tennismeisterschaften jährlich auf einer Anlage am Frognerpark statt. London bietet außerdem Premier League Football mit Chelsea und Arsenal UND, für Martin besonders wichtig, die NFL (National Football League, USA), veranstaltet immer mal wieder Spiele in der britischen Hauptstadt. Ob die Londoner selber viel Sport machen, weiß ich nicht, ich habe kaum wen gesehen. Ganz im Gegensatz zu Oslo, wo man geradezu überrannt wird von Joggern, Skiläufern oder Radfahrern. In Oslo wird sich gerne und viel bewegt und bald überträgt sich der Sportwahn auch auf die unsportlichsten Kreaturen wie mich zum Beispiel. In dieser Kategorie bin ich unentschieden und gebe beiden Städten einen Punkt. Tollen Sport zu gucken oder selber machen – da fällt die Wahl schwer.

London – Oslo 6:4

10. Natur

Der Hyde Park als Londons grüne Lunge ist eine schöne Abwechslung im Betongrau der Stadt. Kew Gardens und Hampstead Heath sind schöne Ausflugsziele und die englische countryside ist eine Reise wert. Es gibt viele Möglichkeiten, sich in der Natur zu erholen…aber…es kommt nicht an Oslo ran. Gelegen zwischen Fjord und schier unendlichen Waldgebieten, mit klaren Seen und kilometerlangen Wanderwegen ist Oslo einfach unschlagbar. Da gibt es nichts zu wollen, da gewinnt Oslo kilometerweit und wenn ich könnte, würde ich Oslo dafür glatt zwei Punkte geben.

Moment, ist doch mein Blog hier, oder?

Da kann ich machen, was ich will!!!

FREIHEIT!!!

2 Punkte für Oslos Natur. Oslo: Deux points!

Damit sieht das Endergebnis nach diesem mehr als subjektiven Vergleich wie folgt aus:

London – Oslo 6:6

Na toll, wie soll ich mich denn da entscheiden?

Muss ich ja gar nicht im Moment.

Aber vielleicht bald, denn London steht weiterhin auf der Liste unserer Wunschwohnziele. Warten wir ab, was passiert.

Das war es für heute, meine lieben internationalen Leser. Heute Abend ist Teestube und morgen Theatertag. Unser Theater-Projekt wächst und gedeiht und wird bestimmt fantastisch und deswegen schicke ich heute mal meine wöchentlichen Grüßen an eine super Gruppe, die sich voller Ideen und Spaß auf Shakespeare gestürzt hat: Astrid, Lina, Friedbert, Mandy, Erik, Christine, Christina, Isa, Birgit und Claudia. Mitte November starten wir außerdem ein Theaterprojekt an der deutschen Schule und werden mit hoffentlich lauter begeisterten Drittklässlern das diesjährige Krippenspiel einstudieren. Ich bin also mittendrin in der Kulturpädagogik – schön ist es.

Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, fahrt oder geht mal wieder an einen neuen Ort, begegnet Euren Ängsten (wie ich auf dem Dach von St. Paul’s) und begrüßt den tristen NOvember mit einem strahlenden Lachen: „YESvember!“

Ha det bra

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Ulrike

Besuch im Ekebergpark ODER Ist das da auch Kunst?

ekebergparken-share„Zieh dich warm an, Frognerpark – du hast echte Konkurrenz bekommen“, war mein erster Gedanke auf dem Nachhauseweg. Seit Ende September hat Oslo eine neue Attraktion – den Ekebergpark. Da mussten wir hin, ist doch klar!

Hallo meine lieben Leser, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Zuerst einmal bedanke ich mich für Eure positiven Reaktionen auf den Deutschland-Artikel zum 3. Oktober – das hat mich super gefreut und mir Hoffnung gemacht. Und es hat mich darin bestärkt, häufiger mal über den norwegischen Tellerrand zu blicken. Heute aber, an diesem strahlenden 11. Oktober, stürzen wir uns wieder in die norwegische Hauptstadt, die um eine Attraktion reicher ist: Den wunderbaren Ekebergpark im Osten der Stadt, in einem hügeligen Waldgebiet in der Nähe von Nordstrand.

Am Sonntag machten wir uns frohgelaunt auf den Weg. Normalerweise passiert ja meistens etwas, wenn ich für einen Blog-Artikel unterwegs bin. Mal sperren sie den Zugang zur Akerselva, dann hat das Elektroauto, das wir mieten wollten, einen Platten – aber diesmal…diesmal lief alles glatt. Die Straßenbahnlinie 19 brachte uns zur Haltestellte Sjømannskolen und damit direkt zum Haupteingang des Parks. Und nicht nur uns: Halb Oslo schien Lust auf Kunst und Natur zu haben – der Park war gerammelt voll. Das allein ist schon ein Sieg für Christian Ringnes, Immobilienmagnat, Kunstmäzen und Geldgeber des Parks. Fast 300 Millionen norwegische Kronen investierte der gebürtige Osloaner und wurde dafür scharf kritisiert. In einer Gesellschaft wie Norwegen, wo Gleichstellung eines der höchsten Ideale sein soll, werden große Finanzspenden einer einzelnen Person misstrauisch beäugt. Was wohl sein eigentliches Motiv wäre, einen derartigen Park zu ermöglichen, wurde er gefragt. – Er wolle seiner Heimatstadt ein Geschenk machen, lautete die Antwort.

Ist doch eine gute Antwort, reicht mir.

Wäre mir auch schniepsschnurzegal, was er für ein Motiv hätte – der Park ist nämlich grandios. Bergauf und bergab geht es in dem Waldgebiet, das zwischendurch immer wieder fantastische Blicke auf die Stadt und den Oslofjord bietet. Auf der Mappe des Parks sind die 31 Skulpturen verzeichnet, die es zu finden gibt. Gleich am Eingang begrüßt uns Dalis Venus de Milo aux Tiroirs und kurz danach erblicken wir die Venus Victrix von Auguste Renoir, der über Kunst sagte: „Warum sollte Kunst nicht schön sein? Es gibt genug Hässliches in der Welt.“ An einem Sandkasten entdecken wir eine kleine Statue, die ganz verloren inmitten der Menschenmassen wirkt. Reflections heißt die hübsche Statuette von Guy Buseyne und am liebsten nähme ich sie sofort mit.

Weiter geht der Weg den Berg hinauf, wir drehen uns um und werfen einen Blick über Oslo und den Fjord, weichen anderen Besuchern aus und sind, wie immer, geteilter Meinung über die Kunst, die sich uns in den Weg wirft. Ein bisschen erinnert mich der Park an den Laves-Kulturpfad in Holle, eben nur 10x so groß. Die Kombination von Natur und Kunst ist natürlich nicht neu, aber immer wieder schön. Im Gegensatz zum Frognerpark dominieren die Kunstwerke hier nicht, sie fügen sich ein in die Landschaft und überraschen. Angenehm, irgendwie.

Auf einer großen Lichtung angekommen, wundern wir uns über die Menschenmasse, die um eine Gruppe von Kiefern steht. Neugierig wandern wir näher und entdecken eine Skulptur. The couple schwingt dort oben in den Ästen. Noch scheint der Park nicht zum Programm der Touristenbusse zu gehören, denn um uns herum spricht alles Norwegisch. Weiter geht der Weg. Bergab passieren wir eine Laterne und Martin witzelt: „Ist das auch Kunst??“ – als wir plötzlich angesprochen werden. Von der Laterne. Wir bleiben irritiert stehen. Sie spricht weiter. Lachend hocken wir uns hin und lauschen am Laternenpfahl, an dem sich tatsächlich ein Lautsprecher befindet. Wir müssen ein interessantes Bild abgeben, andere Besucher beäugen uns verwirrt und ich winke fröhlich. Selber schuld, wenn sie nicht richtig hinhören. Was genau uns die Laterne erzählt, das haben wir nicht verstanden – das verschieben wir aufs nächste Mal.

Um 14h beobachten wir die Color Line, wie sie sich auf den Weg nach Kiel macht und beenden unsere erste Runde im Ekebergpark. Aber wir kommen wieder!

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Venus de Milo aux Tiroirs

Venus de Milo aux Tiroirs

Sarah Sze: Still life with Landscape

Sarah Sze: Still life with Landscape

Lichtung mit The Couple

Lichtung mit The Couple

Louise Bourgeois: The Couple

Louise Bourgeois: The Couple

George Cutts: The dance

George Cutts: The dance

Richard Hudson: Marilyn

Richard Hudson: Marilyn

Abfahrt Color Line

Blick vom Park auf Oslofjord und die Abfahrt der Color Line

Eingangsbereich mit La Grande Laveuse

Eingangsbereich mit La Grande Laveuse

Klang

Klang

Das war es schon für heute, meine lieben kunstbegeisterten Leser. Ich hoffe, Ihr hattet Spaß an unserem Spaziergang und besucht den Park auch – das hat er nämlich verdient. Meine wöchentlichen Grüße gehen diese Woche an meine Eltern mit einem Hipphipphurrah zum heutigen Rosenhochzeitstag!!!! Außerdem Gratulation an die OPCW, die den Friedensnobelpreis 2013 erhält, wie das Nobelkomitee hier in Oslo heute erklärte. Was für eine Gratulationsmischung 🙂 Euch allen wünsche ich eine tolle Woche, sucht mal nach Neuheiten in Eurer Stadt oder besucht einen Ort, an dem Ihr noch nie gewesen seid, habt Spaß und genießt den Herbst.

Ha det bra,

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Ulrike

Abenteuer im norwegischen Wortdschungel ODER Ich kam, ich las, ich siegte

@thepartyworks

@thepartyworks

Seite 599, Seite 600 und…fertig. Geschafft! Toll! Applaus!!!! Nein, ich habe kein Buch geschrieben. Ich habe mein erstes Buch auf Norwegisch gelesen. Von vorne bis hinten. – Das wurde ja auch mal Zeit.

Hallo, meine lieben Leser, wie schön, dass wir uns hier heute treffen. Das erste norwegische Buch ist also geschafft – ein  Meilenstein. Nach nur 18 Monaten….hüstel.

Ich habe sogar fast alles verstanden. Nun ja, zugegeben, ich dachte eigentlich bis Seite 400, es handle sich um eine Komödie, bis man dann plötzlich den einen der sechs Hauptfiguren mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne fand. Da war mir irgendwas entgangen. Hätte ich das Buch in Deutsch oder Englisch gelesen, wären mir früh genug bestimmte Nuancen aufgefallen, eine Art dunkler Schatten, der sich über Matt, den Selbstmörder, legt und ich hätte geahnt: Oh, oh, da kommt noch was.

In der norwegischen Ausgabe: Nö, alles fein, bisschen Ärger mit dem Job hatte er und plötzlich – zack, Badewanne.

Er hat überlebt, nur zu Eurer Beruhigung.

Für mich ist es immer spannend, ein Buch zu lesen, dessen Sprache ich nicht perfekt kann. Zum einen ist es erstaunlich, wie viel man von einer Geschichte erfährt, auch wenn nicht alle Wörter klar sind. Das Hirn bastelt sich die richtigen Zusammenhänge zusammen. Ich schränke ein: Es kommt auf das Buch an. James Joyce oder Marcel Proust fallen unter Garantie aus meinem Schema. Aber für meine heißgeliebten Chick-Lits passt es.

Chick-Lits, für alle, die sich eher mit anspruchsvoller Literatur beschäftigen, steht für Chick Literature, Küken-Literatur, eine bestimmte Art von Büchern von, für und über Frauen. (Obwohl Männer sie auch mal lesen sollten. Als Bildungsroman.) Bridget Jones gehört dazu, Der Teufel trägt Prada, Sex in the City. Meine Chick-Lit-Göttin ist Sophie Kinsella, die mit den Romanen über die Shopaholic Becky Bloomwood bekannt wurde. Die Bücher sind allerdings nicht so mein Ding – Frauen, die sinnlos Geld ausgeben treiben mich auf die Palme. Aber ihre anderen Bücher sind der Hit! The Undomestic goddess zum Beispiel.  Zum Schreien. Eine Anwältin verliert ihren Job, flüchtet aus dem Büro und wird in einem Vorort-Haus, an dem sie klingelt um ein Glas Wasser zu haben, für eine Bewerberin gehalten auf die Stelle als Hausmädchen. Aus schierem Wahn nimmt sie die Stelle an. Das Problem: Sie hat keine Ahnung von Hausarbeit. Das Buch ist mein Allheilmittel gegen schlechte Laune. Sophie Kinsella ist einfach die Beste. Das muss mal gesagt werden.

*Werbung Ende*

Um zurück auf das eigentliche Thema zu kommen: Diese leichte Literatur macht es einfach, eine neue Sprache zu verstehen. Man ist gut unterhalten und bildet sich auch noch sprachlich weiter, ist doch toll! Ich schlage nichts nach im Wörterbuch, meistens kommen die Wörter, die ich nicht sofort verstehe, in einem anderen Zusammenhang wieder auf und dann werden sie plötzlich klar. Mit dem Wörterbuch auf dem Schoß zu lesen, würde mir keinen Spaß machen. Ich will mich durch den dichten Wald von Worten kämpfen und plötzlich einen Weg finden. Das macht einfach mehr Spaß.

Im Norwegischen ist dieser Kampf für Deutsche einfacher als beispielsweise im Französischen, finde ich. Habt Ihr Lust auf einen Vergleich? Ich ja. Also. Durch schieren Zufall stehen in meinem Bücherregal die französische und norwegische Version von Katharina Hagenas‘ Buch Der Geschmack von Apfelkernen. Die französische Version bekam ich geschenkt, das norwegische Buch habe ich beim Goethe-Institut gewonnen. Irgendwer scheint zu wollen, dass ich das Buch aber auch wirklich lese.

Hier nun also der erste Satz der französischen Ausgabe: «Tante Anna est morte à seize ans d`une pneumonie qui n’a pas guéri parce que la malade avait le cœur brisé et qu’on ne connaissait pas encore la pénicilline. »

Im Norwegischen heißt es : «Tante Anna døde seksten år gammel av lungebetennelse, som på grunn av et knust hjerte og det ennå uoppdagede penicillinet ikke kunne helbredes. ».

Entscheidet Ihr. – So oder so starb Tante Anna im Alter von 16 Jahren an Lungenentzündung, die nicht geheilt werden konnte, weil sie auch an einem gebrochenen Herzen litt und es noch kein Penicillin gab. (Wie Ihr merkt, steht die deutsche Originalausgabe NICHT in meinem Regal. Wer sie hat, kann den Satz gerne im Original als Kommentar hinterlassen.)

Manchmal komme ich mir auch wie ein Detektiv bei der Spurensicherung vor. Da liest man ein Wort und das Hirn sagt: „Kennen wir nicht,“ und will weiterlesen. Aber irgendetwas an dem Wort sieht bekannt aus, also nochmal genau hingucken. Beispielsweise: Syklubbvenninnene. Sieht lustig aus, ich habe drüber gelesen, aber mich stoppte der Gedanke: „Klubb? Was für ein Klubb?“ Also wieder zurück. Sy (å sy) heißt Nähen…also ein Nähklub? Und Venninnene erinnerte mich an venn, das norwegische Wort für Freund, nur eben in der weiblichen Mehrzahlform. Und schwupps entstand: Nähklubfreundinnen. Seht Ihr? Echte Detektivarbeit 🙂

Irgendwann höre ich aber im Laufe der Geschichte damit auf und lasse mich vom Fluss der Wörter mittreiben. Und der ist in jeder Sprache anders. Norwegisch, besser gesagt Bokmål, kommt mir noch sehr sperrig vor.  In Nynorsk soll das anders sein, hat man mir gesagt und das nächste Buch auf meiner Liste wird in dieser zweiten norwegischen Sprachform sein. Und auch mal von einem norwegischen Autor. Ich bin gespannt.  Drei Buchläden plus die Stadtteilbücherei sind in meiner Nähe, da findet sich immer ein gutes Buch!

Das war es schon für heute meine lieben Leser, ich hoffe, Ihr hattet Spaß an dieser eher trockenen Exkursion in mein Buchregal. Es regnet wie in Strömen und das Wetter lädt zum Schmökern auf dem Sofa ein. Leider muss ich noch ein bisschen arbeiten, aber danach mache ich mir einen Tee und lese. Und lasse langsam das Wochenende einläuten.

Hier in Oslo geht der Alltag wieder los, die Straßen sind wieder voller Menschen:  Job, Uni und Schule starten.  Am Donnerstag landet hoher Besuch am Flughafen Gardermoen und ich schicke meine wöchentlichen Grüße an meine Mutter mit ganz viel Vorfreude. Bring‘ Sonne mit!!!

Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche, probiert das Fremdlesen einfach mal aus, bleibt neugierig und genießt die letzten Sommertage. Falls Ihr noch mehr Lesestoff braucht, kommt hier mein neuer Artikel fürs Goethe-Institut Oslo: http://www.goethe.de/ins/no/osl/kul/bib/de11456361.htm

Ha det bra,

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(Geschafft!!!)

Ulrike